Herdfeuer

GeschichteAllgemein / P12
26.08.2019
07.10.2019
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Himmelsrand im Winter war unvergleichlich.

Kyr’ad hatte auf seiner Reise nach Windhelm immer wieder innegehalten, um die Schönheit der verschneiten Landschaft zu bewundern. Tamriels nördlichste Provinz war ein raues, hartes Land, noch immer geplagt von den Narben des Bürgerkrieges. Der Schnee verbarg all dies und ließ Himmelsrand rein und unberührt erscheinen, fast friedlich.

Doch der Winter war so hoch im Norden auch unglaublich gefährlich. Vor drei Tagen war in einiger Entfernung hinter ihm eine Lawine niedergegangen. Ein erschreckendes, aber gleichzeitig fesselndes Naturschauspiel, und eines, das er nicht überlebt hätte, wenn es ihn getroffen hätte, Drachenblut hin oder her.

Aber der bei weitem gefährlichste Feind war die Kälte.

Als Dunkelelf bevorzugte Kyr’ad eigentlich wärmeres Klima, auch wenn er sich im Großen und Ganzen an das kühle Wetter Himmelsrands gewöhnt hatte. Doch jeder einzelne Winter, den er bisher in diesem Land erlebt hatte, hatte ihn zum Fluchen gebracht. Vvardenfell war um diese Jahreszeit so viel angenehmer…

Grummelnd vergrub Kyr’ad sich tiefer in seinem mit Fell gefütterten Umhang und zog die Kapuze zurecht, die der Wind ihm stetig vom Kopf zu reißen versuchte, während er durch die verschneiten Gassen von Windhelms Steinviertel stapfte.

Er war zum ersten Mal seit der Belagerung der Stadt durch die kaiserlichen Truppen hier, und noch immer trugen einige Gebäude die Spuren des Kampfes. Er erinnerte sich nicht gerne an jenen Tag – an den Tag, an dem Ulfric Sturmmantel gestorben war.

Kyr‘ad hatte den Mann verachtet, das stimmte. Aber auf seine Weise war der ehemalige Jarl von Windhelm ein ehrenhafter Mann mit Prinzipien gewesen, wenn auch fehlgeleitet. Es hatte keinen anderen Weg gegeben, denn nur sein Tod hatte den Kampfgeist der Rebellen endgültig brechen können. Er hatte um ein würdevolles Ende im Zweikampf gebeten – ein letzter Wunsch, den Kyr’ad ihm nicht hatte verwehren können.

Kaum einer der Bewohner Windhelms, mit Ausnahme der Flüchtlinge im Grauen Viertel, würde es je zugeben, aber Ulfrics Niederlage war das Beste, was ihnen hätte passieren können. In den letzten Kriegswochen – während die kaiserlichen Truppen sich auf die entscheidende Schlacht vorbereitet hatten und alle anderen rebellierenden Jarltümer bereits erobert worden waren – war der Nachschub knapp geworden, und sie hatten kurz vor einer Hungersnot gestanden.

Noch betrachteten die meisten die Kaiserlichen als Besatzer, aber das würde sich ändern, soviel wusste Kyr’ad sicher. Immerhin schrieben die Sieger die Geschichte. Vielleicht würden die Barden irgendwann von einem heroischen Zweikampf zwischen dem letzten Drachenblut und dem verräterischen Jarl von Windhelm singen, ein episches Duell, dass drei Tage und Nächte andauerte … oder was auch immer ihnen in den Sinn käme.

Der Dunkelelf seufzte leise und zog die Kapuze erneut tiefer ins Gesicht, als eine Böe schon wieder drohte, sie ihm vom Kopf zu zerren, während er den zentralen Platz überquerte. Auf dem Weg von Rifton nach Winterfeste war er von einer Gruppe ausgehungerter Banditen überfallen worden – ehemalige Sturmmäntel, ihren zerrissenen Uniformen nach zu urteilen – und auch wenn er nur Kratzer davongetragen hatte, so war seine Ausrüstung doch in Mitleidenschaft gezogen worden, und daher hatte er in Windhelm einen Zwischenstopp einlegen müssen.

Qengul Kriegsamboss, der in Windhelm ansässige Schmied, hatte die Reparaturen zwar ohne Widerworte vorgenommen, Kyr‘ad aber die ganze Zeit über giftige Blicke zugeworfen, ebenso wie sein Lehrling. Beide waren, wie er erfahren hatte, glühende Anhänger Ulfrics gewesen.

Und damit waren sie bei weitem nicht die Einzigen in dieser verdammten Stadt.

Er mochte Windhelm nicht. Die Stadt wirkte selbst an guten Tagen grau und streng, und auf eine merkwürdige Weise unnachgiebig. Konnte eine Stadt stur sein, so war diese es sicher. Bisher hatte er sich hier nie wohlgefühlt, und das würde er vermutlich auch niemals. Aber er hatte seine Ausrüstung ausbessern lassen müssen, bevor er seine Reise fortsetzte, und mittlerweile war es zu spät, um noch weiterzureiten.

Kyr’ad seufzte erneut und stapfte durch den Schnee, der ihm immerhin bis zur Mitte der Unterschenkel reichte, vorbei am Gasthaus Kerzenschein. Er ahnte, dass man ihn dort nicht willkommen heißen würde, und er wollte zur Abwechslung einmal eine ruhige Nacht verbringen.

Zum Glück hatte er eine Alternative.

Das Graue Viertel wirkte noch immer heruntergekommener als der Rest der Stadt, aber immerhin schien der Schutt in den schmalen Gassen beseitigt worden zu sein. Hier war er wenigstens unter Seinesgleichen, und man würde ihm nicht einfach nur wegen seiner Rasse und Herkunft Vorurteile entgegenbringen. Außerdem kannte er den Eigentümer des Neu-Gnisis-Clubs schon länger, und wusste, dass er dort einen Platz für die Nacht finden würde.

Ein kaum wahrnehmbarer Laut ließ ihn innehalten. Vielleicht würden manche ihn paranoid nennen, aber auf seinen Reisen konnte jeder Fehler, jede Unachtsamkeit sein Ende bedeuten. Also blieb er stehen und lauschte, während er gleichzeitig versuchte, in der Dunkelheit und im dichten Schneegestöber irgendetwas zu sehen.

Da! Da war es schon wieder! Kyr’ad verengte misstrauisch die Augen. Ein Wimmern… Nur von wem oder was? Beinahe lautlos, nur begleitet von dem kaum hörbaren Knirschen seiner Schritte im Schnee, folgte er dem Geräusch.

Wachsam bog er um eine Ecke und stoppte erneut, als er eine unförmige, halb eingeschneite Gestalt zwischen einem Fass und einem Mauervorsprung kauern sah. Eine Person? Kyr’ad runzelte die Stirn, als die Gestalt ein leises Schniefen von sich gab und zu versuchen schien, sich noch enger zusammenzurollen. Zu klein für einen normalen Erwachsenen … also entweder ein besonders kurzgeratener Bosmer oder ein Kind...

Ohne sich dessen bewusst zu sein, trat der Dunkelelf näher, bis er nur noch wenige Schritte entfernt war. Erst, als sein Schatten auf die Gestalt fiel, schien sie ihn zu bemerken und blickte panisch auf, während sie versuchte, sich noch enger an die Wand zu pressen.

Also doch ein Kind, dachte Kyr’ad bitter und machte einen Schritt zurück, um es nicht noch mehr zu ängstigen. Ein junges Mädchen, um genau zu sein, vielleicht gerade einmal neun oder zehn Sommer alt. Sie war viel zu blass, beinahe weiß im Gesicht, und durch nichts als zerlumpte Kleidung und eine mottenzerfressene Decke vor der Kälte geschützt.

Kyr’ad wusste, wenn er nichts tat, dann würde sie die Nacht nicht überstehen.

Nur … er war alles andere als gut im Umgang mit Kindern. Aber er konnte sie auch nicht einfach sterben lassen, oder?

Kurz zögerte er, dann legte er seinen Umhang ab und kniete sich hin. Augenblicklich begann er zu zittern, als sich die Kälte in seine Glieder fraß, aber er unterdrückte es so gut wie möglich und hielt dem Mädchen den schweren Umhang hin. „Hier…“, sagte er so sanft, wie es seine raue Stimme erlaubte.

Sie machte keine Anstalten, den Umhang zu nehmen, sondern schien im Gegenteil eher zu versuchen, noch mehr vor ihm zurückzuweichen, während sie ängstlich den Kopf schüttelte.

Kyr’ad seufzte. Die Kälte zehrte an seinen Nerven, und das Mädchen musste ins Warme. Dringend. „Ich werde dir nicht wehtun… Wenn ich es gewollt hätte, dann hätte ich es schon längst getan.“ Er konnte nicht verhindern, dass sich seine zunehmende Ungeduld in seinen Worten wiederspiegelte.

Was natürlich alles andere als vertrauenserweckend war. Das Mädchen schreckte vor ihm zurück und schüttelte nur erneut heftig den Kopf, noch immer, ohne ein Wort zu sagen. Stattdessen zog sie ihre Decke enger um sich. Ihre Finger hatten mittlerweile jedes Bisschen Farbe verloren und wirkten beinahe blau vor Kälte.

Er hätte es vorgezogen, dass sie seine Hilfe freiwillig annahm, aber… Kyr’ad grollte leise und stand auf. Bevor sie sich wehren konnte, hatte er sie in seinen Umhang gewickelt und hochgehoben.

Das Mädchen erstarrte wie eine Maus in den Fängen einer Katze. Diese Erstarrung währte allerdings nur wenige Momente, bevor sie anfing, um sich zu schlagen – erfolglos. Eingewickelt in ihre Decke und Kyr’ads Umhang konnte sie sich kaum bewegen, und sie war geschwächt, sowohl durch die Kälte als auch, wie er vermutete, durch Hunger. Sie war viel zu leicht für ihr Alter.

Aber selbst im Vollbesitz ihrer Kräfte hätte sie dem Dunkelelfen nichts entgegenzusetzten gehabt.

„Ruhig, Kind“, grummelte er und marschierte zügig durch die schmalen Gassen in Richtung des Neu-Gnisis-Clubs. „Wenn du noch länger hier draußen bleibst, wirst du erfrieren.“ Undankbares Gör.

Langsam ließ ihre Gegenwehr nach – vermutlich eher aufgrund von Erschöpfung als von Schicksalsergebenheit – und als er die Tür der Taverne aufstieß, war sie bereits eingeschlafen.





Das Mädchen wachte erst am nächsten Tag wieder auf, kurz bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreichte.

Noch immer schneite es draußen, auch wenn der Schneefall deutlich nachgelassen hatte. Kyr’ad hatte den Morgen damit verbracht, mit Ulundil, dem Altmer, der die Ställe von Windhelm führte, zu sprechen, und hatte dann einige seiner Vorräte aufgefrischt. Es schien, als würde sich seine Abreise etwas verzögern – nicht, dass ihm das sonderlich leidtun würde. Ein oder zwei Tage Ruhe würden ihm ganz gut tun, während er die Sache mit dem Mädchen klärte.

Was hatte sie zu der Zeit draußen gemacht, ganz allein? Wo waren ihre Eltern? Und waren die Bewohner dieser Stadt wirklich so herzlos, dass sie ein Kind erfrieren lassen würden?! Denn genau das wäre geschehen, wenn er sie nicht gefunden hätte…

Den Göttlichen sei Dank dauerten diese Besorgungen nicht sehr lange, und so war er zumindest zurück, bevor sie wieder zu sich kam.

Ein leises Schniefen aus Richtung des Bettes ließ Kyr’ad aufblicken. Das Mädchen zog die dicke Decke enger um sich und versuchte, sich aufzusetzen.

„Du solltest besser liegen bleiben…“, murmelte er und klappte das Buch, mit dem er sich die Zeit vertrieben hatte, vorsichtig wieder zu, nachdem er sich die Seite markiert hatte. Hoffentlich würde dieses Gespräch besser laufen als ihre erste Begegnung…

Das Mädchen schreckte zusammen und blickte sich panisch um. Er konnte es ihr nicht wirklich übelnehmen. Sie war an einem unbekannten Ort, vermutlich ohne Erinnerung, wie sie hierhergekommen war – er selbst hätte wahrscheinlich ähnlich reagiert.

Er konnte exakt sagen, wann sie ihn bemerkte. Für einen langen Moment starrte sie ihn an und er beobachtete, wie ihr Blick über seine Gestalt huschte – die abgetragene, aber gepflegte Rüstung, die dunkelgraue Haut, das silberne Haar, zu einem lockeren Zopf gebunden, die grausame Brandnarbe, die seine linke Gesichtshälfte entstellte, und zuletzt seine blutroten Augen, die im Schein des Kaminfeuers bedrohlich glühen mussten.

Kyr’ad wusste, dass er alles andere als vertrauenswürdig oder gar freundlich wirkte.

Dennoch verzog er das Gesicht, als sie mit einem erstickten Schrei vor ihm zurückzuckte und zu versuchen schien, sich unter der Decke zu verstecken. Und auch, wenn er das niemals laut zugeben würde … er war enttäuscht, und mehr als nur ein wenig verletzt.

Was hatte er ihr getan? Nichts, so sah es aus. Ganz im Gegenteil, er hatte ihr das Leben gerettet. Ohne seine Hilfe wäre sie in der letzten Nacht erfroren. Und doch starrte sie ihn panisch an, ohne ihm direkt in die Augen zu schauen, als wäre er ein … ein Monster

Der Dunkelelf runzelte die Stirn und schnaubte abfällig. War es das? Weil er ein Dunmer war? Innerlich jedoch fühlte er, wie etwas in ihm ein Stückchen mehr zerbrach.

Er war das Drachenblut. Die meisten Bewohner Himmelsrands nannten ihn einen Helden und ehrten ihn als ihren Retter, und dennoch … trotz allem, was er für sie getan hatte… Kyr’ad senkte den Kopf und seufzte stumm. Dennoch konnte er nirgendwo hingehen, ohne für seine Rasse verachtet und angefeindet zu werden. Irgendwann hatte er aufgehört, diese Vorfälle zu zählen.

Ruckartig stand er auf, nicht in der Lage, ihre Gegenwart noch länger zu ertragen – eine Erinnerung daran, dass er nicht nach Himmelsrand gehörte und niemals wirklich gehören würde.

„Iss!“, grollte er und deutete auf die noch leicht dampfende Schüssel Eintopf auf dem kleinen Tisch, die er eigentlich für sich selbst mitgebracht hatte. „Du brauchst es.“

Mit diesen Worten stürmte er aus dem gemieteten Zimmer und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
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