Herzen

von Moonlord
OneshotFantasy / P16
23.08.2019
23.08.2019
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Dies ist mein Beitrag zum Projekt Fantasy für Faule von Cedric.

Das Projekt läuft, wie folgt:
Man wählt drei Zahlen von jeweils 1 – 20, die Vorgaben für Protagonist, Antagonist und Genre erhält man per PN.

Mit 13 - 12 - 18 erhielt ich die Vorgaben:
Protagonist: Mensch
Antagonist: Hexe
Genre: Dystopie

Nun, mit der Dystopie hat es nicht geklappt. Dafür hätte ich die Handlung wohl ins warhammer-40k-Universum verlegen müssen. Doch dort kenne ich mich nicht gut genug aus. Sei's drum. Hier ist mein Geschreibsel:

Herzen

Thure Windmantel war ein Nord. Nicht unbedingt das Urbild eines Nords, groß und mit wallendem Haupt- und Barthaar. Nein, er war eher gedrungen, sein Haar schütter und strähnig, das Gesicht grob geschnitten mit einer starken Nase, die mit der Zeit mehrmals gebrochen worden war, der Bart schmutzig und verfilzt und die Augen grau wie der Nebel des Nordens. Doch er war stark, stark wie ein Ochse und meist genauso stur.

Thure stammte aus einem kleinen Weiler in der Umgebung Markarths. Er war sich nicht sicher, ob der Ort jemals einen eigenen Namen gehabt hatte, und es war ihm auch egal. Wenn ihn jemand danach fragte, bekam er je nach Thures Stimmung entweder eine genuschelte Antwort, die alles Mögliche bedeuten konnte, oder einen Schlag ins Gesicht. Bald fragte niemand mehr.

Thure war nicht immer so. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte auch für ihn die Welt des Reach in bunten Farben geleuchtet, da war er mit Freunden morgens pfeifend in die Minen gezogen, um nach Gold zu graben, hatte mit ihnen gescherzt und gelacht und sich auf den Abend gefreut, den er mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern gemütlich am Kamin verbringen konnte. Sein Leben war recht eintönig, doch Thure verlangte nicht viel und war mit dem zufrieden, was er hatte. Es hätte von ihm aus ewig so weitergehen können.

Doch es kam anders.
Eines Tages kamen Besucher in den Weiler. Eine alte, und Thures Meinung nach sehr hässliche Frau mit zwei Begleitern, die während der ganzen Zeit kein einziges Wort redeten. Wie es sich für gute Gastgeber gehörte, reichte man ihnen kühles Wasser und frisches Brot. Man bot ihnen auch eine Unterkunft an, da es wegen der viele wilden Tiere gefährlich war, nachts zu reisen. Die alte Frau jedoch lehnte ab. Zunächst hockte sie eine Weile in der Mitte des Weilers um auszuruhen, wobei ihr boshafter Blick über jeden einzelnen Bewohner streifte. Auf Thure schien dieser Blick besonders lange zu ruhen, und als sie seine Kinder zu betrachten begann, brachte er diese mit einem unguten Gefühl ins Haus. Das böse Grinsen in seinem Rücken sah er nicht.
Bereits in der Abenddämmerung brachen die drei wieder auf und wandten sich den Bergen zu.
Als Thure am nächsten Abend aus der Mine kam, fand er nur die rauchenden Trümmer seines Heimes vor. Von Frau und Kindern fehlte jede Spur.

Er war nach Markarth gegangen, um den Jarl um Hilfe zu bitten, doch man hatte ihn nicht einmal vorgelassen. „Windmantel?“ hatte man ihn verhöhnt. „Zum Sturmmantel hats wohl nicht gereicht?“
Man hatte ihn davongejagt wie einen räudigen Straßenköter.
An diesem Abend betrank sich Thure zum ersten mal bis zur Besinnungslosigkeit.

Drei Tage später lief er wieder durch die Berge. Von seinem letzten Geld hatte Thure zwei Söldner angeheuert, die ihm bei der Suche nach seiner Familie helfen sollten. Er hatte nicht viel Geld besessen und sich mit denen begnügen müssen, die dafür zu haben waren: Saskia Rotschnee und Mindelfin. Saskia war eine Nord wie er, jedoch mit der Statur einer Kriegerin. Thure reichte ihr gerade mal bis zum Kinn. Sie war ihr Leben lang Söldnerin gewesen, sagte sie zumindest. Doch je weiter sie in die Wildnis vordrangen, desdo sicherer wurde sich Thure, dass Saskias Broterwerb nicht halb so ehrenwert war wie sie behauptete. Dem Bosmer Mindelfin dagegen sah man auf den ersten Blick an, dass er eher dem Taschendiebstahl zugeneigt war als ehrlicher Arbeit. Schritt für Schritt begann Thure zu bereuen, diese beiden angeheuert zu haben, doch es war nun einmal geschehen und er hatte ja keine Wahl gehabt.

Es kam wie es kommen musste. Schon von weitem hörten sie Flüche und Gezeter. Dann sahen sie den voll bepackten Planwagen, dessen Achse gebrochen war, mitten auf dem Weg liegen. Ein fetter Kerl in teuer wirkender Pelzrobe brüllte auf einen anderen ein. Warum er denn den Karren nicht vorher überprüft hätte, warum er keine Ersatzachse dabei hätte und so fort. Saskia und Mindelfin sahen sich an. Sie grinsten und der Bosmer zog seinen Bogen.
Bevor Thure wusste was geschah lag der Kutscher mit einem Pfeil im Rücken am Boden. Saskia hatte sich den Kaufmann geschnappt, ihm ein paarmal mit dem Eisenhandschuh ins Gesicht geschlagen und hielt ihm nun das Messer an die Kehle gedrückt. Der Dicke, der gerade noch seinen Knecht angebrüllt hatte, hing nun wie ein Häufchen Elend in ihrem Griff und wimmerte um sein Leben: „Verschont mich, Herrin, um der Götter Willen. Bitte verschont mich. Ich habe Gold, viel Gold, ich ...“
Saskia spuckte ihm ins Gesicht. „Dein Gold nehme ich mir sowieso, alter Mann. Was kannst du mir sonst bieten?“
Thure, der gerade einschreiten wollte um Schlimmeres zu verhindern, spürte plötzlich eine Pfeilspitze im Nacken. „Misch dich nicht ein, Boss“, zischte Mindelfin ihm zu.
Der Kaufmann war zu einem Entschluss gekommen. Immer noch vor Angst schlotternd stammelte er: „Meine … meine Tochter. Sie ist im Wagen. Sie hat erst vierzehn Sommer gesehen und noch bei keinem Mann gelegen. Ich könnt sie haben, wenn ihr mich dafür laufen lasst, ja?“
Saskias Grinsen hätte Molag Bal vor Neid erblassen lassen. „Na also, es geht doch.“ Sie ließ den Fetten los, klopfte ihm noch symbolisch etwas Staub von der Robe und raunte ihm zu: „Wir sind einverstanden. Nun lauf!“
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Ohne einen Blick zurück zu werfen rannte er davon.

Große Augen in einem vor Angst farblosen Gesicht. Ein magerer, zitternder Körper. Pure Panik.
Thure zögerte. Das konnte er einfach nicht tun.
„Na los, Boss. Zeig uns was für ein Kerl du bist!“ höhnte Saskia hinter ihm. „Aber lass noch was für Mindelfin übrig.“ Sie lachte dröhnend.
„Ich ...“
Saskia zog ihr Schwert. „Ach so, du stehst auf Kerle, was? Mir egal. Wenn die kleine Hure nicht bei drei dein Schwert drinnen hat, bekommt sie meins. Klar? … Eins ...“
In Thures Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Was konnte er tun? Reden? … nein, sinnlos. … Kämpfen? … Die Banditin hielt ihr Schwert bereit und der Bosmer hatte immer noch seinen Bogen auf ihn gerichtet. …
„Zwei“
Seine Augen wanderten zu dem Mädchen. Nein, er konnte nicht über sie herfallen wie ein wildes Tier. Aber wenn er es nicht tat, würden ihn die beiden umbringen, das wurde ihm mit Bestimmtheit klar. Und dann würde dieses Kind noch viel Schlimmeres erleiden müssen.  Ihm blieb nur eine Wahl.
Langsam wanderte seine Hand zum Gürtel, an dem auch sein Dolch hing.
„Hey, gleich sehen wir, wer von euch den längeren hat, Min“, gröhlte Saskia. „Halt! Was? … Du verdammter Bastard!! Schieß, Win!“

Rumpeln und Schaukeln und schrecklicher Schmerz.
„Bist endlich wach, ja“, sagte die Stimme.
Thure antwortete nicht.
„Hätte nicht gedacht, dass du überhaupt noch mal wach wirst. Ja ja. Ganz schöne Sauerei. Der Schnitt im Bauch ist übel, weißt du. Hab dir deine Därme wieder reingestopft. Sahen aus wie fette Würmer. Ja ja. Und stinken tust du. Pfui Dagon! Sei froh, dass ich vorbei kam. Konnte dich ja nicht liegen lassen. Bring dich jetzt nach Markarth zum Heiler. Hab eben ein gutes Herz. Ja ja. Na, hoffentlich bereu ichs nicht. ...“
Die Stimme redete weiter, doch Thure verschlang wieder die Dunkelheit.

Die Heiler des Tempels verstanden ihr Handwerk. Und sie hatten bei Thure jede Menge zu tun. Zu der tiefen Schwertwunde im Bauch kam, dass man ihm Arme und Beine gebrochen und mit mehreren Pfeilen durchschossen hatte. Dann hatten sie ihn zum Sterben zurückgelassen und nur dem zufällig vorbeikommenden Bauern verdankte Thure sein Leben.
Er war sich nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte.
Die Monde wechselten einmal ihre Form, bevor man ih als halbwegs geheilt aus dem Tempel entließ.
Draußen auf dem Markt wartete bereits neues Unheil auf ihn.

„Der war es! Der war dabei! Die haben ihn Boss genannt!“
Ehe es sich Thure versah fand er sich gefesselt zwischen zwei Kriegern der Stadtwache wieder. Vor sich den dicken Händler, der mit hochrotem Gesicht nach Rache schrie.
War das das Ende?
Nein.
Er bekam sogar einen Prozess, der damit endete, dass er dazu verurteilt wurde, den Vermögensschaden des Kaufmannes in der Cidhna-Mine abzuarbeiten. Dessen Tochter, der er mit einem raschen Dolchstich ins Herz ein qualvolles, grausames Ende erspart hatte, wurde nicht einmal erwähnt. Denn was bedeutete schon ein Menschenleben in Himmelsrand, wenn es um Gold und Silber ging?

Dreißig Jahre Zwangsarbeit, hatte man ihm gesagt. Dreißig Jahre, in denen niemand auch nur versuchen würde, Thures Familie zu finden. Dreißig Jahre.
Sie waren tot. So oder so. Thure würde sie niemals wiedersehen.
Die Tage vergingen unter Hammerschlägen. Einer glich dem anderen. Monoton, ohne Tageslicht, kalt. Zwei Mahlzeiten am Tag und ein verwanzter Haufen Stroh in der Ecke waren nun Thures Welt. Und die anderen.
Fünf Jahre lang.
Bald schon merkte er, dass nicht alle Gefangenen gleich behandelt wurden. Es gab ein paar, die ließ auch der gemeinste Wärter in Ruhe. Sie bekamen ihre Ration selbst dann, wenn sie mal keine Lust zum Arbeiten zeigten. Woran das wohl lag?

„Hey du. Steh auf und komm mit!“
Ein Tritt in die Seite unterstrich die Aufforderung des riesigen Ork. Thure beeilte sich, ihr nachzukommen. Durch eine normalerweise fest verschlossene Gittertür betraten sie einen Bereich der Mine, in der Thure noch nie gewesen war. Ein kurzer, verwinkelter Gang, dann öffnete sich eine kleine Kammer, in der ein weiterer Mann zu wohnen schien. Madanach.

Alles war so gekommen, wie König Madanach es ihm vorausgesagt hatte.
Bereits am Morgen nach diesem nächtlichen Besuch waren zwei Wachen gekommen und hatten Thure abgeholt. Zu einem Verhör, wie es hieß, weit draußen vor den Toren Markarths, auf einem versteckten Jagdsitz des Jarl.
Zuerst hatte Thure Angst bekommen. Das war die perfekte Situation, ihn für immer verschwinden zu lassen. Auf der Flucht erschossen, würde im Bericht stehen, den vermutlich nie jemand las.
Nun, dieser Teil mochte wahr sein. Auch wenn man keineswegs auf ihn geschossen hatte. „Geh nach Norden“, hatte der bestochene Wächter ihm eingeschärft. „Trödele nicht! Finde die Druadachschanze und melde dich dort. Und denk immer daran: Madanach findet dich, wo immer du dich auch verkriechst.“ Damit hatte er ihm die Fesseln abgenommen und in den Karth geworfen. Thure war wieder frei.

Es war ein beschwerlicher Weg durch die Berge. Als Waffe gegen Wölfe diente ihm ein Knüppel und Nahrung fand er nur in Form von Beeren und Pilzen am Weg, die er roh verzehrte. Wenigstens Wasser fand er genug.
Dann sah er das Feuer bei Anbruch der Nacht. Ein Banditenlager, welches gerade von nur einem einzigen alten Mann bewacht wurde. Der Rest war wohl auf Beutezug unterwegs. Als er auch noch sah, dass der Alte einen Arm in der Schlinge trug, zögete Thure nicht lange. Er erschlug ihn wie einen Hund, nahm sich sein Schwert, ein paar Vorräte und ging weiter.
Am nächsten Tag sah er aus der Ferne, wie eine Kräutersammlerin von einem Bären angegriffen wurde. Der Thure aus früheren Tagen wäre sofort zu Hilfe geeilt. Nun jedoch sah er teilnahmslos zu, wie der Bär seine Beute riss. Thure war es egal.
Beide male ruhten Augen auf ihm. Ein böser, hämischer Blick aus der Ferme. Sie beobachteten ihn und sie waren zufrieden mit dem was sie sahen.
Er bemerkte es nicht.

Abgeschworene, Reachmen, Winterkinder. Wie immer man sie auch nennen mochte. Sie nahmen Thure in der Druadachschanze als ihresgleichen auf. „Der Blick der Herrin ruht auf ihm“, hieß es. „Sie hat ihn erwählt zum Dornenherz zu werden.“
Was das bedeutete, wurde Thure in den nächsten Tagen klar. Die Herrin, das war jene alte Vettel, die damals in seinen Weiher gekommen war. Teils Mensch teils Vogel hatten sie sich finsterste Magie zunutze gemacht. In einem unheiligen Ritual entnahmen sie Menschen das Herz, um es gegen eine ebenfalls magische Pflanze, ein Dornenherz, zu ersetzen. Der Mensch lebte danach weiter, stärker und vor allem brutaler als er je zuvor gewesen war, und viel schwerer zu besiegen. Doch sein Geist war über das Dornenherz an die Hexenraben gebunden, er besaß keinen eigenen Willen mehr.

Hatte Thure den noch?
In der Nacht vor dem Ritual zog sein Leben an ihm vorbei. Die frohen Erinnerungen der Vergangenheit verblassten, flatterten davon und machten den schlechten nur zu bereitwillig Platz. Der brennende Weiler, der erste Mord, die erniedrigenden Jahre als Gefangener. All das hätte schwer auf Thures Seele lasten müssen. Aber als er dem nachgab und nach dem Warum fragen wollte, fühlte er nichts.
Sie brauchten Thure nicht zum Ritualplatz bringen. Am Morgen lag er bereits wartend auf dem Altar.

Alles war vorbereitet. Die Hexe war bereit. Ihre Dienerin reichte ihr den Zeremonialdolch zu. In einer Schale lag das Dornenherz.
Sie nahm den Dolch, setzte ihn auf Thures Brust und murmelte die letzten magischen Formeln. Gleich. Gleich würde sie das zuckende Herz in ihren Klauen halten. Sie würde es verschlingen und so damit ihr eigenes Leben um viele weitere Jahre widernatürlich verlängern. Gleich!
Der Doch durchdrang die Haut, schnitt tief hinein in Thures Brust und wurde wieder herausgezogen. Eine langgliedrige Hand mit scharfen, spitzen Nägel folgte ihm, tauchte in die Wunde und schloss sich um das Herz.
Und erstarrte.
Unglaube flammte in den Augen des Hexenraben auf. Panik. Sie wollte die Hand zurückziehen, doch sie konnte nicht. Und als es ihr unter riesigem Kraftaufwand doch gelang, riss sie das mit heraus, was einmal ein menschliches Herz gewesen war, was immer noch an ihrer Hand klebte. Festgefroren. Sie starrte auf einen Klumpen aus rötlichem Eis.
Eis, dass sich auszubreiten begann.

Während die Hexe gefror erhob sich Thure vom Altar. Lange blickte er der aufgehenden Sonne entgegen. Seine Finger schlossen das blutdurchtränkte Hemd auf der Brust. Die Wunde begann sich bereits zu schließen.
Dann ging er los, langsam und bedächtig nach Osten, einer ungewissen Zukunft entgegen.
Für das was kommen würde brauchte er kein Herz.
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