Mareyja und Sethin

GeschichteRomanze, Fantasy / P12
29.08.2019
04.11.2019
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Das schwarze Brett hängt gut sichtbar in etwa sechs Metern Höhe an einem Kirchturm, der direkt an den Marktplatz grenzt. Wahrscheinlich wurde es so hoch angebracht, damit keiner auf die Idee kommt, die daran gezimmerten Plakate und Tafeln abzureißen oder zu besudeln. Allerdings frage ich mich, wie die Wachen es dann schaffen, sie anzubringen... Kommen sie mit Leitern oder lassen sie sich an Seilen aus den Fenstern des Kirchturmes herab?
  Während hinter mir langsam Leben in die Stadt kommt und die ersten Händler anfangen, schreiend ihre Waren anzupreisen, blicke ich bloß auf das schwarze Brett. Niemand sonst beachtet es. Es ist ein riesiges Durcheinander aus Zeit, - und Preislisten für Schiffe, die heute aus dem Hafen auslaufen, Angebote für freie Stellen als Dienstmädchen oder Schreiner und Werbeplakaten für das frischeste Obst oder das beste Bier in der Stadt. Obwohl ich im Hinterkopf genau weiß, dass ich noch heute ein Schiff brauche, dass mich so weit weg wie möglich bringt, sind es nicht die Abfahrtszeiten, die mich interessieren.
  Meine Augen huschen hastig hin und her, bis ich endlich finde, wonach ich gesucht habe. Die Fahnungsplakate. Bilder von gesuchten Verbrechern, Beschreibungen von Taschendieben oder Steckbriefe von geflohenen Gefangenen. Immer mit einer Goldsumme, die Belohnung für Hinweise oder die Überlieferung.
  Mein Blick fällt auf das größte der Plakate. Ein junges Mädchen ist darauf abgebildet. Sie hat große, grüne Augen und rote Locken, die irgendwo hinter ihren Schultern gen Boden fallen, außerdem eine Stupsnase, Sommersprossen und volle Lippen.

Gesucht,

prangt in fetten, handgeschriebenen Buchstaben über ihrem Kopf.

Lebendig und unversehrt. Belohnung: 30 Goldmünzen.

Ich zucke zusammen. Verdammt, davon könnte eine ärmliche Großfamilie ein ganzes Jahr lang über die Runden kommen, ohne sparen zu müssen. Jedenfalls glaube ich das. Ich bin ja noch nie arm gewesen. Es ist mit Abstand die höchste Belohnung auf dem schwarzen Brett und so wird garantiert jedes Augenpaar im Königreich nach ihr  suchen. Erneut starre ich in ihr Gesicht. Diese Mal überflutet mich eine Welle der Angst und mit einem plötzlich Anfall an Paranoia sehe ich mich unauffällig um. Niemand sieht mich an, niemand beachtet mich, anscheinend habe ich mit dem Umhang meines Bruders und der großen Kapuze, die beinahe mein ganzes Gesicht in Schatten taucht, eine gute Wahl getroffen.
  Denn sehe ich wieder das Mädchen auf dem Plakat an, und es ist, als würde ich in einen Spiegel sehen.
  Ich hätte niemals gedacht, dass Mutter ein so präzises Bild von mir machen lassen kann. Denn wann hat sie mir das letzte Mal länger als ein paar Sekunden ins Gesicht gesehen? Als ich noch eine kurze Weile auf das Plakat starre und mich einfach nicht dazu aufraffen kann, weg zu sehen, fällt mir doch noch ein kleiner Fehler auf. Mutter hat die kleine Narbe an meinem Hals nicht zeichnen lassen, diejenige, die mir ein spitzer Stein nach einem Sturz von einem Schlitten verpasst hat. Sie kannte sie gar nicht, denn ich war so klug, sie jedes Mal über zu schminken, wenn sie mich zu sich gerufen hat. Ein bitterer Geschmack macht sie auf meiner Zunge breit. Dann drängt sich mir eine weitere Frage auf. Warum hat sie nicht meine Herkunft auf dem Plakat genannt?  
  Ruckartig wende ich mich von meinem Fahndungsplakat ab. Da ich nun wegen der hohen Belohnung anscheinend die meistgesuchte Verbrecherin des ganzen Landes bin, wäre es nicht klug, hier allzu lange zu verweilen.
  Kurz gebe ich mir Zeit, mich zu orientieren. Vor mir breitet sich der Marktplatz aus. Die meisten Stände bestehen bloß aus alten Holzplanken, die auf leere Fässer gelegt worden sind und als Tresen dienen. Die Händler, die ein wenig mehr Gold besitzen, haben bunte Planen über ihre Ware gespannt, um sie vor der Sonne oder dem Regen zu schützen. Das Wetter schwingt hier sehr schnell um. Unter das Gebrüll der Händler mischen sich die Schreie der Kinder, die zwischen den Ständen hin und her flitzen. Die meisten sind dreckig und tragen lumpige Klamotten, aus dem Augenwinkel sehe ich, wie ein kleines, mageres Mädchen von vielleicht sieben Jahren blitzschnell einen Apfel ergreift und sich aus dem Staub macht, bevor irgendjemand etwas mitbekommt. Es ist so laut und voller Leben hier. Viel anders als ich es gewohnt bin. Noch niemals war ich unter so vielen Menschen, nicht einmal während der Feierlichkeiten zu meinem fünfzehnten Geburtstag.
  Plötzlich merke ich, wie eines der Kinder mich anstarrt.
  Mit heftig schlagendem Herzen ziehe ich mir die Kapuze des Umhangs tiefer ins Gesicht und drehe mich ruckartig um. Dann mache ich, dass ich weg komme.
  Der Marktplatz ist der größte seine Art und gleichzeitig das Zentrum der Stadt. Die Gassen, die von ihm weg führen, sind sauber und die Häuser groß und in gutem Zustand. Aber je weiter ich laufe, desto schneller ändert sich das. Die Straßen werden baufälliger, Schlaglöcher häufiger und immer öfter sehe ich dunkle Schatten zwischen den Häusern hin und her huschen. Es mag lächerlich klingen, aber ich habe erst ein einziges Mal in meinem Leben eine Ratte gesehen und auf einmal verspüre ich heftige Abscheu gegenüber diesen Tieren. Sie tuen schließlich nichts anderes, als Abfall zu fressen und mit ihren Zähnen Krankheiten zu verbreiten; das haben mir jedenfalls meine Lehrer erzählt.
  Von den Haupthandelstraßen halte ich mich absichtlich fern. Dort werden die Kutschen fahren und auch die meisten Menschen sein, hier, in den dunklen Schatten der Häuser werde ich unsichtbar sein. Zu meinem Glück ist es noch ziemlich früh am Tag und die meisten Menschen sind noch nicht aufgewacht. Trotzdem kann ich das mulmige Gefühl in meiner Brust nicht ganz abschütteln und je länger ich gehe, je weiter ich mich von dem Marktplatz entferne und je herunterbekommender die Gegend wird, desto ängstlicher werde ich. Was habe ich mir nur dabei gedacht?
  Ich höre Schritte aus der Gasse rechts neben mir und bleibe erschrocken stehen. Ein Herzschlag später ertönt lautes Geschrei und eine Horde Kinder stürmt lachend vorbei, ein verzottelter Hund trabt ihn bellend hinterher. Als sie hinter der nächsten Straßenecke verschwunden sind, gehe ich weiter, kopfschüttelnd.
  Was würde Josh jetzt tuen?
  Der Gedanke an meinen Bruder tut weh. Ein wenig verloren hebe ich meinen Arm und sauge mit einem tiefen Atemzug den Geruch ein, der immer noch an dem Mantel hängt. Es riecht nach Wald. Sein Lieblingsort, ist er schon immer gewesen. Was wird er tun, wenn er dessen Verschwinden bemerkt? Wird er sofort wissen, dass ich es war, der ihn genommen hat? Wahrscheinlich. Dann wird es auch nicht mehr lange dauern, bis er versteht, dass ich weggelaufen bin, vielleicht weiß er es ja auch schon längst. Immerhin hängen schon über all in der Stadt Plakate mit meinem Gesicht drauf. Mutter wird bestimmt wieder Lügengeschichten erfinden und behaupten, ich sei entführt worden oder ohne Grund davongelaufen, aber ich weiß, dass Josh zu klug sein wird, um es zu glauben.
  Ein Geräusch reißt mich unsanft zurück in die Wirklichkeit. Ich erkenne es sofort. Kampfstiefel mit metallischen Absätzen, die im Gleichschritt auf den Boden krachen. Panisch sehe ich mich um und während ich noch darüber nachdenke, in welche Richtung ich am besten fliehen kann, kommen die Wachen immer näher. Schließlich stoße ich einen ängstlichen Schrei aus und springe hinter ein paar überquellen Mülltonnen, die im Schatten eines heruntergekommenen Hauses mit bröckeligem Steindach stehen.
  Während die Schritte drohend immer näher kommen, versuche ich meinen Herzschlag zu beruhigen. Was passiert, wenn die Wachen mich in die Finger bekommen, will ich mir gar nicht ausmalen. Sie würden mich ohne zu zögern wieder bei meiner Mutter absetzen und damit hätte ich die einzige Chance auf Freiheit, die ich je hatte, verspielt. Ruhig bleiben. Ruhig bleiben. Ruhig…
  Während ich zwischen einem abgebrochenen Besenstiel und einem halb abgenagten Knochen hindurchsehe, schiebt sich der erste Kampfstiefel in die Gasse. Gefolgt von einer braunen Stoffhose mit einem Waffenrock aus Leder, einem Gürtel mit einem Schwert daran und dem Brustpanzer, ebenfalls aus Leder. Es sind eins, zwei, vier, sechs, sieben Männer. Unwillkürlich halte ich die Luft an. Sie sehen ziemlich grimmig aus, doch sie marschieren an meinem Versteck vorbei, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.
  Erst, als das Geräusch der kleckernden Stiefel ganz und gar verstummt ist, wage ich es, aufzuatmen.
  Was machen so viel Wachen in diesem Teil der Stadt? Die Antwort ist einfach. Sie suchen nach mir. Mutter hat viel schneller reagiert, als ich ihr zugetraut hätte, wahrscheinlich werden im Moment überall in der Stadt Menschen zusammengetrieben und befragt.
  Vorsichtig spähe ich um die Mülltonne herum, doch die Luft scheint rein. Erst jetzt bemerke ich, wo ich mich hingequetscht habe. Es stinkt grauenvoll und mit angewidertem Gesichtsausdruck halte ich mir die Nase zu und schiebe den angenagten Knochen von mir weg.
  Eine laute Glocke irgendwo in der Stadt kündigt den neuen Tag an. Ich rappele mich auf. Was würde Josh tun? Mein brillanter Plan ging bis jetzt nur so weit, irgendwie auf ein Schiff zu kommen, dass nach Emandor fährt um dort nach meiner Schwester zu suchen. Jetzt, wo ich übel gelaunt auf einen Berg Müll starre, fallen mir gewisse Schwachstellen an ihm auf.
  „Scheiße.“, flüstere ich. Dann muss ich grinsen. Wenn Mutter das gehört hätte, würde ich jetzt eingesperrt in meinem Turm hocken. „Scheiße.“, sage ich erneut und weil es sich so gut anfühlt, wiederhole ich gleich ein drittes Mal. „Scheiße!“
  „Das darf man nicht sagen.“, piepst eine helle Stimme neben mir.
  Erschrocken wirbele ich herum und scheuche dabei eine Ratte auf, die die ganze Zeit unbemerkt unter einem verkohlten Stück Brot gehockt hatte. Ich versuche zwanghaft, sie nicht zu beachten. „Wer bist du denn?“, frage ich, bevor ich mich bremsen kann. Ein paar Schritte links von mir lugt ein kleines Mädchen mit verfilztem Haar um eine Hausecke und kaut auf ihrer Unterlippe herum, als entscheide sie, ob ich eine Gefahr darstelle oder nicht.
  „Lucy.“, sagt sie dann schüchtern und eine schmale Zahnlücke blitzt auf.
  Ich muss unwillkürlich lächeln. „Was machst du denn hier ganz alleine, Lucy? Wo sind deine Eltern?“
  Sie zuckt die Schultern um kommt langsam um die Hausecke geschlichen. Mir fällt auf, wie dünn sie ist. Lange Lumpen schlackern bei jedem Schritt um ihre Beine. Während sie näher kommt, behält sie mich ganz genau im Auge, nicht so, als hätte sie Angst vor mir, aber als würde sie sich vor mir in Acht nehmen. Als ich keine Anstalten mache, mich zu bewegen, richtet sie ihren Blick schließlich auf die Abfälle vor meinen Füßen und beginnt, darin herumzuwühlen.
  „Was… was machst du denn da?“
  Sie beachtet mich nicht, sondern greift entzückt nach dem verkohlten Brotrest, unter dem die Ratte gerade eben hervorgekommen ist. Da wird mir klar, was mit ihr ist.
  „Du hast Hunger, nicht wahr?“, murmele ich bekümmert.
  Sie hebt ihren Blick und sieht mich aus großen, braunen Augen an. Ihre Finger, die angefangen haben, das Schwarze von dem Brot zu kratzen, halten inne. „Ja.“, sagt sie dann mit ihrer kindlichen Stimme.
  „Haben deine Eltern denn kein Essen für dich?“
  „Nur manchmal.“ Sie macht sich wieder daran, an der Rinde zu kratzen. Ich spüre, wie Mitleid in mir aufsteigt und nehme ihr das Brot sanft aus den Händen. Erschrocken will sie es sich zurückholen.
  „Hey!“, ruft sie.
  Ich lächele sie beruhigend an, dann krame ich eine Silbermünze aus dem Geldbeutel, der unter dem Umhang versteckt an meine Hüfte gebunden ist. Als ich ihn ihr in die Hand drücke, hält sie inne. Voller Erstaunen hebt sie die Münze in den Himmel und dreht sie hin und her, als hätte sie noch niemals zuvor eine berührt. Was sogar sehr gut sein kann.
  Das Mädchen schlingt blitzschnell ihre dürren Arme um meinen Hals und ich muss lachen. Als sie mich loslässt, erstarrt sie auf einmal. „Bist du eine Hexe?“, fragt sie dann ehrfürchtig und eine kleine Hand schießt vor und umfasst eine meiner Haarsträhnen. „Dein Haar ist so rot!“
  Erschrocken packe ich ihr Handgelenk und entziehe ihr meine Haarsträhne. Verdammt. Wird sie mich wieder erkennen, wenn sie mein Gesicht auf einem der Fahnungsplakate sieht? Ich kann es ihr nicht verübeln und ich wette, dass sie so klug ist, um zu wissen, dass es viel Gold gibt, wenn sie den Stadtwachen etwas von mir erzählt oder ihnen sogar sagen kann, wo ich mich aufhalten.
  Niemanden vertrauen. Das ist es, was Josh tun würde.
   Ich drehe mich um und stürze davon, weg von dem kleinen, mageren Mädchen.


Es zieht ein Sturm auf. Sethin muss nicht in den Nachthimmel sehen und die drohenden Gewitterwolken anstarren, um es zu wissen, er spürt es an der schwülen Luft, merkt es daran, dass kein einziger Vogel mehr über den Himmel fliegt. Tiere sind klüger, als so manche Menschen. Viele von ihnen scheinen einen sechsten Sinn für Gefahr zu haben, deshalb ist es normalerweise schlau, sich auf ihr Urteil zu verlassen. Die Menschen hingegen werden hin und her laufen wie Insekten, die in ihrem Bau aufgescheucht worden sind.
  Was soll er jetzt tun? Soll er den beschissenen Sturm ignorieren und weiter Jemens Befehle befolgen oder lieber in eine der Kneipen mit drei oder vier Bechern Bier darauf warten, dass das Gewitter zu Ende ist und die Nacht vorüber geht?
  Sethin ringt gerade heftig mit der Entscheidung (das Bier der Hexen ist bekanntlich das Beste der Welt), als sein Blick plötzlich auf ein weißes Stück Papier fällt.
  Mit gerunzelter Stirn tritt er näher heran. Es hängt an der Hauswand einer heruntergekommenen Schmiede, direkt neben einem angenagelten Symbol eines Hammers.
  Belohnung: 30 Goldmünzen, ließt er. Seine Stirn bekommt sofort noch ein paar Runzeln mehr. Wer um alle sieben Höllen willen ist so viel Gold wert? Finster zuckt sein Blick zu dem Gesicht, dass über der Schrift  auf das Plakat gemalt worden ist. Die Farben sind noch nicht ausgeblichen, also kann es noch nicht länger als ein oder zwei Tage hier hängen.
  Die Zeichnung eines jungen Mädchens sieht auf ihn an. Ihre Konturen sind zögerlich gemalt worden, als könne sich der Zeichner nicht so richtig an ihr Gesicht erinnern oder die Erinnerungen seien lückenhaft. Sie hat eine kleine Stupsnase und Sommersprossen auf ihren Wangen, volle, tiefrote Lippen und Augen in einem klaren smaragdgrün. Aber das könnte auch nur daran liegen, dass der Maler keine anderen Farben mehr übrig gehabt hatte, oftmals sind solche Fahndungsbilder nicht sehr genau. Seltsam. Sethin kann sich nicht vorstellen, was sie für ein schreckliches Verbrechen begangen haben muss, dass sie so wertvoll macht. Ihr Blick wirkt eher sanft und unschuldig.
  Sein Bauch verzieht sich und ein merkwürdiges Gefühl durchzuckt ihn, fast wie eine dunkle Vorahnung. Im Laufe seines Lebens hat er gelernt, auf diese Zeichen seines Körpers zu hören, deshalb prägt er sich ihr Gesicht ganz genau ein. Irgendwie scheint sie wichtig zu sein. Und sei es nur, damit er sie fassen kann und die Belohnung abstaubt; sein Gold wird langsam sowieso knapp und wenn es ihm ausgeht, muss er einen der reicheren Menschen in der Stadt ausrauben, einen von denen, die den Verlust wahrscheinlich gar nicht merken. Da Jemen sowieso von ihm verlangt, in den Palast einzubrechen - immer noch wütend verzieht er das Gesicht - kann er auch eigentlich direkt das Gold aus dem Gemach der Königin stehlen. Was würde das für einen Unterschied machen? Wenn er tut, was Jemen verlangt, ist er sowieso schon der meist gejagte Männer der Welt. Die mächtigsten Hexen der Welt werden versuchen, ihn zu töten.
  Oben am Himmel ertönt der erste Donner. Er muss den Blitz übersehen haben, also passt er dieses Mal besonders aufmerksam auf. Als das nächste Mal einer über den Himmel zuckt, zählt er mit bis zum nächsten Grummeln. Eine Sekunde, zwei, fünf, zehn, zwölf. Es ist noch sehr weit weg, höchstwahrscheinlich wird es erst regnen, wenn die Sonne schon hoch am Himmel steht.
  Sethin setzt sich wieder in Bewegung.
  Er hört die Patrouille sehr spät, wahrscheinlich hat der Donner ihre Schritte zunächst übertönt. Aber als er mitbekommt, wie ihre Absätze über den unebenen Boden in seine Richtung stampfen, zuckt seine rechte Hand zu dem Griff seiner  Faustklingen auf seinem Rücken und er wirbelt herum. Das kann nicht sein, er ist eben erst einem Trupp Stadtwachen begegnet. Über seine Lippen kommt ein Fluch, dann ein Zweiter. Das Geräusch kommt aus einer der dunklen Gassen und Sethin schätzt die Stärke auf etwa neun oder acht Mann, eher neun, denn wenn eine Patrouille so gut bestückt ist, führt sie meistens noch ein Hauptmann an. Während seine Finger über den Griff seiner Waffe gleiten, lauscht er aufmerksam. Sie sind noch etwa zwei Seitenstraßen entfernt.
  Wieder muss er entscheiden. Soll er bleiben und sich voll und ganz auf die Aufgabe konzentrieren, die Jemen ihm aufgetragen hat oder kann er es sich leisten, damit bis morgen zu warten? Alles in ihm verlangt nach einem Bierkrug und einem warmen Haufen Stroh, auf dem er schlafen kann, aber sein Gewissen plagt ihn und verzweifelt schüttelt Sethin den Kopf. Er könnte niemals seine Pflichten vernachlässigen, nicht, wenn er sein Ehrgefühl behalten will. Befehl ist Befehl.
  Also stößt er noch einen weiteren, derben Fluch aus und zieht sich in den Schatten der Schmiede zurück, um auf die Wachen zu warten. Er muss wissen, warum plötzlich so viele Patrouillen in der Stadt unterwegs sind, ehe er sich auf den Weg zum Palast macht. Rasch verschwimmt er mit dem Schatten, bis er für menschliche Augen unsichtbar ist.
  Mittlerweile ist ein starker Wind aufgekommen. Das Fahndungsplakat des Mädchen wird hin und her gerissen, löst sich schließlich von dem Nagel und wird von eine Luftbö über das Dach hinfortgerissen. Sethin hätte es einstecken sollen, und ärgert sich, dass er es nicht getan hat.
  Die Wachen kommen in Sicht. Erst hält er sie für einfache Stadtwachen, angeheuert vom Bürgermeister und bezahlt von den Steuergeldern der Bevölkerung, aber dann sehen seine scharfen Augen in der Dunkelheit ein kleines Detail, dass sofort alles ändert. Auf dem Lederbrustpanzer des vorausgehenden Mannes - Sethin lag richtig, es sind neun Mann und er ist der Hauptmann - ist das königliche Wappen auf der von ihm aus gesehenen rechten Seite der Brust eingebrannt. Über dem Herzen, im Herzen, lautet das Motto des Wappens.
  Königliche Wachen auf den Straßen der Hauptstadt.
  Was hat das zu bedeuten? Mitglied in der königlichen Wache zu sein ist zwar eine große Ehre, bedeutet aber eigentlich, auch im Palast zu bleiben. Unterstützen sie etwa die einfachen Stadtwachen? Nur warum?
  Sethin kneift die Augen zusammen und bemerkt, dass der Hauptmann die Hand gehoben hat, stehen geblieben ist und jetzt etwas sagt. Jedenfalls bewegen sich seine Lippen, doch wegen des Windes kann selbst er nichts mehr verstehen. Seine linke Hand streift über seinen rechten, oberen Unterarm und er spürt die Rune, eingeritzt in seine Haut. Doch er aktiviert sie nicht, denn in diesem Moment setzt sich der ganze Trupp wieder in Bewegung und geht genau an ihm vorbei.
   „Sie muss noch in der Stadt sein.“, sagt der Hauptmann, als er genau auf Sethins Höhe ist. „Auf ihren hübschen Kopf sind verdammte 30 Goldmünzen ausgesetzt. Also seid die ganze Zeit über wachsam.“
  Amüsant, dass aus dem Munde eines Mannes zu hören, der kaum drei Schritte von ihm entfernt entlang geht und ihn nicht mal aus dem Augenwinkel bemerkt. Sethin wartet ruhig, bis der Trupp an ihm vorbeigegangen ist, dann löst er sich aus dem Schatten.
  Er hat seine Antwort, sie ist ihm schlagartig eingefallen und so einfach, dass er sich darüber ärgert, es erst jetzt begriffen zu haben. Das Mädchen auf dem Fahndungsplakat, die heftig umstrittene Schwerverbrecherin, wird von königlichen Wachen gesucht. Dafür kann es nur eine Erklärung geben und die gefällt ihm sehr.
  Sie bedeutet nämlich, dass ihm kein Einbruch mehr in den Palast der Königin bevorsteht.