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Monacofreuden – Im Falschen Film

von lasdalias
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P16 / Het
24.08.2019
03.04.2020
45
151.398
36
Alle Kapitel
154 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
 
24.08.2019 3.204
 
Hallo da draußen,

wie schön, dass ihr reinklickt!

Die Kurzbeschreibung erwähnt es schon – das hier wird eine chaotische Liebeskomödie mit vielen Hürden und ein bisschen Seifenoper-Potential. (Kitsch wird sich jedoch in Grenzen halten, ich versprech's!)

Vor einigen Jahren habe ich auf FF.de an zwei Kolumnen gebastelt. Eine beschrieb zumeist schräge Modetrends, die andere Alltagsproblemchen, die einen trotz ihrer Nichtigkeit irre machen. Beide Themen werden sich hier ein bisschen küssen, und noch dazu ist mir eine Romanze aus der Hand gerutscht. Könnte also eine wilde Mischung werden.

Ach ja, as usual:
Alle Ähnlichkeiten zu lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig und die Geschichte liest sich vermutlich am besten mit einem Augenzwinkern.

Und was muss, das muss – der Anwalt, der hier mitspielt, riet mir dazu ;D
© Alle Rechte vorbehalten. Wer gegen das Urheberrecht verstößt (z.B. Texte unerlaubt kopiert), macht sich gem. §§ 106 ff UrhG strafbar, wird zudem kostenpflichtig abgemahnt und muss Schadensersatz leisten (§ 97 UrhG).

Wenn euch das Ganze ein wenig unterhält und/oder ihr mir eure Eindrücke, Gedanken und Kritik jeder Art mitteilen möchtet, würde ich mich tierisch freuen. Mir bedeutet auch jedes Sternchen und jeder Favorit die Welt, also lieben Dank euch jetzt schon :)

Cover hier, Pinnwand da.

In diesem Sinne – hoffentlich viel Spaß in München aka Monaco! :D



–––



Oh, bitte nicht jetzt ... Am besten gar nie, aber schon gar nicht jetzt!
Meine Haut prickelt. Ich starre die unheilvolle Durchwahl auf dem Telefondisplay an und weiß doch, dass ich es trotz allem, was sich da heftig in mir sträubt, nicht länger klingeln lassen kann.

Kurz durchatmen.
Was mache ich hier und wieso mache ich es schon wieder?
Das sind vor allem rhetorische Fragen. Die Antworten liegen immerhin auf der Hand. Ich arbeite im Kundenservice eines langweiligen Papierherstellers – das mache ich hier. Das Warum ist auch leicht beantwortet. Es ist Freitag – darum. Und irgendwie eben auch, weil ich Rechnungen bezahlen muss und das Leben nun mal kein Ponyhof ... Ach, ja. Sie wissen schon.

Gestern Abend wollte ich noch endgültig in ein neues Leben auswandern. Einfach meinen Koffer packen und zum Flughafen fahren. Und von da aus irgendwo hin, wo es spannend ist. Ich hätte mich endlich auf die Suche nach Abenteuer, Erfahrungen und Freiheit begeben sollen. Stattdessen bin ich aber wieder im Büro gelandet.

Mir wird ganz flau im Magen, als mir dämmert, dass das Telefon noch immer klingelt und ich in Lethargie ertrinkend meinen Gedanken nachhänge.

Schluss damit! Wenn der Chef anruft, muss man rangehen. Selbst dann, wenn der Chef Helge heißt und keine Ahnung von der eigenen Stellenbeschreibung hat. Es ist die Art von ungeschriebenem Gesetz, die man im eigenen Interesse befolgt.
Büroregel Nummer 1, sozusagen. Völlig wurscht, ob man nun auf der Suche nach alten Dokumenten unter Akten und vergilbtem Archivpapier erstickt oder nicht. Ob man 16 Excel Reports abzugeben hat oder der Toilettengang schon seit einer halben Stunde überfällig ist. Wenn der Chef anruft, hebt man ab – selbst eine Viertelstunde vor Feierabend.

Das ist wohl der Ernst des Lebens, vor dem immer alle warnen.
Aber eben genau vor dem wollte ich wegrennen, mittels Auswanderung. Mir fehlt nur einfach die Courage dazu, auch wenn mir die Idee gestern Nacht noch unheimlich brillant schien. Nach ein paar grünstieligen Gläsern Tetrapack-Wein – Sie wissen schon, diese schrecklichen, alten Dinger mit den gerillten Kegelgriffen, die man von der Mama immer mitbekommt, wenn man auszieht – und bei einer zum sechzehnten Mal wiederholten Folge von Die Nanny war der Entschluss vermeintlich brillant. Doch dann ging ich schlafen und war heute Morgen viel zu verkatert und desillusioniert, als dass ich tatsächlich nach dem nächtlichen Beschluss gehandelt hätte. (Teufelskreis.)

So bin ich also heute Morgen wieder in die S-Bahn gestiegen. Um, wie an jedem anderen Tag auch, erneut mit dem selben Fleiß in den gleichen ... Alltag ... einzutauchen.

Verdrehen Sie schon die Augen? Wissen Sie, Melodramatik gehört nun mal zu meiner Generation. Wir haben immerhin schon und noch G8 gehabt, das bayerische achtjährige Gymnasium. Völliger Unsinn, aber dabei ist alles. Das wusste schon die DSDS Dame, welche damals die Haare schön hatte. Und meine Generation ist zudem auch noch absolut berechtigt zu jammern.

Wir Kinder der Neunziger sind gerade noch cool genug, die lustig peinlichen Ravemomente dieses Jahrzehnts als solche zu begreifen, aber bei den aufkommenden Möglichkeiten, die sich durch soziale Medien so plötzlich ergeben haben, teilweise schon wieder hinterher.
Die Influencer, die Geld dafür kassieren, den etwas weniger scharfsinnigen Mitgliedern unserer Gesellschaft Zaubertee als Fettkiller zu verkaufen, sind irgendwie alle jünger als ich ... Touché, ihr Digital Natives. Ihr seid die geborenen Blogger.

Und ich? Knapp daneben. Geprägt von den unzählig paranoiden Bedenken der frühen 2010er, ja niemals ein Bild von mir ins Internet zu stellen, weil es nie nie nie wieder gelöscht werden kann. Mir ist die Facebook Skepsis und das Instagram Misstrauen gewissermaßen noch in die Wiege gelegt worden, während die etwas jüngeren Mitmenschen sich einfach zu denken scheinen, je mehr Bilder und Kommentare die Gesamtheit ihrer Generation im Internet hochlädt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sich in dieser Flut an Posts und Bildmaterial überhaupt noch irgendjemand auskennt.
Erneut sage ich touché. Outstanding Move. Hätte ich mir mal besser auch bei Zeiten ein Imperium der Outfit of the Days und Throwback Thursdays aufgebaut.

Dafür ist es inzwischen auch schon zu spät. Ich bin bereits im Büro gelandet, am Boden der Tatsachen. Und es mag ja lapidar und übertrieben klingen, wie ich Unwillens meinen Alltag bestreite. Aber so ein Bürojob ist schon wirklich zäh, wenn man mit dem ganzen Zirkus eigentlich gar nichts am Hut haben will. Forecasts und Key-Accounts hier, Umsätze und Reklamationen da – wen interessiert das? Sie? Also wenn ja ... Vielleicht machen Sie das ja schon länger. Verraten Sie mir doch bitte das Geheimnis. Erreicht man irgendwann einen Punkt, der sinnbildlich vergleichbar mit dem Nirvana ist? Ist einem der luftleere Raum der Laberei irgendwann egal, wenn man ihn nur lange genug aushält?

Wieder klingelt das Telefon, weil ich bei der Arbeit und nicht bei Wünsch Dir Was bin, und wieder zucke ich zusammen. Ich ziehe das Pflaster jetzt einfach schnell ab.

„Hallo, hier ist Mara“, zwinge ich mich genauso zu singen, wie es die motivierten Kollegen hier immer tun.

„Ja, endlich, Mala“, rauscht es hektisch aus dem Hörer. „Äh, Mara. Hallo. Ich hab hier ... Ich muss ganz schnell ... Nein, machen wir es anders. Können Sie mal kurz rauf kommen?“

„Klar“, sage ich. Geschäftig füge ich hinzu: „Soll ich die Zahlen von heute mitbringen?“

Es piept nur in der Leitung.
Er hat schon aufgelegt. Wie immer, wenn ich noch etwas sagen oder fragen will. Mein Chef ist einer dieser Menschen, die glauben, sie könnten am Bürotelefon so sein wie Horatio Caine von CSI: Miami am guten alten klappbaren Motorola.
„Jaah, Eric?“
„Horatio. Wir haben da vielleicht was an den Docks.“
Beachten Sie bitte, dass die Begrüßungsformel schlicht aus dem Namen des jeweiligen Gesprächspartners besteht.
„Vielleicht? Du sagst das so, als gäbe es Zufälle, Eric.“
Horatios süffisanter Tonfall konkurriert mit der Andeutung eines müden, schicksalsergebenen Schmunzelns.
„Tja, Horatio, ich wünschte, daran könnte ich noch glauben ...“
Das orange Licht bricht in der verglasten Skyline Miamis, als Horatio bedeutungsschwanger nickt. Eric sieht das zwar nicht, aber Horatio legt trotzdem auf. Kein Tschüss, kein Danke, kein Bitte. Aber ganz viel Coolness, als er das Motorola zurück in sein Gürtelcase packt und die Sonnenbrille zurechtrückt.

Mein Chef Helge kommt da trotz seiner optisch verblüffenden Ähnlichkeit mit Horatio einfach nicht ran und der unbewusste Versuch – dieses ständige, zu frühe Aufgelege – nervt mich jedes Mal ein bisschen mehr. Es hilft aber nichts. Ich schlucke meinen Widerwillen und setze mich ächzend in Bewegung.
Mal kurz. Wenn Helge, der sich nach fünf Monaten nicht einmal meinen Namen merken kann, von mal kurz spricht, bedeutet das entweder zwei Stunden Arbeit, die sonst keiner machen will oder – und das hoffe ich doch nicht – es geht wirklich schnell. Ganz schnell ...

Haben die in der IT bemerkt, dass ich manchmal auch private E-Mails schreibe, während ich Haul-Videos auf YouTube schaue? Ich wusste, dass das keine gute Idee war – die sehen bestimmt alles! Oder vielleicht hat Melina aus der Personalabteilung mal gesehen, wie ich während der Arbeitszeit auf Amazon Cent-Artikel gekauft habe, die ich nicht brauche? Aber sie hätte mich doch nie verraten? Melina und ich, wir sind ja quasi ein Herz und eine Seele ... Wir grüßen uns jeden Morgen im Vorbeigehen und an der Kaffeemaschine. So was verbindet doch!

Nein, wissen Sie was? Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Bestimmt will mich niemand feuern. Ich bin ein wertvolles Teammitglied und daher völlig sicher.



„Sie sind im letzten Monat vier Mal zu spät gekommen, Nala.“

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass auf meinen Wert für das Team heute erst mal nicht mehr näher eingegangen wird. Ich schaffe es gerade so, einen schuldbewussten Blick aufzusetzen, als ich an die Streckenarbeiten meiner S-Bahn denke. Und an das eine Mal, an dem ich verschlafen habe. Und an die beiden Male, an denen ich deutlich zu lange Tauben beobachtend auf einer Parkbank vor dem Firmengelände verweilte, weil ich einfach nicht reingehen wollte.

„Hier steht auch, Sie waren drei Mal krank.“

‚Mit Krankmeldung!‘, das würde ich jetzt zu gern sagen. Kann ich aber nicht. Denn natürlich habe ich keine Krankmeldung. Ich habe es in meinem kurzen Leben bislang verpasst, einen dieser Hausärzte zu finden, die den gelben Zettel zwinkernd überreichen und einem viel Spaß dabei wünschen.

„Hier ist noch eine Notiz mit Bleistift vermerkt“, murmelt Helge und schiebt seine randlose Brille noch ein Stückchen tiefer in Richtung wuchernde Nasenhaare. „So eine Sauklaue, ich kann‘s kaum lesen. Mensch, Melina. Was soll denn das heißen?“

Nein! Also wirklich ... Melina ist der Maulwurf? Na, die grüße ich ganz bestimmt nicht mehr am Kaffee!

„Schlago, oder schlauo?“, rätselt Helge ärgerlich.

Aus der Endung -er wird bei Helge manchmal ein -o. Es sind Momente wie diese, die mich daran erinnern, dass er Schwabe ist. Man hört es nicht immer gleich, aber wenn er sehr vertieft in oder sehr gestresst von etwas ist, kommt der Dialekt ganz deutlich durch.

Unschlüssig stehe ich vor seinem Schreibtisch und biete kurzerhand meine Hilfe an. Er sieht perplex zu mir auf, dann wieder auf die krakelige Schönschrift und zurück zu mir – nickend. Ich umkreise also den Tisch und bin sofort entsetzt.

„Schwanger?“

„Ach, schwango!“ Helge nickt im ersten Moment erleichtert, bis ihm ein Licht aufgeht und sich der Schrecken auch auf seinem Gesicht breitmacht. „Schwango?“

„Nein, ich bin nicht schwanger!“, versichere ich hastig.

Wirklich ein prima Gerücht für die paar Frustkilos mehr, vielen Dank auch, Melina!

„Nicht“, wiederholt Helge nachdenklich. Zu nachdenklich. Es klingt fast so, als hätte es ihm ganz gut gepasst, wenn ich nicht mehr allzu lange ein so wertvolles Mitglied des Teams sein könnte.

„Ganz sicher nicht“, beteuere ich. Ich glaube, mein vermeintlich selbstbewusstes Lächeln sieht eingefroren aus, aber mehr ist jetzt eben nicht drin. Ich behaupte steif: „Ich möchte mich aktuell auf meine Karriere konzentrieren.“

Helge sieht mich schräg an und blinzelt ganz irritiert. Okay. Zu dick aufgetragen angesichts meines bislang offensichtlich mangelnden Interesses an genau diesem Vorhaben.

„Ich weiß, die Verspätungen waren nicht in Ordnung“, räume ich eilig ein. „Aber das kommt nicht wieder vor. Versichere ich Ihnen. Und was die Krankheitstage angeht – ich fühle mich wieder viel fitter.“

„Fitto?“, hakt Helge skeptisch nach und wie er mich so ansieht und seine Brille zurechtrückt, warte ich für den Bruchteil einer Sekunde förmlich auf das Intro von CSI: Miami von The Who. Erst der Schrei, dann We don’t get fooled again, no, no, won’t get fooled again.

„Mana, wir hatten das doch schon …“ Helge stößt frustriert den letzten Atem aus und ich bin kurz versucht, ihm zum wiederholten Male mitzuteilen, dass mein Name Mara ist. Aber nur ganz kurz, ich spare es mir dann nämlich einfach, weil er bereits fortfährt und noch kreativer wird. „Ich hatte Sie eingestellt, obwohl mir Melina davon abgeraten hat, Maha. Sie haben sogar ein Einzelbüro bekommen, so viel Vertrauen hatte ich in Sie.“

Melina hasst mich wohl, aber abgesehen davon bearbeite ich hier Kundenbeschwerden. Das hat vorher der Vertrieb gemacht, jetzt gibt's mich dafür. Als einzige Person in dieser Firma. In einer eigens dafür umfunktionierten Abstellkammer, an deren Wand ein Wischmopp hängt. Das ist kein Einzelbüro. Das ist ein Büßerplatz, den jahrelang kein anderer akzeptiert hat. Es gibt sogar Gerüchte, dass die letzte Kollegin, die darin arbeiten musste, mithilfe des Betriebsrats einen Platzwechsel erwirkt hat ...

„Melina hat Ihnen abgeraten?“, wiederhole ich und kann mir schon vorstellen, wie dämlich mein Blick gerade ist. Was habe ich der denn getan? Und wieso ist sie immer so scheißfreundlich, wenn wir uns sehen?

„Ja, ja, hat sie“, bestätigt Helge so mir nichts, dir nichts, als wäre es das Normalste der Welt. „Sie hat gesagt, Helge, hat sie gesagt, sieh dir nur mal diesen Lebenslauf an.“

„Was ist denn mit meinem Lebenslauf?“ Ich lache verlegen und versuche, nicht allzu ertappt zu klingen. Helge lehnt sich aber erst mal nur in seinem ergonomischen Chefstuhl zurück und der hochrutschende Pullunder gibt dabei den Blick schrecklich unerwartet auf ein viel zu enges Hemd preis, dessen Knöpfe es gleich am Unterbauch zu sprengen droht.

„Ihr Lebenslauf“, beginnt Helge seufzend, „enthält bedenklich, äh, viele kurze Beschäftigungsepisoden. Personaler wie Melina denken dabei sofort, Sie hätten, hier, wahllos alles ausprobiert, aber nichts durchgezogen.“

Oh, das sitzt. Es trifft ins Schwarze und das macht mich kurz ganz kleinlaut. Mein Lebenslauf ist also eine Katastrophe? So offensichtlich? Ich bin doch erst 23 ... Wie konnte das denn jetzt schon passieren?

„Das kann ich so jetzt nicht stehen lassen“, verteidige ich mich dennoch in einem Anflug von Rebellion. „Ich bin einfach ein sehr interessierter Mensch, der vieles versuchen wollte.“

„Das hatte ich anfangs auch geglaubt, hier – ich habe ja nicht auf, äh, Melina gehört, oder?“, erwidert Helge und zwinkert so unpassend, wie es ein Chef nur tun kann. „Ich dachte, komm Helge, dachte ich mir, gib dem hübschen Ding eine Chance. Ist ja nur die, äh, Probezeit, hab ich mir gesagt. Aber nach diesen fünf Monaten zweifle ich allmählich, ob das, hier, die richtige Entscheidung war.“

Ich weiß gar nicht, worüber ich empörter sein soll. Über Helges unpassendes Kompliment oder über seine Reue, mich eingestellt zu haben. Kurzerhand beschließe ich dennoch zu schweigen, bevor ich mich um Kopf und Kragen rede.

„Jetzt sehen Sie mich nicht so an“, bittet Helge halbwegs versöhnlich. „Ich will, dass Sie sich jetzt mal, hier, äh, zusammenreißen und beweisen, was in Ihnen steckt.“

Ich schlucke und nicke.

„Seien Sie pünktlich, ich will keine, hier, solchenen Notizen mehr aus der Personalabteilung bekommen.“ Er wedelt mit dem Zettel vor meiner Nase herum.
Solchenen ... Was für ein schreckliches Wort ...

Wieder nicke ich brav, sehne schon den Moment herbei, in dem ich dieses Büro wieder verlassen darf und werde doch jäh gefragt: „Wie sind heute eigentlich die, hier ... die Zahlen?“

Irritiert sehe ich ihn an. „Ich hatte Ihnen angeboten, sie mitzubringen, aber Sie hatten schon aufgelegt und –“

„Ausreden!“, unterbricht Helge mich und setzt diesen mahnenden Blick auf, der gerade Juckreiz in meiner Hand auslöst, weil sie deshalb so gerne in seinem Gesicht ausrutschen möchte. „Solchene Ausreden gibt es ab jetzt nicht mehr, ja?“

Es lässt sich nur ganz schwer schlucken, mein letztes Bisschen Stolz. Aber mit Müh und Not geht es schon und ein lammfrommes Lächeln huscht immerhin noch über mein Gesicht, bevor ich endlich wieder gehen darf.



Ich brauche Kaffee, bevor ich ins Wochenende verschwinde. Eigentlich brauche ich Wein, aber den darf ich hier noch nicht trinken, darum Kaffee. Gibt es sogar gratis. Wie Wasser und Milch. Das ist nämlich ein Motivator, habe ich mir sagen lassen. Die Geschäftsleitung beweist dem Mitarbeiter durch Wassertanks, Milch und dem nach Asche schmeckenden Kaffee ihr Wohlwollen. So arbeiten wir offenbar lieber. Ein bisschen schwarzes Gift mit einem Schuss Discounter-Milch und schon sieht die Welt ganz anders aus. Schon liebe ich meinen Bürojob. (Ach, ich weiß es ja, ich bin schon ziemlich undankbar ...)

Mit letzter Kraft greife ich nach der Kaffeekanne und der Rest darin reicht nicht mehr ganz für eine Tasse. Wird’s also doch Café au Lait. Ich fülle Milch auf und will gerade den ersehntesten Schluck Kaffee meines Lebens nehmen, als ich jemanden hinter mir mit der Zunge schnalzen höre. Kennen Sie das? Ein unliebsames Geräusch reicht, und schon kriecht in einem das innere Miststück empor.

War es im Jahr 2017, als man begonnen hat, das auch im deutschsprachigen Raum Trigger zu nennen?
Getriggert bin ich definitiv, hier schnalzt nämlich nur eine ganz bestimmte Person mit der Zunge.

„Also, also, Kaffee ist aber nicht sehr gesund“, steckt Melina mir scheinheilig, als sie sich neben mich stellt und vermeintlich fürsorglich meinen Arm berührt.

Wenn sie nicht augenblicklich ihre Wurstfinger von mir nimmt, kann ich für nichts mehr garantieren, schießt es mir fast schon verzweifelt durch den Kopf, als sie mir plötzlich die Tasse aus der Hand nimmt.
Meine Abneigung verwandelt sich in Entsetzen, als ich meinem Kaffee nachsehen muss. Und da trinkt sie ihn auch schon. So was Dreistes. Ich glaub, ich spinn.

„Hey“, hauche ich betroffen und kann den Blick kaum von meiner Tasse abwenden. „Sonst ist aber alles ok bei dir, oder Melina?“

Wow, so viel Zynismus hätte ich mir nach diesem Tag gar nicht mehr zugetraut.

Madame lächelt aber unbeirrt weiter, auf diese unheimlich freundliche Art und Weise. „Ach, Mara, du musst mehr lesen und dich ein bisschen mit deiner Gesundheit beschäftigen. Ich bringe dir nächste Woche mal ein paar Zeitschriften mit, dann kannst du dir Tipps für deinen Zustand holen.“

Wie bitte? „Meinen Zustand?“, wiederhole ich ungläubig und bin zu entgeistert, um ihre Zeitschriften im Zeitalter des Internets für gänzlich überflüssig zu erklären.

„Du musst mir doch nichts vormachen, ich weiß Bescheid.“ Sie zwinkert mir zu, als wären wir ach so gute Freunde. „Aber du hast ziemliche Augenringe und siehst ganz kaputt aus, da macht man sich ja glatt Sorgen um euch.“

Ich trage doch nur keinen Concealer! So eine Irre!

„Euch?“ Ich gluckse. „Du denkst ja ernsthaft, ich wäre –“

„Natürlich bist du‘s!“, unterbricht mich Melina grinsend und winkt großzügig ab. „Aber Mara, bitte denk dran, deine“, sie macht jetzt mit ihren Fingern süffisant Anführungszeichen, „Karriere ist nicht so wichtig wie dein Baby. Du musst strikt auf dich achten.“

„Ich bin nicht schwanger!“, erwidere ich bestimmt, doch sie redet unbeirrt weiter.

„Die Nestbau-Zeit ist die allerschönste. Ich meine, ich bin natürlich selbst noch keine Mama, aber das hört man doch immer ...“

Sie kichert hohl und meine Augen verengen sich. „Ich baue kein Nest, Melina!“

„Ach, hör mir doch auf!“ Sie winkt vermeintlich amüsiert ab. „Wie geht’s denn deinem Partner so damit? Ring hast du ja keinen am Finger, bestimmt heiratet ihr noch kurz davor, oder?“

„Ich bin Single, komplett und vollkommen unschwanger und brauche jetzt sofort meinen Schluck Kaffee zurück – her damit!“

Endlich hält sie den Schnabel. Sie sieht mich skeptisch an, ich nicke bekräftigend und langsam kommt die Botschaft an. Sie ist mit einem Mal ganz perplex und lächelt unsicher.

„Oh?“ Sie atmet schwer aus und drückt mir die Tasse zögerlich zurück in die Hand. „Achso ...“

Hilfe, ist das peinlich. Ich werfe einen Blick in den karamellfarbenen Tasseninhalt und weiß, er müsste bordeauxrot sein, um diesen Tag zu retten.

Ich muss hier weg. Zumindest für heute. Mein einziger Lichtblick: Es ist Freitag ...
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