Blau zu Grün

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
Patrick Jane Teresa Lisbon
22.08.2019
22.08.2019
1
2682
2
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Mein Beitrag zum Projekt Alles, was bleibt von Aieda. Ich wünsche euch viel Spaß!
__________________________________________________________


I.


Er fühlte sich überfahren, als er die Augen aufschlug. Die kalte, weiße Decke, der Geruch nach Desinfektionsmittel und das hintergründige Piepen des Krankenhauses ließen ihn nicht gerade besser fühlen.

„Jane?“ Das war Lisbons Stimme. Das ließ ihn besser fühlen. „Jane, hörst du mich?“

Er drehte langsam den Kopf und blickte müde zu Lisbon auf. Sie sah besorgt aus. Sehr besorgt. Und draußen dämmerte bereits das Morgengrauen. Wie lange war er schon hier?

„Hi, Teresa“, murmelte er. „Was machst du denn hier?“

„Ich wollte dich nicht alleine lassen, als sie dir den Magen ausgepumpt haben. Was hast du dir nur dabei gedacht?“

Er versuchte sich an einem Lächeln, doch jeder einzelne Muskel in seinem Körper schien zu schwach, um irgendwelche Befehle auszuführen. Er wollte nur schlafen. „Ich dachte, ich probiere Belladonna als neue, innovative Art, Fälle aufzuklären.“

„Blödsinn!“ Nun klang sie wirklich etwas wütend. Wütend, doch vor allem verzweifelt. „Jane, ich mache mir so langsam wirklich Sorgen.“

„Mir geht’s gut, Lisbon.“

„Geht es nicht. Dir geht es gar nicht gut. Seit der Sache mit Lorelei und Red John und –“

„Das hat damit nichts zu tun.“

Sie sah ihn ungläubig an und er hielt einen Moment ihren Blick. Und da verstand er, wie es für sie aussehen musste. „Ich habe nicht versucht mir irgendetwas anzutun.“

„Ach wirklich?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wirklich. Das ist es nicht. Es hat nichts mit Lorelei zu tun. Oder mit Red John. Jedenfalls nicht direkt.“

„Was ist es denn dann? Warum trinkst du noch einmal diesen Tee?“

Er schwieg einen Moment lang. Er fühlte sich so erschlagen und wenn er jetzt an den Abend zurückdachte, wurde es schwer seine Verzweiflung zu verbergen.

„Ich wollte sie wieder sehen.“

„Wen?“, fragte sie.

„Charlotte.“

Erkenntnis huschte über ihr Gesicht, gefolgt von Mitleid und Traurigkeit. „Oh Jane…“

„Ich weiß, ich weiß, das war nicht meine beste Idee.“ Er versuchte lässig zu klingen, doch sogar in seinen Ohren klang es armselig. Sein Hals fühlte sich an wie zugeschnürt, seine Stimme heiser und die Augen konnte er kaum mehr offen halten. „Sie fehlt mir nur so“, flüsterte er.

„Ich weiß. Möchtest du darüber sprechen?“

Er schloss die Augen und schüttelte langsam den Kopf. Nein. Er konnte nicht darüber sprechen. Nicht jetzt. Er traute seiner Stimme nicht und vielleicht würde er dann auch nie wieder aufhören können.


II.


„Hier bist du.“

Ein schmales Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, noch bevor Lisbon sich neben ihn an das Geländer lehnte. „Hier bin ich“, sagte er leise.

Lisbon musterte ihn. „Alles in Ordnung?“

„Ja“, seufzte er. „Alles okay.“ Er drehte den Kopf, um sie anzusehen und entdeckte die kleine Falte auf ihrer Stirn. Sie machte sich Sorgen.

„Jane“, sagte sie leise. „Was ist los?“

Sein erster Impuls war es, zu lügen. Zu sagen, dass alles in Ordnung war und das Thema zu wechseln. Oder einfach wegzulaufen. Doch das tat er nicht mehr. Er versuchte, nicht mehr wegzulaufen. Und wenn sie ihn so ansah, so ehrlich besorgt, so… liebevoll, da konnte er sie einfach nicht anlügen.

Er wich ihrem Blick aus und sah wieder aufs Meer hinaus. Es war ein schöner Tag: Blauer Himmel, klares Meer, Sonnenschein. Ein paar Möwen flatterten über ihren Köpfen und die nächste Gruppe von Menschen – Teenager, die Surfboards und Sixpacks im Gepäck hatten – badete in einigen hundert Metern Entfernung. Es war der perfekte Tag und der perfekte Ort für einen Geburtstag. Und er freute sich wirklich. Er konnte nicht sagen, wer fröhlicher aussah: Maddy, die gerade ihr erstes Lebensjahr gemeistert hatte; Ben, der ihre Kerze auspusten und ihre Geschenke öffnen durfte; oder Wayne und Grace, welche ihre Kinder gar nicht aus den Augen lassen konnten. Es war eine kleine Feier, gerade angemessen für einen Ersten Geburtstag. Es waren nur sie beide eingeladen worden und Cho und Graces Tante, die sich jedoch verabschiedet hatte, sobald die Geburtstagstorte angeschnitten worden war.

Er freute sich für seine Freunde. Nur war es auch… schwer. Schwerer als er erwartet hatte. Er versuchte den Klumpen in seinem Hals herunterzuschlucken und sah auf seine Hände.

„Neunzehn“, murmelte er.

„Was?“ Er musste sie nicht einmal ansehen, um zu wissen, dass sie irritiert die Augenbrauen zusammenzog.

„Meine Tochter. Sie wäre heute neunzehn geworden.“

Er schluckte noch einmal, diesmal in dem Versuch die Tränen zurückzuhalten, die in ihm aufstiegen. Er sah wieder zu Lisbon und sah die Traurigkeit in ihren Augen. Da war nicht nur Mitleid. Es tat ihr aufrichtig weh, seinen Schmerz zu sehen.

Seine gute Fee.

„Jane“, flüsterte sie und legte eine Hand auf seinen Arm. „Es tut mir leid.“

Er nickte, nahm ihre Hand in seine und beobachtete wie ihr Daumen Kreise auf seinem Handrücken zeichnete.
„Warum hast du nichts gesagt? Wayne und Grace hätten sicher verstanden…“

„Ich dachte nicht, dass es…, dass es noch so weh tun würde. Aber dieses Buch, das Maddy bekommen hat, Winnie the Pooh, Charlotte hat es geliebt. Ich musste es ihr so oft vorlesen und als diese Serie lief, da ist Angela fast verzweifelt. Wir konnten sie gar nicht mehr vom Fernseher wegkriegen, obwohl ihr das gar nicht ähnlich sah. Sie war immer lieber draußen oder am Klavier, aber wenn Winnie Pooh lief…“ Er lachte leise bei der Erinnerung daran wie Charlotte wütend den Kopf geschüttelt hatte und den Finger auf die Lippen gepresst hatte, um ihre Mutter endlich zum Schweigen zu bringen.

Wie glücklich bin ich, jemanden zu haben, der es so schwer macht auf Wiedersehen zu sagen.“ Sanft wischte sie ihm eine Tränen von der Wange. „Es ist okay, weißt du? Es ist in Ordnung, dass es immer noch so weh tut. Sie war dein Kind. Niemand sollte sein Kind verlieren.“

„Es ist, als hätte ich mit ihrem Tod ein Stück von mir selbst verloren. Sie war… Sie war das Allerbeste, was ich je zu Stande gebracht habe.“ Er schloss die Augen, um die Tränen aufzuhalten, doch sie stahlen sich trotzdem über seine Wangen. „Ich glaube sie hätte dich gemocht.“ Er öffnete die Augen wieder, um in ihre zu sehen. „Sie hätte dich gemocht.“ Seine Stimme brach langsam und er presste die Lippen aufeinander, um sich vom Sprechen abzuhalten.

„Ich hätte sie gerne kennengelernt.“ Lisbon drückte seine Hand und lächelte schwach. „Ich bin sicher sie war wundervoll.“

Er nickte, wischte die Tränen von seinem Gesicht und schaffte es sogar ihr Lächeln kurz zu erwidern. „Das war sie.“ Er räusperte sich noch einmal und drückte sanft ihre Hand. „Danke.“

„Wofür?“

„Für alles.“

Sie schüttelte den Kopf und zog an seiner Hand. „Komm. Ben wartet schon auf dich, er sagt du hast ihm versprochen, ihm den Trick mit der Münze zu zeigen.“


III.


„Sie sollten aufhören zu grübeln.“

„Ich grüble doch gar nicht.“

Jane grinste. „Doch, tun Sie. Das hätte jedem passieren können. Sie sind ein guter Agent.“

Vega, die sich suchend in der verlassenen Wohnung ihres Verdächtigen umgesehen hatte, warf ihm einen kurzen Blick zu.

„Es war meine Aufgabe McLaggan zu beschatten. Ich habe einen Fehler gemacht.“

„Ach, Fehler passieren. Sie sind gut in Ihrem Job. Und er wäre stolz auf Sie.“

Sie schloss die Schreibtischschublade und runzelte die Stirn. „Wer, Sir?“

„Ihr Vater.“

„Ich weiß nicht was Sie meinen.“

„Sie haben alles getan, um Ihren Vater stolz zu machen, sogar nach seinem Tod. Dazu gehört auch exzellent in Ihrem Job zu sein, was der Grund ist, warum Sie sich selbst einen so lächerlich hohen Maßstab setzen. Sogar im Vergleich zu Teresa. Aber das müssen Sie nicht. Ihr Vater war sicher immer sehr streng mit Ihnen, doch er wäre stolz auf Sie. Weil Sie einen guten Job machen.“

Vega sah ihn einen Moment lang starr an, dann verschränkte sie die Arme vor der Brust.

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Meine Tochter wäre jetzt ungefähr so alt wie Sie, wäre sie nicht ermordet worden. Und wenn ich mir vorstelle, sie wäre groß geworden und sie wäre auch nur annähernd so wie Sie, Vega, dann wäre ich unglaublich stolz auf sie. Und ich wäre unglaublich froh, weil ich wüsste, dass ich einen aufrichtigen, guten Menschen aufgezogen habe.“

Vega ließ die Arme sinken. „Wirklich?“

Jane zuckte mit den Schultern. „Wirklich.“ Dann sah er sich um, griff nach einem der gerahmten Fotos auf dem Schreibtisch und reichte es ihr. „Und ich würde darauf wetten, dass wir McLaggan auf der Farm seiner Eltern finden.“


IV.


Der Boden des Wohnzimmers der Familie Lisbon war mit Fetzen von Geschenkpapier, Spielzeugen und Süßigkeiten übersäht. Annie und Joey jagten einander um den Weihnachtsbaum, sodass die bunten Kugeln an den Ästen gefährlich wackelten, während Annabeth und Teresa Lucys Schwärmereien über Macy’s Winterwunderland zuhörten. Tommy, Stan und Jimmy versuchten derweilen die Lauflernhilfe, die Brian bekommen hatte, zusammenzubauen.

„Ich weiß gar nicht was das soll“, murmelte Stan, während er ratlos zwei Metallstangen nebeneinander hielt. „Die anderen drei haben es auch ohne so ein Ding geschafft und sie können super laufen.“

„Annie auch“, murmelte Tommy und hielt skeptisch drei kleine Räder hoch. „Wieso sind das nur drei?“

„Ihr könntet in die Anleitung schauen“, schlug Karen vor, die sich mit Paul auf dem Arm, einen Weg in die Küche bahnte.

„Danke, da sind wir ja noch gar nicht drauf gekommen“, erwiderte Stan und Jimmy hielt resigniert die Anleitung hoch. „Wenn du japanisch kannst, nur zu.“

Karen schüttelte belustigt den Kopf.

„Darf ich mal?“, sagte Jane plötzlich.

„Du kannst japanisch?“, fragte Jimmy beeindruckt, während Jane sich zu ihnen auf den Boden hockte. „Oh nein, aber diese Dinger lassen sich immer gleich zusammenbauen. Kennst du eins, kennst du sie alle.“ Charlotte hatte es geliebt. Sie hatten ein Gitter an der Treppe anbringen müssen, damit sie nicht samt der Lernhilfe herunterstürzte, noch bevor sie überhaupt alleine stehen konnte.

Teresas Brüder tauschten ein paar kurze, fragende Blicke, doch noch bevor Stan den Mund öffnen konnte, wurde es Jane klar. Er hatte damit gerechnet, dass Teresas Brüder ihn googlen würden. Er war mittlerweile so daran gewöhnt, dass jeder, mit dem er sprach, seine Tragödie bereits kannte; dass – ironischerweise – sein Schicksal ein offenes Buch für sie war, so wie jeder andere für ihn ein offenes Buch war. Offenbar hatte er sich geirrt.

„Äh, wieso - ?“

„Wieso ich so ein Ding schon mal zusammengebaut habe?“ Er steckte den Sitz der Lernhilfe zusammen und blickte seine Schwäger nach der Reihe an. „Ich hatte eine Tochter.“

Er sah Überraschung und Verwirrung über ihre Gesichter huschen. Stan und Jimmy tauschten wieder einen kurzen Blick.

„Du hattest?“, fragte Tommy.

„Ja, sie – sie ist tot. Ermordet, schon seit vielen Jahren. Tut mir leid, ich dachte ihr wüsstet das.“ Es war noch immer schwer, es auszusprechen, doch das würde es wohl auch immer bleiben. Er hatte sich damit abgefunden.

„Scheiße, nein“, murmelte Stan.

„Tut mir leid, man“, sagte Jimmy.

„Nein, nein, es ist okay“, versicherte Jane.

„Was ist denn passiert?“, fragte Tommy.

„Ich habe damals einen Serienmörder namens Red John verärgert und er hat sie und ihre Mutter umgebracht, um mich zu bestrafen.“

„Heilige Scheiße.“

„Tut mir leid. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich machen würde, wenn jemand Annie etwas antun würde“, sagte Stan.

Jane nickte langsam. „Ich weiß auch nicht, was ich gemacht hätte, hätte ich Teresa nicht getroffen.“


V.


„Daddy?“

„Ja?“

„Ich weiß schon, was ich an Weihnachten haben will.“

„Was du zu Weihnachten haben möchtest, meinst du?“ Er schmunzelte, fixierte den letzten Zopf auf ihrem Kopf mit einem Haargummi und drehte sie um, sodass er sie ansehen konnte.

Hannah nickte enthusiastisch. Sie hatte dieselben grünen Augen wie Teresa, dasselbe dunkle Haar, doch die Locken hatte sie von ihm und das Lächeln ebenfalls. Auffordernd reichte sie ihm die kleine Tiara, die sie passend zu ihrem hellblauen Prinzessinnen Kleid gekauft hatten. Es war das erste Halloween, an dem sie alt genug war, ihr Kostüm selbst zu bestimmen und sie hatte stur darauf bestanden, dass sie als Elsa gehen wollte.

„Was denn, mein Schatz?“

„Ich möchte eine Schwester, die nicht im Himmel ist.“

Überrascht zog er die Augenbrauen hoch. „Wie kommst du denn darauf?“

„Maddy kriegt auch eine kleine Schwester“, erklärte sie und fuchtelte ungeduldig mit den Händen, als sei es völlig offensichtlich. „Und Maddy hat gesagt, wenn sie eine Schwester hat, dann kann die mit ihr als Elsa gehen, aber dann geht keiner mit mir als Anna und dann brauche ich eine andere Schwester, weil Charlotte sich nicht verkleiden kann, weil sie ja im Himmel ist.“

„Ah, natürlich.“ Sanft strich er seiner Tochter über die Wange. „Weißt du, Hannah, so etwas kann man sich leider nicht aussuchen.“

„Nicht mal der Weihnachtsmann?“

Er lächelte. „Nicht mal der Weihnachtsmann.“

„Oh.“ Sie sah betrübt zu Boden. „Und wenn ich Gott frage?“

„Da kennt deine Mum sich besser aus, aber ich bin ziemlich sicher, dass du Gott da auch nichts machen kann.“

Sie hatten schon darüber gesprochen, dass sie noch ein Kind wollten, doch bisher hatte es noch nicht geklappt und so lange würden sie Hannah auch nichts davon erzählen.

„Mh.“ Sie runzelte die Stirn und über ihrer Nase bildete sich die kleine Falte, die auch auf Teresas Gesicht erschien, wenn sie angestrengt über etwas nachdachte. Dann – plötzlich – hellte sich ihre Miene auf, ihre Augen funkelten und sie hüpfte einmal auf und ab. „Ich habe noch eine Idee!“

„Ach wirklich?“, fragte er lächelnd.

„Ja! Ich sage einfach Gott, dass er Charlotte auf die Erde schicken soll. Nur für einen Tag und dann kann sie Anna sein!“

Jane atmete einmal tief durch. „Das wäre schön, nicht wahr?“ Das hätte ihr sicher gefallen, dachte er. Sie waren sich viel ähnlicher, als er jemals erwartet hätte. Charlotte und Hannah. Und doch so unterschiedlich.

Hannah nickte fröhlich.

„Weißt du, Baby, wenn jemand einmal im Himmel ist, kann er nicht einfach wieder hier her kommen. Nicht mal für einen Tag.“

„Oh.“

„Aber du musst dir keine Sorgen machen. Wenn Maddys Schwester geboren wird, ist sie noch viel zu klein, um sich zu verkleiden, also können Maddy und du nächstes Halloween wieder als Anna und Elsa gehen.“

„Echt?“

„Echt. Und jetzt, Prinzessin“, er stand auf und nahm sie auf den Arm. „Wird es Zeit zu gehen. Deine Mum und Maddy und Grace warten schon auf uns.“
Review schreiben