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Tote Mädchen lügen nicht – Staffel 3 - Meine Version

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Gen
Alex Standall Clay Jensen Justin Foley Montgomery de la Cruz Tony Padilla Zach Dempsey
22.08.2019
04.06.2020
14
64.300
2
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
10.02.2020 9.040
 
So, nach einer längeren Pause geht es hier doch noch mal weiter. Entschuldigung, dass es so lange gedauert hat, bis mein Kopf wieder mitarbeiten wollte.
Mein Betaleser hat deutlich empfohlen, für dieses Kapitel eine Triggerwarnung zu setzen. Was ich dann jetzt auch tue:

!!!!! ACHTUNG TRIGGERWARNUNG !!!!!
Diese gilt für die Bereiche: Suizid, Vergewaltigung, Gewalt sowie für Waffenmissbrauch!

Ansonsten: Viel Spaß und los gehts mit dem letzten regulären Kapitel!

Kapitel 13: Sie haben versagt!

Klick.

Einige öffneten ihre Augen wieder.

Was zum...?

"...aber du bist es nicht wert, Monty. Du bist erbärmlich."

Tyler nahm die Waffe runter, sicherte sie und steckte sie zurück in die Jackentasche.

Montgomery de la Cruz war auf den Boden gesackt, allerdings nicht, weil er erschossen worden war, sondern vor Schock. Außerdem breitete sich unter ihm eine Pfütze auf dem Boden aus.

"Was zum Teufel?", fragte Justin verwirrt.

"HÄ?", rief Jessica.

"Was ist passiert?"

Tyler drehte sich zu den anderen um.

"Die Waffe war nicht geladen. Da ist nur ein leeres Magazin drin. Ich hatte nicht vor ihn abzuknallen, er sollte nur wissen, wie es sich für mich angefühlt hat", erklärte er.

"Wann hast du das denn ausgeheckt?", fragte Sheri völlig verdattert.

"Naja, eigentlich war es Alex' Idee", erwiderte Tyler und sah zu Alex.

Dann begann er zu erzählen.


Rückblick:

Er saß völlig perplex auf seinem Bett und starrte die Waffe in seiner Hand an. Wie hatte er vergessen können, dass er im Zimmer -für Notfälle- noch eine Pistole versteckt hatte? Tyler hatte gedacht, er hätte sie alle Clay und Tony gegeben. Aber ihm war es damals so schlecht gegangen, dass er sich kaum noch erinnern konnte.

Dann klopfte es an der Tür, schnell versteckte er die Waffe unter der Bettdecke. Dann trat Alex auch schon ein. Den hatte er völlig vergessen...

Doch Tyler sah so blass aus, dass Alex sofort fragte, was los wäre. Und nach einigem Zögern erzählte er und deckte schließlich die Bettdecke zurück.

Eine Weile saßen sie nebeneinander auf Tylers Bett und starrten vor sich hin. Die Pistole hatte er wieder zugedeckt.

Er hatte Alex gerade davon erzählt, dass er Angst davor hätte, wieder zur Schule zu gehen.

"Am liebsten würde ich Monty abknallen…", sagte er schließlich das, was er schon lange dachte.

Alex reagierte zunächst gar nicht darauf, doch dann:
"Dann tu es."

Völlig schockiert starrte Tyler ihn an. Hatte er sich gerade verhört? Sie hatten Ewigkeiten damit verbracht Tyler zu überzeugen, dass es andere Möglichkeiten gab, um jemanden zu stoppen. Sie hatten mit ihm diskutiert, auf ihn eingeredet, gemacht und getan, um ihn von dem Amoklauf-Ding weg zu kriegen. Und jetzt schmiss Alex alles über den Haufen?!

"Was?"

"Knall Monty ab. Ich glaub, ich hab da eine Idee…", sagte Alex völlig gelassen.

Dann erzählte er Tyler davon und zusammen entwickelten sie einen gefährlichen Plan, von dem die anderen nichts wissen durften.


"Also, wolltest du ihn gar nicht umbringen? Du hast das mit Alex so geplant? Das ist... Wow. Krasse Aktion, Leute", sagte Justin beeindruckt, wenn auch schockiert.

"Aber nötig, vielleicht wacht er dann mal auf und merkt, dass es so nicht geht", meinte Sheri, die darüber erstmal hatte nachdenken müssen, und wandte sich dann an die ebenfalls geschockten Sportlerkumpels.

"Und ihr beide könnt die Hände runter nehmen. Ihr haltet die Schnauze darüber, was hier passiert ist und ihr beteiligt euch nie wieder an Vergewaltigungen, Körperverletzungen jeglicher Art oder Mobbing. Ansonsten habt ihr ein richtig fettes Problem, kapiert?"

Artig nickten sie.

"Dann verpisst euch!", brüllte Alex und sie rannten, als wäre der Teufel persönlich hinter ihnen her.

"Nun zu dir, Monty", sagte Zach, als er sich wieder gefangen hatte, und hockte sich vor den geschockten Mitschüler.

Monty zitterte am ganzen Körper und hatte Probleme in der Wirklichkeit zu bleiben. Er war nicht tot. Er hatte sich eingepisst. Er lag hier vor den Leuten, die er hasste und die ihn hassten. Die ultimative Demütigung. Viel tiefer konnte man nicht mehr sinken.

Tyler beobachtete ihn genau, vielleicht würde er gleich aufspringen und auf ihn losgehen. Auch Alex, der zu Tyler gehumpelt war, hatte ein Auge auf den Erzfeind. Bei Monty konnte man schließlich nie wissen.

Die anderen stellten sich nun auch um ihn herum, woraufhin er komplett nervös wurde. Monty hasste es, wenn andere in der Überzahl gegen ihn waren.

"Hey, hier spielt die Musik!“, rief Zach, der mit den Fingern vor seinem Gesicht rumgeschnippt hatte.

„Du hast Tyler über Jahre hinweg gedemütigt, du hast ihn vergewaltigt und ihm damit den Rest gegeben, der fast eine Katastrophe ausgelöst hätte. Du hast noch viele andere Schüler dieser Schule gemobbt. Du suchst dir nur die Schwachen raus, du verdammtes Arschloch. Du bist zu feige, dir einen echten Gegner zu suchen, der dir die Stirn bieten kann. Ich schwöre dir, Montgomery de la Cruz: Wenn wir noch einmal mitkriegen, wie du einen anderen Schüler, egal wer es ist, fertig machst, dann war das hier ein Strandspaziergang. Das nächste Mal wirds das Tor zur Hölle sein", machte Zach ihm klar und stand auf.

"Krieg deinen Scheiß Zuhause geregelt, geh zur Vertrauenslehrerin, such dir Freunde. Richtige Freunde, keine Handlanger, die tun was du willst ohne nachzudenken. Und keine Bryce Walkers. Mach 'ne Therapie, Antiaggressionstraining, was weiß ich! Krieg dich in den Griff, ansonsten hast du ein richtiges Problem mit uns. Das ist die letzte Warnung. Und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst!", fügte Tony noch bedrohlicher hinzu.

Monty starrte die anderen einen Augenblick lang an, dann rappelte er sich auf und rannte, wie der Blitz davon.

Nachdem Monty die Flucht ergriffen hatte, drehte sich ein wütender Tony zu Tyler um.

"So, und nun zu dir. Sag mal, tickst du noch ganz richtig?!"

Doch, als er gerade mit seiner Ansage loslegen wollte, mischte sich Alex ein.

"Stop! Bevor du auf ihn los gehst, das war meine Idee. Also musst du nicht ihn dafür zusammenscheißen, sondern mich."

„Ja, genau, Alex. Wie kommst du eigentlich darauf so eine Scheiße abzuziehen? Spinnst du jetzt komplett, oder was?“, sagte Zach, der ebenfalls ziemlich angepisst war.

„Tyler ging es immer noch schlecht wegen diesem Scheißkerl. Er hatte Angst vor der Schule und er hatte gerade die Waffe gefunden. Da kam ich halt auf die Idee so zu tun, als ob. Das ist Monty von dem wir hier reden, wenn man dem irgendetwas begreiflich machen will, dann muss man das mit der Vorschlaghammer-Methode machen, sonst bringt das gar nichts. Der Typ ist vollkommen abgebrüht und kaputt. Das, was ihr vorhattet, war ja ganz nett. Aber ganz ehrlich, das hätte doch genauso wenig gebracht, wie die Male davor, wo wir ihm versucht haben klar zu machen, dass er sich gefälligst von Tyler fernhalten soll. Geschweige denn, die anderen in Ruhe lassen. Ich hab keine Ahnung, was bei dem Typen falsch läuft, aber der merkt nicht mehr viel. Jetzt wurde er zumindest mal wachgerüttelt, dass seine Aktionen auch Folgen haben“, schloss Alex seine Erklärung ab.

Einige Zeit sagte keiner was.

Tyler sah immer wieder unsicher zu Clay, der schon eine ganze Weile nichts mehr gesagt und sich auch sonst nicht gerührt hatte. Als wäre er einfach erstarrt.

"Glaubt ihr denn, das hat was gebracht?", fragte Cyrus, der als erster wieder das Wort ergriff.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Videofunktion seines Handys immer noch lief. Schnell stoppte er sie. Es war geplant gewesen, die Aktion zu filmen. Doch als irgendwie nichts mehr nach Plan lief, konnte er nur noch geschockt zusehen. Das Handy immer noch in der Hand.

"Werden wir sehen. Aber 'n guten Schreck hats ihm eingejagt. Und uns auch. Ehrlich Leute, wenn ihr das nächste Mal sowas plant, dann weiht uns doch ein", meinte Jessica.

Sie wusste nicht, ob sie wütend oder geschockt sein sollte.

"Das ging nicht, es musste glaubwürdig rüber kommen. Und das hat Tyler wunderbar gemacht. Wie gehts dir jetzt?", fragte Alex.

"Weiß nicht, ich glaube aber besser. Irgendwie... befreit. Das war genial, Alex. Danke", antwortete Tyler.

Tatsächlich hatte er immer mehr die Angst vor dem „Verfluchten Schulklo“, wie er es oft nannte, verloren. Mithilfe der anderen hatte er es wieder zu einem halbwegs normalen Ort gemacht.

"Ach, eine meiner leichtesten Übungen. Pläne aushecken kann ich immerhin noch. Aber eine Frage noch: Wer wischt Montys Pisse weg?", fragte Alex in seinem typisch ironischen Ton.

Woraufhin erst einige das Gesicht angeekelt verzogen und dann anfingen zu lachen.
Und das tat so verdammt gut, endlich wieder zu lachen. Auch wenn der Anlass dazu mehr als makaber war.

Als sie sich wieder beruhigt hatten, meinte Sheri, dass sie das wohl doch den Putzkräften überlassen. Dann würden hier hoffentlich auch keine Wischmops mehr rumstehen.

                    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Immer noch neben der Spur stolperte Monty durch die Straßen. Er war noch am Leben. Er war nicht tot. Er hatte sich vor allen eingepisst. Und wo war eigentlich sein Jeep?

“FUUUUUCK!”, brüllte er.

Dann spürte er, wie ihm etwas Nasses die Wange herunterlief. Wirr wischte er sich kurz durchs Gesicht. Gleich darauf das gleiche Spiel nochmal von vorne. Er sah verwirrt nach oben. Blauer Himmel und Sonnenschein. Wo zum Teufel kam denn jetzt der Regen her? Es dauerte ewig, bis er begriff, dass das Tränen waren. Und zwar seine eigenen.

Erstaunt betrachtete er seine nassen Finger. Wann hatte er zuletzt geheult? Das war ewig her. Vermutlich als sich seine Mutter... Oh, nein! WAG ES JA NICHT DARAN ZU DENKEN, SCHWÄCHLING!

Erneut wischte er sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Gott, sah das erbärmlich aus: Vollgepisste Hose und dann auch noch am heulen. Konnte er wenigstens nachhause gehen und die Klamotten wechseln oder würde der Alte wieder auf ihn warten? Er musste es riskieren, so rumzulaufen war schon Demütigung genug. Also machte er sich auf den Weg. Doch er wurde von allen Seiten angestarrt, bis ihm die Sicherungen durchbrannten.

“Was ist? Gibt 's hier was zu glotzen? Wollt ihr aufs Maul oder was ist los?!”, brüllte er quer über die Straße.

Die meisten sahen sofort weg und wechselten die Straßenseite. Puh, Ordnung wieder hergestellt. Zum Glück. Wie sich das gehört.

“Hey Kleiner, zieh dir mal 'ne frische Hose an. Oder bist du erst drei Jahre alt?“, krähte es von vorne.

Scheiße, die auch noch. Also schnell auf cool tun und Stolz verteidigen. Vor denen durfte er auf gar keinen Fall schwach wirken.

“Son Scheißpenner konnte nicht aufpassen”, erklärte er den Typen vor sich.

“Wieso, hat er ausversehen dich beim Pissen getroffen statt die Schüssel?”

Alle lachten.

Seine Wut nahm zu.

“So ungefähr. Das ist Apfelsaft", antwortete er kalt.  

“Aber klar doch, Apfelsaft riecht auch immer nach Pisse", höhnten sie.

"Sieh zu, dass du am Samstag vorbei kommst, sonst hast du Stress an der Backe, Alter. Klar?”

Nicht schon wieder.

“Ja…”, stimmte er zu. Er hatte keine andere Wahl.

Endlich verzogen sich die Typen. Monty ging direkt in die nächste Seitenstraße, weil er seine Wut kaum noch kontrollieren konnte. Er trat gegen die Wände und die Mülltonnen um, brüllte:
”FUUUUUUUUUUUUCK MAAAAAAAAAAN!” und bearbeitete weiter alles, was er finden konnte.

Er verlor die Kontrolle, seine Macht. Wenn er nicht aufpasste, war er in der Schule und hier draußen bald auch nichts weiter als ein Stück Dreck, das man rumschubsen konnte.

Dieser verdammte Tyler Down, warum war er nicht einfach von der Scheißschule gegangen, wie er es gewollt hatte? War er nicht hart genug zu ihm gewesen? Hatte er ihm nicht deutlich genug gezeigt, dass er sich lieber verpissen sollte? Hätte er ihn nochmal……?

                    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Es hatte inzwischen geklingelt und die meisten hatten das Schulklo verlassen. Nur Clay und Tyler blieben im Badezimmer zurück. Als Tyler sich zu Clay umdrehte, war er erschrocken. Clay war leichenblass und zitterte am ganzen Körper.

"Clay..?", begann er vorsichtig.

Clays Blick huschte kurz zu ihm und dann wieder zurück an die Stelle, wo er vorher festhing: Am Boden.

"Bist du... okay?", fragte er und trat näher.

Was für eine dämliche Frage, dachte er kurz darauf.

Clay schüttelte den Kopf.

"Warum…", krächzte er.

"Warum ich das getan habe?", half er ihm weiter.

Clay nickte.

"Weil er immer mit allem durch kommt, weil er… Ich hasse ihn, Clay. Und ja, am liebsten hätte ich ihn wirklich abgeknallt. Aber das ist keine Option mehr. Ich erschieße niemanden, nicht mal wenn sie es verdient hätten. Wir haben diesen Plan entwickelt, damit ich irgendwie von ihm loskomme. Nicht, um dich zu verletzen.“

"Du hättest es also nicht getan…?"

"Nein, ich bin durch damit. Das war ein riesiger Fehler und der hätte niemals passieren dürfen. Wenn ihr mich damals nicht aufgehalten hättet, wenn ihr mir nicht geholfen hättet, wäre ich schon längst nicht mehr hier."

"Warum habt ihr es mir nicht gesagt… und warum, verdammt noch mal, wieder eine Waffe… ich dachte, wir hätten alle entsorgt?", fragte Clay niedergeschlagen.

"Ich hab sie in meinem Zimmer gefunden, wusste nicht mal mehr, dass ich sie noch habe. Hab gedacht, ich hätte euch alle gegeben…"

"Du hast mir eine Scheiß-Angst eingejagt, Tyler. Ich dachte, es wäre alles umsonst gewesen und war zurück in jener Nacht, als du mit einer Waffe auf mich gezielt hast und … Gott, Tyler-“, brach Clay plötzlich ab, was er hatte sagen wollen und schlug sich die Hände vors Gesicht.

"Es tut mir Leid, Clay. Es tut mir so Leid, was damals passiert ist. Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich es tun. Ehrlich“, sagte Tyler und sah ihn bedauernd an.

Er hatte Clay nichts tun wollen und wollte alles am liebsten rückgängig machen. Aber das ging genauso wenig, wie das was ihm passiert war.

„Und… du weißt nicht, was hier drin passiert ist. Du kennst nur die Kurzfassung...“

„Ich stand hier am Waschbecken“, begann er.

Er drehte sich zum Waschbecken und ging darauf zu. Tyler hatte noch nie jemanden die komplette Geschichte erzählt. Er konnte es lange Zeit einfach nicht, doch nun sprudelte mit einem Mal alles aus ihm raus, ohne dass er es stoppen konnte.

"Ich hab meine Hände gewaschen, plötzlich ging die Tür auf und Monty, Sean und Peter kamen rein. Er war wütend, wegen der Saison, die wegen Cyrus und mir abgesagt wurde. Ich hab versucht ihm zu sagen, was mit mir los war und dass ich hoffe, dass wir irgendwie miteinander auskommen können. Hab versucht, das was man mir beigebracht hatte umzusetzen. Aber er hat nur meinen Kopf gegen diesen Spiegel hier geknallt und danach mehrmals auf das Waschbecken (er zeigte auf die beschriebenen Stellen), danach hat er mich in diese verdammte Kabine gezerrt. (Er stieß die Kabinentür auf) Er hat meinen Kopf ins Klo gedrückt, ich hab versucht mich zu entschuldigen. Es hat ihn alles einen Scheißdreck interessiert! Dann sollten die anderen beiden mich festhalten… und dann… dann… er hat… oh Gott… er hat… mir die… Hosen runtergezogen und… dann hat er… diesen Wischmop…" Tyler begann zu weinen, sackte gegen die Wand und schließlich auf den Boden, während er sich haltsuchend selbst umarmte.

"Monty hat ihn… ihn... mir... rein... geschoben… und es tat so... weh… ich…" Tyler weinte noch heftiger, er konnte kaum sprechen. Die Erinnerungen waren einfach heftig und er kauerte sich so klein, wie er konnte, zusammen. In der Hoffnung es würde irgendwie helfen.

Als er sich einigermaßen beruhigt hatte, sprach er weiter.  

"Sie haben mich neben dem Klo abgelegt, als wäre ich ein alter Lappen und sind einfach gegangen. Ich hab… hab… geblutet…"

Wieder weinte er stärker. Und nun sah er Clay zum ersten Mal wieder an, dieser hörte ihm aufmerksam und gleichzeitig fassunglos zu. Wie konnte man so brutal und grausam sein?

"In diesem Moment wollte ich nichts sehnlicher, als zu sterben, Clay. Jeder Atemzug tat so unendlich weh.. all die Jahre hab ich immer irgendwie weiter gemacht… aber er hatte es geschafft, dass ich nicht mehr leben wollte… an einem einzigen Tag… Ich hab mir gewünscht, sie hätten es wenigstens zu Ende gebracht… aber den Gefallen haben sie mir nicht getan. Das was Monty heute erlebt hat, war nur ein Bruchteil davon, was ich an diesem verfluchten Tag und von da an täglich gefühlt habe. Ich wollte einfach nur, dass er weiß, was er mir angetan hat. Ich hätte ihn nicht getötet, aber er sollte verstehen, wie es sich für mich angefühlt hat. Er sollte auch einmal in seinem Scheißleben wirklich dafür büßen, was er getan hat. Er hat mich ständig fertig gemacht. Jahrelang. Er hasst mich. Und als ob das noch nicht gereicht hätte, vergewaltigt er mich auch noch“, erklärte Tyler.

„Ein Teil von mir ist hier drin gestorben. Ich bin vielleicht nicht für immer gebrochen und kaputt, aber ein Teil von mir ist tot. Alex meinte, wenn es mir hilft, hilft er mir das mit Monty durchzuziehen. Und ich weiß, dass du mir vielleicht nicht mehr traust, aber es hat mich ein Stück weit befreit… ich kann hier drin sein ohne zusammen zu brechen. Ich kann… endlich wieder frei atmen…“

Clay nickte langsam.

Während Tyler seine Geschichte erzählt hatte, lief nicht nur in Tylers Kopf ein Film ab. Clay hatte alles lebhaft vor Augen und er konnte gar nicht anders, als ihn zu verstehen.
Wenn er an damals dachte, wo er jedem hatte weh tun wollen, der Hannah etwas getan hatte… er auf seinem Rachetrip war und mit einer Waffe vor Bryce Haus stand und ihn oder sich selbst erschießen wollte, dann waren sie vielleicht gar nicht so verschieden.

Als er Tyler sich selbst umklammernd an der Wand sitzen sah, musste er an Justin denken, als er ihm anvertraut hatte, was mit ihm passiert war. Er spürte einen Stich im Herzen. Beide Jungs waren schlimm verletzt worden. Beide Jungs brauchten und vertrauten ihm.

"Tyler… darf ich dich mal umarmen? Ich weiß, du magst es nicht, wenn man dich anfasst. Aber ich glaube, du brauchst das mal", fragte er mit Tränen in den Augen.

Tyler sah ihn mit demselben Blick an, den er in jener Nacht zeigte, als Clay ihm versprochen hatte eine Lösung zu finden. Und er sah dabei so zerbrechlich aus, dass Clay ihn am liebsten vor der ganzen bösen Welt beschützen wollte.

Tyler murmelte schließlich leise: „Mmh“ und stemmte sich wieder hoch. Und dann umarmten sich die beiden Jungs. Clay wusste, wie viel Mut und Nerven es Tyler gekostet hatte, ihm das alles zu erzählen. Und es bedeutete auch, dass Tyler ihm absolut vertraute. Er würde ihn nie wieder im Stich lassen.

"Ich bin stolz auf dich, Tyler", sagte er in die Umarmung hinein und Tyler fing wieder an zu weinen.
Diesmal vor Erleichterung, denn Clay war ihm nicht mehr böse und er hatte es zum ersten Mal geschafft die ganze Geschichte jemandem zu erzählen.

Als sie sich voneinander gelöst hatten, hatte Clay allerdings noch ein Anliegen.

„Versprichst du mir etwas?“, fragte er Tyler, der sich gerade mit den Ärmeln sämtliche Tränen wegwischte.

Er nickte und sah Clay fragend an.

„Tu das nie wieder, Tyler.“

„Versprochen, Clay. Nie wieder werde ich eine Waffe in die Hand nehmen, nachdem die hier entsorgt wurde, und nie wieder auf irgendwen zielen… das Thema ist durch. Endgültig. Ich will weiter machen und wieder auf die Beine kommen“, sagte Tyler und sah ihn fest an.

Clay nickte.

„Danke.“

„Da ist noch etwas...“, begann Tyler.

„Was denn?“

„Wir sollten uns um Alex kümmern. Es geht ihm nicht gut, wegen der Trennung von Jessica. Ich mach mir Sorgen um ihn..“

Erstaunt sah Clay ihn an.

„Wirklich? Das ist mir gar nicht aufgefallen... Hat er das gesagt?“

"Nein, gesagt hat er nichts. Aber... ähm… ich beobachte viel und da fällt sowas halt auf…"

„Vielleicht sollte ich auch mal mehr beobachten und abwarten und nicht immer beim ersten Ding drauflos stürmen…", meinte Clay daraufhin nachdenklich.

„Und dann noch... Justin... irgendetwas ist mit ihm...“

„Justin? Aber ihm geht’s doch wieder besser“, sagte Clay erstaunt.

„Ist dir nicht aufgefallen, dass er oft irgendwie weggetreten ist?“, fragte Tyler.

„Doch, aber... Keine Ahnung...“

„Ich hab das Gefühl, es ist noch nicht vorbei bei ihm...“, sagte Tyler und sah Clay traurig an.

Clay war erstaunt, wieviel Tyler mitbekam, während er selbst nichts davon merkte. Vielleicht hatte Tyler einfach feinere Antennen dafür?


                    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


'Trefft mich an der Ruine.' war die letzte Nachricht, die Clay erhielt. Seit Wochen rätselten sie, wer dahinter stecken könnte. Sie waren sämtliche Schüler durchgegangen, aber kamen auf kein Ergebnis. Es gab einfach zu wenig Hinweise.

Sie würden zur Ruine gehen und sich dort mit dem Unbekannten treffen. Sie hatten Tyler auch erst vor kurzem von den Nachrichten erzählt, weil sie nicht wussten, wie er darauf reagieren würde. Zum Glück war er relativ ruhig geblieben.

Da sie nicht wussten, wer dahintersteckte und ob es nicht vielleicht doch eine Falle war, hielten sie Tyler da raus. Er wollte sowieso lieber nicht dabei sein.

So hatten Tyler und Cyrus in der Zeit ohnehin etwas anderes vor, denn sie wollten Tylers letzte Waffe entsorgen und damit das Amoklauf-Thema endgültig abschließen.

Als sie in der Ruine ankamen, wartete dort schon jemand auf sie.

Und es war kein Unbekannter.

"Scott?", fragte Clay verwundert.

"Du hast uns diese Nachrichten geschrieben?", rief Zach vollkommen erstaunt.

Scott Reed hatten sie überhaupt nicht mehr auf dem Schirm gehabt. Erst jetzt fiel ihnen ein, dass Scott sich nach den Ferien komplett zurückgezogen und sogar die Mannschaft verlassen hatte. Er war unsichtbar geworden und hatte oft in der Schule gefehlt.

"Ja, tut mir Leid. Ich wusste nicht, wie ich das jemandem sagen sollte."

"Du warst echt Zeuge, als die...?", fragte Justin entsetzt.

Scott nickte langsam. Dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen und begann zu erzählen, was er niemandem hatte sagen können. Dabei bemerkten sie, dass er total verkrampft und angespannt war. Das Ganze schien ihn sehr zu belasten.

“Ich bin am Jungsklo vorbei gegangen und hab Stimmen gehört. Montys Stimme hab ich sofort erkannt und bin stehen geblieben. Tyler hat versucht sich zu entschuldigen... Dann war da ein Gesplitter und Gepolter und irgendwie ein seltsames Geplätscher und dann... Dann... Es hörte sich an, als würde er schreien, aber jemand hält ihm den Mund zu. Kurz darauf hat es geknallt, ich bin in den nächsten Raum gesprungen und dann kamen Monty und seine Kumpels da raus maschiert, haben sich umgesehen und sind dann den Ausgang raus. Ich hab... also...", er räusperte sich.

"Ich hab das gefilmt, weil ich Monty endlich das Handwerk legen wollte. Er ist ein Arschloch, der seinen Frust an anderen auslassen muss und ich hatte endgültig genug davon. Und nach dem, was mit Bryce war... wollte ich niemanden mehr schützen, der so einen Scheiß auch noch deckt. Und er hört ja einfach nicht auf. Ich dachte, er würde mal wieder jemanden zusammenschlagen...", erzählte er weiter.

“Woher wusstest du, dass es Tyler war? Du hast ihn doch nicht gesehen, oder?”, fragte Tony.  

"Zuerst nicht. Als derjenige auch nach mehreren Minuten nicht rauskam, wollte ich nachsehen, ob er überhaupt noch lebt. Ich hab noch nie jemanden so schreien gehört. Es war unheimlich. Aber dann… gerade als ich mein Versteck verlassen und reingehen wollte, kam Tyler da raus. Er ist irgendwie seltsam gelaufen... Sein Gesicht war… es lief Blut über sein Gesicht.. Er sah total verheult und fertig aus... Ich wollte ihm helfen, aber ich hab mich nicht getraut. Nachdem er weg war, bin ich ins Badezimmer gegangen… Es lagen Spiegelscherben am Boden und im Waschbecken. Und Blut war am Waschbecken… das eine Klo komplett nass… auch daneben… eine Blutlache vorm Klo… und dann… Dann... hab ich diesen Wischmop gesehen. Er war oben am Stil komplett blutig… ca  10-20cm, schätze ich. Und zuerst konnte ich mir nicht erklären, was da abgelaufen sein könnte. Ich hab da sicher eine Ewigkeit rumgestanden. Und dann fiel mir ein… An der Schule, wo ich vorher war, war sowas auch schon mal passiert. Da haben sich ein paar Sportler einen Jungen gepackt und ihn dann vergewaltigt. Dann hab ich alles fotografiert, hab den Wischmop mitgenommen, eine Tüte drüber gemacht und seitdem aufbewahrt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mir wurde dann erst bewusst, was ich da mit angehört hatte… was ich gefilmt habe", sagte Scott niedergeschlagen.

"Ich hätte was tun müssen, um ihm zu helfen..."

"Und das hast du alles für dich behalten? Die ganze Zeit?", fragte Sheri.

Scott nickte betroffen.

"Scott… das ist…”, begann Justin und wusste dann nicht weiter.

Das war eine harte Nummer.

“Krass…”, beendete Alex den Satz.

“Aber hilfreich. Scott, du bist ein Zeuge! Und was noch besser ist, du hast sogar Beweise!”, rief Clay begeistert.

“Ich hätte ihm helfen können, verflucht. Ich hätte nie gedacht, dass er so weit geht. Er ist ein Monster. Er ist wie Bryce, ein mieses Vergewaltiger-Schwein“, brauste Scott auf.

Er hasste sich selbst dafür, schlimmer noch, er ekelte sich vor sich selbst.  

“Du kannst ihm jetzt helfen, Scott. Du hättest es auch für dich behalten können, doch du hast uns kontaktiert. Damit hilfst du ihm richtig”, erwiderte Clay und versuchte damit ihn zu überzeugen.

“Aber wenn ich Hilfe geholt hätte.."

“Dann wären sie vielleicht auch schon weg gewesen... Du hättest das Video nicht, wo man alles hört… wo Monty und seine zwei Lakaien rauskommen... und wo Tyler rauskommt. Das sind richtige handfeste Beweise, ohne die hat er kaum eine Chance nachzuweisen, dass es in der Schule passiert ist und wer er überhaupt war."

“Scott, du hast getan, was du konntest. Du wusstest ja nicht mal, was mit ihm passiert”, sagte Jessica.

“Ehrlich, mach dir keine Vorwürfe, das bringt jetzt sowieso nichts mehr. Aber du kannst uns jetzt dabei helfen, diesen Scheißkerl Monty endlich dranzukriegen!", sagte Clay euphorisch.

„Wie geht’s dir denn eigentlich?“, fügte Clay noch hinzu. Denn Scott sah selbst total fertig aus.

Scott sah erst Clay an und dann den Boden.

„Ziemlich beschissen. Meine Mutter ist kurz davor mich zum Seelenklempner zu schleifen, weil ich jede Scheiß-Nacht schreiend wach werde. Ich träume immer und immer wieder von Tylers unterdrückten Schreien und das was da hinter verschlossener Tür abging. Oder davon, wie er den Zusammenbruch hatte“, gab er zu

Scott hatte Tylers Nervenzusammenbruch live miterlebt und dieser Anblick hatte sich in sein Gehirn gebrannt und seine Schuldgefühle noch mehr angefacht.

„Damit hätte Monty dann nicht nur Tyler nachhaltig Schaden zugefügt, sondern auch dir...“, meinte Jessica nachdenklich.

Scott stimmte zu.

„Ich war so froh, als ich gesehen habe, dass ihr euch um ihn kümmert. Stellt euch vor, er wäre damit alleine gewesen...“

Daraufhin sahen sich die anderen an. Sie wussten genau, wie das beinahe ausgegangen wäre.


                    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~


Stunden später trafen sie sich bei Tyler Zuhause. Sie hatten mit Scott abgemacht in Kontakt zu bleiben und dass sie erstmal mit Tyler reden würden.

"Und habt ihr alles erledigt?", hakte Tony nach.

Er hatte Cyrus und Tyler vorher noch eingeschärft unbedingt die Fingerabdrücke gründlich abzuwischen und sie dann nur noch mit einem Tuch anzufassen.

"Ja, die ist jetzt endgültig weg", antwortete Cyrus.

Dann erzählten sie Tyler von Scott und dass er Beweise hatte. Tyler wurde ganz blass bei der Vorstellung, dass das noch jemand anderer mitbekommen hatte. Dass die drei Täter ihn so gesehen hatten, war schon schlimm genug.

"Tyler, das ist doch gut. Du kannst Monty anzeigen. Es gibt einen Zeugen und er hat sogar Beweise!", versuchte Clay ihn zu überzeugen.

Alle redeten auf Tyler ein, der immer stiller geworden war. Jessica sah es als Einzige und brachte die anderen zum Schweigen. Tyler stand daraufhin auf und verließ fluchtartig das Zimmer. Die anderen sahen ihm verwirrt hinterher. Was hatte er denn nun?

"Merkt ihr nicht, dass ihr ihn total unter Druck setzt? Das habt ihr bei mir damals auch versucht, aber das könnt ihr wirklich nicht machen! Letztendlich ist es seine Entscheidung und wenn wir wirklich seine Freunde sind, dann müssen wir hinter ihm stehen und das akzeptieren, was er will. Wir können ihm beistehen und ihm helfen, aber er wird das bei der Polizei erzählen müssen. Er alleine!", erklärte sie.

Daraufhin brach eine laute Diskussion los.

Nur einer beteiligte sich nicht: Justin. Er saß still in einer Ecke und dachte nach.

Schließlich verließ er ebenfalls den Raum, um Tyler zu suchen. Der hatte sich im Badezimmer verkrochen und saß irgendwie verloren auf der geschlossenen Klobrille.

"Hey", sagte er, als er das Bad betrat. Dann setzte er sich auf den Badewannenrand.

Tyler sah ihn kurz an und dann schnell wieder weg. Dann herrschte erstmal Stille und beide versanken in ihren Gedanken.

“Ich werde Seth und diesen anderen Scheißkerl anzeigen”, sagte Justin nach einer Weile.

Tyler sah erstaunt zu ihm.

"Wirklich?", fragte er nach.

"Ja, die haben es nicht verdient, einfach so davon zu kommen. Ich... ich bin es schließlich auch nicht.."

Inzwischen war auch den anderen aufgefallen, dass Justin nicht mehr da war. Waren sie zu weit gegangen? Sie wollten sich gerade auf die Suche nach Justin und Tyler machen, da kamen die beiden zurück.

"Wir zeigen sie zusammen an", verkündete Justin.

Alle sahen erstaunt zu ihm, bisher hatte Justin auf alle Versuche ihn davon zu überzeugen derart abweisend reagiert, dass man es bald ganz sein ließ.

"Wir?"

"Tyler zeigt Monty und die zwei Vollidioten an. Ich, Seth und diesen anderen Scheißkerl. Wir machen das zusammen", erklärte er.

Tyler hatte zögernd zugestimmt, Justin hatte recht. Diese Gestalten durften damit nicht durchkommen. Aber es würde ein schwerer Weg werden.

„Aber ihr müsst uns die Zeit lassen, die wir brauchen, um soweit zu sein, dass wir es auch wirklich durchziehen können, klar?“, fügte er noch bestimmt hinzu.

“Wenn ihr soweit seid, kommen wir alle mit und werden euch dabei unterstützen”, versprach Clay und ausnahmslos alle stimmten zu.  

Sie entschuldigten sich bei Tyler und Justin, dass sie sie so unter Druck gesetzt hatten und versprachen ihnen, ihnen die Zeit zu lassen, die sie brauchten.


Einige Tage später war es tatsächlich soweit und sie trafen sich alle im Polizeirevier. Alex hatte seinen Vater schon vorgewarnt, dieser kam sogleich dazu und nahm Tyler und seine Eltern zur Befragung mit.

Ein anderer Polizist holte Justin und seine Adoptiveltern ab und ging mit ihnen in einen Befragungsraum. Justin hatte ihnen kurz zuvor erzählt, was passiert war. Auch sagte er ihnen, dass er Angst hätte, dass Seth ihnen etwas tun würde. Und wenn er ihn in die Finger kriegen würde, wäre er tot. Matt und Lainie hatten ihn beruhigt und ihm mehrfach versichert, dass Seth dafür in den Knast wandern würde und ihnen, und auch ihm, nichts passieren würde.

Ihnen war aufgefallen, dass Justin wieder zu 'Mr und Mrs Jensen' übergegangen war und hatten ihm mehrfach gesagt, dass er sie doch wieder beim Vornamen nennen sollte. Er hatte sich schon mal daran gewöhnt gehabt, sie Matt und Lainie zu nennen, aber nach der Entführung, war er wieder in alte Muster zurück gefallen. Sie hofften, es würde sich wieder einpendeln, wenn die Sache ausgestanden war.

Schließlich kam ein dritter Polizist und nahm Scott ebenfalls mit, Scott übergab ihm dort die Beweise und stellte sich der Vernehmung.

Währenddessen warteten die Übrigen ungeduldig. Sie wussten, es war die Hölle durch die ihre Freunde jetzt nochmal gehen mussten. Vorallem Jessica kannte das Prozedere schon, sie war froh es nicht nochmal durchmachen zu müssen und hoffte, dass Justin, aber auch Tyler, es schnell hinter sich haben würden.

Nachdem sie und Zach, Tyler näher kennengelernt hatten, verschwand ihre Abscheu gegen ihn nach und nach. Er war vielleicht manchmal seltsam, aber ein kranker Psycho eher nicht. Sie hatten endlich begriffen, dass Tyler aus purer Verzweiflung so gehandelt hatte, wie er gehandelt hatte. Vorallem Jessica sah ihn als Leidensgenossen an, weil er ebenfalls vergewaltigt und ein Stück weit zerstört worden war. Doch sie hatte ihn auch verstehen und mögen gelernt, was sie niemals für möglich gehalten hätte.

Nach etwa über einer Stunde kamen Justin und seine Eltern zurück. Er war etwas neben der Spur, aber versuchte tapfer zu sein. Die Freunde waren stolz auf ihn und umarmten ihn. Er hatte es tatsächlich geschafft.

Als Tyler zurück kam, war sofort klar, dass er das nicht so gut weggesteckt hatte. Er war kalkweiß im Gesicht und bebte am ganzen Körper. Die Freunde sprangen auf, um auch ihm zu sagen, dass er das wirklich gut gemacht hatte und um ihn zu umarmen. Seine Eltern stützten ihn, doch kurz bevor sie bei den Stühlen ankamen, klappte er zusammen. Sein Vater konnte gerade noch verhindern, dass er auf dem Boden aufschlug. Alle waren erschrocken.

Mr Standall eilte herbei, um ihn gemeinsam mit Tylers Vater, in einen Raum zu bringen, wo er sich hinlegen konnte. Dann holte er noch ein Glas Wasser.

Die anderen waren ihnen gefolgt, sie hofften, es wäre nichts Ernstes.  

"Mr Down, wir wollten nicht, dass es ihm wieder so schlecht geht. Wir wollten nur, dass Monty und Co. nicht einfach so davonkommen", sagte Clay bedrückt.

"Hört zu, er wollte es doch selbst. Es war einfach etwas viel, aber er erholt sich schon wieder", sagte Mr Down zuversichtlich.

"Es ist nicht eure Schuld. Nur die Schuld von diesen Typen, die ihm das angetan haben. Und damit dürfen sie nicht einfach so davonkommen und ich bin froh, dass ihr ihn davon überzeugen konntet. Und Tyler ist ja nicht alleine damit. Er hat euch und uns, das wird schon wieder", sagte Tylers Mutter.

Nach einigen Minuten regte sich Tyler ein bisschen, als er aufwachte, war er etwas verwirrt.

"Wo… wo bin ich?", fragte er.

"Noch im Polizeirevier, du bist ohnmächtig geworden. Es wird alles gut", erklärte Tylers Vater.

"Du hast es geschafft, Tyler. Du hast Monty angezeigt!", sagte Clay begeistert.

Natürlich waren sie auch auf Tyler stolz. Jetzt würde es hoffentlich endlich Gerechtigkeit geben.

Ein herbeigerufener Arzt sah noch einmal nach Tyler, der dann zugab, dass er kaum etwas gegessen und getrunken hatte den Tag über, weil er so nervös gewesen war. Er sollte sich den Rest des Tages etwas ausruhen.

Sie trafen sich schließlich alle bei ihm zuhause, um ein bisschen zu feiern, was Justin und Tyler geschafft hatten.


Inzwischen waren wieder ein paar Tage vergangen und Tyler hatte den kleinen Kreislaufzusammenbruch gut überstanden. Auch Justin war wieder fit genug, um am Training teilzunehmen. Er brauchte den Sport einfach.

Aber dann erfuhren sie etwas, dass insbesondere Clay den Boden unter den Füßen wegzog. Er hatte sich geschworen zu verhindern, dass es jemals wieder jemandem an dieser Schule so schlecht gehen würde, dass er nicht mehr leben und/oder andere dafür bezahlen lassen will, was ihm passiert war.

Und doch erfuhren sie von einem Mitschüler, der im Krankenhaus lag, weil er versucht hatte sich umzubringen. Auf die gleiche Art wie Hannah hatte er es versucht, wurde jedoch rechtzeitig gefunden. Nun war er in der Psychiatrie und sprach kein Wort mehr. Niemand wusste den Grund dafür. Seine Familie war erst vor ein paar Monaten hergezogen, er war ein fröhlicher aufgeschlossener Junge gewesen.

Alex und Sheri hatten ein Gespräch zwischen Mrs Singh und Direktor Bolan mit angehört, in dem sie ihm die Meinung geigte. Jasons Mutter wäre zu ihr gekommen, völlig aufgelöst und ihr Sohn läge in der Psychiatrie, weil er versucht hatte sich umzubringen. Nach einem Tag in der Schule vor ein paar Wochen, hörte er von einem Tag auf den anderen, plötzlich auf zu sprechen. Er wies sie immer wieder an leiser zu sein, das dürfe niemand mitkriegen, die Schule hätte schon genug Probleme.

Als Alex Clay davon berichtete, starrte er eine Ewigkeit vor sich hin, jegliche Versuche ihn anzusprechen scheiterten. Justin, Tyler und Tony waren ebenfalls im Zimmer und musterten ihn besorgt. Tony, Clay und Tyler wollten eigentlich Klettern gehen und Justin hatte sich gerade an die Hausaufgaben gesetzt, als Alex hereingeplatzt kam.

Und dann brach es plötzlich aus ihm heraus… er fluchte wild und fing an sämtliche Sachen im Zimmer durch die Gegend zu schmeißen, riss alles um oder raus. Tyler war vollkommen erschüttert, weil er Clay noch nie so gesehen hatte. Er wusste zwar, dass es ihm auch nicht immer bestens ging und dass er auch schon mal mit einer Waffe auf Bryce gezielt hatte, auch mit dem Gedanken gespielt hatte sich selbst umzubringen. Aber etwas zu erzählen und etwas zu erleben waren trotzdem zwei verschiedene Dinge.

Clay brach schließlich weinend in den Armen von Tony und Justin, die ihn beide aufhalten wollten weiter das Zimmer zu verwüsten, zusammen. Tyler hatte sich in eine Ecke gedrückt, weil er Angst vor Clay bekommen hatte. Alex ging zu ihm um ihn zu beruhigen.

Einige Zeit später, als Clays Anfall vorüber war, redeten sie darüber was sie tun sollten.

Er saß er mit Tony und Justin auf seinem Bett und meinte niedergeschlagen, dass doch alles sinnlos sei. Alex und Tyler saßen auf Justins Sofa.

Justin sah ihn pikiert an.

"Spinnst du? Was war denn sinnlos, an dem was wir gemacht haben? Wir haben Tyler gerettet, ihr habt mich gerettet, wir haben Alex wieder auf die Beine gekriegt und jeden noch so beschissenen Scheiß gemeistert! Was davon war sinnlos? Mich zu retten?“

"Nein, natürlich nicht, ich würde es immer wieder so machen. Aber wir konnten Jason nicht helfen… ich hab schon wieder versagt…", murmelte Clay mutlos.

„Clay, du kannst nicht alle retten, ich weiß, du wärst es gerne, aber du bist kein Superheld. Du bist auch nur ein Mensch. Und trotzdem hast du schon viel bewegt und verändert. Ohne dich wären wir alle nicht hier, ist dir das eigentlich klar? Wenn du dich damals nicht so hartnäckig dahinter geklemmt hättest, dass jeder das kriegt was er verdient. Meinst du, wir wären jetzt Freunde und Brüder? Meinst du, ich wäre hier, wenn du und Tony mich nicht von der Straße geholt hättet? Ich wäre entweder tot oder sonstwo. Und mit ziemlicher Sicherheit wäre ich noch auf Drogen“, sagte Justin und sah Clay an.

"Du hast mir die Hand hingehalten in dem Moment, als ich den schlimmsten Fehler meines Lebens begehen wollte, Clay. Du warst der Einzige, der das je gemacht hat. Und ich bin mir sicher, dass es auch kein anderer gemacht hätte, aber du bist verrückt genug, dich einem Amokläufer in den Weg zu stellen und ihn dazu zu bringen, es nicht zu tun. Das war dein Verdienst, du hast mich aus diesem Loch geholt… wenn jeder Mensch einen Clay als Freund hätte, dann wäre diese Welt ein besserer Ort. Justin hat recht. Ohne dich, wären wir alle vermutlich schon lange vollkommen hinüber. Du hast diese bekloppte Truppe hier zusammengebracht und das war alles andere als sinnlos“, sagte Tyler.

„Wir können noch etwas für Jason tun. Es gibt Freitag eine Elternversammlung in der Schule. Wir sorgen dafür, dass niemand vergisst, was in dieser Schule abgeht… das hier ihre Kinder kaputt gemacht werden“, sagte Alex nach einer Weile und sah die anderen an.

Und dann entwickelten sie einen Plan, der hoffentlich einiges ändern würde.


"Tyler, warte!", rief Clay.

Verwirrt drehte sich Tyler um. Clay kam völlig außer Atem bei ihm an.

"Du hast doch jetzt wieder einen Termin bei Mrs Singh, oder?", keuchte er.

Tyler nickte. Seit ein paar Wochen ging er nicht mehr nur zu ihr, weil er musste, sondern weil er hoffte, sie könnte ihm helfen.

"Ich komm mit, wenn das okay ist. Ich… also… ähm… glaube, ich sollte auch mal mit ihr reden. Dieser Anfall, den ich da hatte... ich wollte nicht, dass du Angst vor mir kriegst. Und es macht mir selber Angst", begann er zu erklären und trippelte unruhig von einem Fuß auf den Nächsten.

Tyler hörte erstaunt zu.

"Schätze, auch ein Superheld braucht mal Hilfe…", sagte er und grinste dabei etwas verunglückt.

"Mrs Singh ist wirklich nett und sie kann einem auch wirklich helfen, Clay. Das wird schon", sagte Tyler und zögerte. Dann legte er Clay aufmunternd die Hand auf die Schulter.

Clay staunte.

"Danke, Ty."

Tyler hatte sich über Monate hinweg ungern anfassen lassen und vermied Berührungen jeglicher Art. Wenn es doch mal dazu kam, zuckte er erschrocken zusammen. Dass er es jetzt zulassen konnte und sogar von sich aus tat, war noch ein weiterer gewaltiger Fortschritt.

Tyler wusste, dass er nicht nur seine Worte gemeint hatte. Denn er wusste schließlich, was er für Schwierigkeiten mit Nähe hatte.

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Am nächsten Tag sollte in der Schule eine Elternversammlung stattfinden. Clay, Tony, Justin, Tyler, Cyrus, Mackenzie, Alex, Sheri, Jessica und Zach hatten vor, diese etwas aufzumischen.

In den vergangenen Wochen und Monaten hatten sie immer wieder versucht, Mr Bolan dazu zu bringen, endlich das Mobbingproblem an der Schule anzugehen. Doch es hatte nichts genützt. Direktor Bolan schaltete auf stur. Und nun hatte er eben Pech. Wer nicht hören wollte, musste eben fühlen.

Sie hatten Rundmails rumgeschickt, Infoblätter verteilt und jeden, der von Mobbing aktuell oder in der Vergangenheit betroffen war, eingeladen.

So staunten die Schulmitarbeiter und die Eltern nicht schlecht, als plötzlich eine große Gruppe von Schülern im Versammlungsraum stand. Es war Clay egal, dass er und die anderen die Versammlung damit störten, denn jetzt war das Fass endgültig übergelaufen. Das hier war die Chance, endlich etwas zu verändern.

"Das hier ist eine Elternversammlung, keine Schülerversammlung, bitte verlassen Sie umgehend den Raum!", rief Mr Bolan verärgert.

"Wir bleiben. Wir haben alle etwas zu sagen, was diese Schule betrifft!", kündigte Clay an und gab den anderen ein Zeichen.

Die Gruppe verteilte sich und dann begannen sie ihre Geschichten zu erzählen.

Mr Bolan wurde immer wütender und wies einige Lehrer an, die Schüler rauszujagen.

"Mr Jensen, gehen Sie bitte nach Hause. Wir sprechen uns noch."

"Warum soll er gehen? Weil er die Wahrheit sagen könnte? Mr Bolan, wir haben genug davon, dass sie absolut nichts tun. Es reicht! Sie lassen uns im Stich, dann müssen wir das jetzt eben selbst in die Hand nehmen!", brüllte Alex.

"RUHE, verdammt noch mal! Und jetzt verschwindet!", herrschte er sie schlussendlich an.

Stur ignorierten sie ihren Direktor, wie er sie auch ignoriert hatte. Laut und deutlich erzählte einer nach dem anderen, was ihm hier widerfahren war. Manche erzählten auch von Begebenheiten, die sie mitbekommen hatten oder für diejenigen, die es nicht selbst erzählen konnten. Immer wieder wurden sie unterbrochen.

"Jetzt halten Sie doch endlich mal die Klappe und lassen Sie die Kinder ausreden!", rief Matt Jensen schließlich und stand auf.

"Genau, vielleicht erfahren wir dann endlich mal, was hier wirklich los ist!", stimmte Jessicas Vater ihm zu.

Weitere Eltern meldeten sich zu Wort und endlich gab Mr Bolan den Widerstand auf. Er lief hochrot an, offensichtlich war ihm das Ganze sehr unangenehm. Aber da musste er jetzt durch.

"Ein Schüler dieser Schule wurde vor den Ferien in einem Jungsklo angegriffen, zusammengeschlagen und vergewaltigt. Und sie wussten davon, aber hielten es für nötig, das wieder einmal zu vertuschen!", rief Zach.

Aufgeregtes Getuschel erhob sich. Empörte Blicke trafen den Schuldirektor, der versuchte möglichst cool zu bleiben. Wie auch sonst immer.

Tyler krallte sich an der Lehne eines Stuhls fest, der vor ihm stand, als er seine Geschichte durch Zach erzählt hörte. Plötzlich drehten sich alle zu Tyler, der zu sprechen begonnen hatte. Das hier war wichtig für ihn, er wollte helfen, dass sich endlich etwas verändert. Es kostete ihn sämtlichen Mut und das wussten alle. Tyler hätte es nicht tun müssen, deswegen hatte Zach es so allgemein gesagt und keinen Namen genannt. Aber dass er es tatsächlich von sich aus tat, überraschte alle und machte sie noch stolzer als sie es ohnehin schon waren. Sie hatten es geschafft, ihn zu retten, ihn aus diesem schwarzen Loch zu holen, in das er mit aller Gewalt gestoßen worden war. Tyler hatte sich verändert und es ging ihm deutlich besser. Was man ihm mittlerweile sogar ansehen konnte.

"Ich bin der Schüler, von dem hier die Rede ist. Tyler Down. Mich hat man zu dritt in einem Jungsklo in dieser Schule überfallen und fertig gemacht. Sean Wright und Peter Bone hielten mich fest, während Montgomery de la Cruz mich mit einem Wischmop vergewaltigte. Es gibt Beweise, es gibt Zeugen und ich habe alle drei angezeigt", äußerte er sich.

Es kostete ihn sämtliche Kraft. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, die Leute rissen entsetzt die Augen auf und schlugen sich die Hände vor die Münder. So schlimm hatten sie die Zustände an der Liberty High nicht eingeschätzt.

Clays und Tylers Blicke trafen sich und Clay nickte Tyler lächelnd zu.

Dann standen Mr und Mrs Down auf.

„Wir sind Tylers Eltern. Wir haben dazu auch noch etwas zu sagen. Zunächst einmal waren wir mehr als enttäuscht, als uns berichtet wurde, wie Direktor Bolan auf den Nervenzusammenbruch unseres Sohnes -mitten in der Schule wohlgemerkt!- reagiert hatte. Nämlich so, dass er sich mehr Sorgen um den Fotografieklassenraum machte, als um Tyler“, begann Mr Down.

„Sie haben überhaupt keine Ahnung, was wir für eine Angst um unseren Sohn hatten. Nachts konnten wir kaum schlafen und mussten ständig nachsehen, ob er noch lebt. Es war furchtbar ihn so leiden zu sehen. Er hat nicht mehr geschlafen und saß die Nächte vor dem Computer oder der Konsole. Wären seine Freunde nicht gewesen, wüssten wir nicht, wie das ausgegangen wäre. Von der Schule, die davon in Kenntnis gesetzt worden war, war außer von Mrs Singh, keinerlei Hilfe zu erwarten. Es wurde anscheinend eine Anordnung durchgesetzt, dass niemand davon erfahren sollte. Angeblich zum Schutz von Tyler. Aber wir glauben, dass da eher jemand Angst um den Ruf der Schule hatte“, fuhr Mrs Down fort.

Tyler sah seine Eltern überrascht an, er hatte nicht gewusst, dass sie sich solche Sorgen um ihn machten, dass sie sich kaum trauten zu schlafen, aus Angst, er könnte sich was antun. Deswegen bekam er auch nicht mit, wie sich die anderen Blicke zu warfen.

Sie wussten alle sofort, woran sie gerade dachten. Denn als Tyler, damals im Camp, so neben sich stand, dass er nicht mehr er selbst war, kam es zweimal zu Situationen, wo er sich etwas antun wollte.

Das eine Mal hatte er ein Messer am Arm, das andere Mal war er davon gelaufen und hatte den Weg auf den Felsen gefunden, wo er schließlich ganz oben stand und kurz davor war zu springen. Beide Male konnten sie ihn davon abhalten, aber waren kurz davor Tyler ins Krankenhaus zu bringen, weil sie fast daran verzweifelt waren.

Doch als er wieder klarer im Kopf wurde, verschwand auch seine Suizidneigung. Er konnte sich kaum daran erinnern, was in der Zeit, als er nicht richtig anwesend war, geschehen war und die anderen wollten es ihm auch nicht sagen. Sie meinten nur, es wäre besser, dass er sich daran nicht erinnern könnte. Dieser Horrortrip war auch ein Grund dafür, warum sie Tyler danach kaum aus den Augen ließen. Sie fragten ihn auch regelmäßig, ob er Suizidgedanken haben würde, was er jedoch immer verneinte. Trotz, dass er wieder stabiler wurde, hatten sie einige Zeit wirklich große Angst, dass er es irgendwann nicht mehr aushalten und sich doch noch umbringen würde.

Sämtliche Blicke richteten sich auf den Direktor, der noch roter angelaufen war.

„Ich dachte, er simuliert nur, meine Güte!“, rief er den Leuten zu.

Entsetztes Gemurmel setzte ein.

„Soll das ein Scherz sein? Ein Junge liegt am Boden und kriegt keine Luft mehr, weil er so doll weint und sie halten das für simulieren? Wie krank sind sie eigentlich?“, rief Sheri.

„So reden sie nicht mit mir, junges Fräulein!“, sagte Direktor Bolan.

Plötzlich ertönte ein lautes Weinen und ein Mann und eine weinende Frau standen auf. Sämtliche Blicke richteten sich auf die beiden.

„Ich bin Jasons Vater, das ist seine Mutter. Unser Junge liegt, nach einem Selbstmordversuch, in der Psychiatrie. Wir sind erst vor ein paar Monaten hier her gezogen und wollten neu anfangen. Jason ist immer ein fröhlicher und aufgeweckter Junge gewesen, bis zu jenem Tag, an dem er aufhörte zu sprechen. Er kam aus der Schule und sprach kein Wort mehr. Wir haben alles versucht, wir haben ihn zu Therapeuten und Psychologen gebracht, wir haben versucht schriftlich mit ihm zu kommunizieren. Nichts hat geholfen. Und dann kam der Tag, an dem wir ihn fast zu spät gefunden haben“, erzählte Jasons Vater betrübt.

„Wenn ich hier höre, was andere Schüler alles durchmachen mussten. Dann mag ich mir nicht mal vorstellen, was unserem Sohn zugestoßen sein muss, dass er nicht mehr leben will“, fing Jasons Mutter an, die sich wieder etwas gefangen hatte.

Dann atmete sie tief durch und starrte den Direktor an.

„Und sie haben das zu verantworten! Sie sollten sich schämen, sich Schuldirektor zu nennen. Sie lassen zu, dass hier reihenweise Kinder zerstört werden. Suizidversuche, Vergewaltigungen, Mobbing. Gewalt und Angst scheinen hier an der Tagesordnung zu sein. Wer weiß, wieviele Schicksale es hier noch gibt, von denen keiner weiß. Wie können sie nachts noch ruhig schlafen? Wie können sie noch in den Spiegel sehen? Was sind sie nur für ein Mensch...“, wurde sie wütend.

Als sie alle fertig mit ihren Geschichten waren, kehrte eine bedrückende Stille ein. Die Eltern waren geschockt. Sie hatten von nichts gewusst. Und dafür, dass davon auch keiner erfahren sollte, hatte Direktor Bolan ja selbst beigetragen.

"Und jetzt hören Sie endlich auf zu lügen, wir hätten keine Mobbingprobleme, hier wäre alles super. So ein Quatsch! Sehen Sie doch einmal den Tatsachen ins Auge! Hier haben viele Angst zur Schule zu gehen! Sie haben Tyler Down in ein Programm gesteckt, aber ihre heiligen Sportler wurden natürlich wieder nicht bestraft. Die werden immer bevorzugt. Sie haben hier Vergewaltiger und gewalttätige Mobber an der Schule, die anderen das Leben zur Hölle machen!", rief Clay wütend in den Raum.

"Damit zerstört man Leben! Und deshalb fordern wir, dass hier endlich eine anständige Anti-Mobbingstrategie entwickelt wird! Wir waren die ganze Zeit auf uns alleine gestellt und mussten gegen das Mobbing hier vorgehen. Von unserem tollen Schuldirektor war ja keine Hilfe zu erwarten!", sagte Alex.

"Sollen ihre Kinder wirklich an eine Schule gehen, in der Mobbing geduldet wird? In der alles vertuscht wird, gelogen und betrogen wird? In der die Sportler einen Freifahrtschein für alles haben und nie irgendwelche Konsequenzen zu fürchten haben? Tolle Sportler, die die ganze Schule terrorisieren und auch noch vom Schulpersonal gedeckt werden? Stichwort: Coach Rick!", sagte Zach und sah seinen Coach an, der ihn, dem Blick nach zu urteilen, am liebsten dafür gelyncht hätte.

„Hat denn niemand etwas aus Hannahs Suizid gelernt? Wir haben sie in den Tod getrieben! Und dann ist noch mehr passiert und jetzt liegt wieder jemand im Krankenhaus wegen einem Selbstmordversuch, der Junge spricht nicht mehr. Wir alle haben das mit zu verantworten, aber vorallem ihr. Denn ihr seid die Lehrer, Eltern, oder auch der Schuldirektor. Ihr seid verantwortlich dafür, dass aus uns tolerante, selbstbewusste Erwachsene werden. Stattdessen wird Druck ausgeübt, gefordert und allein gelassen mit dem ganzen Scheiß. Erwachsen werden war noch nie leicht, habt ihr vergessen, wie es für euch war? Hättet ihr da niemanden gebrauchen können, der euch mit Rat und Tat zur Seite steht, statt mit erhobenem Zeigefinger vor euch?
Jeder von uns sollte ein sicheres Umfeld haben und diese Schule war nie ein sicherer Ort. Nie. Jeder von uns hatte in irgendeiner Weise mit Mobbing zu tun und jeder von uns hat die Schnauze voll davon, dass sich nichts ändert und es immer so weiter geht“, sagte Clay laut und eindringlich.

„Was wollen sie den Eltern der nächsten Schülerin oder des nächsten Schülers erzählen, die oder der sich umbringt? Dass sie wieder mal von nichts gewusst haben? Sie wissen einiges, aber ziehen es vor alles unter den Teppich zu kehren. Und dieser verdammte Teppich gehört jetzt endlich entsorgt, hier muss frische Luft rein, bevor wir alle ersticken!“, wandte sich Clay direkt an Direktor Bolan.

Dieser starrte ihn wütend an.  

„Wir fordern, dass sie ihren Job als Schulleiter hinschmeißen… sie haben versagt und das immer und immer wieder. Jetzt liegt schon der nächste Junge im Krankenhaus. Wie viele wollen sie noch auf dem Gewissen haben?“, brüllte Cyrus.

„Wir brauchen jemanden, der auch mal durchgreift und zwar gerecht und fair. Jemanden, der niemanden bevorzugt!“, rief Justin.

Als die Eltern genug gehört hatten und von Direktor Bolan überhaupt nichts mehr kam, forderten die ersten Elternteile ebenfalls die Entlassung von Bolan. Immer mehr stimmten mit ein, ob Schüler oder Eltern. Sogar Mrs Singh, die mit seiner Haltung schon lange ein Problem hatte, machte mit.
Zum Erstaunen einiger sogar Coach Patrick und einige andere Lehrer.

Hier taten sich Abgründe auf.

Im Chor forderten sie immer und immer wieder, dass Direktor Bolan seinen Posten wegen Unfähigkeit hinschmeißen sollte.

Und dann passierte es.

"Ruhe", sagte er matt, doch aufgrund der laut brüllenden Menge, hörte ihn natürlich keiner.

"RUHE! Ruhe, verdammt noch mal!", schrie er ihnen entgegen.

Dann kehrte tatsächlich Ruhe ein.

"Ich lasse mich versetzen. Ihr habt gewonnen!", rief er, verließ eilig den Raum und knallte hinter sich die Tür zu.

Er wusste, er hatte endgültig verloren und hier nichts mehr zu suchen. Niemand würde hier seine Kinder mehr anmelden, solange er der Direktor an der Schule war. Einen Versager als Direktor wollte niemand.

Verdattert sahen sie ihm hinterher.

Und dann brach ein Jubelgeschrei los, dass man sicher noch im Nachbarort hören konnte. Die Freunde umarmten sich vor Freude und beglückwünschten sich gegenseitig. Auch sämtliche Eltern waren stolz auf ihre Kinder.

Sie hatten es geschafft.

Jetzt würde hoffentlich endlich alles besser werden.
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