Desire

GeschichteRomanze / P16
22.08.2019
11.09.2019
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2. Kapitel: Machtspiele


Insgesamt waren es acht Schüler, die sich stumm von ihrem Platz erhoben hatten.
Ich sah sie alle nach der Reihe nach an und ging dann ein wenig im Raum umher. Ich liebte es, meine Schüler auf die Folter zu spannen.

„Darf ich wissen, warum du zu spät gekommen bist, Jordan?“, fragte ich den Schüler, der mir am Nächsten stand.

Ein sehr für sein Alter großer Junge mit braunen Locken, der immer nur Markenklamotten trug.
Er sah mich mit seinen kastanienbraunen Augen an und auch wenn er in etwa genau so groß war wie ich, fühlte es sich sowohl für ihn, als auch für mich so an, als würde ich zehn Köpfe über ihm auf ihn herabschauen.

„Ich“, begann er.

Er räusperte sich und stellte sich mit beiden Füßen fest auf den Boden.
Er wollte nicht verunsichert oder eingeschüchtert wirken, was mir nicht entging.

„Ich war noch auf der Toilette“, antwortete er schließlich.

Genau so eine Antwort hatte ich erwartet.

Ich atmete tief ein und fragte dann: „Und etwa fünf Minuten vorher, als noch die Pause im vollen Gange war, hat dir dein Körper nicht signalisiert, dass du auf die Toilette musst?“

Ich spielte etwas mit meiner Stimme und es klang mehr wie eine Drohung, als wie eine Frage.

Jordan schluckte und sagte dann: „Nein, Mrs. Charlton“ Ich nickte.

„Ich verstehe“, sagte ich nachdenklich, „Setz‘ dich“

Ohne es sich zweimal sagen zu lassen, setzte sich Jordan zurück auf seinen Platz und streifte erst einmal seine Hände auf der Jeans ab.
Doch ich ließ ihm keine Zeit zur Entspannung. Mit aller Kraft stieß ich mit den Handflächen auf den Tisch, sodass alle Schüler zusammenzuckten und Jordan stockschweif und mit Schweißperlen auf der Stirn vor mir saß.

„Ich hatte wirklich mehr Intelligenz von einer zehnten Klasse erwartet“, sagte ich mit einer bedrohlich ruhigen Stimme.

Ich warf dem Schüler vor mir den gemeinsten und bösesten Blick zu, den ich aufbringen konnte.

„Wenn du das nächste Mal merkst, dass du am Pausenende auf die Toilette musst, dann wartest du gefälligst 45 Minuten. Hast du das verstanden?“, rief ich aufgebracht.

Normalerweise konnte ich mich gut beherrschen und mit einer kalten, bedrohlichen Fassade die Schüler das tun und denken lassen, was ich wollte, doch dieses Mal war meine Geduld komplett am Ende.
Hastig nickte Jordan mit dem Kopf und aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch die anderen „Zuspätkommer“ zaghaft mit dem Kopf nickten.
Ich atmete tief ein und setzte mich zurück ans Pult. Der Unterricht konnte beginnen.


*******


Die vier Stunden fühlten sich an wie eine Ewigkeit. Der Gedanke an das Treffen um 15 Uhr ließ mich noch gnadenloser mit den Schülern umgehen, da ich es kaum noch abwarten konnte.
Ich erhoffte mir, dass durch meine Strenge die Zeit schneller vorüberging, doch es befriedigte lediglich mein Wunsch danach, den Schülern Disziplin beizubringen.
Als das Klingeln der Glocke um 14:55 das Ende des Unterrichts signalisierte, konnte ich endlich aufatmen.
Es war einer dieser wenigen Momente im Leben, wenn man sich seit einer gefühlten Ewigkeit auf etwas freute und man wusste, dass es in gerade mal fünf Minuten stattfinden würde.

Ich packte meine Sachen zusammen und schloss den Raum ab.
Die Schüler flüchteten immer sofort und atmeten erst einmal erleichtert auf, wenn sie in den Gang traten. Sicher fühlten sie sich dann befreit. Befreit von der bösen Hexe der Schule.
Einmal hatte ich diesen Begriff aufgeschnappt, als eine Schülergruppe nicht aufgepasst hatte, wer hinter ihnen stand.
Diese Bezeichnung traf mich nicht wirklich.
Ich wusste, wie ich in der Schule stand und wie die Schüler mich sahen, deshalb sollten sie mich hinter meinem Rücken doch nennen, wie sie wollten. Schließlich hatte ich auch einige gemeine Spitznamen für viele meiner Schüler.
Ich entschloss mich dazu, noch kurz im Lehrerzimmer vorbeizuschauen, bevor ich runter in den Keller ging.

Ich setzte mich wieder kurz zu Michelle, die ganz konzentriert in ein Buch vertieft war.
Als ich einen Blick auf den Einband erhaschte, musste ich schlucken. Sprachprüfung Englisch.

„Na du“, begrüßte mich Michelle ohne mich anzusehen.

„Spannend?“, fragte ich mit einem neckenden Unterton. Michelle stieß ein freudloses Lachen aus.

„Natürlich“, antwortete sie ironisch und legte das Buch zur Seite.

Sie sah mich einen Moment schweigend an.

„Hast du jetzt noch Unterricht?“, fragte sie. Ich lächelte erfreut.

„Nein, ich habe Schule aus“, antwortete ich.

Normalerweise benutzte ich diesen Ausdruck nie, doch dieses Mal konnte ich es mir nicht entgehen lassen. Michelle seufzte.

„Du Glückliche“, sie sah auf ihre Armbanduhr, „Ich habe gerade eine Freistunde und bin dann noch bis 16:30 hier“

Um ihr mein Mitgefühl auszudrücken, strich ich ihr kurz über die Schulter.

Ich sah noch einmal auf meine Armbanduhr. 15:03.
Mein Herz setzte einmal aus.

„Ich denke, ich gehe dann mal“, sagte ich zu Michelle.

Ich hoffte, sie hatte die Aufregung in meiner Stimme nicht gehört.
Zum Abschied umarmten wir uns und ich nahm alle meine Sachen mit, bevor ich das Lehrerzimmer verließ.
Da er mir keine Antwort geschrieben hatte, ging ich davon aus, dass es kein Problem mit der Uhrzeit gab. Jedenfalls hoffte ich das. Denn wie er es auch schon mir geschrieben hatte, so musste auch ich ihn einfach sehen.

Nur ein paar Schüler befanden sich noch im Gang, da sie entweder keinen Unterricht hatten oder einfach nur dort herumlungerten. Doch es war mir egal.
Ich eilte die Treppe zum Keller hinunter und sah zu meinem Glück, dass er vollkommen leer war.
Als ich auf den Kopierraum zuging, musste ich einfach lächeln.
Ich suchte in meiner Tasche nach meinem Schlüssel und öffnete die Tür zu dem Raum.
Wie ich es erwartet hatte, stand er regungslos an einen der Kopierer gelehnt da und zeigte erst eine Reaktion, als er mich erblickte.
Seine Augen flackerten gespannt auf. Ich machte nur einen Schritt in den Raum und ließ die Tür hinter mir zufallen.
Für einen Moment sahen wir uns schweigend in die Augen. Gott, ich hatte ihn so vermisst!

„Was hast du heute Abend vor?“, war das erste, das er fragte.

Doch ich schüttelte nur mit dem Kopf, „Ich gehe mit Will Essen“

Ich sah wie mein Gegenüber genervt die Augen verdrehte.
Er hasste es, wenn ich ihm meinen Mann vorzog, doch was erwartete er von mir?
Ich liebte meinen Mann und war glücklich mit ihm. Er war nur eine Affäre für mich.

„Hast du überhaupt vor, ihn zu verlassen?“, fragte er ungeduldig.

Er drehte sich zu mir und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich wusste, dass er verärgert war, doch auch wusste ich, wie ich das ganz schnell ändern konnte.
Er bekam keine Antwort auf seine Frage, stattdessen ging ich mit langsam Schritten auf ihn zu.

„Ich bin nicht hergekommen, um über meinen Mann zu reden, Michael“, sagte ich leise.

Ich lächelte verführerisch und ließ meine Tasche und meine Jacke zu Boden fallen.
Michael schien diese Aktion zu gefallen, denn auch er konnte ein Lächeln nicht zurückhalten.

Doch wie ich schon vor langer Zeit erkannt hatte, war es kein freundliches oder herzliches Lächeln.
Immer wenn er mich sah, setzte er diese bestimmte Art eines Lächelns auf. Es war fast schon ein überlegenes Grinsen mit dem er mir zeigen wollte, dass er immer das bekam, was er wollte.

„Weißt du, ich musste heute den ganzen Tag an dich denken“, sagte er ohne den Blick von mir zu nehmen.

Er musterte mich von oben bis unten und ich konnte sehen, wie er schlucken musste.
Wir beide wussten, dass ich nicht den perfekten Körper einer Frau besaß, doch das war uns beiden egal.
Was uns bei dieser Sache am meisten gefiel, war, dass einer immer die Oberhand gewann und somit dem anderen zeigen konnte, wo es lang ging.
Mal sehen, wer es dieses Mal schaffen würde.
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