Der verfaulte Kern der goldenen Stadt

OneshotSchmerz/Trost / P16
28.08.2019
28.08.2019
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Der verfaulte Kern der goldenen Stadt


Asgard brannte.

Knisternd fraßen sich die Flammen durch die verlassenen Häuser und Straßen.

Menschenleer lag die Stadt da, dem Feuer zum Opfer fallend, während alle Bewohner von den sicheren Raumschiffen aus, ihre Heimat beweinten.

Ihre Heimat.

Niemand weinte auch nur eine Träne, verschwendete einen Gedanken an ihr Schicksal, an das Schicksal von Asgards Straßenkindern.

So viele waren sie gewesen, in der Öffentlichkeit bemitleidet und im Geheimen verspottet.

Viele von Ihnen hatten ihren Tod in der goldenen Stadt gefunden, durch Hunger und Kälte.

Hätte Hela sich an sie gewandt, viele offene Ohren hätten ihr gelauscht. Hatte der Allvater ihnen nie etwas Gutes getan, so würde es vielleicht seine verbannte Tochter tun, dachten sie.

Aber sie hatte es nicht getan und so starben sie vergessen und zusammengepfercht in der Kanalisation, in die sie sich bei Beginn der Kämpfe zurückgezogen hatten.

Hoffnung auf Leben führte zu Panik vor dem Tod.

So gut wie alle waren in den Rohren gefangen, die sich langsam aber sicher in eine Mausefalle verwandelten, und erstickten langsam aber sicher.

Die meisten. Aber nicht alle.

Eine kleine Gestalt huschte über den Hauptplatz, sprang über Trümmerteile und wich Aschefunken aus, so gut es ging.

Der kleine Junge mochte neun Jahre zählen, doch von diesen neun Jahren war ihm wenig Fröhliches, Kindliches geblieben.

Die Härte des Lebens hatte ihren Tribut gefordert. Denn auch wenn die Straßenkinder Asgards zusammen in den Katakomben schliefen und sich gegenseitig wärmten, so fand tagsüber ein verbissener Wettstreit um Essen und Kleidung statt. Sie alle kratzten und bissen und traten, um zu bekommen, was sie wollten. Nur Wasser, Wasser war genug für alle dagewesen –, bis vor wenigen Stunden ein Stützpfeiler den städtischen Brunnen zugeschüttet hatte. Aber der kleine Junge würde nicht an Wassernot sterben und das war eines der wenigen Dinge, die er sicher wusste, als er weiterrannte, nur raus aus der Stadt, weg von der Gefahr.

In der Ferne zuckten Blitze über den Himmel – Prinz Thor war gekommen um Asgard zu retten.

Das Gesicht des Kindes verzog sich im Laufen, als hätte es auf ein besonders altes und hartes Stück Brot gebissen.

Prinz Thor, der angebliche Held Asgards. Was aber hatte er bitteschön jemals für die wahrhaft Hilfsbedürftigen getan? Für diejenigen die nicht wussten ob sie den morgigen Tag erleben würden und keine protzenden Ratsherren waren, deren einziges Problem ihre Fettleibigkeit war?

Asgard war wie ein süßes, klebriges Bonbon, das im Inneren schwarz und verfault geworden war, da waren sich die Leute der unteren Gesellschaftsschichten einig.

Und Prinz Loki war auch nicht besser. Dem Jungen war es egal, dass dieser ein Eisriese war, aber nicht egal war ihm, dass der ´gefallene Prinz´ so oft vom Wohle Asgards sprach und aber nur Anerkennung und seinen alten Lebensstandard zurückerhalten wollte.

Für sie war es egal, was er getan hatte oder sie konnten es einfach nicht fassen, denn sie hatten genug mit dem eigenen Leben zu tun, als dass sie sich groß um Midgard scheren würden, das im Übrigen immer noch als rückständig galt.

Das gesamte Kleine Volk hätte ihm also vergeben, hätte er nur einmal etwas für sie getan.

Etwas für die Mädchen, die spätabends in eine Gasse gezerrt wurden und deren Schreie niemand hörte.

Etwas für die Kinder ebendieser Mädchen, die auf der Straße hausten und oft nicht älter als ein paar Jahre wurden – wenn überhaupt.

Auch er war ein Kind eines solchen Mädchens, das ihn, als er sechs war, ausgesetzt hatte.

Es hatte nicht lange gedauert, dann waren die Jahre davor schnell vergessen gewesen. Das Gestern war egal genauso wie das Morgen. Aber manchmal waren da Erinnerungen an Umarmungen und süße Worte, die ihn so sehr schmerzten, wie es kein Hunger der Welt tun konnte.

Er versuchte ihr, der namenslosen Frau, die ihn geboren hatte, keinen Vorwurf zu machen und doch, doch hasste er sie aus ganzem Herzen. Nicht einmal einen Namen hatte sie ihm gegeben.

Die anderen riefen ihn Fuchs.

Fuchs, weil sein Haar in der Sonne so leuchtete und schillerte wie dessen Pelz. Nicht, dass er jemals einen solchen lebend gesehen hätte…

Der Einzige, den er jemals erblickt hatte, hing um den Hals einer feinen Dame, die mit angeekeltem Gesichtsausdruck wie so viele aus ihrer Kutsche hinausgespäht hatte.

Aber vielleicht würde er jetzt einen sehen. Ja, wenn er erst aus der Stadt heraus und in den Wäldern angekommen war, dann würde er seinen Namensvetter suchen und mit ihm spielen.

Ein kleiner Teil seiner selbst wusste bereits, dass es nie so weit kommen würde. Denn Asgard war zu groß und der Junge zu klein – so war es schon immer gewesen.

Und als er sich vom Feuer eingesperrt fand und die hungrigen Flammen an seinem Gesicht leckten, als ein heiseres Krächzen seinen Mund verließ, da befand sich sein Geist bereits in grünen Wäldern, mit roten Füchsen rennend, voller Lachen und überbordender Freude.

Der sterbende Körper lächelte, während die Flammen ihn verschlangen.


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Hallihallo,
Schön, dass ihr hier gelandet seid.
Dieser Oneshot ist einem spontanem Einfall geschuldet, als ich zufällig noch einmal auf die Szene in Thor - Tag der Entscheidung gestoßen bin, in der die Raumschiffe sich langsam entfernen.
Was mir dabei aufgefallen ist, ist, dass man vor allem (verhältnismäßig) gut gekleidete Bürger sieht, aber eine Stadt wie Asgard müsste, zumindest meiner Meinung nach, doch auch eine Seite, die nicht so Friede, Freude, Eierkuchen ist, haben.
Und daraus ist dieser Text dann entstanden.
Ich hoffe ihr hattet Freude beim Lesen und falls ihr Logik-/Rechtschreibfehler oder dergleichen findet, könnt ihr mich gerne darüber informieren.
Lg
Eure Blue Cat
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