Dove or Pigeon?

GeschichteAllgemein / P12
26.08.2019
26.08.2019
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Marie bemerkte das seltsame Verhalten der Umstehenden nicht, da sie in Gedanken einen Dialog darüber führte, ob die menschliche Rasse abstoßend war, oder nicht. Die Stimme in ihrem Kopf, die sie begleitet hatte, als sie beschlossen hatte, all ihre Emotionen zu verdrängen, wollte einfach nicht die Klappe halten. Marie hatte den leisen Verdacht, dass sie ein Produkt ihrer unterdrückten Gefühle war, ein nerviger, bedeutungsloser Wind, wo einst ein Sturm getobt hatte. Durch einen plötzlichen Schlag, der sie nach hinten taumeln ließ, hielt die Stimme endlich den Rand und kroch in den hintersten Winkel von Maries Bewusstsein zurück. Allerdings pochte nun ihre Nase nervig schmerzhaft und fühlte sich geschwollen an. Während sie in ihrer Tasche nach einem Taschentuch kramte, um die Blutung zu stoppen, bemerkte sie, dass sie allem Anschein nach in eine Prügelei geraten war. Als die beiden Kontrahenten sie bemerkten, vergaßen sie ihren Streit und bemühten sich, ihr zu helfen, wobei sie sich in Maries Augen erbärmlich oft entschuldigen und sie mit Blicken ansahen, in denen sie mit Mühe etwas wie Besorgnis und eine seltsame Verklärtheit lesen konnte - ein weiterer Punkt für „abstoßend".
„Wie bitte? ", erkundigte sich der Junge, mit dem sie nun schon seit drei Jahren in eine Klasse ging, von dem sie sich jedoch nicht die Mühe machen wollte, seinen Namen zu lernen. Ihr kam der Verdacht, dass sie „abstoßend" nicht nur gedacht hatte. Die beiden Jungen waren aber so sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig Vorwürfe für den Vorfall zu machen, dass sie nicht weiter darüber nachdachten.
Marie überlegte, ob sie nicht mal Impulskontrolle trainieren sollte.
Währenddessen schaukelte sich die Meinungsverschiedenheit der Jungen immer weiter hoch bis sie anfingen, sich anzuschreien und nur wieder aufeinander losgingen.
„Wie erbärmlich”, dachte Marie sich, während sie auf die sich jetzt auf dem Boden prügelnden Jungen hinabsah, sich entschied, dass es es nicht wert wäre, weitere Lebenszeit mit diesen Kreaturen zu verschwenden und stapfte, ohne einen letzten Blick auf sie zu werfen, auf ihrem Weg weiter.
„Halt, warte! ", ertönte eine keuchende Stimme hinter ihr. Sie drehte sich halb um, sah, dass die Jungen ihr gefolgt waren und setzte den Heimweg fort. Nachdem die beiden einen verwirrten Blick getauscht hatten, indem sie für eine Sekunde für Verbündete in ihrer Ratlosigkeit wurden, lieferten sie sich ein Wettrennen zu ihr und kamen schließlich keuchend neben ihr zum Stehen. Sie ging weiter, doch nun folgten diese Idioten ihr und begannen beide gleichzeitig den verzweifelten Versuch, ein Gespräch mit ihr anzufangen.
Sie blendete sie aus, wie sie auch das zwitschern der Vögel ausblendete. War im Winter ihrer Meinung nach sowieso total unangemessen.
Dann wagte einer der Jungen es, ihr einen Arm um die Schulter zu legen und sie zuckte, widerstand dem Drang, ihm die Nase zu brechen im letzten Moment, denn das hätte nur jede Menge Papierkram bedeutet.
„Jetzt sag doch mal", begann der Kerl, während sein Konkurrent es ihm auf der anderen Seite gleichtat, „welchen von uns findest du besser? Mit wem willst du lieber ausgehen? "Die Arme der beiden berührten sich auf Maries Schultern.
„Ausgehen?"
Das war also der Grund für ihre Schlägerei und Anhänglichkeit gewesen: Wie die Tiere hatten sie sich um das Weibchen zur Paarung gestritten, ohne dessen Wünschen auch nur im Geringsten Beachtung zu schenken.
„Wollt ihr es wirklich wissen?"
Die beiden nickten und als Marie zum ersten Mal einem von ihnen - dem Linken - in die Augen sah, war sie beinah ein wenig amüsiert von der kindlichen Unschuld und Vorfreude darin.
„Ihr seid beide erbärmlich. Ich bin ein Freak, meine Lieben. Der Klassenfreak. Kriegt ihr ernsthaft keine Bessere ab? "
Damit setzte sie ihren Weg fort und ließ zwei reichlich bedröppelte junge Männer arm in Arm zurück.
„Aber... Du bist wunderschön!", rief ihr einer der beiden nach und sie überlegte, ihm zu erklären, dass Schönheit ein gesellschaftliches Konstrukt war, doch das hatte bei ihm wahrscheinlich eh nichts geholfen.
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