Desire

GeschichteRomanze / P16
22.08.2019
19.09.2019
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6. Kapitel: Der normale Alltag


Am nächsten Morgen wachte ich sehr früh auf und konnte dann auch nicht mehr einschlafen.
Am Abend zuvor hatte Will mich nicht weiter danach gefragt, was mit mir los war, wofür ich ihm von Herzen dankbar war. Ich hatte weder die Lust noch die Geduld, mir irgendeine sinnlose Ausrede einfallen zu lassen, die er mir eh nicht geglaubt hätte.
Ich lag gut eine Stunde wach und starrte in Gedanken an die Decke. Will hatte einen Arm um mich geschlungen und ich konnte ganz leise seine ruhigen Atemzüge vernehmen.
Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung, sodass ich ihn ansehen konnte. Durch die Vorhänge kam gerade so viel Licht herein, dass ich die Umrisse seines Gesichts erkennen konnte.
Ich liebte sein markantes Kinn und die schön geschwungenen Lippen. Außerdem hatte er relativ schmale Augenbrauen für einen Mann.
Doch ich konnte ihn von allen Seiten und jeder Perspektive betrachten und meine Meinung bliebe die gleiche: Er sah für mich perfekt aus.

Ein lautes Piepen ließ mich zusammenschrecken und mein Herz einmal aussetzen. Ich glaubte, keinen Menschen zu kennen, der nicht so reagierte, wenn der Alarm des Weckers losging.
Sofort machte ich ihn aus, um endlich wieder Ruhe zu haben.
Ein Rascheln auf der anderen Seite des Bettes verriet mir, dass Will wach war und sich noch einmal auf die Seite drehte. Ich lächelte leicht.
Mein Mann war ein geborener Langschläfer und zum Glück arbeitete er von zu Hause aus, denn sonst würde er nie rechtzeitig aus dem Bett kommen.
Ich begann den Tag mit einer heißen Dusche und entschied mich für ein luftiges Sommerkleid mit Ellbogenlangen Ärmeln.
Auch wenn es schon Ende August war und der Sommer sich dem Ende zu neigte, blieb noch genug Zeit, um die Sommerkleider ein letztes Mal rauszuholen.

Mein Morgen verlief normalerweise recht langweilig, aber auch sehr kurz.
Ein kurzes Frühstück mit einem starken Kaffee, das Wecken meiner Kinder und die Verabschiedung von meiner Familie.
Mein Mann brachte Annie jeden Morgen zum Kindergarten und Liz in die Schule und holte sie dort auch wieder ab.
Ich war sehr froh, dass er von zu Hause aus arbeitete. Denn mit meinem Beruf als Gymnasiallehrerin hätten wir sonst eine Tagesmutter oder eine Babysitterin gebraucht.

Der Tag begann grau und bewölkt, doch in etwa zwei Stunden würde die Sonne rauskommen. Hatte mir jedenfalls mein zuverlässiger Wetterbericht mitgeteilt.
Ich fuhr, wie gewöhnlich, mit dem Auto zur Schule und ergatterte mir auch gleich einen guten Parkplatz. Es hatte seine Vorteile, schon um 7:30 da zu sein.
Ich nahm meine Sachen und als ich die Schule betrat, musste ich erst einmal tief durchatmen.
Jeder Tag in einem Gymnasium war stressig. Besonders wenn man Lehrerin war.
Ohne jemandem über den Weg zu laufen, ging ich gleich ins Lehrerzimmer und stellte fest, dass ich wieder einmal einer der ersten war. Ich hängte meine Jacke auf und setzte mich erstmal an einen Tisch, um zu überprüfen, ob ich alles Nötige für den Unterricht vorbereitet und dabei hatte.
Das tat ich immer, denn ich hatte mal eine Kollegin, die ihren Unterricht für den Tag sehr gut vorbereitet, doch dann vieles davon zu Hause vergessen hatte.

Ich wollte niemals in eine solche Lage kommen. Die Schüler merkten, ob du gut auf die Stunde vorbereitet warst oder nicht und ich wollte auf keinen Fall, dass sie dachten, ich hätte mal etwas vergessen oder wäre unorganisiert gewesen.
Während ich mir gerade noch einmal den Text durchlas, den ich für eine 8. Klasse im Deutschunterricht brauchte, flog die Tür auf und eilige Schritte waren zu hören.
Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, aufzusehen und zu gucken, welcher Lehrer gekommen war.

„Morgen Lyanna“, rief der Lehrer in einem gehetzten Tonfall.

Ich sah auf und entdeckte Vincent Coleman. Englischlehrer, etwas über 50, geschieden und sehr sportlich.
Ich hatte nicht wirklich eine Meinung über ihn und wollte mir auch keine machen.
Er war wie einer der vielen Lehrer, mit denen ich nicht wirklich viel zu tun hatte. Obwohl wir beide Englischlehrer waren.

„Morgen Vincent“, sagte ich lächelnd.

Kaum war er zehn Sekunden da, da verließ er auch schon wieder das Lehrerzimmer.

Mir fiel ein, dass ich den Text, den ich zuvor gelesen hatte, noch kopieren musste und machte mich deshalb auf den Weg in den Keller.
Es war ein merkwürdiges Gefühl in den Kopierraum zu gehen, da ich wusste, dass sich dort das meiste zwischen mir und Michael abgespielt hatte. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, er würde dort auf mich warten, auch wenn wir gar nicht verabredet waren.
Doch als ich dann den Raum betrat, stellte ich mit Erleichterung, aber auch Enttäuschung fest, dass er nicht da war.
Während der Kopierer seine Arbeit erledigte, sah ich unruhig auf mein Handy. Normalerweise hätte schon die erste Nachricht von Michael kommen müssen, in der so etwas stand wie „Ich freu mich auf dich“ oder „Hast du heute eine Freistunde? Ich will dich sehen“.
Doch da war nichts. Ich seufzte und dachte wieder an den Abend zuvor, als ich ihn mit seiner Freundin gesehen hatte.

Vielleicht hatte er mir auch einfach damit zeigen wollen, dass es zwischen uns aus war und wir wieder getrennte Wege gehen sollten.
Doch warum konnte er mir das dann nicht persönlich sagen? Hatte er Angst davor? War er beleidigt und wollte mich eifersüchtig machen?
Ich rieb mir mit zwei Fingern die Schläfen und schloss für einen Moment die Augen. Das Brummen des Kopierers beruhigte mich ein wenig und ich konnte für eine kurze Zeit mal an rein gar nichts denken.
Doch dieser Moment der Stille hielt nicht lange an, denn ich hörte schon wieder das Geräusch, wenn eine Tür aufgestoßen wurde. Schritte näherten sich mir.
Ich öffnete die Augen und sah genau den Mann vor mir, an den ich gerade noch gedacht hatte.

Michael sah mich mit großen Augen an, als wäre er überrascht mich in diesem Raum zu sehen.
Er räusperte sich und sah schnell zu Boden.

„Guten Morgen“, sagte er mit seiner gewohnten tiefen Stimme.

Ich verstand gar nichts mehr.
Er tat so, als würden wir uns nach einem One-Night-Stand wiedersehen.
Ich sagte für einen Moment gar nichts und sah ihm nur dabei zu, wie er einen der anderen Kopierer bediente. Seine Hände zitterten leicht, als fühlte er sich in meiner Gegenwart unwohl. Ich konnte es nicht mehr aushalten und stellte mich neben ihn.

„Michael, was soll das alles?“, fragte ich.

Ich wusste nicht einmal, was ich hören wollte, doch ich wollte einfach nur irgendetwas hören. Michael tat erstmal so, als hätte er mich nicht gehört und starrte wie gebannt auf den Kopierer.
Erst als ich ihn am Arm berührte, reagierte er.
Er machte schnell einen Schritt zurück und sah mich nun endlich an. Seine Augen zeigten etwas, das ich noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte: Unsicherheit.

„Lyanna, was willst du hören?“, fragte er und zuckte dabei mit den Schultern.

Er schien vollkommen verändert.

Als ich nicht antwortete, fuhr er fort: „Du hast nicht das Recht dazu, mich zu fragen, was das soll“

Er wirkte verzweifelt und etwas verwirrt. Ich hatte das Gefühl, er würde derjenige sein, der diese Affäre vor dem Verlassen des Raums beenden würde.

„Ich-“, sagte er etwas verloren.

Er seufzte, als wüsste er nicht, was er sagen sollte. Ich sah ihn geduldig an und versuchte, aus der ganzen Situation schlau zu werden.

Schließlich fragte ich: „Bist du glücklich mit deiner Freundin?“

Michael sah mich komplett überrascht und auch schockiert an. Er hatte diese Frage nicht erwartet und auch ich konnte nicht glauben, dass ich sie gestellt hatte.
Für einen Moment sah mich Michael mit demselben Gesichtsausdruck an während ich seinem Blick standhielt.

Ich wollte nichts sehnlicher, als mich an ihn zu drücken und seine starken Arme um meinen Körper zu spüren. Doch ich fürchtete, dass diese Handlung wohl mehr als unangebracht in dieser Situation war.

„Ja“, antwortete Michael, „Ich bin glücklicher mit ihr, als dass ich es mit dir jemals war“

Und da war es wieder. Dieser Stich ins Herz und dieses tiefsitzende Gefühl der Eifersucht.
Wie konnte er nur so etwas sagen? Schließlich hatte ich auch nie zu ihm gesagt, dass ich mit Will glücklicher war, als mit ihm.
Michaels Augen wurden groß und ich erkannte, dass es daran lag, dass mir Tränen in die Augen stiegen.
Ich hatte schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr geweint und besonders nicht vor anderen Menschen. Es war mir unangenehm und auch etwas peinlich.

„Lyanna“, sagte Michael leise.

Er machte einen Schritt auf mich zu, woraufhin ich sofort zurückwich, wie er es getan hatte.
Ich begann nicht wirklich zu weinen oder zu schluchzen, sondern stand einfach nur da und ließ die Tränen über meine Wangen laufen.
Völlig ausdruckslos starrte ich auf mein Gegenüber.

„So ist es wohl für alle Beteiligten am besten“, meinte ich mit einem schwachen Lächeln.

Michael runzelte die Stirn, doch nicht aus Verständnislosigkeit oder aus Verwirrung, sondern aus Besorgnis. Ich war ihm also doch noch irgendwo wichtig. Aber wie ich schon gesagt hatte: So war es für alle am besten.

„Das war’s dann also“, fügte ich noch kurz hinzu.

Ich nahm die kopierten Blätter und wandte mich zum Gehen, doch Michael stellte sich mir in den Weg.

„Du weißt, warum wir getrennte Wege gehen müssen, richtig?“, er sah mich an, als hätte er einem kleinen Kind eine völlig logische Frage gestellt.

Ich stieß ein freudloses Lachen aus. Die Tränen waren verschwunden.

„Natürlich“, antwortete ich, „Ich bin verheiratet und wir sind Kollegen und sollten keine Beziehung miteinander eingehen“

Ich sah in Michaels Augen, dass das nicht wirklich die Antwort war, die er sich gedacht hatte, doch es war die Wahrheit.
Ich schob mich an ihm vorbei und verließ den Raum.
Zum ersten Mal in meinem Leben glaubte ich zu wissen, dass ich etwas für Michael empfand. Dass es sich tatsächlich um Liebe handeln konnte.
Doch das war nun nicht mehr von Bedeutung.
Ich musste lernen, ihm über den Weg zu laufen und ihn dabei, als ganz normalen Arbeitskollegen zu sehen.
Ich wusste, dass das schwierig werden würde, doch unmöglich war es sicher nicht.
Zumal ich nun kein Geheimnis mehr hatte und meinem Mann wieder völlig treu sein konnte.
Dieser Gedanke beruhigte mich sehr und ließ mich das Positive in der Trennung von Michael sehen.
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