Herdfeuer

GeschichteAllgemein / P12
26.08.2019
07.10.2019
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Kyr’ad kehrte erst am späten Nachmittag zurück.

Mittlerweile hatte er sich wieder ein wenig abreagiert, indem er sich um ein Wolfrudel gekümmert hatte, das bereits für mehrere Angriffe auf Händler und Reisende verantwortlich gewesen war, auch wenn noch immer dieser merkwürdig dumpfe Schmerz in seiner Brust pochte. Die Reaktion des Mädchens hatte ihn tiefer getroffen als gedacht. Aber er würde weitermachen.

Das tat er immer.

Er würde dafür sorgen, dass dieses Mädchen zurück nach Hause kam, oder sie dem Jarl melden, damit dieser sie in das Waisenhaus in Rifton schickte. Und dann konnte er diese leidige Angelegenheit hinter sich lassen und weiterziehen.

Im Neu-Gnisis-Club angekommen, reichte er Ambarys, dem Besitzer der Taverne, die drei Kaninchen, die er unterwegs erlegt hatte, und nahm im Gegenzug zwei hölzerne Teller mit Fleisch und Brot entgegen. Während er die schmale Treppe zu seinem gemieteten Raum hochstieg, wuchs seine Nervosität mehr, als er sich eingestehen wollte.

Aber er hatte schon ganz andere Dinge überstanden. Kyr’ad atmete tief durch und zwang sich, eine ausdruckslose Miene aufzusetzen, bevor er die Tür aufstieß.

Das Mädchen war immer noch da, was ihn ein wenig überraschte. Er hatte fast damit gerechnet, dass sie bereits wieder verschwunden war. Aber vielleicht hatte sie sich auch einfach nur nicht getraut. Er schüttelte unmerklich den Kopf und schob die Tür mit dem Fuß wieder zu.

Sie saß vor dem Kamin auf dem Boden, in ihre Decke gewickelt und mit dem Rücken an einen der beiden Stühle gelehnt. Als er hereinkam, versteifte sie sich und ließ ihn nicht aus den Augen. Wie ein verschrecktes Kaninchen, dachte er bei sich.

Kyr’ad zögerte und trat dann langsam und vorsichtig näher, bis er die beiden Teller auf dem Tisch abstellen konnte. „Du solltest etwas essen…“, knurrte er leise und setzte sich auf den zweiten Stuhl. Er hasste die Furcht, die er in ihren Augen sah – nur, weil er anders, fremd, nicht menschlich war. Und er hasste die Leute, die dafür gesorgt hatten, dass sie solche wie ihn fürchtete.

Er wollte und würde ihr nicht schaden – aber vermutlich würde er ihr das nie begreiflich machen können.

„W-wer … wer seid Ihr?“ Die zaghafte Stimme riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Sie war leise und voller Angst, aber irgendwo darunter lag brennende Neugier.

Überrascht blickte der Dunkelelf wieder von der Tischplatte auf, die er finster angestarrt hatte. Er … hatte nicht erwartet, dass das Mädchen den Mut zusammen nehmen würde, ihn anzusprechen. „Kyr’ad“, brummte er schließlich kurz angebunden, bevor er stockte. „Und wer bist du?“

Sie zögerte sichtlich, bevor sie langsam aufstand und sich auf den Stuhl ihm gegenüber setzte. „Ich … ich heiße Sofie…“, wisperte sie und wich seinem Blick aus, während sie sich eine Strähne ihrer dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht strich.

Dann blickte sie ruckartig zu ihm auf. „Was werdet Ihr jetzt mit mir machen?“, fragte sie zitternd und hüllte sich enger in ihre Decke, als würde sie sich darin verstecken wollen.

Kyr’ad hielt inne und erwiderte ihren Blick für einen langen Moment, bevor er leicht den Kopf schüttelte. „Ich werde dir nicht wehtun, Mädchen … Sofie. Darauf hast du mein Wort.“ Er hatte noch nie ein Kind verletzt, und er würde auch nicht damit anfangen. Außerdem, wo wäre denn da der Sinn? Er rettete sie vor dem Erfrieren, nur um ihr danach zu schaden? Also bitte.

„Versprochen?“ In ihren Augen lag Unsicherheit, doch sie schien ihm zumindest glauben zu wollen. Kyr’ad nickte ihr bestätigend und hoffentlich auch zumindest ein bisschen aufmunternd zu – obwohl er nicht wirklich wusste, wie erfolgreich er damit war – und schob einen der beiden Teller zu ihr hinüber. „Versprochen.“

Erst, als sie beide ihre Teller gelehrt hatten, nahm er das Gespräch wieder auf. „Was macht ein Kind in deinem Alter nachts alleine draußen im Grauen Viertel, und das bei dieser Kälte? Machen sich deine Eltern keine Sorgen um dich?“ Er wusste nicht, ob sie darüber reden wollte – vielleicht war sie von Zuhause weggelaufen –, aber er musste zumindest fragen.

Sofie zuckte zusammen und blickte ängstlich zu ihm auf. Zu seinem Erstaunen und seiner Beschämung glitzerten Tränen in ihren Augen. „I-ich habe keine … Eltern m-mehr…“, brachte sie stockend heraus und wischte sich mit dem Ärmel über die Nase. „Mama ist ge-gestorben, als ich noch klein war, u-und Papa ging zu den Sturmmänteln, und … und eines Tages k-kam er nicht mehr zurück…“

Hätte er bloß nicht gefragt… Von Schuldgefühlen zerfressen, starrte Kyr’ad hilflos auf das Mädchen vor ihm, das nur mit Mühe und Not die Tränen zurückzuhalten schien. Und was sollte er jetzt tun? Er hatte noch nie viel mit Kindern zu tun gehabt… Schließlich rang er sich dazu durch, vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter zu legen und sie sanft zu drücken.

Nach einer Weile beruhigte Sofie sich wieder. Ohne aufzublicken murmelte sie eine beschämte Entschuldigung.

Kyr’ad schüttelte nur entschieden den Kopf. „Du brauchst dich für deine Tränen nicht zu schämen, Mädchen… Es ist völlig normal, dass du trauerst.“ Seine eigenen Eltern waren schon lange tot – gestorben, als er noch jung, aber immerhin beinahe erwachsen gewesen war. Er hatte lange nicht mehr an sie gedacht, außer an jenen seltenen Tagen, an denen er die Traditionen seines Volkes ehrte und zu den Geistern seiner Ahnen betete.

Schweigen breitete sich aus, während Sofie ihre Tränen trocknete. Erst, als sie verunsichert den Kopf hob, stellte er seine nächste Frage. „Und … niemand kümmert sich um dich? Wirklich niemand?“

Das Mädchen schüttelte schwach den Kopf. „Nein … ich bin allein.“ In ihrer Stimme lag solche Hoffnungslosigkeit, dass es Kyr’ad beinahe das Herz zerriss. Sie schien ihm nicht wirklich zu vertrauen, aber immerhin redete sie mit ihm. Vielleicht, weil sie sonst niemanden hatte, der ihr einfach nur zuhörte? „M-meistens verkaufe ich Blumen und Kräuter, um etwas Geld zu verdienen, aber … es ist so kalt, und ich kann im Schnee keine Pflanzen sammeln…“

Kyr’ad riss sich zusammen, damit Sofie ihm seine Wut nicht ansah. „Gibt es niemanden in dieser Stadt, der dir hilft?“, fragte er, und schaffte es nur mit Mühe und Not, seine Stimme ruhig zu halten. Sie war ein Kind. Man konnte von einem Mädchen in ihrem Alter nicht erwarten, für sich selbst zu sorgen. Und niemand hatte ihr Elend gesehen? Wohl eher gesehen und ignoriert, dachte er verbittert.

Sofie verneinte. „Nur Frau Giordano und Quintus, der Gehilfe des Alchemisten, kaufen hin und wieder einige meiner Blumen, und Kapitän Einsamsturm gibt mir manchmal ein paar Münzen, damit ich mir etwas zu essen kaufen kann…“

Der Dunkelelf atmete tief durch und ballte unter dem Tisch die Hand zur Faust. Diese … Leute … hätten ein Kind sterben lassen?! Und dann wagten sie es, Seinesgleichen als Monster darzustellen? Der Drache in seinem Inneren brüllte wutentbrannt. Aan kiir wah dir zaal?! Ag fent nust! Erst, als das Mädchen vor ihm zurückzuckte und ein leises, verängstigtes Wimmern von sich gab, beruhigte er sich wieder.

„Tut mir Leid…“, murmelte er beschämt und senkte den Kopf. „Ich hätte nicht die Kontrolle verlieren dürfen. Es ist nur … du wärst fast gestorben, und nicht ein einziger dieser Leute hat dir geholfen…“ Kyr’ad hatte nie viel Kontakt mit Kindern gehabt, und er konnte auch nicht von sich behaupten, dass er unbedingt ihre Gesellschaft suchen würde, aber … sie waren es wert, beschützt zu werden. Immerhin waren sie es, die die Zukunft dieser Welt formen würden.

„Warum … warum habt Ihr mir dann geholfen?“, fragte das Mädchen leise. „Alle sagen immer, dass Dunkelelfen…“ Sie schlug die Hände vor den Mund und schreckte zurück.

Kyr’ads Gesicht verfinsterte sich augenblicklich. „Dass Dunkelelfen was?“, fragte er scharf. „Dass wir Monster sind? Dass wir Kinder entführen und bei lebendigem Leib verspeisen? Dass wir Menschen gefangen nehmen und in irgendwelchen dunklen Ritualen den Daedra opfern?“ Ohne es zu merken, war seine Stimme lauter und lauter geworden. Schwer atmend unterbrach er sich selbst.

Er verschränkte die Arme und wandte den Kopf ab. Natürlich würde er es nie zugeben, aber … beim Tribunal, diese Schmähungen taten weh. In diesem Land gab es so viele, die niemals über seine spitzen Ohren und seine Haut- und Augenfarbe hinausblickten. So viele, die sich nicht einmal die Mühe machten, ihn kennen zu lernen. Er gab freimütig zu, dass er vielleicht nicht unbedingt der einfachste Zeitgenosse war, aber … es schmerzte, immer und immer wieder ausgestoßen und verachtet zu werden.

Eine federleichte Berührung an seinem Arm, so sanft, dass er sie durch seine Rüstung kaum spürte, brachte ihn dazu, Sofie wieder anzublicken. In ihren Augen sammelten sich erneut Tränen, und sie wirkte, als würde sie nichts lieber tun, als seinem Blick beschämt auszuweichen. Aber das tat sie nicht.

„E-entschuldigung…“, wisperte sie unsicher und drückte seinen Arm vorsichtig. „Mama … Mama hat immer gesagt, ich soll nicht schlecht über jemanden reden, den ich nicht kenne… Aber alle sagen immer, dass Dunkelelfen böse sind, und … da habe ich es geglaubt.“ Sie holte tief Luft und blickte herunter auf ihre Hand, die noch immer auf seinem Unterarm ruhte. „Aber … Ihr habt mir geholfen…“

Kyr‘ad hielt unwillkürlich den Atem an, als sie wieder aufblickte, und in ihren braunen Augen lag eiserne Entschlossenheit, auch wenn sie noch immer feucht glänzten. „Danke“, sagte sie mit überraschend fester Stimme. „Danke dafür, dass Ihr mich gerettet habt.“

Der Dunkelelf konnte nicht anders, als vollkommen sprachlos zu ihr herunterzustarren. Sie … hatte sich bei ihm entschuldigt? Warum?! Noch nie hatte sich ein Mensch für so etwas bei ihm entschuldigt…

Schließlich gelang es ihm, seine Erstarrung abzuschütteln, und er warf ihr ein vorsichtiges Lächeln zu, während er nickte. „Ist schon gut… Du konntest es ja nicht besser wissen.“

Das strahlende Lächeln, das er als Antwort erhielt, hätte den ganzen Raum erhellen können.




Aan kiir wah dir zaal?! Ag fent nust! – Ein Kind zum Sterben verdammen?! Brennen sollen sie!
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