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Tote Mädchen lügen nicht – Staffel 3 - Meine Version

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Alex Standall Clay Jensen Justin Foley Montgomery de la Cruz Tony Padilla Zach Dempsey
22.08.2019
04.06.2020
14
64.300
2
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22.08.2019 6.354
 
Kapitel 2: Schlaflos


Schweigend fuhr Clay mit Tyler zu sich nach Hause. Tyler weinte nicht mehr, er starrte die ganze Zeit aus dem Fenster. Clay überlegte, wie er Justin davon überzeugen konnte Tyler heute Nacht hier übernachten zu lassen.

Als sie ankamen, fragte Clay Tyler ob er kurz warten könnte, weil er das mit Justin noch abklären musste. Als Tyler zustimmte, stieg Clay aus und begann die Treppen zum Haus hochzugehen. Er wappnete sich für das Stück Überzeugungsarbeit, das er nun leisten musste.

Als er das Haus betrat, stellte er schnell fest, dass Justin nicht unten war. Also ging er die Treppe hoch und fand ihn in ihrem gemeinsamen Zimmer.

Als Justin, der gedankenverloren auf Clays Bett lag, Clay im Türrahmen stehen sah, sprang er schnell auf.

“Clay, verdammt! Wo warst du? Ist alles gut gegangen? Haben die dich erwischt?”

Clay beruhigte Justin diesbezüglich, alles war bisher gut gegangen. Er erklärte erstmal was bis hierhin alles geschehen war und Justin erzählte, was auf dem Spring Fling abging, als die Polizei eintraf.

Justin und Jessica hatten in letzter Sekunde alle Eingeweihten davon überzeugt, zu behaupten, es wäre ein dummer Scherz gewesen. Jemand hatte Zachs Handy geklaut und damit die Polizei angerufen. Wer das war, war leider bisher nicht feststellbar. Sie hofften, das würde auch so bleiben.

“Und wo ist er jetzt?”, fragte Justin, nachdem sie alles erzählt hatten.

“Ähm, er wartet im Auto”, sagte Clay und rechnete fest damit, dass Justin ihn endgültig für bekloppt erklären würde.

Justin seufzte.

“Das war mir irgendwie klar. Du hast echt ein Helfersyndrom, Jensen.”

“Ist das okay, wenn er heute Nacht hier bleibt? Er will nicht nach Hause und es geht ihm echt beschissen. Wo soll er denn sonst hin und -”

“Stopp, Stopp, Stopp! Ist ja gut, du hast mich überzeugt. Holen wir ihn rein, bevor er da festwächst. Aber wenn er versucht uns zu erschießen, werde ich echt sauer. Klar?”, sagte Justin.

“Klar”, antwortete Clay.

Gemeinsam gingen sie die Treppe runter und nach draußen. Als Tyler Justin auf sich zukommen sah, dachte er, er würde ihm sofort eine verpassen.

Justin hatte sich nie an Mobbingattacken beteiligt bezüglich Tyler. Aus eigener Erfahrung wusste er, wie ätzend es war gemobbt zu werden, deshalb hielt er sich da lieber raus. Allerdings war das auch nicht immer die Lösung.

Als Clay die Beifahrertür öffnete, hob Tyler schützend die Arme über seinen Kopf. Clay und Justin sahen sich erschrocken an.

“Tyler, Hey. Alles gut, du kannst hier bleiben!”, versuchte Clay ihm zu vermitteln, dass er nichts zu befürchten hatte.  

“Down, ich tu dir nichts, man. Clay würde mir gleich danach eine reinhauen. Beruhig’ dich und komm da raus”, sagte Justin und trat vorsichtshalber einen Schritt zurück.

Vorsichtig senkte Tyler die Arme, unsicher, ob nicht doch noch eine Attacke kommen würde.

Justin irritierte und triggerte dieses Verhalten, denn das kannte er von sich selber nur zu gut. Viele Jahre war es Zuhause quasi an der Tagesordnung gewesen.

“Alles gut, es passiert nichts. Willst du etwas trinken?”, fragte Clay.

Tyler stieg vorsichtig aus dem Auto und bejahte die Frage.

Er folgte Justin und Clay ins Haus.

“Sind eure Eltern denn nicht auch da?”, fragte er schließlich.

“Die sind weggefahren, machen ein verlängertes Wochenende, damit sie ihre Probleme irgendwie geregelt kriegen oder so. Und wir sind ja schon alt genug, auch mal ein paar Tage allein zu bleiben”, antwortete Clay, während er ein Glas aus dem Geschirrspüler nahm.

Justin fragte, was er trinken wolle. Und kurz danach waren alle mit etwas zu trinken versorgt.

“Möchtest du vielleicht etwas essen?”, fragte Clay in die drückende Stille hinein.

“Nein, Danke. Hab keinen Hunger”, antwortete Tyler.

“Kann ich… kann ich vielleicht mal auf Toilette?”, fragte er vorsichtig.

"Klar, komm mit, ich zeig dir, wo es ist. Wir müssen die Treppe hoch", sagte Clay und stand auf.

Justin und Tyler folgten Clay die Treppe hoch.

Dann machte er die Tür vom Bad auf.

"So, hier ist es."

Als Tyler ins Bad getreten war, machte Clay hinter ihm die Tür zu und ließ ihn allein. Der schloss erstmal die Tür ab.

Clay ging ins Zimmer zu Justin.

“Bilde ich mir das ein oder hast du auch irgendwie ein ganz ungutes Gefühl?”, fragte Justin ihn.

“Irgendwas stimmt mit ihm nicht. Hast du gesehen, wie er vorhin im Auto die Arme hochgerissen hat?”, sagte Clay.

Justin nickte.

“Das hat mich irritiert. Das hat er noch nie gemacht, zumindest soweit ich das mitbekommen habe. Vielleicht… also ich meine…”

Clay wartete, dass Justin seinen Satz beenden würde. Der atmete einmal tief durch.

“Es hat mich daran erinnert, dass ich früher auch so reagiert habe. Meine Stiefväter waren nie besonders nette Kerle und ich hab eben gestört. Er will nicht nach Hause, sagst du? Vielleicht schlagen seine Eltern ihn?”

“Ich weiß nicht, vielleicht ergibt sich irgendwann mal die Gelegenheit darüber zu reden. Das ist ja kein Thema, was man jetzt noch schnell besprechen kann. Der heutige Tag war schon nervenaufreibend genug. Nach all dem will ich eigentlich nur noch ins Bett.”

Justin stimmte zu.

“Wer schläft denn überhaupt wo?”, fragte er dann. Denn heute waren sie ja zu dritt.

Da mussten sie erstmal überlegen, einigten sich schließlich aber darauf, dass Justin bei Clay mit im Bett schlafen würde.

“Na, das kann ja was werden”, meinte Justin etwas skeptisch.

Plötzlich hörten sie nebenan Lärm. Es klang, als wäre…

“Tyler, bist du okay?”, rief Clay aufgeregt. Er war sofort zur Badezimmertür gesprintet und hämmerte dagegen.

“Tyler, verdammt, sag was!”

Noch immer hörten sie nichts.

“Mist, verfluchter! TYLER!”, brüllte Clay.

Justin versuchte eine Erklärung zu finden, wieso es da drin gerumst haben könnte, um seinen Bruder wieder herunterzufahren, aber der ignorierte seine Erklärungsversuche.

“Wir müssen die Scheißtür aufbrechen”, meinte Clay schließlich.

Dann vernahmen beide aus dem Bad ein deutliches, wenn auch gedämpftes, Stöhnen.

“Tyler, ist alles okay?”, fragte Justin durch die Tür und lauschte. Clay tat das gleiche.

Tyler, der noch immer ziemlich benommen am Boden lag, rief schließlich irgendwas mit “ausgerutscht” und “geht schon”. Was Clay und Justin auch nur mäßig beruhigte, denn er klang nicht so besonders gut.

“Bist du sicher, dass es dir gut geht?”, fragte Clay noch einmal nach.

“Alles super... ich komm gleich…”

Mühsam stemmte Tyler sich hoch. Alles drehte sich. Er wartete bis der Schwindel nachließ, bevor er den nächsten Schritt machte. Als er ziemlich wackelig auf den Beinen am Waschbecken stand, bemerkte er Blut auf dem Boden, während er seine Hosen hochzog. Hastig sah er in den Spiegel, von seinem Gesicht kam es nicht. Die Beule am Hinterkopf pochte ordentlich, aber blutete anscheinend nicht. Also konnte es ja nur das andere sein. Scheiße.

Ihm tat alles weh, er war müde und hatte einfach genug von allem. Probleme, Probleme und noch mehr Probleme. Für das eine Problem würde er einfach fragen, ob Clay und Justin eine Schmerztablette hätten. Für das andere Problem nahm er erstmal Klopapier, bis er was anderes fand. Danach wischte er noch das Blut vom Boden weg, sah sich nochmal genau um, ob auch nichts mehr davon zu sehen war und entsorgte das Papier in der Toilette. Dann wusch er sich erstmal die Hände, erst danach verließ er das Bad.

Kaum hatte er die Tür aufgeschlossen und geöffnet, rappelten sich Clay und Justin, die beide im Flur auf dem Boden saßen, rasch auf.

“Alles okay mit dir?”, fragte Clay sogleich besorgt.

Tyler atmete tief durch.

“Bin irgendwie weggerutscht wegen dem Badteppich. Mir tut der Kopf weh. Habt ihr vielleicht irgendwas gegen die Schmerzen?”, erklärte er. Das war zwar nur die halbe Wahrheit, aber mehr ging einfach nicht.

Er war nicht weggerutscht, er war vom Klo gekippt und einige Minuten hatte er bewusstlos im Bad gelegen. Und ihm tat nicht nur der Kopf weh, er brauchte die Schmerztablette auch für das andere Problem. Denn ohne, könnte er sich kaum normal bewegen und es durfte, verdammt noch mal, niemand davon erfahren. Das würde er nicht überleben.

Justin hatte ihm eine Tablette und ein Glas Wasser besorgt, jetzt saß er auf Justins Schlafsofa und nahm das Schmerzmittel.  

“Danke”, sagte er, als er fertig war. Er hoffte, dass die Wirkung bald einsetzen würde.

Justin nahm ihm das Glas wieder ab.

“Willst du noch mehr trinken?”

“Nein, Danke”, antwortete er.

“Also, du kannst hier auf der Couch schlafen, wenn du willst. Ich penn bei Clay”, erklärte Justin.

Eine halbe Stunde später lagen alle in den Betten. Clay und Justin hatten noch schnell etwas gegessen. Tyler wollte nichts, er hatte sich stattdessen hingelegt.

Clay hatte sich, so wie er normal im Bett lag, in sein Bett gelegt, Justin lag mit dem Kopf am Fußende. Doch sie hatten da noch so ein paar Koordinierungsprobleme.

“Nimm deine Füße aus meinem Gesicht, verdammt!”, fluchte Clay.

“Wenn du dich so breit machst…”, antwortete Justin.

“Ich mach mich überhaupt nicht breit, ja?”, schoss Clay zurück.

“Im Gegensatz zu dir, fliege ich hier gleich aus dem Bett, Jensen!” Justin lag tatsächlich sehr nah an der Bettkante.

“Jetzt rück mal ‘n Stück, los!”

“Ist ja gut”, brummelte Clay und machte Platz.

Tyler hörte den beiden eine Weile zu und wenn er es noch gekonnt hätte, hätte er vermutlich wenigstens gegrinst. Die beiden waren irgendwie einfach zu komisch. Doch er schaffte es nicht. Er kam sich ein bisschen wie Timm Thaler vor, nur dass man ihm das Lachen nicht abgekauft, sondern gestohlen hatte.

“Clay, nicht dein Ernst, oder? Nimm deine Stinkemauke gefälligst von mir runter!”

Aber nachdem das dann irgendwann einmal geklärt war, schliefen sie ein. Tyler hätte ihnen gerne noch weiter zugehört, es lenkte ein wenig ab und er konnte eh nicht schlafen. Er hatte so getan, als ob, weil er keine Fragen wollte.

Als beide schon einige Zeit schliefen, Justin schnarchte sogar ein bisschen, schlich er sich leise aus dem Zimmer. Es ließ ihm keine Ruhe, hoffentlich hatte er auf dem Sofa keine Flecken hinterlassen. Er hatte sich nicht einmal getraut sich umzudrehen.

Im Bad der Jungs brauchte er nicht nach Binden zu suchen, aber vielleicht hatte die Mutter ja welche. Gott, Scheiße, war das peinlich und ätzend und er schämte sich so vor sich selber, dass er vor Ekel fast würgen musste. Einen Augenblick blieb er im Schlafzimmer von Clays Eltern stehen. Er musste es tun, er hatte keine Wahl.

Die Binden seiner Mutter lagen zuhause. Er hatte nicht gedacht, dass er noch welche brauchen würde, eher, dass das sein letzter Tag sein würde. Tyler suchte die Tür zu ihrem Bad, hatten sie überhaupt eins?

Als er eine Tür entdeckte, war es sogar die Richtige. Er zögerte noch immer, verdammt, er konnte doch nicht einfach Clays Mutter bestehlen. Er könnte schnell nach Hause und seiner Mutter… Ach verdammt, das war das Gleiche. Außerdem war nichts mit schnell nach Hause, er würde wieder umkippen und dann vermutlich irgendwann im Krankenhaus landen. Er brauchte die verdammten Dinger, bevor jemand irgendetwas bemerkte. Er sah sich noch einmal um und horchte, ob die Jungs auch wirklich noch schliefen. Als er nichts verdächtiges hörte, betrat er das Bad von Clays Eltern und durchsuchte rasch die Schränke. Als er fündig wurde, nahm er ein paar mit und hoffte, es würde nicht auffallen. Er brauchte definitiv Nachschub.

Tyler hinterließ alles so, wie er es vorgefunden hatte und verzog sich ins Bad der Jungs, wo er das Klopapier, was natürlich schon vollgeblutet war, gegen die Binde austauschte. Gott sei Dank wirkte die Schmerztablette noch. Aber auch da würde er Nachschub brauchen. Als er fertig war, drückte er die Spülung, wusch sich die Hände und suchte nach einem Versteck für die drei anderen Binden. Erst danach verließ er das Bad wieder und dann wusste er nicht wohin mit sich. Schlafen konnte er sowieso nicht.

Er ging leise nach unten, sah sich dort um. Die Fotos von Clay, viele Kinderfotos. Anscheinend hatte Clay früher mal einen Hund gehabt. Einige neuere Fotos, auch von Justin oder den beiden zusammen. Es wirkte irgendwie alles gemütlich auf ihn.

Seine eigene Familie war auch okay, aber er hatte ihnen immer nur Kummer gemacht. Das ewige Mobbing hatte ihn immer mehr zerfressen, seine Eltern standen hilflos daneben und konnten nichts tun, um ihn zu schützen. Die Aktionen mit Cyrus, das Aufeinandertreffen, wo sie sich fast geprügelt hätten. Das Programm. Die Rückkehr und Hoffnung, das jetzt alles anders werden würde, dass er und Cyrus vielleicht wieder Freunde sein könnten.

Und dann… Oh nein. Auf keinen Fall. Nicht daran denken, nicht daran denken, NICHT DARAN DENKEN! An was Schönes denken, denk an was Schönes. Mackenzie. Ohja, sie war sogar wunderschön. Aber sie war mit jemand anderem zusammen. Und er war kaputt. Man hatte ihn… nicht daran denken. Auf gar keinen Fall! Nein, Nein, Nein!

Tyler taumelte rückwärts gegen eine Wand, daran rutschte er dann herunter. Er versuchte weiter die Erinnerungen an den schlimmsten Tag seines Lebens zurück zu drängen. Als er saß, schlang er die Arme um seine Beine und machte sich so klein wie möglich. Er konnte das Schluchzen nicht mehr verhindern und die Bilder, die Schmerzen, die Angst kehrten zurück. Er war wieder zurück in dem Badezimmer, in dem sein Leben zerstört wurde.

“Nein, Nein... Nein…”, wimmerte er immer wieder, seine letzten hilflosen Versuche die Flut aufzuhalten.

Ein Stockwerk darüber wurde Justin gerade wach. Als er sich umdrehte, bemerkte er, dass Tyler nicht mehr auf dem Sofa lag. Aber vielleicht sah es auch nur so aus, weil kaum Licht im Zimmer war. Deswegen stieg er vorsichtig aus dem Bett und machte Clays Nachttischlampe an. Mist.

Er rüttelte an Clay, der grummelnd: ”Was soll das?” murmelte.

“Tyler ist weg”, antwortete Justin.

“WAS?” Mit einem Schlag war Clay wach.

Er sah zum Sofa, Tyler war weg. Hastig stolperte er aus dem Bett und wäre dabei fast über die Decke geflogen.

“Ganz ruhig, man”, sagte Justin und fing Clay auf.

“Wir müssen ihn suchen. Wer weiß, was er jetzt wieder macht!”, sagte Clay aufgebracht.

Hoffentlich hatte Tyler sich nichts angetan.

“Schon klar. Los geht's.”

Doch viel suchen brauchten sie nicht. Als sie die Tür öffneten, hörten sie ihn schon.
Clay und Justin sahen sich bedrückt an. Sie machten Licht und gingen die Treppen hinunter. Dann brauchten sie nur noch dem Schluchzen zu folgen.

Tyler hatte das Licht natürlich bemerkt und versuchte verzweifelt sein Weinen zu unterdrücken. Es klappte nicht. Plötzlich standen Clay und Justin im Wohnzimmer.

“Oha, fuck”, rutschte Justin heraus, als er Tyler an der Wand so zusammengekauert und weinend sitzen sah.

Clay ging zu ihm und hockte sich vor ihn. Er wusste gerade überhaupt nicht, was er sagen sollte.
Tyler versuchte sich wegzudrehen, es sollte ihn niemand so sehen. Doch das hatte sich nun auch erledigt.

Justin setzte sich aufs Sofa. Das war alles Neuland, er kannte den Typen da nicht mal wirklich. Wie sollten sie ihn beruhigen? Sein Blick fiel auf den Controller, der noch auf dem Tisch lag. Er hatte nach dem Spring Fling Debakel noch einige Runden gezockt um sich abzulenken.

“Hey, hast du Lust ‘ne Runde zu zocken?”, fragte Justin. Clay sah ihn fragend an. Dann kapierte er.

“Tyler?”

Tyler, der den Kopf in den Armen vergraben hatte, hob nun den Kopf und sah Clay unsicher an.

“Hast du Lust eine Runde zu zocken?”, fragte Justin erneut, der auf dem Sofa saß und mit dem Controller winkte.

Irritiert dachte Tyler, er wäre im falschen Film gelandet.

“Was… äh... ja..”, stammelte er.

Justin hatte inzwischen einen zweiten Controller geholt und pflanzte sich wieder aufs Sofa, wo er die Beine auf den Tisch legte.

“Ey, Füße vom Tisch!” Doch das wurde eiskalt ignoriert.

Tyler schwankte leicht als er sich erhob und schließlich zum stehen kam, er wischte sich mit den Ärmeln die Tränen weg und ging aufs Sofa zu.

Dort übergab ihm Justin den Controller und Tyler setzte sich. Clay machte die Konsole an, Justin den Fernseher. Und dann zockten sie. Clay setzte sich mit dazu und beobachtete die beiden Jungs und das Spiel.

Die Ablenkung schien voll einzuschlagen, denn bei einer Runde blieb es nicht. Irgendwann zwischen der gefühlt 148. Runde und dem Gedanken, was bloß mit Tyler los war, schlief Clay ein. Der Tag war einfach zu erschöpfend gewesen.

Ein paar weitere Runden später schlief auch Justin ein, sodass Tyler schließlich alleine gegen die Konsole zockte. Klar war er auch müde, aber schlafen ging nicht. Und das hier war eine wunderbare Ablenkung.

Erst gegen Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen das Zimmer erhellten, fiel ihm der Controller aus der Hand und er schlief völlig erschöpft ein.

Justin wachte als Erster auf, der TV war immer noch an. Clay und Tyler schliefen noch.
Er machte den Fernseher aus, stand auf um auch die Konsole auszumachen und ging dann erstmal in die Küche um Kaffee zu machen.

Dann wartete er darauf, dass Clay aufwachen würde, denn er hatte keinen Schimmer, wie es weitergehen sollte.

Als Clay den Geruch von Kaffee in der Nase hatte, wurde auch er endlich wach. Kaffee war jetzt genau das Richtige, dachte er, als er Tyler auf dem Sofa schlafen sah. Er gähnte noch einmal und ging dann in die Küche. Gemeinsam tranken Justin und Clay erstmal einen Kaffee, während Clays Kopf anfing zu arbeiten. Sie brauchten einen Plan.

Kurz darauf wurde auch Tyler unsanft wach, er wollte sich umdrehen und fiel dabei vom Sofa. Vor Schmerz verzog er das Gesicht. Die Tablette wirkte natürlich nicht mehr. Dann bemerkte er, dass er komplett durchgeschwitzt war. Er blieb auf dem Boden liegen, in der Hoffnung, die Schmerzen würden nachlassen, wenn er es einfach irgendwie aushielt und sich nicht bewegte. Hoffentlich kamen Clay und Justin noch nicht zurück und würden ihn so vorfinden.

Tyler ging langsam und Schritt für Schritt vor, bis er auf seinen eigenen Beinen stand. Doch nicht lange, denn ihm zitterten so die Beine, das sie plötzlich einfach wegknickten und er mit voller Wucht auf dem Sofa landete.

Diesmal konnte er ein Stöhnen nicht mehr unterdrücken. FUCK, TAT DAS WEH! Ihm schossen vor Schmerz die Tränen in die Augen und er kniff sie fest zu.

Schmerzmittel, er brauchte dringend Schmerzmittel. Das war nicht auszuhalten. Er legte sich wieder halb hin, hoffte dass es dann endlich nachlassen würde. Und tatsächlich, der Schmerz verschwand nicht, aber wurde etwas aushaltbarer.

“Alles okay?”, fragte Clay unvermittelt.

Tyler wischte sich rasch über die Augen. Hatte er das etwa alles mitbekommen?!

“Ich hab solche Kopfschmerzen…”, antwortete er leise.  Das war natürlich wieder nur die halbe Wahrheit.

“Okay, ich hol dir noch eine Schmerztablette. Hast du das öfter?”, fragte Clay.

“In letzter Zeit schon”, antwortete er matt.

“Okay...”, sagte er gedehnt. Dann tippte er rasch eine SMS, die er an alle weiterleitete, während er sich umdrehte um das Gewünschte zu holen.

Als er Tyler das Glas Wasser und die Tablette gegeben hatte, ging er zurück in die Küche, wo Justin gerade sein Frühstück vertilgte.

“Hör zu, ich treff mich mit den anderen bei Alex zuhause. Die haben alle genauso beschissen gepennt wie wir. Du bleibst hier und passt auf ihn auf. Wenn irgendwas ist, dann schreib mir sofort.
Wir brauchen einen Plan”, sagte Clay.

“Ja, aber… Was soll ich denn mit ihm machen?”, zischte Justin.

“Ihr habt doch gestern zusammen gezockt, vielleicht ist das was. Wobei, wenn er Kopfschmerzen hat… Hm.”

“Deswegen noch eine Tablette? Ich will ja nichts sagen, aber vielleicht ist er Tablettensüchtig. Er ist gerade mal eine Nacht hier und hatte schon zwei Tabletten”, antwortete Justin.

“Keine Ahnung, aber er hat wirklich Schmerzen, glaube ich. Er hat nicht mal mitbekommen, dass ich gesehen habe, wie er eben zu kämpfen hatte. Aber ob es auch wirklich Kopfschmerzen sind, weiß ich nicht. Hier kann er noch zu viel verstecken.”

Das brachte Clay auf eine Idee. Rasch sprang er auf.

“Ich muss jetzt los. Pass auf ihn auf und melde dich, wenn was ist. Ich erklär dir alles nachher, versprochen!”, rief er und hatte sich in Windeseile die Schuhe angezogen und weg war er.

Perplex stand Justin einige Minuten in der Küche. Ganz toll.

“Wo will er denn hin?”, fragte Tyler so unerwartet, dass Justin vor Schreck fast in die Luft sprang.

“Alter, musst du mich so erschrecken”, keuchte er.

Tyler trat vorsichtshalber einige Schritte zurück. Er konnte Justin nicht einschätzen, vielleicht würde er ihn nun dafür bestrafen, was er hatte tun wollen. Oder schon getan hatte. Clay war schließlich nicht mehr da.

Justin beruhigte sich wieder und sah Tyler komplett blass werden. Hoffentlich brachte Clays Plan etwas, denn er glaubte nicht, dass Tyler freiwillig mit irgendwas rausrücken würde. Seinen Zusammenbruch heute Nacht hatte er ja auch versucht zu verheimlichen.

“Clay will mit den anderen irgendwie einen Plan entwickeln, um dir zu helfen. Willst du ‘n Kaffee? Tee? Ähm.. Kakao? Oder was haben wir noch… Achso… Orangensaft vielleicht?”, meinte Justin beiläufig. Er tat einfach so, als wäre das hier das Normalste auf der Welt.

Tyler sah ihn verwundert an. Wer war der Kerl, der früher immer mit Bryce Walker abhing und nun bei Clay Jensen wohnte?

Er nahm einen Kakao, sollte ja helfen, wenn es einem nicht gut ging. Auf die Frage, was er denn essen wollte, antwortete er: ”Gar nichts, hab keinen Hunger.”

Justin führte innerlich eine Symptom-Strichliste. Er nahm also Tabletten. Mittlerweile schon die Zweite. Er hatte gestern nichts gegessen, wollte auch jetzt nichts, weil er angeblich keinen Hunger hatte. Merkwürdig. Aber zumindest trank er was. Und er hatte höchstwahrscheinlich irgendwelche Schmerzen. Er war schon zweimal zusammengebrochen. Er ist angeblich im Bad wegen der Badematte weggerutscht und hatte sich hingepackt. Nicht zu vergessen, der Fast-Amoklauf, den Clay und Tony in letzter Minute verhindern konnten.

Justin beschloss, ihn weiter zu beobachten und irgendwann würden sie schon dahinter kommen, was mit Tyler Down passiert war.

“Willst du nicht vielleicht wenigstens einen Joghurt oder sowas?”, versuchte Justin es noch einmal.

Also nahm er einen Joghurt. Vielleicht war Tyler ja auch magersüchtig, schoss es ihm durch den Kopf.

Als der ausgelöffelt war, fragte Tyler, ob er mal duschen könnte, weil er komplett durchgeschwitzt war. Das konnte Justin nur bestätigen und ging relativ zügig nach oben. Tyler brauchte deutlich länger. War er irgendwie verletzt?

“Ich klär das mal eben mit Clay wegen den Klamotten ab, okay?”

Tyler stimmte zu und wartete.

Dann holte Justin ein Handtuch, welches er ins Bad legte, und fragte Clay per SMS, ob er bei Matt und bei ihm mal nach Klamotten für Tyler gucken könnte und weswegen.

Justin selbst besaß nur die Klamotten, die er in seiner alten Sporttasche gehabt hatte. Clays Eltern hatten ihm zwar angeboten, mit ihm welche zu kaufen, aber er hatte abgelehnt. Sie taten schon soviel für ihn.

“Okay, das geht klar. Bei den Klamotten müssen wir gucken, was passt. Komm einfach mit”, sagte Justin, nachdem Clay ihm das Okay gegeben hatte.

So suchten sie zuerst bei Clays Sachen und fanden eine Jogginghose und eine Sweatshirt-Jacke. Ein passendes T-Shirt fanden sie bei Clays Vater im Schrank. Socken und Boxershorts würde er wieder anziehen, zuhause würde er sich ohnehin nochmal umziehen und vermutlich auch nochmal duschen.

Aber wann würde er nach Hause gehen? Was sollte er seinen Eltern sagen? Weiter so tun als ob alles okay wäre? Er hatte ihnen eine SMS geschickt, dass er bei Freunden schlafen würde, damit sie sich keine Sorgen machen brauchten. Schaffte Clay es wirklich eine Lösung finden?

Gemeinsam betraten sie schließlich das Bad.

“Also, Shampoo und Duschgel sind hier, das Handtuch hängt da vorne. Die Klamotten habe ich dahinten hingelegt. Wenn du sonst noch was brauchst, sag einfach Bescheid, ich bin nebenan.“

Mit diesen Worten verließ Justin das Bad und ging ins Zimmer.

Tyler schloss hinter ihm die Tür ab.

Jetzt war die Gelegenheit sich seine Tagesdosis zu verpassen. Er bereitete alles vor, guckte noch einmal nach, ob die Luft rein war und hörte die Dusche im Bad kurz darauf angehen. Beruhigt gab er sich schließlich seinen Schuss. Er schloss die Augen und ließ das Zeug seine Wirkung entfalten. Danach räumte er alles feinsäuberlich weg, öffnete das Fenster um etwas frische Luft reinzulassen und legte sich aufs Bett.

Wie sollte er aus dieser Scheiße bloß jemals wieder rauskommen? Immer wieder versaute er alles, verflucht. Wenn die Jensens das herausfanden, würden sie ihn bestimmt rausschmeißen. Und er konnte es verstehen, wer wollte schon mit einem abgefuckten Junkey zusammenwohnen.

Siedend heiß fiel ihm plötzlich ein, dass Tyler ja noch immer im Bad war. Er sah auf die Handyuhr. War wirklich schon eine ganze Stunde vergangen? Scheiße, er sollte doch auf Tyler aufpassen!

Schnell stand er auf und ging zur Badezimmertür, wo er energisch klopfte.

“Tyler, ist alles okay? Du bist schon eine Stunde da drin”, rief er beunruhigt.

Immer noch rauschte die Dusche. Keine Antwort. Oh Gott, was ist wenn Tyler sich längst umgebracht hatte. Hannah hatte die Badewanne gewählt und sich dann…

Verdammte Scheiße, die Rasierklingen! Wieso hatte er nicht daran gedacht sie zu verstecken?!

“Tyler?!”, rief er.

Panisch zog er sein Handy aus der Hosentasche und tippte mit zitternden Händen eine SMS an Clay.

“Fuck, mach die Scheißtür auf! Tyler!”

Er hämmerte gegen die Tür. Wenn der nicht gleich irgendein Lebenszeichen von sich gab, würde er die Tür eintreten müssen.

“Down, verdammt. Mach jetzt die Tür auf, sonst tret’ ich sie ein!”, brüllte er verzweifelt.

Er lauschte an der Tür und hörte irgendwie ein Geplätscher, dann quietschte irgendwas. Verwirrt versuchte er die vorhandenen Puzzleteile als ein komplettes Bild zusammen zu kriegen. Ein Tappen. Oh Gott, er lebte.

Dann wurde die Tür aufgeschlossen und plötzlich rumste es. Justin machte vorsichtig die Tür auf, stieß jedoch bald gegen den bewusstlosen Tyler, der davor am Boden lag. Jedes mal, wenn der im Bad war, passierte irgendwas, dachte er seufzend.

Er hatte das Handtuch um die Hüfte gewickelt und lag auf der Seite. Noch halb nass, genau wie das Bad, das ein halber Ozean war. Und die Dusche lief auch immer noch, es war viel zu stickig hier drin, da musste man ja umkippen. Er machte die Dusche aus, ließ die Tür offen um Luft reinzulassen und versuchte Tyler in eine sitzende Position zu ziehen. Als der an der Wand gelehnt da saß, versuchte er ihn wachzukriegen.

Er rüttelte an ihm, sprach ihn immer wieder an. Schließlich regte Tyler sich endlich.

“Was…”, nuschelte er.

Verstört nahm er wahr, dass er halbnackt im Bad von Justin und Clay am Boden saß. Und Justin war im Bad! Was hatte er getan? Was war passiert? Hatte er etwas mitgekriegt?

“Endlich. Du bist umgekippt, ich war drauf und dran die Tür einzutreten. Wenn das so weitergeht, lassen wir dich nicht mehr ins Bad. Geht's wieder? Brauchst du irgendwas?”, ratterte Justin herunter.

Tyler war völlig überfordert.

Außerdem kam er sich vor, als säße er auf heißen Kohlen. Er musste aufstehen oder sich hinlegen, sonst würde er gleich nochmal ohnmächtig werden.

“Ich hol dir mal ein Glas Wasser, du siehst echt beschissen aus”, sagte Justin und verließ das Bad.

Tyler rappelte sich auf und sah sich um. Tatsächlich, schon wieder Blutflecken. So schnell es ging holte er Klopapier und wischte die Flecken weg, schmiss das Papier ins Klo. Er wusste nicht, wie lange Justin brauchen würde. Aber er hoffte inständig nicht zu tropfen.

Kurz darauf kam Justin mit einem Glas Wasser wieder, welches Tyler schnell leerte. Wirklich viel besser sah Tyler nicht aus, seine Beine zitterten und als Justin auf ihn zugekommen war, um ihm das Glas Wasser zu geben, war Tyler wieder vor ihm zurückgewichen.

Nachdenklich ging er aus dem Badezimmer und schloss die Tür hinter sich, damit Tyler sich in Ruhe anziehen konnte. Dann schrieb er eine Entwarnung an Clay.

Clay war die letzten Minuten unruhig in Alex’ Zimmer auf und ab gegangen, bis endlich die erlösende SMS kam, dass Tyler lebte.

Die anderen hatten versucht mit ihm zu reden, doch er hatte hektisch versucht immer wieder abwechselnd Tyler und Justin anzurufen. Jetzt atmete er auf.

“Und was war jetzt los?”, fragte Sheri.

“Mit Tyler ist soweit alles okay. Er ist im Bad umgekippt”, antwortete Clay.

“Umgekippt? Was ist denn mit ihm los?”, fragte Alex irritiert.

“Das wissen wir nicht, aber er muss irgendwie verletzt sein oder Schmerzen haben. Er isst nichts, er schläft anscheinend auch kaum und er bricht zusammen. Wie heute Nacht, wo wir ihn im Wohnzimmer gefunden haben”, erklärte Clay.

Dann sah er die anderen der Reihe nach an.

“Wir müssen ihm helfen. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber mit ihm stimmt irgendwas nicht.”

“Jahaa! Zum Beispiel, dass der Spinner uns abknallen wollte! Der ist mit Waffen zur Schule gefahren, Alter! Mit Waffen!”, rief Zach aufgebracht.

Er verstand nicht, wieso sie diesem Freak helfen sollten. Dem war einfach nicht mehr zu helfen.

“Er hat auf mich und Justin gezielt, Clay. Mit diesem Ding. Er hat auf dich gezielt!”, sagte Jessica.

“Ich versteh sowieso nicht, wieso wir das überhaupt verheimlichen. Soll er doch dafür gerade stehen, was er vorhatte!”, setzte sie noch hinzu.

“Das weiß ich auch. Aber ich weiß inzwischen, dass er das nicht durchgezogen hätte”, antwortete Clay, zunehmend verärgerter.

“Und woher, bitteschön? Der Typ ist krank!”, keifte Zach.

“Wenn er das wirklich gewollt hätte, hätte er mich einfach abgeknallt oder beiseite geschubst, wäre in die Turnhalle gegangen und hätte sein Ding durchgezogen. Ich konnte ihn überreden es nicht zu tun, dass wir eine Lösung finden. Tyler hat sich die Waffe von mir abnehmen lassen, hat Tony die anderen Waffen freiwillig gegeben. Ihr hättet seinen Blick sehen sollen”, erklärte Clay zum gefühlt 20. Mal heute morgen.

Tony hatte seine Eindrücke ebenfalls beigetragen.

Alex wollte Tyler hundertprozentig helfen. Mackenzie, Sheri und Cyrus schwankten zwischen Helfen und Polizei. Zach und Jessica waren der Meinung, Tyler sollte man sofort der Polizei überlassen. Er wäre gemeingefährlich und so weiter.

Clay und Tony hatten da ein schweres Stück Überzeugungsarbeit zu leisten, um den Haufen dazu zu kriegen, Tyler eine zweite Chance zu geben.

Jeder hatte seine Bedenken oder eben eine abgrundtiefe Abneigung, jeder beharrte auf seinen Standpunkt, bis sich alle nur noch anbrüllten.

Clay platzte schließlich der Kragen.

“STOPP, HALTET MAL EINEN VERDAMMTEN MOMENT EINFACH DIE SCHNAUZE UND HÖRT MIR ZU!”

Erschrocken verstummten alle und sahen zu Clay, der hochrot im Gesicht und furchtbar wütend war.

“Angenommen, wir übergeben Tyler der Polizei. Er landet im Knast oder in der Klappse. Er ist weiter der Psycho, jeder erfährt was er vorhatte, aber keiner erfährt den verdammten Grund dafür! Dann ist er endgültig verloren. Entweder bringt er sich dann um oder wird weggesperrt für lange Zeit. Ist euch mal aufgefallen, dass wir durch die ganze Scheiße mit Hannah irgendwie zusammengewachsen sind? Ist euch mal aufgefallen, dass Tyler der Einzige ist, dem wir keine zweite Chance gegeben haben?! Der, der untergegangen ist, übersehen wurde? Obwohl er immer gesagt hat, er wird fertig gemacht, hat keiner irgendwas getan damit es besser wurde. Keiner! Wir haben ihn alle wie den letzten Dreck behandelt! Cyrus und Mackenzie waren die einzigen, die ihn nicht wie einen Aussätzigen behandelt haben! Denkt mal drüber nach, wie es ist niemanden zu haben! Und dann denkt, verdammt nochmal daran, was Hannah getan hat, weil sie niemanden mehr hatte! Und was wir uns für Vorwürfe gemacht haben, weil wir nichts getan haben, obwohl wir es hätten tun können. Tyler ist auch nur ein Mensch mit Gefühlen und kein Monster oder gefühlskalter Psychokiller, verdammt! Er macht nicht immer das Richtige, aber wer von uns macht das schon? Na? Wer ist perfekt? Wer kann hundertprozentig sagen, er würde nicht irgendwann durchdrehen, wenn alle gegen ihn sind? WER? Hannah war verzweifelt genug, um sich umzubringen. Sie hat nach Hilfe geschrien, aber keiner hat ihr geholfen. Keiner hat ihr eine Chance gegeben. Tyler war verzweifelt genug einen Amoklauf starten zu wollen, er wusste keinen anderen Ausweg mehr. Er wollte nur, dass das alles endlich aufhört! Was seid ihr für Menschen, wenn ihr jemanden wegstoßt, der eure Hilfe braucht? Was soll er denn noch tun, damit die Leute endlich begreifen, dass er kaputt geht? Sich umbringen? Amok laufen? DANN IST ES ZU SPÄT! SCHON WIEDER! Ich lasse nicht zu, das noch jemand untergeht. Ich lasse verdammt noch mal nicht zu, dass Tyler sich oder andere umbringt. Wenn es sein muss, zieh ich das alleine durch. Ich finde raus, was mit ihm passiert ist und dann helfe ich ihm durch die ganze Scheiße durch zu kommen. Habt ihr nichts dazu gelernt? Vielleicht ist es das, was Hannah gewollt hatte, vielleicht ist das ihr Vermächtnis. Dass wir mehr auf andere achten und uns gegenseitig unterstützen und helfen sollten, statt wegzusehen oder noch zuzutreten, wenn jemand am Boden liegt!”

Die Wirkung war förmlich zu spüren, denn es war absolute Stille eingekehrt und jeder dachte über Clays Worte nach.

Clay sah zu Tony, der nickte.

“Starke Rede, Clay. Ich glaube, das hat gesessen”, sagte Tony, als Clay bei ihm ankam.

“Mir hats einfach gereicht. Es ist doch nicht immer nur einer an etwas Schuld, es sind immer mehrere Seiten und wenn jeder nur seine Scheißseite sieht, dann ändert sich nie etwas und der Teufelskreis geht weiter.”

“Was schlägst du vor, wie wir Tyler helfen können?”, fragte Cyrus plötzlich.

“Ja genau, wie sollen wir das eigentlich bewerkstelligen?”, fragte Zach. Überrascht sah Clay zu Zach.

“Was? Du hast Recht. Aber erwarte nicht von mir, dass ich mit dem übermorgen einen auf Best Friends mache. Ich geb ihm eine Chance und ich werde versuchen zu helfen. Also, wie ist dein Plan?”

“Ich hatte da heute morgen eine Idee. Ist aber schwierig umzusetzen und womöglich werden wir uns irgendwann alle auf die Nerven gehen”, fing Clay an.

“Schieß los, Clay”, sagte Jessica.

Und so unterbreitete Clay seine Idee, die mit Hilfe der anderen zu einem konkreten Plan wurde.

Währenddessen saßen Tyler und Justin wieder vor der Konsole und zockten. Tyler hatte nach wie vor kaum etwas gegessen und sein Magen knurrte immer wieder.

Justin drückte auf Pause.

“Alter, Ich hab echt keinen Plan, wieso du nichts essen willst. Aber dein Magen hat Hunger. Das ist nicht zu überhören.”

Tyler nickte ergeben, aber er hatte jetzt schon eine Riesenangst vor den unausweichlich schmerzhaften Folgen.

“Also, isst du jetzt endlich was? Komm mit in die Küche, hast die freie Auswahl”, meinte Justin und stand auf, um voran zu gehen.

Tyler erhob sich schwerfällig und trottete ihm hinterher, als würde er demnächst gehängt werden.

Justin verwirrte sein Verhalten, er hatte ja offenbar Hunger, aber aß trotzdem nichts. Nur warum? Was war der Grund dafür?

Justin holte einiges an Essbaren hervor und breitete es auf dem Tisch aus.

“Bedien dich einfach”, meinte er.

Diesmal aß Tyler tatsächlich etwas, zwar nicht viel aber immerhin.

Einige Zeit später musste Tyler dann wieder auf Klo. Da war er sehr häufig, was Justin auch seltsam vorkam. Vielleicht kotzte er das Essen jetzt wieder aus?

Tyler jedoch hatte gerade ganz andere Probleme, von denen Justin nichts ahnen konnte.

Als er auf Klo saß musste er sich den Mund zuhalten, um nicht zu schreien. Er hatte solche höllischen Schmerzen, dass sie ihm die Tränen aus den Augen trieben.

Justin machte es nervös, dass Tyler solange auf Klo brauchte. Aber zumindest hatte er die Rasierklingen versteckt, als er selbst ins Bad gemusst hatte. Eine Gefahr weniger.

Endlich kam Tyler die Treppe wieder herunter, er war ganz weiß im Gesicht und schwankte immer wieder bedrohlich.

Als er bei Justin im Wohnzimmer ankam, dachte der, da stünde ein Geist in der Tür.

“Siehst du Scheiße aus, Alter. Setz dich mal hin, du musst was trinken”, rief Justin entsetzt.

Justin ging zu Tyler, der dieses mal nicht vor ihm zurück wich und stützte ihn, damit er das Sofa heil erreichen konnte. Als er Tyler beim hinsetzen half, jaulte der plötzlich auf. Justin sah ihn erschrocken an.

“Was ist passiert? Hab ich dich irgendwie verletzt?”

Tyler legte sich wieder halbwegs hin.

“Ich glaub, ich hab Migräne oder sowas. Mir platzt bald der Kopf”, flüsterte Tyler.

“Schmerztablette?”

“Ja, bitte…”, stöhnte Tyler.

Justin ging in die Küche um erneut eine Schmerztablette zu besorgen. Tylers Glas hatte er mitgenommen und mit Wasser gefüllt, brachte er es nun zurück. Tyler lag mit geschlossenen Augen auf dem Sofa als er zurückkam. Sein Gesicht war schmerzverzerrt.

Okay, er hatte also wirklich Schmerzen. Aber woher? Hatte er wirklich Migräne?

“Hier, deine Tablette und dein Wasser”, sagte Justin und gab es Tyler, der sich langsam aufgerichtet hatte. Schnell nahm er die Tablette und trank das Wasser hinterher.

“Danke..”, sagte er leise, legte sich wieder hin und schloss erneut die Augen.

Justin machte die Konsole und den TV aus und setzte sich in den Sessel. Hoffentlich kam Clay bald wieder, die ganze Sache war für einen alleine absolut nicht zu schaffen.

Während er so da saß und nachdachte, landete er zwangsläufig auch wieder bei seinem eigenen Problem. Den Drogen. Wie sollte er davon loskommen, ohne dass es jemand merkte? Es ging ihm beim letzten Mal doch schon so beschissen. Das würde sofort auffallen.

Irgendwann starrte Justin nur noch düster vor sich hin. Egal, wie er es drehte und wendete, es würde katastrophal enden.

“Hey, pack schon mal deine Sachen”, sagte Clay, der plötzlich im Wohnzimmer stand. Justin schreckte hoch. Wie, was, Sachen packen? Hatte Clay etwa seine…

“Wir zelten.”

“Zelten? Dein Ernst?”, fragte Justin ihn entgeistert, aber zugleich sehr erleichtert.

“Ja, wir alle. Tony besorgt gerade die Genehmigung und fragt auch seine Eltern. Die anderen besorgen Vorräte und klären das mit den Eltern. Ich hab unseren schon mal Bescheid gesagt, dass wir ein paar Tage oder auch ‘ne Woche campen, um mal weg von allem was so abging zu kommen. Sie sind einverstanden. Wir müssen unsere Sachen auch noch packen und noch was Essbares besorgen.”

Als Clay fertig war, sah er zu Tyler.

“Wie geht's ihm denn eigentlich?”

“Nicht besonders, er hat definitiv Schmerzen. Er meinte, er hätte Migräne”, antwortete Justin.

“Du willst wirklich mit der ganzen Truppe campen? Wo überhaupt?”, hakte er nochmal nach.

“Erinnerst du dich noch daran, als ich in der Schule ausgerastet bin vor den Austauschschülern?”, fragte Clay.

“Ohja, wir haben gedacht, jetzt hast du endgültig den Verstand verloren”, erinnerte er sich an den Tag zurück.

“Tony hat mich danach sozusagen seiner eigenen Wildnistherapie unterzogen. Und es war der Hammer”, sagte Clay.

“Deswegen fahren wir alle dorthin, kommen mal raus hier, finden raus, was mit Tyler passiert ist und eine Lösung, um ihm zu helfen. Wir alle und die Wildnis, sonst niemand.”

“Und die anderen können Tyler mal anders kennenlernen”, führte Justin Clays Ansprache fort.

“Genau. Wie soll sich denn sonst etwas verändern?”
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