Herdfeuer

GeschichteAllgemein / P12
26.08.2019
07.10.2019
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Kyr’ad erwartete natürlich nicht, dass sich mit diesem Gespräch alle Schwierigkeiten zwischen ihm und Sofie von selbst aus dem Weg räumten. Das wäre zu einfach gewesen, und das Leben war weder einfach noch fair.

Aber das Mädchen überraschte ihn. Innerhalb weniger Tage schien sie sämtliche Vorurteile gegenüber Dunkelelfen abzulegen, und wickelte sowohl Revyn Sadri, den Betreiber des Gemischtwarenladens nebenan, als auch Ambarys und seine Stammgäste um den kleinen Finger. Und sie waren nicht die Einzigen.

Kyr’ad würde es nie offen zugeben, aber das Mädchen wuchs ihm ans Herz. Ihr Unschuld, die sie sich trotz ihrer harten Monate als Straßenkind bewahrt hatte, und ihre unstillbare Neugier waren erfrischend, und er ertappte sich mehr als einmal dabei, wie er ihr von seinen Reisen erzählte. Selbstverständlich ließ er dabei Einiges aus – es gab Dinge, die ein Kind nicht wissen musste. Dennoch … er genoss es, wie sie ihm voller Staunen lauschte, wenn er ihr die Aschewüsten und Vulkane Morrowinds, die Steppen Elsweyrs oder die turmhohen Bäume des Valenwaldes beschrieb.

Noch immer war sie ein wenig schwächlich – es war ein Wunder, dass sie nach jener Nacht nicht krank geworden war. Aber sie erholte sich rasch, jetzt wo sie einen warmen Schlafplatz hatte und genug zu essen bekam.

Der Dunkelelf stellte fest, dass ihre Gegenwart ihn beruhigte. Sonst hatte er sich immer unwohl gefühlt, wenn er mit Kindern in einem Raum war – so, als müsste er einen Teil von sich verbergen, um sie nicht zu ängstigen, als müsste er ständig aufpassen, dass er sie nicht aus Versehen verletzte. Vielleicht war diese Furcht irrational, aber er wusste sehr gut, wozu er fähig war, und wie viel Blut an seinen Händen klebte. Vielleicht, auch wenn er nie darüber nachgedacht hatte, lag es auch daran, dass er sie einfach nicht aus ihrer heilen, kindlichen Welt hatte reißen wollen – etwas, das früher oder später passiert wäre.

Mit Sofie war es jedoch anders. Sie hatte bereits einen Blick auf die Schattenseiten des Lebens geworfen, als sie frisch verwaist sich selbst überlassen worden war. Möglicherweise fühlte er sich deswegen in ihrer Nähe nicht ständig so, als müsste er sich verstellen. Sie hatte bereits einen Teil der Grausamkeit und Kälte erlebt, zu der Menschen – und auch Mer – fähig waren.

Was auch immer der Grund war, Kyr’ad mochte das Mädchen, und er wusste nicht, was er tun sollte. Er hatte seine Weiterreise eigentlich schon zu lange hinausgezögert. Auf ihn warteten Verpflichtungen, die er nicht ewig aufschieben konnte. Nur … er hatte sie nicht allein lassen wollen.

Konnte er einen sicheren Platz für sie finden? Anfangs hatte er daran gedacht, den neuen Jarl von Windhelm, Brunwulf Frei-Winter, darum zu bitten, sie in das Waisenhaus in Rifton zu schicken. Mittlerweile war er von diesem Gedanken abgekommen – unter seiner neuen Leiterin hatte sich der Ruf der Einrichtung zwar verbessert, aber Rifton war seiner Meinung nach noch immer kein Ort für Kinder.

Vielleicht würde jemand anderes sie aufnehmen? Nur wer? Kaum einem der in Windhelm ansässigen Menschen würde er das Mädchen anvertrauen, und die hier lebenden Dunkelelfen und Argonier hatten schon genug mit ihrem eigenen Überleben zu kämpfen.

Kyr’ad wusste nicht weiter, und das frustrierte ihn ungemein.

Währenddessen schrumpfte die Zeit, die ihm blieb, bevor er weiterreisen musste, mehr und mehr.




Wenige Tage vor seiner Abreise wandte er sich an Sofie.

Er wollte nicht mit ihr darüber reden – vermutlich würde das Gespräch unangenehm werden –, ebenso wenig, wie er sie allein lassen wollte. Aber er hatte sich selbst auch geschworen, nicht über ihren Kopf hinweg zu entscheiden.

Also nahm Kyr‘ad sie eines Abends beiseite und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Sofie…“, begann er ernst und leise, „ich kann nicht länger bleiben.“ Es tat ihm in der Seele weh, diese Worte auszusprechen, doch es musste sein.

„A-aber … warum?“ Das Mädchen starrte betroffen zu ihm hoch, und er hasste sich selbst für die Tränen, die in ihren Augen schimmerten. „Ist es wegen mir?“, hängte sie kaum hörbar an und schien nur mühsam ein Schluchzen zurückzuhalten.

Der Dunkelelf schüttelte entschieden den Kopf und kniete sich vor ihr hin, um mit ihr auf einer Höhe zu sein. „Nein, Sofie…“, murmelte er so sanft, wie er konnte, und drückte ihre Schulter leicht. „Es hat nichts mit dir zu tun. Aber ich habe … Leute, die sich auf mich verlassen. Sie warten auf mich, verstehst du?“

Sie nickte unmerklich und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten. Kyr’ad seufzte. „Ich wünschte, es wäre anders, Mädchen….“, sagte er betrübt. „Nur leider kann ich meine Verpflichtungen nicht länger hinauszögern.“

Ehe er sich selbst davon abhalten konnte, strich er ihr vorsichtig eine Strähne aus dem Gesicht. Zu seinem Erstaunen schmiegte sie sich in die Berührung, und eine einzelne Träne rollte über ihre Wange. Der Dunkelelf schluckte und blickte zu Boden. „Es tut mir leid.“

Schweigen breitete sich aus, bis Sofie die Stille mit erstickter Stimme durchbrach. „Könnte ich … könnte ich nicht mitkommen? Natürlich nur, wenn es Euch keine Umstände macht…“, setzte sie hastig hinzu.

Kyr’ad erstarrte. Hatte sie ihn gerade wirklich gebeten, sie mitzunehmen? Wusste sie nicht, in welche Gefahr sie das bringen würde? Himmelsrand war alles andere als sicher, und seine Reisen führten ihn oft in die gefährlicheren Winkel des Landes. Eine Nord- oder gar Dwemerruine war bei weitem kein Ort für ein Kind – ganz zu schweigen von all den wilden Tieren, Banditen oder gar Drachen, auf die ein Reisender unterwegs stoßen konnte.

Er könnte nicht für ihre Sicherheit garantieren, und … er wollte nicht, dass ihr etwas zustieß. Das würde er sich nie verzeihen.

„Warum?“, fragte er schließlich leise, noch immer fassungslos. „Du musst doch wissen, dass es viel zu gefährlich für dich wäre, wenn du mit mir reisen würdest...“

Sofie schniefte leise. „Wo soll ich denn sonst hin? I-ich habe kein Zuhause mehr … ich bin allein. Ohne Euch wäre ich…“ Ihre Stimme brach, und sie schien nur mühsam ein Schluchzen zurückzuhalten.

Der Dunkelelf wandte den Blick ab. Verdammt! Er konnte sie nicht einfach hier lassen. Das würde er sich ebenso wenig verzeihen. Aber mitnehmen konnte er sie auch nicht. Er biss die Zähne zusammen. Was beim Reich des Vergessens sollte er nur tun?

Dann jedoch hielt er blinzelnd inne. Vielleicht…

„Sofie“, murmelte er schließlich und hob ihr Kinn mit einer Hand an, um sie dazu zu bringen, ihn anzusehen. „Denk nicht darüber nach, sondern antworte mir einfach nur ehrlich: Willst du in Windhelm bleiben?“

Ohne das geringste Zögern schüttelte sie den Kopf. „Nein … hier habe ich niemanden mehr…“

Kyr’ad erlaubte sich ein schiefes Lächeln. „Nun, ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist, aber … ich habe ein kleines Haus ein Stück außerhalb von Weißlauf, und vielleicht…“ Auch, wenn er nur selten dort war… Dann hätte das Mädchen wenigstens ein Dach über dem Kopf. Sie unterbrach ihn mit großen Augen. „Wollt Ihr sagen, dass … dass ich bei Euch leben könnte?!“, fragte sie überrascht und verunsichert.

Er senkte den Kopf leicht. „Du musst nicht, wenn du nicht willst, ich dachte nur…“ Seufzend blickte er wieder auf und drückte ihre Schulter leicht. „Ich weiß nicht, ob es das Richtige für dich ist. Deine Familie kann ich dir nicht ersetzten“ – nicht, dass er es versuchen würde – „aber ich kann dir zumindest ein Zuhause geben…“

Als sich Tränen in ihren Augen sammelten, glaubte er für einen Moment, einen großen Fehler gemacht zu haben – bis das Mädchen die Arme um seinen Hals schlang und ihn mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, umarmte. Augenblicklich versteifte er sich.

Wann war er das letzte Mal umarmt worden? Es musste lange, lange her sein – er erinnerte sich nur noch vage daran. Nur … was sollte er jetzt tun? Schließlich rang er sich dazu durch, seinerseits einen Arm um ihre schmalen Schultern zu legen, und drückte sie vorsichtig an sich. Ohne, dass er irgendetwas dagegen tun konnte, schlich sich ein kaum sichtbares Lächeln auf sein Gesicht.

Irgendwann – vielleicht waren es nur Augenblicke, oder Minuten, oder Stunden, er hätte es nicht sagen können – löste Sofie sich widerwillig von ihm und blickte zu ihm auf. „‘tschuldigung…“, murmelte sie und wischte sich mit einer Hand über die Augen. Die andere blieb auf seiner Schulter. Er unterdrückte ein belustigtes Schmunzeln.

„Dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen“, gab er mit belegter Stimme zurück und räusperte sich. Seit wann war er so emotional? Wenn er es nicht besser wüsste, dass würde er sagen, dass das Mädchen ihn irgendwie beeinflusste – aber er wusste es nun einmal besser.

Mühsamer, als ihm lieb war, riss er sich wieder zusammen. „Also … möchtest du wirklich mitkommen?“, fragte er ernst, nur um dann doch wieder zu lächeln, als Sofie eifrig nickte. Verdammt, was machte sie nur mit ihm?

„Nichts lieber als das!“, wisperte sie und umarmte ihn erneut, diesmal aber wesentlich kürzer.

Kyr’ad schüttelte amüsiert den Kopf und stand mit einem leisen Ächzen wieder auf. Wenn sie ihn wirklich begleitete, hatten sie noch einiges zu erledigen – sie brauchte warme Sachen, und seinen Proviant musste er auch aufstocken.

„Dann komm“, forderte er sie mit einem kaum merklichen Schmunzeln auf. „Wir müssen noch ein paar Sachen für dich besorgen, wenn wir zusammen aufbrechen wollen.“

Sofie grinste ihn nur breit an, hüpfte zu ihm hinüber und griff nach seiner Hand, um ihn hinter sich her zur Tür zu ziehen. „Gehen wir!“

Leise in sich hineinlachend folgte er ihr.
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