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Die Zähmung des Meeres

von Kaepsele
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18 Slash
Charles Lee Haytham Kenway Liam O'Brien OC (Own Character) Shay Patrick Cormac
21.08.2019
29.07.2020
11
37.514
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21.08.2019 1.742
 
Es war nicht der Wille, der ihn am Leben erhielt.
Oder der Gedanke an jemanden, einen Freund, ein Mädchen, eine Familie.
Es war noch nicht einmal das Bedürfnis, weiterhin das Richtige zu tun und gegen das Unrecht zu bestehen.
Auch sein Überlebensinstinkt, der ihn sonst aus so vielen Situationen gerettet hatte, schwieg eisern.
Es war der Schmerz, der ihn nicht gehen ließ. Der ihn hier behalten wollte, in dieser Welt, in der es nichts anderes gab als das nervenzerfetzende Pochen in seinem Kopf, die kleinen, feinen Nadeln, die sich in seine Haut bohrten und Kälte wie Gift verbreiteten, das einengende Ziehen in seiner Brust und das beunruhigende Pulsieren in seinem Bein.
Shay war am Ende. Er wusste das. Der Schmerz wusste das.


Und dennoch waren sie beide hier.
 


~~~ ~ ~~~



„Ich glaube, heute ist der langweiligste Tag meines Lebens.“ Theatralisch seufzend ließ sich Theodor auf einem Hocker nieder und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Reling.
„Gewagte Worte für einen Seemann“, meinte Daxton über die Schulter hinweg. Für so ein Gewäsch wandte sich der passionierte Angler nicht von seinem Fang ab. Immerhin war Daxton fest überzeugt, bald etwas am Haken zu haben. „Du hast einfach noch nicht genügend Flauten miterlebt, Grünschnabel.“
„Ist ja auch meine erste – zumindest die erste, die über eine Woche hinausgeht“, gestand Theodor, der weniger Jahre zählte, als Daxton Dienstzeit auf dem Buckel hatte.
„Es ist auch meine erste richtig miese Flaute – und trotzdem jammere ich nicht wie ein Waschweib, dem der Klatsch ausgegangen ist“, meldete sich nun Cora zu Wort, die wenige Meter entfernt auf einem aufgewickelten Tau Platz genommen hatte und mit konzentrierter Akribie eine ihrer Pistolen – eine deutsche Radschlosspistole, die sie Lorelei  getauft hatte – reinigte. Für gewöhnlich hätte sie bei dieser vertrauten Aufgabe vor sich hingesummt, aber selbst der jungen Frau ging irgendwann einmal die gute Stimmung aus. Und nachdem sie knapp anderthalb Wochen kaum mehr als eine halbe Seemeile gut gemacht hatten, war das selbst bei ihr eingetreten.
„Such dir eine Aufgabe“, riet Cora dem jungen Matrosen. „Oder jemanden gegen den du im Fanorona verlieren kannst. Hol dir von mir aus einen runter. Aber heul uns nicht allen die Ohren voll.“
Das kränkte Theodor dann wohl doch in seinem männlichen Stolz, denn er schnellte in die Höhe. „So was brauche ich mir von dir  nicht sagen lassen!“
„Und warum nicht?“, kam die nonchalante Erwiderung seitens Cora. „Immerhin bist du derjenige, der hier alle mit seinem Geschnatter unruhig macht, nicht ich.“
Theodor knirschte mit den Zähnen und Cora rechnete damit, dass er sich auf sie stürzen würde, um mit ihr zu raufen, wie der kleine Junge, der er nun einmal war. Sicherlich hatte Theodor die Nase gestrichen voll davon, als Neuling ständig die Drecksarbeit für andere zu erledigen und dafür auch noch zurechtgewiesen zu werden.
Jedenfalls ließ er sich zu einem sehr unbedachten Kommentar verleiten. „Du bist doch auch nur hier, weil dein Vater dich nicht-“
Weiter ließ Cora ihn nicht kommen. Sie hob ihre Pistole und richtete den Lauf auf Theodors Stirn. „Ganz schlechter Schachzug, Freundchen.“
Der Mann vor ihr schluckte sichtbar und überlegte offenkundig, ob Cora wirklich in der Lage war, das durchzuziehen. Er zögerte lange – was in Coras Augen für sie sprach. Sie hatte hart für den Respekt der Mannschaft gekämpft und auch wenn viele sie als unberechenbar einstuften, hielten sie sich genau aus dem Grund mit unliebsamen Sprüchen und Annäherungen zurück. Und das war im Prinzip alles, was sie wollte.
Theodor beendete seine Überlegungen mit einem triumphierenden Grinsen. „Du weißt ja schon, dass die Waffe nicht geladen ist? Wird ein bisschen schwer, mich damit ernsthaft zu verletzten.“
Cora blickte auf die Pistole, dann wieder zu dem jungen Mann, holte mit dem Schießeisen aus und schmiss es in Theodors Richtung. Perplex riss er seine Arme hoch, war aber leider zu spät. Die Lorelei krachte auf seinen Kopf und der Matrose kippte um.
Cora gab ein gut hörbares „Hm“ von sich. „War weitaus weniger schwer, dich damit ernsthaft zu verletzten, als ich es mir vorgestellt habe. Und du vermutlich auch“, meinte sie und stand auf, um sich ihre Waffe zu holen.
Einige der sie umgebenden Seemänner lachten hustend, andere starrte gierig, da sie vielleicht auf einen richtigen Kampf hofften. Aber so weit wollte es Cora eigentlich nicht kommen lassen. Sie ging gerade in die Hocke, um die Lorelei wieder an sich zu nehmen, als sich ein Stiefel auf den Lauf legte.
Irritiert blickte sie auf und sah in das Gesicht ihres derzeitigen Kapitäns. Und der wirkte nicht sehr angetan. „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt, als ich sagte, dass ich keinerlei Insubordination dulde, Miss Ryder.“
„Ich bitte um Verzeihung, Käpt'n.“ Cora ließ die Waffe liegen, um vor ihrem Vorgesetzten strammzustehen. „Theodor hat-“
„Es ist gleichgültig, was Leichtmatrose Hendrigg getan hat – für mich ist nur Ihr  Verhalten von Belang. Und wenn ich eins mehr verachte, als das Aushöhlen meiner Anordnung, dann ist es das Verletzen eines Kameraden ohne ersichtlichen Grund.“
Cora hätte gerne die 'ersichtlichen Gründe' für Theodors Abreibung angegeben, aber sie wusste es besser. Käpt'n Nivland mochte weder Feiglinge, noch Schmarotzer – aber Leute, die sich vor ihrer Verantwortung drückten, indem sie Ausreden vorbrachten, konnte er am wenigsten ausstehen.
Stattdessen lenkte die junge Frau ein. „Sie haben recht, Sir. Das war nicht die Art, wie man einen Kameraden behandelt. Ich werde jede Strafe akzeptieren, die Sie mir dafür auferlegen möchte.“
„Ich fühle mich geschmeichelt“, kam es kalt vom Kapitän. „Wie schön, dass Sie meine Autorität so weit schätzen, dass Sie sich gegen angeordnete Sanktionen nicht wehren.“
Da Cora es nicht schlimmer machen wollte, schwieg sie. Und das war es wohl, worauf der Käpt'n eigentlich gewartet hatte. „Zwei Wochen Kombüsendienst. Und ich will, dass Sie sich in aller Form bei Hendriggs entschuldigen, Miss Ryder.“
„Jawohl, Sir“, erwiderte Cora deutlich und sah ihrem Käpt'n in die Augen. Sie wussten beide, dass er ihr die zwei schlimmsten Strafen überhaupt auferlegt hatte. Eine Auspeitschung wäre zwar auch furchtbar, aber bisher hatte es noch kein Vorgesetzter gewagt, sie körperlich zu bestrafen.
Aber der Dienst in der Schiffsküche war eine persönliche Hölle für Cora. Sie hasste es, unter Deck zu arbeiten und am meisten in der Kombüse, wo es ständig warm war und immer nach schimmligen Essen roch. Und noch weniger konnte sie es leiden, Reue zeigen zu müssen. Vor allem, wenn sie kein Unrecht auf ihrer Seite sah und deswegen überhaupt kein Gefühl der Buße aufbringen konnte.
Sie salutierte vor Kapitän Nivland, der daraufhin wegtrat und Richtung Achtern abging, wo er sich von seinem ersten Maat sicherlich auf den neusten Stand bringen lassen wollte.
Cora nahm ihre Waffe auf und überlegte, ob sie Theodor vielleicht doch etwas Unrecht getan hatte. Aber nein , sagte sie sich schließlich. Jeder weiß, dass man meinen Vater besser nicht erwähnen sollte … er hat es herausgefordert …
Gedankenverloren sah sie sich an Deck um. Die Männer, die bis gerade eben ihre Tätigkeiten eingestellt hatten, um den Streit zu begaffen, gingen wieder ihrer Zerstreuung nach und taten so, als wäre nichts passiert. Was irgendwo ja auch zutraf.
Sie ließ Hendriggs liegen und ging rüber zur Reling, um sich dort auf das breite Geländer zu setzten.
„Du hättest dich nicht so von diesem Grünschnabel provozieren lassen sollen“, schimpfte Daxton sie leise. „Es sollte dir nicht schwerfallen, in diesem Kampf der Größere zu sein. Du hast vollkommen grundlos Aufmerksamkeit auf dich gezogen.“
„Ich habe schon eine Zurechtweisung vom Käpt'n bekommen und Strafdienst dazu“, murrte sie und blickte verdrießlich aufs Meer. „Ich brauche nicht auch noch eine Predigt von dir.“
„Und warum sitzt du dann hier?“, folgte die Erwiderung. Immerhin wusste Cora zu gut, dass Daxton mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hielt und jedem nur allzu gerne an seiner reichen Erfahrung teilhaben ließ.
„Wollte nur zusehen, wie die Fische nicht beißen“, gab sie mit einem Grienen zurück, das der alte Mann mit einem belustigten Schnauben quittierte. Er mochte zwar ein leidenschaftlicher Angler sein, aber kein wirklich erfolgreicher.
Die beiden verbrachte eine Weile im einträglichen Schweigen, während Cora sich schon die Grausamkeiten ausmalte, die in der Kombüse auf sie warteten. Mit Sicherheit musste sie Kartoffeln schälen. Und unter Garantie würde Murdock – der Koch – sie beim Ausweiden der Fische helfen lassen. Und Zwiebeln! Bestimmt musste sie einen Tag lang nur Zwiebeln schneiden!
Cora rümpfte schon die Nase beim bloßen Gedanken an das vermaledeite Gemüse, als ihr ein merkwürdiger Schatten in den Wellen auffiel. Da ihre Fregatte, die HMS Steadfast, schon seit Tagen von einem Nebel eingehüllt war, beachtete sie ihn zunächst nicht. Aber als der Schatten einfach nicht verschwand, beobachtete sie ihn. Es war ganz sicher kein Fischschwarm, denn der hätte sich mittlerweile aufgeteilt; es konnte aber auch kein größerer Meeresbewohner sein, der auch schon weitergezogen wäre. Sie zog ihre Augenbraue zusammen und blinzelte. Einmal, zweimal, dreimal.
„Daxton, schau mal“, lenkte Cora die Aufmerksamkeit des Anglers auf das dunkle Objekt, dass sich durch die Wellen gerade langsam auf sie zubewegte.
„Hast du einen Hecht gesehen?“, fragte der Alte aufgeregt und wollte schon mit seiner Rute ausholen, als Cora ihn aufhielt. „Nein“, widersprach sie und starrte das unbekannte Objekt weiterhin in äußerster Bemühung an, um endlich zu erkennen, was es war.
„Aber da ist … ein Mensch! Mann über Bord!“


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Hallo an die geneigte Leserschaft,

wie schön, dass ihr den Weg hierher gefunden habt. Vorab ein paar Eckdaten:
- Zum Umfang der Geschichte kann ich gerade leider nur spekulieren, vielleicht zwanzig, vielleicht auch dreißig Kapitel, mal schauen
- der Umfang einzelner Kapitel wird in der Regel etwa doppelt so lang wie dieser Prologtext sein
- Assassin's Creed ist ein Videospiel mit durchaus blutiger Gewaltdarstellung – davor werde ich nicht zurückschrecken, also seid hiermit gewarnt!
- Updates … hm. Ich schreibe diese Geschichte neben einer anderen ff aus einem anderem fandom. Diese andere Geschichte ist eigentlich auch die, auf die ich mich weiterhin konzentrieren werde, deswegen kann es durchaus zu Unregelmäßigkeiten bei dieser ff kommen. Ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür :D
- Wer Fehler findet, Fragen hat, Anmerkungen oder nur Dampf ablassen will, wie langweilig/ooc/vorhersehbar/eintönig diese Geschichte ist, der darf gerne jederzeit vortreten und das äußern, egal ob per PN oder Review; nur mit Kritik kommt man weiter (ab und zu ein Lob, ist aber auch in Ordnung ;D)

Und nun wünsche ich uns allen noch (hoffentlich) viel Freude an dieser ff, die sich bei mir einfach in den Vordergrund gedrängelt hat, obwohl ich schon viel weiter entwickelte Projekte in petto habe … XD

Grüßchen,

kaepsele
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