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Glück ist ein verhexter Ort

OneshotFreundschaft / P12 / Gen
Magneto / Eric Lehnsherr Professor X / Professor Charles Francis Xavier
24.08.2019
24.08.2019
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5.624
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Der Titel ist einem Gedicht von Erich Kästner entnommen.




Es beginnt mit drei kurzen, unscheinbaren Wörtern: Er ist fort.

Später wird Erik denken, dass er es hätte wissen oder zumindest ahnen müssen – später, wenn der Schock und der Unglaube und vielleicht auch der erste Hauch von Panik, die dieser Satz in ihm auslösen, abgeklungen sind.

Er kann nicht behaupten, dass er begeistert war, als der X-Jet auf einer der Wiesen hinter den letzten Hütten Genoshas landete und damit die fragile Mittagsruhe zerschnitt; zu deutlich sind die Erinnerungen an die Folgen, die der letzte Besuch eines Mitglieds der X-Men mit sich zog. Dennoch, einen winzigen Funken der Freude unter all dem Misstrauen konnte er nicht leugnen. Er hat Charles nicht mehr gesehen, seit sie das Wrack des Zuges ins Verderben hinter sich gelassen haben, und ein Teil von ihm war gespannt auf die Diskussion, in die Charles ihn unweigerlich ziehen würde. Mit Charles zu diskutieren, macht immer mehr Spaß, als sich um existenzielle Fragen oder um lästige, aber notwendige Banalitäten wie Gebäudereparaturen oder Erntepläne zu kümmern.

Jedes Wohlwollen fiel in sich zusammen, als der einzige Insasse des Jets sich als Scott Summers entpuppte. Am liebsten hätte Erik ihn sofort wieder zurückgeschickt; fürs Erste hat er genug von herumstreunenden X-Men und allem, was sie mit sich bringen. Nur das ungute Gefühl, das bei Scotts Anblick in ihm aufkeimte, brachte ihn dazu, sich auf ein Gespräch mit ihn einzulassen.

Er ist fort. Scott hatte keine Begrüßung für ihn übrig, nicht einmal eine Entschuldigung für das unangemeldete Eindringen in Eriks Reich. Nur diese drei Wörter, die sämtliche Alarmglocken in Eriks Kopf schrillen lassen.

„Wie, fort?“, fragt Erik kühl zurück, obwohl es unnötig ist. Scotts Unruhe, gekoppelt mit seiner Blässe und der gut überspielten Müdigkeit, spricht eine eindeutige Sprache, die nicht nur auf die Ereignisse rund um Jean Grey zurückzuführen ist.

Die Brille hilft Scott dabei, seine Nervosität zu verbergen, allerdings nicht so sehr, dass es einem geübten Beobachter – jemandem, der in den letzten Jahren gelernt hat, Menschen zu lesen, immer auf der Hut, immer von der nie ganz verschwindenden Furcht umgetrieben, wieder gejagt zu werden – nicht auffallen würde.

Frustriert beißt Erik die Zähne zusammen. Dieser Tag ist gerade dabei, von halbwegs erträglich und durchaus vielversprechend in lästig und potentiell gefährlich umzuschlagen und es gefällt ihm nicht. Scotts stockende Erklärung, wenn man es überhaupt so bezeichnen kann, macht es nicht besser.

„Er war nicht wirklich er selbst in letzter Zeit, auch nicht vor ... vor den neuesten Zwischenfällen. Fast so, als ob er so etwas geahnt hätte ... Und dann, nach allem, was passiert ist – ich glaube, es war einfach zu viel für ihn. Kein Wunder, dass er eine Auszeit braucht. Er hat uns alle wichtigen Unterlagen hinterlassen, alle Daten zu Eltern und Schülern, Bankverbindungen, sonstige wichtige Kontaktdaten ... was man braucht, um die Schule zu leiten. Hank kümmert sich jetzt um alles.“

Kurz schließt Erik die Augen, um seine Gedanken zu sortieren, ohne dabei von Scotts offenkundiger Anspannung angesteckt zu werden. Seit er Charles zum letzten Mal gesehen hat, hat er bewusst nicht viel an ihn gedacht, aber sogar ihm ist aufgefallen, dass Charles erstaunlich wenig präsent in den Medien war. Anstatt der Reden, die Erik erwartete, anstatt der öffentlichen Stellungnahmen, Belehrungen und optimistischen Zukunftsausblicke war alles, was er von Charles zu sehen bekam, ein kurzer, kaum fünf Minuten andauernder Vortrag auf einer Pressekonferenz. Sein Inhalt bot keine Überraschungen: Charles sprach davon, dass die Beziehung zwischen Menschen und Mutanten nach wie vor auf einer stabilen Basis stehe (Ha!) und die neueste Alien-Invasion nur einen weiteren Grund für verstärkte Zusammenarbeit darstelle. Wörter wie Vertrauen, Frieden und Synergieeffekte fielen und Erik schaltete nur nicht um, weil es ihn immer wieder unendlich amüsiert, Charles dabei zuzusehen, wie er selbst die hartgesottensten Reporter dazu bringen kann, nachträglich ihre Berufswahl zu überdenken.

Nicht einmal die schlechte Qualität der Übertragung konnte kaschieren, wie müde Charles aussah, doch damals maß Erik dieser Tatsache nicht zu viel Bedeutung zu. Sie alle würden noch eine Weile brauchen, um wieder in die Normalität oder zumindest in ihre ungefähre Nähe zurückzufinden.

Die unschöne Wahrheit ist, dass Erik zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt war, um zu viele Gedanken an die X-Men zu verschwenden. Als ob die Angst, dass seine Rolle während der letzten Zwischenfälle in der Pracht der vollen Wahrheit ans Licht käme, dass sie ihm Genosha wegnähmen, nicht gereicht hätte, kamen Erinnerungen an vergangene Zeiten hoch und ließen ihn zum ersten Mal seit Jahren nachts aufschrecken. Erinnerungen an weiße Wände und vollkommene Stille, an wachsame Augen und EinsamkeitEinsamkeitEinsamkeit ... Selbst jetzt noch fällt es ihm schwer, sich aus diesen Erinnerungen einen Weg zurück in die Realität zu bahnen.

„Und ihr wisst nicht, wo er ist? Er hat nichts gesagt? Keine Andeutungen gemacht? Gar nichts?“, hakt er nach.

Er hat sich nicht verabschiedet? Ein derartiges Verhalten sieht Charles nicht ähnlich – und wenn selbst der ewig optimistische Professor X die Flinte ins Korn wirft, was bedeutet das dann für das Universum?

Eriks ungutes Gefühl wächst, erst recht, als Scott lediglich mit den Schultern zuckt. Am liebsten würde Erik ihn schütteln, wieder einmal der Verlierer im Kampf gegen seine eigene Ungeduld. Gerade rechtzeitig erinnert sich daran, dass auch Scott jemanden verloren hat, den er liebte, und dass er selbst die letzte Person ist, die jemand anderen dafür verurteilen kann, wie er oder sie trauert. Ohnehin reißt Scott sich bislang beeindruckend gut zusammen; und eine Welt, in der Scott Summers mit dem Verlust einer geliebten Person besser umgeht als Hank McCoy, ist einmal mehr aus den Fugen geraten, als gut für sie ist.

Entnervt – und, was noch schlimmer ist, langsam deutlich besorgt – fährt Erik sich mit der Hand durchs Haar.

„Erik.“

Hat Scott ihn jemals zuvor so genannt, bei den wenigen Gelegenheiten, als sie miteinander zu tun hatten? Er erinnert sich nicht und im Grunde ist es egal. Zwar ist er es nicht gewohnt, von jemandem außer seinen engsten Kontakten und natürlich von Charles mit seinem Vornamen angesprochen zu werden, aber es ist besser als Mr Lehnsherr und es ist vor allem besser als Magneto.

„Wenn du ihn findest ...“, beginnt Scott in einer Stimme, die um Jahrzehnte älter ist als er. „Wenn du ihn findest, dann sorg dafür, dass es ihm gut geht.“

~°~


Wenn du ihn findest.

Scott spricht es so selbstverständlich aus, formuliert es so eindeutig – als hätte er nie den geringsten Zweifel daran gehegt, dass Erik Charles suchen würde. Kurz ist Erik in Versuchung, sich mit einem Schulterzucken abzuwenden, Charles‘ Verschwinden zu einem Problem der X-Men zu erklären und auf andere, vermeintlich wichtigere Dinge zu verweisen, nur um sich an Scotts unweigerlicher Verwirrung zu erfreuen. Er verkneift es sich, weil er zu alt ist für solche kindischen Späßchen und weil es außerdem nicht so ist, dass er tatsächlich wichtigere Dinge zu tun hätte. Irgendjemand muss dafür sorgen, dass Charles keine Dummheiten treibt; natürlich wird Erik ihn suchen gehen, wenn schon die X-Men es offenbar nicht vorhaben. Es nicht können? Es nicht wollen?

Erik denkt nicht zu sehr darüber nach. Stattdessen drängen sich weitere alte Erinnerungen an die Oberfläche, Erinnerungen an die Offenheit in Charles‘ Augen und an seine ruhige Zuversicht und an Ich kann dir helfen und Du weißt, dass du hier jederzeit ein Zuhause haben kannst, wenn du das willst ... Charles, der sich nie von Eriks abweisender Haltung beeindrucken ließ, der nie ganz die Hoffnung in ihn verlor, egal wie oft Erik ihn fortstieß.

Vielleicht ist es an der Zeit, den Gefallen zu erwidern. Erik wusste nie, wie er Charles helfen sollte, aber vielleicht, denkt er, ist das gar nicht mehr so wichtig. Vielleicht hat es viel mehr Bedeutung, dass er es versucht. Was hat er zu verlieren? Und was hat Charles zu verlieren?

Sein erster Impuls ist es, zu Hanks frisch umgetaufter Schule zu fahren, deren Name mehr als nur einen bitteren Beigeschmack hat, und Hank zur Rede zu stellen. Um ihrer aller Seelenfrieden willen entscheidet er sich dagegen. Ein Besuch in Westchester würde sich wahrscheinlich als Zeitverschwendung entpuppen und wenn Eriks ungutes Gefühl ihm eines deutlich vor Augen führt, dann ist es das Wissen darum, dass Zeit in diesem neuesten, anfangs unmöglich erscheinenden Unterfangen von großer Bedeutung ist.

Zum unzähligen Mal ruft er sich das kurze Fernsehinterview ins Gedächtnis zurück und seine Hände ballen sich zu Fäusten, während jeder metallische Gegenstand um ihn herum zu beben beginnt – ein Ventil für seine Anspannung, von dem er schon vor Jahren geglaubt hat, es besser kontrollieren zu können. Charles sah so müde aus. Er ist seit mindestens einer Woche verschwunden – wie lange vorher hat er schon geplant, fortzugehen? Alles zurückzulassen, sein Zuhause, seine Familie, seinen gesamten Lebensinhalt? Wie lange schon war etwas nicht in Ordnung, ohne dass irgendjemand es gemerkt hat? Erst nach den Zwischenfällen rund um Jean Grey oder schon zuvor?

Je länger Erik darüber nachdenkt, desto besorgter wird er. Trotzdem – er hat in den letzten Jahrzehnten dazugelernt. Wo er früher unüberlegt losgestürmt wäre, geht er nun mit einer kalkulierten Methodik vor, wie er sie seit seiner Jagd auf Sebastian Shaw nicht mehr an den Tag gelegt hat. Er nimmt an, dass Charles nicht gefunden werden will, also wird er ihn auch nicht ohne Weiteres finden. Dass es ihm letztendlich gelingen wird, steht allerdings außer Frage. Es gibt nur ein Zukunftsszenario, das Erik akzeptiert, und darin ist er der Gewinner.

Er überlegt, plant, zieht seine Kontakte zu einem noch engeren Netzwerk zusammen und wartet ab.

~°~


Es dauert zweieinhalb Wochen, Charles ausfindig zu machen, und sobald Erik ihn vor dem Café mit dem bedeutungsschweren Namen in Paris sieht, weiß er, dass die Suche der einfachste Teil des Unterfangens war.

Er ist froh darüber, sein Schachbrett mitgebracht zu haben. Ihre Schachspiele waren immer mehr als nur ein intellektuelles Kräftemessen; sie sind die einfachste, ehrlichste Art der Kommunikation zwischen ihnen. Es ging bei diesen Spielen nie ums Gewinnen. Viel wichtiger sind der Weg dorthin und das Gespräch, das sie währenddessen führen, und manchmal geht einer von ihnen als Gewinner aus der Begegnung hervor, obwohl er das Spiel verliert.

Als Charles seine erste Aufforderung zum Spielen ablehnt, beunruhigt Erik das mehr, als es sein leerer Blick und seine in sich zusammengesunkene Körperhaltung tun. Weil er nicht aufgeben will, nicht aufgeben darf, fragt er Charles erneut – und als Charles annimmt, zwar widerwillig und immer noch völlig überrumpelt von Eriks schonungsloser Ehrlichkeit mit ihm, weiß Erik, dass Hoffnung besteht, dass er trotz allem nicht zu spät gekommen ist.

~°~


„Du weißt, dass ich nicht mit dir kommen kann.“

Erik hat mit diesem Satz gerechnet, seit er Charles gegenüber Platz genommen hat. Das Café ist kurz davor, zu schließen; die einzigen verbliebenen Gäste außer ihnen sind zwei junge Frauen ein paar Tische weiter, und die Kellner fangen bereits damit an, die Stühle für die Nacht beiseite zu rücken.

Charles und Erik haben ihr Schachspiel längst beendet – oder, besser gesagt, einvernehmlich pausiert. Vielleicht werden sie es irgendwann fortführen, vielleicht belassen sie es bei einem Gleichstand. Es ist unwichtig.

Sie haben die letzte Stunde damit verbracht, über Belanglosigkeiten zu sprechen. Den Tourismus in Paris, französische Küche, Eriks Hinflug, Charles‘ Probleme damit, ein angemessenes barrierefreies Hotelzimmer zu finden ... Nur den Grund, wieso sie beide hier sitzen, haben sie mit Bedacht vermieden.

Obwohl er ahnt, dass Charles es ihm nicht einfach machen wird, ist Erik froh, dass er das Thema von sich aus angeschnitten hat. Er beugt sich nach vorne, die Hände unter dem Tisch ineinander verschlungen. „Und du weißt, dass ich das für Unsinn halte.“

Hinter ihnen drängt sich ein Lastwagen in Schrittgeschwindigkeit an einer Reihe parkender Autos vorbei. Charles wartet, bis das ungesund klingende Röcheln seines Motors in der Ferne verklungen ist, bevor er leise sagt: „Für mich ist kein Platz auf eurer Insel, Erik. Ich passe nicht dorthin.“

Erik fröstelt. Seit die Sonne untergegangen ist, ist es überraschend kühl, doch er ist nicht gewillt, sich davon ablenken zu lassen.

„Das behauptest du, ohne es zumindest versucht zu haben?“ Er schüttelt den Kopf und wechselt in einen bewusst stechenden Tonfall. „Bitte, Charles. Es steht dir nicht, in Selbstmitleid zu versinken.“

Raven hat ihm einmal gesagt, dass es niemandem so gut wie ihm gelingt, Charles an die Grenzen seiner Beherrschung zu treiben, und er weiß nicht, ob er sich darauf etwas einbilden oder lieber versuchen soll, alle Erinnerungen an Raven weit von sich zu schieben. Diesmal schafft er es jedenfalls nicht, Charles aus seiner müden Gleichgültigkeit zu reißen.

„Es ist kein Selbstmitleid, es ist Realismus“, entgegnet er ruhig. Würde er ihn anschreien, wäre Erik das lieber. Alles wäre besser als diese innere Leere, die Charles ausstrahlt – als hätte er den Teil von sich verloren, der ihn am meisten ausmacht. „Du hast doch gesehen, was passiert, wenn man mich auf die Bevölkerung loslässt. Ich beeinflusse Leute, ob ich es will oder nicht. Ich will helfen und am Ende mache ich alles nur schlimmer.“

Erik wechselt die Taktik, so selbstverständlich, dass er sich wundert, wieso ihm das in den Jahrzehnten zuvor nie gelungen ist, als er Charles helfen wollte und nie wusste, wie. Mit Härte kommt er nicht weiter; es ist an der Zeit, Magneto endgültig hinter sich zu lassen und Erik zu sein. Kein Widersacher, kein widerstrebender Verbündeter, nicht einmal ein Partner in derselben optimistischen Mission. Ein Freund.

Es ist zu ironisch für das Ausdrucksvermögen menschlicher Sprache, dass es mehr als drei Jahrzehnte, endlose Schneisen der Verwüstung und unzählige Enttäuschungen gebraucht hat, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.

„Charles“, sagt er sanft. „Wir alle machen Fehler. Schau mich an – schau dir an, was ich getan habe. Und trotz allem hast du mir vergeben. Du hast nie die Hoffnung aufgegeben. Warum also jetzt? Warum gibst du dich selbst auf?“

Charles‘ Blick huscht zur Seite. „Gib mir einfach etwas mehr Zeit.“

Frustriert lehnt Erik sich in seinen Stuhl zurück. Dass Charles immer alles so kompliziert machen muss ...

„Du scheinst bislang nicht weit gekommen zu sein auf deinem Selbstfindungstrip oder was immer das hier sein soll. Glaubst du wirklich, dass es noch besser wird?“

Trotz oder gerade wegen der kritischen Worte gibt Erik sich Mühe, die Sanftheit weiterhin seiner Stimme anhaften zu lassen, und vielleicht ist das der Grund, wieso Charles ihm wieder in die Augen sieht. „Erik –“

„Denk wenigstens darüber nach“, unterbricht Erik ihn.

Inzwischen sind auch die beiden jungen Frauen aufgebrochen, so dass nur noch Charles und er vor dem Café sitzen. Die Kellner schicken in zunehmend kürzeren Abständen vielsagende Blicke in ihre Richtung; es kann nicht mehr lange dauern, bis man sie höflich, aber bestimmt dazu auffordern wird, zu verschwinden.  

Es stört Erik nicht. Er weiß, dass er erst am Anfang steht, aber er weiß auch, dass er noch Zeit haben wird – genügend Zeit, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Für diesen Abend braucht er nur noch eine Antwort von Charles, und nach einem endlosen Moment bekommt er sie. Charles lächelt, ganz schwach nur, bricht den Blickkontakt ab und zieht sein Portemonnaie hervor.

„Das werde ich.“

~°~


Geduld war nie Eriks Stärke. Umso mehr erstaunt es ihn, wie leicht es ihm diesmal fällt, seine Ungeduld unter Kontrolle zu halten. Es gibt immer noch Momente, in denen ihm alles zu langsam geht, zu schwerfällig, aber im Großen und Ganzen meistert er die Situation so gut, dass sogar Charles widerwillig beeindruckt ist, auch wenn er es nicht ausspricht. Erik liest es an seinem Gesicht ab und an der Art, wie Charles sich ihm gegenüber langsam öffnet, Stück für Stück, bis sie an einem Punkt angekommen sind, der dem Beginn ihrer Freundschaft vor so langer Zeit ähnelt.

Dass Erik genau weiß, wie Charles sich fühlt, hilft dabei. Er hat nicht vergessen, wie die Welt von ganz unten aussieht – die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Wut auf alles und jeden, vor allem auf sich selbst. Die Schuldgefühle, die Gewissheit, sämtliches Leid verdient zu haben ... Aber er hat auch nicht vergessen, dass es immer ein danach gibt, einen Weg nach vorne. Charles weiß das genau. Es dauert nur etwas, bis er sich daran erinnert.

Erik drängt ihn nicht. Es besteht keine Eile; auf Genosha kommen sie ohne ihn zurecht, und nun, da er so viel davon hat, ist Zeit nicht mehr wichtig. Wenn er ehrlich ist, genießt er seinen Aufenthalt in Paris mit jedem Tag mehr, auf eine Art, wie sie ihm vor zwanzig Jahren verwehrt geblieben ist. Charles und er lassen sich in Strömen von Touristen durch die Straßen treiben, besorgen sich einen Reiseführer und beginnen, dessen Vorschläge abzuarbeiten, reden über dies und das, spielen Schach, verstecken sich vor der Welt. Nach Jahren auf Genosha tut es gut, sich wieder ein wenig mehr unter Leuten zu bewegen und das Lebensgefühl einer Großstadt in sich aufzusaugen, besonders, weil man sie dank Charles‘ telepathischer Kräfte nicht erkennt und Erik immer öfter für ein paar kostbare Minuten vergisst, dass sie keine ganz gewöhnlichen, sorgenfreien Touristen sind.

Als Charles die vorsichtige Harmonie zu Beginn der zweiten Woche mit der Frage unterbricht, auf die Erik längst gewartet hat, ist er fast ein wenig enttäuscht.

„Warum bist du wirklich hier, Erik?“

Erik blickt nicht von seinem Reiseführer auf. „Warst du schon im Centre Pompidou? Wenn nein, müssen wir da noch hin. Hier steht, dass es dazu gedacht ist, freien Zugang zu Wissen zu bieten, das ist doch ganz in deinem Sinne, oder?“

Es gelingt ihm nicht, ein Grinsen zu unterdrücken, als Charles ihm kurzerhand den Reiseführer wegnimmt. Jeder Moment, in dem er Charles aus der Reserve lockt, ist ein Gewinn.

Erik.“

Er seufzt. „Das habe ich dir schon gesagt.“

„Ja. Mir ein Zuhause anbieten und mir das Leben retten. Ich weiß. Ich weiß das zu schätzen, wirklich. Und es ist nicht so, dass ich nicht froh bin über deine Anwesenheit. Aber ...“

Charles zuckt mit den Schultern, den Reiseführer wie eine Rettungsleine umklammernd.

„Wenn du mir jetzt kommst mit Ich habe das nicht verdient, dann schubse ich dich in die Seine, das schwöre ich“, sagt Erik. Es ist nicht ganz so bissig gemeint, wie es klingt. Geduld, erinnert er sich.

„Vielen Dank auch.“

Diesmal lässt Erik nicht zu, dass ihre Unterhaltung in Sarkasmus oder Sticheleien abgleitet. „Du bist derjenige, der behauptet, dass jeder eine zweite Chance verdient – oder, in meinem Fall, mehr als das. Wie war das? Nur weil jemand die Orientierung verliert, heißt das nicht, dass er für immer verloren ist?“

Das entlockt Charles ein schwaches Lächeln, wenn auch eines, das von Melancholie übertüncht wird.

„Das weiß ich alles, Erik.“ Noch immer sind seine Hände um den Reiseführer verkrampft. „Und das ist nicht das, was ich dich gefragt habe. Warum bist du hier? Warum bist du immer noch hier und spielst gemeinsam mit mir Tourist?“

„Warum hast du mich damals, nach dieser verfluchten Friedenskonferenz hier, nicht an die Polizei ausgeliefert? Warum hast du immer wieder dafür gesorgt, dass ich davonkomme?“, kontert Erik.

Erneut zuckt Charles die Schultern. „Wahrscheinlich wäre mir einfach zu langweilig geworden ohne deine ständigen Eskapaden. Und außerdem ...“ Er schluckt, dann legt er endlich den verdammten Reiseführer beiseite. „Manchmal brauchen wir alle ein bisschen Hilfe.“

„Genau“, sagt Erik anstatt all der andern Wörter und schönen Phrasen, die er Charles anbieten könnte und die nun gar nicht nötig sind, weil man manchmal über keine telepathischen Fähigkeiten verfügen muss, um zu wissen, was jemand wirklich meint. Charles versteht, das weiß er, und darum bricht er das Gespräch ab und schnappt sich den Reiseführer.

„Also. Centre Pompidou ...“

~°~


Am nächsten Morgen klopft er vor der Frühstückszeit an Charles‘ Zimmertür. Sie wohnen immer noch in unterschiedlichen Hotels, weil Erik im Gegensatz zu Charles auf seine Finanzen achten muss und zu stur ist, Geld von seinem alten Freund anzunehmen. Die junge Frau an der Rezeption hat ihn bei seinem Eintreten misstrauisch beäugt, wandte sich aber ab, nachdem er ihr sein gewinnendstes Lächeln geschenkt hatte. Sollte ihm das Personal doch noch Probleme bereiten, nun, wozu hat er einen Telepathen zur Hand?

Ein Telepath. Dahinter verbirgt sich ein weiterer Schlüssel zur Lösung des Problems, und Erik könnte sich selbst dafür verfluchen, dass ihm das erst jetzt eingefallen ist, nach einer schlaflosen Nacht, in der endlich die letzten Puzzleteile in seinem Geist ihren richtigen Platz eingenommen haben.

Als Charles ihm auf sein zweites, drängenderes Klopfen hin immer noch nicht öffnet, ist er kurz in Versuchung, sich selbst Zutritt zu verschaffen. Das Metall des Türschlosses drängt sich nur zu verlockend an seine Sinne heran, doch er reißt sich zusammen, wartet einige Momente und klopft dann ein drittes Mal.

„Sofort, Erik!“, ruft Charles von drinnen, unüberhörbar genervt, und dann öffnet er endlich die Tür und blinzelt alles andere als begeistert zu Erik hoch. Er war noch nie ein Morgenmensch, wie Erik vor langer Zeit während ihrer gemeinsamen Rekrutierungsreise festgestellt hat. Dass sich daran nichts geändert hat, ist seltsam beruhigend.

„Morgen“, begrüßt Erik ihn nonchalant.

„Ich hoffe, du hast einen guten Grund für die Störung“, sagt Charles, rollt aber weit genug zurück, damit Erik ins Zimmer treten und die Tür hinter sich schließen kann. Betont lässig lehnt er sich mit dem Rücken dagegen.

„Solltest du das nicht wissen?“

Charles hebt die Augenbrauen. „Worauf willst du hinaus?“

Innerlich wappnet sich Erik. Nun kommt der schwierige Teil, derjenige, auf den es am meisten ankommt. „Du bist ein Telepath, Charles, und ich trage den Helm nicht. Du solltest wissen, was ich vorhabe.“

Wenn Charles es tatsächlich weiß oder wenigstens ahnt, so lässt er es sich nicht anmerken. „Nur weil ich diese Fähigkeit besitze, heißt das nicht, dass ich sie permanent anwenden muss.“

Es ist so ironisch, dass Erik fast auflacht. Charles ist derjenige, der ihm gezeigt hat, welches Potential in ihm steckt, und gleichzeitig hat er seine eigene Gabe fast nie in ihrer vollen Kraft genutzt – selbst dann nicht, nachdem er sich dafür entschieden hatte, das Gefühl in seinen Beinen endgültig für sie zu opfern.

Damals, während ihres ersten Aufenthalts in Paris, war Erik dieses Handeln unbegreiflich. Seine Gabe war für ihn oft nur ein Mittel zum Zweck, und trotzdem ist es ihm unmöglich, sich ein Leben ohne sie vorzustellen. Wie kann jemand einen so wichtigen Teil seiner selbst aufgeben oder unterdrücken, als wäre er nicht besser als ein gewöhnlicher Mensch?

Nach dem Zwischenspiel mit Apocalypse – nachdem er gesehen hatte, wozu Charles in der Lage wäre, wenn er nur wollte – verstand er ein wenig besser. Charles‘ Gabe könnte die Welt zerstören, genau wie Eriks, aber sie könnte es auf eine andere, noch unangenehmere Art tun: indem sie die Menschen dazu bringt, sich selbst auszulöschen, anstatt einfach nur vom Untergang überrollt zu werden. Die Art der Verantwortung, die sich daraus ergibt, wird Erik nie völlig begreifen, und manchmal denkt er, dass er das auch nicht will. Und dass Charles seine Fähigkeiten gerade ihm gegenüber zurückhält, nun, das ist noch weniger überraschend als alle anderen Erkenntnisse.

Es in Worte zu fassen, fällt Erik nicht leicht, aber er versucht es. Er hat keine andere Wahl. „Natürlich. Wir haben das oft genug diskutiert. Und ich verstehe auch, wieso du nach der Sache mit Jean vorsichtiger bist, aber ... Ich habe das Gefühl, dass du mich meidest. Auf telepathische Art, meine ich.“

Anhand der Art, wie Charles‘ Blick für den Bruchteil einer Sekunde zur Seite gleitet, erkennt Erik, dass er ins Schwarze getroffen hat. Es dämmerte ihm erst in den letzten Wochen; zuvor hatte er zu wenig mit Charles zu tun, um die Veränderung zu bemerken. Seitdem hat jeder Tag in Paris seine Theorie bestätigt, bis er in der letzten Nacht endlich genau benennen konnte, was an Charles‘ Verhalten ihn stört oder ihm zumindest komisch vorkommt.

Damals vor so langer Zeit, als sie sich kennenlernten, war das Gefühl, telepathisch von Charles berührt zu werden, ein ständiger, vertrauter Begleiter, und ein nicht unwillkommener dazu. Charles hatte ihm versprochen, außer in Notfällen nur an der Oberfläche seines Geistes zu bleiben und sich ansonsten aus seinen Gedanken und Erinnerungen fernzuhalten, und Erik vertraute ihm. Wenn er ehrlich ist, empfand er den mentalen Kontakt oft als angenehm: Er verstärkte die Gewissheit darüber, nicht alleine zu sein.

Und dann kamen Kuba mit seinen einschneidenden Veränderungen, zehn Jahre in Isolationshaft, ihr erster Ausflug nach Paris und ... und später Apocalypse.

„Du hast oft genug deutlich gemacht, dass ich mich von deinen Gedanken fernhalten soll. Ich respektiere das“, sagt Charles, noch immer in seinem üblichen gelassenen Tonfall; nur jemandem, der ihn gut kennt, würde die leichte Anspannung in seiner Stimme auffallen.

„Und das letzte Mal, als du meine Gedanken gelesen hast, hat das dazu geführt, dass Apocalypse dich gefunden hat“, entgegnet Erik. Dich gefunden, deine Fähigkeiten missbraucht, dich fast dabei zerstört. Und es war meine Schuld.

Es sind Gedanken, die er in den letzten zehn Jahren gekonnt ignoriert hat und die in den letzten Tagen mit aller Macht hervorgebrochen sind, ohne die Absicht, sich diesmal so einfach beiseiteschieben zu lassen. Charles, damals in Kairo, desorientiert und erschöpfter, als Erik ihn jemals gesehen hat ... Meine Schuld. Er hat sich nie entschuldigt und Charles hat nie nach einer Entschuldigung verlangt, natürlich nicht. Stattdessen hat er Erik vergeben, ohne das jemals laut auszusprechen, und das schmerzt vielleicht am meisten.

Charles‘ Hände verkrampfen sich kaum wahrnehmbar um die Griffreifen seines Rollstuhls. „Das ist lange her. Was genau willst du jetzt von mir, Erik?“

Selbst jetzt noch ist Apocalypse ein schwieriges Thema, um es vorsichtig auszudrücken, und wahrscheinlich wird es Erik nie gelingen, das, was er Charles angetan hat, vollständig nachzuvollziehen. Er ist sich nicht sicher, ob er das überhaupt will. Sein jetziges schlechtes Gewissen reicht vollständig aus.

Er beschließt, dass es nichts bringt, weiter um den heißen Brei herumzureden. „Lies meine Gedanken“, bittet er geradheraus.

Charles zögert, schaut zur Seite und dann wieder zu Erik, nun unübersehbar nervös. „Erik ...“

„Ich meine es ernst. Es ... macht mir nichts aus. Du hast mich gefragt, wieso ich hier bin, und ich denke, du weißt die Antwort schon, obwohl ich sie nicht richtig ausdrücken kann. Lies meine Gedanken, Charles. Und zwar nicht nur oberflächlich. Vielleicht findest du dann das, wonach du suchst.“

Langsam macht er einen Schritt auf Charles zu, darauf bedacht, locker anstatt bedrohlich zu wirken – etwas, worin er noch nie gut war. Kurz wirkt es, als wolle Charles zurückweichen, doch er fängt sich sofort wieder und erwidert Eriks Blick mit seiner üblichen Offenheit.

„Hör mal, wenn es dir darum geht, dein schlechtes Gewissen wegen Apocalypse hinter dir zu lassen – wie gesagt, das ist lange her. Ich habe dir das längst vergeben.“

Erik seufzt, tritt noch näher an Charles heran und geht vor ihm in die Hocke, damit sie auf gleicher Augenhöhe sind. „Darum geht es mir nicht und das sollte dir auch klar sein“, sagt er leise. „Es ist eher ... Ich kann das schlecht in Worte fassen. Außerdem ist Vergebung eine Sache, Vertrauen eine andere. Vertraust du mir?“

Damit verlangt er viel von Charles und wenn die Antwort auf diese Frage nein lauten würde, wäre er nicht beleidigt. Charles hat jedes Recht dazu, ihm zu misstrauen; aber weil Charles Xavier und Hoffnung meistens Hand in Hand einhergehen, weiß Erik, dass sein alter Freund letztendlich nachgeben wird.

Sekundenlang sieht Charles ihn forschend an, so intensiv, dass Erik geradezu darauf wartet, ihn in seinem Geist zu spüren. Die Berührung kommt nicht; stattdessen rollt Charles zurück, wendet seinen Rollstuhl und fährt weiter ins Zimmer hinein.

„Setz dich hin“, weist er Erik über die Schulter hinweg an. Noch immer ist er etwas angespannt; Erik merkt es deutlich, als er ihm gegenüber auf der Kante des ungemachten Betts Platz nimmt. Gleichzeitig strahlt er jedoch diese unerschütterliche innere Stärke aus, die ihn für Erik immer mehr als alles andere bestimmt hat und die er seit den Vorfällen mit Jean schmerzlich vermisst hat. Er lächelt leicht, was Charles mit einem fragenden Blick quittiert.

„Entspann dich“, sagt er in einem Tonfall, der nahelegt, dass er damit nicht nur Erik meint.

„Ich bin entspannt“, erwidert Erik grinsend. Es ist eine Lüge, aber eine, die ihre Daseinsberechtigung hat. Charles verdreht die Augen, streckt eine Hand nach ihm aus, berührt ihn federleicht an der Schläfe, und das Letzte, was Erik hört, bevor die Vertrautheit des telepathischen Kontakts ihm den Atem nimmt, ist ein gemurmeltes „Idiot“.

Entspann dich, wiederholt Charles, nun gedanklich, und erst da merkt Erik, dass er seine Hände ineinander verkrampft hat. Nicht nur Charles hat mit den Erinnerungen an die Geschehnisse rund um ihre letzte telepathische Konversation herum zu kämpfen.

Diesmal gelingt es ihm, der Anweisung Folge zu leisten. Fast ist es, als habe er gar keine Wahl: nicht weil Charles ihn beeinflusst, sondern weil er das hier vermisst hat. Er war immer ein Einzelkämpfer, jemand, der niemandem wirklich vertraute, und es hat etwas seltsam Befreiendes an sich, sich jemand anderem gegenüber vollständig zu öffnen. Jemandem, der alles über ihn weiß und trotzdem gewillt ist, ihm eine weitere Chance zu geben ... Dass er Charles verbot, in seine Gedanken einzudringen, war immer weniger Eriks Widerwillen gegenüber Charles‘ Gabe geschuldet als vielmehr dem Wunsch, ihn vor Eriks Dunkelheit zu schützen.

Anfangs ist Charles zögerlich, streicht nur flüchtig über die Erinnerungen und Emotionen, die Erik ihn sehen lässt.

Schau tiefer, bittet Erik ihn.

Und Charles blickt tiefer, nähert sich langsam dem, was Erik ihm zeigen will – all das, wofür Worte nicht genug sind. Erinnerungen an Verlust, an Nina und Magda und Raven, an Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit, Überlebenswillen und Zusammenhalt und es tut mir leid und ...

Vorsichtig zieht Charles sich zurück, allerdings erst, nachdem Erik seinen letzten Gedanken aufgeschnappt hat. Wie ironisch es ist, dass Charles ausgerechnet in Eriks Geist das wiederfindet, was er fast zum zweiten Mal in seinem Leben verloren hätte ...

„Ich weiß“, sagt Charles.

~°~


Was Charles letztendlich dazu bringt, sein Angebot anzunehmen, weiß Erik nicht. Vielleicht sind es die Gespräche, die sie im Laufe der nächsten Tage führen – ebenso überfällige wie schmerzhafte Gespräche, die sich endlich von Belanglosigkeiten fortbewegen und sich stattdessen um all das drehen, was viel zu lange zwischen ihnen stand. Raven, Kuba, Apocalypse, Weltsichten und Fehler ... und die Erkenntnis, dass Vergebung manchmal auf Gegenseitigkeit beruht. Vielleicht ist es auch der telepathische Kontakt, ein Zeichen dafür, dass sich etwas geändert hat, und eine Grundlage für vorsichtiges neues Vertrauen. Oder vielleicht ist es einfach die Tatsache, dass Erik diesmal da ist, dass er zuhört und geduldig ist und zum ersten Mal in seinem Leben keine Anstalten dazu macht, fortzugehen.

Sie beschließen, den Rest der Woche in Paris zu verbringen. Erik tätigt einige Telefonanrufe, lässt Vorbereitungen treffen und scheitert grandios daran, seine in ihrer Unvertrautheit beinahe überwältigende Freude im Schach zu halten. Irgendwann beschließt er, dass er das gar nicht muss. Er hat zu viel verloren, um nicht ein bisschen Glück verdient zu haben.

„Es ist etwas unheimlich, dich so gut gelaunt zu erleben“, sagt Charles zu ihm, aber das ist in Ordnung, weil er dabei zum ersten Mal seit Langem grinst.

Als sie auf Genosha ankommen, erkennt Erik, dass seine Leute ganze Arbeit geleistet haben. Natürlich hat ihnen die Zeit gefehlt, die Insel völlig barrierefrei zu gestalten, aber zumindest die wichtigsten Wege sind nun so aufbereitet, dass ein Rollstuhlfahrer sie problemlos passieren kann. Charles kommentiert diesen Umstand nicht, doch die Dankbarkeit in seinen Augen spricht Bände.

Erik wartet, bis der Helikopter, den sie der Einfachheit halber gemietet haben, mitsamt seinem Lärm verschwunden ist, und erst dann erlaubt er es sich, einen tiefen Atemzug zu nehmen und die vertraute Umgebung in sich aufzusaugen. Zuhause. Wiesen, blauer Himmel, leichter Wind – es ist eine fast schon kitschige Szenerie und Erik hat sich noch nie in seinem Leben weniger um solche Dinge gekümmert. Er kann nicht anders: Er breitet die Arme in einer einladenden Geste aus und dreht sich einmal um sich selbst. Natürlich ist es übertrieben, aber er schätzt, dass sogar ihm ab und zu ein bisschen Unbeschwertheit erlaubt ist. Charles‘ halb belustigter, halb gespielt leidender Gesichtsausdruck ist die Sache wert.

„Willkommen zuhause“, sagt Erik.

~°~


Erik hatte nie einen Zweifel daran, dass Charles sich problemlos in Genoshas Gesellschaft einfügen würde, und er wird nicht enttäuscht. Das anfängliche Misstrauen, mit dem die anderen Mutanten dem Neuzugang begegnen, legt sich schnell – Charles hat es nun einmal an sich, sich mühelos in die Herzen anderer Leute zu schleichen. Erik kann davon ein Lied singen.

Langsam gleiten sie in eine vorsichtige Routine hinein. Es gibt immer viel zu tun und Charles hilft mit, wo er kann – und dennoch, völlig glücklich ist er nicht. Er versucht, es zu überspielen, aber Erik merkt deutlich, dass er sich nutzlos vorkommt; zwar nicht mehr wie ein Eindringling, aber wie eine Belastung, jemand, der nicht so viel für die Gemeinschaft tun kann, wie er gerne möchte. Nächtelang überlegt Erik, wie er ihm helfen kann, ohne dabei zu aufdringlich oder zu überfürsorglich zu wirken. Letztendlich findet sich die Lösung von selbst in Gestalt zweier Neulinge: eine verängstigte Sechzehnjährige und ihre kleine Schwester, die wegen ihrer Mutationen von ihren Eltern missbraucht worden sind und von zuhause flohen. Beide sind traumatisiert, besonders die Jüngere, und sie zu Jean Greys Schule zu schicken, wie Erik ursprünglich in Erwägung zieht, ist vorerst keine Option.

Dass Charles derjenige ist, dem gegenüber sie sich öffnen, hätte ihn nicht überraschen sollen. Nach ihm fragen sie, wenn sie wegen irgendetwas unsicher sind, er dringt nach Albträumen am schnellsten zu ihnen durch, und als Erik die beiden eines Tages mit Charles vor dessen Hütte sieht, weiß er, dass er es geschafft hat. Charles befindet sich im vollen Lehrermodus; er liest aus einem Buch vor, während die Mädchen entspannt neben dem Rollstuhl im Gras sitzen und lauschen. Sie sind nicht alleine; ein junger Mann und seine Tochter haben sich ebenfalls unter die kleine Schar an Zuhörern gemischt.

Erik bleibt eine Weile in einiger Entfernung stehen und beobachtet die Gruppe. Er sieht nicht nur einen Freund bei einer improvisierten Unterrichtseinheit und seine freiwilligen Schüler, sondern er sieht eine potentielle Zukunft vor sich, deutlich wie eine Vision und willkommener als fast alles, was ihm in den letzten Jahren widerfahren ist.

Gemächlich wendet er sich ab und schlendert zu seiner Hütte zurück, und zum ersten Mal glaubt er, zumindest in Ansätzen zu verstehen, was Hoffnung bedeutet.
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