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Mad World

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
Bryce Walker Clay Jensen Justin Foley Montgomery de la Cruz OC (Own Character) Tony Padilla
29.08.2019
21.05.2020
3
7.793
2
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
29.08.2019 3.326
 
Hey!
Ich habe gestern die dritte Staffel zu Ende geschaut und irgendwie.. hat sie mich nicht zufriedengestellt. Sie war nicht schlecht, aber ich hätte mir einiges anders vorgestellt oder gewünscht. Wenn ihr meine Geschichte lest, könnt ihr mir ja gerne schreiben, wie ihr die dritte Staffel fandet, ich habe sonst niemanden, mit dem ich mich darüber austauschen könnte (x  
Jedenfalls hatte ich direkt nach dem Schauen ein paar Ideen im Kopf und es ließ mir keine Ruhe, sodass ich nun ein Kapitel verfasst habe. Ich lehne mich nicht an die dritte Staffel der Serie, vielleicht gibt es nur ganz kleine Gemeinsamkeiten, aber da bin ich mir noch nicht so sicher.

Falls dir mein Kapitel gefällt, würde ich mich meeega über ein Review freuen, aber wer täte das nicht?

Jedenfalls wünsche ich viel Spaß beim Lesen.
Wellessandra :3

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Die Bolognese Leinwand


Die Highschool ist ein Ort vieler Emotionen.
Jeder empfindet die Zeit als anders. Für einige ist es die schönste Zeit in ihrem Leben, für andere wiederum ist es eine Qual.
Ich kann mich noch nicht entscheiden, was es für mich ist. Freunde besitze ich nicht, gemocht werde ich ebenfalls nicht, zumindest fühlt es sich so an. Ich bekomme von manchen Schülern förmlich Hass entgegen gesprüht, wobei ich nicht einmal weiß weshalb.

Unsichtbar. Mit diesem Wort würde ich mich beschreiben. Ich hasse Aufmerksamkeit, denn desto mehr ich ins Scheinwerferlicht trete, desto mehr würde man über mein Leben ausgraben wollen. Und das will ich nicht. Ich schäme mich für meine Vergangenheit, niemand muss etwas darüber wissen, jedoch kommt alles irgendwann ans Licht.
Dennoch versuche ich, dass Beste aus meinem Leben herauszuholen. Ich hatte schon mehrere Zusammenbrüche, besuchte dann eine Therapeutin und inzwischen geht es mir recht gut. Es gibt nur noch selten diese Dunkelheit in meinem Kopf, welche versucht mich hinunterzuziehen und mich ihr hinzugeben. Die Narben dieser Momente werden immer auf meiner Haut sichtbar sein. Ein Moment der Schwäche, für welchen ich mich immer schämen werde.

Beobachterin, das ist ein weiteres Wort, welches mich beschreibt. Ich beobachte alles und jeden um mich herum. Bekomme die verschiedensten Gefühle der anderen zu sehen, ohne das diese es bemerken. Kein guter Charakterzug von mir: ich versetze mich öfter mal in die Haut einer anderen Person und bekomme die Emotionen dann selber zu spüren. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, was mir echt nicht gut tut. Und dann gibt es manche Situationen, in welchen ich so großen Hass, so viel Wut verspüre, dass ich in ein tiefes schwarzes Loch falle und alles in mir zu zerbersten droht.

Aber ich sollte nicht sofort alles über mich verraten.
Ich werde nun meine Geschichte erzählen, diese kann brutal werden. Sie kann einen das verschiedenste empfinden lassen. Aber ich bin nicht so egoistisch, es wird nicht nur um mich gehen, es wird um viele meiner Mitschüler gehen, um verschiedene Personen, jung und alt.
Wenn du also empfindlich auf Mobbing, Selbstmord, Vergewaltigung, häuslicher Gewalt und alles Rund um diese Themen reagierst, dann solltest du meine Worte nicht lesen. Bevor ich also richtig beginne, gebe ich dir eine Chance, nun mit dem Lesen aufzuhören.


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Mein Name ist Roxanne Hawthorne und alle nennen mich Roxy. Wobei mit „alle“ meine ich hauptsächlich meine Adoptiveltern. Sie gaben mir auch den Namen Roxanne und irgendwie mag ich den Namen. Ich könnte mir auch keinen anderen für mich vorstellen. Da ich adoptiert bin, reagiere ich noch etwas allergisch auf meinen Nachnamen. Er fühlt sich für mich nicht richtig an und ich weiß, dass ich mich in dieser Hinsicht kindisch benehme und meine Adoptiveltern damit verletze, was mir wiederum mega leid tut, denn ich liebe die beiden. Eric und Sarah Hawthorne waren immer so gut zu mir, haben mich wie ihr eigenes, leibliches Kind aufgezogen. Und dabei habe ich es den beiden nicht immer leicht gemacht.
Sie nahmen mich in ihre Familie auf, als ich vier Jahre jung war. Vorher lebte ich nur in Heimen, niemand wollte mich.
Aber die beiden haben sich sofort für mich entschieden und ich wüsste nicht, was aus mir geworden wäre, hätten sie mich nicht zu sich geholt.

Okay, weiter im Text.
Ich gehe auf die Liberty High School und die letzten Monate waren eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Für alle. Ich bekam alles nur im Hintergrund mit, aber es war alles so heftig, dass ich wieder zeitweise meine Therapeutin besuchen musste. Ich fühlte besonders mit der verstorbenen Hannah Baker mit, welche so verzweifelt und gebrochen war, dass sie sich schließlich selbst umbrachte. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie das alles für sie gewesen sein musste. Wir kannten uns auch nicht besonders gut, aber sie war eine der wenigen Personen, welche immer nett zu mir waren, sogar einige Worte mit mir wechselten. Und ich vermisste ihr Lachen, sie war wie ein Sonnenschein und erhellte jeden Raum nur mit ihrer puren Anwesenheit.

„Hawthorne!“, eine weibliche Stimme hinter mir erklingt und als ich mich zu eben dieser umdrehe, entdecke ich Thalia Fielding, die neue Anführerin der Cheerleader seit Chloe Rice die Schule gewechselt hatte. Zudem war Thalia ein Biest und macht mir schon seit Wochen das Leben zur Hölle. Leider habe ich keine Ahnung, was ihr Problem mit mir ist, aber manche brauchen keine Gründe, um jemanden zu hassen. Das habe ich alles schon mal erleben müssen.
„Was gibt`s?“, höflich wie ich bin, wende ich mich ihr zu.
Sie betrachtet meine Erscheinung spöttisch. „Gib mir mal fix deine Hausaufgaben für Geschichte. Hatte gestern keine Lust mehr die zu machen.“
Ich ziehe eine Augenbraue in die Höhe. „Ähm, wir hatten dafür zwei Wochen Zeit.“
Sie verschränkt angriffslustig ihre Arme vor der Brust. „Na und?“
Ein müder Seufzer entweicht mir. „Nichts und. Ich werde dir aber meine Unterlagen nicht geben. Immerhin sollen die eingesammelt werden und wenn wir dasselbe haben, weißt du sicher, wie es ausgeht.“
In ihren Augen tritt ein wütendes Funkeln. Wahrscheinlich ist es neu für sie, dass man nicht nach ihrer Nase springt. Das ist doch das richtige Sprichwort dazu, oder? Irgendwie bin ich ein Fail in Sprichwörtern.
„Du verarscht mich, richtig? Als ob du Nullnummer mir etwas nicht geben würdest. Ich bekomme immer, was ich will!“, ihre Stimme wird mit jedem Wort lauter, sodass bereits vereinzelt einige Schüler zu uns schauen. Ich kann die verschiedensten Augenpaare auf mir spüren und schrumpfe innerlich immer mehr zusammen. Äußerlich versuche ich mir jedoch nichts anmerken zu lassen. Was allerdings mehr schlecht als recht gelingt.
„Nun ja, diese Nullnummer hier“, ich deute auf mich selber „gibt dir ihre Unterlagen dennoch nicht.“ Und mit diesen Worten drehe ich mich um und gehe zum Unterricht. Thalias Blick voller Hass bohrt sich jedoch in meinen Rücken und ich bin mir sicher, dass mir das Schlimmste erst bevorsteht.



In der Mittagspause sitze ich alleine an einem der entferntesten Tische im Raum. Ich weiß, voll das Klischee und so. Aber ich brauche einfach meine Ruhe. Zudem zeichnet es sich besser, wenn man allein ist. Man wird nicht abgelenkt und niemand kann am Tisch ruckeln.
Mein derzeitiges Projekt ist ein Bild aus dem Alltag, welches wir heute im Kunstkurs abgeben müssen. Und ich entschied mich für die alltägliche Mittagspause. Bereits in meiner Skizze versuchte ich die verschiedensten Gruppen einzufangen. Jetzt müssen nur noch ein paar Details mehr in Szene gesetzt werden und mein Bild ist fertig. Bisher bin ich auch mega zufrieden damit.
Zeichnen ist eines der Dinge, das mich alles um mich herum vergessen lässt. Ich schalte einfach ab und lebe nur noch für die Farben auf meinem Bild.

Daher bemerke ich auch nicht, wie Thalia und Montgomery de la Cruz an meinen Tisch treten. Erst als die Cheerleaderin einen verachtenden Ton von sich gibt, blicke ich auf. Beide schauen erst mein Bild und dann mich an. Bei Montgomery sieht es sogar kurz so aus, als wäre er erstaunt, doch dann ist seine Miene unergründlich und ich habe das Gefühl, mir diesen Blick nur eingebildet zu haben.
„Urgh, was ist das nur für ein schreckliches Bild?“ Ihre Stimme macht deutlich, dass sie darauf keine Antwort erwartet. „Nun gut, ich wollte dir nur mitteilen, dass ich wegen dir eine Woche nicht zum Cheerleading Training darf, da meine Noten in Geschichte mich hinuntergerissen haben. Hättest du mir deine Unterlagen gegeben, dann wäre das womöglich nicht passiert.“
Ihr Blick wird immer gemeiner und hasserfüllter. Ich weiß wirklich nicht, warum sie sich mich ausgesucht hat, um mich zu hassen.
„Bist du nicht selber Schuld? Mach halt deine Hausaufgaben und gut ist. Andere schaffen das ja auch.“ Ich versuche wirklich nicht klein beizugeben. Besonders weil sie nicht allein ist und ich nicht komplett als Schwächling angesehen werden will.
Mit fassungsloser Miene wendet sie sich an Montgomery, welcher just in dem Moment als sie ihn anblickt, sein Grinsen verschwinden lässt.
„Hast du gehört, wie sie mit mir spricht, Monty? Das Miststück hat keinerlei Respekt vor mir!“ Gelangweilt zuckt er nur mit den Schultern.
Ihr Blick wandert wieder zu mir und sie scheint über etwas nachzudenken. Als ihre Augen dann für längere Zeit auf meiner Zeichnung verweilen, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Auch Montgomery scheint es zu bemerken und sieht sie mit einem Ausdruck in den Augen an, welchen ich nicht deuten kann.
„Vielleicht solltest du nicht...“, doch weiter kommt er nicht, da sie ihn plötzlich so stark anstößt, dass sein Tablett, welches er in der Hand hält und auf welchem sich ein Teller mit Bolognese befindet, herabfällt. Direkt auf meinen Tisch. Spritzer landen auf meiner Kleidung und in meinem Gesicht. Mit vor Schock geweiteten Augen schaue ich herunter. Panik lässt meinen Atem unregelmäßiger werden. Und meine schlimmste Vermutung ist wahr. Die Bolognese ist komplett über meine Zeichnung verteilt.
Ich bin wie erstarrt, kann meinen Blick von dem ruinierten Bild nicht abwenden. Und dann verschwimmt meine Sicht, mein Herz wird schwer und eine Träne bannt sich ihren Weg an meiner Wange herunter. Tropft direkt auf das Blatt. Auf das Bolognese Blatt. Und wäre die Situation nicht zum heulen, würde ich fast schon lachen aufgrund von „Bolognese Blatt“. Aber mir ist alles andere als zum Lachen zumute.

Die Klingel ertönt und die Schüler stehen auf, bringen ihr Essen weg und verschwinden in ihren Unterricht. Noch immer kann ich nicht aufsehen.
„Tja, vielleicht ist dir das jetzt eine Warnung und wenn ich das nächste mal deine Hausaufgaben will, gibst du sie mir sofort, Heulsuse.“, ihre Stimme dringt nur leise zu mir durch.
„Lass uns gehen, Monty. Ich habe mich heute nun genug mit diesem Abschaum unterhalten.“, ich kann hören, wie ihre Schritte sich entfernen.
Langsam hebe ich meinen Blick, um den von Montgomery zu begegnen. Und vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich glaube sowas wie Mitleid darin zu erkennen. Ein Schluchzer entweicht mir und dann dreht auch er sich ohne ein Wort um und geht fort.


Allein. Ich bin schon wieder allein. Sitze noch immer in der Cafeteria und schwänze eins meiner Lieblingsfächer. Kunst. Meinen Kopf habe ich auf den Tisch gelegt, meine Arme schützend darüber und versuche nicht in die Dunkelheit abzurutschen.
Schon immer wurde ich gehänselt, bereits im Heim, obwohl die Kinder dort nicht so viel anders waren als ich. Sie wollten mir zeigen, dass ich nicht dazugehörte und so ist es noch immer. Ich bin ein Außenseiter, aber nicht einmal die Außenseiter wollen mich in ihre Mitte aufnehmen.
Allein. Ich werde immer alleine sein.
Kunst bedeutet mir so viel, ich lege immer besonders viel Wert in meine Werke. Sie müssen perfekt für mich sein. Sie müssen zudem immer etwas aussagen. Ich bin sehr streng mit mir und meinen Zeichnungen. So komisch es klingt, aber meine Bilder sind für mich wie meine Babys, sie bedeuten mir unendlich viel.

Die Gedanken an mein zerstörtes Bild lassen mich wieder Schluchzen und ich beginne zu fallen. Ich falle immer stärker in den Abgrund. So viel Schmerz durchströmt mich. So viel Trauer und Wut. So viel.. Hass.
Und plötzlich spüre ich nichts mehr. Ich habe nicht einmal mitbekommen, wie ich mich kerzengerade hinsetzte und meinen Blick auf die Wand mir gegenüber pinnte. Etwas feuchtes rinnt über meine Hand. Ich sehe zu dieser und erkenne Rot. Blut.
In meiner Verzweiflung muss ich mir das Messer geschnappt und in meine Handfläche gedrückt haben, bis ein tiefer Schnitt entstand und das Blut in Bächen herausströmt.

Fasziniert beobachte ich die roten Rinnsalen, die langsam auf den Tisch tropfen. Es brennt, doch der Schmerz befriedigt mich so sehr, dass ich mein Bild schon vergessen habe.
Wie kann das eigene Blut einen so sehr faszinieren? Wie kann es einen so sehr ablenken, wenn man sich selber verletzt? Irgendwas stimmt mit mir nicht. Hat sich Hannah Baker auch so gefühlt? War ihr Selbstmord vielleicht sogar eine Befreiung?

Und dann schnellt mein Ich wieder in die Gegenwart. Wie kann ich nur sowas denken? Wie kann ich mich nur mit Hannah vergleichen, wenn sie doch so viel Schlimmeres erlebt hatte und ich in Anführungszeichen nur gemobbt werde? Schlechter Mensch, ich bin sowas von ein schlechter Mensch. So viele erleben schlimmeres als ich und besitzen dennoch so viel Stärke und so viel Licht im Leben. An diesen sollte ich mir vielleicht mal ein Beispiel nehmen.

Ich nehme einen zittrigen Atemzug und versuche mich zu beruhigen.
„Roxy? Ist alles okay mit dir?“, eine mir relativ bekannte Stimme lässt mich zusammenzucken.
Clay Jensen steht neben mir und sieht mich mit seinen blauen Augen besorgt an.
„Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Aber da du nicht im Kunstkurs warst, wurde ich losgeschickt, um dich zu suchen.“, erklärt er und plötzlich fällt sein Blick auf meine Hand.
Sofort greift er nach ein paar sauberen Servietten, welche auf meinem unberührten Tablett liegen und umfasst meine Hand. Das mein Blut ihn nun befleckt, scheint ihn nicht zu stören. Konzentriert tupft er sanft das Blut weg, was leider nicht viel bringt, da meine Wunde so tief und groß ist, dass immer wieder neues heraus sickert.
„Oh fuck, was ist denn passiert?“, er fragt mich dies, blickt kurz besorgt in mein Gesicht und zieht mich dann ruckartig hoch.
„Das muss genäht werden..“, setzt er an, doch ich unterbreche ihn sofort. „Nein!“, ziemlich hart kommt mir das Wort über die Lippen, sodass wir beide erschrecken und stehen bleiben. Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen. „Ich meine, nein, ich kann zu keinem Arzt. Bitte.“, verzweifelt schaue ich ihn an.
Er scheint angestrengt zu überlegen, doch dann nickt er. „Okay.. aber ich werde die Wunde dennoch säubern und verbinden müssen, in meinem Spind besitze ich einen kleinen Erste Hilfe Kasten. Und dann machen wir dich auch noch sauber.“
Beschämt blicke ich weg. „Ich besitze keine Wechselkleidung hier.“
„Bei mir fällt heute Sport aus, du kannst meine Sachen tragen.“, ich will gerade Protest erheben, da zieht er eine Augenbraue in die Höhe. „Keine Widerworte, oder ich gehe mit dir zum Arzt.“
Seine Worte veranlassen mich dazu zu schlucken und dann zu nicken.


Ich bin es nicht gewöhnt, dass sich jemand um mich kümmert, welcher nicht denselben Nachnamen wie ich trägt.
Doch Clay Jensen säubert erst sanft und gründlich meine Wunde und verbindet diese dann auch noch professionell, sodass kein Blut mehr zu erkennen ist oder gar heraustritt.
Gerade bin ich dabei in seine Klamotten zu schlüpfen - eine graue Jogginghose und ein dunkelblaues T-Shirt. Ich habe erst gesehen, wie schlimm ich in meiner mit Bolognese bespritzten Kleidung aussah, als ich in den Spiegel schaute. Doch als ich nun in den Spiegel auf der Mädels Toilette blicke, sehe ich, wie klein und abgemagert ich in Clays Sachen aussehe. Lachhaft. So sehe ich aus.
Ich hasse es mich im Spiegel zu betrachten. Meine dunklen Haare waren lang mit von Naturaus großen Locken, welche ich immer zum Zopf binde. Mein Gesicht ist herzförmig, meine Wangenknochen stechen ziemlich hervor und unter meinen grau-grünen Augen liegen dunkle Schatten. Und mein Körper sieht aus wie der einer Zwölfjährigen. Kein Wunder, dass ich gemobbt wurde. Heutzutage legen alle so viel Wert auf ihr Äußeres und auf das der anderen.  
Ich bin klein, gerade mal 1,60m und ziemlich schmächtig, obwohl ich durchaus genug esse. Es ist nicht gerade so, dass ich eine Essstörung habe, aber durch meine immer wiederkehrende Depression vergeht mir oft das Essen. Es gab sogar eine Zeit, da habe ich Wochenlang nicht gegessen. Und mein Körper erinnert mich daran. Was jedoch gar nicht zu mir passt, ist, dass meine Hüften dennoch rund sind und ich sogar Brüste besitze, welche man nicht als klein bezeichnen kann. Was mir peinlich ist, weshalb ich immer weite Kleidung trage.
Doch das Shirt von Clay spannt obenrum und fällt erst unterhalb der Brust locker herab.
Ob ich so in der Schule herumlaufen kann?

Eigentlich bleibt mir gar nichts anderes übrig. Außerdem wartet Clay vor der Tür auf mich und weil er so nett zu mir war, kann ich ihn einfach nicht vor den Kopf stoßen.
Es ist nicht selbstverständlich, dass er das alles für mich getan hat und ich könnte schon wieder heulen, weil ich das nicht gewöhnt bin, aber ich bin ihm auch so unfassbar dankbar.
Mit einem beruhigendem tiefen Atemzug trete ich hinaus. Clay lehnt an der Wand gegenüber und tippt etwas in sein Handy, bevor er aufsieht und mich erstarrt anblickt. Nervös beiße ich mir auf die Unterlippe, eine meiner schlechten Angewohnheiten, und verschränke meine Finger ineinander.
Doch bevor ich am liebsten abhauen möchte, entspannt er sich und kommt lächelnd auf mich zu. „Hey! Da sehen meine Klamotten einfach mal besser an dir aus, welch Frechheit.“ Irgendwie kann ich nicht anders, seine Worte bringen mich ungewollt selber zum Lächeln. Es ist ein echtes Lächeln, wie ich es seit langem nicht mehr gezeigt habe.
„Danke, aber das ist eine Lüge und das weißt du auch.“, er schüttelt nur den Kopf und gibt mir dann meinen Rucksack wieder. Und dann drückt er mir mein Bild in die Hand.
Er muss also zurück in die Cafeteria gegangen sein, als ich mich umzog. Außerdem hat er versucht meine Zeichnung zu säubern. Und er hat es sogar relativ gut geschafft, dafür, dass sie mit Essen verschmiert war.
„Ich habe versucht sie zu retten. Es hat nicht so ganz gut geklappt, aber da du auf Leinwand gezeichnet hast, konnte ich diese besser abtupfen, als wenn du ein einfaches Papier genommen hättest.“, erklärt er und mein Körper wird aufgrund seiner Aufmerksamkeit von Wärme durchströmt.
„Danke. Vielen lieben Dank. Das ist mehr, als was du hättest tun müssen.“ Und das meine ich ernst, er hätte nichts für mich machen brauchen. Meine Zeichnung ist zwar rot von der Bolognese und sie riecht auch danach, aber man kann dennoch jeden meine Striche erkennen. Man erkennt noch immer alles und irgendwie bin ich jetzt noch immer zufrieden mit dem Bild. Es ist nun.. authentischer. Komisch, nicht wahr?
„Du solltest es abgeben. Trotz der Soßenüberreste ist es das schönste Bild, welches ich bisher gesehen habe.“, bei jedem würde ich vermuten, dass er log, doch Clays Worte klingen ehrlich. Und sind das größte Kompliment, dass ich je bekommen habe.
„Komm, lass uns zurück in den Unterricht, auch wenn dieser bald vorbei ist.“, mit diesen Worten nimmt er mir wieder den Rucksack ab, welchen ich total vergessen noch in der Hand hielt und geht mit mir zusammen in den Kunstkurs.


Der Lehrerin erzählte er von meinem Unfall mit dem Messer. Jedoch log er für mich. Er erzählte ihr, dass mir mein Tablett aus der Hand rutschte und ich reflexartig alles auffangen wollte und nur das Messer griff. Und die Lehrerin nahm es so hin, hinterfragte nichts. Nicht einmal meine verschmierte Leinwand.
Und für den Rest des Tages blieb er auch in meiner Nähe und unterhielt sich mit mir. Sogar seine Freunde stießen dazu. Sprachen dann gar mit mir, weil ich mit in der Runde saß.
All diese Eindrücke sind so neu für mich gewesen, dass ich mit den Situationen total überfordert gewesen bin und oft nicht mal wusste, was ich antworten soll. Doch Clay half mir in jeder Form.


Und so viel Dankbarkeit wie an diesem Tag verspürte ich das letzte mal, als meine Adoptiveltern mich aus dem Heim befreiten. Und auch Clay Jensen befreite mich an diesem Tag von etwas.
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