Dein Kopf an meiner Schulter

GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 Slash
Bellamy "Bell" Blake Clarke Griffin Dr. Abigail "Abby" Griffin Lexa Madi Marcus Kane
23.08.2019
26.05.2020
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23.08.2019 4.457
 
Hey ihr Menschen da draußen!
Mir kam die Idee zu dieser FanFic ein paar Monate zuvor, als ich das erste Mal realisisert hab, dass ich auch bald in mein Auslandsjahr fliegen werde. Und da ich Geschichten gerne niederschreibe dachte ich mir, warum nicht Clarke und Lexa schnappen und alles hinschreiben. Mir bedeutet die Geschichte also recht viel und ich hoffe ihr mögt sie auch. Ich befinde mich also die nächsten zehn Monate in der Nähe von Vancouver und werde dort wie jeder andere Mensch auch in die Schule gehen. Und ja, viel Spaß beim Lesen!

***
#1 Chaos und ein Abschied

***



Die Koffer mit einem großen Haufen überfüllt während die Musik lief, saß Lexa auf dem Boden ihres kleinen Zimmers in der kleinen Wohnung ihrer Schwester Anya. Immer wieder schweiften ihre Blicke über die Klamotten, die Gastgeschenke und die vielen kleinen Dinge, die Lexa noch in den Koffer packen musste. Irgendwie hörte diese Arbeit nie auf. Erst hatte sie den ganzen Kleiderschrank ausgeräumt nur um die Klamotten in zwei große Stapel zu sortieren. Den Stapel der nicht wieder im Schrank landete, landete auf Lexas Bett, wo der Teenager wieder alle Klamotten nahm und sie nach Funktion, Jahreszeit und Art unterteilte. Sie hatte einen Koffer. Einen alten weißen Koffer, welcher durch die vielen Reisen dreckig war. Der Koffer war einst weiß aber mittlerweile ähnelte er nur mehr einer Schlammpfütze. Neben dem Koffer standen ein Handgepäckskoffer und gleich daneben noch ein großer Rucksack, in den auch noch Sachen kommen würden. Sie hatte Ungefähr 35kg zu Verfügung und in diese drei Gegenstände musste sie alles was sie besaß reinbringen. Zumindest den größten Teil ihres Lebens, was die Sache nicht gerade erleichterte.

Die Organisation hatte ihr gesagt, sie solle wenig mitnehmen, da sie sich viel dort kaufen würde, aber Lexa war nicht der Typ fürs Shoppen, weswegen sie lieber alles mitnahm und wenig Zuhause ließ. Was Anya wohl nicht gerade weniger weh tat. Nachdem jedenfalls die Klamotten nach Art, Funktion und Jahreszeit getrennt wurden, folgten die vielen kleinen Sachen die Lexa aus ihrem Zimmer mitnahm. Wie ihr altes Federmäppchen mit ein paar Stiften und einem leeren Notizbuch. Dazu kamen sämtliche Hygieneartikel, ein ganz kleines bisschen Make Up und so Sachen wie Pflaster, Scheren.

Der meiste Platz war dann doch den Gastgeschenken gewidmet. Sie hatte ein kleines Miniatur Brandenburger Tor eingepackt, dazu typische Süßigkeiten und ein paar weitere Sachen für ihre Gastgeschwister. Wie zum Beispiel Schüsselanhänger, und für ihre Schwester eine Schneekugel. Dennoch hatte Lexa sich den Vorgang des Einpackens leichter vorgestellt. Die Sachen nehmen, sie in den Koffer schmeißen. Dann die anderen Sachen nehmen und sie auch in den Koffer schmeißen. Zu guter Letzt einfach den Koffer zumachen. Nur davon war sie weit entfernt. Sie hatte die Sachen sortiert aber sie alle lagen nicht zusammengelegt und auf einem Kaufen im Koffer. Das Problem musste sie noch lösen. Aber erst hatte sie Hunger.


Lexa stand auf. Nicht mehr oft würde sie in die kleine Küche, nur wenige Meter weiter, gehen. Sie hatten nie viel. Sie und Anya. Nachdem ihre Eltern starben blieben nur die beiden Schwestern über. Anya, welche mittlerweile einen Vollzeitjob hatte um beide über dem Wasser zu halten und Lexa, die jüngere Schwester die nach langen Diskussionen bei Anya wohnen durfte. So teilten sich die beiden Schwestern seit Jahren ein Leben. Sie beide wohnten in einer kleinen Wohnung am Rande der Stadt. Lexa hatte ein kleines Zimmer mit einem alten Bett, Anyas altem Schreibtisch und einem Kleiderschrank indem sie alles gelagert hatte was ihr irgendwie gehörte. Nebenan wohnte Anya. Ihre Zimmereinrichtung war die gleiche wie bei Lexa, nur, dass ein kleines Regal noch neben dem Bett stand indem sich Mappen mit wichtigen Dokumenten befanden. Dann kam das kleine Wohnzimmer mit einer Couch für zwei Personen und einem klapprigen alten Holztisch, den die beiden Schwester vor Jahren im Sommer zusammengebaut hatten, als ihnen die Stelle zu leer vorkam. Wenn man weiter durchs Wohnzimmer ging kam man schlussendlich zur Küche, wo Anya stand und Obst schnitt, welches noch über war und gegessen werden musste.

„Hey Anya“, meinte Lexa ruhig und legte von hinten beide Arme um ihre Schwester um sie fest zu drücken. Im perfekten Moment klaute sich Lexa ein Apfelstück, welches einsam am Tellerrand lag. Jetzt hatte das Apfelstück ein neues Zuhause. Lexas Magen. Der zwar auch leer war, aber er konnte sich ja mit ihrer Magensäure anfreunden.

„Hey Lex, wie läuft das Packen?“, fragte sie zurück und schlug Lexas Finger vom Teller weg, als sich diese ein zweites Stück nehmen wollte. Natürlich ließ Anya sie mitessen, sie schnitt das Obst für beide, aber sie hasste es, wenn man aß während sie Essen noch vorbereitete.

Seufzend zuckte Lexa mit den Schultern, „Es läuft scheiße. Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel Zeug besitze, obwohl ich nie neue Sachen kaufe“, erklärte sie ruhig, dennoch ein bisschen genervt.

Es waren nur mehr wenige Stunden bis sie auf den Flughafen musste und wegflog, was den Teenager nicht weniger stresste. Lexa war fünfzehn und eigentlich noch viel zu jung um einmal um die Welt zu fliegen, wie Anya das immer sagte. Aber durch das Stipendium hatte der Teenager die Möglichkeit ein Auslandsjahr zu machen, was Anya ihr natürlich sehr gönnte, dennoch hieß das auch, dass Lexa zehn Monate nicht zu Hause sein würde und Anya auf sich alleine gestellt war. Aber wenn die Jüngere dann glücklich war, war alles okay.

Die Ältere sah ihre kleine Schwester an, „Soll ich dir vielleicht helfen? Ich kann mir deine Sachen dann endlich ausleihen. Zum Beispiel die ganzen weichen Pullis die du im Winter immer trägst“, grinste Anya und piekte ihre Schwester in die Seite, als diese genervt die Augen rollte.

„Ich hasse einpacken. Aber klar, du kannst mir gerne helfen. Aber die Pullis nehme ich alle mit nach Kanada. Dort soll es ja kalt sein“, grinste der Teenager zuckersüß, stupste Anya ebenso in die Seite, als diese genervt die Augen verdrehte.

„Du kannst sie dalassen und dir dort einfach neue kaufen. Du lässt deine Schwester einfach ganz alleine ohne Pullis zurück. Das ist wirklich nicht nett“, murmelte Anya gespielt traurig, während sie den Kopf hängen ließ, aber Lexa konnte sich ein Grinsen nicht unterdrücken und musste leise aber herzhaft lachen.

„Du findest hier sicher auch neue, sonst schick ich dir einfach Einen, wenn es bei dir kalt wird und du einen brauchst“, meinte Lexa weiter. Anya nickte.

„So ist das also. Du riskierst es, deine Schwester erfrieren zu lassen!“, rief Anya gespielt verletzt, ging aber wie Lexa recht schnell in ein Lachen über. Sie liebte ihre Schwester einfach. Wenn es möglich wäre, würde sie sich auch an Lexas Bein kleben und mitfliegen. Aber das ging eben nicht.

„Immer doch. Aber du erfrierst doch eh nie. Ich mein du gehst im Winter draußen joggen nur mit T-Shirt und Jogginghose“, grinste Lexa keck.

Anschließend setzte sich die Jüngere an den kleinen Esstisch während sie wartete, dass Anya den Teller mit Obst auf den Tisch stellte. Ihr eigentlicher Plan war ja, schnell ein Sandwich oder einen Apfel zu essen, aber so ein Teller mit Obst mit der besten Schwester der Welt war immer gut. Lexa war dankbar für die Möglichkeit sie hatte.

Nie hätte sie sich erdenken können, dass aus gerechnet die kleine Lexa Woods das Stipendium für ein Jahr in Kanada bekam. Anya sagte immer, dass sie das ihrer Arbeit in der Schule zu verdanken hatte. Die 15-Jährige gab Nachhilfe, war eine Art Vertrauensperson der Schule und war mehr oder weniger die Schülerpsychologin unter den Schülern. Nicht zu vergessen, half sie bei Events mit, organisierte und plante mit. Der Dank dafür, war ein Auslandsjahr Kanada, da, wo Lexa schon immer hin wollte. Durch das wenige Kapital mit ihrer Schwester im Monat, hatte sie den Traum eigentlich längst abgehakt, aber endlich konnte sie tun und lassen was sie immer wollte. In Kanada. An der Westküste in der Nähe von Vancouver.

Dankend zog Lexa den Teller mit dem Obst näher zu sich. Innerhalb weniger Millisekunden stach sie mit einer Gabel in das erste Stück Melone. Lexa hasste es Obst mit der Hand zu essen, weswegen sie hierfür eine Gabel benutzte. Eigentlich griff Lexa allgemein nicht gerne irgendwelche Lebensmittel an, was dazu führte, dass sie IMMER eine Gabel benutzte. Eine Sache die Anya, die gerne ihr Essen mit der Hand anfasste, wirklich vermissen würde.

„Schmeckt?“, fragte die Ältere und bekam ein zufriedenes Grinsen zurück.

„Also, ich helfe dir dann noch alles einzupacken und dann wiegen wir den Koffer. Hoffen wir einfach, dass der nicht mehr als 23kg haben wird. Dann fahr ich dich auf den Flughafen und du bist endlich weg“, grinste Anya und bekam davon liebevolle Schläge in die Seite.

„In Wahrheit willst du mich nur loswerden und bist mega froh, wenn ich endlich im Flugzeug sitze“, Lexa sah sie empört an, musste dann aber wieder lachen. Sie liebte es mit ihrer Schwester ihr Spaß zu haben. Aber in zehn Monaten konnte sie das wieder.

„Nein, geht voll klar. Ich wollte dich sowieso fragen, ob du mir packen helfen kannst. Ich schaff das alleine sowieso nicht“, meinte Lexa.

Zusammen aßen sie den Obststeller. Es war still. Sie hörten nur das leise Brummen des Kühlschranks, während sie sich anschauten und ein Stück Obst nach dem anderen in ihren Mund steckten, kauten, bevor sie den Bissen runterschluckten. Genau diese Stille die zwischen Anya und Lexa existierte, würde die Jüngere wirklich vermissen. Es war eine glückliche Stille voller Liebe und Zusammenhalt.

Ihr Leben war nie leicht, sie hatten viele Verluste und Probleme gehabt, aber alles hatte irgendwo seinen Grund und so war es eigentlich ganz gut, wie es jetzt war. Anya hatte es nie leicht.

Sie musste Mutter mit 18 werden, ganz plötzlich ihre kleine Schwester mit damals 9 Jahren großziehen. Sie musste das Haus ihrer Eltern ausräumen, während sie unter Tränen in Erinnerungen schwamm. Sie musste alles von den zwei meist geliebten Menschen wegwerfen. Als hätte das nicht gereicht, musste sie auch noch um Lexa kämpfen. Sie musste darum kämpfen, dass Lexa bei ihr wohnen durfte und konnte. Aber es hatte fast sechs Monate gebraucht in denen Lexa durch viele verschiedene Einrichtungen und Familien wandern musste, bis sie endlich wieder zusammen waren.

Alles was sie noch von ihren Eltern hatten war eine kleine alte Kiste mit einem Kleidungsstück und viel zu vielen Bildern. Aber niemand schaute sich jemals diese Bilder an. Es war zu schwer sie zu sehen. Also hielten sie die Kiste gut verschlossen und in Sicherheit.

In den letzten Wochen saß Lexa oftmals heulend im Bett. Sie weinte so bitterlich, einfach weil sie ihren Eltern zeigen wollte, was sie alles erreicht hatte und was kurz bevorstand. Schlimmer machten es aber immer diese Gedanken, dass ihre Eltern nie wieder kommen würden.

Seit sie tot waren, war Lexa vielleicht drei Mal am Friedhof gewesen. Nämlich beim Begräbnis, für den Grabstein. Ein weiteres Mal, weil Anya krank war und sie an ihrer Stelle eine Kerze anzündete. Aber der Besuch damals hatte sie alles gekostet was sie hatte. Fast wäre sie vor Heulen vor der eigenen Haustüre zusammengebrochen. Das hatte Anya so belastet, dass sie Lexa nicht mehr zum Grab ließ, weil sie nicht wollte, dass ihre kleine Schwester so weinen musste.


Nachdem beide Mädels ihr Obst gegessen hatten ging es wieder in Lexas Zimmer, bei dem sich ein Chaos immer mehr ausbreitete. Beide mussten erstmal seufzen. Lexa wusste zwar, dass ihr Zimmer echt schrecklich aussah, aber aus der Sicht eines Besuchers sah ihr Zimmer um Welten schlimmer aus als vom Boden aus.

Überall lagen Sachen. Zusammengefaltet, wild zusammengeknüllt und ausgebreitet. Die Unterwäsche war abgezählt, gleichzeitig war die abgezählte Ordnung auch die größte Unordnung die Lexa je gesehen hatte. Alles war irgendwie chaotisch. Auf Lexas Schreibtisch lagen die Dokumente für das Visum und auf dem Boden in einer Ecke stapelten sich die Gastgeschenke. Lexa musste dringend anfangen um fertig zu werden.

„Oh Gott Lexa! Was hast du denn da gemacht?“, Anya sah sie geschockt an. Sie ließ sich auf dem Boden nieder, um das Chaos zu betrachten, ehe sie ein Kleidungsstück nach dem anderen nahm. Zum Glück gab es Anya. Wie auch immer sie das machte, sie schaffte es immer alles einzupacken. Zudem brauchte sie nicht so lange wie der Rest der Menschheit. Ihre Handgriffe saßen einfach, als müsste sie jeden Tag einen Koffer für ein Jahr packen.

„Naja ich habe versucht einzupacken?“, meinte Lexa verlegen und setzte sich neben ihrer Schwester auf den Boden. Nun saßen beide Schwestern so, dass Lexa das Zeug packen konnte, während Anya die Sachen von Lexa zusammenlegte, rollte, anschließend in den Koffer stapelte und packte. Es ging schneller als bei Lexa, die mit den ganzen Sachen die sie mitnahm anfing Tetris in groß zu spielen.

Sie legte die Notizbücher und die Gastgeschenke rein, nahm sie aber wenige Sekunden wieder raus um Sachen drunter einzupacken. Nur um diese dann auch noch einmal rauszuholen. Zwischendurch strich sie sich immer wieder den Schweiß weg. Es war heiß draußen. Obwohl es im Zimmer wirklich nicht so heiß war, schwitzte die Jüngere während sie immer wieder über den Koffer stieg um von der anderen Seite ebenso Sachen in den Koffer zu laden. Irgendwie wurde es nur langsam weniger, während sich der ganze Koffer zu schnell füllte. Aber mit Anya ging wenigstens einiges voran. Es hätte nicht schneller gehen können und so konnte Lexa sicher noch eine Stunde oder zwei schlafen, bevor sie mit Anya in der Früh auf den Flughafen fuhr. Von wirklich vielen musste sie sich ja nicht verabschieden, was den ganzen Prozess natürlich deutlich verkürzte. Dachte sie zumindest.

„Sind wir jetzt fertig?“, fragte Anya nachdem sie die Klamotten in den Koffer geräumt hatte und Lexa bei den letzten Sachen half, die der Jüngeren noch einfielen. Zufrieden nickte Lexa, während sie den letzten Schuh in den Koffer stopfte. Jetzt musste sie diesen nur mehr zu. Wäre das erledigt, würde alles gepackt sein. Es fehlte nur mehr das elektronische Zeug, welches sie aber kurz vor der Abfahrt erst packen konnte.

Zufrieden schmiss sie die obere Hälfte auf die Hälfte mit den Klamotten und verlagerte ihr Gewicht auf ihren Bauch, mit dem sie auf dem Koffer lag um ihn ganz zu machen zu können. Aber das klappte mit Anyas Hilfe, die beide Zippverschlüsse nahm, ganz gut. Lexa sah aus wie eine kleine Schildkröte die sich wegen ihres Panzers nicht mehr bewegen konnte, obwohl der Panzer bei Lexa unten war. Vielleicht war das ja das Problem, weswegen sie sich nicht mehr bewegen konnte.

„Jetzt wird´s nochmal spannend“, meinte Anya, nachdem sie liebevoll ihre Schwester vom Koffer schob und diese mit einem leisen ‚Uff‘ am Boden landete, wo sie erstmal schwer atmend liegen blieb.

„Wir hoffen einfach, dass er nicht zu schwer ist“, meinte Lexa unschuldig. Sie machte keine Anstalten irgendwie aufzustehen, zu bequem war der Boden gerade. Zudem fehlte einfach die nötige Kraft um gegen die Schwerkraft zu arbeiten, damit sie sich wieder aufrichten konnte.

„Du musst schon weg, sonst stell ich den Koffer auf dich drauf“, lachte Anya leise als sie Lexa mit ihrem Fuß leicht in die Seite drückte, damit diese die Motivation bekam aufzustehen. Ansonsten musste Lexa eben mit der Tatsache leben, dass gleich 23 Kilogramm, oder mehr, auf ihr stehen würden.

„Wehe. Dann brauch ich gleich noch einen Arzt“, murmelte Lexa während sie lange gähnte. Die letzten Tage waren zu anstrengend gewesen, weswegen der Teenager kaum geschlafen hatte und eigentlich immer irgendwelche Sachen vorbereitete oder mit ihrer Gastfamilie schrieb. Sie freute sich mega auf die Gastfamilie.Die bestand aus drei Familienmitgliedern. Marcus, Octavia und Bellamy. Ihr Gastvater war ein Polizist Anfang 40. Octavia, ihre jüngere Gastschwester zwar 15 aber um einige Monate jünger als Lexa. Bellamy war der letzte in der Familie. Er war 18, aber die meiste Zeit nicht zuhause, sondern bei seiner Freundin Echo. Aber das störte Lexa wenig.

Anya war auch kaum zu Hause, Lexa zudem durch die Schule auch gut beschäftigt. Marcus würde sie aber vom Flughafen abholen. Das war eine der wenigen Sachen, die Lexa gar nicht abwarten konnte.

Aber so schön ihre Gastfamilie auch klang, desto schlimmere Schicksalsschläge mussten alle einstecken. Marcus und seine Kinder hatten die Mutter, beziehungsweise Ehefrau verloren als Octavia noch klein war. Alle drei waren also mit einem großen Verlust aufgewachsen, hatten dadurch auch eine Ahnung, wie man sich dabei fühlte. Irgendwie fühlte sich Lexa dadurch mehr zu ihnen verbunden. Denn auch Marcus wusste, dass Lexa keine Eltern mehr hatte.

„Och du bist so eine Memme“, lachte Anya und zog den Koffer hoch um ihn mit aller Kraft in eine aufrechte Position zu bekommen. Lexa schrie auf, weil sie einen Moment dachte, dass Anya wirklich den Koffer auf sie stellten würde, weswegen sie erschrocken auf die Seite sprang und keine Sekunde später stand.

„Anya! Du kannst das nicht mit mir machen! Ich dachte du liebst mich!“, murmelte Lexa während sie Anya auf die Schulter schlug, welche als Antwort nur eine Augenbraue hochzog.

„Ach, jetzt wirst du auch noch gewalttätig. Direkt anzeigen“, lachte Anya los. In der gleichen Sekunde ließ sie aber auch den Koffer los. Er war schwer aber Anyas Schätzungen zu Folge würde der Koffer kein Übergepäck haben. Sie zog ihre kleine Schwester in den Arm und drückte sie fest an sich. Egal wie viel sie gerade lachte, irgendwie tat es ihr weh, dass sie Lexa gehen lassen musste. Es waren solche kleinen Momente in denen Anya merkte, wie es ohne Lexa still sein würde. Manchmal bereute Anya dann für eine Sekunde, dass sie ja gesagt hatte. Aber sofort wusste sie, dass sie Lexa damit einen großen Wunsch erfüllt hatte. Aber es war okay für sie. Es musste okay für sie sein. Sie ließ ihre kleine Lexa, ihren kleinen Waschbären, gehen.


Sie wollte nicht, dass Lexa in dieses Flugzeug stieg, dennoch würde sie es machen. Anya war stolz auf Lexa, dass sie es sich traute. Anya hätte sich niemals getraut ein Jahr weg zu gehen in dem Alter. Mal davon abgesehen, dass sie die Möglichkeit nie hatte, hätte sie es auch niemals gemacht. Es waren ja nur zehn Monate. Die Tränen konnte sich Anya dennoch nicht verkneifen.

„Hey… Anya nicht weinen. Heb dir das für den Flughafen auf“, versuchte Lexa die Stimmung ein bisschen zu lockern, musste aber vergeblich zu sehen, wie Anya zusammenzuckte und sich hektisch die Tränen aus den Augen strich, während die Nächsten nachkamen.

„Das sagst du immer so einfach“, murmelte Anya. Lexa hatte ihre Schwester erst zwei Mal im Leben weinen sehen. Das hier war das dritte Mal. Für Lexa war es ein ganz besonderer Moment. Sie legte die Hände an Anyas Wangen und strich liebevoll mit ihren Daumen Anyas neue Tränen aus dem Gesicht. Genau so, wie es ihre Mutter immer tat.

Anya zwang sich zu einem müden Lächeln, während sie ihre Stirn an Lexas lehnte. So wie es immer taten, wenn Lexa weinte. Das Lächeln in Anyas Gesicht zwang Lexa auch zu lächeln. Leicht lockten sich Lexas Haare und ihr Pferdeschwanz war zerzaust. Sie sah ein bisschen aus, als hätte sie in eine Steckdose gegriffen. Irgendwie war es ein süßer Anblick.

„Mach dir keine Sorgen um mich Anya, ich komme wieder nach Hause“, murmelte Lexa. Sie musste wieder nach Hause kommen. Also legte sie zur Beruhigung zwei Arme um sie.

„Ich weiß Lexa… aber du wirst immer mein kleiner Waschbär sein, welcher jetzt auf eine große Weltreise geht“, lächelte Anya, legte aber ebenso ihre Arme um Lexa um diese fest zu knuddeln.

„Meine Weltreise teile ich mit dir. Immer und egal wann, ich werde immer irgendwie da sein. Ich danke dir für alles, was du mir ermöglichst“, Lexa musste jetzt auch weinen. Sie war froh, dass sie sich nicht geschminkt hatte, jetzt konnte nichts kaputt gehen im Vergleich zu Anyas Gesicht.

„Ich weiß. Ich bin so stolz auf dich. Mom und Dad wären stolz auf dich gewesen“, meinte Anya wieder. Kurz atmete sie tief durch, ehe sie die Jüngere an sich drückte.

„Ich weiß. Mom und Dad wären auch stolz auf dich, weil du deine kleine Schwester einmal um die halbe Welt fliegen lässt. Aber immer dran denken, ich werde schneller als du denkst wieder hier sein. Dann wirst du es hassen, dass ich da bin“, lachte Lexa traurig. Sie konnte sich nicht zurückhalten durch Anyas Haare zu wuscheln.

„Hey! Du kannst nicht immer meine Haare kaputt machen, nur weil deine scheiße aussehen“, Anya schubste sie auf die Seite, während sie ein Kissen hoch hob, welches sie ihrer kleinen Schwester ins Gesicht schmiss und die Zunge frech hinausstreckte.


Die nächsten Stunden vergingen schnell. Nachdem der Koffer genau 23kg hatte und somit nicht übergewichtig war, stellte Lexa ihn zur Türe. Dann räumte sie wenige Stunden später ihren Handgepäcksrucksack ein. Aber anstatt zu schlafen ging es für beide noch ein letztes Mal zu McDonalds um sich ein paar Burger und Nuggets zu kaufen.

Sie gingen selten zu McDonalds. Eigentlich nie. Lexa war das letzte Mal vor mehr als einem Jahr dort, aber jetzt durfte sie den Genuss von leckerem fast Food noch einmal in Versuchung kommen. Die Zeit verging durch den kleinen Ausflug noch schneller. Kaum waren sie Zuhause, duschte Lexa noch ein letztes Mal, ehe sie dann eigentlich auch schon losmusste.

Zuerst von Berlin nach Frankfurt und dann von dort mit einem Direktflug nach Vancouver. Es war ihr erstes Mal, dass sie alleine flog und auch das erste Mal, dass sie überhaupt alleine irgendwo hin flog.

„Wir müssen los Lexa“, meinte Anya als sie in Lexas Zimmer reinkam.

Die jüngere saß auf dem Bett. Sie schaute aus dem Fenster auf die Stadt die man von Lexas Zimmer sehen konnte. Sie würde alles hier vermissen. Die Autos, die Straßen, die Atmosphäre, die Menschen und die Superläden in der Nähe. Sie würde zwar auch in der Nähe eine Mall haben, aber es war dennoch etwas anderes. Irgendwie vermisste sie alles schon, obwohl sie noch hier war.

„Hey, alles gut? Brauchst du noch kurz Zeit?“, fragte Anya liebevoll nach, während sie sich auf die Bettkante ihres frisch gemachten Bettes setzte. Anya hätte das Bett abziehen können für zehn Monate, aber lieber machte sie Lexas Lieblingsbettbezug drauf. Dann fühlte sie sich nicht ganz so einsam wie sie war. Liebevoll strich Anya Lexa über den Rücken.

„Alles gut ja…. ich war nur in Gedanken versunken. Aber wir können jetzt los“, meinte Lexa als sie aufstand. Ein letztes Mal kontrollierte sie die Schränke bei ihrem Schreibtisch und den Kleiderschrank. Ein letztes Mal strich sie über ihr Bett und den kleinen Waschbären, der auf der Bettdecke saß, aber nicht mit nach Kanada kam. Sie hatte einen anderen Waschbären mit, einen der ihr mehr bedeutete als dieser jämmerliche Waschbär den sie vor Jahren Mal gewonnen hatte.

Anya legte einen Arm um Lexa. Es dauerte keine Sekunde, da nahm Anya ihr den Koffer ab. Ohne viel zu sagen packte sie beide in ihr kleines altes Auto. Einen Moment war Anya überrascht, wie viel Platz sie im Kofferraum hatte.


Die Fahrt zum Flughafen verlief ohne Probleme. Aber es war still. Es war nicht die Stille die sie vorher beim Essen hatten oder die sie sonst hatten. Es war eine bedrückte und traurige Stille, mit denen beide Schwestern so gut wie möglich klarkommen mussten. Beide wussten, dass es nicht einfach werden würde, aber niemand konnte sich denken, dass es wo schwer werden würde. Lieber würde Anya den Wagen gegen ein Baum lenken damit Lexa den Flug verpasste. Während Lexa an allem zweifelte, was sie die letzten Monate entschieden hatte.

Lexa hatte einige Sachen über das Auslandsjahr gelesen. Das meiste was vorkam war, dass sie anfangs alles anzweifeln würde und am liebsten wieder nach Hause flog. Sie las auch, dass die ganze Situation am Anfang befremdlich war, dass dies aber nur eine Phase der Eingewöhnung war sich dieses auch wieder legen würde. Aber warum auch nicht.

Sie ging in eine neue Schule in einem fremden Land. Natürlich brauchte sie dann erstmal Zeit sich an alles zu gewöhnen. Das war auch die wichtigste Phase. Die Eingewöhnung. Diese Phase musste sie überleben und dann würde sicher alles gut werden. Es konnte immer anders kommen, aber dann würde sie nach Hause fliegen. Wie besprochen. Aber an das dachte sie nicht. Sie dachte an die Zeit die ihr bevor stand, und, dass sie das gut meistern würde. Genau so sagte auch Anya ihr das immer.


Am Flughafen gab Lexa ihren Koffer ab und bekam im Zuge dessen die normale Boarding Karte, mit der sie später ins Flugzeug steigen würde. Noch stand sie vor den Kontrollen der Handgepäcke. Es war der Ort, wo sie sich von Anya verabschieden musste. Lexa war nicht der Typ für lange und emotional, aber sie fühlte sich falsch, wenn sie ihre Schwester nicht ordentlich knuddelte. Vielleicht musste sie auch kurz schrecklich weinen. Das gehörte aber irgendwie zum Abschied dazu.

Anya nahm Lexa in den Arm und drückte diese lange an sich. Genauso wie Zuhause.

„Okay… jetzt ist es also soweit. Du gehst“, sagte Anya zu Lexa, als hätte Lexa es vergessen. Anya konnte spüren wie Lexa nickte, denn ihre Augen waren geschlossen. Sie genoss die letzten Minuten die sie noch mit Lexa hatte.

„Ich komme wieder“, sagte Lexa leise. Viele Tränen kullerten der Jüngeren die Wange hinunter und sie musste sich zusammenreißen nicht laut aufzuheulen. Es war so unendlich schwer und ihr Herz drohte zu zerbrechen. Sie wollte das alles nicht, aber gleichzeitig wollte sie wieder gehen.

„Du kommst wieder. Heul nicht rum kleiner Waschbär. Du schaffst das, genauso wie ich das auch schaffe. Wir haben so viel schon geschafft, also warum das nicht auch?“, fragte Anya sie liebevoll, während sie Lexa die Tränen aus den Augen strich.

„Und wenn nicht?“, fragte Lexa leise nach und hoffte einfach, dass sie gleich nicht wieder mit Heulen beginnen würde.

„Dann kommst du nach Hause wie abgesprochen. Egal was passiert, ich bin immer für dich da. Ich denke auch immer an dich“, grinste Anya traurig und löste sich von ihrer Schwester um aus ihrer Tasche ein kleines Geschenk zu holen. Es war eine alte Box, welche Anya mit Mühe angemalt hatte um sie ein bisschen cooler wirken zu lassen.

„Was ist das?“, fragte Lexa leise. Sie bekam große Augen, als Anya mit den Schultern zuckte.

„Dein kleines Geschenk… aber erst im Flugzeug aufmachen, ja?“, sie zerzauste nochmal Lexas Haare, ehe sie einen Schritt nach hinten ging um die Distanz zu beginnen.

„Danke… Danke Anya. Ich werde dich so vermissen“, murmelte Lexa. Ihre Knie waren wie Pudding. Sie hatte Angst einen Schritt zu gehen, aber sie musste. Es war nicht ewig Zeit.

„Ich dich auch Kleine. Bleib brav und melde dich Mal. Ich liebe dich“, sie gab ihr einen Luftkuss und sah ihr dann nach, wie Lexa die wenigen Meter zur Kontrolle ging und sie damit für die nächsten zehn Monate weit weg sein würde.

Es vergingen gefühlt Minuten, in denen Anya einfach da stand in die Ferne schaute, wie ihre kleine Schwester immer mehr verschwand und nicht mehr zurückkam.
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