Im Land der Sonne

GeschichteDrama, Romanze / P16
24.08.2019
17.10.2019
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The first touch - Rebecca Lavelle  

Look into the distance
Tell me what you see
Can you see the future?
Are you there with me

Hope its there for both of us
Hope we travel on
'Cos I believe
Yes I believe
That once you light that fire
and when you give it life
It will grow and grow

'Cos the first touch
Of your first love
Is the deepest and the sweetest
And the last words
Of your first love
Are the hardest words to hear



Als Toni sich an den Frühstückstisch setzte, merkte sie, wie komisch es jetzt geworden war. Mit einem Mal war es ganz anders, nur weil zwei Personen mehr im Haus waren. Ab nun würden auch Michael und Anja mit am Tisch sitzen. Es war damals schon eine Umstellung für sie gewesen, als Alex mit einem Mal mit an diesem Tisch saß und neben Toni ihr Frühstück einnahm. Aber Alex war ihre Cousine – das war etwas anderes. An sie hatte sie sich schnell gewöhnt.

Früher hatte sie hier oft nur mit ihrem Vater gegessen. Manchmal hatte Maya sich dazugesetzt, aber meistens waren die beiden für sich alleine geblieben. Nach seinem Tod hatte Maya sich zu ihr gesetzt und ihr folgte Kym. Nicht dass sie etwas dagegen hatte. Es war komisch alleine an diesem großen Tisch zu sitzen und einsam zu frühstücken. Dazu war dieser Tisch einfach nicht gemacht. Hier sollte eine ganze Familie sitzen, nicht eine einzelne Person.

Doch nun saßen auch noch Alex‘ Freunde Michael und Anja mit am Tisch und irgendwie kam ihr der Tisch mit einem Mal seltsam überladen vor. Obwohl hier noch sechs weitere Personen am Tisch Platz hatten. Toni merkte selbst, dass sich ihre Abneigung gegen die deutschen Freunde von Alex noch nicht gelegt hatte.

„Habt ihr die erste Nacht gut überstanden?“, fragte Maya die beiden, als sie mit einem Korb voller warmer Brötchen aus der Küche ins Esszimmer kam. Sie reichte Toni den Korb, mit den lecker duftenden Brötchen. Toni nahm sich ein Brötchen aus dem Korb und reichte diesen dann an Alex weiter, welche rechts neben ihr saß. Michael und Anja saßen den beiden gegenüber. Maya setzte sich neben Alex auf den freien Stuhl und Kym hatte es sich neben Anja bequem gemacht.

„Ich bin direkt eingeschlafen, sobald ich nur im Bett lag. Die Reise war doch etwas anstrengend“, antwortete Anja.

„Mir ging es damals genauso. Ich bin auch direkt ins Bett gefallen“, erwiderte Alex und reichte den Korb mit den frischgebackenen Brötchen am Tisch weiter. „Sind halt doch ein paar Stunden, die man unterwegs ist.“

„Ich glaube aber, hier ist es nachts dunkler als bei uns“, sagte Michael. „Oder irre ich mich da?“

„Das kann schon sein. Hier gibt es nicht die Lichter einer Stadt“, erklärte Alex. Sie hatte das gleiche gedacht, als sie zum ersten Mal nachts aus dem Fenster geblickt und absolut nichts gesehen hatte, außer den Sternen am Himmel. Als sie mit Ryan zusammen die Sterne bestaunt hatte, war ihr das umso deutlicher aufgefallen. „Lichter, welche die Nacht sonst immer noch erhellen.“ Sie hatte das schon oft auf ihren Reisen festgestellt. Aber noch nie war sie so mitten im Nirgendwo wie hier auf Kingsford. „Vermutlich kann man die Sterne nirgends besser sehen als hier.“ Sie musste an ihr Date mit Ryan denken und wie sie zusammen auf der Ladefläche seines Wagens gelegen hatten. Sie hatten gemeinsam die Sterne angesehen. Es war wundervoll gewesen. Ryan hatte ihr erzählt, dass er gerne nachts draußen schlief und die Sterne beobachtete. Ob sie das nochmal mit ihm machen würde.

„Sterne?“, fragte Anja und musterte ihre Freundin skeptisch. „Seit wann interessierst du dich für Sterne?“

Alex zuckte mit den Schultern. „Seit ich hier bin, vielleicht.“

„Oder liegt das an einem Typen, dass du auf einmal auf Sterne stehst?“, fragte Anja und Alex rollte mit den Augen, als sie ihre Freundin aus Deutschland ansah. Anja wusste sehr wohl, dass sie damit sehr nahe an der Wahrheit lag und irgendwie mochte Alex das gar nicht. Es war ihr irgendwie unangenehm, vor allem vor Michael über Ryan zu sprechen.

„Welcher Typ?“, fragte Michael auch direkt und sah fragend zwischen Alex und Anja hin und her, die mal wieder etwas vor ihm geheim hielten. So war das schon oft gewesen. Aber er hatte sich irgendwann an die Freundinnen gewöhnt.

„Was steht heute auf dem Programm?“, fragte Kym und Alex war der Vorarbeiterin sehr dankbar, dass diese das Thema nun wechselte, denn sie wollte dieses Gespräch nicht mit Michael führen. Sie wollte das Gespräch überhaupt mit niemandem führen, solange sie sich selber noch nicht sicher war, wo sie bei Ryan stand. Sie musste erstmal mit ihm reden. Sie mochte ihn. Sie genoss seine Nähe. Sie mochte seine Stimme und hörte ihm sehr gerne zu. Es war so einfach mit ihm zu reden.
Doch hatte sie das Gefühl, dass es einfach nicht richtig sein würde, sich auf etwas einzulassen, wenn sie doch eh irgendwann wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Er lebte nun mal hier und sie lebte in Deutschland. Zwischen ihnen lagen mehr als nur ein paar Kilometer. Bevor sie hierhergekommen war, hatte sie mal ausgerechnet, wie weit Adelaide von ihrem Heimatort in Deutschland entfernt war. Wenn sie also nach Deutschland zurückkehren würde, würden zwischen ihnen 15.737,2 km Luftlinie und viele Stunden Flug liegen. Das war nicht gerade mal ein Katzensprung. Konnte man so eine Fernbeziehung führen? Auf dieser Distanz?

„Denis und Ruby wollen nach den Rindern sehen. Peter wollte heute noch mal nach Starlet sehen“, zählte Toni auf. Starlet war eine Stute die trächtig war und bald werfen würde, wie Toni Alex vor ein paar Tagen erklärt hatte. „Ich dachte, du nimmst Michael mit zu den Schafen.“ Toni sah dabei Kym an. „Maya, du könntest Anja doch bestimmt auf dem Hof einspannen?“, überlegte Toni und sah die beiden fragend an. „Ihr könnt doch reiten?“

„Also ich hatte als Kind Reitunterricht“, antwortete Anja.

Michael schluckte und schüttelte den Kopf. „Ich saß das eine oder andere Mal auf einem Pferd. Aber vermutlich würde ich das nicht Reiten nennen“, meinte Michael.

„Dann machen wir das einfach anders. Anja kommt mit Kym und Michael wird Maya hier helfen“, meinte Toni. „Alex, meinst du, du kannst heute auf Butterfly verzichten und ein anderes Pferd nehmen?“

„Ich denke schon“, meinte Alex. Gut, bisher war sie nur auf Butterfly geritten. Aber inzwischen saß sie eigentlich ziemlich gut im Sattel und sie würde es auch auf einem anderen Pferd versuchen, damit Anja auf Butterfly sitzen konnte.

„Gut, dann wird Anja auf Butterfly reiten.“

„Und was mache ich dann?“, fragte Michael.

Maya lächelte ihn an. „Hier gibt es immer etwas zu tun. Wir werden uns um die Hühner kümmern, die Kühe melken. Die Ställe der Pferde sauber machen, Unkraut jäten und das Mittagessen vorbereiten“, antwortete Maya ihm und lächelte zufrieden. Sie bestrich sich gerade ihr Brötchen mit Honig, welche sie von Ryan bekommen hatte.

„Ställe ausmisten?“, fragte er überrascht. „Ich hätte echt nicht gedacht, dass ich so etwas irgendwann mal machen werde.“

„Tja, wir finden hier für jeden eine Arbeit“, meinte Toni lächelnd.

„Was soll ich denn machen?“, fragte Alex.

Toni blickte ihre Cousine an. „Du kannst dir mal die Pumpe an der Rogers-Weide anschauen. Luke ist gestern daran vorbeigefahren und meinte, die Tröge seien dort leer. Vermutlich ist die Pumpe kaputt“, sagte Toni.

„Alles klar, das kann ich machen“, meinte Alex, auch wenn sie keine Ahnung hatte, woran sie erkennen sollte, was an einer Pumpe kaputt sein sollte. Von Technik hatte sie nicht wirklich viel Ahnung. Aber sie würde es sich einfach mal anschauen, vielleicht war die Lösung ja ganz einfach.

„Du wirst dann zum Wasserreservoir reiten müssen“, erklärte Toni ihr weiter und biss wieder in ihr Brötchen, welches sie mit Käse belegt hatte.

„Wasserreservoir?“ Alex sah von ihrem Müsli auf und sah Toni fragend an. „Wird das Wasser für die Tröge nicht mit der Windmühle gepumpt?“

Toni schüttelte den Kopf und schluckte den Bissen herunter. „Nicht für alle“, erklärte sie.

„Die Tröge auf den oberen Weiden bekommen ihr Wasser aus dem See“, erklärte Kym von der anderen Seite des Tisches.

„Ja“, stimmte Toni Kym zu. „Wir werden die Rinder demnächst auf eine der oberen Weiden treiben und vorher sollte die Wasserversorgung dort funktionieren.“

Alex freute sich schon auf den Viehtrieb. Es würde zwar nur ein kurzer Viehtrieb werden, wie Toni ihr erklärt hatte, dennoch war er notwendig. Es ging darum, dass die Jungtiere sich an den Älteren orientierten und selber lernten, wie ein Viehtrieb funktionierte. „Alles klar. Ich reite zum See und schaue mir an, welches Problem es mit der Pumpe gibt“, fasste Alex zusammen.

„Meinst du, du schaffst das?“, fragte Toni. Sie traute ihrer Cousine vieles zu und sie glaubte auch, dass sie das schaffen würde. Dennoch wollte sie Alex mit dieser Aufgabe nicht überfallen.

„Ich weiß nicht“, erklärte Alex. „Also mit technischen Dingen kenne ich mich nicht so aus. Aber vielleicht ist es ja nur irgendwie verstopft oder so.“ Sie würde es schon merken, wenn sie dort war. Entweder sie würde es hinbekommen oder eben nicht. Aber sie würde es ja erst wissen, wenn sie es ausprobiert hatte.

„Schau es dir einfach mal an und wenn du nicht weiterkommst, sagst du Kym oder Denis Bescheid“, schlug Toni vor. Kym nickte und erklärte sich damit einverstanden. „Ich muss in die Stadt fahren und das neue Zusatzfutter für die Pferde abholen.“

„Wann wirst du zurück sein?“, fragte Maya, die gerade mit einer neuen Karaffe Wasser ins Esszimmer kam. „Soll ich dich fürs Mittagessen einplanen?“

„Nein, ich denke nicht“, antwortete Toni, nachdem sie einen Moment darüber nachgedacht hatte. Vermutlich würde sie den ganzen Tag in der Stadt sein und erst am Nachmittag wieder nach Kingsford zurückkommen. Sie hoffte, dass Michael und Anja in dieser Zeit nichts anstellen würden, was den ganzen Betrieb aufhalten würde. Sie konnte sich eigentlich immer blind auf ihre Arbeiter verlassen. Natürlich passiert immer wieder mal etwas, mit dem man nicht rechnen konnte. Eine Pumpe ging kaputt, ein Zaun musste repariert werden oder eines der Tiere wurde plötzlich krank. Aber nun waren noch zwei Unerfahrene auf der Farm und sie hoffte nur, dass das alles dennoch gut verlaufen würde. Eigentlich war sie keine Negativ-Denkerin, doch irgendwie hatte sie das Gefühl, dass heute etwas passieren würde, dass ihr nicht gefallen würde. Sie hoffte wirklich, ihr ungutes Gefühl stellte sich nicht als wahr dar.





Alex hatte sich die Schimmelstute Raina gesattelt und war schon etwas aufgeregt, als sie auf dem Rücken des Pferdes saß. Einerseits weil sie nun auf einem anderen Pferd als Butterfly saß, andererseits weil sie zum ersten Mal eine Aufgabe hatte, um die sie sich alleine kümmern musste. Bisher hatte sie die Aufgaben, die Toni ihr übertragen hatte, immer mit jemandem zusammen erledigt. Aber sie freute sich auch darüber, dass Toni ihr das zutraute. Sie würde ja wohl mit einer ollen Pumpe klarkommen. So schwer konnte das ja nicht sein.

Es war ein tolles Gefühl über die Weiden von Kingsford zu reiten. Sie liebte das Gefühl, wenn ihre Haare im Wind wehten und sie sich den Bewegungen des Pferdes voll und ganz hingeben konnte. Es war ein Gefühl von Freiheit. Ein Gefühl, für das es nicht mal ein passendes Wort zu geben schien.
Sie spürte den Wind, der durch die Bäume und Sträucher zog. Sie spürte die Wärme, die von diesem Land ausging. Sie liebte den Geruch von den unterschiedlichsten Blumen, wenn sie an ihnen vorbei ritt. Das hier würde sie immer mit Australien verbinden. Dieses Gefühl von purer Freiheit, als würde sie mit dem Wind durch das Land fliegen. Es kam ihr jedes Mal so vor, als würde das Pferd fliegen, so schnell schien es sich zu bewegen.

Sie hatte sich auf der Karte im Büro noch mal angesehen, wo sie hin reiten musste, um zum See zu gelangen. Sie wollte sich nicht verlaufen.


Der See lag glitzernd und still vor ihr, als sie an der Spitze eines Hügels ankam. Toni hatte ihr den See vor ein paar Tagen schon mal gezeigt als sie die Grenzen von Kingsford abgefahren waren. Alex hatte sich dafür interessiert, wo Kingsford endete und wo neues Land anfing. Auf der einen Seite war Fords-Station, also das Grundstück von Mitch Ford, welches Luke irgendwann mal erben würde. Dann gab es noch Dawn, auf der anderen Seite. Im Norden allerdings grenzte Kingsford an einen Wildkorridor, das wohl auch so etwas wie ein Naturschutzgebiet war. Dort gab es Wildschweine, Kängurus und die eine oder andere Wildpferde-Gruppe. Sie hatte bisher noch kein einziges Wildpferd gesehen, aber sie freute sich schon auf die erste Begegnung mit diesen Tieren. Sie fand, dass Wildpferde irgendetwas Majestätisches an sich hatten. Die Tiere konnten den ganzen Tag rennen, über Wiesen und Felder.

Toni hatte nur mit den Augen gerollt, als Alex ihr das erzählt hatte und gemeint, dass es nun mal einfach nur Wildpferde waren, so wie freilebende Ziegen und Wildschweine. Sie konnten genauso gut Zäune und Ernte zerstören.

Raina ging im Schritt den Weg zum See hinab und Alex stieg ab, als sie an dem glitzernden Wasser angekommen waren. Sie band das Pferd an einem Baum am See fest und ging zu der kleinen Hütte, die eher wie eine Hundehütte aussah, aber in diesem Fall als Unterstand für die Pumpe diente. Sie öffnete die Klappe und starrte die Maschine an.
Wie gesagt, sie hatte absolut keine Ahnung von Technik. Sie blickte zu dem Schlauch, der in den See führte und in einer Leitung wurde das Wasser dann über die Hügel zu den Trögen gepumpt.

Alex musste lächeln, als sie sah, dass Raina sich nach vorne gebeugt hatte und von dem Wasser des Sees trank.

Allerdings riss sie sich gleich wieder zusammen, sie war schließlich nicht hier, um dem Pferd beim Trinken zuzuschauen.

Sie drückte auf den Startknopf der Pumpe und stellte sofort fest, dass diese nicht ansprang. Sie überprüfte danach den Tank der Pumpe, doch dieser war noch halbvoll. Es konnte also nicht daran liegen, dass der Motor kein Benzin mehr hatte. Sie drückte noch mal auf den Knopf, doch wieder passierte nichts. Sie sah sich die Pumpe genauer an und hoffte, dass es noch einen weiteren Knopf geben würde, den sie drücken konnte. Doch den gab es nicht.

Sie seufzte. Ja, sie hatte doch wirklich gehofft, dass es einfacher gehen würde. Vermutlich war die Elektronik oder Mechanik der Pumpe kaputt. Also würde sie Kym oder Denis bitten müssen ihr zu helfen. Alleine würde sie nicht weiterkommen.

Sie klappte den Deckel der kleinen Hütte wieder zu und ging zu ihrem Pferd. „Da müssen wir wohl zurückreiten“, sagte sie Raina und strich der Schimmelstute über die Nase. „Ich habe nämlich keine Ahnung von Technik. Du etwa?“ Von der Schimmelstute kam nur ein Schnauben, was Alex als „Nein“ quittierte.
Die Blonde band das Tier los, stieg auf und ritt im Galopp den Weg zurück, den sie gekommen war.




Sie hatte Raina in den Stall zu den anderen Pferden gebracht und suchte nun auf dem Hof jemanden, der ihr bei dem Problem mit der Pumpe helfen konnte. Allerdings wusste sie ja nicht mal, um was es sich für ein Problem handelte. Am besten Kym und Denis, so wie Toni es ihr vorgeschlagen hatte. Doch sie fand das Haus und den Hof wie leergefegt vor. Sie fand nicht mal Maya und Michael, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob einer der beiden ihr würde helfen können. Vermutlich eher noch Maya als Michael. Michael war vermutlich noch unbegabter als sie, was technische Sachen anging. Er hatte einmal versucht, ein Wandregal in ihrer Wohnung anzubringen. Inzwischen hing ein Bild an dieser Stelle an der Wand, damit man die verzweifelten Versuche nicht mehr sehen konnte. Wenn sie da an Ryans handwerkliches Talent dachte. Er hatte viele Möbel in seinem Haus selbst gezimmert und gebaut.




Alex stand in der Küche, lehnte sich gegen den Küchenschrank und trank ein Glas Wasser, während sie aus dem Fenster blickte und zu den Pferden sah, die auf der Koppel standen. In Deutschland hatte sie nie Leitungswasser getrunken, auch wenn das Leitungswasser bester Qualität war. Aber irgendwie hatte sie es nicht gemocht. Hier jedoch liebte sie es, wenn sie das kalte Wasser frisch aus der Leitung trank. Es schmeckte wundervoll, wie sie fand. Manchmal, wenn sie den ganzen Tag in der Sonne verbracht hatte, Zäune repariert oder auch nur die Ställe ausgemistet hatte, hatte sie das Gefühl, dass das Wasser dann das Beste war, was sie je getrunken hatte.

Es klopfte hinter ihr und sie drehte sich überrascht um.

Ryan stand im Türrahmen, die zur Veranda führte und lächelte sie an. „Bist du heute alleine hier?“

Sie lächelte ihn an. Sie hatte den ganzen Tag an ihn gedacht und darüber, was sie mit ihm machen sollte. Ob sie es nicht einfach riskieren und sich fallen lassen sollte. Oder ob es nicht unfair ihm gegenüber war. Ihn nun zu sehen, tat ihr aber gut. Sie mochte den sanften Blick in seinen Augen. „Ja, scheint mir auch so“, meinte Alex und stellte ihr Glas ab. „Möchtest du etwas trinken?“

„Gerne“, antwortete Ryan und ließ sich von Alex ein Glas Leitungswasser reichen. „Wo sind denn alle?“

„Toni ist in der Stadt. Denis und Ruby wollten, glaub ich, nach den Rindern schauen. Kym hat Anja mitgenommen und Maya Michael. Ich dachte eigentlich, die beiden wären zumindest noch hier, aber ich kann sie nicht finden.“ Sie lächelte ihn an und zuckte mit den Schultern.

„Mayas Wagen stand auch nicht in der Auffahrt“, meinte Ryan. „Vermutlich sind sie irgendwohin gefahren.“

Alex nickte. Etwas anderes konnte sie sich auch nicht vorstellen. „Zu wem wolltest du denn? Zu Toni?“

„Nein, eigentlich wollte ich nur Bescheid geben, dass ich euch die Schermaschine zurückgebracht habe.“

„Sind deine Schafe nun nackt?“, fragte Alex und lächelte ihn an. Auch wenn sie es schön fand, ihn zu sehen, war es dennoch merkwürdig. Etwas stand zwischen ihnen und irgendwie war es nun regelrecht spürbar. Sie mochte ihn, das stand nicht zur Debatte. Doch war es nicht falsch, sich auf ihn einzulassen und dann irgendwann wieder nach Deutschland zurückkehren zu müssen?

„Ich hoffe, sie holen sich keinen Sonnenbrand“, meinte er grinsend und stellte das leere Glas ins Waschbecken.

„Bestimmt nicht“, meinte Alex und stellte ihr leeres Glas neben seins. „Sag mal, hast du Ahnung von Pumpen?“

„Pumpen? Ich denke schon. Brauchst du Hilfe bei einer?“

„Die Pumpe am Wasserreservoir springt irgendwie nicht an und ich bin in Technik echt eine Niete. Ich habe absolut keine Ahnung, warum die nicht anspringt.“

„Soll ich sie mir mal ansehen?“, fragte Ryan ohne lange darüber nachzudenken. Er war sich zwar nicht sicher, ob er die Pumpe reparieren konnte, aber er konnte es wenigstens versuchen.

„Nur wenn du Zeit hast“, sagte Alex. Sie wollte ihn schließlich nicht von seiner Arbeit abhalten.

„Klar“, meinte Ryan. Für Kingsford, vor allem für Alex, würde er immer Zeit finden. Wenn er dabei noch etwas Zeit mit ihr verbringen konnte, würde er sich sowieso nicht beschweren.

„Das wäre echt super“, sagte Alex dankbar.

„Na, komm schon“, meinte Ryan und grinste sie an. „Werkzeug habe ich auch noch auf der Ladefläche. Das dürfte ausreichen.“

Alex füllte noch zwei Wasserflaschen auf, welche sie mitnahm und folgte Ryan nach draußen.





Ryan musste schmunzeln, als er den See vor sich sah. Sie schwammen oft hier. Vor allem als Kinder waren sie hier oft schwimmen gewesen.

„Ich habe hier Schwimmen gelernt“, erzählte er ihr, als er den Motor seines Pick-Ups ausstellte.

„Hier in dem See?“

„Ja, Luke und Toni haben hier auch Schwimmen gelernt“, erzählte er ihr.

„Wer hat es euch beigebracht?“

„Harry. Meiner Meinung nach hat er das wundervoll gemacht.“

Alex lächelte. Sie hätte Harry sehr gerne kennengelernt. Es war traurig, dass sie nie die Gelegenheit dazu hatte. Sie würde diesen wundervollen Menschen, der Sarahs Bruder und Tonis Vater war, nie kennenlernen. Sie würde Geschichten über ihn hören, seine Einträge in den Büchern lesen, aber sie würde nie ein Gespräch mit ihm führen können.
Sie hatte Schwimmen in der Schule gelernt. Nicht in einem See bei ihrem Onkel. Vermutlich hätte Harry ihr auch das Schwimmen beigebracht, wenn ihre Mutter damals nicht gegangen und sie hier aufgewachsen wäre. Vielleicht hätte aber auch Hugh ihr das Schwimmen beigebracht. Wer wusste schon wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn ihre Mutter mit ihr hiergeblieben wäre.

„Es muss schön sein, hier als Kind aufzuwachsen“, überlegte Alex und blickte zum See, der glitzernd vor ihnen lag.

„Das war es auch. Es war wundervoll. Vor allem mit Toni und Luke. Man war nie alleine.“

Sie betrachtete ihn und sah, dass er immer noch verträumt lächelte. Sie glaubte ihm jedes Wort. Hier waren alle füreinander da. Hier draußen gab es eine Verbundenheit, die es in der Stadt nie geben würde. Sie stellten sofort einen Suchtrupp zusammen, wenn jemand vermisst wurde. Alle Nachbarn suchten mit. Einmal in der Woche wurden auch die umliegenden Farmen angerufen. Es war eine Art Kontrollanruf, damit man sicher gehen konnte, dass immer noch alle da waren. Es war auch eine Art Freundschaftsdienst, weil man auf sich achtete.

„Geht ihr hier immer noch schwimmen?“, fragte Alex ihn.

Ryan lächelte ihn an. „Hin und wieder. Bei der Hitze, die wir hier manchmal haben, ist so ein Bad in einem See die beste Erfrischung, die es geben kann.“

Alex lächelte. Vielleicht würde sie demnächst mal ihren Bikini anziehen, ein Handtuch einpacken und hier mal ein wenig Schwimmen gehen. Vielleicht würde Toni ja mitkommen, wenn sie ihre Cousine fragen würde. Einfach mal einen kleinen Kurzurlaub an dem kleinen See machen.

„Gut, dann wollen wir uns mal die Pumpe anschauen gehen“, schlug Ryan vor und öffnete seine Wagentür.

Alex folgte ihm nach draußen zur Pumpe.




„Der Motor ist trockengelaufen“, erklärte Ryan ihr.

Alex hatte neben ihm gestanden und jeden seiner Handgriffe verfolgt. Sie war sich zwar nicht sicher, ob sie diese in Zukunft auch so ausführen könnte, aber sie war aufmerksam gewesen.

„Trockengelaufen?“, fragte Alex ihn und nickte. Auch wenn sie sich nicht so wirklich sicher war, was das nun bedeutete.

„Wir müssen den Motor nur mit etwas Öl versorgen und dann funktioniert er hoffentlich wieder“, meinte Ryan und ging zu seinem Wagen. Er suchte etwas auf seiner Ladefläche und holte dann eine kleine Ölkanne hervor.

„Hoffentlich ist das dann alles gewesen“, meinte die Blonde. Sie wollte Ryan nicht länger als nötig von seiner Arbeit abhalten, auch wenn sie ihm sehr dankbar war, dass er ihr half. Alleine hätte sie das sowieso nicht hinbekommen. Und wenn sie ehrlich war, war es schön mit Ryan Zeit zu verbringen.
Er gab etwas von dem Öl an den Motor, stellte die Ölkanne schließlich wieder zur Seite und drückte schließlich auf den Einschaltknopf. Beim ersten Mal passierte allerdings gar nichts. Er musste den Knopf drei Mal drücken, bis die Pumpe wieder ansprang und ein lautes Rattern zu hören war.

„Geht doch“, meinte er zufrieden. „Die Pumpe ist wieder heil.“

„Du bist echt mein Held“, erwiderte Alex ehrlich und blickte zur Pumpe und dann wieder zum See.

Sie betrachteten die Pumpe einen Augenblick und bemerkten dann, dass die Pumpe zwar arbeitete, aber kein Wasser ansog. „Liegt wohl doch nicht nur daran.“ Sie hatte wirklich gehofft, dass es keine so große Sache sein würde, sodass sie schnell wieder zurückkonnte.

„Anscheinend nicht. Das Ansaugventil scheint auch nicht mehr in Ordnung zu sein“, überlegte Ryan.

„Das heißt, ich muss ins Wasser?“, fragte Alex und lächelte ihn an.

„Tröstet es dich, wenn ich mitkomme?“, fragte er charmant.

„Vielleicht, ein wenig“, erwiderte sie. Sie zog ihre Stiefel aus und schlüpfte aus ihrer Hose und watete dann ins Wasser. Sie hatte sich das mit dem Schwimmen im See anders vorgestellt. Erstens wollte sie dann nicht nur ihre Unterwäsche und ein Shirt tragen, sondern einen Bikini und sie wollte es aus Vergnügen tun und nicht der Arbeit wegen. Aber so war das Leben auf dem Land nun mal. Man weiß am Morgen nie, was der Tag für einen noch bereithält.

„Ich habe mir das irgendwie anders vorgestellt, wenn ich das erste Mal in diesen See steige.“

„Wolltest du hier Schwimmen lernen?“, fragte Ryan sie amüsiert und folgte ihr ins Wasser, nachdem er sich seine Jeans, sein Hemd und die Stiefel ausgezogen hatte.

Alex schwamm zu dem Kanister, der auf dem Wasser schwamm.

Ryan folgte ihr und fasste um den Kanister herum. An dessen unteren Seite, die die im Wasser lag, war ein Seil befestigt.

„Daran ist das Ansaugrohr befestigt“, erklärte Ryan ihr. „Da der Kanister oben schwimmt, sorgt er dafür, dass das Rohr sich nicht im Schlamm festsaugt.“ Er zog daran und seufzte. „Tja, leider ist aber wohl genau das passiert.“

Alex sah ihn fragend an, als er das Ende des Seils hochzog und sie sahen, dass es gerissen war.

„Deswegen sind eure Tröge leer. Das Ansaugrohr ist in den Schlamm gefallen, deswegen klemmt die Fußklappe.“

Alex nickte „Es sind noch ein paar Seile am Ufer.“ Sie hatte welche neben der Pumpe in dem kleinen Schuppen gesehen. Vermutlich hatte schon jemand geahnt, dass so etwas mal passieren würde und deswegen schon welche als Ersatz dort deponiert.

„Gut, ich hole sie.“ Ryan schwamm zum Ufer zurück, während Alex am Kanister blieb.
Das Wasser war kälter als sie erwartet hatte. Es entsprang irgendeiner unterirdischen Quelle und deswegen war es so frisch. „Ich werde das Rohr mal raufholen.“ Sie war schon immer gut im Tauchen gewesen. Sie war sich auch bewusst, dass sie hier in diesem See nicht wirklich viel sehen würde. Aber sie würde einfach ihr Bestes geben, wie immer. Sie würde sich einfach irgendwie entlang tasten müssen.

Sie sah Ryan noch nicken und tauchte ab. Der See war nicht tief. Vermutlich gerade mal dreieinhalb Meter an der tiefsten Stelle. Aber das Wasser war sehr trüb und sie sah kaum etwas. Vermutlich hatten sie auch etwas Schlamm beim rumschwimmen aufgewirbelt oder als sie die Pumpe gestartet hatten. Doch von der Trübe des Wassers würde sie sich nicht unterkriegen lassen.

Schnell fand sie den schwarzen Schlauch, der zur Pumpe führte und im Schlamm feststeckte. Sie zog daran, doch dieser bewegte sich nicht ein bisschen. Er wollte absolut nicht nachgeben, egal wie sehr sie daran zog.
Die Blonde nahm an, dass sich das Ende irgendwo verheddert hatte. Einer Wurzel oder Ähnliches.
Sie zog sich an dem Schlauch entlang und suchte das Ende. Sie konnte immer noch kaum etwas sehen, aber sie konnte sich entlang hangeln. Schließlich fand sie das Ende, welches sich wirklich in einer Wurzel verheddert hatte. Sie versuchte es zu entwirren, zog immer wieder am Schlauch, versuchte ihn mit ihren Händen zu befreien. Doch er schien sich nicht bewegen zu wollen.


Ryan war am Ufer, hatte die Stricke in der Hand und sah auf die Oberfläche des Sees. Er hatte ein ungutes Gefühl, als er die glänzende Fläche vor sich sah. Vermutlich war er übervorsichtig, aber er machte sich jetzt schon Sorgen, denn er war der Meinung, dass sie schon viel zu lange unter Wasser war. „Alex?“, rief er ihren Namen. Natürlich konnte sie ihn unter Wasser nicht hören.


Alex zerrte währenddessen weiter an dem Schlauch, versuchte ihn von der Wurzel zu befreien, doch das erwies sich als verdammt schwierig. Sie hatte es sich wirklich einfacher vorgestellt, das Ende des Schlauches zu befreien. Doch es steckte fest und sie konnte nichts sehen, da sie immer mehr Schlamm um sich herum aufwirbelte.


„Verdammt Alex!“ Ryan ließ die Seile wieder fallen und rannte sofort ins Wasser. Er schwamm so schnell er konnte zum Kanister und hoffte, dass sie gleich auftauchen würde.


Alex zerrte weiterhin an dem Schlauch. Ihr wurde bewusst, dass sie so langsam keine Luft mehr hatte. Der Druck in ihrem Brustkorb wurde immer unangenehmer. Ihre Lungen brannten, weil sie kaum noch Sauerstoff in sich hatte. Sie stützte sich mit den Füßen links und rechts von Schlauch ab und zog so fest sie nur konnte.


„Komm schon, Alex, komm schon“, bat Ryan und sah sich besorgt um. Doch die Oberfläche blieb unberührt. Alex‘ Kopf tauchte nicht auf.

Ryan tauchte unter. Er musste sie finden. Er hätte tauchen müssen, er hätte sie nicht abtauchen lassen sollen.


Mit einem Mal hatte sie den Schlauch losbekommen, welcher plötzlich ganz leicht zu ziehen war, als sie ihn von der Wurzel befreit hatte. Sie wollte nach oben schwimmen, doch jetzt merkte sie, dass sie sich selber mit dem Fuß in einer Wurzel verheddert hatte.

Doch dann wurde alles ganz leicht.
Sie fühlte nicht mehr den Schmerz ihres Fußes oder den Schmerz in ihrer Lunge. Sie sah viel klarer unter Wasser, als löse sich der Schlamm mit einem Mal auf.

Die Blonde fühlte sich regelrecht schwerelos. Es war irgendwie ein sehr schönes Gefühl. Sie blickte nach oben und konnte die Sonnenstrahlen sehen, wie sie durch das Wasser brachen und teilweise den schlammigen Boden des Sees erreichten.

Der Druck in ihrem Brustkorb verschwand und sie glaubte sogar Musik zu hören. Es war eine sanfte Melodie, die sie nicht einordnen konnte, wusste aber, dass sie diese schon mal zuvor gehört hatte. Es war ein schöner Klang und sie schien im Wasser dazu zu tanzen.
Sang da jemand?


Ryan tauchte wieder auf und holte hektisch nach Luft. „Alex!“, schrie er und sah sich verzweifelt nach ihr um. Doch von ihr war keine Spur an der Wasseroberfläche. Er sah sie auch nicht am Ufer. Sie musste noch immer unter Wasser sein.

„Alex!“ Er konnte nicht glauben, dass so etwas passierte.

Lukes Bruder tauchte sofort wieder ab und fand sie schließlich. Ihre langen blonden Haare schwammen um ihren Kopf herum und wirkten wie ein Heiligenschein. Er wollte sie anschreien, zerrte an ihr, doch sie bewegte sich keinen Zentimeter. Sie deutete mit der Hand auf ihren Fuß und er sah, dass sie feststeckte.

Sie beobachtete mit ruhigen Augen, wie er hektisch an ihrem Fuß zerrte und versuchte, sie mit aller Kraft von der Wurzel zu befreien. Vermutlich kämpfte er nun genauso, wie sie eben mit dem Schlauch gekämpft hatte.

Die Blonde verstand in dem Moment gar nicht, warum er so hektisch war, denn in ihr war eine vollkommene Ruhe eingekehrt.

Als er ihren Fuß befreit hatte, schwamm er mit ihr sofort an die Oberfläche.
Kaum waren sie oben angekommen, holte Alex panisch nach Luft, füllte ihre schmerzenden Lungenflügel mit Sauerstoff.

Sie schlug um sich, Panik packte ihren Körper, weil ihr mit einem Mal bewusst wurde, was da unten gerade fast passiert war.

Ryan hielt sie fest, während sie schluchzte. „Ich hab dich“, meinte er und war sich nicht sicher, ob er ihr das sagte, damit sie sich besser fühlte oder damit er sich besser fühlte.

„Ich…“ Sie konnte nicht mal sprechen. Ihr Hals schmerzte und ihr Körper bebte. Sie war sicher, wenn Ryan sie nicht festhalten würde, würde sie jetzt ertrinken.

„Schon gut“, sagte er zu ihr und schwamm mit ihr ans Ufer. Er zog sie aus dem Wasser und sie krochen noch ein paar Meter, bevor sie sich beide auf den Boden legten, die Füße immer noch im Wasser. Sie kniete auf allen Vieren und spuckte erst mal eine Ladung Wasser aus, eher hustete sie es aus ihrer Lunge.
Ryan saß neben ihr und hatte seine Hand auf ihren Rücken gelegt, damit sie wusste, dass er neben ihr war. Er brauchte die Berührung zu ihr auch. Erschöpft ließ sie sich auf den Rücken fallen. Ryan legte sich neben sie und betrachtete sie. Er hatte Angst, dass sie gleich wieder unter Wasser sein würde und er sie dieses Mal nicht finden würde.
Ihre Atmung war immer noch hektisch und das Beben hatte ihren Körper auch noch nicht verlassen. Ihre Lungen brannten immer noch. Jeder Atemzug tat weh.

„Ich habe im Wagen eine Decke“, sagte er, stand auf und merkte, wie wackelig seine Beine waren. Er hätte gerade fast Alex verloren. Sie wäre eben fast vor seinen eigenen Augen ertrunken. Seine Knie waren schwach und er würde die wärmende Decke genauso brauchen, wie sie. Er stand immer noch unter Schock, doch musste er sich jetzt erst um Alex kümmern.

Er öffnete die Wagentür und holte die Decke vom Rücksitz, die er immer dabeihatte.
Schnell ging er wieder zu ihr zurück. Er setzte sich neben sie.
„Komm, setz dich hin“, schlug er vor.

Ihre Zähne klapperten, ihre Lippen zitterten, sie waren blau angelaufen.
Alex versuchte sich aufzusetzen, wie er sie gebeten hatte, doch sie schien keine Kraft zu haben, also half er ihr, zog sie an sich und legte die Decke um sie beide. Sie war eiskalt, wie er fand. Doch er war vermutlich kaum wärmer.

Dennoch musste er sie festhalten. „Du musst warm werden“, flüsterte er ihr zu und rieb über ihre nackten Arme. Sie trug immer noch das Shirt, das ihr wie eine zweite Haut am Körper klebte. Ihre nassen Haare klebten an ihrem Gesicht, doch es war ihr alles egal.
Er war sich nicht mal sicher, ob sie ihn hörte, Tränen rannen über ihre Wangen und ihr ganzer Körper bebte immer noch. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie sie sich fühlen musste, wenn seine Knie schon eben beinahe unter seinem Gewicht nachgegeben hatten. Er sah sie immer noch vor sich, wie sie da im Wasser schwamm und die Haare um ihren Kopf schwirrten. Ihre Augen hatte eine innere Ruhe ausgestrahlt. Sie hatte so ausgesehen, als hätte sie schon längst aufgehört zu kämpfen. Als konnte sie nicht mehr.

„Alex, sag etwas“, bat er sie. Er musste ihre Stimme hören. Er musste hören, dass sie okay war. Dass sie noch bei ihm war.

Sie drehte sich zu ihm und sah ihn mit ihren großen blauen Augen an.

Er erkannte erst jetzt, dass sie wohl die längsten Wimpern hatte, die er je gesehen hatte. Die Tränen schienen aufgehört zu haben und vielleicht war es auch nur das Wasser vom See gewesen, dass er auf ihren Wagen gesehen hatte.

„Danke“, sagte sie mit heiserer und brüchiger Stimme. Das war das einzige Wort, das sie jetzt über die Lippen bringen konnte. Für alles andere hatte sie keine Kraft und alles andere schien auch nicht wichtig zu sein.

Er nickte und nun war er es, dem die Tränen in den Augen standen. Er konnte einfach nicht glauben, dass er sie eben fast verloren hatte. Was wäre, wenn er länger gebraucht hätte sie zu finden oder er sie nicht hätte befreien können. Er konnte es sich nicht mal vorstellen.

Er blickte von ihren blauen Augen zu ihren Lippen, die sonst immer rosafarben waren. Er strich mit dem Daumen über die kalten Lippen und seufzte. „Ich hätte dich fast verloren“, flüsterte er fassungslos, während eine Träne über seine Wange rann.

Sie schüttelte den Kopf und schluckte schwer.
Aber sie wussten beide, dass es der Wahrheit entsprach, was er eben gesagt hatte. Alleine hätte sie sich nicht befreien können. Sie wäre dort im See ertrunken.

Ohne noch länger darüber nachzudenken, überbrückte er die letzten Zentimeter und drückte seinen Mund auf ihre kalten Lippen. Der Kuss war nicht leidenschaftlich oder romantisch. Er war in diesem Moment vor allem verzweifelt.

Zuerst war sie überrascht gewesen, dass er sie küsste, weil er sonst immer sehr zurückhaltend war.
Doch dann schlang sie die Arme um seinen Hals, drückte sich an ihn und erwiderte den Kuss wie eine Hungrige.

Sie klammerte sich an ihn, wie eine Ertrunkene und er war der Einzige, der sie retten konnte.
Sie war eben beinahe ertrunken, da war alles andere in diesem Moment einfach nur noch egal. Sie wollte ihn jetzt nur noch küssen. Sie wollte ihn spüren. Sie wollte spüren, dass sie noch am Leben war.
Ihn zu küssen, war wie zu Atmen.





When I finally touch you
Soft upon your skin
You travel to the heart of me
And so it begins

Can't walk away
Can hardly breathe
I know you're there
I feel you're there
'Cos once you light that fire
And then you give it life
It grows and grows

'Cos the first touch
Of your first love
Is the deepest and the sweetest
And the last words
Of your first love
Are the hardest words to hear

'Cos the first touch
Of your first love
Is the deepest and the sweetest
And the last words
Of your first love
Are the hardest words to hear

Look into the distance
Tell me what you see
Can you see the future?
Are you there with me  
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