Im Land der Sonne

GeschichteDrama, Romanze / P16
24.08.2019
17.10.2019
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Don’t judge – Rebecca Lavelle


Don't judge,
Don't believe what you see,
Don't judge,
There's so much more to me,
Inside
It's hard to be clear,
Inside,
It's when I feel the fear

I'm findin' my way, I'm findin' my way
I can do it alone,
I'm findin' my way, I'm findin' my way,
but there's so much, so much more to say,
Im findin' my way



Australien liegt am anderen Ende von allem. Egal ob von Europa oder von Amerika gesehen, man fliegt ewig, um dort hin zu kommen. Und dennoch hatte die blonde Frau sich auf den Weg in dieses Land gemacht. Alexandra Leigh Carter, die von allen nur Alex genannt wurde, hatte schon viele Länder und Städte gesehen, doch hatte sie noch nie einen Fuß auf diesen Kontinent gesetzt. Den roten Kontinent. Der lange Flug hatte sie immer davor abgeschreckt, das Land der Koalas und Kängurus zu besuchen. Aber auch all der giftigen und gefährlichen Tiere.

Doch nun war sie hier und wartete vor dem Gepäckband auf ihre Koffer. Sie reiste gerne und hatte mit ihren 24 Jahren schon sehr viel von der Welt gesehen. Vor allem nachdem ihre Mutter Sarah gestorben war, hatte sie außer ihrer Arbeit kaum noch etwas in Deutschland gehalten. Sie mochte Deutschland, ihre Freunde und ihre Arbeit, doch es hatte sie immer in die weite Ferne gezogen. Sie war in Nord- und Südamerika gewesen, genauso wie in Asien und Afrika. Sie hatte so gut wie jedes Land in Europa besucht  und die verschiedensten Leute kennen gelernt. Sie war auf der großen Mauer in China spazieren gegangen und war auf dem Machu Picchu in Peru gewesen. Sie hatte in der Mitte des Shakespeare’s Globe in London gestanden, aber auch auf dem Empire State Building in New York. Es war schon immer ihr Traum gewesen, so viel wie möglich von der Welt zu sehen. Sie wollte von Ländern nicht nur aus Reportagen oder Büchern erfahren. Sie wollte sie spüren. Die Länder riechen, schmecken und erleben.
Eigentlich ging ihr ganzes Geld immer für ihre Trips drauf, aber sie sah auch nicht ein, warum das ein Problem sein sollte.  Sie wollte schon immer  viel von der Welt sehen. Sie wollte die Kulturen und Geschichten am eigenen Leib erleben und spüren. Sie schoss gerne Fotos, aber vor allem liebte sie die Geschichten, die hinter den Fotos steckten. Geschichten von Menschen, die in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Leben lebten. Und dennoch hatten diese Menschen etwas gemeinsam, sie erzählten gerne ihre Geschichten, wenn sie jemanden fanden, der ihnen wirklich zuhören wollte.



Alex strich sich eine Strähne ihres blonden Haares hinters Ohr, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, während sie auf ihren Koffer wartete. Sie musste wieder an den Brief denken, den sie in ihrer Handtasche aufbewahrte. Dieser Brief hatte sie schließlich in dieses Land geführt. Es war ein Brief von einem Anwalt, einem Nachlassverwalter, der sie daran erinnert hatte, dass ihre Mutter Sarah noch einen Bruder hatte. Ihre Mutter hatte ihr nie von diesem Land hier erzählt. Sie war hier geboren und nie wieder zurück gekommen. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, warum Alex hier nie hatte herkommen wollen.

Der Anwalt hatte sich um die Hinterlassenschaften ihres Onkels Harry gekümmert, den Bruder ihrer Mutter und dieser hatte ihr nach seinem Tod ein Stück Land vermacht. Sie hatte nicht mal gewusst, dass ihr Onkel gestorben war. Eigentlich hatte sie kaum etwas über diesen Teil ihrer Familie gewusst. Ihre Mutter hatte nie gerne darüber gesprochen. Und ihre Großmutter, die mit Sarah damals nach Deutschland gekommen war, war gestorben, als Alex noch zu klein gewesen war.
Sie wusste nicht was sie mit einem Stück Land anfangen sollte oder was hier auf sie wartete.

Alex hatte sich an die Adresse gewandt, die der Anwalt ihr zukommen ließ und herausgefunden, dass sie nicht nur einen Onkel, sondern auch eine Cousine hatte. Antonia Carter. Auch wenn Alex ihre Cousine nicht kannte, freute sie sich darauf sie zu treffen und kennen zu lernen. Diese Antonia war schließlich die einzige Familie, die sie noch hatte.

Sie war nach Adelaide geflogen und hoffte, dass man sie wirklich vom Flughafen abholen würde, denn sie hatte keine Ahnung, wie sie zu dem Ort kommen sollte, an dem ihr Onkel mit seiner Familie gelebt hatte.

Endlich, dachte sie, als sie ihren roten Koffer entdeckte und ihn vom Band hievte. Er war etwas zu groß und ein wenig zu sperrig, weswegen sie Probleme hatte, ihn vom Band zu hieven. Das dachte sie jedes Mal, wenn sie mit diesem auf Reisen ging und dennoch nahm sie ihn immer wieder mit, da er ansonsten mit seinen vier Rollen mehr als nur praktisch war.

„Ich helfe Ihnen“, sagte ein Mann, griff nach dem Koffer, holte ihn geschickt vom Band und schob ihn auf den Gepäckwagen, den Alex schon neben sich stehen hatte.

„Vielen Dank“, bedankte Alex sich bei ihm.

„Keine Ursache. Aber haben Sie Steine da drinnen?“, fragte der Mann mit einem freundlichen Lächeln.

Alex erwiderte sein breites Lächeln. „Nein, aber ich weiß noch nicht, wie lange ich hier bleiben werde.“

„Sind Sie zum ersten Mal hier?“ fragte er interessiert und schaute wieder auf das Gepäckband, vermutlich um nach seinem eigenen Koffer zu schauen.

„Ja, sieht man das?“

„Nein, aber auf ihrem Koffer sind eine Menge Aufkleber von verschiedenen Ländern drauf. Aber keiner von Australien“, erklärte der Mann seine Überlegung und deutete auf die Aufkleber auf ihrem roten Koffer.

Alex blickte auf ihren Koffer und sah sich die Aufkleber-Sammlung an. Sie hatte vor Jahren irgendwann mal damit angefangen und den ersten Aufkleber als Erinnerung an ein Land, dass sie gerade besucht hatte, darauf geklebt. Griechenland war damals ihre erste Reise gewesen. Dem ersten Aufkleber waren ziemlich viele weitere gefolgt.
„Ja, das stimmt wohl. Ist jetzt das erste Mal, dass ich in Australien bin.“

„Warten Sie noch auf einen Koffer?“

„Ja, ein Blauer sollte noch für mich sein.“ Alex musterte den Mann neben sich ein wenig eindringlicher. Er trug eine graue Hose, die aussah, als würde sie zu einem Jackett gehören. Die obersten beiden Knöpfe seines weißen, gestärkten Hemdes waren aufgeknöpft, die Ärmel bis über die Ellenbogen nach oben gekrempelt und sie konnte sehen, dass er muskulös und sonnengebräunt war. Er sah nicht aus wie einer dieser Bodybuilder – die konnte sie nämlich nicht leiden – aber einfach wie jemand, der körperlich arbeitete. Vielleicht arbeitete er auf dem Bau, dachte sie. Doch dann würde der Anzug nicht passen. Er hatte blonde Haare und warme braune Augen. Sie mochte sogar seinen Akzent. Sie nahm an, dass es ein australischer Akzent war.

„Wo wollen Sie denn hin? Rundreise durchs Land? Oder direkt ins Outback?“

„Das kann ich Ihnen gar nicht mal so genau sagen. Ich besuche meine Familie zum ersten Mal und ich weiß nur, dass sie eine Farm haben.“

„Dann wünsche ich Ihnen viel Spaß. Da ist mein Koffer. Ich hoffe Ihr zweiter kommt gleich.“ Er trat wieder näher ans Band und hob seinen eigenen Koffer vom Band, welcher deutlich kleiner war als ihr roter. „Und willkommen in Australien. Ich bin mir sicher, Sie werden dieses Land lieben. Ich liebe es zumindest.“

„Danke sehr. Ich bin schon sehr gespannt, auf dieses Land.“ Sie sah ihm zu, wie er mit ein paar anderen Reisenden, die ihr Gepäck schon beisammen hatten, durch die Tür zum Ausgang verschwand und Alex und ein paar andere am Gepäckband zurückließ.

Sie seufzte und streckte sich noch mal, da sie doch ganz verspannt vom langen Flug war und ihr fast jeder Muskel wehtat. Sie war schon oft geflogen und hatte auch schon längere Flüge hinter sich. Aber sie war noch nie fast einen ganzen Tag im Flugzeug unterwegs gewesen. Und wer wusste schon, wie lange sie noch bis zu dieser Farm unterwegs sein würde. Sie war wirklich gespannt auf dieses Land, aber auch etwas unsicher, wie ihre Cousine und deren Familie sie aufnehmen würde.

Es war ja nicht so als würde Alex nicht offen auf Menschen zu gehen. Sie hatte ein offenes Gemüt und war sehr freundlich, ihr Lächeln oft ansteckend. Dennoch machte sie das alles hier etwas unsicher.

Vor allem hatte sie nie Probleme damit, Männer kennen zu lernen. Da gab es Pietro in Andalusien, Simon in New York, Peter in London, Fabrizio in Rom. Doch keiner von Ihnen hatte sie bisher in seinem Land festgehalten, sie war immer wieder weitergezogen. Wer wusste da schon, was hier auf sie wartete.
Sie strich sich übers Haar und lächelte als sie ihren blauen Koffer endlich entdeckte. Damit konnte ihr Abenteuer von Australien doch losgehen.




Alex schob den Gepäckwagen durch die Türen hindurch und sah sich sofort in der riesigen Empfangshalle um. Sie liebte Empfangshallen von Flughäfen. Dort warteten Leute auf ihre Geliebten, auf ihre Familie, auf Freunde und wenn sie diese gefunden hatten, nahmen sie diese in die Arme und hielten sie fest. Sie schlossen sie fest in die Arme und wollten sie nicht mehr los lassen. Es gab Tränen der Freude und frohe Worte. Dieser Raum war immer voller Gefühle und Emotionen.

Manchmal war sie ganz langsam durch die Empfangshalle in anderen Flughäfen gegangen und wollte jeden Augenblick, jede Mimik des Glücks einfangen und festhalten. Es war immer unglaublich schön gewesen, den Menschen zuzusehen wie sie sich über ein Wiedersehen freuten. Auch wenn sie diese Menschen eigentlich gar nicht kannte und vermutlich auch ein wenig die Privatsphäre dieser Leute verletzte, war es schön diese Augenblicke mitzuerleben.

Doch dieses Mal hielt sie selber Ausschau nach jemandem, ihrer Cousine. Sie hatten sich noch nie getroffen, nie Briefe geschrieben oder telefoniert. Eigentlich hatte Alex noch nicht mal etwas von ihrer Existenz gewusst, bis der Brief vom Nachlassverwalter ihres Onkels Harry gekommen war. Auch wenn sie nichts dafür konnte, hatte sie dennoch ein schlechtes Gewissen, sich nie bei ihrer Cousine gemeldet zu haben.

Sie hatte keine Ahnung, wie ihre Cousine aussah und wusste deswegen auch nicht, nach wem sie Ausschau halten sollte. Hatte Antonia vielleicht auch blonde Haare, wie sie selber oder waren sie braun oder schwarz? Welche Augenfarbe hatte sie? Wie alt war an Antonia – was sie jünger oder älter als Alex? Wie groß war Antonia? Was für Kleidung trug sie?

Alex seufzte, als sie merkte, dass sie eigentlich gar nichts von ihr wusste und irgendwie fühlte sie sich deswegen auch etwas schlecht. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil es am anderen Ende der Welt eine Cousine gab, bei der sie sich nie gemeldet hatte. Natürlich konnte sie ihrer Mutter die Schuld geben, weil Sarah ihr nie von Harry oder Antonia erzählt hatte. Aber was brachte das schon? Ihre Mutter war vor sechs Jahren gestorben.

Die Blonde las die Namen, welche auf den Schildern standen, die die Leute hochhielten, hoffte, dass sie auch ihren eigenen Namen auf einem dieser Schilder entdecken würde. Was würde sein, wenn man vergessen hatte, dass sie kommen würde? Was würde sein, wenn man gar nicht wollte, dass Alex da war?

Sie gehörte eigentlich ganz und gar nicht zu den Menschen, die leicht zu verunsichern waren, weswegen sie sich auch zusammenriss und lächelte, als sie ihren Namen auf einem Schild entdeckte. Sie sah sich den Mann an, der das Schild hielt und der sie fragend ansah. Er sah gut aus, ohne Zweifel. Hellbraune Locken, ein hellblaues Buttondown-Hemd, welches er in seine ausgeblichene Jeans gesteckt hatte. Er hatte sonnengebräunte Arme und Hände, die nicht so aussahen, als wäre er Pianist. Er schien harte Arbeit zu bevorzugen.

„Hallo, du bist Alexandra Carter?“ fragte er sie und senkte das Schild, auf dem ihr Name stand.

Alex lächelte. „Ja, die bin ich.“ Sie reichte dem Fremden die Hand und freute sich darüber, dass man sie nicht vergessen hatte, sondern sie wirklich am Flughafen abholte. Sie fühlte die Schwielen in seiner Hand, als er sie mit einem festen Händedruck Willkommen hieß. Sie mochte es, wenn Leute einen festen Händedruck hatten, vor allem bei Männern.

„Freut mich. Ich bin Peter Harrison. Komm, ich nehme das“, meinte er und nahm ihren Gepäckwagen, auf dem ihre Koffer lagen. „Hast ja doch einiges an Gepäck mitgebracht. Aber das dürfte noch in den Wagen passen. Wie war der Flug? Bestimmt lange, oder?“

„Ja, danke“, meinte sie und strich sich wieder die Strähne hinters Ohr. Sie hatte keine Ahnung, wer dieser Mann war. Vielleicht war dieser Mann, der Ehemann oder der Verlobte ihrer Cousine. Sie wusste es nicht und musste ihm einfach vertrauen.




Die Hitze erschlug sie fast, als sie mit Peter den Flughafen verließ und ins Freie trat. Sofort zog sie sich die Strickjacke aus, die sie während des Flugs getragen hatte und war froh, dass sie nur ein Top darunter trug, denn es war eindeutig zu warm für alles andere. Vielleicht hätte sie sich eine andere Jahreszeit für ihren Besuch aussuchen sollen. Doch nun war sie hier und würde das Beste daraus machen und schlimmer als die feuchte Hitze in Hongkong würde es hier schon nicht sein.

„Du bist das Wetter nicht gewohnt, oder?“ fragte Peter und sie nickte.

„Nicht wirklich.“ Sie folgte ihm zu seinem Wagen und war überrascht, dass er einen Pick-Up fuhr. Irgendwie hatte sie doch mit einem anderen Wagen gerechnet. „Du hast damit wohl keine Probleme.“

„Nein, wo denkst du hin.“
Er lächelte sie an, klappte eine Seite des Pick-Ups herunter und lud ihre Koffer drauf. Sie wollte ihm helfen, doch er überging das einfach und schon waren beide Koffer auf der Ladefläche. „So das hätten wir also“, meinte Peter, schob den Gepäckwagen zu ein paar anderen und ging wieder zu seinem Wagen. „Also, wo soll’s hingehen?“ fragte er und öffnete die Beifahrertür für Alex.

Skeptisch sah sie ihn an. „Du weißt nicht, wo ich hin will?“

„War nur ein Scherz“, sagte er mit einem Grinsen und deutete mit einem Kopfnicken auf den Wagen. „Steig schon ein, wir haben noch ein paar Stunden Fahrt vor uns.“

„Stunden?“ fragte Alex ihn, als er die Türe zu schlug. Sie hoffte, dass auch das ein Witz war.

Doch er nickte nur, als er um den Wagen herum ging und selber einstieg. „Ja, es ist noch ein ganzes Stück bis nach Kingsford.“ Er schnallte sich an und ließ den Motor an. Kingsford. Den Namen hatte sie in den Briefen des Anwalts schon mal gelesen. Dies war der Name der Farm, auf dem ihre Cousine lebte und die ihrem Onkel Harry gehört hatte. Aus dem Brief hatte sie herauslesen können, dass auch ein Teil der Farm nun Alex gehörte, welchen eigentlich ihre Mutter hatte erben sollen. Sie fand, dass der Name „Kingsford“ sehr schön klang.




Sie hatte irgendwann das Zeitgefühl verloren. Sie wusste nicht, wo sie waren oder wo es überhaupt hinging. Sie hatten schon seit einer Ewigkeit die Stadt Adelaide verlassen und fuhren nun auf einer Landstraße durch das Land.
Alex sah gebannt aus dem Fenster des Pick-Ups, lauschte der Musik, die mit einem Rauschen aus den Lautsprechern des Wagens drang. Sie musste immer wieder schmunzeln, wenn Peter, ihr Fahrer, bei einem der Lieder mitsang.

„Wie lange lebst Du schon hier?“ fragte sie ihn nach einer Weile und sah ihn kurz an, bevor ihr Blick wieder nach draußen ging. Es war einfach viel zu spannend da draußen, so dass man gar nicht anders konnte, als nur nach draußen zu sehen.

„Mein Leben lang“, erzählte er ihr. „Also in Australien. Ich habe aber eine Zeitlang in der Stadt gelebt, zum Studieren halt. Aber das Landleben ist einfach viel besser.“

„Das Landleben, also.“ Alex musste bei dieser Antwort lächeln. Wenn sie an das Landleben in Deutschland dachte, dann musste sie an Bauernhöfe denken, die entweder Viehwirtschaft betrieben oder eben Gemüse und Obst anbauten. Sie dachte an saftig grüne Weiden, auf denen Kühe oder Pferde standen. Doch sie konnte nicht glauben, dass das hier das Gleiche war.

„Wie lange sind wir noch unterwegs?“ fragte Alex ihn. Sie hatte lange Autofahrten noch nie gemocht. Sie reiste gerne mit dem Flugzeug oder mit der Bahn. Aber irgendwie hatte sie eine Abneigung gegen lange Autofahrten, obwohl sie für viele Leute bestimmt komfortabler waren.

„Noch eine Weile“, meinte Peter und lächelte sie an. „Genießt du die Aussicht denn nicht?“

Alex strich sich wieder die Strähne aus dem Gesicht und sah wieder nach draußen. Doch sie genoss die Aussicht. Es war wunderschön hier. Soweit sie sehen konnte, war nichts als endlose Weite zu sehen. So viel Platz. „Ich hatte nur irgendwie nicht geglaubt, dass es so riesig ist.“

„Australien? Soll sogar noch ein wenig größer sein“, scherzte er. „Hab ich zumindest gehört.“

Sie stimmte seinem Lächeln bei.  

„Aber wir sind bald da. Siehst du den Stein dort? Den am Straßenrand? Das ist der Grenzstein. Hier fängt Kingsford an.“

„Dann sind wir ja gleich da“, meinte Alex begeistert.

„Ja, fast“, meinte Peter. Aber Alex hätte nie geglaubt, dass Kingsford so riesig war. Sie fuhren noch fast eine halbe Stunde mit dem Wagen, bis sie ein großes Haus zwischen ein paar Hügeln entdeckte. Es sah wundervoll aus, fand sie. Es schien aus Stein zu sein und hatte weiße Fensterläden aus Holz.




Sie stand vor dem großen Herrenhaus und wusste nicht, was sie sagen sollte. Es war zweistöckig und wie sie schon vermutet hatte aus Stein erbaut. Die Fenster waren groß und weiße Fensterläden umrahmten sie. Sie konnte weiße Gardinen hinter den Fenstern im Erdgeschoss erkennen. Eine große weiße Eingangstür, welche von Steinsäulen umrahmt wurde, vervollständigte dieses Bild. Sie konnte auch schon den Anfang einer Veranda sehen, welche ebenfalls aus weißem Holz war.

Das Haus wirkte nicht mehr allzu neu, was man vor allem am Holz sehen konnte, da der weiße Lack schon ein wenig abblätterte, dennoch sah das Haus toll aus. Um das Haus herum standen ein paar Bäume, die ein wenig Schatten spendeten. Es sah irgendwie idyllisch aus, regelrecht friedlich.

Sie stellte sich vor, wie ihre Mutter hier als kleines Kind rein- und rausgerannt war und nach ihrer Mutter und ihrem Vater gerufen hatte. Vielleicht war sie auch mit ihrem Bruder auf die Bäume geklettert. So genau wusste sie das natürlich nicht, denn ihre Mutter hatte ihr nie von ihrem Leben in Australien erzählt.

Alex fragte sich, welches Fenster wohl zu dem Zimmer ihrer Mutter gehörte. Gab es dieses Zimmer überhaupt noch? Wie viele Generationen der Familie Carter hier wohl schon gelebt hatten? Egal wer sie gefragt hatte, sie hatte ihre Wurzeln nie in Australien gesehen, aber da ihre Mutter hier geboren wurde, gehörte sie doch irgendwie hierher.

„Es sieht toll aus“, murmelte Alex zu sich selber und zuckte zusammen, als Peter auf die Hupe drückte.

Er sah sie entschuldigend an, weil sie zusammengezuckt war und ging dann zur Ladefläche seines Pick-Ups und hob die Koffer herunter.

„Hallo Peter“, sagte eine Frau mittleren Alters, welche sich gerade die Hände an einem Geschirrtuch abtrocknete und nun auf Alex und Peter zu ging. Sie hatte blonde Haare, die sie locker nach hinten gebunden hatte. Einzelne Strähnen hatten sich jedoch aus dem lockeren Zopf gelöst und ließen sie dadurch noch freundlicher wirken.

„Hallo Maya“, meinte Peter und nickte ihr zu. „Ich habe hier ein paar Sachen für euch. Wie bestellt, aus der Stadt mitgenommen.“

„Vielen Dank. Leg alles am Besten in die Scheune“, meinte sie zu ihm und trat dann zu Alex. „Und du musst Alexandra sein?“ Die Frau, die Maya hieß, reichte Alex die Hand und lächelte sie freundlich an.

„Ja, Hallo.“

„Ich bin Maya. Es ist schön, dass du hier bist, Alex. Aber komm doch erst mal mit rein. Ich zeig dir, wo dein Zimmer ist.“ Maya griff nach dem Bügel des kleineren blauen Koffers und führte Alex ins Haus.

Als sie im Haus waren, wusste Alex auch, warum dieses Haus aus Steinen gebaut wurde. Die Steine hielten die Wärme Australiens draußen. Im Haus war es angenehm kühl. Alles schien aus Holz zu sein, die Treppe, die in das obere Stockwerk führte, der Boden und ebenso die Türen, die in die einzelnen Zimmer führten.

Alex konnte einen kurzen Blick in ein Arbeitszimmer werfen, in dem ein großer, dunkler Schreibtisch stand, darauf ein Laptop, der neben einem Dutzend Dokumenten und Büchern lag.

„Dein Zimmer ist oben“, sagte Maya.

Alex nickte ihr zu und folgte ihr ins obere Stockwerk des Hauses.

„Wo ist denn Antonia?“ fragte Alex, während sie sich mit ihrem Koffer abkämpfte. Schließlich war sie vor allem wegen ihrer Cousine hierhergekommen und wollte sie nun auch bald kennenlernen.

„Toni ist mit den anderen noch unterwegs. Sie treiben die Rinder hierher. Morgen werden sie in die Stadt gebracht und verkauft. Aber sie werden alle zum Abendessen hier sein“, erzählte Maya.

Maya erinnerte Alex irgendwie an eine Nachbarin von früher. Sie hatte in der Wohnung neben ihnen gewohnt und nie verstanden, warum es zu dieser kleinen Familie keinen Vater gegeben hatte. Aber sie war immer sehr freundlich gewesen und zu  Geburtstagen und zu Weihnachten hatte Alex sogar ein paar Süßigkeiten von ihr bekommen.

„Der Flug war bestimmt sehr lang und du musst hundemüde sein. Komm erst mal an. Hier ist das Badezimmer.“ Maya deutete auf die erste Tür rechts vom Flur und Alex nickte nur. „Und hier ist dein Zimmer“, verkündete Maya und öffnete die nächste Tür auf der rechten Seite.

Alex zog ihren Koffer hinter sich her ins Zimmer und war irgendwie enttäuscht von dem Zimmer. Es war schön und sie hatte ein Bett, einen Nachttisch, eine Kommode und einen Kleiderschrank. Aber es wirkte wie ein ganz normales Gästezimmer, schlicht, einfach gehalten, ohne persönliche Note. Die Möbel waren sehr dunkel und die Wände beigefarben. Auf der Kommode stand eine Vase mit lilafarbenen Blumen, die Alex noch nie zu vor gesehen hatte. Vermutlich wuchsen sie nur hier in Australien.

Sie ließ ihren Koffer neben dem Bett stehen und ging zum Fenster, um hinauszusehen. Sie konnte nur Felder vor sich sehen, endlose Weite von Nichts. Es war eine wundervolle Aussicht.

„Dann komm erst mal an. Vielleicht willst du dich auch erst mal hinlegen. Wenn etwas ist oder du etwas brauchst, findest du mich unten in der Küche.“

„Danke sehr.“

„Es ist schön, dass du hier bist, Alex. Und ich bin mir sicher, es wird dir hier bei uns gefallen.“

Alex lächelte Maya dankend zu, als diese aus dem Zimmer verschwand und die Tür hinter sich zuzog. Die Deutsche ließ sich auf die weißen Laken des Bettes fallen und seufzte erst mal. Sie hatte keine Ahnung was sie erwartet hatte und vermutlich musste sie diesem Land auch erst mal eine Chance geben, aber ganz wohl fühlte sie sich noch nicht in ihrer Haut oder in diesem Haus, egal wie schön es war.



Sie musste wirklich hundemüde gewesen sein, denn sie war doch tatsächlich eingeschlafen. Als sie aufwachte, hörte sie Gepolter und Schritte im Haus und sie wusste, dass sie nun ihre Cousine kennenlernen würde. Zumindest hoffte sie das.

Sie stand auf, sah an sich herunter und schätzte ab, ob sie so unter die Leute gehen konnte. Ihre Kleidung war von dem langen Flug etwas zerknittert und ganz frisch sah sie im Gesicht sicherlich auch nicht mehr aus. Wahrscheinlich einfach weil ihr ein paar Stunden Schlaf fehlten. Aber ganz so schrecklich sah sie dann doch nicht aus. Ein wenig zerknittert, aber sie wollte ja auch nicht ausgehen, also konnte sie sich schon so zeigen.

Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und sah sich im Flur um, doch dieser war leer. Also ging sie die Treppe nach unten und durch das untere Stockwerk.
Sie fand noch ein Esszimmer, in dem in der Mitte ein schöner, großer Tisch war, um den acht Stühle standen. Eine Vase mit denselben lila Blumen, die auch in ihrem Zimmer waren, stand auf einem Sideboard an der Seite des Raumes. Auf der anderen Seite des Hauses neben dem Arbeitszimmer gab es ein Wohnzimmer, in dem es sogar einen Kamin gab. Dann gab es noch ein Badezimmer und schließlich eine Küche, in der sie Maya fand.

„Na, hast du dich etwas ausgeruht?“ fragte die Frau freundlich und lächelte Alex an.

„Ja, habe ich wirklich“, antwortete Alex ihr und sah sich in der Küche um. Sie wirkte schon etwas älter, aber irgendwie auch sehr gemütlich. „Ich habe gar nicht gemerkt, wie müde ich doch gewesen war.“ Es gab viele Regale und Schränke. Eine Tür führte nach draußen auf die Veranda und eine weitere Tür stand offen. Alex konnte in die Vorratskammer blicken.

„Das kann ich mir vorstellen. Möchtest du etwas trinken?“ Maya griff schon nach einem Glas und ließ Leitungswasser hinein. Sie reichte es Alex mit einem Lächeln.

„Danke sehr“, erwiderte Alex und nippte an dem Wasser. Es war erfrischend kühl und schmeckte auch nicht abgestanden, was oft vor kam, wenn das Wasser zu lange in den Leitungen war. Sie musste an das Leitungswasser aus Amerika denken, das nicht wirklich genießbar war, weil es nach Chlor schmeckte. „Kann ich dir bei irgendetwas helfen?“

„Oh, nein. Das ist zwar lieb von dir, aber geh doch schon mal raus und lerne die anderen kennen.“

„Hey Maya, wir haben doch bestimmt noch gekühltes Bier, oder?“ fragte eine Frau, mit braunen Haaren, die nun durch den Hintereingang des Hauses in die Küche kam. Sie blieb überrascht vor Alex stehen und sah diese skeptisch an.

„Hallo, ich bin Alex“, stellte sich die Blonde direkt vor und hatte sofort das Gefühl, dass sie ihrer Cousine gegenüber stand.

„Toni, das ist deine Cousine“, stellte Maya klar und lächelte Alex zuversichtlich an.

„Hallo“, meinte Toni und musterte Alex immer noch etwas skeptisch. „Du bist also angekommen.“

„Ja, dieser Peter hat mich hergebracht“, antwortete Alex und lächelte freundlich. Sie rieb sich mit der rechten Hand über den linken Arm, was sie immer machte, wenn sie etwas unsicher war. „Es ist schön hier.“

„Ja, das ist es“, meinte Toni nur.

„Das Bier ist im Kühlschrank“, erinnerte Maya Antonia daran, weswegen sie herein gekommen war. „Nimm Alex doch mit und stell sie den anderen vor.“

„Gut“, meinte Toni knapp, ging zum Kühlschrank und griff nach zwei Flaschen Bier. Sie sah Alex kurz noch mal an und ging dann wieder nach draußen.

Alex holte tief Luft, schloss für einen Moment die Augen und folgte ihrer Cousine dann. Sie hatte irgendwie das Gefühl, dass ihrer Cousine sich nicht ganz so sehr darüber freute, sie kennenzulernen, wie es bei Alex selber der Fall war.



Auf der Veranda saßen neben Peter, den sie ja schon kennen gelernt hatte und Toni, noch zwei weitere Frauen und zwei Männer. Alle außer Peter hatten einen dieser Hüte auf, die Alex nur aus Cowboyfilmen kannte.

„Gut geschlafen?“ fragte Peter und lächelte Alex zu.

„Ja, danke sehr.“

„Darf ich vorstellen, meine Cousine Alexandra“, meinte Toni und ließ sich neben einem der unbekannten Männer auf ein Sofa fallen, welches auf der Veranda stand. Es staubte etwas aus, als sie sich darauf fallen ließ, doch das schien sie nicht zu stören.

Der Mann neben ihr stand auf und reichte ihr die Hand. „Hi, ich bin Luke Ford. Der Nachbar von Kingsford.“

„Komm schon, du bist mehr als nur der Nachbar“, meinte Toni, rollte mit den Augen und öffnete ihr Bier.

„Hallo Luke“, meinte Alex und lächelte den Mann mit den blonden Haaren und blauen Augen freundlich an. Er war ungefähr anderthalb Köpfe größer als sie und wirkte auch wie jemand, der ordentlich anpacken konnte.

„Das ist Denis“, meinte Toni und zeigte auf den anderen Mann. „Er und seine Frau Ruby“ sie deutete auf die schwarzhaarige Frau, die neben ihm an einem Pfosten lehnte. „arbeiten schon seit einer Weile hier auf Kingsford.“

„Und ich bin Kym“, stellte sich die Braunhaarige vor, die neben Peter auf der Stufe der Veranda saß.

„Freut mich euch kennen zu lernen.“

„Und wie lange willst du hier bleiben, Alexandra?“ fragte Luke sie, der immer noch vor ihr stand und sie musterte.

„Ich weiß es noch nicht. Mal schauen“, antwortete Alex unsicher und sah Toni fragend an. Diese wich ihrem Blick aber gekonnt aus. „Was sich eben so ergibt.“

„Das ist eine gute Antwort“, meinte Luke.

„Sie hatte auf jeden Fall ziemlich viel Gepäck dabei“, meinte Peter und Alex nickte verlegen.

„Also Luke, wann können wir morgen mit dem Truck rechnen?“ fragte Toni ihn und Luke sah einen Moment von Alex zu Toni und wieder zurück und setzte sich dann wieder zu Toni auf das Sofa.

„Ich werde morgen früh um halb fünf direkt mit dem Verladen meiner Rinder anfangen, dann werden wir direkt zu euch kommen“, antwortete er und Toni nickte.

„Das heißt, du wirst spätestens um sechs hier sein?“

„Ja, ich denke schon.“ Luke nickte und trank einen Schluck von seinem Bier.

Alex hatte schon verstanden. Sie musste nicht mal sehr sensibel sein, um zu merken, dass ihre Cousine Toni anscheinend damit ein Problem hatte, dass Alex hier war. Sie wusste auch nicht, was sie Toni sagen konnte, um ihr zu zeigen, dass sie gerne hier war und sie Toni und ihr Leben gerne kennenlernen wollte.
Aber was war, wenn man ihr gar nicht die Chance dazu gab? Mit dieser Frage hatte sie sich noch gar nicht befasst und mit einem Mal fühlte sie sich sehr naiv.

„Gut, also um sechs müssen die Rinder verladen werden. Da wir morgen den ganzen Tag in der Stadt sind, müssen die anderen Tiere davor versorgt werden“, sagte Toni.

„Ich werde mich um die Pferde kümmern“, sagte Kym sofort.

„Wir schauen dann nach den Schafen“, sagte Denis und deutete auf sich und seine Frau.

„Alles klar.“

„So, wer hat Hunger?“ fragte Maya und alle strömten wieder durch die Küche ins Innere des Hauses und nur Alex blieb auf der Veranda stehen und starrte über die Landschaft. Das Haus stand auf einem kleinen Hügel und sie sah ein paar der Weiden und ein paar andere kleine Bungalows. Sie waren vermutlich für die Menschen, die hier lebten und arbeiteten. Tiere hatte sie noch keine gesehen. Weder ein Koala noch ein Känguru hatte sich blicken lassen.

„Möchtest du nichts essen, Alex?“

Alex drehte sich um und sah Maya, die sie fragend ansah. „Ich… ähm… nein. Ich würde mich hier gerne etwas umsehen, wenn das okay ist?“

„Natürlich. Aber es wird bald dunkel. Hier wird es sehr schnell dunkel, also bleib in der Nähe.“

Alex nickte. Als Alex noch klein gewesen war, hatte ihre Mutter immer gesagt, sie solle in der Nähe bleiben. Sie hatte schon lange nicht mehr so oft an ihre Mutter gedacht, wie an dem heutigen Tag. Das lag vermutlich aber auch einfach daran, dass sie nun hier in dem Land war, in dem ihre Mutter geboren wurde.
Sie trat von der Veranda und schaute sich etwas von dem Land an, dem ihrer Mutter den Rücken gekehrt hatte.




 
I feel - but the feeling is raw
I feel - and I'm lonley once more
I trust - that I can survive
I trust - it's hard to stay alive

I'm finding my way, I'm finding my way
I can do it alone
I'm finding my way, I'm finding my way
But there's so much, so much more
to say...
I'm finding my way...

I choose - the hard way to go
I choose - it's all that I know
It's dark, and I want to see the light
It's dark, and I want to do what's right

I'm finding my way, I'm finding my way      
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