Wenn Schlosshunde heulen

von Amrais
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
27.08.2019
21.10.2019
5
4608
1
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Die Geschichte der wunderbaren Mounira „Thin for the Win“ hat mich so begeistert, dass ich nach langer Zeit mal wieder in Schloss Einstein reingeschaut habe. Leider sind nur 2 Staffeln auf Netflix online und regelmäßig geschaut habe ich eh nie. Ich mochte Staffel 20 aber wirklich gern und Petra ist mir sehr ans Herz gewachsen...
Also lange Rede kurzer Sinn, ich wurde von dir, Nora, inspiriert und ich hoffe du bist mir nicht böse, wenn ich mich hier auch an einem Schloss Einstein Fic versuche... (Wenn du das überhaupt liest)
Wie auch immer, ich würde mich über eure Meinung freuen!
Lg Amrais



Nervös wippte Petra mit dem Fuß während sie wartete. Sie vermisste ihren Bruder so sehr, aber die schrecklichen Dinge die die Einsteiner über ihn sagten setzten ihr auch zu und sie fragte sich, ob sie ihn nur durch die verklärten Augen der kleinen Schwester sah. Aber er war immer für sie da gewesen, hatte sich nach dem Tod ihrer Eltern liebevoll um sie gekümmert. Wie schlecht konnte so ein Mensch denn sein?
„Stefan!“ rief sie und wäre am liebsten aufgesprungen um ihn zu umarmen als man ihn hereinführte, aber der Wachmann sah sie warnend an, als hätte er ihre Absicht erraten.
Ihr Bruder lächelte sie an. „Bienchen. Geht’s dir gut?“
„Ja.“ Log Petra, sie wollte nicht, dass ihr Bruder sich Sorgen machte. Sie würde ihre Zweifel für sich behalten und auch wie schlecht sie sich fühlte, wenn sie all ihre neuen Freunde ständig belügen musste.
Also zwang sie sich zu einem Lächeln und begann in ihrer üblichen, fröhlichen Art von ihrem Schulalltag zu erzählen. Dabei bemerkte sie gar nicht, wie sie unbewusst die Finger der linken Hand um den Saum ihres Pulloverärmels krampfte um ihn vor dem verrutschen zu bewahren.
Aber Stefan hatte es bemerkt.
„Petra?“ unterbrach er sie stirnrunzelnd, „was machst du da mit deinem Ärmel?“
Erschrocken sah sie an sich hinunter und lies den Saum des Ärmels los.
„Nur Gewohnheit.“ Versuchte sie die verräterische Geste zu erklären. Aber sie wusste dass es schon zu spät war. Ihren Bruder konnte sie einfach nicht anlügen.
„Bienchen, du hast mir doch versprochen, dass du das nicht mehr machst.“
Schuldbewusst und verlegenen sah sie weg. Sie konnte die Sorge in seinen Augen nicht ertragen.
„Es tut mir leid.“ Sagte sie kleinlaut. „Es ist nur…du bist hier drinnen und ich kann mit niemanden darüber reden…“
„Ja, ich weiß und es tut mir leid Petra, aber du musst stark sein. Wir müssen beide stark sein.“  Sprach er leise auf sie ein.
„Schau, ich bin hier drin und ich kann dir nicht helfen, ich darf dich ja noch nicht einmal anfassen. Wie soll ich den sichergehen, dass es dir gut geht, vor allem wenn du wieder so anfängst?“
Petra hielt nur mit Mühe die Tränen zurück. Sie verstand ja, dass er sich Sorgen machte, aber konnte er denn nicht begreifen, dass sie anders mit der Situation nicht fertig wurde?

Angefangen hatte das alles nach dem Tod ihrer Eltern, als sie allein nach Hause zurückgekehrt waren und es keine Worte für ihre Trauer gab. Sie hatten beide nicht darüber reden können, waren in stummen Schmerz versunken. Petra wusste, dass egal wie besorgt Stefan darüber war, dass sie sich selbst verletzte, es doch eine Brücke zwischen ihnen baute, sie ihm einen kleinen Teil ihrer Trauer zugänglich machte und ihm erlaubte sie zu verarzten und zu trösten. Sie gab ihm etwas, das mit seiner Hilfe heilen konnte, anders als das Trümmerfeld in ihren Inneren, dass noch nicht einmal für sie selbst zugänglich war. Nichtsdestotrotz hatte er sie immer wieder gebeten aufhören. Er hatte sie zu Ärzten und Psychologen geschleppt und während sie lernte mit ihrer Trauer zu leben, damit umzugehen, war das Leben weitergegangen. Stefan war von der Schule abgegangen, hatte dubiose Jobs angenommen und sie hatte ihm zu liebe versucht damit aufhören. Hatte es ihm sogar versprochen.
„Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, dass du auf das Einstein gehst.“ Sagte er nachdenklich, „vielleicht sollten wir eine andere Lösung suchen?“
Petra wurde blass. Einstein verlassen? So merkwürdig und kompliziert die Situation auch war, sie mochte das Internat. Ja liebte es fast schon. Es fühlte sich so viel mehr nach zuhause an, als die winzige, dunkle Wohnung die sie zuletzt mit Stefan bewohnt hatte. Und sie hatte Freunde! Dass sie Rückfällig geworden war, war doch nur passiert, weil sie Angst davor hatte, all das wieder zu verlieren.
„Bitte nicht Stefan, ich verspreche dir, ich mach es nicht wieder.“ Flehte sie ihn nahezu an.
„Ist ja gut Bienchen, so schnell kann ich von hier aus sowieso nichts ändern.“ Beruhigte er sie.
„Aber versuch bitte stark zu sein, ja Petra? Bald bin ich hier raus und dann machen wir uns ein schönes Leben, das verspreche ich dir!“ er lächelte sie an, mit dem Lächeln das ihr sagen sollte, dass alles gut werden würde. Dieses Lächeln war ihr Rettungsring. Erleichtert nickte sie.

Auf den Rückweg zum Internat holte sie sich ein Eis um ihre Nerven zu beruhigen. Diese Treffen hinterließen immer so ein merkwürdiges Gefühl. Die JVA war beklemmend und sie hatte jedes Mal ein schlechtes Gewissen, weil sie froh war wieder draußen zu sein. Wie musste sich ihr armer Bruder erst fühlen? Nein, Stefan war kein schlechter Mensch, entschied sie. Und sie würde sich auch von den Einsteinern nichts mehr einreden lassen. Sie kannten ihn eben nicht so, wie sie ihn kannte und sie wussten ja auch nicht was er schon alles durchgemacht hatte…
Das Schokoladeneis half wunderbar gegen ihr schlechtes Gewissen und so schlenderte sie kurze Zeit später fast schon gut gelaunt in die Internatsküche.
Jannis verengte seine Augen zu misstrauischen Schlitzen als er sie kommen sah.
„Wo hast du denn gesteckt?“ fragte er. „Luisa hat dich gesucht.“
„Wieso?“ plötzlich war Petra wieder unsicher.
„Weiß ich doch nicht.“ Sagte Jannis gereizt. „Aber ich würde trotzdem gerne wissen, wo du warst.“
„Ich wüsste zwar nicht was dich das angeht,“ entgegnete Petra patzig, „aber ich war etwas Bummeln und dann ein Eis essen.“ Sie hielt ihm die halb aufgegessen Waffel als Beweis unter die Nase. Jannis sah sie immer noch unfreundlich an, zuckte dann mit den Schultern und verschwand nach draußen. Petra blieb mit einem dicken Kloß im Hals in der Küche zurück.
Review schreiben