Ein schlechter Ort für Geheimnisse

GeschichteAngst, Schmerz/Trost / P16
OC (Own Character)
24.08.2019
06.12.2019
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Ein schlechter Ort für Geheimnisse


Kapitel 1

„Ich will da aber gar nicht hin. Das habt ihr alle mal wieder ohne meine Zustimmung entschieden. Warum darf ich denn nicht ein einziges Mal selbst entscheiden, was ich möchte?“, schrie Emilia wütend. Sie saß mal wieder mit ihrer Betreuerin im Büro der Heimleiterin. Dieses Mal allerdings nicht, weil sie etwas angestellt oder mit irgendwem Stress gehabt hatte.
„Wir haben dir davon erzählt gehabt. Nun hat das Jugendamt unserem Antrag zugestimmt und deiner Einschulung auf dem Internat steht nichts mehr im Wege. Es wird die beste Lösung für dich sein. Du versaust dir sonst noch deine ganze Zukunft“, erzählte die Heimleitung und für die sonst so schüchterne Emilia brach eine Welt zusammen.

In einem Internat würde alles nur noch schlimmer werden. Ihr einziger Lichtblick in dieser Situation war, dass sie all die Scheiße hier in ihrem Umfeld hinter sich lassen konnte.
„Glaub mir, dieses Internat ist wirklich schön. Es wird dir sicherlich gefallen. Sieh es als Chance und bitte fange dort nicht gleich so an wie hier damals. Flucht ist keine Lösung und auch kein Ausweg“, belehrte ihre Betreuerin sie noch einmal, bevor das Gespräch als beendet galt.

‚Ich werde schon dafür sorgen, dass ich da nicht lange bleibe‘, dachte Emilia sich beim Verlassen des Büros.

Sie sollte nun ihre Tasche packen, damit ihre Betreuerin sie morgen nach Erfurt bringen konnte.
„Denk daran, alles mitzunehmen, was du brauchst und denke auch an alles, was auf der Packliste steht. Du wirst erst zu den Ferien wiederkommen. Wir werden selbstverständlich auch weiterhin nach einer Pflegefamilie für dich suchen. Sobald wir etwas Neues wissen, benachrichtigen wir dich.“


Der nächste Morgen kam schneller, als Emilia lieb war.
„Bist du soweit? Hast du alles ins Auto gebracht?“, fragte ihre Betreuerin, als sie gerade das Heim verließen.
„Ja, habe ich. Ich bleibe aber eh nicht lange“, erwiderte Emilia bockig.
„Du wirst dich dort benehmen und bitte auch deine motzige, bockige, aufmüpfige und  aufbrausende, vorlaute Art ablegen. Schau es dir doch erst einmal an. Es wird dir mit Sicherheit dort gefallen. Es sind auch einige Kinder in deinem Alter dort. Und auch die Lehrer sind sehr nett. Ich würde dich bitten, dass du dich nicht gleich wieder daneben benimmst. Es ist wirklich eine Chance für dich.“

Auf dem Rest der Fahrt sprachen die beiden kein Wort mehr miteinander und die Atmosphäre im Auto hüllte sich in ein tiefes Schweigen.
Diese Sätze haben Emilia mal wieder gezeigt, wie wenig ihre Betreuerin sie doch eigentlich kannte. Sie war zum einen noch immer nicht hinter ihr Geheimnis gekommen und zum anderen wusste sie nicht einmal, dass Emilia eigentlich ein stilles, schüchternes Mädchen war. Okay, sie gab zu, dass sie in den letzten Wochen nicht diesen Eigenschaften entsprochen hatte, aber das war nicht ihr geschuldet und die anderen Menschen verstanden sie einfach nur nicht.
Die Fahrt verging schnell und nach nur zweieinhalb Stunden erreichten sie das Internat.
„Ich möchte aber gar nicht hier her“, protestierte Emilia erneut, doch ihre Betreuerin ging nicht einmal darauf ein. Dieses Verhalten lag einfach an der beginnenden Pubertät.


Eigentlich war Emilia gar nicht abgeneigt von dem Internat, doch ihre Ängste waren einfach zu groß. Sie hatte Angst, dass ihre lang gehüteten Geheimnisse auffliegen könnten, denn im Internat hatte sie so gut wie keine Privatsphäre. Es kam ihr zwar immer noch recht, aus ihrem alten Umfeld rauszukommen, aber schlagartig übernahm ihre Angst wieder die Kontrolle über sie, als sie das Auto verließ.
„Ich werde dich nun zum Direktor bringen, bei dem du dich höflich vorstellst und dann wird er dir schon alles Weitere erklären. Ich bin mir sicher, dass du dich schnell eingewöhnen wirst und vielleicht sogar Freunde finden wirst“, sagte ihre Heimbetreuerin, als sie das Schloss betraten. Drinnen wirkte alles so neu, aber doch sehr schön.

Früher wäre Emilia sicherlich gerne auf so eine Schule gegangen, aber heutzutage machte sie ihr noch mehr Angst.
„Herein“, vernahm Emilia eine freundliche Stimme.
„Ah, da sind Sie ja. Du musst Emilia sein. Ich bin Dr. Berger und der Direktor der Schule“, begrüßte er die neue Schülerin und reichte ihr die Hand.
„Hallo“, sagte Emilia schüchtern und setzte sich auf einen der Stühle, auf welche der Direktor gezeigt hatte.
„Wir freuen uns wirklich sehr, dass es doch noch geklappt hat und sich alles geregelt hat“, sagte Dr. Berger und erklärte Emilia dann die ganzen Regeln.

Nachdem er seinen Vortrag beendet hatte, bei welchem Emilia nur so mittelmäßig zugehört hatte. Die Schulregeln waren doch überall die gleichen. Doch, als er ihr mitteilte, dass sie in ein Dreibettzimmer kommen würde, begann Emilias Kopf zu arbeiten. Daran hatte sie noch überhaupt nicht gedacht.

„Ich werde jetzt Frau Bräuning Bescheid sagen, dass du da bist, und sie wird dir dann alles Weitere zeigen und erklären. Frau Bräuning ist unsere Erzieherin und Internatsleiterin.“
Das hatte Emilia soweit verstanden: Internat und Schule waren zwei getrennte Gebäude.
Er tippte eine Nummer in das Telefon und etwa zehn Minuten später klopfte es an der Tür und eine Frau mit einem netten Lächeln und blonden Haaren betrat das Büro.

„Hallo Emilia, ich bin Frau Bräuning, die Internatsleiterin und deine Betreuerin“, stellte Frau Bräuning sich vor und machte dabei einen sehr sympathischen Eindruck auf Emilia, doch Emilia wollte gar nicht erst Gefallen an irgendwem finden und schon gar nicht an der Erzieherin; das würde nur ein größeres Risiko bieten.
„Ich glaube, Sie können sich jetzt verabschieden. Den Rest schafft Emilia jetzt alleine“, sagte Dr. Berger an die Heimbetreuerin gewandt, welche sich daraufhin erhob und in Emilias Richtung ging, um diese noch einmal fest in den Arm zu nehmen.

„Tschüss, Kleine und das mir ja keine Klagen kommen. Du weißt, dass es die beste Entscheidung ist. Du kannst dich trotzdem jederzeit bei mir melden, wenn etwas ist“, verabschiedete sich die langjährige Betreuerin von Emilia. Sie hatte Dr. Berger von Emilias Schwänzen, welches gelegentlich vorkam, erzählt und auch von dem Stress, den Emilia mit ihrem ehemaligen Lehrer hatte. Er wusste auch um die nicht perfekten Noten, doch er wollte dem Mädchen eine Chance geben, wenn auch nicht ganz freiwillig. Es war die Entscheidung des Lehrerkollegiums gewesen. Er war sich aber auch sicher, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, denn momentan wirkte sie total gegenteilig zu den Erzählungen der Heimleitung und ihrer Betreuerin.

Derzeit wirkte Emilia auf ihn und Frau Bräuning, welche ebenfalls informiert wurde, keinesfalls vorlaut oder aufbrausend. Er war auf jeden Fall gespannt, was diese Schülerin noch so mit sich brachte. Die Internatsaspekte fielen ja eher in Frau Bräunings Bereich.
Emilias Betreuerin hatte das Büro verlassen und machte sich auf den Heimweg. Es fühlte sich tatsächlich ein wenig merkwürdig an, Emilia nach fast zehn Jahren nicht mehr jeden Tag zu sehen, doch sie war guter Dinge.


„Dann zeige ich dir wohl als erstes dein Zimmer, dort kannst du deine Sachen dann ablegen. Danach zeige ich dir hier alles, was du so für die ersten Tage kennen solltest. Hab keine Angst, das wird alles schon“, sagte Frau Bräuning mit einer freundlichen, einfühlsamen Stimme. Sie sah Emilia an, dass ihr das alles noch nicht so geheuer war. Frau Bräuning zeigte Emilia ihr Zimmer.
„Normalerweise ist es üblich, dass man hier mit Gleichaltrigen auf einem Zimmer ist. Da du aber erst jetzt kommst, passt dies leider nicht mehr, aber ich bin mir sicher, dass du dich trotzdem gut mit deinen Mitbewohnerinnen verstehen wirst. Sie heißen Feli und Ronja. Die beiden sind zwei Klassen über dir, doch ich bin mir sicher, dass du dich in diesem Zimmer trotzdem wohlfühlen wirst“, erklärte Frau Bräuning und öffnete die Tür zu dem Dreierzimmer. Ursprünglich war dies einmal ein Zweibettzimmer gewesen, doch aufgrund steigender Schülerzahlen, hatte man einige der Zimmer erweitert.

Es hätte zwar vorerst noch die Möglichkeit des Gästezimmers gegeben, aber Frau Bräuning und die Lehrer waren sich sicher, dass eine Mitbewohnerin besser für Emilia wäre.
Nachdem Emilia ihre Sachen auf ihr neues Bett gelegt hatte, welches immerhin etwas abseits des Zimmers stand und auch am Fenster war, zeigte Frau Bräuning ihr das Internat.

„Bruno, das ist Emilia, eine neue Schülerin hier“, begrüßte Frau Bräuning einen Jungen  und zwinkerte ihm zu.
„Hallo, ich bin Bruno und in der neunten Klasse. Warum kommst du denn erst jetzt? Das Schuljahr hat doch schon vor vier Wochen angefangen?“, fragte Bruno und schaute Emilia an, doch die sagte nichts dazu.
„Bei Emilias Anmeldung gab es einige Probleme“, kam Frau Bräuning ihr zur Hilfe, da sie dieses Verhalten bereits von anderen Schülerinnen kannte. Manche waren einfach noch schüchtern. Doch Emilia war nicht nur schüchtern. Sie wollte einfach nur nicht, dass alle wussten, dass sie ein Heimkind war. Außerdem konnte sie nichts sagen, denn in ihr brannte mal wieder diese Wut. Irgendwie erinnerte sie dies alles an ihre ehemals beste Freundin, welche sie im Stich gelassen hatte und zum Hauptakteur des Mobbings wurde. Aber daran wollte Emilia eigentlich nicht mehr denken, denn hier kannte sie ja keiner.

Bruno ging weiter. „Wieso möchtest du denn nicht selbst antworten? Bruno ist ein wirklich netter. Er war anfangs auch noch schüchtern und bekam schnell Heimweh“, sagte Frau Bräuning und zwinkerte Emilia zu.
„Ich möchte einfach nicht, dass hier gleich jeder weiß, woher ich komme. Das war alles nicht ganz so einfach für mich“, erwiderte Emilia leise, aber dennoch kraftvoll. Sie war nun einmal schuld, dass ihre Mutter betrunken Auto gefahren ist. Angeblich hatte sie ja ihr Leben versaut. Sie war dennoch froh, dass sie damals ins Heim kam. Emilia war glücklich, von ihrer stets betrunkenen Mutter weg zu sein, und sah die Schuld an allem eigentlich auch nicht bei ihr, aber dennoch machte sie sich Vorwürfe, dass sie fast jemanden umgebracht hätten.

Sie kam eigentlich sehr gut mit meiner Vergangenheit zurecht, aber alle würden wissen wollen, warum sie im Heim gewohnt hatte, doch Emilia wollte mein Leben wenigstens hier ohne Lügen starten.
„Na gut. Du wirst sicherlich noch auftauen und hier ganz schnell Freunde finden“, ermunterte Frau Bräuning sie und legte ihren Arm auf ihre Schulter, was ihr für einen kurzen Moment Gänsehaut bereitete, aber niemand merkte etwas davon.

Nachdem Frau Bräuning ihren Rundgang beendet hatte und die beiden vor Emilias Zimmer standen, sagte sie: „Und falls irgendetwas sein sollte, du dich nicht fühlst, irgendwelche Sorgen und Probleme hast oder auch einfach nur reden möchtest, kannst du jederzeit zu mir kommen. Ich bin hier immer für euch da, falls ihr mal nicht mit jemand anderem, wie euren Freunden, sprechen wollt.“
Da war sie wieder, diese sympathische und sanfte Stimme, die Emilia sehr berührte und versuchte, ihre Mauer zu durchbrechen. Wenn sie reden wollen würde, wäre Frau Bräuning sicherlich ihre erste Anlaufstelle, auch wenn sie Emiliadanach wahrscheinlich nie wieder anschauen würde.

„Danke, dann weiß ich Bescheid. Ich werde dann erstmal auspacken“, sagte Emilia. In ihrem Zimmer schaute sie auf die Uhr und stellte fest, dass es bereits in zwei Stunden Abendessen geben würde.
Sie machte sich daran, ihre Sachen auszupacken und hoffte, dass währenddessen niemand das Zimmer betreten würde.


Als es Zeit zum Abendbrot wurde, machte sie sich sehr langsam auf den Weg. Eigentlich hatte sie gar keinen Hunger und wollte auch nicht zum Essen, doch sie wollte auf gar keinen Fall auffallen, weshalb sie sich mit einer kleinen Scheibe Brot an einen der hinteren, freien Tische setzte und anfing, gedankenverloren ihr Brot zu essen. Sie verspürte beim Kauen immer weniger Hunger und es ekelte sie teils auch ein bisschen an, sodass ihr schon nach wenigen Bissen bereits schlecht war. Aus diesen Gründen war sie wirklich froh, dass hier niemand das Essen portionierte oder kontrollierte. Wäre dies so, hätte sie sich wahrscheinlich wieder die eine oder andere Ausrede einfallen lassen müssen. Sie war sich ohnehin noch nicht so sicher, wie das alles hier an der Schule werden sollte. Ein Internat war einfach kein guter Ort für solche Geheimnisse und so einen Menschen wie Emilia. Ihre Meinung war wirklich zweigeschnitten, zum einen freute sie sich, endlich nicht mehr nur im Heim zu sein und aus ihrem schrecklichen Umfeld raus zu sein, wo jeder Tag immer schlimmer war als der davor, aber zum anderen würde dieses Internat sicherlich kein besserer Ort werden.





Hallo,
dies ist meine allererste Geschichte in diesem Forum, aber mich juckt es schon seit gut zwei Jahren, auch hier mal etwas zu schreiben. Nun habe ich es endlich geschafft, meine Idee soweit umzusetzen, dass daraus eine Geschichte werden könnte.
Da ich mit den aktuellen Charakteren nicht so klarkomme bzw. die Folgen mit den alten Charakteren einfach intensiver geschaut habe, habe ich mich entschieden, meine Geschichte dort einzubauen. Falls sich die ein oder andere Stelle mit einer anderen Geschichte doppeln sollte, ist dies Zufall. Der aktuelle Verlauf der Geschichte entspringt meiner Fanatsie.
Das erste Kapitel mag noch nich so gut und interessant sein.
Über Meinungen würde ich mich dennoch sehr freuen, egal ob positiv oder mit konstruktiver Kritik.
Inwieweit hier regelmäßig Updates kommen, kann ich leider nicht voraussagen.
Liebe Grüße,
EndlessDream01
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