Im Land der Sonne

GeschichteDrama, Romanze / P16
24.08.2019
19.01.2020
40
270858
29
Alle Kapitel
92 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 

 Did i tell you  - Rebecca Lavelle    

Did I tell you that I love you today?
Have I looked into your eyes
'Cos I've taken down the last remaining walls
And showed myself to you
As I am
All my fault
All my flaws
All my yearning ...
Oh, I love you
Always have and always will
And I want to fix this moment
Hold it near
Hold is deep
Hold it still
Did you know how scared I used to be?
Scared for you, scared of me
But taking down this barrier
And touching you at last
Has broken all that down...
Into dust





Immer, wenn Alex in Frankfurt in den Flieger gestiegen war, hatte sie Fernweh gehabt. Sie wollte neue Abenteuer erleben, neue Länder und Kulturen kennenlernen. Sie wollte das Unbekannte entdecken und Neues über sich selber erfahren. Mit jeder Reise, die sie gemacht hatte, hatte sie mehr über sich selbst erfahren. Sie war reifer geworden. Sie hatte einfach immer weggewollt.

Als sie dieses Mal in das Flugzeug gestiegen war, war es anders. Sie hatte kein Fernweh, sondern Heimweh. Heimweh nach einem Land, das sie kaum kannte. Dennoch vermisste sie es. Sie vermisste nicht nur die Menschen, die sie dort kennengelernt hatte, sondern auch die rote Erde Australiens oder den Geruch der Wildblumen. Sie sehnte sich nach dem Gefühl des Grases, wenn sie mit nackten Füßen darüber lief. Sie vermisste den Wind in ihren Haaren, wenn sie auf dem Rücken eines Pferdes über die Weiden ritt. Sie vermisste die klaren Sternennächte und die Abende mit Toni auf der Veranda. Sie vermisste sogar die Schmerzen, die abends ihren Körper plagten, wenn sie den ganzen Tag auf der Farm gearbeitet hatte.
Vor allem vermisste sie Toni, Luke, Maya und Ryan. Vor allem Ryan.

Sie blickte auf das Buch, das in ihrem Schoss lag. Anja hatte es ihr zum Abschied geschenkt. Ihre Freundin hatte Alex zum Flughafen gefahren und es war schlimm gewesen. Alex war noch nie gut gewesen, sich von Leuten zu verabschieden. Es erinnerte sie immer zu sehr an den Abschied von ihrer Mutter. Aber sie wusste auch, dass sie glücklich darüber sein konnte, dass sie die Zeit des Abschiedes überhaupt hatte. Ihre Mutter hätte auch von heute auf morgen sterben und von einem Tag auf den anderen nicht mehr in ihrem Leben sein können. So hatten sie beide wenigstens die Zeit gehabt, mit dieser Situation umgehen zu können. Es war natürlich nicht einfach, mit ansehen zu müssen, wie ihre Mutter immer mehr den Kampf gegen den Krebs verlor. Aber sie hatten dennoch die Zeit gehabt, sich zu verabschieden. Toni hatte diese Gelegenheit nicht gehabt. Harry war einfach gestorben. Sie hatte sich nicht von ihm verabschieden können. Sie hatte ihm niemals sagen können, was sie ihm immer sagen wollte.
Alex wusste, dass Toni sich deshalb schlimme Vorwürfe machte.
Seitdem wusste Alex, weshalb Abschiede nicht immer das Schlimmste waren. Sie taten einem weh. Aber manchmal waren sie notwendig, damit es einem nicht noch mehr wehtat.

Die Blonde strich über das Cover des Buches und lächelte. Es ging um die Ureinwohner Australiens. Anja hatte ihr ein Buch über die Aborigines geschenkt, damit Alex mehr von dem Land wusste, dass sie jetzt zu ihrer neuen Wahlheimat erklärte. Als sie das Buch während des Fluges las, während alle anderen Passagiere schliefen und die Lichter eigentlich alle ausgemacht wurden, merkte sie, dass sie vieles über dieses Land noch nicht wusste. Weder über die Ureinwohner, noch über die Briten, die 1788 anfingen, Kolonien in Australien zu bauen. Die Aborigines besiedelten vor etwa 40.000 bis 60.000 Jahren den Kontinent vom Norden ausgehend und waren kein einheitliches Volk, wie sie irrtümlich geglaubt hatte. Sie unterschieden sich in Gebräuchen und Sprachen. Mit der Ankunft der Europäer ab 1788 sank die Zahl der Aborigines von geschätzten 300.000 bis 1.000.000 Einwohnern auf 60.000 im Jahr 1920, hauptsächlich wegen eingeschleppter Krankheiten aus Europa, aber auch durch gewaltsame Konflikte mit den Siedlern um die Rechte an dem Land. Aborigines kämpften für ihr Land und wurden doch von den Weißen zurückgedrängt. Dann kamen sie zu den Weißen in die Städte, angelockt durch Neugier und wollten mit ihnen leben. Doch auch dies wurde ihnen schwer gemacht. Sie hatten vom Gesetz her zwar die gleichen Rechte, aber in der Wirklichkeit sah das ganz anders aus.

Es gab vieles, dass sie von Australien noch nicht wusste, auch noch nicht gesehen hatte. Aber sie wollte mehr über dieses Land erfahren. Vielleicht konnte sie ja mit Toni oder Ryan ein paar Ausflüge machen. Sie würde gerne die anderen großen Städte kennenlernen, auch das Great Barrier Reef oder den Norden
des Kontinents.

Aber es war ihr egal, welche Geschichte Australien hatte, wie alt die Erde war oder was dort alles passiert war. Sie kehrte nicht zu dem Land zurück. Sie kehrte zu ihrem Heimatland zurück. Sie kehrte zu ihrer Familie zurück.

Sie war aufgeregt und auch sonst innerlich sehr unruhig. Normalerweise gehörte sie nämlich auch zu den Reisenden, die in einem Flugzeug sofort schlafen konnten. Doch dieses Mal konnte sie es nicht. Es war ein komisches Gefühl, dass all ihre Habseligkeiten jetzt in den zwei Koffern waren, mit denen sie reiste und in den wenigen Kisten, die sie sich nachschicken ließ. Sie hatte ihr Auto verkauft, all ihre Pflanzen Arbeitskollegen oder Anja geschenkt. Aber sie hatte gemerkt, dass sie vieles von den Dingen, die sie besaß, gar nicht brauchte. Deswegen war der Abschied von ihrem alten Leben auch gar nicht so schwergefallen. Ihre Eigentumswohnung hatte sie einem Makler zum Verkaufen gegeben. Um den Rest würde sich Anja kümmern. Sie hatte ihr Leben in Deutschland wirklich aufgegeben.

Natürlich hatte sie schon mit dem Gedanken gespielt, was würde sein, wenn das mit dem Leben in Australien nicht klappte. Dort Urlaub zu machen war doch etwas ganz anderes, als für immer dort wohnen zu wollen. Sie musste immer den Kopf schütteln, wenn sie die Leute im Fernsehen dabei beobachtete, wie sie mit kaum Ersparnissen in ein Land auswanderten, von dem sie durch ihren Urlaub begeistert gewesen waren. Sie hatte darüber immer gelacht.

Nun wanderte sie selber aus. Aber sie wusste auch, dass es bei ihr nicht ganz so schlimm war. Sie kannte die Sprache und sie hatte jemanden, an den sie sich dort unten wenden konnte. Sie wusste, wo sie wohnen und arbeiten konnte. Sie war sich zwar noch nicht sicher, ob sie für immer auf Kingsford arbeiten wollte oder ob sie sich nicht einen anderen Job in der Stadt suchen sollte. Aber das würde sie erst mit Toni klären müssen, schließlich gehörte Kingsford ihr.

Sie war auch nervös, weil sie nicht wusste, wie Ryan auf ihr Wiedersehen reagieren würde. Alex würde es sogar verstehen, wenn er ihr einfach die Tür vor der Nase zuhauen würde. Sie konnte schließlich nicht erwarten, dass er ständig für ihre Stimmungsschwankungen bereit war. Außerdem hatte sie ihm selber gesagt, dass er nicht auf sie warten sollte. Er hatte zwar das Gegenteil gemeint, aber sie hatte das nicht von ihm verlangen können. Vielleicht hatte er inzwischen ja sogar diese Liza gerne, die sich um Alex‘ Wildpferde kümmerte. Sie hatte Toni nie nach Ryan ausfragen wollen, deswegen wusste sie nicht, wie es ihm gerade erging, was er machte oder für wen er etwas fühlte.

Sie musste einfach zu ihm gehen und es selber rausfinden. Etwas anderes blieb ihr einfach nicht übrig. Sie hatte nie jemanden anderen damit hineinziehen wollen, deswegen blieb ihr ja auch gar nichts anderes übrig, als es selber herauszufinden.




Es war noch dunkel, als Toni sich aus ihrem Bett schlich. Normalerweise musste sie sich gar nicht aus ihrem Bett schleichen, doch Luke hatte bei ihr übernachtet. Wie die letzten Nächte auch schon. Es verging kaum ein Tag wo sie sich nicht sahen, oder kaum eine Nacht, die sie nicht zusammen einschliefen, seit sie ihrer Beziehung eine Chance gaben. Luke lag immer noch in ihrem Bett und schlief tief und fest. Sie war in seinen Armen eingeschlafen. Es war wundervoll gewesen in den Armen des Mannes einzuschlafen, den man liebte, genau wie Alex ihr erzählt hatte. Toni hatte das früher nie verstanden oder geglaubt, dass sie das überhaupt brauchen würde. Geschweige denn, dass sie es vermissen würde. Aber wenn Luke nicht bei ihr schlief, fühlte sie sich in ihrem Bett, das ihr früher immer vollkommen gewirkt hatte, auf einmal ziemlich einsam und allein.

Jetzt jedoch fühlte sie sich schlecht, weil sie nicht mitbekommen würde, wie Luke neben ihr aufwachte und er sie dann immer nochmal an sich zog, einen Kuss auf ihre Schulter setzte und ihr einen „Guten Morgen“ wünschte, weil sie sich nun aus seiner Umarmung zog und aus dem Bett rutschte. Sie hatte ihre Kleidung am Vorabend fertig auf den Stuhl gelegt, schnappte sich diesen Haufen nun und öffnete die Tür.

„Hey, wo möchtest du hin?“

Toni fluchte innerlich und drehte sich zu Luke um, in der Erwartung, dass er sie mit großen fragenden Augen ansah. Aber Luke schien immer noch zu schlafen und hatte wohl nur im Halbschlaf mitbekommen, dass Toni sich aus seinem Arm gemogelt hatte. Er hatte die Augen immer noch geschlossen, sein linkes Bein lugte unter der Bettdecke hervor. Er lag auf dem Bauch und sein muskulöser Rücken lud sie dazu ein, sich gerade wieder neben ihn zu legen. Er hatte die Augen noch nicht mal geöffnet, nur sein Arm lag jetzt auf der Stelle an der sie eben noch gelegen hatte. „Ich komme gleich wieder“, sagte sie und wusste, dass es eine Lüge war. Sie würde nicht gleich wieder zu ihm ins Bett kriechen. Sondern sie würde nach Adelaide fahren.

Toni trat zu seiner Seite ans Bett, beugte sich zu ihm runter und küsste ihn auf die Wange. Er seufzte im Schlaf auf und Toni war sich sicher, dass er schon längst wieder eingeschlafen war. Die Brünette verschwand aus dem Zimmer und zog die Türe leise hinter sich zu. Sie hatte Alex versprochen, niemandem zu sagen, dass sie wieder zurück nach Australien kam. Toni hatte allerdings Maya in den Plan eingeweiht, damit Maya sie heute ein wenig mit der Arbeit vertreten konnte und auch schon Alex Zimmer wiederherrichten konnte. Toni wollte, dass für Alex Ankunft wieder alles hergerichtet war.
Dieses Mal würde Alex auch hierbleiben. Es war nicht leicht für Toni gewesen, dass sie keinem davon erzählen konnte, wie sehr sie sich darüber freute, dass Alex zu ihr nach Kingsford ziehen würde. Alex war für sie inzwischen mehr als nur ihre Cousine. Sie war ihre Freundin und irgendwie auch ihre Schwester. Sie gehörten einfach zusammen.

Dass sie Luke nicht erzählen konnte, wie sehr sie sich darüber freute, dass Alex nun nach Australien ziehen wollte, fiel ihr verdammt schwer. Er würde sich mit ihr freuen. Er würde mit ihr ein Fest für Alex organisieren. Aber genau das war es ja, was Alex nicht wollte. Sie wollte nicht, dass jemand erfuhr, dass sie wieder zurückkam. Sie wollte zuerst mit Ryan reden, sie wollte das wieder geradebiegen. Zumindest hatte Alex das so in der Email geschrieben. Es „geradebiegen“. Genau deswegen konnte sie es Luke auch nicht erzählen. Luke würde es Ryan erzählen, eben weil sie Brüder waren, die sich alles erzählten.





Die Blonde wartete am Gepäckband auf ihre beiden Koffer und sah auf ihre Armbanduhr. Ihr Flug hatte etwas Verspätung und sie hoffte, dass Toni nicht allzu lange auf sie warten musste. Sie hatte nicht wirklich schlafen können im Flugzeug, fühlte sich müde und schlapp. Aber jetzt freute sie sich auf ihre Cousine. Sie freute sich darauf, ihre Cousine wieder in die Arme zu schließen und bald wieder in Kingsford sein zu können. Ihrem Zuhause.

„Ich kenne Sie doch“, sprach sie jemand an und als sie zur Seite sah, erkannte sie den Mann wieder, den sie auch damals am Kofferband getroffen hatte. Was für ein Zufall, dachte Alex und lächelte ihn an. Statt wie damals eine graue Anzugshose und ein Jackett zu tragen, trug er heute eine Jeans und ein hellblau-kariertes Flanellhemd. So wie es auch Luke, Ryan oder Peter tragen würden. Seine Haare saßen heute nicht ganz so perfekt wie bei ihrer ersten Begegnung und jetzt konnte sie zum ersten Mal erkennen, dass er wie ein Australier aussah, der sein Land liebte. In diesem Aufzug passte er eher zu dem Land, als damals in seinem Anzug. „Scheint, dass Australien Ihnen gefallen hat, sonst wären sie ja nicht wieder hier, oder?“

„Ja, sehr sogar“, sagte Alex. „Vieles hat sich seit meiner ersten Ankunft hier für mich geändert. Ich habe mein zu Hause gefunden und hätte wohl nie gedacht, dass das hier in Australien sein würde.“

„Also habe ich ihnen damals nicht zu viel versprochen.“

„Nein, ganz und gar nicht.“ Er hatte ihr damals gesagt, dass sie dieses Land lieben würde und das tat sie auch. Sie hatte sich damals in dieses wundervolle, vielfältige Land verliebt, wie es bei keinem anderen Land der Fall gewesen war.

Alex lächelte, als sie ihre Koffer entdeckte. Sie hievte die Koffer vom Kofferband und auf ihren Gepäckwagen und lächelte den Fremden an. „Es ist toll wieder nach Hause zu kommen.“

„Ja, das stimmt. Willkommen, zu Hause“, sagte er dieses Mal.
Alex lächelte glücklich. So müde sie auch war, war sie glücklich. Sie war unendlich glücklich, wieder zu Hause zu sein.

Erwartungsvoll sah sie sich um, als sie ihren Gepäckwagen vor sich herschob und in die Empfangshalle des Flughafens trat. Sie suchte nach Toni, dieses Mal wusste sie, wie ihre Cousine aussah. Sie kannte den Ton ihrer Haarfarbe, genauso wie die Farbnuance ihrer braunen Augen. Sie kannte das Lächeln ihrer Cousine, genauso wie sie die Grübchen auf der rechten Wange von Toni kannte. Sie kannte den Klang von Tonis Lächeln, genauso wusste sie, wie Toni ihr Weinglas hielt, wenn sie abends gemeinsam auf der Veranda saßen. Oder wie zufrieden Toni nach einem anstrengenden Tag aussah. Sie wusste, welches Gesicht sie machte, wenn sie auf ihrem Pferd saß. Toni sah dann immer so erhaben aus, so mutig und stolz. So kraftvoll, als würde ihr die ganze Welt gehören, solange sie nur auf dem Rücken eines Pferdes saß.

Alex ließ den Gepäckwagen stehen, als sie ihre Cousine entdeckte. Sie rannte auf Toni zu und umarmte diese heftig. „Endlich“, mehr brachte sie nicht über die Lippen. Mehr musste sie auch nicht sagen. Denn in diesem einen Wort klang so viel Gefühl mit und Toni wusste, was Alex fühlte. Sie wusste, wie es ihrer Cousine erging. Wie glücklich diese war, ihre Cousine endlich wieder in den Armen zu halten. Denn genauso fühlte sie sich auch. Glücklich, ihre Cousine wieder bei sich zu haben.

„Ja, endlich“, stimmte Toni zu und hielt ihre Cousine fest an sich gedrückt. „Du weißt gar nicht, wie schrecklich ich dich vermisst habe.“

„Ich dich auch.“

Die beiden Frauen hielten sich lange fest. Keiner wusste, wie lange sie sich umklammert hielten. Aber das war auch nicht wichtig. Es war ziemlich egal, denn jetzt waren sie wieder vereint.

„Komm, lass uns nach Hause fahren.“

„Ja, bitte“, stimmte Alex ihr zu. Sie wollte jetzt nur noch nach Hause. Nach Hause nach Kingsford.






Sie hatte die ganze Autofahrt über geschlafen. Da sie im Flugzeug kaum geschlafen hatte, war sie erschöpft eingeschlafen, sobald Toni aus der Stadt gefahren war. Die Augen waren ihr einfach zugefallen, sie hatte gar nichts dagegen tun können. Dabei hätte sie sich so gerne noch mit Toni unterhalten. Sie wollte wissen, wie es allen ging und was sie verpasst hatte. Das Wichtigste war natürlich, dass sie wissen wollte, wie es Ryan ging. Aber sie konnte ihre Fragen nicht stellen, weil sie einfach zu müde war.

Als sie wieder aufwachte, blickte Toni sie lächelnd an. „Na, bist du wieder unter den Lebenden?“
Alex er widerte das Lächeln und richtete sich im Sitz auf. Ihr tat der Nacken etwas weh, aber das war ihr egal. „Ja, wie lange habe ich geschlafen?“

„Wir sind fast da.“

„Ja?“, fragte Alex erwartungsvoll. Sie blickte aus dem Fenster des Wagens und versuchte schon etwas Vertrautes zu erkennen. Die ersten Hügel von Kingsford? Bäume, die sie vielleicht kannte. Dann sah sie das Haus und es verschlug ihr der Atem.

„Halt an.“

„Was?“, fragte Toni überrascht.

„Halt an“, sagte Alex und war schon dabei, die Tür aufzureißen, während der Wagen noch fuhr.

Toni hielt den Wagen an und Alex stieg sofort aus. Sie war den Tränen nahe und wusste noch nicht einmal, warum sie sich so fühlte. Sie fühlte sich so glücklich, wie noch nie. Das Gefühl in ihrem Inneren schien zu bersten, es schien zu platzen, weil es viel zu groß für ihr Herz zu sein schien. Sie war nicht nur zu Hause, sie war endlich angekommen. Ihre Mutter hatte immer gemeint, dass Alex so gerne auf Reisen ging, weil sie im Inneren etwas suchte. Nun wusste sie endlich, was das war. Kingsford. Kingsford war ihr zu Hause. Sie hatte in ihren Reisen immer nach einem Ort gesucht, in dem sie zu Hause war. In dem sie immer Willkommen war. Dieses Gefühl hatte Kingsford ihr gegeben. Schon beim Anblick des Hauses fühlte Alex eine Art Erleichterung, die sie noch nie vorher gespürt hatte.

„Bist du in Ordnung?“, fragte Toni, die ebenfalls ausgestiegen war und sich neben ihre Cousine stellte.

Alex nickte und lächelte ihre Cousine an. Sie hatte ihre Finger vor der Brust verschränkt, als würde sie beten und sah zu dem Haus, dass sie so sehr liebte. Hier war ihre Mutter aufgewachsen. Ebenso ihr Onkel und ihre Cousine. Hier lebte ihre Familie seit Generationen und nun gehörte sie auch endlich dazu. Das hier war auch ihr Zuhause. „Ich will nur einen Augenblick diesen Ausblick genießen.“ Dieses Haus hatte ihr vom ersten Augenblick sehr gefallen. Sie hätte nie geglaubt, dass ein Haus in Australiens Mitte im Inneren eine so angenehme Kühle haben konnte. Es war wie eine Oase in einer Wüste. Die dicken Steine ließen die Hitze nie ins Innere dringen. Genauso war dieses Haus eine Oase für sie. Ein Zufluchtsort bei ihrer inneren Unruhe. Es war nicht perfekt, manche Dielen knarzten schon. Der eine oder andere Fensterladen musste mal wieder geölt werden, aber für sie war dieses Haus perfekt. Es war genau das, was sie gebraucht hatte. Es hatte sie mit ihrer Trauer aufgefangen.

Toni blickte zu dem alten Herrenhaus und lächelte. Es sah richtig friedlich aus. Die Sonne ging hinter ihnen unter und würde Kingsford bald in Dunkel hüllen. Ihr Vater hatte immer den Sonnenuntergang über Kingsford geliebt. Ihre Mutter jedoch hatte den Sonnenaufgang geliebt, hatte er ihr mal erzählt, als Toni noch klein gewesen war. Wenn man sie fragen würde, dann würde sie sagen, dass sie die Nacht mochte. Die Zeit, wenn sie mit Alex auf der Veranda saß, jeder mit einem Glas Wein in der Hand und sie über den Tag sprachen. Das war für sie die schönste Zeit des Tages.

„Es ist wunderschön hier“, sagte Alex nach einer Weile zu ihrer Cousine und griff nach deren Hand. Sie drückte diese und hielt sie fest. „Das ist unser zu Hause.“

„Ja, ist es.“ Toni lehnte sich an Alex an und lächelte zufrieden. „Ich musste mich heute Morgen aus dem Bett schleichen.“

„Schleichen?“, fragte Alex.

„Ja, Luke hat noch geschlafen.“

„Luke hat also in deinem Bett geschlafen?“, fragte Alex und lächelte ihre Cousine an. „Wann wolltest du mir denn erzählen, dass ihr schon miteinander in einem Bett schlaft.“ Sie grinste Toni an.

Toni ging gar nicht auf die Stichelei ihrer Cousine ein. „Er ist bestimmt sauer auf mich.“

„Du hattest einen Grund“, erklärte Alex ihr und lächelte ihre Cousine an. „Komm lass uns weiterfahren. Ich möchte noch zu Ryan.“

„Ich weiß“, antwortete Toni, löste ihre Hand aus dem Griff und ging dann um den Wagen herum, um einzusteigen.

„Wenn Luke Ärger macht, schickst du ihn einfach zu mir“, schlug Alex vor.

„Ich glaube mit dem komme ich noch ganz gut alleine klar“, erklärte Toni ihr, grinste sie an und stieg in den Wagen.

Alex lächelte, drehte sich noch mal zu dem Haus um und stieg dann ebenfalls in den Wagen.







Alex hatte Raina gesattelt noch bevor sie Buttercup, Maya, Kym, Ruby und Denis begrüßt hatte. Sie wollte einfach so schnell wie möglich zu Ryan. Toni verstand das und war nun gerade dabei den Wagen auszuräumen, als sie Lukes Wagen die Auffahrt hochfahren sah. Sie hatte Alex angeboten, sich um ihr Gepäck zu kümmern, damit Alex direkt loskonnte. Die Brünette lächelte, denn jetzt wo Alex da war, musste sie Luke nicht mehr anlügen. Er stieg aus dem Wagen und lächelte sie an. „Hey, ich dachte schon du wärst abgehauen.“

„Abgehauen?“, fragte sie überrascht und holte Alex Koffer aus dem Kofferraum.

„Ja, du verschwindest einfach aus dem Bett und hast mir nicht mal einen Zettel hinterlassen.“ Als er heute Morgen aufgewacht war, hatte er nicht gewusst, ob er gekränkt sein oder sich Sorgen machen sollte, dass Toni einfach so verschwunden war. „Maya und die anderen wussten auch nicht, wo du hin bist und der Wagen war weg.“ Er blickte auf den Koffer, den sie aus dem Wagen geholt hatte. „Wolltest du abhauen und hast es dir nur anders überlegt?“

„Nein“, meinte sie und lächelte ihn an. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. „Ich habe Alex geholt.“

„Alex?“, fragte er überrascht. „Was meinst du mit geholt?“ Er blickte wieder auf den Koffer und entdeckte dann den zweiten auf der Rückbank. „Ist sie wieder da?“

Toni nickte. „Ja, sie ist wieder da und sie will hierbleiben.“

„Echt?“, fragte Luke. Das überraschte ihn nun doch etwas, dass Alex entschieden hatte, ihr Leben in Deutschland zu beenden und komplett nach Australien zu ziehen. Natürlich freute er sich darüber, weil er wusste, dass Alex Toni und seinem Bruder guttat.

Luke registrierte Tonis breites, strahlendes Grinsen. Er war sich sicher, dass Toni das nicht erst seit heute wusste. Vermutlich war das der Grund, warum Tonis Stimmung vor ein paar Tagen umgeschlagen war. Bis zu dem Tag hatte Toni mehr als nur gearbeitet. Sie hatte alles getan, jede Aufgabe übernommen, nur um nicht an Alex denken zu müssen. Doch dann mit einem Mal war es Toni besser gegangen. Irgendwie hatte er gedacht, dass es an ihm lag, dass er so guten Einfluss auf sie hatte. Jetzt wurde er sich bewusst, dass es daran lag, dass Alex Toni in ihren Rückkehr-Plan eingeweiht hatte. Er freute sich für Toni mehr, dass Alex wieder hier war, als dass es ihn kränkte, dass nicht er der Grund für ihre Stimmungsaufhellung war. Alex tat Toni gut und dass die Blonde wieder hier war, gefiel ihm auch. Er war eh der Meinung, dass sie besser hierher passte, als in die Stadt. Sie war nicht wie die Städter, die sonst hierherkamen, um etwas über das >Wirkliche Leben Australiens< zu lernen. Alex gehörte einfach hierher. Sie war keine Städterin, die auf dem Land Urlaub machte. Sondern eher eine von denen, die eine Zeit lang in der Stadt gelebt hatten, zumindest war das seine Meinung gewesen.

„Wie lange weißt du das schon?“

Sie sah ihn entschuldigend an. „Eine Weile“, gestand sie ihn.

„Und du wolltest es mir nicht erzählen?“ Er legte die Arme um sie und zog sie an sich. Er war nicht böse auf sie, aber er wollte ihr ein schlechtes Gewissen machen.

„Ich hatte Alex versprochen, dass es ein Geheimnis bleibt.“

„Versprochen, also?“, fragte er und zog Toni zu sich.

Toni nickte und schmiegte sich an ihn. Es war immer noch manchmal sehr komisch für sie, dass sie und Luke nun zusammen waren. Dass es eben ganz normal war, dass Luke sie in den Arm nahm, dass sie sich küssten oder sie eben zusammen in einem Bett schliefen. Früher, wenn sie zusammen gezeltet hatten, hatten sie auch in einem Zelt geschlafen, aber heute war das etwas vollkommen anderes. Sie waren jetzt ein Paar.

„Sie ist dir also wichtiger?“, zog er sie auf und lächelte sie an.

„Hilfst du mir beim Auspacken?“, fragte sie ihn und überging seine Frage einfach.

„Was bekomme ich dafür?“, fragte er sie schmunzelnd.

„Du darfst nachher bestimmt mitessen“, erklärte Toni ihm. „Maya hat bestimmt für ein weiteres Gedeck gekocht.“

Luke nickte, öffnete die hintere Tür des Wagens und holte den Koffer heraus. „Wo ist die Kleine denn nun?“

„Sie hat direkt nach der Ankunft Raina gesattelt und ist los. Sie wollte zu Ryan.“

Luke nickte. Das war gut, dachte er sich. Er hoffte es wirklich. „Zu meinem Bruder also?“

„Ja, sie wollte unbedingt zu ihm“, sagte sie und sah ihn vorsichtig an. „Das ist doch gut, oder?“

„Das ist es“, stimmte Luke ihr zu. Er hoffte es. Er hoffte wirklich, dass Ryan mit dieser Situation umgehen konnte und ihn Alex‘ Besuch nicht vollkommen überrumpelte. Er hoffte, dass es für seinen Bruder ein Happy End gab. Luke wusste, was Ryan für Alex empfand. Es hatte eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass es Ryan nicht wichtig war, wie Alex aussah, sondern dass es Ryan nur um Alex‘ Wesen ging. Er war nicht in die schöne Frau verliebt, sondern in Alex‘ Art wie sie die Welt sah und veränderte. Er liebte nicht ihre langen Beine, sondern Alex‘ Lächeln. Luke wusste auch, dass Alex seinem Bruder guttat. Er war viel enthusiastischer gewesen, als Alex hier war. Er hatte sich neuen Projekten angenommen und hatte so etwas wie neue Kraft gefunden, die er für seine Farm brauchte.






Alex hatte keine Ahnung, was sie erwarten würde, wenn sie Dawn erreichte. Toni hatte ihr vorgeschlagen, dass Alex auch direkt mit dem Wagen weiter nach Dawn fahren konnte. Aber Alex hatte nur gelächelt und gemeint, dass ihr mal jemand gesagt hatte, dass man zu Pferd in Australien schneller war, als mit dem Auto.
Toni hatte gelächelt und sie verstanden.

Es hatte sich toll angefühlt, Raina wieder zu satteln und auf ihrem Rücken über die Hügel und Täler zu reiten. Doch jetzt, wo sie nun kurz davor war, Dawn zu erreichen, merkte sie, dass sie große Angst hatte. Sie hatte gewusst, dass sie zu ihm musste. Sofort. Sie wollte zu ihm. Sie wollte ihm erzählen, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Wie sehr sie ihn brauchte. Wie sehr sie ihn liebte. Sie wollte ihm erklären, dass ihr diese Gefühle Angst gemacht hatten und sie diese deshalb nicht wahrhaben wollte. Es hatte eine Weile gebraucht, bis sie sich darüber klar geworden war, dass sie allein das Problem war. Sie hatte sich selber Steine in den Weg gelegt. Sie hatte nicht geglaubt, dass jemand sie so sehr lieben konnte, wie Ryan es tat, wo sie doch keine Mutter mehr hatte. Sie hatte einfach zu viele Narben in ihrem Inneren, weswegen sie die meisten Menschen nie wirklich an sicher heranließ.

Aber dann war Ryan in ihr Leben getreten und hatte ihre ganze Gefühlwelt auf dem Kopf gestellt. Mit so etwas hatte sie einfach nicht gerechnet. Sie war darauf einfach nicht vorbereitet gewesen.

Jedoch wusste sie einfach nicht, wie sie ihm das erklären sollte. Sie hatte sich während des Fluges sehr viele Sätze überlegt, die sie Ryan würde sagen können. Doch jetzt verschwand einer nach dem anderen aus ihrem Kopf. Sie waren einfach nicht mehr da. Verschwanden, weil sie nicht richtig wirkten.
Natürlich hatte sie mehrere Szenarien im Kopf durchgespielt.
Ryan konnte ihr einfach die Tür vor der Nase zuknallen.
Es konnte sein, dass Ryan sich inzwischen in Liza verliebt hatte.
Vielleicht hasste er sie auch.

Es gab natürlich auch Hoffnungen. Sie hoffte, dass er ihr zuhören würde. Dass er ihr die Chance geben würde, sich ihm zu erklären. Vielleicht würde er sie dann in den Arm nehmen. Vielleicht würde er ihr verzeihen können. Vielleicht nicht sofort, vielleicht würde es einfach eine Weile dauern. Aber damit würde sie klarkommen, solange er ihr nur verzieh. Sie erwartete nicht, dass er sie gleich wieder zurücknehmen würde. Sie würde ihm erst beweisen müssen, dass sie es ernst meinte und nicht wieder gehen würde. Doch das würde sie machen. Sie würde es ihm beweisen. Sie würde es schaffen, weil sie Ryan wollte. Sie wollte ihn. Er und Toni gehörten zu den wichtigsten Menschen in ihrem Leben und das sollte auch so bleiben.

Sie zog an den Zügeln und Raina hielt an. Alex konnte Dawn jetzt sehen. Sie sah das einstöckige Haus, das Ryan selbstständig renoviert hatte. Den kleinen Gemüsegarten, den er neben der Hintertür des Hauses angelegt hatte. Sie hatte Tomatenpflanzen angebaut und fragte sich, ob diese noch da waren. Sie konnte das weite Gelände entdecken, wo die Wildpferde untergebracht waren. Ihre Wildpferde. Ihre und Ryans.

Sie lächelte. Manchmal hatte sie sich vorgestellt, wie es sein würde, mit ihm auf Dawn zu leben. In dem Haus, dass er selber für sich umgebaut hatte. Für sich und für die Frau, mit der er eine Familie gründen wollte. Damals hatte sie nicht mal daran gedacht, dass sie vielleicht diese Frau an seiner Seite sein würde. Doch inzwischen wünschte sie sich genau das sehr.

„Na, komm“, meinte sie zu Raina, trat leicht in die Seiten des Pferdes und schon ritt Raina den Hügel hinab, der noch zwischen ihr und Dawn lag. Sie wollte jetzt endlich wieder in Ryans wunderschöne blaue Augen blicken, bei dessen Augenfarbe sie sich so lange nicht sicher war. Doch als sie das erste Mal an seiner Seite aufgewacht war und als allererste Person in seine Augen geblickt hatte, hatte sie gewusst, welche Farbe seine Augen hatten.


Sie schluckte schwer, als sie von Raina abstieg, nach den Zügeln griff und das Pferd vor dem Haus anband.

Die Blonde sah sich auf dem Hof um, konnte Ryan aber nicht entdecken. Vielleicht war er noch irgendwo unterwegs. Von Liza sah man allerdings auch nichts.
Sie klopfte an der Haustür an, doch wie sie schon erwartet hatte, war niemand zu Hause.

Dann würde sie eben einfach auf ihn warten. Sie würde auf ihn warten.

Alex setzte sich auf die Stufen der Veranda und erinnerte sich daran, dass sie hier schon einmal saß. Damals hatte sie mit Ryan Schluss gemacht und nun saß sie hier, um ihn zu bitten, ihr noch eine Chance zu geben. Ihnen gemeinsam eine Chance geben. Sie war nervös und unsicher, etwas das sie gar nicht an sich mochte. Sie war bisher immer die selbstbewusste Frau gewesen, die alles bekam, was sie wollte. Die, welche Länder bereiste, für die sie sich interessierte. Die Männer sprachen sie immer an, kämpften um sie, umgarnten sie.

Nun war es umgekehrt. Nun kämpfte sie um einen Mann. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie war sich auch absolut sicher, dass sie das Richtige tat. Ihre Mutter hatte sich damals gegen den Kampf entschieden. Sie war gegangen, weil sie glaubte, so die beste Entscheidung zu treffen. Aber dieses Mal lagen die Dinge anders, Ryan war nicht verheiratet und hatte noch keine Familie.

Jetzt ging es nur um sie beide, ohne all die Sorgen, die man drumherum vielleicht noch zu beachten hatte.


Sie zuckte zusammen, als sie hörte, wie hinter ihr die Türe geöffnet wurde und mit einem Mal Ryan im Türrahmen stand. Alex sah ihn überrascht an, weil sie geglaubt hatte, dass er nicht da war.
Offensichtlich war er Duschen gewesen, denn seine Haare waren noch feucht. Er trug nur ein paar Shorts, sein Oberkörper war nicht bedeckt. Um seine Schultern lag ein Handtuch, welches die Wassertropfen seiner Haare auffingen. Er war barfuß. Alex hatte es immer gemocht, wenn Ryan und sie barfuß liefen.

Er blickte sie verwirrt an, schien nicht zu glauben, dass er sie wirklich hier auf seiner Veranda sitzen saß. „Alex“, brachte er überrascht hervor.

Alex stand von ihrem Platz auf und sah ihn ernst an. Jetzt war ihr Moment. Der Moment, ihm alles zu sagen. Sie wollte ihm alles und so viel sagen und doch fiel ihr in diesem Augenblick nichts ein. Ihr Kopf war wie leergefegt und ihr Mund war unglaublich trocken.

„Du bist also wieder da“, sagte er und starrte sie genauso überrascht an, wie sie ihn. „Hast du geklopft? Das habe ich dann wohl nicht gehört, als ich unter der Dusche stand. Ich habe dann aus dem Küchenfenster Raina gesehen und wollte nur nachsehen, wer gekommen war. Aber mit dir…“ hatte er absolut nicht gerechnet. Wie lange war sie schon hier? Hatte Luke davon gewusst, dass sie wieder zurückkommen wollte? Und die wohl wichtigste Frage war, was wollte sie jetzt hier bei ihm?

„Ja, ich bin wieder da“, sagte sie und war sich nicht sicher, ob sie nicht die Stufen überbrücken und ihm ein paar Schritte entgegen gehen sollte. Sie war sich noch nicht sicher, wie Ryan auf ihre Rückkehr reagierte. Er schlug zwar nicht die Tür vor ihr zu oder schrie sie an, aber er lächelte auch nicht gerade, glücklich darüber, sie wieder zu sehen. Sie wusste, dass sie nun an der Reihe war. Er sah sie skeptisch, abwartend an und sie konnte es ihm nicht verübeln. Sie musste ihn jetzt überzeugen. „Ich bin wegen dir wieder hier.“

„Was?“, fragte er überrascht.

Sie nickte und schritt nun die Stufen hinauf und stand damit direkt vor ihm, nur noch eine Armlänge von ihm getrennt. „Ryan, ich bin deinetwegen wieder zurückgekommen“, wiederholte sie. „Ich habe mir so viele Sachen überlegt, die ich dir sagen wollte, damit du mich verstehst und mir verzeihen kannst. Aber mein Kopf ist wie leergefegt.“ Sie lächelte ihn an und suchte nach den richtigen Worten. „Ich bin heute wiedergekommen und ich wollte zuerst unbedingt zu dir. Ich habe noch nicht mal Maya und den Anderen >Hallo< gesagt. Wenn Toni das noch nicht getan hat, dann wissen sie es wohl immer noch nicht.“ Alex sah ihn an und merkte, dass er ihr wohl zuhören und nicht dir Tür vor der Nase zuknallen würde. Sie war sich nicht sicher, ob sie diese Chance verdient hatte. Viele Menschen hatten keine zweite Chance im Leben. Doch Ryan war so gutmütig und gab ihr wenigstens die Chance, sich ihm zu erklären.
„Nachdem meine Mutter gestorben war, habe ich nie wieder einen Menschen wirklich an mich herangelassen. Ich habe mir immer eingeredet, sie würden mich doch sowieso nicht verstehen. Also habe ich eine Mauer um mich herum aufgebaut, die keiner überbrücken konnte. Ich gab auch niemandem die Chance dazu. Irgendwie dachte ich immer, wenn diese Person mich wirklich mögen würde, dann würde sie diese Mauer schon einreißen. Aber ich habe jetzt erst verstanden, dass ich auch daran arbeiten muss. Du hast diese Mauer überbrückt, aber dennoch konnte ich dich nicht an mich heranlassen. Es war irgendwie so, als wäre hinter der Mauer noch ein Wassergraben und den könntest du nur überbrücken, wenn ich dir meine Hand reichen würde. Und das konnte ich nicht.“ Sie schluckte schwer und war den Tränen nahe. „Ich hatte Angst. Du hast mir Angst gemacht.“

Ryan schluckte, als er das hörte. Sie hatte Angst? Seit Alex Australien und ihn verlassen hatte, war er jeden Tag mit dem Wunsch eingeschlafen, dass Alex am nächsten Tag wieder hier sein würde. Das alles nur ein Traum war und er neben ihr aufwachen würde. Dass er in ihr wunderschönes Lächeln schauen konnte, wenn er die Augen öffnete.

Doch als er dann aufwachte, war sie immer noch nicht da. Der Alptraum ging weiter.

Nun stand sie hier. Die Frau, die er einfach nicht vergessen konnte. Die Frau, der sein Herz gehörte. Die Frau, die er einfach nicht aufhören konnte zu lieben. Egal, wie groß der Schmerz auch war.
Sie hatte das mit ihnen beenden wollen, weil sie ihm Leid und Kummer ersparen wollte. Dennoch hatte sie ihm wehgetan. Als sie nicht mehr da war und er nur ihren Brief hatte, hatte es sich für ihn so angefühlt, als hätte sie sein Herz mitgenommen.

Trotz allem war sie wieder hier. Sie wollte ihm gerade sagen, dass sie wegen ihm hier war. Sie hatte wegen ihm ihre Zelte in Deutschland abgebrochen, um wieder bei ihm zu sein.

Dennoch passte es nicht zu ihr, dass sie Angst hatte. Er wusste gar nicht mehr, wie oft er nervös die feuchten Hände in die Hosentaschen gesteckt hatte, wenn er wusste, dass er ihr gegenübertreten musste. Sie hatte ihn nervös gemacht. „Ich habe dir Angst gemacht?“ Ryan wollte auflachen. Alex war eine ungewöhnliche, starke und wunderschöne Frau. Er war sich sicher, dass sie jedem Mann auf der Welt um ihren kleinen Finger wickeln konnte und dass nur wegen ihrem wunderschönen Lächeln und ihrem unglaublichen Charme. Vermutlich war sie sich ihrer Wirkung auf die Männer gar nicht bewusst, aber er wusste, dass ihr jeder ohne mit der Wimper zu zucken, jeden Wunsch erfüllen würde. Sie war es, die ihm Angst machte, weil er damals immer gedacht hatte, jemand wie Alex würde doch nie das gleiche für jemanden wie ihn empfinden.

„Ja“, antwortete sie und sah ihn lächelnd an. Ihr Gesicht wirkte jetzt nicht mehr so überrascht, wie noch vor ein paar Minuten, als sie sich zum ersten Mal seit langem wiedergesehen hatten. „Die Gefühle die du in mir geweckt hast. Sie waren so intensiv. So gewaltig. Ich hatte Angst, sie würden mein Herz zum Bersten bringen, so gewaltig waren sie.“

Ryan musste schlucken, als er erkannte, was sie ihm da gerade sagte. Nämlich, dass sie ihn liebte. Nur, dass sie die magischen drei Worte dafür nicht benutze. Aber so wie sie es sagte, war es noch viel schöner. Diese drei Worte waren viel zu normal für jemanden wie sie. Sie musste sie viel blumiger und intensiver rüberbringen. Das passte viel besser zu ihr. Normal stand ihr einfach nicht.

„Bevor du in mein Leben getreten bist…“ Sie lächelte ihn an, war sich inzwischen ihrer Worte sehr sicher. Sie wusste, dass sie einfach frei heraus mit ihm reden musste. Es würde schon irgendetwas Sinnvolles dabei rauskommen. Diese Hoffnung hatte sie zumindest. Ebenso hoffte sie, dass Ryan auch ihre Worte verstehen würde. „…Da gab es all diese Gefühle gar nicht. Ich kannte solche Gefühle gar nicht.“ Erst in Deutschland war ihr klar geworden, dass diese Gefühle auch eine Art Geschenk waren. Sie war sich sicher, dass nicht viele Menschen auf der Welt die Chance hatten, diese Gefühle zu empfinden. So war es auch irgendwie ihre Pflicht, dass sie diese Chance nicht einfach verspielte. Eben für all diese Menschen, die nicht mit dem Menschen zusammen sein konnten, den sie mehr als alles andere auf der Welt liebten, der diese gewaltigen Gefühle in einem wecken konnte, wollte sie um eine zweite Chance kämpfen. War sie ansonsten nicht eine Heuchlerin. „Ich habe noch nie zuvor so intensiv für einen Menschen empfunden. Wenn ich bei dir war, habe ich mich so unglaublich stark gefühlt. Ich wusste, dass ich alles tun konnte, solange du nur bei mir warst. Da war dieses tiefe Vertrauen, dass ich zu dir hatte, was ich vorher noch nie für jemanden hatte. Ich wusste einfach, dass ich mich immer auf dich verlassen konnte.“ Sie lächelte ihn an und legte ihren Kopf dabei leicht schräg. Wie sie es oft tat.

Er hatte sich so oft gewünscht, dass sie wieder hier in Australien, bei ihm war. Doch, er hatte nie damit gerechnet, dass sie ihm dann so ein Geständnis machen würde. „Natürlich konntest du mir vertrauen.“

„Das weiß ich jetzt auch.“ Sie nickte und kaute auf ihrer Unterlippe, während sie die nächsten Worte suchte. „Aber genau das hat mir auch Angst gemacht. Ich hatte Angst, dass ich, wenn ich mich zu sehr auf dieses Gefühl verlasse und du dann nicht mehr da bist, in ein tiefes Loch falle. So wie damals bei meiner Mutter.“ Sie schluckte schwer. Sie musste Ryan alles erklären. Wirklich alles von ihrer Angst erzählen.

„Alex…“, sagte er, trat einen Schritt auf sie zu und griff nach ihren Händen. Er drückte sie kurz und streichelte dann mit dem Daumen über ihren Handrücken. „Wohin hätte ich denn gehen sollen?“

Sie nickte und kämpfte mit den Tränen, die sich ankündigten. Die Blonde musste schlucken und holte tief Luft. Sie hatte gewusst, dass diese Ansprache nicht leicht für sie sein würde, das wollte sie ja auch gar nicht. Die Worte gingen ihr nahe, weil Ryan ihr nahe ging. Weil er in ihrem Inneren war. „Ich habe erst in Deutschland erkannt, dass ich mir selber Steine in den Weg gelegt habe. Ich hätte nie damit gerechnet, dass jemand so etwas in mir wecken konnte, wie du es tust. Ich hatte Angst, deswegen habe ich das mit uns vermasselt.“ Tränen rannen ihr über die Wangen und sie wollte sie eigentlich wegwischen, doch Ryan hielt ihre Hände fest und diese wollte sie nicht aus dieser Berührung lösen. „Ich habe das mit uns kaputtgemacht, weil ich mir selber nicht vertraut habe.“ Ihr Körper bebte schluchzend.

„Alex“, sagte er sanft und streichelte die Tränen aus ihrem Gesicht. „Du hast nichts vermasselt.“

„Natürlich habe ich das“, widersprach sie ihm. „Ich habe dich verletzt. Ich bin abgehauen, weil ich mich selber nicht mehr im Spiegel ansehen konnte.“

Sie hatte Recht. Sie war weggegangen. Aber das wichtigste war doch, dass sie nun hier vor ihm stand.
„Aber du bist wieder hier“, sagte er sanft und lächelte sie an.

„Ja, um die Scherben aufzufegen, die es wegen mir überhaupt erst gibt.“

Er nickte und lächelte. „Du bist wieder hier“, sagte er noch mal und erst jetzt schien Alex ihn wirklich anzusehen und das Lächeln auf seinen Lippen zu erkennen. „Möchtest du noch mehr sagen? Weil wenn nicht, dann möchte ich jetzt auch gerne etwas sagen.“

Sie sah ihn an und schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Nein, ich glaube, ich bin fertig.“

„Gut“, meinte Ryan und streichelte ihr wieder eine Träne aus dem Gesicht. „Dann lass mich nun etwas sagen.“ Er konnte immer noch nicht glauben, dass Alex wieder hier war. Hier bei ihm auf Dawn. Sie war seinetwegen zurückgekehrt. „Ich finde es toll, dass du wieder hier bist.“ Natürlich musste er auch an den Schmerz denken, den er empfunden hatte, als sie ihn verlassen hatte. An den Brief, der auf seinem Nachtisch lag. An ihren Brief. Wie oft hatte er ihre Worte gelesen? Schließlich war der Brief das Einzige gewesen, das ihm von ihr geblieben war. Wie oft hatte er sich danach gesehnt, dass sie wieder zurückkommen würde.

„Ich weiß, dass ich eine zweite Chance nicht verdient habe…“

„Hey, ich war doch jetzt dran mit Reden“, meinte Ryan und lächelte sie an.

Alex nickte und machte eine Geste, dass sie sich mit einem unsichtbaren Schlüssel nun den Mund zuschloss, damit sie ihn eben nicht mehr unterbrach.

„Du hast mich verletzt, als du einfach gegangen bist“, erzählte er ihr. „Mir ging es danach ziemlich schlecht.“ Weil sie ehrlich zu ihm war, wollte er auch ehrlich zu ihr sein. Sie mussten ehrlich zueinander sein, wenn sie wollten, dass es mit ihnen beiden wieder klappte. Und er wollte wirklich, dass sie gemeinsam noch eine Chance hatten. Er brauchte sie. Er wollte neben ihr aufwachen und an ihrer Seite einschlafen. Er wollte, die gleiche Luft, wie sie, atmen. „Ich habe ein paar neue Projekte angefangen. Hier auf der Farm. Ich kann sie dir zeigen, wenn du möchtest. Ich habe mich ein wenig abgelenkt.“ Er hatte sich ablenken müssen, damit er nicht jede Sekunde an sie denken musste. Er blickte in ihre wunderschönen blauen Augen und sah auf die Hände, die ihre umfassten. Es war ein schönes Gefühl, sie wieder zu berühren. „Nimm mir die nächste Frage bitte nicht übel, aber ich muss es für mich selber wissen. Ich muss wissen, dass du dir sicher bist, dass du das hier willst. Ich glaube, ich muss mich selber schützen.“

Alex nickte, zeigte ihm damit, dass sie ihn verstand. Sie würde jede seiner Fragen beantworten.

„Wie sicher bist du dir damit, dass du hiebleiben möchtest? Ich meine, wirst du wieder nach Deutschland zurückkehren?“

Alex sah ihn sanft an und lächelte ihn an. „Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich möchte. Ich habe es in Deutschland versucht und es hat sich nicht richtig angefühlt. Ich habe das alles hier viel zu sehr vermisst.“

Das hörte er gerne. Aber noch war das nicht die Antwort auf seine Frage.

„Seitdem meine Mutter gestorben war, habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben wieder zu Hause gefühlt. Ich habe hier wieder eine Familie gefunden. Toni ist schließlich meine Familie. Und du gehörst auch dazu.“ Sie lächelte ihn an. „Nein, ich werde nicht wieder weggehen. Ich kann nicht gehen.“ Ihre Familie war schließlich hier. Würde sie nicht eine Heuchlerin sein, wenn sie Australien wieder verlassen würde, wo doch ihre Familie hier war? Sie hatte jahrelang nach einer Familie gesucht, nach Menschen, die sie genauso liebten, wie es ihre Mutter getan hatte.

„Gut, das wollte ich hören“, sagte Ryan. Er umfasste ihr Gesicht mit der rechten Hand und lächelte sie an. „Vermutlich haben wir noch einiges aufzuarbeiten, aber du bist wieder da und das macht mich unglaublich glücklich.“ Sein Daumen streichelte ihre Wange und seine Augen waren von ihren blauen Augen zu ihren roten Lippen gewandert. Er war schon immer der Meinung gewesen, dass Alex wunderschöne Lippen hatte. Ihre volle Unterlippe lud ja geradewegs zum Küssen ein.

„Ryan, vielleicht sollten wir uns mehr Zeit…“

„Ja, vielleicht“, meinte er und küsste sie. Er küsste sie so, wie es nur jemand tun konnte, der den anderen schrecklich vermisst hatte. Wie ein Hungriger, der sich nach der Liebe sehnte, die ihn genährt hatte. Ihre Lippen wollten sich gar nicht mehr voneinander trennen. Er zog sie an sich. Kein Blatt passte mehr zwischen sie. Zu lange hatte er auf sie gewartet und darauf, sie wieder in den Arm nehmen zu können. Er konnte das Gefühl gar nicht beschreiben, das er in diesem Moment empfand. Er brauchte sie einfach. Wie Luft zum Atmen.

Alex seufzte, als sich ihre Lippen doch irgendwann voneinander lösten und lächelte glücklich. „Wow, das nenn ich mal einen Begrüßungskuss. Vielleicht sollte ich öfters mal weggehen, wenn ich dann so einen Kuss bekomme.“

„Untersteh dich“, meinte Ryan und küsste sie wieder. „Du bleibst jetzt hier.“

„Das ist eine tolle Idee.“







„Da bist du ja“, sagte Maya und drückte Alex an sich, als die Blonde am nächsten Tag wieder nach Kingsford kam. Es war Nachmittag. Sie war seit gestern die ganze Zeit bei Ryan auf Dawn geblieben. Irgendwie hatten sie einfach so viel nachzuholen, sie mussten die Zeit aufholen, die sie verloren hatten, während Alex in Deutschland gewesen war. Sie wussten beide, dass sie noch ein paar Sachen zu verarbeiten hatten und keiner der beiden war so naiv zu glauben, dass nur weil Alex wieder hier war, alles perfekt und wunderschön sein würde. Aber sie würden daran arbeiten, weil sie beide der Meinung waren, dass diese Beziehung viel zu schön gewesen war, um sie einfach wegzuschmeißen.

Gestern Abend hatte sie Toni noch angerufen, um ihr Bescheid zu sagen, dass sie die Nacht bei Ryan auf Dawn verbringen wollte und erst am nächsten Tag vorbeikommen wollte. Toni hatte nur gelächelt, aber ihrer Cousine die Sache auch nicht krummgenommen, dass sie den Abend nicht zusammen verbringen würden.

Eigentlich hatte die Blonde vorgehabt, direkt nach dem Frühstück zurückzukommen, um bei der Arbeit zu helfen. Aber irgendwie waren Ryan und sie nicht aus dem Bett gekommen, so dass sich das Frühstück nach hinten verschoben hatte.

Die Blonde hatte Ryan dann noch auf der Farm mit seiner Arbeit geholfen und dann waren sie schließlich gemeinsam zurück nach Kingsford geritten. Nachdem Maya gehört hatte, dass Alex wieder zurückgekommen war, war es für sie selbstverständlich gewesen, ein kleines Willkommensfest für die Wahl-Australierin zu veranstalten.

„Schön, dass du wieder da bist“, sagte Maya zu der Blonden und ließ sie los, um sie anschauen zu können. „Du wirkst ein wenig blass. Das Wetter in Deutschland ist wohl nicht so toll, oder?“

Alex lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich bin auch froh, wieder hier bei euch zu sein.“

„Wir haben dich ja auch alle vermisst.“ Sie drückte Alex noch einmal an sich. „Ich finde es toll, dass du dich dafür entschieden hast, für immer hierher zu kommen.“ Sie konnte sich vorstellen, dass es nicht einfach für einen Menschen war, einen Strich unter seinem bisherigen Leben zu setzen und irgendwo ein komplett neues Leben anzufangen. Alex‘ Mutter hatte damals diese Entscheidung getroffen, doch diese Entscheidung war damals bestimmt noch schwerer gewesen, als Alex‘ Entscheidung. Sarah war damals in ein Land gezogen, dass sie nie besucht hatte und dazu noch mit einem Kind, das unter ihrem Herzen heranwuchs. Sie musste die Sprache lernen, sich in einem fremden Land zurechtfinden und sich um ein Baby kümmern.

Alex hingegen kehrte zu ihrer Familie und ihren Wurzeln zurück und sie hatte Australien schon mal für ein paar Wochen kennengelernt. Aber dennoch wusste Maya, dass Alex diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen hatte.

„Ich euch auch“, erwiderte Alex und lächelte die Frau an, die hier auf der Farm für alle die Mutterrolle übernommen hatte, da sie so ein großes Herz hatte. „Ich habe natürlich auch ein Auge auf Buttercup gehabt.“

„Ja? Wie geht’s meinem Lämmchen?“

„Dein Lämmchen ist gar kein Lämmchen mehr“, stellte Peter klar, der die Blonde nun auch an sich drückte. „Schön, dass du wieder da bist. Ich habe meine Assistentin vermisst.“

„Warum? Hast du niemand anderes gefunden, der seinen Arm bis zur Schulter in den Hinterteil einer Kuh stecken wollte?“

Er grinste sie an. „Ja, das ist echt schwierig, so jemanden zu finden.“

Alex erwiderte sein freches Grinsen. Sie fand es toll, dass alle so spontan zu ihrer Willkommensparty kommen konnten, die Toni organisiert hatte. Der Geruch von gegrilltem Fleisch lag in der Luft und vermischte sich mit dem Duft von Lavendel. Man hatte den großen Esstisch auf die Veranda und Maya eine große Vase auf die Mitte des Tisches gestellt, welche mit dem Blumen Kingsfords geschmückt war. Es gab ihren erfrischenden, selbstgemachten Eistee und gekühltes Bier stand auch bereit. Auf einem kleineren Tisch im Schatten standen Schüsseln mit Salaten, Broten und Dips für das Fleisch, dass zum Teil schon auf dem Grill lag. Sie entdeckte Ryan, der bei Kym am Grill stand. Er schien ihren Blick zu bemerken und lächelte sie glücklich an. Sie erwiderte sein Lächeln nur zu gerne.

„Na, wo ist unsere Kleine denn?“, hörte Alex Luke sagen, noch bevor sie ihn sehen konnte, was sie grinsen ließ. Der Bruder von Ryan war schon immer eine Frohnatur gewesen und mit seinem breiten Grinsen steckte er jeden an.

Luke kam die Auffahrt regelrecht hochgerannt und drückte Alex sofort eifrig an sich. Er hob sie hoch und wirbelte mit ihr herum. „Willkommen zu Hause.“

„Danke“, erwiderte Alex und lachte.

„Lass sie runter“, meinte Ryan, der das Ganze mit einem Lächeln beobachtete.

„Ich mach sie dir schon nicht kaputt“, erwiderte Luke und setzte Alex wieder auf dem Boden ab. Er blickte die Blonde an, die zwischen seinen Armen stand und nickte ihr zu. „Schön, dass du wieder da bist.“

„Danke und danke für die schöne Begrüßung.“

„Sag nicht, ich bin der Einzige, der dich so toll begrüßt hat.“ Er sah gespielt wütend zu seinem Bruder.
„Ryan, was höre ich da?“

Alex lächelte ihn an. „Soll ich dir ein Bier bringen?“

„Das wäre eine großartige Idee“, antwortete er und trat zu seinem Bruder. Alex lächelte Ryan an. Ja, sie war wirklich glücklich, wieder hier zu sein. Sie war sich sicher, dass es nicht leicht sein würde, sein Leben komplett umzustellen. Aber sie war hier und sie wollte es probieren. Sie gehörte einfach hierher. Mit ihrem ersten Besuch in Australien, hatte sie ihr Herz hiergelassen. Sie liebte dieses Land wie kein anderes. Es berührte sie, ging ihr unter die Haut. Genauso wie die Menschen, die hier lebten.

Die Blonde ging zur Kühltruhe und griff nach einer Bierflasche. Als sie sich zu Luke und Ryan umdrehte, entdeckte sie auch ihre Cousine, die zwischen den beiden stand und sich an Luke lehnte. Die beiden sahen wundervoll zusammen aus. Ihre Cousine wirkte glücklich. Ebenso Ryan und Luke. Und sie selber? Sie selber war ebenso glücklich. Sie hatte zu ihrer Mutter gefunden und zu ihrem Vater. Sie hatte eine Familie gefunden und Freunde. Australien würde viel von ihr fordern, doch sie war auch bereit, alles zu geben, um hier ihr Glück zu finden. Ja, wenn sie hier nicht ihr Glück finden sollte, wo würde es sonst der Fall sein?

„Da bist du ja wieder“, sagte Ryan zu ihr, als sie zu den Dreien kam und Luke sein Bier reichte. Ryan legte den Arm um die Blonde und zog diese an sich.

„Danke Toni für die Feier.“

„Ach, die wollten eh alle vorbeikommen“, meinte Toni nur und zuckte mit den Schultern.

„Ich möchte dir dennoch danken.“

„Angenommen“, meinte Toni lächelnd.

„Alles okay?“, fragte Ryan seine Freundin.

„Ja“, meinte sie lächelnd. „Ich muss nachher noch etwas erledigen und ich fände es schön, wenn ihr dabei seid.“

„Was denn?“, fragte Toni nach.

„Ich möchte, dass meine Mutter zurückkehrt.“

Toni sah ihre Cousine fragend an.

Ryan küsste Alex auf den blonden Haarschopf. Er wusste, was sie vorhatte, schließlich hatte sie ihm heute Morgen davon erzählt. „Natürlich. Sag uns, wenn du bereit dafür bist.“








Der Himmel wirkte wie in eine bunte Farbpallette getaucht. Als hätte man einem Kind ein paar Buntstifte gegeben, welches jede Farbe mochte, außer dem normalen Azurblau. In Schlieren zogen sich die Farben Rot, Orange, Gelb, Lila, Rosa und Hellblau über den Himmel. Die Sonne stand schräg am Horizont und leuchtete in einem tiefen orange über die Weiden Kingsfords.

Alex hatte sich für diesen Moment des Tages entschieden. Sie hatte den Sonnenuntergang Australiens schon immer sehr gemocht. Man spürte noch die warme Brise des Windes, die über die Weiden strich und das Getreide streichelte und wusste, bald würde sich eine dunkle Decke über das Land legen und alles würde zur Ruhe kommen.

Der Wind fuhr ihr mit einem Duft von Wildblumen durchs Haar. Es war ein wunderschöner Augenblick und sie hätte sich gewünscht, ihre Mutter würde diesen Anblick selber noch mal mit ihren eigenen Augen sehen können.

Die Blonde hielt die Urne fest umklammert und holte tief Luft, um Kraft für den nächsten Schritt zu finden. Alex blickte überrascht, aber dankend in Ryans Gesicht, als sie seine Hand stärkend in ihrem Rücken spürte. Sie lächelte ihn und dann auch Luke und Toni an, welche hier mit ihr standen.

„Wir sind für dich da“, sagte Ryan leise und Alex nickte. Ja, sie wusste, dass ihre Freunde für sie da waren. Deswegen hatte sie diese ja auch dabeihaben wollen. Bei diesem letzten Schritt, den sie mit ihrer Mutter gehen würde. Auch wenn sie die Urne ihrer Mutter fest in den Händen hielt und es eher so wirkte, als würde sie sich von dieser gar nicht trennen wollen, wusste sie, dass sie dies nun tun musste. Es war schwer genug gewesen, die Urne ihrer Mutter ausgehändigt zu bekommen. Sie war von Amt zu Amt gerannt, hatte mit Dutzenden Leuten telefoniert und gestritten, nur um ihnen zu erklären, dass sie ihre Mutter in Australien beerdigen wollte. Sie konnte und wollte ihre Mutter in Deutschland nicht zurücklassen. Nicht, wenn sie selber dieses Land verließ und zu ihrem Ursprung zurückkehren wollte. Hier hatte alles angefangen und hier sollte es auch enden.

„Mama, es ist ein wundervoller Tag heute. Der Himmel ist so unglaublich bunt und schön. Ich bin mir sicher, du hättest diesen Anblick geliebt“, sagte Alex und schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. Dass sie ihrer Mutter davon erzählte, wie es hier in Australien gerade aussah, erinnerte Alex an die letzten Tage mit ihrer Mutter. Ihre Mutter war schon so geschwächt gewesen, dass sie sich nicht mal erheben konnte, um aus dem Fenster im Krankenhaus blicken zu können. Sie hatte dann Alex gebeten, ihr zu erzählen, wie es vor ihrem Fenster aussah. „Die Sonne geht gleich unter und der Himmel ist in wunderschöne Farben getaucht.“ Es fühlte sich wie eine zweite Beerdigung an.

Sie stand mit Toni, Luke und Ryan am Familiengrab der Familie Carter. Tonis Eltern, Tonis kleiner Bruder, welcher nur einen Tag alt wurde und ihre gemeinsamen Großeltern lagen hier begraben, genauso wie ihre Urgroßeltern.

Als Alex dieses Grab bei ihrem ersten Besuch entdeckt hatte, war sie eine Stunde davor stehen geblieben und hatte an die Leute gedacht, die sie nie kennengelernt hatte. Doch traurig gestimmt hat sie nur der Gedanke, dass ihre Mutter, die dieses Land geliebt hatte, hier nicht bei ihrer Familie lag. Natürlich hatte sie sich von ihrer Familie zurückgezogen. Aber sie gehörte zu ihrem geliebten Bruder Harry und zu Claire, ihrer besten Freundin.

„Es hat eine Weile gedauert, aber ich weiß jetzt, warum du dich damals so entschieden hast.“ Alex schluckte. Es fühlte sich so an, als würde die Urne in ihren Händen immer schwerer werden. „Du hast mich beschützen wollen. Du hast damals nicht anders gekonnt. Du hast nicht gewollt, dass Hugh seine Familie verließ. Du wolltest nicht im Mittelpunkt stehen. Vermutlich wolltest du das nie.“

Tonis Hände suchten die von Luke. Sie wollte ihrer Cousine gerne einen Teil der Last von deren Schultern nehmen. Aber Alex hatte ihr erklärt, dass sie das hier alleine erledigen musste. Die Brünette blickte zu Ryan, der neben ihr stand und weinte. Sie schluckte. Das Ganze schien nicht nur sie wahnsinnig mitzunehmen.

Luke drückte ihre Hand, zog sie an sich und küsste sie auf die Stirn. Er konnte seine Gefühle in diesem Moment nicht wirklich beschreiben. Das Ganze nahm ihn mit. Diese Szenerie war sehr intim und mitreißend. Aber er fühlte sich auch glücklich, dass Alex ihn dabeihaben wollte. Alex war in seinen Augen ein wundervoller Mensch. Sie hatte ein so großes und sensibles Herz, das man gar nicht anders konnte, als sie zu mögen. Mit ihrem Besuch hier in Australien hatte sie nicht nur das Leben seines Bruders verändert. Vermutlich wären er und Toni so nie zusammengekommen und er hätte eine Menge verpasst, weil er sich nie getraut hatte, mehr als nur an eine Freundschaft mit seiner Nachbarin zu denken. Dabei waren diese Gefühle nicht erst seit Alex‘ Besuch für deren Cousine in ihm da gewesen. Er hatte Toni schon immer geliebt und er hätte alles für sie getan. Nur war er sich dessen nie wirklich bewusst gewesen.

„Luke, Toni und Ryan sind auch hier“, erzählte Alex weiter. „Ich weiß, du hättest jeden von ihnen geliebt.
Aber Toni kennst du ja schon. Du hast sie kennengelernt, als sie noch ein Baby gewesen war. Sie ist inzwischen wie eine Schwester für mich.“ Bei diesen Worten blickte sie ihre Cousine an, welche ergriffen schluckte und nickte. Die Blonde blickte zu Luke und lächelte ihn an. „Luke kann jeden mit seinem Lachen anstecken. Er ist eine absolute Frohnatur. Luke war es, der mich zu meinem ersten Rinderverkauf mitgenommen hatte.“

Luke grinste, als er das hörte. „Und nicht zu vergessen, dass ich dir das Rodeo erklärt habe.“

Alex nickte und ihr Blick wanderte dann weiter zu Ryan, welcher sie mit einem sanften, liebevollen Blick betrachtete. „Dann ist da noch Ryan.“ Sie seufzte und erwiderte sein Lächeln. „Er hat mich tief berührt. Er ist genauso, wie du es dir immer für mich gewünscht hast. Ich weiß, dass du ihn mögen würdest, einfach weil er mich so sehr liebt.“ Eine Träne rann heiß über ihre Wange.

Ryan trat vor und zog sie an sich. Er küsste sie auf die Stirn und strich ihr die Träne weg. „Ich hätte deine Mutter sehr gerne kennengelernt.“ Inzwischen hatte er so viel über Sarah erfahren. Von Hugh, von Alex, von seiner Mutter und von seinem Vater. Sie war eine unglaubliche Frau gewesen, wie Alex. Er war sich sicher, dass Sarah sehr stolz auf ihre Tochter war.

Alex nickte und lächelte ihn dankend an. Sie löste sich von ihm, blickte zum Familiengrab der Carters und drehte langsam den Deckel der Urne auf. „Du hast es geliebt, barfuß zu sein. Du bist in unserer Wohnung barfuß gelaufen, genauso wie über feuchtes Gras. Ich habe das immer nur belächelt, doch jetzt verstehe ich das.“ Sie schlüpfte aus ihren Ballerinas und trat auf das Gras, so wie es ihre Mutter immer getan hat. „Du hast die Erde geliebt. Du hast diese Erde hier geliebt.“ Deswegen hatte Alex entschieden, dass ihre Mutter mit dieser Erde nun eins werden sollte. Sie war aus Australien gekommen und sollte nun auch dorthin zurückkehren. Sie hatte in dem Buch, welches Anja ihr geschenkt hatte, über Aborigines gelesen, dass dieses Urvolk Australien auch besondere Todesrituale pflegte. Die Aborigines glaubten, dass nach dem Tod eines Menschen, der Geist nicht einfach verschwindet und die Existenz dieser Person aufhörte. Sondern sie glaubten, dass man nach dem Tod weiterlebte, in einer anderen Form und/oder auf einer anderen Ebene.

Alex wollte, dass ihre Mutter in dem Land weiterlebte, in dem sie geboren war. Australien. Hier sollte Sarahs Reise enden und ihre beginnen.

Sie hob den Deckel ab und mit einem Mal war es ganz leicht. All die Schwere aus ihrem Inneren war mit einem Mal verschwunden, denn sie wusste, dass sie das Richtige tat. Auch wenn ihre Mutter ihr nie gesagt hatte, dass sie zurück nach Australien wollte, hatte Alex doch nur zu deutlich aus dem Tagebuch ihrer Mutter herausgelesen, wie sehr Sarah dieses Land geliebt hatte. Ihre Mutter gehörte einfach hierher.

„Ich liebe dich, Mom“, sagte Alex ein letztes Mal zu ihrer Mutter. Sie hielt die Urne etwas schräger und die Asche wurde vom Wind fortgetragen. Statt den Tränen nah zu sein, hatte Alex sogar ein Lächeln auf den Lippen, als sie die Urne ausleerte und ihre Mutter vom Wind mitgenommen wurde. Der Wind würde die Asche auf Kingsford verteilen und ihre Mutter würde endlich wieder dort sein, wo sie hingehörte. In das Land, welches sie liebte.

Ryan trat nach vorne und nahm Alex´ Hand in die seine. Sie lächelte zufrieden und lehnte sich an ihn an.

Die Reise ihrer Mutter endete hier. Ihre eigene war noch lange nicht beendet, aber sie hatte das Gefühl, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie war endlich zu Hause. Sie war angekommen. Sie war glücklich.

Der Wind, der durch die Wiesen und Felder strich, ließ die Blätter im Baum rascheln, welcher dem Grab ihrer Familie Schatten spendete und Alex glaubte, in diesem Rascheln der Blätter ein Wort zu hören. Getragen vom Wind Australiens.



„Danke.“



 

Blown away
Now there's us
And we're real
Oh, I love you
Always have and always will
And I want to fix this moment
Hold it near
Hold is deep
Hold it still
Oh, I love you
Always have and always will
And I want to fix this moment
Hold it near
Hold is deep
Hold it still
Into dust
Blown away
Now there's us
And we're real
Oh, I love you
Always have and always will
And I want to fix this moment
Hold it near
Hold is deep
Hold it still
Oh, I love you
Always have and always will
And I want to fix this moment
Hold it near
Hold is deep
Hold it still
Did I tell you that I love you today?
Review schreiben