Hurrikan der Gefühle

GeschichteDrama, Romanze / P18
Dr. Niklas Ahrend Julia Berger OC (Own Character)
27.08.2019
17.10.2019
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Gekonnt schob sie den anstehenden Besuch bei einer Psychologin vor sich hin. Immer, wenn Niklas sie darauf ansprach, suchte sie nach einer Ausrede, weshalb sie noch nicht dort gewesen war. Sie konnte sich nicht mit dem Erlebten auseinandersetzen.
Auf dem Revier zu hören, dass sie kaum eine Chance gegen Jonas hatte, hatte sie sehr verunsichert. Sie wollte diesen Menschen hinter Gittern sehen, gleichzeitig hatte aber auch etwas in ihr Mitleid mit ihm. Sie wusste schließlich, wie er einmal gewesen war und sie trauerte ein Stück um den Verlust dieses lieben Mannes.
„Hast du wieder gekocht?“, hörte sie Niklas da sagen. Mit einem Kuss auf die Wange begrüßte er sie nach dem Arbeitstag. „Ja, klar“, erwiderte sie lächelnd. „Hier ist ja alles da. Ich habe uns eine Lasagne gezaubert.“ „Duftet auf jeden Fall schon herrlich“, erklärte er und begrüßte die kleine Tilda, die in ihrer Babywiege im Wohnzimmer lag. „War sie lieb?“
„Sie ist immer lieb“, entgegnete Judith ihm und deckte den Tisch.

„Dann hattest du ja sicher Zeit, bei Dr. Horn anzurufen.“ Die junge Frau zuckte zusammen. „Ähm... Ja... Klar...“, murmelte sie. Tadelnd sah Niklas sie an. „Hast du es immer noch nicht gemacht? Mensch, Judith... Wir wollen Jonas doch in den Knast bringen, oder?“
Sie nickte langsam. „Ich schaffe das einfach nicht...“, murmelte sie. „Kannst du nicht... Kannst du nicht dabei sein...?“ „Bei der ersten Sitzung bestimmt, aber... Du musst damit auch alleine fertig werden. Wenn ich immer dabei bin... Meinst du nicht, dass du dann nur an mir klammerst? Ich weiß nicht, ob die Therapie dann erfolgreich ist...“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ist doch egal... Mir geht es gut...“ Sie lächelte matt. Er schüttelte den Kopf. „Seitdem ich... Seitdem er dich das letzte Mal...“ Er schüttelte sich angewidert bei den Bildern in seinem Kopf.

„Seitdem ist der Glanz aus deinen Augen verschwunden, Judith... Vielleicht war es das eine Mal zu viel...“ Liebevoll legte er seine Hand an ihre Wange. „Ich möchte nur, dass es dir besser geht. Ich möchte, dass du wieder lachen kannst... Befreit und ohne Sorgen.“
Sie schmiegte ihren Kopf an seine Brust heran. Sein Herz pochen zu hören, beruhigte sie ungemein. „Ich bin doch glücklich... Ich bin bei dir und bei Tilda...“
„Natürlich. Hier bist du auch willkommen und in Sicherheit. Aber in deinem Kopf, da müssen die letzten drei Jahre doch aufgearbeitet werden“, sagte er einfühlsam. „Ich habe mich auch bei einer Trauerberatung gemeldet...“ Erstaunt sah sie ihn an. „Ja, guck mich nicht so an“, meinte er lächelnd. „Julia würde das so wollen... Ich glaube, sie war echt böse mit mir...“
„Das glaube ich auch. Du warst ein Ekel.“ Er kratzte sich am Hinterkopf. „Tut mir leid... Deshalb möchte ich jetzt ja auch alles besser machen. Und ich denke, die Therapie ist für dich da besonders wichtig. Auch für uns... Wir... Wir hatten seitdem keinen Sex mehr...“
Betrübt sah sie zu Boden. „Ja...“, flüsterte sie. „Wir können sofort... Wenn du unbedingt willst...“ Er schüttelte den Kopf, legte beide Hände an ihre Wangen und sah in ihre tränennassen Augen hinein. „Darum geht es doch gar nicht... Ich glaube, mit dem letzten Akt hat er dich gebrochen. Du ekelst dich davor, mit einem Mann intim zu werden. Ich kann da verzichten, Judith, aber... Willst du das? Dein ganzes Leben lang?“
Sie seufzte. „Ist okay.“ Sie nahm das Telefon und den Zettel, den sie von ihm bekommen hatte. „Du hast recht... Ich muss einen Termin ausmachen...“ Er lächelte ihr aufmunternd zu. „Ich mache uns in der Zeit einen Salat zur Lasagne.“ Zärtlich streifte er über ihren Arm. „Wir schaffen das. Du wirst schon sehen.“

„Bis in einer Woche Frau Müller.“ Freundlich verabschiedete die junge Assistenzärzin die letzte Patientin für heute. Jetzt hatte sie frei und das erste unangenehme Therapiegespräch stand an. Und ausgerechnet jetzt war Niklas natürlich im OP. Sie seufzte und holte Tilda aus der Umkleide ab, in der Elias sie betreut hatte.
„Langsam müsst ihr euch mal überlegen, wir ihr das anstellen wollt mit ihr“, bemerkte der Arzt und kitzelte Tilda an den kleinen Füßchen. „Ich mache das ja echt gerne, aber wir können nicht im Klinikum einen Kindergarten aufmachen.“
Sie nickte schuldbewusst. „Ich rede mit Niklas, versprochen. Bald bin ich ja sowieso weg.“ Fragend sah Elias sie an. „Ähm...“ Sie lächelte ihn zaghaft an. „Ich bin schwanger, weißt du...“ „Wow... Herzlichen Glückwunsch!“ Freundschaftlich umarmte er sie. „Und? Ist Niklas der Vater? Oder... Dieser Jonas, von dem du erzählt hast?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich erst, wenn das Kleine auf der Welt ist...“ „Ich wünsche euch sehr, dass es Niklas ist“, sagte Elias. „Ich danke dir... Aber du weißt von nichts, ja? Ich weiß nicht, ob Niklas das recht ist...“ Er lächelte, presste die Lippen aufeinander und verschloss sie mit einem unsichtbaren Schlüssel.
Lächelnd sah Judith ihm nach. Anschließend band sie sich das Tragetuch wieder um und setzte Tilda hinein. Das Baby quiekte leise und zufrieden. „Mama ist wieder da...“, flüsterte sie dem Winzling zu. „Du süßeste Maus. Hilfst du mir, ja?“ Zärtlich streichelte sie über Tildas Schopf. Hoffentlich könnte zumindest das Baby ihr ein wenig Halt geben.

Suchend irrte sie über die Stationen. Sie war noch nicht lange hier und kannte sich in den unzähligen Fluren noch nicht genau aus. Endlich hatte sie die richtige Etage erwischt und steuerte auf das Sprechzimmer der Psychologin zu, als sie wie erstarrt stehen blieb.
„Ach, ne. Auch hier?“ Jonas grinste sie an. „Was.... Was machst du hier...?“, stotterte sie und ging instinktiv einen Schritt zurück, obwohl er noch zwei Meter von ihr entfernt war. „Ach... Mein Anwalt meinte, ich brauche ein psychologisches Gutachten und natürlich auch eine Therapie wegen dem Alkohol... Ich muss ja gegen dich gewinnen, nicht wahr?“
Sie schauderte. Er tat wirklich alles, um nicht verurteilt zu werden.
„Und du? Machst einen auf Babysitter?“ Er erhob sich. Wie versteinert blieb sie stehen. Judith konnte sich nicht rühren, so sehr sie es auch wollte. Es gelang ihr einfach nicht.
„Mensch, Judith...“, sagte er sanft. „Es ist Tilda, die dich zu diesem arroganten Kerl zieht. Unser Sternenkind... Das bekommst du dadurch nicht zurück.“ Ihre Lippen begannen zu zittern. Er wusste genau, was er sagen musste, um sie zu treffen. Wieso konnte sie nicht einfach an ihm vorbeigehen? Wieso mussten ihre Ohren ihm zuhören?
„Judith... Wir bekommen doch bald unser Baby... Dann ist alles wieder gut und wird so wie früher. Versprochen...“ Sie drehte ihren Kopf weg. „Lass mich bitte durch...“, flüsterte sie. „Judith... Schau mich an...“ Zart berührte er ihren Arm. „Ich tue dir nie mehr weh... Nie wieder. Ich kümmere mich um dich und unser Baby. Wir sind doch eine Familie...“
Sie schüttelte den Kopf. „Lass mich bitte in Ruhe...“, sagte sie leise. „Glaubst du, es wird mit Niklas so bleiben?“, fuhr er fort. „Was meinst du, was dieses Baby da später machen wird? Du bist nicht ihre Mutter. Sie wird dich hassen. Was habt ihr denn für eine Zukunft? Du aus so einfachen Verhältnissen und er so reich und erfolgreich.“

Er schaffte es tatsächlich, Zweifel und Bedenken in ihr aufkeimen zu lassen. Was war in ein paar Jahren? Wie lange würde diese Beziehung überhaupt halten? „Du kannst zu mir zurückkommen“, bot er ihr abermals an. „So lange du willst. Ich warte auf dich, weil ich dich liebe.“
Dann verschwand er, ohne auch nur das Zimmer des Psychologen, vor dem er gewartet hatte, betreten zu haben. Sie war vollkommen verwirrt. Zum Glück öffnete sich da eine Tür, die weiter hinter gelegen war und Frau Horn winkte ihr freundlich zu.
Wie sollte sie sich jetzt auf die Therapie konzentrieren, wenn ihr so viele Flausen in den Kopf gesetzt worden waren? Sie beäugte Tilda, die so friedlich an ihrer Brust schlief. Hatte Jonas recht mit dem, was er sagte? Sie ballte ihre Hände zu zwei festen Fäusten. Nein, er wollte sie nur noch weiter brechen. Sie musste versuchen, die Zweifel zu verschlagen, doch das war nicht so leicht.
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