Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Branza 2062

von A1etheia
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
OC (Own Character)
23.08.2019
27.09.2019
3
11.464
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
26.08.2019 6.026
 
25.05.2063

Es dauert fast zwei Wochen, bis Boris wieder an meine Tür klopft. Dieses Mal ist er besser drauf, die Miete für meine Familie ist bezahlt und mit dem Job, den er jetzt anbringt, sieht’s auch für den nächsten Monat gut aus. Von den 8k, die ich von Brackhaus bekommen habe, ist nichts mehr übrig. Am wichtigsten war es, Boris auszuzahlen. Den Rest hab ich in eine SIN gesteckt: besser, als die gestohlene SIN der Tschechin, die ich bisher mit mir rumgetragen habe und die wahrscheinlich schon auf irgendeiner Liste steht. Die Daten der neuen sind auf mich zugeschnitten und eine Magielizenz ist auch dabei.

Der Job verspricht schnell und leicht verdiente Creds. Ein Einbruch, bei dem wir ein CommLink mitgehen lassen sollen. 1k gibt’s dafür. Boris meint, das wär so ne Art Entschuldigung, dafür, dass wir letztes Mal mit den Vori aneinander geraten sind. Er meint, ein Schieber müsste wissen, wo er seine Leute reinschickt. Und deswegen sind die anderen vom letzten Mal auch dabei. Alle außer BroZac. Trigger ruft ihn sogar an aber es geht jemand anders ran und sagt, Bruder Zacharias wäre auf einer Besinnungswoche. Stattdessen kommt David, der Decker, der uns letztes Mal die Infos beschafft hat.

Unseren Kontakt treffen wir dieses Mal in einer Karaoke-Bar in Düsseldorf. Das Ziel ist ein elfischer Architekt, der in einer gesicherten Wohnanlage lebt. Wenn wir bei dem Bruch keine Spuren hinterlassen, gibt es nochmal 50% Aufschlag aber es muss heute Nacht über die Bühne gehen, keine große Zeit für Vorbereitungen.

Dieses Mal soll alles glatt laufen: keine Schießereien, niemand soll wissen, dass wir da waren. Im Schatten der Bäume am Zaun um die Anlage strecke ich mich in die astrale Welt und ein Geist folgt meiner Bitte. Er erscheint als kleines Männlein und willigt ein, mir zu helfen. Den Part des Spähers übernimmt Razmi. Sie hat eine kleine Drohne, die aussieht, wie eine Wespe und fliegt damit rüber. Irgendwas klappt nicht so ganz. Das Ding verfängt sich in einem Lüftungsgitter oder so, kommt dann aber frei und findet zwei Leichen. Für den Transport der CommLinks zwischen ihnen ist es zu schwach. Ich muss ran.

Ich schlüpfe durch das Loch, das wir in den Zaun geschnitten haben und laufe unsichtbar zur Anlage rüber. Die Schlösser sind leicht zu knacken und dank Razmi weiß ich, wo ich hin muss. Im Wohnzimmer der Zielwohnung liegen die Leichen. Die erste ist ein Ork. Er wurde erschossen, keine Ahnung, wer das mal war. Auf dem Goldkettchen um seinen Hals steht Oxicode. Die andere ist der Architekt, um dessen Comm es geht. Sein Hals ist dunkel angelaufen aber ich sehe nicht so genau hin. Der Tisch ist voll mit kleinen Pillenpäckchen. Das Zeug ist auf der Straße ne Menge wert. Ich hab auch schon ne Menge Drogenwracks gesehn. Eigentlich sollte ich es vernichten aber ich verändere nichts, schnappe mir nur die CommLinks und Razmis Drohne und bin wieder weg. Der Bruch ging schnell, niemand hat mitbekommen, wie ich rein und wieder raus bin. Hinter mir richtet das kleine Geistmännchen ganz vorsichtig die Grashalme wieder auf, auf die ich bei meinem kurzen Sprint getreten bin.

Schon bevor ich wieder beim Zaun bin, hör ich, wie die anderen sich streiten. Ein Mann kommt vorbei, dreht sich nach ihnen um und geht dann weiter. Ich schicke ihm das Männlein hinterher, damit er sich später nicht mehr daran erinnert. David hat angefangen mit dem Zoff. Er glaubt, dass wir jetzt in der Scheiße stecken, die die beiden Typen in der Wohnung umgebracht hat und vermutlich hat er Recht. Ich bin mir sicher, dass ich in der Anlage sauber unterwegs war, da ist nur noch das Loch im Zaun. David besteht drauf, Spuren zu vernichten und fängt mit unseren eigenen CommLinks an. Die wären Schrott, meint er.

Wir haun ab und warten, während der Decker die erbeuteten CommLinks checkt. Eines davon ist nichts Besonderes, Massenware. Das andere ist High Class, für Leute mit einem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis. Mitten in der Nacht treffen wir uns noch mit Herrn Klausen, dem Schmidt. Er bekommt von uns das Standardteil und wir die Kohle. Zeitplan eingehalten, Auftrag abgeschlossen.

26.05.2063

Wir wollen rausfinden, wer der Ork war, wer der Elf war und warum die beiden tot sind, damits uns nicht auch erwischt. Erstmal gehen wir nach Hause, schlafen. Um Mittag rum treffen wir uns dann bei BroZac. Er ist wieder zurück und wir ziehen ihn, ohne nachzudenken, mit rein in die Sache. David hat die Nacht durchgemacht und sich das CommLink genauer angeschaut. Er meint, dass es ziemlich krass gesichert wäre und er noch ne Weile braucht, um es zu knacken. Er regt sich auf über unsere Hardware, sagt, wir bringen ihn in Gefahr mit den billigen Comms. Dann klingelt seines. Der, der dran ist, sagt, die Straße brennt. Man würde sich aus unterschiedlichen Ecken nach den Runnern umhören, die bei dem Elfen eingestiegen sind und irgendwie ist die Verbindung zu David da. Sogar das BKA sucht uns. David schiebt Panik.

Scheiße, wie viele Comms ich wie vielen Leuten schon aus der Tasche gezogen habe. Wieso muss ein so billiger Diebstahl schiefgehen? Wenn sie mich finden, finden sie auch meine Familie. Es gibt nicht mehr viele Orte, an die wir fliehen können, wir werden einfach überrollt. Auch BroZac kriegt Schiss. Er wollte nur das Heim über Wasser halten, niemanden in Gefahr bringen, war bei dem Bruch nicht mal mit dabei. Er hat noch Geld über und ruft bei einem Zeltlager an, ein paar Tage Freizeit für seine Kids. Er bietet mir an, auch unsere Kinder, meine Neffen und Nichten, mitzuschicken. Bis jetzt konnte ich mir nicht vorstellen, sie überhaupt wegzuschicken, noch viel weniger mit Gadže, Fremden, trotzdem sage ich ja. Wenn man uns findet, sollen sie nicht da sein.

Ich muss meine Familie warnen aber David hat ja mein CommLink geschrottet. Also lasse ich meinen Körper zurück. Boris sitzt in seinem Kabuff. Auf seinem Schreibtisch liegen ein Revolver und ein paar aufgeschlagene Pornoheftchen. Er ist aufgeregt, gierig und telefoniert. In seinem Büro sind keine Spiegel oder Kameras, nichts, dass ihm sagt, dass ich mich hinter ihm materialisiere, um besser lauschen zu können. Es geht um mich und ein Druckmittel gegen mich: Den Packen Zigeuner auf seinem Parkplatz. Er plappert dem Typen am Telefon eine hohe Summe nach, grinst dreckig und hat uns verkauft. Boris spricht den anderen mit einem japanischen Namen an. Wenn wir so richtig in der Scheiße sitzen, ist es Renraku. Ich sage Janosch, wo er die Kinder hinbringen soll und bin wieder im Heim, bevor die anderen meinen Körper zurücklassen oder irgendwo hinbringen, wo ich ihn nicht wiederfinde.

Trigger ist drauf vorbereitet, schnell mal abtauchen zu müssen. Sie hat einen Container gemietet. Eigentlich ein Lager für Zeug, für das die Leute zuhause nicht genug Platz haben aber Trigger hat da ein Sofa, ein Trid und eine Menge Dosenessen drin. Kaum sind wir da, kauere ich mich in eine Ecke und verlasse meinen Körper wieder, während die anderen versuchen, das CommLink zu knacken. Ich finde eine vertraute Gegend und von dort aus die Raststätte. Die Kinder sind schon weg und unsere Wägen, der Bus und die Motorräder sind startklar. Die Männer fehlen. Die haben sich Boris vorgeknöpft. Der ist in die Ecke gedrängt und wird gleich Prügel beziehen. Wir haben keine Zeit, ihr müsst weg, die sind sicher schon unterwegs, er wird später büßen. Einer der Fernfahrer, die hier parken kuckt rüber und greift zum Telefon. Ihr müsst weg!

Die Kolonne fährt los. Es ist eine Menge Technik in der Luft: Drohnen und Hubschrauber. Die Autobahn wird quasi immer überwacht. Sternschutz, Krankendienste und der ADAC beobachten den Verkehrsfluss. Dazu kommen noch die Medien, die für Bilder vom nächsten Unfall oder besser noch einer Verfolgungsjagd auf der Lauer liegen. Wir sind noch nicht lange unterwegs, da schießen Sternschutzwagen mit Sirene und Blaulicht auf der Gegenspur an uns vorbei in Richtung Raststätte. Die Drohnen über der Autobahn reagieren und richten sich auf die Action aus. Wir fahren ab und ich springe zwischen Onkels Wagen und den vielen möglichen Wegen vor uns hin und her. Ich lotse meine Leute um die Hindernisse, hauptsächlich Staus und Polizeistreifen, herum. Von hinten kommen Hubschrauber, schwarz ohne Logos oder Werbeaufdruck, dafür bewaffnet. Vor denen kommen wir nicht so einfach davon. Ich entdecke eine Waschanlage, ein großes überdachtes Areal, in dem gerade nicht viel los ist und unsere Fahrzeuge verschwinden darin, nur kurz bevor die Hubschrauber die Straße absuchen, auf der wir gerade noch unterwegs waren. Wir atmen durch und warten ab, bis sich der Luftraum über uns wieder beruhigt hat und noch ein paar Streifenwagen an uns vorbeigezischt sind. Dann geht es weiter, zu einem baumbestandenen Pendlerparkplatz, an dem am Wochenende nichts los ist.

Es dauert etwas, bis ich den Container und meinen Körper darin wiedergefunden habe. David hat sein Deck dabei und ist mit dem CommLink weitergekommen. Auf dem Gerät ist sowas wie ein Tagebuch gespeichert, eine Nachricht. Sie ist von Sebastian Dietrich, einem Polizisten vom BKA, der den falschen Fall zu gründlich bearbeitet hat. In der Datei kommen eine Menge Namen vor, Beamte, Politiker, Runner und Terroristen und auch der Ork Oxicode. Dietrich schreibt von irgendwelchen Abstimmungen, von politischen Kampagnen, einem Bombenattentat und von Operation Morgengrauen.
Während wir die die Daten durchgehen, laufen die Nachrichten im Trid. Der Sprecher sagt, dass der Architekt, der die neue Sparkassenzentrale von Dortmund entworfen hat, gestern an einem Herzleiden verstorben ist. Irgendwer vertuscht den toten Ork, die Pillen und die Würgemale.

Wir sind noch nicht ganz durch mit den Dateien, als es an der Metallwand klopft. Aufgeflogen. Wir sitzen in ner Dose mit nur einem Ausgang. Eine Frau steht vor der Tür. Sie nennt sich Elisabeth und behauptet, sie wäre eine Freundin von Dietrich. Er will uns treffen. Eigentlich will er das Comm zurück und vermutlich auch herausfinden, wieviel wir wissen und wem wir was davon gesteckt haben. Elisabeth bietet uns 80k im Tausch gegen das Comm, heute um 18 Uhr im Gladbecker Zoo. Wir lassen sie nicht gleich gehen, quetschen sie aus über Dietrich und lassen nicht durchblicken, dass wir die Nachricht geknackt haben.

Wir haben uns schnell entschieden, zu dem Treffen zu gehen und in der kurzen Zeit auch einen halbgaren Plan aufgestellt. Ich mache uns einen der Nachbarcontainer auf und wir haben neue, normale Kleidung, mit der wir aussehen wie jeder andere. BroZac und ich sind ein Team. Wir fallen am wenigsten auf und wir brauchen keine Waffen, um uns zu verteidigen. Ich bin ganz froh über die Aufteilung, mach mir nicht so viele Sorgen, dass er was versemmeln könnte. BroZac ballert nicht wild rum, wie Trigger, kackt nicht jeden an, wie Razmi und ist nicht überdreht paranoid, wie David. Dafür weiß er, was richtig ist und was falsch. Wir zwei gehen getarnt als normale Zoobesucher durch den Haupteingang rein, um uns auf dem Gelände umzuschauen. Die anderen werden Ausrüstung, Waffen und so weiter, mitnehmen und sich wo anders einschleichen. Noch im Auto verberge ich mein Gesicht hinter einer Maske, sehe jetzt aus, wie ein nettes, normales Mädchen. Eines, das keine Probleme hat und keine macht. Ich bin zufrieden. BroZac nimmt meine Hand, als wir durch das Tor gehen und sagt: „Vorher hast du mir besser gefallen.“ Die nächste Stunde ist ein bisschen, wie aus einem High-School-Film.

Der Treffpunkt, den uns Elisabeth genannt hat, das Echsenhaus, ist für Besucher gesperrt. Auf den Schildern steht was von Renovierungsarbeiten. Kein Problem für uns. Was Einbrüche angeht bin ich wirklich Profi. Innen ist es duster. Beinahe übersehen wir die zwei am Boden liegenden Bauarbeiter. Sie atmen, sind nur betäubt. Die meisten Tiergehege sind entweder leer oder abgehängt. Nur durch ein großes rundes Fenster im Dach fällt etwas Licht. Beinahe zeitgleich mit uns treffen die anderen ein. Bis hierher läuft alles nach Plan.

Im Halbschatten steht eine Gestalt. Sie schwankt, als ob sie viel zu viel getrunken hätte und es ist klar, dass gleich was schiefgehen wird. Neben ihr steht eine schwarze Sporttasche. Die Gestalt ist ein Mann, der vor sich hin flucht und uns gar nicht zu sehen scheint. Er stinkt, seine Klamotten sind dreckig und wahrscheinlich ist er krank. Seine Datenbuchse ist entzündet. Es steckt noch ein Chip drin aber was man davon erkennen kann, sieht verkohlt und verschmort aus. BroZac geht zu ihm hin, nennt ihn Chang. Dann knallt von hinten ne Kugel durch Changs Schulter.

Auf einmal stehen dunkel gepanzerte Gestalten auf den Balustraden über uns. Das Gatter zu einem der Gehege öffnet sich und schwarze Hunde mit rot glühenden Bächen in ihrem Fell stürzen auf uns zu. Zwei grüne Punkte wandern über meinen Oberkörper und ich kann nicht mal mehr die Schüsse hören. Ich komme in BroZacs Armen wieder zu mir, spüre, dass jemand, vermutlich er, eine Menge Energie in mich hinein gepumpt hat. Ich fühle meine Beine kaum, schaffe es gerade so, den anderen hinterher zu taumeln. Hinter uns geht eine Granate hoch, das Dachfenster platzt und Seile fliegen in die Halle. Wir sind am Arsch, fliehen. Kurz bevor wir draußen sind, erwischt es BroZac. Die anderen rennen weiter durch die Tür nach draußen. Nicht ich. Ich kann das nicht, auch, wenn mir die Kugeln um die Ohren fliegen. Ich krieg ihn nicht hoch, jage Magie in ihn rein, bis BroZac die Augen wieder aufmacht. Gemeinsam stolpern wir ins Freie. Da herrscht Panik und wir gehen unter in der fliehenden Menge.

Erstmal verstecken wir uns in einer kleinen Seitengasse, dann versuchen wir ein Taxi von hier weg zu finden. Es dauert ewig. Um den Zoo herum ist grad übles Chaos und wir sehen ziemlich mitgenommen aus, Blut und alles. Wir passen nicht alle in das Taxi rein, das für uns stehen bleibt. Razmi und ich laufen weiter, bis wir auch eines kriegen. Wir wollen zu Dr. Schneider. Die ist ein Kontakt von Trigger und betreibt eine Ein-Frau-Straßenklinik. Als wir endlich ankommen, liegt Chang schon auf ihrem Tisch und Schneider holt ihm die Kugel raus. Mit der durchgebrannten Datenbuchse kann sie aber auch nix machen. Sie entfernt den kaputten Chip und meint, es wär eine Persona. Irgendwer hat versucht, den Mann vor uns umzuprogrammieren oder auszulöschen. Die Zielscheibe auf unserer Stirn ist gerade nochmal ein bisschen größer geworden.

Schneider weiß einen Spezialisten, dem sie zutraut, die Sauerei wieder zu richten. Sein richtiger Name ist Thomas Merkeln aber jeder kennt ihn als Dr. Sunshine. Die Trids sind zurzeit voll von seinem bevorstehenden Prozess. Der Wixer baut Bunrakos, entführt Kinder und macht Spielzeuge aus ihnen. Er scheint unsere einzige Chance zu sein, aus Chang oder Dietrich oder wer immer das ist, irgendwas raus zu bekommen.

Meine Schusswunden hat Schneider gleich mitversorgt und meint, zusammen mit den Heilzaubern sind sie in ein paar Tagen nicht mehr zu sehen. Mit der örtlichen Betäubung spür ich sie schon jetzt kaum. Sie will uns aus ihrer Praxis raus haben, also ziehen wir los, um bei einer Autovermietung drei Straßen weiter einen Van zu klauen. Razmi und David kommen mit mir mit, weil sie sich mit dem Technikkram auskennen. Als Einbrecher sind sie echt unbrauchbar. Sie kriegen sich schon darüber, wie man am besten über den Zaun klettert, in die Haare. Irgendwie schaffen wirs dann doch noch, mit dem Teil vom Hof zu fahren, ohne dass wir den Sternschutz an den Hacken haben.

Razmi hat bei ihrem Kumpel Basti im Orkuntergrund ein Versteck für uns klar gemacht. Da bringen wir Chang jetzt hin. Im Radio ist die Schießerei am Zoo immer noch Thema Nr. 1. Dort heißt es allerdings, dass eine Einheit von MET2000 einen Terroranschlag von GreenWars verhindert hat. Sie sagen außerdem, dass die Polizei gerade Phantombilder der Terroristen anfertigt. David sieht sich die Videos dazu in der Matrix an. Beim offiziellen Material sind an manchen Stellen GreenWars Zeichen reinretuschiert. Unsere Gesichter kann man auf keiner Aufnahme erkennen.

Unser neues Versteck ist ein Zwei-Zimmerverschlag in einem aufgegebenen Stollen: ein Loch im Fels, vor das jemand eine Tür mit Vorhängeschloss gemacht hat. Rauer Spritzbeton, eine Sperrholztrennwand, ein Klappbett, ein Sofa, nicht mal genug Decken für jeden von uns. Ich sorg dafür, dass BroZac das Sofa bekommt. Er tut zwar so, als gings ihm gut, mir kann er aber nichts vormachen, ich seh doch seine Aura.

27.05.2063

Razmi ist dabei, den Inhalt der Sporttasche zu checken. Es sind genau 100 Credsticks drin und bisher sind auf jedem 1000 Nyuen drauf. Ich sitz gerade bei Chang, als er aufwacht. Er hat keine Ahnung, wo er ist, vielleicht auch wer er ist, versucht zu fliehen und rennt mich über den Haufen. An Trigger kommt er nicht vorbei. Als er am Boden liegt und wir ihm sagen, wer wir sind und was passiert ist, beruhigt er sich. Er sagt, er wär Sebastian Dietrich, Rakowitz hätte ihn geschnappt und diese Personasache benutzt, um Infos aus ihm rauszubekommen. Rakowitz ist ein Name aus den Files vom CommLink. Er ist der zweite Bürgermeister von Dortmund und soll bei Operation Morgengrauen mit drinstecken. Die soll die Leute gegen die Orks aus dem Untergrund aufwiegeln, damit sie keine SINs bekommen, damit ihre Existenz nicht legal gemacht wird. Bald ist deswegen eine Volksabstimmung und die durchgeknallten Rassisten haben Schiss, dass die Troggs sie überrennen, wenn sie Bürgerrechte und einen Wasseranschluss bekommen und reden sich ihre Kampagne als Verbrechensprävention schön.

Dabei sind die die Verbrecher. Dietrich sagt, bei Morgengrauen geht’s darum, den Untergrund auszuhungern und einen Aufstand anzuzetteln, damit jeder sieht, wie gefährlich die Orks sind. Er hat hier unten Kontakte, Leute die er kennen gelernt hat, nachdem er das BKA verlassen musste, weil da zu viele bei Rakowitz mit drinstecken. Den Leuten hier vertraut er. Es geht immerhin auch um deren Haut. Wir sollen jemanden namens Snapshot finden. Snapshot ist Politiker, Aktivist und Metamenschenrechtler.

Der Typ scheint beliebt zu sein. Wir fragen uns durch die Gänge aber angeblich kennt ihn keiner. Es dauert etwas, bis uns ein Mädchen zu seinem Büro bringt. Snapshot heißt Matthias Berger, ist Zwerg und eines der Gesichter von Projekt Freiheit. Er ist misstrauisch und hängt sich erstmal ans Telefon, während wir draußen warten sollen. Das ist kein besonders guter Schutz. Ich hör mit, wie er Freunde von sich zu unserer Unterkunft schickt. Razmi hat ihre Drohnen dort geparkt und will die anderen vorwarnen, bricht dann aber schreiend zusammen, als BroZac drüben in unserem Versteck die kleine Wespe kaputt macht, während sie noch drin ist. Razmi hat furchtbare Schmerzen, schreit und krümmt sich. Wir kümmern uns also erstmal um die Riggerin und können den anderen nicht mehr Bescheid sagen, was da auf sie zukommt. Bergers Freunde schnappen sich David und der plaudert alles aus. Es wird viel rumgeschrien, bis wir uns darauf einigen können, dass keiner von uns bei Morgengrauen mit drinsteckt und wir uns nicht gegenseitig an die Kehle wollen.

Uns ist klar, dass wir nicht einfach zuschaun werden, dass wir was tun müssen. Den meisten von uns zumindest. Was tun heißt, Dietrich muss wieder gesund werden. Der weiß nämlich, mehr als das, was auf seinem Comm gespeichert ist. Und außerdem, wenn einer krank ist, dann helf ich ihm, egal, wo er herkommt. Wir haben nur einen Weg, Dietrich wieder fit zu kriegen. Auch Snapshot fällt nichts Besseres ein, außer Sunshine ranzuschaffen. Den Kinderschänder aus dem Knast zu holen ist aber genau das, was keiner von uns will. Am Ende beschließen wir, sicher zu stellen, dass er seine Strafe auf jeden Fall bekommt.

Morgen kommen unsere Kinder von der Freizeit zurück, während die halbe Welt versucht uns zu geeken. Wir sind kurz davor, einen Bunraku-Schmied aus der U-Haft zu befreien. Der Run auf die Haftanstalt ist nur halb durchdacht aber bisher hatten wir auch noch für nix nen geilen Plan, der dann auch noch funktioniert hat. Und das alles hat erst vorgestern mit einem einzigen beschissenen CommLink angefangen.

Trigger hat Razmi mit allem an Pillen aufgepäppelt, was sie so dabei hat und langsam geht’s der Orkin wieder besser. Die Wespe zu zerschlagen war ne ziemlich dumme Aktion, auch, wenn man Technik ablehnt. Razmi ist nochmal davon gekommen aber das hätte aber auch anders schief gehen können. Die Riggerin ist wütend und wenn sie sich nicht mit ihren Drohnen ablenken würde, wär sie BroZac schon tausend Mal an die Kehle gesprungen. Sie hat den Dobermann umgebaut und verkleidet und er sieht jetzt aus wie eine professionelle Putzstation. Sie hat außerdem nen Kumpel, der bei einem Reinigungsdienst arbeitet. Die Orkin verspricht ihm ein paar von Dietrichs Nyuen, dafür, dass wir bei seinem Arbeitgeber einsteigen und nen Van klauen dürfen. Das läuft wie am Schnürchen. Wir haben jetzt einen Lieferwagen der flotten Biene und Razmis Kumpel ne Beule und nen Credstick.

David hat unseren Zeitplan in der Matrix abgeklärt und die normale Putzkolonne abbestellt, so dass wir nicht verdächtig sind, wenn wir da ankommen. In so ner Haftanstalt ist alles voller Kameras, die unsere Gesichter nicht sehen sollen. Ich trau mir zu, neben mir noch Trigger und BroZac mit einer Maske zu tarnen, ohne dass wir auffliegen. Das ist ziemlich kompliziert und braucht fast meine ganze Aufmerksamkeit. Wir müssen durch eine Schleuse durch, wo die Waffenkontrollen durchgeführt werden. Es dürfen zwei auf einmal rein, was den beiden reicht, um den Wachmann auszuschalten, während ich ihre Tarnung aufrechterhalte. Hinter der Wachstube ist noch ein kleines Zimmer mit Computern drin, wo wir ihn verstecken. Im ersten Stock gibt’s einen Videoüberwachungsraum aber die Polizisten dort sind mit ihrer auslaufenden Kaffeemaschine beschäftigt, Triggers Idee. Wir haben gerade die Drohnen und die Waffen an den Sensoren vorbei nach drinnen gebracht, als eine Streife mit einem Ganger in Handschellen vorfährt. Razmi bekommt das Aussehen und die Stimme vom Wachmann Thomas und kann die Sache handeln, ohne dass wir auffliegen. In der Zwischenzeit überwältigen die anderen die Wachen im Videoraum. Sunshine rauszuholen ist dann easy. Er glaubt, wir wären von der Russenmafia und folgt uns ohne Aufmucken. In einer Gasse zwei, drei Kilometer weg wechseln wir in den zweiten gestohlenen Van und lassen in dem von der flotten Biene eine Phosphorgranate hochgehen. Das haben wir Razmis Kumpel vorher nicht gesagt.

Zurück im Untergrund nennen wir Sunshine unsere Bedingungen und er uns seine. Er will, dass wir ihn laufen lassen. Klar, dass wir ihn anlügen. Wir sehen alle zu, als er an Dietrich rumschraubt aber keiner von uns hat Ahnung von dem, was da passiert. Irgendwann ist er fertig. Sunshine sagt, dass er die falsche Persona Chang von Dietrichs echter Persönlichkeit abgekapselt hat. Er sagt auch, dass er eine Absicherung für sich eingebaut hat. Ein Codewort, das er uns erst verrät, wenn er hier weg ist und ohne wird Sebastian Dietrich für immer verschwinden, weil Chang ihn überschreibt. Er glaubt, er wär schlau aber nach einer von Triggers Pillen geht er bei BroZac beichten.

Wir wecken Dietrich und er ist wieder der Mann, den Snapshot kennt. Dietrich verspricht uns die Kohle aus seiner Sporttasche, wenn wir helfen, die genauen Pläne für Morgengrauen zu finden und zu vereiteln. Aus der Sache kommen wir eh nicht mehr raus.

28.05.2063

Heute Vormittag kommen die Kinder von ihrer Freizeit wieder. BroZac fährt ins Jugendheim, um sicherzustellen, dass bei ihnen alles in Ordnung ist und ich kaufe mir ein neues CommLink, damit ich bei meinem Onkel anrufen kann. Sie wollen die Kinder nicht länger bei Fremden lassen und sofort abholen. Seitdem wir uns getrennt haben, mussten meine Leute nochmal den Standort wechseln. Berschko wurde dabei von der Polizei geschnappt und ist jetzt in Gewahrsam. Ich verspreche, dass ich mich drum kümmern werde und mache ihnen einen Standplatz bei Fussel klar.

Es ist Mittag, als wir uns alle mit Snapshot und dessen Kumpel Tauren im Beans & Burritos im Untergrund treffen. Wir haben mit dem Essen noch nicht angefangen, da fliegt der Laden in die Luft. Ich knalle mit meinem Kopf gegen einen Pfeiler und einen Moment wird mir schwarz vor Augen. Die Bombe ist nur eine von vielen, die alle ungefähr gleichzeitig hochgehen. Überall ist Feuer, Rauch. Vor dem Ausgang ist ne Flammenwand, Leute schreien. Ich greife blind ins Astrale, schreie nach Wasser, lasse den Geist das Feuer um uns ersticken aber es ist viel zu viel. Snapshot weiß, wo die Steuerung für Feuertüren, Löschanlagen und Belüftung ist. Von irgendwo her hat der Troll Tauren eine Autotür und bahnt uns einen Weg durch das Chaos. Maschinengewehrfeuer dröhnt zu uns rüber. In den verwinkelten Tunneln des Untergrunds hören wir nicht, von wo es kommt, hämmert es von allen Seiten auf uns ein. Der Astralraum bebt, Tod und Schmerz verdunkeln ihn. Wellen der Angst schwappen durch ihn und durch mich hindurch.

Auch der Steuerraum brennt. Im Stockwerk oben drüber können wir vielleicht noch was retten. Von allen Seiten erreichen uns Schreie und wir trennen uns, um die Eingeschlossenen zu retten. Alles egal, sie werden trotzdem sterben, wenn Morgengrauen nicht gestoppt wird. Die Gänge sind verstopft, mit Feuer, Schutt und panisch Fliehenden. Snapshot bringt uns zu einem Lüftungsschacht, den wir nach oben klettern. Wir steigen einer nach dem anderen raus und haben die Läufe von Kalaschnikows auf uns gerichtet. Die Gestalten unter den Gasmasken sind nicht die Terroristen, nur Kinder, die Angst haben. Wir tun uns zusammen, um die Lüftungsanlage zu reparieren, die zerstörten Teile zu ersetzen. Die Umwälzpumpen laufen wieder und verschaffen denen in den Tunneln unter uns etwas Zeit.

David bringts fertig, die Nachrichten von draußen zu checken, während wir uns durch den Rauch kämpfen. Sie sagen, dass extremistische Orks kurz davor sind, die umliegenden Stadtviertel zu stürmen. Erste Menschen an der Oberfläche fliehen vor den brutalen Troggs und Aufruhrbekämpfungseinheiten riegeln die bekannten Ausgänge ab. Hier unten kommen uns die Orks, die gerade noch Richtung Ausgang gelaufen sind, wieder entgegen. Sie brüllen, dass am Haupttor geschossen wird, dass Truppen von dort aus nach innen vorrücken.

Der größte Eingang zum Untergrund ist eine ehemalige U-Bahnstation, eine riesige Halle in der Hunderte Orks und Menschen panisch brüllen und trotzdem noch vom Gewehrfeuer übertönt werden. Mit der Mittagssonne im Rücken dringen weißgekleidete Einheiten in die Halle vor. Auf ihren Rüstungen sind rote Kreuze aufgemalt und die Waffen in ihren Händen spucken Tod und Feuer. Sie schießen auf alles, was sich bewegt, hauptsächlich in die Rücken der Fliehenden. Es ist wie ein Déjà-vu, nur, dass sich heute eine Betondecke und nicht der weiß-blaue Himmel über uns spannt. David verfolgt mit seinem CommLink, wie Spezialeinheiten der Polizei oben Sperren aufbauen. Lautsprecher bringen die Warnung der Ordnungsmacht von draußen nach drinnen. „Bleiben sie zurück oder wir eröffnen das Feuer!“ Snapshot schwingt sich auf einen Mauervorsprung, versucht in dem Chaos die Leute um uns herum zu erreichen, ein paar drehen sich um, hören ihm zu aber es ist nur ein Tropfen im Feuersturm.

Meine Kameraden laufen nach vorne, den weiß vermummten Angreifern entgegen, feuern. Ich beschwöre den Geist des Untergrunds, stecke meine ganze Kraft in den Ruf. Der Fels, der zu mir kommt, ist gewaltig und er ist sauer, weil seine Domäne angegriffen wird. Er bricht den Boden auf, errichtet einen Wall, hinter dem sich mein Team verschanzt, bevor die Lawine, die er ist, auf die Feinde niedergeht. Die Grubenwehr ist jetzt auch da, kauert sich neben uns in die Deckung und schießt die Angreifer nieder. Die weißen Gestalten konzentrieren ihr Feuer auf uns, den fast einzigen Widerstand, der ihnen geboten wird. Sie haben schwere Waffen dabei, deren Geschosse kopfgroße Krater in den Beton schlagen. Der Geist schlägt zurück und die Decke begräbt sie unter sich.

Wir werden zum Zentrum des Angriffs. Mindestens ein Magier ist dabei, Zauber fliegen in unsere Richtung. Eine übermenschengroße strahlende Gestalt mit Flügeln aus Licht taucht über der fliehenden Menge auf. Der dunkle Geist des Felsen stellt sich ihm entgegen. Die beiden überirdischen Wesen verkeilen sich ineinander, während die Flammen weiter um sich schlagen. Eine Salve schlägt in mich ein.

Ich wache auf, als Trigger mich mit allem vollstopft, was der AutoDoc hergibt. Die Halle ist beinahe leer. Die Brände kokeln nur noch vor sich hin. Snapshot redet mit den Einsatzkräften, die Situation hat sich beruhigt. Draußen überschlagen sich die Hilfsangebote. Ares stellt die werkseigenen Krankenwagen werbewirksam vor die Kameras. Videoaufnahmen des Angriffs gehen durch alle Medien. Jeder will wissen, was los ist, mit uns reden. Ich beiße die Zähne zusammen und schleiche mich aus dem Scheinwerferlicht.

Der Rest verzieht sich mit mir, wir beschließen, heute in echten Betten zu schlafen, nehmen einen Nebenzugang, der inzwischen geräumt wurde und suchen uns ein kleines Hotel mit online Check in.

29.05.2063

Für unsere Verabredung mit Dietrich heute Abend sind wir spät dran. Ich nehme drei Auren in der aufgegebenen Fabrikhalle wahr. Eine davon gehört zu Dietrich, die anderen beiden entpuppen sich als Polizisten aus seiner alten Abteilung. Fast drehe ich wieder um. Nach dem Morgengrauen nicht zum Ziel gekommen ist, ist Dietrich wieder zum BKA zurück. Er will die Hintergründe und Hintermänner des Anschlags aufdecken und vor Gericht stellen. Dazu sollen wir, wie verabredet im Büro von Rakowitz einsteigen und da Beweismaterial besorgen.

Es ist spät, als wir im Hotel zurück sind. Wir diskutieren die halbe Nacht, bis wir einen Plan für den Run haben und legen gleich los. Das BKA chauffiert uns mit Dienstwägen in die Innenstadt. Die lagern da ganz brauchbares Zeug im Rückraum. Im Zielgebäude gibt’s außer Rakowitz noch mehr Büros. Reinzukommen ist kein Problem. David hat rausgefunden, dass das Treppenhaus kaum überwacht wird, also steigen wir die zehn Stockwerke nach oben. Ich schicke meinen Blick vor. Im Zehnten sind ein paar Anzugträger, ein paar Wachmänner und eine Drohne. Die Wachen halten sich alle im selben Raum auf. Eine Gasgranate später sind sie keine Gefahr mehr und wir können das Chefbüro durchsuchen. In einem Blumentopf finde ich einen Datenstick. Job done.

Die Gegenseite ist auf die Idee gekommen, Beweise zu vernichten und ihre Leute sind fünf Minuten zu früh. Sie haben Jetpacks umgeschnallt und kommen direkt durchs Fenster. Einen der Angreifer kennt Dietrich wohl näher. Er ist schon bewusstlos, als der Bulle ihm die Kugel durch den Schädel jagt. Der Schusswechsel dauert nicht lange, wir gehen stiften. Während wir durchs Treppenhaus rennen, erreicht uns die Bestätigung von David und Bachmeier, die sich um die Haustechnik gekümmert haben, dass sie davongekommen sind. BroZac klappt kurz vor dem Ziel zusammen und ich kann ihn noch gerade so ins Auto ziehen. Auf einmal steht der Elf vor uns, der uns schon bei den Vori über den Weg gelaufen ist. Der, wegen dessen Foto Schrotner an die Ostsee versetzt wurde. Zwei Autos erscheinen aus dem Nichts und versperren uns den Fluchtweg.

Brackhaus steigt aus dem vorderen Wagen. Von hinten kreisen uns seine Muskeln ein. Er ist nett, wie letztes Mal und bedankt sich für die Beschaffung der Daten. Sogar, wenn wirs schaffen abzuhauen, hier kommen wir nicht raus. Ich gebe ihm die Beute und bekomme dafür einen metallenen Credstick. Sorry Sebastian.

Wir trennen uns wieder. Die BKAler in die eine Richtung, wir in die andere. Ich und mein Team schlüpfen bei Fussel unter. Meine Familie lagert in einer der Hallen, ich stelle sicher, dass niemand zu ihnen hinter geht. Alle sind gesund, allen geht es gut und mir fällt ein Stein vom Herzen. Onkel Berschko sitzt noch immer. Ich werd ihn raushauen. Wenn ich sogar einen Dr. Sunshine rausholen kann, schaff ich das auch bei nem kleinen Gauner, wie Berschko.

30.05.2063

Heute treffen wir alle nochmal wieder. Zuerst Snapshot, der jetzt ein Interview nach dem anderen gibt, ne echte Berühmtheit. Für seine Abstimmung sieht es besser aus, denn je. Die ganze ADL hat Mitgefühl mit den ausgegrenzten Terroropfern. Manche Momente da unten in den Tunneln waren wie Flashbacks. Aber heute geht es ganz anders aus, als damals vor zwei Jahren in München, als niemand die Mörder gestoppt hat, als man die wenigen Überlebenden als potentielle Seuchenherde gejagt hat. Snapshot meint, wir wären im Untergrund jetzt sowas wie Helden, weil ein paar Videos von uns kursieren aber wer glaubt schon nem Politiker. Er bietet mir an, mit meiner Familie dort runterzuziehen aber da unten gibt’s keinen Himmel. Ich glaube, da unten würden wir uns eingesperrt vorkommen.

Sunshine, sagt der Zwerg, ist in dem Chaos abgehauen. Wir hoffen, dass ihn irgendwer erkannt und umgelegt hat, immerhin war sein Gesicht ewig in den Medien. Dietrich geht’s schon wieder besser. Das Codewort, das BroZac Sunshine abgeluchst hat, hat die Falle wohl wirklich deaktiviert. Er will in den aktiven Dienst zurückkehren, auch, wenns in seiner Behörde stinkt. Aber er ist ein guter Bulle, ihn scherts nicht, ob wer ne SIN hat oder nicht, wenn derjenige sauber ist und ihn scherts nicht, ob ihm jemand Kohle anbietet, wenn derjenige kranken Shit macht. Dietrich hat für uns alle nigelnagelneue SINs dabei. Blanko. Wir dürfen in die Bundesdatenbanken beinahe alles reinschreiben, was wir wollen.

Irgendwer hat ihm gesteckt, dass meine Familie ins Kreuzfeuer gekommen ist, die Flucht vor Polizei und Mitsuhama und so hat er Onkel Berschko gefunden. Er hat dafür gesorgt, dass er aus dem Gefängnis entlassen wird, weil er zu lange unbegründet in Haft war. Das dürfen die Bullen nicht mal mit Staatenlosen machen. Meistens interessierts nur keinen. Und Sebastian hat noch ein Geschenk, von dem er sagt es wär nur ne kleine Sache, weils den Staat nichts kostet aber für uns ist es das nicht. Wenn der Untergrund gewinnt und SINs bekommt, soll meine Familie auch welche kriegen. Echte deutsche Pässe, eine legale Existenz, Rechte, Schutz. Seitdem wir vor 30 Jahren in Deutschland angekommen sind, träumen wir davon, länger als mein ganzes Leben. Wir halten uns dran fest, dass alles besser wird, wenn wir nur SINs haben. Ich glaub das nicht mehr. Aber ich glaub, dass wir unser Leben besser machen können.

Die letzte Sache kommt von Brackhaus, auch wenn der Dietrich vorschickt. SK interessiert sich irgendwie für uns. Es gibt leichtere Möglichkeiten, uns los zu werden, also glaube ich, dass sie sich uns warm halten wollen. Eine Hand wäscht die andere. Jetzt will Brackhaus mich und mein Team erstmal aus dem Pott rausschaffen, bis die Abstimmung rum und die Straße nicht mehr so heiß ist. Er hat einen Kojoten nach München organisiert, wo wir die nächsten zwei Wochen bleiben können.

Es nicht verkehrt, erstmal unterzutauchen, da sind wir uns einig. Heißt aber nicht, dass wir das zusammen machen müssen oder unter der Fuchtel von SK. BroZac hat schon gesagt, dass er nicht mitkommt, dass er mit dem, was um uns herum passiert, was wir tun, nichts zu tun haben will. Er hat ein Leben, kann sich einfach umdrehen und dahin zurückkehren. Für mich geht’s nur vorwärts. Ich weiß nicht so ganz, ob ich mit nach München will. München ist rückwärts, die Vergangenheit. Damals sind wir geflohen, egal wohin, egal zu welchem Preis. Ich fürchte mich ein wenig vor dem, was ich da finden oder nicht finden könnte und ich wünschte, ich müsste dabei nicht allein sein.

31.05.2063

Ich fahr mit nach München. Zwei Wochen weg von meinen Verwandten. Schon jetzt vermiss ich sie, verbringe die letzten Stunden zuhause. Solange ich weg bin, kann meine Familie in Fussels Lagerhalle bleiben. Er hat uns angeboten, dass wir ihm die Halle abkaufen und die Männer beratschlagen sich darüber. Die Kohle dafür würde ich schon irgendwie zusammen bekommen.

Ich mache mir viele Sorgen um meine Familie. Darum ob genug Geld da ist, ob sie sicher sind. Dafür hab ich mich in die Scheiße gestürzt, durch die wir in den letzten Wochen gegangen sind. Ich weiß gar nicht, ob ich noch alles abwaschen kann, was an mir klebt. Sie wissen, dass ich mich nicht an unsere Bräuche und Traditionen halte, wie ich sollte, dass ich Dinge tue, die mich mahrime machen und dass ich alles mit nach Hause bringe. Solange keiner darüber redet, können wir so tun, als wäre es nicht wahr. Heute sagen sie nichts, weil ich es für uns tue und weil wir anders nicht aus dem tiefen Loch rauskommen, in dem wir sitzen.

Razmi hat mich drum gebeten, dass ihr Verlobter bei meiner Familie wohnen darf, dass sich wer von uns um ihn kümmert, wenn sie das jetzt nicht kann. Er hatte vor ein paar Monaten einen schlimmen Unfall auf der Baustelle und ist seitdem querschnittsgelähmt. Der Konzern hat ihm dann einfach gekündigt und die Versicherung deckt sowas nicht ab. Deswegen ist Razmi Runnerin geworden. Wenn man sie ein bisschen besser kennt, kommt man ganz gut mit ihr klar.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast