CSI: Las Vegas - Es begann in Rocky Beach...

von Aello
GeschichteKrimi, Freundschaft / P18 Slash
Bob Andrews Justus Jonas Peter Shaw
21.08.2019
17.03.2020
7
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A/N:

Hallo zusammen,
kennt ihr das Spiel "Finde die Pop-Referenz"? (:
Ich habe in der Geschichte allerlei Referenzen eingebaut.
Wer findet wohl die meisten...?
Viel Spaß beim Lesen und Rätseln! (:



***


Gut gelaunt lenkte Nick Stokes seinen Wagen durch den immer noch dichter werdenden Verkehr. Er hatte das Radio angestellt, seinen Lieblingssender, und summte den Refrain des aktuellen Songs mit, während er mit den Fingern im Takt auf dem Lenkrad trommelte.

Von dem Fall, den ihm Warrick zugeteilt hatte, erwartete er nicht allzu viel. Sie waren in den vergangenen Monaten einige Male bei Fällen hinzugezogen worden, in denen ältere Menschen angeblich verschwunden waren. Und in jedem einzelnen Fall hatte sich herausgestellt, dass die Person sich im Grunde nur verlaufen hatte.

Er seufzte. Nicht jeder Fall war spannend und aufregend. Vieles war einfach nur Routine, und dennoch musste auch irgendjemand diese Fälle untersuchen. Auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, was genau Brass sich davon versprach, die Wohnung der Angehörigen unter die Lupe zu nehmen. Was würde da schon zu finden sein, wenn sich der Vermisste verlaufen hatte? Nichts, das von forensischem Interesse sein konnte.

“Nick”, hatte Brass ihn am Telefon angeknurrt. “Irgendwas kommt mir an der Familie seltsam vor. Ich will, dass Sie sich dort mal umsehen.”

“Jim”, hatte Nick versucht, Brass zu beruhigen. “Kommen Sie doch mal wieder runter. Nur weil ihnen was komisch...”

“Die Nachbarn haben öfter Streit gehört, Mr Decker hat sich mehrmals in der Woche lautstark mit seinem Vater gestritten”, erklärte Brass. “Jetzt ist Mr Decker Senior verschwunden. Ich halte das nicht für einen Zufall. Also schaffen Sie ihren Allerwertesten zu der Adresse, die ich ihnen gegeben habe, aber pronto. Ich will, dass wir uns dort mal umsehen. Ich bin überzeugt, dass Sie irgendwas finden, das uns weiterbringt.”


Würde er Brass nicht so gut kennen, hätte er es vielleicht persönlich genommen. Irgendetwas schien den Verdacht des Detectives erregt zu haben, und es konnte in der Tat nicht schaden, sich bei der Familie mal umzusehen. Und hatte Grissom ihm nicht auch erklärt, wie wichtig es war, der eigenen Intuition zu vertrauen? Nun, in dem Fall eher der des älteren Polizisten. Aber das kam bei der Zahl von Dienstjahren sicher nicht von ungefähr.

***

Gil Grissom stand im Foyer des Hotels und zupfte zum wiederholten Mal an seiner Fliege. Unschlüssig sah er hinüber zum Eingang des riesigen Saals, in dem sich die noch anwesenden Teilnehmer der Konferenz, vermutlich um die dreihundert Personen, versammelt hatten. Er hasste diese Abendessen! “Ungezwungener Ausklang” stand im Tagungsprogramm. Und dennoch wurde formelle Abendgarderobe erwartet, das war ja schon ein Widerspruch in sich.

Ganz kurz hatte er in Erwägung gezogen, sich einfach auf sein Zimmer zurückzuziehen und das Essen ausfallen zu lassen oder sich etwas bringen zu lassen. Allerdings war die Vorstellung, den ganzen Abend allein und nur mit den Gedanken an Justus zu verbringen, wenig verlockend. Nachdem er am Vorabend in einem Anflug von Leichtsinn - oder was auch immer es gewesen war - Justus angerufen und für Freitagabend eingeladen hatte, hatte er die halbe Nacht wach gelegen und sich einen Narren gescholten.

“Na, haben Sie keinen Appetit, Gil?”, unterbrach eine dunkle Stimme seine Gedanken.

Gil wandte sich um und erblickte Dr. Bradfort. Statt des Hosenanzugs, den sie noch am Nachmittag bei der Abschluss-Diskussion getragen hatte, trug sie nun ein hautenges, dunkelgrünes Abendkleid, das so gut wie keinen Raum für Spekulationen ließ. Sie hatte eine sehr sportliche Figur und auch ohne High Heels war sie mindestens fünf Zentimeter größer als er. Sie schob mit einer Hand eine Strähne des leicht gewellten, kastanienbrauen Haares hinter ihr Ohr, während sie ihn anlächelte.

“Bitte?”, fragte er höflich und erwiderte ihr Lächeln.

“Ich wollte wissen”, wiederholte sie und berührte mit der Hand seinen Arm, “ob Sie keinen Appetit haben?”

Mit hochgezogener Braue betrachtete er die Hand auf seinem Arm. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sie in den beiden vergangenen Tage in den Pausen zwischen den Seminaren und Vorträgen immer wieder seine Nähe gesucht hatte. Sie hatte ihn immer wieder angesprochen und angelächelt, ihn im Vorbeigehen wie zufällig berührt.

“Äh”, machte er ausweichend und sah hinüber zum Eingang des Saals. Es war offensichtlich, dass ihr Interesse nicht nur rein beruflich war. Er hatte ihr doch wohl nicht unabsichtlich irgendwelche Signale gesendet, die sie bestärkt oder ermuntert haben konnten?

Sie lachte, als er zögerte. “Ich fand ihren Vortrag gestern übrigens sehr spannend”, verriet sie ihm. “Wie kommt jemand, der so umwerfend aussieht wie Sie, dazu, sich mit Insekten zu befassen?”

Ihre Direktheit machte ihn sprachlos. “Ich, äh, bin mir nicht sicher, was mein Äußeres damit zu tun hat.” Wenn jemand in seiner Gegenwart flirtete, dann war es meistens, wenn er mit einem der anderen CSIs aus seinem Team unterwegs war. Vor allem Warrick und Nick. Es kam selten vor, dass er selbst im Fokus der Aufmerksamkeit stand.

“Gil”, gurrte sie und lehnte sich näher an ihn heran. Ihre vollen Brüste drückten an seinen Oberarm und ein Hauch ihres schweren Parfüms erfüllte seine Nase. “Nun tun Sie doch nicht so.”

“Dr. Bradfort”, begann Grissom und griff nach ihrer Hand, die auf seinem Arm lag. Natürlich hatte auch er inzwischen begriffen, was genau sie meinte. “Ich fühle mich zwar sehr geschmeichelt…”

Mit einem Lächeln entzog sie ihm ihre Hand. “Aber Sie sind nicht interessiert.”

Er zögerte einen Moment, dann nickte er. “Nein”, bekräftigte er, ebenfalls lächelnd. Er fand sie durchaus charmant und vor ein paar Monaten hätte er ihren Avancen vielleicht noch nachgegeben. Bis zu dem Zeitpunkt zumindest, an dem er sich endlich eingestanden hatte, dass er Justus nicht nur als Kollegen schätzte. Aber das war eine andere Geschichte, die nur ganz allein ihn etwas anging.

“Würden Sie mir dennoch zum Essen Gesellschaft leisten?” fragte sie hoffnungsvoll.

“Gerne Dr. Bradfort”, gab Grissom zurück, ohne zu zögern. Nur, weil er kein sexuelles Interesse an ihr hatte, konnte es dennoch eine ganz interessante Unterhaltung werden. Er erinnerte sich an das Namensschild, das sie nachmittags noch getragen hatte. Darauf war nicht nur ihr Name gestanden, sondern auch, dass sie Psychologin war. “Und falls es Sie wirklich interessiert, erzähle ich ihnen gerne auch etwas über Insekten.”

“Vielleicht warten Sie damit, bis wir gegessen haben”, gab Bradfort zurück. “Und bitte, nennen Sie mich doch Beth.”

***

Schon von weitem konnten sie die blinkenden Lichter des Polizeiwagens sehen, die die Stelle markierte, an der am Straßenrand der gestohlene Wagen abgestellt war.

“Dann mal rein ins Vergnügen”, rief Warrick, als er den Kofferraumdeckel öffnete, und seinen Werkzeugkoffer heraus wuchtete.

Justus grinste, er mochte Warricks Humor. Er griff sich seinen Koffer und nickte Warrick zu, der den Kofferraumdeckel schloss.

Zufrieden stellte er fest, dass die Straße abgelegen genug war, um nicht allzu viele neugierige Beobachter anzulocken. Es war vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Gaffer eintrafen. Es gab immer ein paar Freaks, die den Polizeifunk abhörten oder auf der Suche nach einer Schlagzeile nichts unversucht ließen.

“Wir sind vom CSI”, erklärte Warrick und zeigte einer Polizistin, die ihn grimmig musterte, seinen Ausweis. “Das ist mein Kollege Justus Jonas, ich bin Warrick Brown. Wir würden uns gern mal den Wagen ansehen.”

“Wo sind denn die beiden Teenager?”, wollte Justus wissen und hielt ebenfalls seinen Ausweis hoch.

“Wir haben die beiden auf dem Revier in Ausnüchterungszellen gesteckt”, erklärte die Beamtin, als sie das gelbe Absprerr- und Markierungsband hob und Warrick und Justus darunter hindurchschlüpfen ließ. “Die beiden waren ziemlich betrunken.”

“Habt ihr die beiden auch untersucht?”, wollte Justus wissen und folgte der Polizistin und Warrick zu dem abgestellten Wagen.  

“Untersucht?”

“Ob einer der beiden eine Verletzung hat”, erklärte Warrick. “Möglicherweise stammt ja das Blut von einem der beiden?”

Die Beamtin schüttelte den Kopf. “Nein, verletzt ist keiner der beiden. Wie kommt ihr darauf?”

“Es wäre ja durchaus möglich, dass die beiden eine Scheibe eingeschlagen haben, um den Wagen zu entwenden”,  meinte Justus.

“Nein, der Wagen wurde nicht beschädigt”, sagte die Beamtin und schüttelte den Kopf. “Naja, zumindest nicht, als sie den Wagen geklaut haben.”

Warrick grinste. “Na, dann sehen wir uns den Wagen mal an.”

Die Beamtin führte die beiden zu dem Wagen. Warrick stellte seinen Koffer auf den staubigen Boden und zog ein Paar Einweghandschuhe aus der Jackentasche. Er zog sie über und nickte Justus, der es ihm gleichtat, zu.

Mit einer handlichen Taschenlampe leuchtete er auf der Fahrerseite in das Auto hinein. “Nimm du die Beifahrerseite”, sagte er zu Justus, “ich sehe mir die Fahrerseite an.”

Justus nickte und sie begannen, das Auto zu untersuchen.

*

Nick hatte den Wagen nicht direkt vor dem Haus geparkt, sondern war ein paar Häuser weiter gefahren, dann war er an der Straße langsam zum Haus der Deckers hinübergegangen. Es war eine ruhige Wohngegend, mit gepflegten Vorgärten hinter weißen, halbhohen Gartenzäunen. Die Häuser standen weit genug auseinander, dazwischen Garagen und Gartenhäuschen. Ob man da tatsächlich laute Streitgespräche hören konnte?

Bevor er sich die Frage beantworten konnte, fiel sein Blick auf einen dunklen Wagen, der vor dem Haus der Deckers stand. Er sah auf und erkannte Jim Brass, der in dem Wagen saß. Nick beschleunigte seine Schritte und ging dem anderen Mann, der aus dem Wagen stieg, entgegen. Grimmig lächelnd kam Brass auf ihn zu.

“Jim, warten Sie schon lange?”

“Nein, höchstens ein paar Minuten”, erklärte Brass lapidar, zuckte mit den Schultern und steckte mit einer lässigen Geste seine Hand in die Hosentasche.

Nick lächelte schwach. Wahrscheinlich war Jim Brass schon vor Stunden angerückt und hatte den Wagen mit Absicht direkt vor dem Haus geparkt, um die Deckers und ihre Nachbarn wissen zu lassen, dass er sie nicht aus den Augen lassen würde. Wenn Brass mal jemand auf dem Kieker hatte, dann konnte er sich regelrecht festbeißen.

Brass klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. “Na, was ist?”, fragte er und deutete zum Haus hinüber. “Statten wir den Deckers mal einen kleinen Besuch ab.”

*

“Eindeutig Blut”, erklärte Justus und starrte im Schein von Warricks Taschenlampe auf das Wattestäbchen, dessen weißer Kopf sich pink verfärbt hatte.

Warrick runzelte die Stirn. “Verdammt.” Er holte tief Luft und ließ den Strahl der Lampe auf den Fleck im Polster sinken. “Schaffen wir den Wagen ins Labor.”

Während Warrick zu den Polizisten hinüber ging, die den Wagen bewachten, packte Justus gedankenverloren seine Werkzeuge zusammen und dachte an Kommissar a.D. Reynolds, der ihm vor Jahren eine glänzende Karriere als Polizist vorausgesagt hatte. Er lächelte versonnen. Dank Reynolds und Inspektor Cotta hatte er im im letzten Schuljahr ein verkürztes Spezialpraktikum im Kommissariat machen können.

Es war alles andere als spannend gewesen. Unglaublich viel Papierkram, den sie ihn hatten erledigen lassen. Recherche in Datenbanken und in den verstaubten Aktenschränken im Keller des Gebäudes. Natürlich hatte er begriffen, dass Cotta ihn nicht bei gefährlichen Einsätzen oder Verhören mitnehmen konnte.

Zehn Jahre zuvor, abends auf dem Schrottplatz in Rocky Beach

Entnervt parkte Justus Bobs gelben Käfer am Eingang des Schrottplatzes. An den Zaun gelehnt standen Peters knallrotes Rennrad und Bobs metallic-grünes Mountainbike. Die beiden saßen sicher schon feixend in der Zentrale, wie die Abende zuvor. Erschöpft legte er die Stirn auf das Lenkrad und atmete tief durch.

Es lief alles andere als gut bei seinem Praktikum. Irgendwie hatte er sich das Ganze anders vorgestellt. Spannender. Aufregender. Abwechslungsreicher. Wollte ihn Cotta auf die Probe stellen oder einfach nur schikanieren? Eine späte Rache für alle Fälle, in denen ihm die drei Fragezeichen ihm in die Quere gekommen waren?

Seufzend richtete er sich auf. Vielleicht würden ihn Bob und Peter auf andere Gedanken bringen?

“Na, Inspektor Jonas?”, begrüßte ihn Bob, als er die Zentrale betrat. Er und Peter saßen auf der Couch und grinsten ihn an wie Honigkuchenpferde. Jeder hielt eine halbvolle, beschlagene Flasche Cola in der Hand.

“Inspektor gibt’s hier keinen”, murmelte Justus leise, dann räusperte er sich und winkte seinen Freunden zu: “Hi Bob, hi Peter!” Er ging hinüber zum Kühlschrank, um sich ebenfalls eine Cola zu holen.

“Wir haben gerade die letzte kalte Cola rausgeholt und eben erst neue reingestellt”, erklärte Peter entschuldigend.

“Na super!”, knurrte er und ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen.

“Hier”, Bob richtete sich auf und reichte ihm seine angebrochene Flasche. “Kannst meine haben.”

Justus griff nach der feuchten Flasche, starrte auf den Flaschenhals und wischte dann mit der Handfläche darüber. Peter lachte. “Danke, Bob”, sagte er und nahm einen großen Schluck.

“Wie war’s auf dem Kommissariat?”, wollte Peter wissen.

Justus stöhnte. “Frag nicht.” Dennoch erklärte er seinen Freunden ausführlich, wie öde und langweilig sein Nachmittag verlaufen war.

“Also unser Nachmittag verlief eigentlich ganz erfreulich”, erklärte Peter grinsend und stupste Bob mit dem Ellbogen an.

“Hm, ja”, gab Bob zurück. “Wir waren am Strand. Erst haben wir mit Elizabeth und Kelly ein bisschen Strandball gespielt.”

“Genau, aber dann mussten Kelly und Elizabeth zum Tennis-Training.”

“Ja, und dann sind wir noch zwei Stunden gesurft.”

Justus holte tief Luft. “Es freut mich ja außerordentlich, dass wenigstens ihr zwei Spass hattet.”

“Ja”, nickte Bob, “das freut uns auch außerordentlich.”

“Vielleicht sollte ich mein Praktikum abbrechen.”

“Was?” Peter sah ihn entsetzt an. “Wieso das denn?”

Justus runzelte die Stirn und betrachtete die Flasche in seiner Hand. Er hatte gehofft, ein bisschen mehr machen zu können. Nicht nur Formulare ausfüllen und Akten sortieren.

“Man, Erster, das solltest du dir echt nochmal überlegen!”, riet ihm Bob. “Du bist noch nicht mal volljährig, was denkst du, passiert mit Cotta, wenn du bei einem Einsatz dabei bist und dir was passiert?”

“Ich weiß doch auch”, gab Justus maulend zurück. “Aber…”

Bevor er fortfahren konnte, klingelte das Telefon. Seufzend stellte er die Colaflasche auf dem Schreibtisch ab und knipste aus alter Gewohnheit den Verstärker an, bevor er abhob.

“Ja, hier Justus Jonas von den drei Fragezeichen”, meldete er sich.

“Ah, Justus, gut dass ich dich gleich erreiche.” Es war Cotta.

“Inspektor Cotta, was gibt es denn?”

Cotta lachte verlegen. “Ich hatte vorher völlig vergessen, dir das zu sagen.”

“Was denn?”

“Morgen findet ein Gerichtstermin in L.A. statt, bei dem ein Fall verhandelt wird, in dem wir ermittelt haben.”

“Aha”, machte Justus und fragte sich, worauf Cotta hinaus wollte.

“Ich dachte mir, dass das vielleicht interessant sein könnte. Ich habe gerade mit deiner Schulleiterin gesprochen und abgeklärt, dass du im Rahmen deines Praktikums zu dem Termin kannst.”

“Oh”, machte Justus.

“Ich werde dich um 10:20 Uhr am Eingang der Schule abholen, die ersten beiden Stunden und den Nachmittagsunterricht wirst du trotzdem besuchen müssen”, sagte Cotta.

Cotta wollte ihm keine Details zu dem Fall verraten, damit er bei der Verhandlung unvoreingenommen war. Es fiel Justus schwer, nicht im Internet zu recherchieren, welche Fälle am folgenden Tag in L.A. verhandelt wurden. Um ihn abzulenken, schlug Bob vor, noch ein Eis essen zu gehen.


***

Zufrieden lehnte Bob sich zurück und betrachtete lächelnd den Bildschirm. Irgendwie konnte er sich Abends immer besser aufs Schreiben konzentrieren. Er speicherte die Datei; er würde eine Nacht drüber schlafen und am nächsten Morgen den Artikel nochmal Korrekturlesen, bevor er ihn dem Redakteur schickte.

Er sah auf die Uhr am unteren Bildschirmrand, es war noch nicht zu spät, um Peter noch anzurufen. Er griff nach seinem Telefon und ging hinüber zur Küche, um sich noch einen Kaffee einzugießen. Er nippte an der heißen Flüssigkeit und überlegte, was genau er Peter sagen würde.

Entschlossen stellte er die Tasse auf den Küchentisch, dann klappte er das Handy auf und wählte Peters Nummer.

“Hey Peter, ich bin’s, Bob.”

“Hi, Bob.” Peter klang erschöpft. Hatte er es gestern tatsächlich zu weit getrieben?, fragte sich Bob.

“Ich, äh, tut mir leid wegen gestern, ich wollte dich nicht ärgern, ich äh”, begann Bob, doch Peter unterbrach seine Entschuldigung.

“Ach, Schwamm drüber”, meinte Peter großzügig. “Schon vergessen. Ich glaube, ich war gestern nicht so gut drauf.”

Das waren ganz ungewohnte Töne von Peter, der sonst immer so gut gelaunt war. “Was ist los?”, wollte Bob wissen. “Stress an der Uni?” Ihm fiel plötzlich auf, dass Peter schon ewig nichts mehr von seinem Privatleben erzählt hatte. Zumindest nicht vom romantischen Teil. Aber ein Typ wie Peter war nicht lang allein, dachte er. Peter war freundlich und umgänglich und sah unverschämt gut aus. Es war eher wahrscheinlich, dass er sich vor Angeboten kaum retten konnte. Ob das das Problem war?

Peter seufzte. “Schon irgendwie.” Er holte tief Luft. “Als ich angefangen hab zu studieren, war der Sport das wichtigste für mich und Sportlern wurde es auch echt einfach gemacht, durchs Studium zu kommen.”

“Na, na”, meinte Bob. “Jetzt stellst du dein Licht aber ganz schön unter den Scheffel, mein lieber Peter.”

Peter lachte. “Ich will ja nicht sagen, dass ich mich nicht anstrengen musste, aber mir ist schon klar, dass Justus in einer ganz anderen Liga spielt.”

Jetzt musste auch Bob lachen. Justus hatte sogar in den Ferien Vorbereitungs- und Nachbereitungskurse besucht und irgendwelche Praktika gemacht. Peter und er waren in der glücklichen Lage gewesen, dessen war er sich durchaus bewusst, dass sie wohlhabende Eltern hatten, die ihr Studium finanzieren konnten. Dank eines Begabten-Stipendiums, Tante Mathildas Voraussicht, die jahrelang jeden Monat einen kleinen Betrag auf die Seite gelegt hatte und zusammen mit all den großzügigen Spenden, die sie in ihrer aktiven Detektivzeit erhalten und gespart hatten, hatte auch Justus ein Studium aufnehmen können.

“Justus hat schon immer in einer anderen Liga gespielt”, gab Bob zurück. “Aber das meintest du ja sicher nicht, oder? Wieso wurde es dir als Sportler einfach gemacht?”

“Na, die ganzen Tutorien, immer war jemand da, der mir bei den Seminaren und Prüfungsvorbereitungen geholfen hat”, erklärte Peter. “Ich war ein recht guter Sportler.”

“Und schon wieder untertreibst du,” lachte Bob. Jede Sportart, die Peter ausgeübt hatte, sah bei ihm so einfach und mühelos aus. Peter hatte Kraft, Ausdauer und Koordination. Praktisch alles, was er selbst nicht hatte, dachte er ein wenig neidisch. “Komm schon, du warst praktisch in jeder Sportart der Schul-Champion.”

“Nicht im Bodenturnen.”

“Ja, aber doch nur, weil du’s nicht versucht hast”, erwiderte Bob und für einen Moment blitzte das Bild von Peter in hautengen Balletthosen und mit nacktem Oberkörper vor seinem inneren Auge auf. Er lachte.

“Warum lachst du?”

“Ach, äh, nur so”, sagte Bob. “Okay, dir hat man’s als Sportler an der Uni leicht gemacht. Tut man das heute nicht mehr?”

“Ich bin mir nicht sicher”, meinte Peter. “Auch von den Sportlern werden gute Noten erwartet, und bei vielen hab ich den Eindruck, dass die den Sport nur vorgeschoben haben um an die Uni zu kommen.”

“Wie kommst du denn darauf?”

“Wenn’s auf das Semesterende zugeht, ist kaum noch einer im Training”, erklärte Peter. “Wenn ich so dran denke, wie viele Stunden in der Woche ich gelernt und trainiert habe, dann habe ich deutlich mehr trainiert. Zur Zeit ist das bei den Studenten umgekehrt. Und trotzdem erwartet die Universitätsleitung dass wir bei den ganzen Wettkämpfen Siege einfahren.”

“Dann sind’s halt mal nicht so viele Siege”, meinte Bob. “Ist das denn schlimm?”

“Weniger Gewinne bedeuten weniger Sponsorengelder und weniger Subventionen und das bedeutet den Abbau von Stellen und Streichungen im Lehrplan”, führte Peter aus. “Aber gleichzeitig steigen auch die Ansprüche der Wirtschaft an Uni-Absolventen. Da reicht keine drei mehr, und du kannst auch nicht mehr einfach darauf verweisen, dass du im Uni-Team warst. Da zählen nur noch gute Noten.”

“Hm”, machte Bob, “verstehe. Gibt es denn keine Lösung?”

“Mir ist noch nichts eingefallen.”

“Tut mir leid”, meinte Bob aufrichtig.

“Und bei dir so?”, wollte Peter wissen.

Bob seufzte. “Ach, freier Journalist zu sein, hat seine Vor- und Nachteile. Ich kann zwar schreiben was und für wen ich will, aber wenn ich keine Aufträge bekomme, bleibt das Konto leer.”

“Hast du Geldsorgen?” Peter klang besorgt.

Bob lachte. “Nein”, beruhigte er Peter, “nein, ich hab genug Beziehungen, um ständig neue Aufträge an Land zu ziehen. Und glücklicherweise bin ich ja auch in der Lage, ganz passable Bilder mitliefern zu können.”

“Du würdest mir aber schon sagen, wenn du Hilfe brauchst?”

“Du bist ja echt süß, Peter”, gab Bob zurück, gerührt von Peters Fürsorglichkeit. “Aber du brauchst dir echt keine Sorgen machen. Mein Dad würde mir jederzeit eine Festanstellung bei der Zeitung verschaffen und Sax ruft mindestens einmal im Monat an, weil er möchte, dass ich in der Agentur einsteige.”

Peter atmete hörbar aus. “Ah, da bin ich aber beruhigt.”

Eine Weile schwiegen sie ins Telefon, bis Bob schließlich die Stille unterbrach.

“Äh, du Peter, hör mal, wegen dem Trip nach Vegas”, begann er.

“Ja?”, fragte Peter eifrig.

Bob unterdrückte ein Lachen. “In den nächsten zwei Wochen sieht’s schlecht aus, aber danach kann ich es mir meine Zeit besser einteilen. Wie sieht es denn bei dir aus?”

“Wenn ich früh genug Bescheid weiß, dann kann ich Ersatz organisieren, jemand der die Trainings-Einheiten übernimmt.”

“Dann schlage ich vor, dass du einfach mit Justus telefonierst und was mit ihm ausmachst.”

“Gute Idee”, meinte Peter. “Ich geb dir dann Bescheid, wenn ich mit Just was ausgemacht habe.”

“Ja, mach das”, gab Bob zurück. Plötzlich hatte er eine Idee. “Äh, sag mal, Peter”, begann er, “du hast mir doch eben erzählt, dass ihr das Problem habt, dass die Studenten lieber auf Klausuren lernen, als für Wettkämpfe zu trainieren und dass dadurch Sponsoren abspringen und die Uni mit enormen finanziellen Einbußen zu kämpfen hat.”

“Ja, wieso?”

“Habt nur ihr das Problem? Oder betrifft das auch andere Unis?”

“Wieso willst du das denn wissen?”, fragte Peter neugierig.

“Hm”, machte Bob, “wenn das mehr Unis betrifft, könnte ich vielleicht einen Artikel schreiben und bei der L.A. Post unterbringen. Mein Dad ist immer wieder auf der Suche nach interessanten Geschichten für die Wochenend-Ausgabe.”

“Ich könnte mir schon vorstellen, dass das auch anderen Unis so geht. Vor allem, wenn es kleinere Unis sind, oder solche, die sich nicht in irgendeiner Form spezialisiert haben”, gab Peter zurück. “Aber das könnte dir jemand aus der Verwaltung besser erklären. Ich kann gerne morgen mal fragen, wer genau da zuständig ist, und dann den Kontakt herstellen. Ist das okay, wenn ich deine Festnetznummer weiter gebe?”

“Ja, das wird besser sein”, meinte Bob. “Ich hab immer den Anrufbeantworter an, wenn ich arbeite oder sonstwie nicht erreichbar bin.” Er zögerte einen Moment. “Oder findest du die Idee, darüber zu schreiben, blöd?”

“Wieso soll ich die Idee denn blöd finden?” Peter klang überrascht, aber Bob hatte ganz plötzlich das Gefühl, dass er Peters Zustimmung für dieses Projekt brauchte, ohne dass er sich erklären konnte, wo das plötzlich herkam.

“Ich weiß nicht”, druckste er herum, “kann ja sein, dass du’s doof findest.”

Peter lachte lauthals. “Sag mal Bob, du hast nicht zufällig irgendwas geraucht oder getrunken?”

“Hä? Wieso?”

“Weil du echt komische Fragen stellst”, erklärte Peter lachend.

“Ich mach mir Gedanken darüber, was du denkst, und du lachst mich nur aus”, gab Bob halb im Ernst, halb schmollend zurück.

“Du bist wirklich drollig, echt Bob”, sagte Peter und lachte erneut.

“Ja, ja, freut mich, dass du so gut drauf bist.”

“Jetzt stell dich nicht so an”, forderte Peter ihn auf. “Du bist ja echt voll die Mimose. War mir früher irgendwie nie aufgefallen.”

Bob grinste. “Wenn ich ‘ne Mimose bin, bist du ‘ne Primel.”

“Wenn wir uns so aufführen, wenn wir Just in Vegas besuchen, wirft er uns gleich wieder hochkant raus, das ist dir doch klar?”

Bob lachte. ”Dann ziehen wir eben durch die Casinos und machen Party.”

“Verdient man als Journalist so viel, dass man das tun kann?”, wollte Peter wissen.

“Naja, um dir nen Drink zu spendieren, reicht’s allemal”, räumte Bob ein.

“Du, das werd ich mir merken”, versprach Peter.

“Kannst mich in Vegas gern daran erinnern”, meinte Bob spöttisch.

“Das werde ich tun”, gab Peter ganz ernsthaft zurück.
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