Herdfeuer

GeschichteAllgemein / P12
26.08.2019
07.10.2019
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Der Morgen ihres Aufbruchs zwei Tage später war klar und kalt.

Der Abschied von Ambarys und seinen Stammgästen war kurz, aber herzlich gewesen. Der Wirt hatte sogar noch darauf bestanden, ihnen ein Proviantpaket mitzugeben – etwas, das Kyr’ad hatte ablehnen wollen, doch Sofie war ihm zuvorgekommen, indem sie den anderen Dunmer umarmt und versprochen hatte, irgendwann einmal zu Besuch zu kommen.

So war ihm nur übriggeblieben, amüsiert den Kopf zu schütteln und sich den Beutel über die Schulter zu schwingen.

Nun jedoch stapften sie nebeneinander durch die verschneiten Gassen in Richtung Stadttor, Kyr’ad in seinen Umhang und das Mädchen in ihren neuen, gefütterten Mantel gehüllt. Auch wenn die Sonne zum ersten Mal seit Tagen wieder am wolkenlosen Himmel schien, war es doch kalt genug, dass ihr Atem gefror.

„Ist es weit bis nach Winterfeste?“, fragte Sofie unvermittelt und zog leicht an seinem Umhang. Kyr’ad blickte zu ihr herunter. In ihren Augen lag Unsicherheit. Wenig überraschend … das Mädchen hatte Windhelms direktes Umland noch nie verlassen.

Er tätschelte ihren Kopf. „Etwas mehr als ein Tagesritt, wenn wir keine Pause einlegen – aber ich schätze, dass wir morgen Nachmittag dort ankommen.“ Er würde sich ihr anpassen müssen, immerhin war er das Reisen gewöhnt, im Gegensatz zu Sofie. Doch zu seiner eigenen Überraschung störte er sich nicht daran.

„Aber unser Aufenthalt sollte nicht allzu lange dauern. Wir verbringen die Nacht im „Frostigen Feuer“, dem dortigen Gasthaus, und reiten dann nach Weißlauf weiter.“ Er würde die Bücher abliefern, die er für Urag gro-Shub, den Verwalter des Arcanaeums, aus einer alten Ruine geborgen hatte, ebenso wie die Drachenherzschuppen für Tolfdir – der sich selbst in der Position des Erzmagiers wiedergefunden hatte, nachdem Kyr’ad abgelehnt hatte.

Er wollte sich nicht an einen Ort binden, und als Leiter der Akademie hätte er seine Reisen aufgeben oder zumindest stark einschränken müssen. Etwas, das für ihn nicht in Frage gekommen war. Dafür liebte er es zu sehr, Neues zu entdecken, selbst wenn er sich dabei in Gefahr brachte.

Sofie nickte nur und wirkte sogar etwas beruhigter. Zumindest, bis sie den zentralen Platz in Richtung des Stadttores überquerten und eine laute Stimme sie unterbrach.

„Was machst du denn mit dem Mädchen, Spitzohr? Einfach so die Kinder hart arbeitender, ehrlicher Nord entführen, wie?!“

Kyr’ad schloss die Augen und atmete tief durch. Rolff Steinfaust. Natürlich. Was hatte er erwartet? Der vorlaute Nord ließ keine Gelegenheit aus, die an den Docks arbeitenden Argonier ebenso wie die Dunkelelfen im Grauen Viertel zu beleidigen und zu demütigen. Er hatte dem arroganten Kerl schon einmal eine Lektion erteilt – und ihm dabei, natürlich aus Versehen, die Nase gebrochen –, aber er schien daraus Nichts gelernt zu haben.

Er drehte sich betont langsam zu dem Nord um, doch Sofie kam ihm zuvor. „Lasst ihn in Ruhe!“, rief sie empört, und trat ihm mit aller Wucht, die sie aufbringen konnte, gegen das Schienbein.

Mehr überrascht als wirklich verletzt stolperte Rolff zurück, bevor sich sein Gesicht verfinsterte und er mit drohend gehobenen Fäusten wieder vortrat. „Na warte, du Göre…“

Kyr’ad ging dazwischen, bevor der Andere auf dumme Gedanken kam. „Möchtest du unbedingt noch einmal Prügel einstecken?“, fragte er kalt und richtete sich zu seiner vollen, durchaus beeindruckenden Größe auf. Der Kopf des Anderen reichte ihm gerade bis an die Schultern, und auch wenn er selbst eher sehnig als muskulös war, wusste Rolff doch nur zu gut, dass er nicht zu unterschätzen war.

Der Nord wich unwillkürlich zurück. Kyr’ad bleckte die Zähne. „Das dachte ich mir doch… Den Mund aufreißen kannst du ja anscheinend … aber mehr auch nicht.“ Als Antwort spuckte Rolff nur verächtlich auf den Boden und verzog sich – vermutlich, um sich noch mehr zu betrinken, zumindest seiner Bierfahne nach zu urteilen.

Schnaubend blickte der Dunkelelf in die Runde und warf den umstehenden Gaffern finstere Blicke zu. Keiner von ihnen hatte Rolff widersprochen. Es würde noch sehr, sehr viel Zeit vergehen, bis Seinesgleichen in Windhelm wirklich willkommen war. Manchmal fragte Kyr’ad sich, ob er das überhaupt noch erleben würde.

Aber das war nicht seine Angelegenheit. Leise grollend legte er Sofie eine Hand auf die Schulter und schob sie sanft zum Tor hin. Sie folgte ihm bereitwillig und griff sogar nach seiner Hand. Er schmunzelte schief, als er sich die Gesichter einiger Umstehender bei diesem Anblick vorstellte.

Dennoch entspannte er sich erst, als das Tor sich hinter ihnen wieder schloss. Seufzend blickte er zu dem Mädchen herunter. „Tut mir Leid, dass du das sehen musstest… Windhelm ist kein guter Ort für Dunkelelfen wie mich, selbst unter der Herrschaft des Kaiserreiches. Dieser blinde Hass sitzt einfach zu tief, fürchte ich…“

Sofie runzelte die Stirn. „Dieser Mann… Ich habe ihn schon ein paar Mal gesehen. Er war immer fies zu mir.“ Sie nickte entschlossen und drückte seine Hand fester. „Ihr solltet nicht auf ihn hören – er ist doof…“

Kyr’ad verschluckte sich fast an dem Lachen, dass aus seiner Kehle drang. „So … könnte man es auch ausdrücken, ja… Dennoch hättest du ihn nicht provozieren sollen.“ Wenn er gekonnt hätte, dann hätte er versucht, sie zu schlagen – nicht, dass der Dunkelelf das zugelassen hätte.

„Aber er war gemein zu Euch!“, protestierte sie mit all der unschuldigen, rechtschaffenen Empörung, die nur ein Kind aufbringen konnte.

Kyr’ad drückte ihre Hand vorsichtig. „Er war nicht der Erste, und er wird auch nicht der Letzte sein… Und er hätte dir wehtun können.“ Jedes Mal, wenn er auf diesen unangenehmen Mann traf, fand er einen neuen Grund, warum er ihn nicht ausstehen konnte. Kinder schlagen… Er unterdrückte ein Knurren. Solche Leute waren Abschaum.

„Aber Ihr habt mich beschützt, oder?“, fragte Sofie leise. Der Dunkelelf nickte nur. „Seht Ihr? Gegen Euch hätte er doch nie eine Chance!“

Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er diese Diskussion nicht gewinnen würde. Seufzend gab er nach. „Nun gut, du hast ja Recht… Aber bitte sei in Zukunft trotzdem vorsichtig, in Ordnung?“ Dennoch rührte es ihn, dass sie ihn verteidigt hatte.

Für Sofie war das Thema damit scheinbar beendet. Sie ließ seine Hand los und tobte ausgelassen vor ihm durch den Schnee. Jetzt, wo sie die Kälte nicht mehr fürchten musste, schien sie ihren Spaß zu haben. Kyr’ad ließ sie. Nach den letzten Monaten, die hart für sie gewesen sein mussten, hatte sie es verdient, einmal einfach nur Kind sein zu dürfen.

Erst, als Ulundil ihm die Zügel seines Pferdes überreichte und er sein Gepäck in den Satteltaschen verstaut hatte, rief er sie wieder zu sich. Sofie kam neben ihm zum Stehen und betrachtete den kräftigen grauen Hengst vor ihnen ein wenig eingeschüchtert.

Kyr’ad sah einen Moment lang zu ihr herunter und reichte ihr dann den Apfel, den der Stallmeister ihm gegeben hatte. „Keine Sorge, Seht ist absolut harmlos… Und er liebt Äpfel.“ Vermutlich war es das erste Mal, dass sie einem Pferd so nahe kam, und die in Himmelsrand gezüchteten Rassen waren meist größer und kräftiger als andere. Für ein junges Mädchen musste Seht durchaus einschüchternd wirken.

Trotzdem nahm sie ihren Mut zusammen und hielt dem Hengst den Apfel hin. Seht schien ihre Nervosität zu spüren und nahm den Apfel noch sanfter an, als er es sonst tat. Nur Momente später stupste er Sofie an und vergrub seine Schnauze in ihrer Manteltasche, um nach weiteren Äpfeln zu suchen. Sie kicherte, ihre Furcht scheinbar vergessen, und schubste seinen Kopf zur Seite. „Lass das!“

Kyr’ad schmunzelte – Das schien er in letzter Zeit öfter zu tun… – und kraulte seinen treuen Gefährten hinter den Ohren. „Genug, du Vielfraß… Man könnte glauben, du hättest tagelang gehungert.“ Sofie kicherte erneut, bis der Dunkelelf sie auf Sehts Rücken hob und sich hinter ihr in den Sattel schwang.

„So hoch…“, murmelte sie leise und klammerte sich am Sattel fest.

„Keine Sorge, ich lasse dich nicht fallen.“ Beruhigend strich Kyr’ad über ihre Haare und griff dann um sie herum nach den Zügeln. In seiner Brust breitete sich Wärme aus, als das Mädchen nickte und sich vertrauensvoll gegen ihn lehnte.

Mühsam konzentrierte er sich auf das Hier und Jetzt, und zog seinen Umhang enger um sie beide. „Bereit?“, fragte er leise. Sofie nickte nur aufgeregt. Nach einem leisen Schnalzen, begleitet von einem sanften Schenkeldruck, setzte Seht sich in Bewegung – fort von Windhelm, und allem, was sie bisher gekannt hatte, hinein in die große, weite Welt.
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