40° Liebe

von X Fantasy
GeschichteRomanze / P18 Slash
23.08.2019
14.02.2020
23
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Kapitel 23: Curryhuhn und Familiensport




Den Rest der Woche über schwankte ich ständig zwischen lustvollen Erinnerungen und einer Art Schamgefühl. Ich hatte noch nie im Büro ... während der Arbeitszeit ... mit Frau Leipold im Nebenzimmer! Ich war wirklich nicht prüde, aber ich durfte gar nicht daran denken, was meine Mutter sagen würde, wenn sie es wüsste. Was war ich für ein ruchloser Sohn! Es trieb mir geradezu das Blut in die Wangen. Und zugleich verleitete es mich zu einem durchtriebenen Kichern. Das alles, während ich die Halbjahresabrechnungen über Fahrgelderstattungen und IT-Wartung überprüfte. Luca verlieh meinem Alltag ganz neue Perspektiven.

Am Freitag Abend war ich wieder auf der Autobahn nach Berlin. Ich freute mich darauf, Luca zu sehen, doch gleichzeitig wurde das Problem meines Zeitmangels immer größer. Durch ihn waren meine Wochenenden restlos verplant. Für Samstag hatte ich den Fensterputzer absagen müssen, dessen Termin seit vier Wochen eingeplant war, und ich würde auch wieder mein Sporttraining vermissen. Lucas Massagen waren da leider kein ausreichender Ersatz. Sicher, Luca hätte öfter zu mir nach Halle kommen können, aber ich wollte den Stress der Fahrerei fair zwischen uns aufteilen, und außerdem konnte man in Berlin natürlich unvergleichlich mehr unternehmen. Darüber hinaus hätte ich dem Fensterputzer auch abgesagt, wenn Luca bei mir zu Besuch wäre. Ich hatte keine Ahnung, wann ich je wieder saubere Fenster haben würde.
Und dann gab es da obendrein die Frage nach den Gefühlen. Sollte ich Luca fragen, ob er sich verliebt hatte? Oder sollte ich ihm einfach sagen, dass es bei mir nicht der Fall war? Sollte ich gar nichts sagen? Ich wollte ihm halt keine falschen Hoffnungen machen, das wäre mir gemein vorgekommen, obwohl man mir nicht vorwerfen konnte, ich täte es mit Absicht. Immerhin wusste ich ja gar nicht, ob es stimmte. Woran merkte man, dass jemand in einen verliebt war? Ich wusste, wie sich Begehren äußerte, ich kannte die Blicke, das kleine, schmutzige Lächeln, Berührungen, die zufällig sein sollten und alles andere waren als das. Ein Flirt, der seine Erfüllung in einem wilden Fick fand, war eine feine Sache, und wenn man hinterher die Telefonnummern austauschte, gab es die Möglichkeit einer heißen Wiederholung oder sogar mehrerer. Alles andere bewegte sich außerhalb meines Radars. Ich machte jedem meiner Bettgefährten von vornherein klar, dass es mit mir keine weiterführende Beziehung geben würde, und der andere entschied dann ganz frei, ob er sich auf ein solches oberflächliches Verhältnis einlassen wollte oder nicht.
Wie sollte ich also einschätzen können, ob es bei Luca tiefere Gefühle gab? Mein erster Beziehungsversuch, und es hatte kaum zwei Wochen gebraucht, um mich in Grübelei zu stürzen. Es nervte, und wie. Nicht Luca, sondern diese ganze vertrackte Sache namens Beziehung. Irgendetwas würde ich ändern müssen, und es war besser, gleich mit ihm darüber zu sprechen.
Sobald ich mich dem dicht bebauten Stadtgebiet von Berlin näherte, spürte ich zunehmend die drückende Schwüle, die im Hochsommer oft auch nachts noch in den Straßenschluchten hing, ganz abgesehen von der Duftmischung aus Abgasen und anderen undefinierbaren Zivilisationsgerüchen. Die Großstadt hatte ihr eigenes Klima. Ich musste schmunzeln, als mir klar wurde, dass es mich nicht störte. Ich war damit aufgewachsen, es hatte etwas heimatlich Vertrautes.
In der Wohnung empfing mich Luke in einem entzückenden, schwarzen Fetzen von Jeansshorts und einem hauchdünnen, ärmellosen Oberteil. Er schien sich langsam in die schwule Community einzugliedern, und es stand ihm hervorragend. Ich konnte nicht vermeiden, meine Hand unter den Saum eines Hosenbeins zu schieben, während wir im Flur standen und uns ausgiebig küssten. Seinem Anschmiegen nach zu urteilen, gefiel es ihm.
Als wir voneinander abließen und ich meine Tasche ins Schlafzimmer brachte, erkundigte er sich:
"Willst du noch etwas essen? Ich kann dir Pfannkuchen mit einer pikanten Füllung machen, es ist noch ein Rest von meinem eigenen Abendessen da."
Ich hatte tatsächlich Appetit auf einen Imbiss und stimmte zu. Bevor er hinausging, blieb Luca an der Tür stehen und forderte mich auf:
"Thanos, schau mal." Er zeigte auf das Schlüsselloch unter der Türklinke, in dem ein Schlüssel steckte, den er ein paar Mal hin und her drehte.
"Du hast den Schlüssel gefunden!"
"Nah, habe ein neues Schloss einbauen lassen. Der ultimative Katerschutz."
Ich war beeindruckt. "Für mich."
"Für uns." Er grinste ein wohlbekanntes, schmutziges, kleines Grinsen und lief in die Küche.
Der Pfannkuchen war wirklich gut. Die Füllung bestand aus verschiedenen Gemüsen und war lecker gewürzt. Wir tranken kaltes Bier, und ich dachte daran, wann ich Lukes Schwanz von der sexy, aber letztendlich doch störenden Shorts befreien würde. Putzel kam in die Küche, um mich zu begrüßen, eine Runde zu betteln und sich eine glasklare Abfuhr zu holen. Luca versöhnte ihn mit einem Leckerli.
Später saßen wir auf der Couch und schauten uns einen Thriller mit Cillian Murphy an, den ich noch nicht kannte.
Als wir dann schließlich durch Lukes Bett tobten, bei fest verschlossener Tür, beschloss ich, das schwierige Thema Gefühle auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Einen viel späteren. Es war einfach zu gut mit ihm, um es durch unnötige Gefühlsduselei aufs Spiel zu setzen.
Luca fütterte die Katzen, bevor er wieder abschloss und wir erschöpft, aber höchst zufrieden einschliefen.
Leider war die Nacht nicht so erholsam, wie ich erwartet hatte, denn wir fuhren zweimal aus dem Schlaf, weil Putzel versuchte, die Tür aufzusprengen. Luca behauptete zwar, er sei nur auf die Klinke gesprungen, um sie zu öffnen. Aber nach den bollernden Geräuschen zu urteilen, hatte ich das Tier im Verdacht, mit schwerem Gerät zu arbeiten. Die Tür hielt jedoch glücklicherweise stand, und Putzel gab nach dem zweiten Versuch auf.
Beim Frühstück teilte ich Luke meine Pläne für den Tag mit. Natürlich hatte ich die Rechnung ohne ihn gemacht. Die Dombesichtigung passte ihm nicht und das feine indische Restaurant, das ich ausgewählt hatte, auch nicht. Stattdessen wollte er selbst kochen und vorher größere Einkäufe tätigen.
Ich runzelte die Stirn. "Ich möchte unsere knapp bemessene Zeit wirklich nicht gerne in der Küche vertrödeln."
"Komm schon, ich will Curryhühnchen mit Reis und Gemüse machen, das kann ich echt gut. Es wird dir gefallen, ganz bestimmt."
"Ich habe den Fensterputzer für heute abgesagt, verzichte auf meinen Sport und fahre zweimal zweihundert Kilometer doch nicht, um dir stundenlang beim Rühren zuzusehen."
Er musterte mich verwirrt. "Wieso hast du den Fensterputzer abgesagt? Ich hätte doch zu dir kommen können. Wir müssen uns doch nicht sklavisch an den Wechsel halten, wer wen besucht."
"Würdest du vielleicht zuschauen wollen, wie irgendein Kerl meine Fenster putzt?"
"Hm, kommt auf den Kerl an." Er zwinkerte grinsend und biss sich auf die Unterlippe, und ich musste lachen. Er hatte jedoch noch mehr auf Lager. "Sport kannst du auch hier im Studio machen, oder - noch besser - du schwimmst ein paar Runden in der Villa. Deine Eltern haben uns heute Nachmittag zum Kaffee eingeladen."
Da ging mir der Humor aus. "Wie schön. Wird das jetzt zur Gewohnheit?"
"Warum nicht? Sie sind doch eigentlich sehr nett, und sie würden sich wirklich freuen, wenn du öfter mal vorbeikämst."
"Sag mal, redest du eigentlich ständig mit meinen Eltern?", fragte ich mit verengten Augen. Zugegeben, es kam etwas inquisitorischer heraus, als ich beabsichtigt hatte, aber der Schreck in seiner Miene war übertrieben.
"Denkst du, ich will mich in deine Familie drängen? Dass ich dich benutze oder Iphy benutzen wollte, um eine Familie zu bekommen, weil ich selbst nie eine hatte? Glaubst du das?"
"Nein", murmelte ich perplex.
"Es ist auch nicht so", bekräftigte er leidenschaftlich. "Es geht von ihnen aus. Aus irgendwelchen Gründen scheinen sie mich zu mögen, und ja, ich mag sie auch. Ich habe nicht im Mindesten die Absicht, ihre Sympathie auszunutzen."
Auf solche komplizierten Zusammenhänge wäre ich nie gekommen. Also ganz am Anfang schon, als er Iphy so überstürzt heiraten wollte, aber da hatte ich ihn noch für eine Art Mitgiftjäger gehalten. Das war lange vorbei. "Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass du überhaupt fähig bist, jemanden auszunutzen", erklärte ich. "Dafür scheinst du mir absolut nicht der Typ zu sein, eher im Gegenteil. Ich möchte nur nicht, dass du mit meiner Familie über mich redest. Das ist alles."
"Okay." Offenbar beruhigten ihn meine Worte. "Ich rede nicht über dich. Das heißt, naja, doch." Tadelnd hob ich eine Braue, und er fuhr fort: "Ich habe mich nach deinem Lieblingsessen erkundigt."
"Aha. Und?"
"Laut Marga ist es Hühnerfrikassee, laut Iphy gegrillter Lachs mit Shrimpsoße und Blattspinat."
"Hm", brummte ich, "stimmt beides."
"Siehst du", frohlockte er, "deshalb machen wir heute Huhn zum Mittag."

Also gingen wir einkaufen. Bewaffnet mit Kühlakkus in einer Kühltasche, damit die allgemeine Hitze dem frischen Hühnerfleisch nichts anhaben konnte. Dabei hatte der Porsche, mit dem wir natürlich unterwegs waren, eine Klimaanlage und parkte nur fünf Minuten vom Bioladen entfernt. Im Halteverbot. Aber egal.
Ich musste zugeben, dass der Bioladen weniger nervenaufreibend war als ein gewöhnlicher Supermarkt am Samstag. Seltsamerweise schienen die Kunden auch gelassener zu sein und bessere Laune zu haben, und das sicher nicht nur, weil es hier drinnen schön kühl war. Im Gegensatz zu meinen sonstigen Erfahrungen mit Wochenendsupermarkteinkäufen war es fast nett, mit Luke durch den Laden zu schlendern, das Gemüse auszusuchen, noch ein bisschen Obst mitzunehmen und sich dann die fremdartigen Produkte in den Regalen erklären zu lassen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.
Vor dem Regal mit etwa dreißig verschiedenen Reissorten von unterschiedlichen Firmen, vor dem Luca mehrere der Etiketten studierte, ertönte neben uns eine leicht schrille, weibliche Stimme.
"Lu, mein Lieber, hallo! Wie nett, Sie zu sehen!"
Wir fuhren herum und erblickten eine füllige Dame im Alter meiner Mutter. Ihre goldblonden Locken hatte sie hochgesteckt, und ihr sorgfältig geschminktes Gesicht wurde von einer Brille mit modischem, blaugrün verziertem Rahmen bestimmt.
Luca strahlte sie an. "Hallo, Elisabeth. Was für ein toller Zufall! Wie geht's?"
Sie gab sich redlich Mühe, sein Strahlen noch zu übertrumpfen. "Na, blendend geht's mir, und das dank Ihnen. Sie wissen doch, ältere Scharniere müssen hin und wieder geschmiert werden, sonst rosten sie vor sich hin."
"Aber das trifft auf Sie ja noch lange nicht zu", säuselte Luca, und die Dame lachte entzückt. "Wobei ich Ihnen natürlich trotzdem immer gerne zur Hand gehe beim Schmieren."
"Ach Lu, Sie sind ein Charmeur. Aber ich will Sie nicht länger von Ihren Freizeitbeschäftigungen abhalten. Schließlich müssen Sie sich selbst auch mal verwöhnen lassen." Dabei zwinkerte sie mir zu! "Ich freu mich auf übernächste Woche."
"Ich mich auch. Bis dann. Und schönes Wochenende."
"Wünsche ich ebenfalls. Tschau-tschau."
"Tschüss."
Sie wanderte mit ihrem bereits stattlich gefüllten Wagen weiter, und ich sah Luca mit hochgezogener Augenbraue an.
"Lu, ja?"
Er grinste. "Lu für meine Kunden. Bei Elisabeth mache ich Hausbesuche, sie hat ihre Termine sehr regelmäßig alle zwei Wochen."
"Ja, das dachte ich mir schon."
Entschieden wandte er sich wieder dem Reis zu und warf eine Packung in unseren Wagen. Täuschte ich mich oder lag da ein Hauch Rosa auf seinen Wangen? Kein Grund, verlegen zu werden, ich konnte die Zuneigung der Dame gut verstehen. Doch er schüttelte kurz den Kopf, als wolle er den kleinen Zwischenfall vergessen, und schritt zügig weiter. Ich folgte ihm schmunzelnd.
Luca kaufte viel ein, ich legte ein paar Sachen dazu, die mir interessant schienen, und an der Kasse stritten wir, wer bezahlte. Meine Platincard siegte.

In seiner Küche bekam ich einen Haufen Gemüse vorgesetzt, den ich kleinschnippeln sollte. Das war genau das, was ich hasste, und ich musste höllisch aufpassen, mir nicht einen Finger zu amputieren, weil ich die Augen kaum von Lucas Hintern in den knappen Shorts und seinen langen, fabelhaften Beinen losreißen konnte. Glücklicherweise hatte er die Jeans, die er unterwegs getragen hatte, wieder gegen das nette Kleidungsstückchen getauscht. Er werkelte am Herd mit Reis und Huhn und wirkte beneidenswert lässig. Zuletzt kamen Hühnerfleisch und Gemüse in eine Pfanne und wurden wenig später auf zwei Tellern mit dem Reis angerichtet.
Es sah nicht nur gut aus, es schmeckte auch überwältigend. Ich stöhnte vor Wonne, und es war mir gleich, dass Luke mich amüsiert beobachtete.
"Mann, das ist ja der Wahnsinn! Wie hast du das hinbekommen?"
Er grinste glücklich. "Geheimrezept."
"Hast du dir das etwa ausgedacht?"
"Nah, Quatsch. Ist ganz einfach. Blame the Gewürzmischung. Gibt's fix und fertig im Asiamarkt.”
"Echt?"
Er nickte lachend, und ich stimmte ein. Wir freuten uns, weil sich der andere freute, es war ein Moment vollkommener Übereinkunft, und gemeinsam mit dem köstlichen Geschmackserlebnis empfand ich ihn - nur ein paar Sekunden lang - fast so intensiv wie einen Orgasmus. Ein beeindruckendes Gefühl.
Den Nachtisch ließen wir weg, weil wir zu satt waren. Die Katzen hatte er während des Essens ausgesperrt, und nun veranstaltete er ein "Katzenfestival", wie er es nannte. Er band kleine Stücke des gekochten Fleisches, die er aufgehoben hatte, an eine Schnur und raste damit kreuz und quer durch die Wohnung, die beiden Viecher wie die Wahnsinnigen hinter ihm her. Dabei ging es über die Möbel hinweg, und mir wurde vom Zusehen schwindelig. Er achtete genau darauf, dass jedes Tier letztendlich die gleiche Anzahl an Fleischstückchen "erbeutet” hatte, und warf sich schließlich außer Atem auf die Couch, während die Katzen irgendwo im Zimmer saßen und sich hingebungsvoll putzten.
"Wow!", kommentierte ich.
"Sie haben hier viel zu wenig Bewegung", erklärte er. "Deshalb müssen sie für solche Leckerbissen regelmäßig arbeiten."
"Du hast mindestens so viel gearbeitet."
"Jetzt weißt du, wieso ich so fit bin."
"Allerdings." Ich musste kurz an die getöteten Katzenbabys in seiner Kindheit denken, von denen er mir erzählt hatte, und holte tief Luft. Verständlich, dass er so sehr an seinen Tieren hing.
Wir gönnten uns zum Abschluss einen kleinen Grappa. Seitlich auf der Couch sitzend, die Beine angezogen, fragte mich Luca:
"Warum willst du eigentlich pausenlos etwas unternehmen, wenn wir zusammen sind? Wenn wir einkaufen oder kochen oder wenn die Fenster geputzt werden, sind wir doch auch zusammen. Wieso sagst du, das sei verplemperte Zeit?"
Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. "Weiß nicht. Es ist doch etwas Besonderes, wenn wir uns sehen, ist ja nicht so oft. Wahrscheinlich deshalb."
"Das versteh ich", lächelte er sanft. "Aber so kann es auch etwas stressig werden. Wir können auch einfach nur rumsitzen und gemeinsam in die Gegend gucken, oder?"
"Kommt auf einen Versuch an", schmunzelte ich. Aber ich konnte mir nicht recht vorstellen, dass Luke und ich auf Dauer etwas so Alltägliches wie heute tun würden. Er gehörte nun einmal nicht zu meinem Alltag und ich nicht zu seinem.

Bei meinen Eltern fand dann am Nachmittag das übliche Kaffeekränzchen statt, nur diesmal ohne Gunnar, der bei einem Freund etwas reparierte, wahrscheinlich den Kühlschrank. Wir plauderten über belangloses Zeug, dann erkundigte sich jemand nach Lucas Mutter. Er telefonierte nur einmal im Monat mit ihr und berichtete nun, sie sei wohlauf und werde im August für eine Woche nach Berlin kommen. Das stieß natürlich auf Interesse. Offenbar war es obendrein ihr erster Besuch in der Bundeshauptstadt, und Luca wurde überschüttet mit Sightseeing-Tipps, was sie sehen müsse, was sie auf keinen Fall verpassen dürfe.
"Und mich", fügte ich hinzu, als sie aufhörten, einander zu überschreien. "Mich wird sie sehen."
Moms Gesicht leuchtete auf. "Ja, das ist doch fein. Ich würde sie auch gerne kennenlernen, Luke. Bring sie doch einfach mal mit hierher."
Luca lächelte zurückhaltend, er war nicht so ganz überzeugt von der Idee, so gut kannte ich ihn schon. Da meinte Dad: "Moment, sie kann doch hier wohnen. Wir haben schließlich genug Platz, da muss sie doch nicht ein Hotelzimmer bezahlen."
Wir schauten verblüfft, bevor Mom sich als erste fing. "Das ist großartig! So machen wir's! Luca wird in der Zeit natürlich auch hier wohnen."
Iphy unterstützte sie. "Ja, genau! Das tut mir die ganze Zeit schon leid, dass ich sie nun nicht kennenlernen kann. Das ist doch eine tolle Gelegenheit."
Luca schaute ratlos von einem zum anderen. Ich musste mir jedoch eingestehen, dass ich mich allmählich für den Plan erwärmte.
"Was meinst du?" fragte ich Luke.
"Ich weiß nicht", erwiderte er zögernd. "Das ist sehr lieb von euch, und ich danke euch. Aber ich glaube, Thanos und ich sind noch nicht lange genug zusammen für so etwas. Ich meine, wir sind überhaupt noch nicht fest zusammen. Sie würde sich wahrscheinlich sehr wundern, dass sie bei den Eltern meines Freundes wohnen soll.”
“Aber wenn du ihr Thani als deinen Freund vorstellen willst, kann sie doch auch uns kennenlernen”, führte Mom an. “Wenn wir alle noch Studenten wären, würden wir auch bei Bekannten übernachten, die einen Platz frei haben, oder?" Als ob sie das je in ihrem Leben nötig gehabt hätte.
"Genau", lachte Iphy. "Meine Rede. Warum muss man es sich schwer machen, nur weil man erwachsen ist? Ist doch so."
Darüber hätte man jetzt diskutieren können unter dem Stichwort "angemessenes Verhalten", aber das war ja nicht das Thema. Ich zuckte die Schultern und sah wieder Luca an. "Ich finde, eine Überlegung ist es wert. Aber du musst entscheiden, Luke."
Das bekräftigten alle, und er nickte, etwas überwältigt von der Entwicklung.
"Na also", schloss Mom und rieb sich die Hände. "Das bekommen wir schon hin." Irgendwie hatte ich gerade nicht den Eindruck, als hätte Luca selbst noch eine Wahl. Mom fuhr fort: "Da wir gerade über Familie sprechen: Wann und wohin machen wir denn nun endlich unseren Ausflug, den wir schon seit Wochen anvisieren? Ich bitte um Anregungen."
Jetzt hatte ich allmählich genug. "Gehen wir doch nächsten Samstag zum CSD", schlug ich vor, wohl wissend, dass sie das ganz bestimmt nicht in Erwägung ziehen würden.
Iphy quietschte sofort: "Au jaaa!" und klatschte wahrhaftig in die Hände. Sobald sie sich eine Weile in Wölfels Dunstkreis aufhielt, entwickelte sie sich zu einer Fünfjährigen zurück. Sie hatte bereits den coolen Bob mit zwei pinkfarbenen Strähnchen an den Seiten versaut.
Dad hob die Brauen, Mom grinste unheilverkündend. Und versetzte mir den Tiefschlag. "Keine schlechte Idee, mal aus unserem Dorf hier unten rauszukommen. Was meinst du, Eisbär?"
Dad sah mich an, irgendwie abwägend, wie ich fand, und stimmte allen Ernstes zu. "Ja, warum nicht? Wo wir jetzt selbst ein schwules Paar beizusteuern haben."
"Klasse!" lachte Luca unangenehm erfreut. Die schienen sich wirklich einig zu sein!
Mir wurde etwas flau. "Äh, Leute ... ich stehe nächsten Samstag aber gar nicht zur Verfügung. Da bin ich bei Marcel in Düsseldorf. - Tut mir leid, tut mir leid!", wehrte ich das Protestgeheul ab. "Der Vorschlag war als Scherz gemeint, ich konnte ja nicht wissen, dass meine Eltern sich plötzlich bemüßigt fühlen, mit einer durchgeknallten Menschenmenge zu Technobeats durch die Straßen zu hüpfen."
"Wir sind vielleicht alt", belehrte mich mein Vater, "aber nicht tot."
Ich winkte ab. "Okay, okay. Aber ich muss trotzdem passen. Und jetzt geh ich schwimmen."
Es war eine Erholung, im kühlen Nass die Bahnen entlangzukraulen, während sich die anderen draußen das Maul über mich zerrissen und ihre CSD-Party planten. Die hatten mich wirklich eiskalt ausgekontert. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Dad am Ku'Damm stehen und den Schwulen und Lesben auf den Wagen zuwinken würde. Mein Dad! Bei dem Bild in meinem Kopf musste ich so unvermittelt lachen, dass ich einen Schwall Wasser schluckte und einatmete und hustend und spuckend zum Rand hetzte.
Als ich aufschaute, stand Luca vor mir, und eine Sekunde später tauchte er auch schon neben mir unter. Wir plantschten noch eine Weile, ehe wir begannen, nacheinander zu greifen, zu ringen, bald unter Wasser kämpfend, wobei mir Luca keine wirkliche Chance ließ. Er hielt mich fest und grinste, unsere Beine verschlungen, meine Arme von seinen gefesselt. In einem Wust von Luftblasen atmete ich aus, um meine Aufgabe zu signalisieren. Er ließ mich los, und mit ein paar kräftigen Schwimmzügen trieben wir nach oben und schnappten nach Luft.
Mein Herz hämmerte, und nicht nur, weil mir gerade der Atem ausgegangen war. “Du glaubst doch nicht, dass du mir entkommst?” rief ich Luke zu, leider mehr keuchend als herausfordernd, aber ich sah, dass er genauso schnaufte und genauso heiß war.
Entschlossen hielt ich auf ihn zu, er wich lachend zurück, bis ich ihn mit meinem Körper an die Beckenwand pinnte. Wenige Zentimeter trennten uns nur noch. Ich packte den Beckenrand, er legte seine Arme um meine Schultern. Sein nasses Gesicht glühte und erwartete meinen Kuss. Da tauchte ich unvermittelt ab, hörte ihn japsen, als er sich unwillkürlich umdrehte und selbst nach dem Rand griff, um nicht unterzugehen. Somit hatte ich seinen süßen Hintern direkt vor der Nase, und das war perfekt. Beherzt griff ich zu und zerrte seine Badehose hinunter. Dann biss ich kräftig in die rechte der prallen Rundungen. Sein ganzer Körper zuckte.
Rasch tauchte ich wieder auf, hielt mich nun meinerseits fest, und er revanchierte sich kichernd und blubbernd. Dann hing ich wieder am Beckenrand, er an mir, und endlich küssten wir uns. Seine Beine fanden meine Lenden, umfassten sie und drängten uns eng aneinander. Ich spürte, wie er erbebte, als unsere harten Schwänze aufeinander trafen. Unsere Hüften begannen, hitzig zu arbeiten, unsere Zungen spiegelten die Aktivität im Obergeschoss. Es war immer ein Höhepunkt der Lust, im nassen Element einen muskulösen Männerkörper zu fühlen. Aber jetzt und hier Luca zu fühlen, setzte jede Faser meines Leibes in Brand. Er machte mich verrückt. Ich hatte mal wieder Lucafieber. Just als ich eine Hand nach unten führen wollte, um es zu Ende zu bringen, ertönte über uns eine Stimme, und wir erstarrten.
“He, Jungs, ich komm zu euch. Hab’s auch mal wieder nötig.”
Entsetzt fuhren wir auseinander. Vor Schreck konnten wir nicht einmal über die entzückende Zweideutigkeit in Dads Worten lachen. Bekleidet mit einer dunkelblauen Badeshorts kam er fröhlich vom Vorraum herein, warf sein Handtuch auf eine der Bänke und winkte uns zu. Wir winkten sprachlos und wie Roboter zurück. Mit einem ziemlich eleganten Startsprung glitt er wenige Meter von uns ins Wasser.
“Das kann doch nicht wahr sein”, zischte Luca mir ins Ohr. “Ich dreh durch, ich schwör’s.”
Dad kam wieder hoch. “Ich sage euch, ohne diesen Tümpel wäre mein Rücken seit zehn Jahren im Arsch. Er schwamm rückwärts, um uns ansehen zu können, wie höflich! “Du solltest öfter vorbeikommen und auch etwas trainieren. Du auch, Lucky. Ihr seid doch beide sportlich.”
“Werden wir machen, Conny”, erwiderte Luca munter. “Bestimmt.”
Wir lachten gezwungen, und Dad fuhr fort: “Schwimmen ist die gesündeste Sportart, weil’s die Gelenke schont und trotzdem effektiv ist. Und macht außerdem eine prima Figur. Je nachdem, welchen Stil man bevorzugt, wird praktisch jeder Muskel trainiert.”
Er schwamm jetzt seitwärts - er konnte das gut -, offenbar war er in Plauderlaune. Irgendetwas würde ich tun müssen. Als er Luft holte, ergriff ich die Chance.
“Äh, Papa?”
“Ja, mein Sohn?” Er strahlte. Irgendwie schon rührend.
“Luca und ich wollen jetzt gerne rausgehen. Würdest du dich umdrehen?”
“Was? Wieso?”
Ich hatte ein kleines bisschen Mühe, meine Stimme ruhig zu halten. “Würdest du dich einfach kurz umdrehen und wegsehen, Papa? Dauert nicht lange.”
“Oh ... oh!” Jetzt hatte er verstanden. Man sah es an dem gesunden Purpurton in seinen Wangen. “Natürlich! Kein Problem! Ich kraule einfach ein paar Bahnen. Dann sehe ich gar nichts! Überhaupt nichts! Absolut nichts sehe ich da! Ja. Schönen Tag noch.”
“Dir auch, Paps.”
Er verfiel in eifrige Kraulbewegungen, das Gesicht fast ständig unter Wasser.
“Hoffentlich holt er auch mal Luft”, flüsterte Luca grinsend.
Ich war noch nie so schnell aus einem Schwimmbecken gekommen und er wahrscheinlich auch nicht. Wir sprinteten unter die Dusche, wo wir losprusteten. Mehr passierte zwischen uns nicht mehr, und ich hatte Bedenken, ob ich diese Szene jemals wieder beim Sex aus meinem Kopf bekäme.
Als wir wieder angezogen waren, verabschiedeten wir uns und kehrten in die City zurück. Unser Ziel war diesmal eine der Strandbars an der Spree, in der wir einen Sommerabend mit Cocktails verbrachten. Die Lämpchen der Lichterketten spiegelten sich in Lucas wunderschönen Augen vor mir und im schwarzen Wasser neben mir, und ich musste ein kleines bisschen sarkastisch lächeln. Schon wieder Romantik, aber sie stand dem Kerl an meiner Seite nun mal so verdammt gut.

Die Nacht hatte gut begonnen, und sie ging in Lukes Schlafzimmer auch gut weiter. Beflügelt vom Alkohol und den neckischen Erinnerungen vom Seegert’schen Schwimmbecken, kicherten wir immer wieder albern, konnten aber nach dem traumatischen Erlebnis zum Glück keine Beeinträchtigung unserer Standqualitäten feststellen.
Dank Putzels fragwürdigen Sangeskünsten erlitt unsere Nacht danach einen gewissen Einbruch. Er setzte sich draußen vor die verschlossene Tür und maunzte. Klar, er wollte rein. Luca, der bereits entspannt neben mir im Dunkeln lag, flüsterte mir zu:
“Das wird eine Zeitlang so gehen, aber wenn er von uns nichts hört, wird er sich bald trollen.”
Ich flüsterte zurück: “Okay, kein Problem”, und beschloss, das nervige Tier einfach auszublenden. Es dauerte nicht lange, bis ich Lucas tiefe Atemzüge vernahm. Schön, dass er sein Tier so einfach ausblenden konnte. Ich hingegen lag wach und wartete. So lange Putzel maunzte, wartete ich darauf, dass er aufhörte, und wenn er aufhörte, darauf, dass er wieder anfing. Denn genau das tat er. Nicht nur einmal. Katzen sind halt Nachttiere und achten nicht so sehr auf ihren geregelten Schlaf wie wir Menschen, deshalb machte es ihm vermutlich viel weniger aus als mir. Er konnte ja auch noch den ganzen Tag pennen, das verfickte Mistvieh!
Irgendwann schliefen er und ich dann doch ein.
Leider erwachte ich nur wenige Stunden später, weil ich auf die Toilette musste. Durch die Vorhänge dämmerte der Morgen, doch im Zimmer war es noch recht dunkel, und ich versuchte störrisch weiterzuschlafen, jedoch vergebens. Was sein muss, muss eben sein. Ich fürchtete nur, dass Putzel mich, sobald ich hinausging, hören könnte und das Theater dann von vorne losging. Ich hatte keine Lust, wieder auf der Couch zu schlafen, und das Bett mit Putzel teilen würde ich gewiss nicht. Aber es half alles nichts.
Vorsichtig rollte ich mich aus dem Bett. Luca bewegte sich, schien aber weiterzuschlafen. Lautlos schlich ich zur Tür, drehte so leise ich es vermochte den Schlüssel und drückte die Klinke herab. Indem ich die Tür aufzog, warf ich einen Blick über die Schulter, um festzustellen, dass Luca wohl wirklich nicht aufgewacht war. Gut. Ich machte einen Schritt hinaus, und mein Fuß blieb an einem festen, stumpfen und vollkommen unbeweglichen Gegenstand hängen. Nur halbwach, wie ich war, verlor ich sofort das Gleichgewicht und stürzte mit einem krächzenden Schreckensschrei vorwärts. Putzel, der offenbar direkt vor der Schwelle genächtigt hatte, stob mit empörtem Kreischen davon, und ich fand mich auf Händen und Knien und mit explodierendem Puls wieder.
“Thanos?!” Natürlich war Luca nun hellwach. Zwei Sekunden später hockte er bei mir und fragte entsetzt: “Thanos, was ist passiert?”
Ächzend wandte ich mich ihm zu. “Dein Kater hat versucht, mich aus dem Weg zu räumen mittels Herzinfarkt oder wahlweise Genickbruch.”
“Oh nein! Bist du verletzt?”
“Ich glaube nicht.”
Mit seiner Hilfe raffte ich mich auf und trottete, gegen das Licht blinzelnd, das er angedreht hatte, ins Bad. Abgesehen von meinen Knien, die ein wenig schmerzten und meinem noch immer rasenden Herzschlag, war alles in Ordnung. Während ich mich erleichterte, fiel mir wieder mal die Katzentoilette ins Auge, und ich schnaufte gereizt. Als ich mich kurz darauf wieder ins Bett kuschelte, bekam ich einen zärtlichen Kuss, musste Luca schwören, dass es mir gut ging und erhielt seine Versicherung, wie leid es ihm tue. Zu dumm nur, dass ich die ganze Zeit den Eindruck eines unterschwelligen Grinsens bei ihm nicht los wurde.

“Echt blöd, dass du hier nie in Ruhe schlafen kannst”, meinte Luca beim Frühstück. “Das ist doch kein Zustand. Ich kann ja jetzt öfter zu dir kommen.”
“Wenn du willst”, erwiderte ich gähnend. “Dann hast du den Stress mit der Fahrerei, und du kannst nicht bei deinen Katzen sein. Genauso schlecht. Sorry, Luke, es liegt nicht an dir, aber unsere Beziehung ist ein Monster an Terminierung.” Ich trank ein paar Schlucke Kaffee und rieb mir über das Gesicht. Natürlich hatte ich nicht mehr richtig schlafen können und fühlte mich unausgeruht.
Luca nickte betrübt. “Ist halt so bei einer Fernbeziehung. Das ist immer anstrengend. Wir müssen alles planen, können nicht mal eben beim anderen vorbeigehen. Es wäre halt viel einfacher, wenn wir in derselben Stadt leben würden.”
“Das ist wahr. Aber nicht zu ändern. Ich werde jedenfalls nicht nach Berlin ziehen, und ich nehme nicht an, dass du nach Halle ziehen würdest?”
“Würde ich nicht besonders gerne.”
“Eben.”
Wir beendeten unsere Mahlzeit.
Luca hatte erwähnt, dass er zu Ostern mit Iphy den Gottesdienst im Berliner Dom besucht, das Bauwerk aber nicht im Ganzen besichtigt hatte. Ich verschwieg ihm meine Verwunderung über das mir völlig unbekannte Interesse meiner Schwester an Religion, pries ihm nur die Kuppel des Doms an, die man unbedingt gesehen haben sollte. So einigten wir uns darauf, ebendiese Kuppel anzusehen, zumal man für das günstige Eintrittsgeld ja auch noch die Krypta und das Café besuchen konnte. So erfüllte ich wenigstens diesen Punkt meines Tagesplans.
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