Eine Droge, die sie auffrisst

KurzgeschichteAllgemein / P12
25.08.2019
25.08.2019
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Eine Droge, die sie auffrisst



Um ihrer Welt, ihrer Realität zu entkommen, tat sie das, was sie für gewöhnlich tat. Sie trat in das Wohnzimmer, knipste das licht an und ließ sich auf dem Sessel nieder. Er sah aus wie aus den Geschichten, die von einer früheren Zeit sprachen und sie passte perfekt hinein. An den Seiten konnte sie ihren Kopf ablegen, um ihn nicht mühsam hochhalten zu müssen. Den, für den Sessel vorgesehenen Hocker, brauchte sie höchstens, um eine Tasse Tee abzustellen, denn der Sessel war so breit, dass sie bequem ihre Beine anwinkeln konnte.

Genau das tat sie auch jetzt: setzte sich hin, stellte ihren Tee ab und schlug die heutige Droge auf. Es roch noch Papier und Druckerschwärze doch sie stellte sich gern vor, es röche nach Staub, Pergament, Tinte und Sonnenstrahlen. Sie vertiefte sich in die Geschichte, ließ einen Film vor ihrem inneren Auge abspielen, welcher nie ganz komplett war. Immer nahm sie nur einige Details des Ganzen wahr. Die Zärtlichkeit einer Hand auf der Haut oder doch die Verzweiflung die sie mit der Person teilte, deren Geschichte sie gerade las.
Doch nie sah sie deren Gesichter. Höchstens ein kleines Erhaschen auf leuchtende Augen oder Lippen, um die der Schalk spielte.
Sie las einfach und vergaß dabei fast, dass es gar nicht ihre Geschichte war, welche sie vor sich hatte. Und sie vergaß auch, dass deren Geschichten meißt nur wünschenswert waren, wenn man nur  über sie las.
Und gerade als Miss Bennet vor ihren Augen durch den Regen lief, riss sie etwas aus miss Bennets Geschichte.
Die Realität hatte sie zurück.

Mit einem Seufzer schloss sie ihre Droge und stand auf. Es gab Essen und das hieß leichte Konversation mit der Familie zu betreiben. Ihr Stiefvater sprach, wie immer, von der Arbeit, ihre Mutter über ihre Kollegen und ihr Bruder sprach meist nur, wenn eine Frage gestellt wurde denn er erlebte genauso wenig wie sie selbst. Lustlos wie eh und je schob sie das Essen auf ihrem Teller herum. Essen tat sie es trotzdem schließlich musste sie etwas zu tun haben. Doch seit geraumer zeit fehlte ihr die Lust daran. Nicht einmal ihr Essen schien ihr noch Freude zu bereiten und so fragte sie sich jetzt schon zum wiederholten Male, was sie eigentlich falsch machte, dass sie jetzt schon ihren liebsten freund, das essen verlor.

Nachdem diese Pflicht vonstatten gegangen war, setzte sie sich für eine kurze Zeit in ihren Sessel. Lange würde sie dort nicht mehr bleiben können. Denn wie jeden Abend wurde von ihren Eltern der Fernseher angemacht und dann war es vorbei mit der Ruhe.

So oft stellte sie sich vor sie säße in der Bibliothek oder in der kleinen Wohnung auf der Couch von Mr. Reed. Dort wäre nämlich eine weitaus harmonischere Hintergrundmelodie vorzufinden als hier, in ihrer eigenen Realität. Doch dort war sie nicht. Sowieso dürfte sie nicht dorthin, da es für die Frauen, zu der Zeit, schon als unsittlich galt eine Bibliothek auch nur zu betreten. Außerdem war sie auch nicht Miss Crumb weswegen Mr. Reed sie auch gar nicht bei sich haben wollen würde.

Was nur weckte in ihr diesen Wunsch, diese Sehnsucht?
Wie kann es sein, dass ihr einziges Begehr zurzeit ist, in einer großen Bibliothek, mit alten Büchern, zu arbeiten? Und dies zu einer zeit, in der die Arbeit mit Büchern vom aussterben bedroht ist.
Wie kann es sein, dass sie solch eine Sehnsucht und Leidenschaft entwickelt?
Sie selbst hat einen Freund, den sie auch zu lieben glaubt. Doch wenn sie einmal Leidenschaft selbst gekostet hat und auch tausende Male davon gelesen hatte, so kann sie schwer glauben, dass das alles gewesen sein sollte, was das Schicksal ihr zu bieten hatte.

Sie empfand Glück, keine Frage.
Doch ist es nicht bezeichnend, dass das Glück nur für einige Momente verbleibt? Denn das heißt auch nur, dass sie nicht von Dauer ist und dass das Tief danach einen die glücklichen Momente kleiner erscheinen lässt. Kleiner als zu der Zeit, dieser kurzen Zeit, in der man eben diesen Glück empfand.

Denn wenn sie zu sich ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass sie ohne ihre Droge, eine Hülle war. Versank sie gerade nicht in ihrer Droge, um ihre Welt mit fremden Worten zu füllen, so versuchte sie doch alles mit dieser zu vergleichen. Wie sollte man auch zu seiner eigenen Realität zurückkehren, wenn die Personen in den Geschichte viel klüger. Leidenschaftlicher, ja viel lebendiger waren?

Dagegen verblasste man selbst nur und die eigene Welt erscheint einem Fad. Die eigenen Probleme, die sie selbst besaß, wurden durch ihre Droge auch nur aufgeschoben und nicht aufgehoben. Doch wer kämpft schon für etwas, für das er keine Motivation, keinen Antrieb hatte?
Ja, wer, frage ich mich?
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