CSI: Las Vegas - Es begann in Rocky Beach...

von Aello
GeschichteKrimi, Freundschaft / P18 Slash
Bob Justus Peter
21.08.2019
15.09.2019
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Drei Jahre später


Unschlüssig ging Peter Shaw von der Spüle zum Kühlschrank und dann wieder zurück. Er sah aus dem Fenster, die Sonne war bereits hinter den Bäumen untergegangen. Er war sich immer noch nicht sicher, ob es ein Vorteil war, so nahe beim Campus zu wohnen, oder nicht. Er ging zum Küchenschrank, in dem ein kleines Radio stand und knipste es an. Seufzend drehte er das Rädchen des Senderlaufes nach links und dann wieder nach rechts, bis er einen Sender fand, der Musik spielte, die ihm gefiel.

“Ein verliebter Narr
Eine verrückte Situation
Ihr samtener Handschuh
Der mich niederschlägt und nieder und nieder und nieder
Ihr freuriger Kuss
Eine bedeutungsschwangere Einladung
In ihrem Lächeln
Das mich niederschlägt und nieder und nieder und nieder.”


Peter knipste das Radio aus und verließ die Küche. Das Lied traf einen Nerv, und er war nicht bereit, ausgerechnet jetzt darüber nachzudenken. Und das seltsame Gefühl in seiner Magengrube lag sicher an etwas Schlechtem, das er zum Mittag in der Mensa gegessen hatte und hatte keinesfalls etwas mit der Mail zu tun, die er noch unbedingt beantworten musste.

Er steckte die Hände in die Taschen und schlenderte hinüber zu seinem Arbeitszimmer, in dem der PC stand. Der Monitor war immer noch angeschaltet, aber der Screensaver hatte sich aktiviert. Peter tippte auf die Space-Taste.

Hallo Peter,

stand da in der Mail, die er nun zu wiederholten Male las.

Gerne können Bob und du mich hier besuchen kommen. Wäre schön, wenn es endlich mal wieder klappt. Ihr müsst mir einfach nur Bescheid geben, wann und wie lang ihr nach Vegas kommt, dann kann ich auch sehen, ob ich einige Tage frei bekommen kann.

Aber selbst falls ich nicht frei bekommen kann, ist das kein Problem. Wir unternehmen dann einfach am Nachmittag zusammen etwas, bevor ich arbeiten gehe. Das Nachtleben könnt ihr dann auch allein erkunden. Ich habe nun auch ein Gästezimmer, aber ihr könnt natürlich auch in ein Hotel gehen, falls euch das lieber ist.


Mit einem Seufzen griff Peter nach dem Telefon.

“Peter, du? Hey!” Die Stimme seines Freundes Bob Andrews klang ziemlich überrascht, fand Peter.

“Ich hab dir doch geschrieben, dass ich anrufen werde.”

“Ja, äh, kann sein.” Ein Geräusch im Hintergrund, das sehr nach dem Kichern eines Mädchens klang.

“Passt es dir gerade nicht?”, fragte Peter. “Wir äh, Justus meinte doch, dass wir uns überlegen sollen, wann wir ihn mal besuchen kommen und äh…”

“Da dachtest du, dass Donnerstagabend gegen halb zehn eine tolle Zeit ist, um bei mir anzurufen”, gab Bob zurück.

“Naja, wenn du auf meine SMS und Mails nicht reagierst, bleibt mir ja nichts anderes übrig”, maulte Peter.

“Vielleicht, weil ich beschäftigt bin?”

“Ja, bist du denn beschäftigt?”, fragte Peter zurück.

Bob seufzte. “Nein, Peter, bin ich nicht.”

“Na prima”, sagte Peter und ignorierte die Ironie in Bobs Stimme. Er kannte Bob gut genug. Wenn er jetzt anfing, zu diskutieren, würde das nie etwas werden. Manchmal war Bob wirklich komisch. “Also, sag an, wann hast du denn mal Zeit?”

“Da muss ich erst mal in meinen Kalender sehen”, seufzte Bob.

“Du würdest mir einen riesigen Gefallen tun, wenn du das jetzt gleich tätest”, meinte Peter.

“Für dich doch immer, Peter.”

Peter unterdrückte ein Seufzen. Bob hatte keine Ahnung, was Peter dabei empfand, wenn er solche Dinge sagte.

“Jetzt mach schon, damit du wieder zu deiner Süßen kannst. Wie hieß sie doch gleich? Angela? Pamela? Sandra?” Bildete er sich das nur ein, oder hatte Bob tatsächlich ständig eine andere Freundin?

Bob lachte. “Wann haben wir nochmal das letzte Mal telefoniert?”

“Bob, das war vor 14 Tagen!”

“In 14 Tagen kann viel passieren”, gab Bob lässig zurück.

Peter schluckte. Wie konnte Bob nur so daher reden? “Bob!”

“Man, Peter, mach dich mal locker”, lachte Bob. “Ich bin noch viel zu jung, um mich festzulegen.”

Möglicherweise war das schon immer Bobs Problem gewesen, dachte Peter. Er kannte so viele Frauen, dass er sich auch nicht entscheiden brauchte. Und eigentlich konnte ihm das ja auch egal sein. Aber wieso war es das nicht?

“Peter, bist du noch dran?”

“Ja”, gab Peter verletzt zurück. “Also, wenn du’s dir noch nicht überlegt hast, dann äh, kannst du mir ja morgen Bescheid geben. Dann werd ich dir jetzt nicht weiter stören. Schönen Abend.”

*


Irritiert betrachtete Bob Andrews das Display seines Handys. Peter hatte einfach aufgelegt! Was hatte er denn nun schon wieder getan? Was war nur los mit Peter? Wieso war er denn in letzter Zeit so dünnhäutig? Vielleicht hatte er es ja auch ein wenig übertrieben, aber er musste Peter ja nicht auf die Nase binden, dass er gar keinen Damenbesuch hatte. Immerhin hatte er einen Ruf zu verteidigen. Bob starrte auf den Fernseher, den er zu Beginn von Peters Anruf einfach lautlos gestellt hatte.

Er klappte das Handy zu und rieb sich seufzend den Nasenrücken, dann schaltete er den Fernseher aus. Es hatte sich so viel  verändert, seit sie die Schule verlassen hatten. Sie hatten zwar gemeinsam angefangen, in L.A. zu studieren, alle unterschiedliche Studiengänge, aber dann hatte es sie in die unterschiedlichsten Teile der Erde verschlagen. Peter hatte zwei Semester in Australien verbracht, Justus ein halbes Jahr in London und ein paar Wochen in Spanien und er selbst war in Kanada und Deutschland gewesen.

Und doch waren sie seit einigen Jahren wieder alle hier. Leider bedeutete das nicht automatisch, dass sie mehr Zeit zusammen verbrachten. Die Zeiten der drei Fragezeichen waren eindeutig vorbei. Aber vielleicht konnte der Trip nach Vegas ja wieder einiges zurechtrücken?

Er musste sich bei Peter entschuldigen, entschied Bob und erhob sich vom Sofa. Jetzt würde er sich erst einmal noch einen Kaffee machen und dann einige Stunden an den Computer setzen, um seinen Artikel fertig zu schreiben.

**


Goldene Spätnachmittags-Sonnenstrahlen fielen durch die halb heruntergelassenen Jalousien und tauchten den Flur in warmes Licht. Aus den Büros und Laboren klang das Piepsen von allerlei elektronischen Analyse- und Untersuchungsgeräten, und man hörte Gespräche und gelegentliches, leises Gelächter.

Gedankenverloren starrte der dunkelhaarige, junge Mann mit leicht hochgezogenen Brauen auf den Umschlag in seinen Händen. Zum wiederholten Male fragte er sich, ob er das Richtige tat. Hatte er sich sein Urteil tatsächlich aufgrund von Fakten gebildet, oder machte er sich nur etwas vor?

Ob es klug war, um die Versetzung in die andere Schicht und damit ausgerechnet unter die Leitung von Ecklie zu bitten? Er würde die Zusammenarbeit mit den anderen Mitgliedern seines bisherigen Teams vermissen. Vor allem Nick Stokes und Warrick Brown, mit denen ihn Grissom vor allem in den ersten Monaten beim CSI immer wieder zu Tatorten geschickt hatte. In der Tagschicht gab es ausgezeichnete CSIs, dessen war er sich sicher. Er würde sicher auch unter Ecklies Leitung noch viel Neues lernen können.

Während der letzten Wochen, in denen er versuchte hatte, zu einer Entscheidung zu kommen, hatte er einige Artikel Ecklies in den einschlägigen Fachmagazinen aus den vergangenen Jahren herausgesucht und sich Unterlagen zu Prozessen besorgt, in denen der Leiter der Tagschicht als Berater hinzugezogen worden war. Er schien sogar noch höhere Ansprüche an seine Mitarbeiter und Untergebenen zu stellen als Grissom. Und obwohl er eine Koryphäe auf seinem Gebiet zu sein schien, hatte er im gesamten Labor keinen besonders guten Ruf.

Andererseits galt ja auch Sara Sidle bei den Kollegen als abweisend und schroff, obwohl er das selbst nicht bestätigen konnte. Zumindest ihm gegenüber war sie in den Team-Besprechungen oder wenn sie zusammen in einem Fall ermittelt hatten, meistens zurückhaltend gewesen. Sie war sehr direkt, und wenn sie von etwas überzeugt war, dann scheute sie auch keine Konfrontation.

Vielleicht war selbst Ecklie nicht ganz so schlecht wie sein Ruf? Vielleicht musste man sich einfach nur an ihn gewöhnen?

Möglicherweise war nichts dran an den Aussagen der Kollegen. Der übliche, neiderfüllte Büroklatsch. Vielleicht war er auch viel zu sehr mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt, um dem Allen, Ecklie und auch besonders Sara gegenüber neutral zu sein. Immerhin hatte sie angeblich vor Jahren eine Affäre mit Grissom gehabt.

Und genau da lag der Kern des Problems, gestand er sich. Nicht, dass er eifersüchtig gewesen wäre. Worauf auch? Immerhin lag die Affäre schon Jahre zurück. Wenn es denn je eine gegeben hatte.

Er runzelte die Stirn und versuchte, sich Gelegenheiten ins Gedächtnis zu rufen, bei denen Grissom etwas zu oder über die schlanke, dunkelhaarige Frau gesagt hatte. Doch so sehr er sich auch bemühte, es wollte ihm nichts einfallen, das besonders auffällig oder aussagekräftig gewesen wäre. Sollte tatsächlich mal etwas zwischen den beiden gewesen sein, so war es definitiv vorbei.

Aber machte das einen Unterschied, was seine Gefühle für Grissom anging? Er zögerte und starrte auf den Umschlag in seinen Händen. Und was, wenn er Grissoms Verhalten ihm gegenüber völlig falsch interpretiert hatte? Wenn all die zufälligen Berührungen, die seine Haut zum Brennen gebracht und die verstohlenen, tiefen Blicke, die ihm wohlige Schauer über den Rücken hatten laufen lassen, keine subtilen Annäherungsversuche waren? Wenn Grissom seine Gefühle nicht erwiderte? Wenn es tatsächlich nur zufällige, nichtssagende Berührungen gewesen waren während den gemeinsamen Mahlzeiten und bei den Gesprächen im Labor oder auf Fahrten zu Einsätzen? Wenn er aufgrund einer einzelnen falschen Einschätzung nicht nur seine Karriere beim CSI, sondern auch die Freundschaften mit den Kollegen und die bislang gute Zusammenarbeit mit seinem Vorgesetzten aufs Spiel setzte?

“Hey, Justus”, riss Warrick Browns sonore Stimme ihn aus seinen Gedanken. “Willst du hier vor Grissoms Büro Wurzeln schlagen?”

“Bitte?” Noch immer halb in Gedanken, blinzelte er den muskulösen dunkelhäutigen Mann an.

Warrick zwinkerte ihm zu. “Hast du was ausgefressen und traust du dich nicht rein?”

Justus spürte, wie sich seine Wangen langsam rot färbten. “Nein”, sagte er ausweichend. Er wusste, dass Grissom nicht in seinem Büro saß, doch bevor er das kundtun konnte, fiel Warricks Hand schwer auf seine Schulter. Justus ächzte theatralisch und Warrick grinste.

“Grissom ist noch bis morgen auf einer Tagung in Calgary”, wisperte Warrick ihm vertraulich zu.

“Ja, ich weiß”, gab Justus zurück. “Deswegen hat er ja auch dich zu seinem Stellvertreter ernannt.” Und das war auch der Grund, warum er ausgerechnet heute das Schreiben auf den Schreibtisch seines Vorgesetzten legen wollte. Solange Grissom noch nicht wieder hier war und es ihm direkt ausreden würde. Oder er selbst kalte Füße bekam und es sich doch noch anders überlegte. Vielleicht redete er sich auch alles nur ein, sah, hörte und spürte Dinge, die keinen Bezug zur Realität hatten? Justus runzelte die Stirn. Nein, sagte er sich. Es konnte nicht nur Einbildung sein! Besonders nach dem Anruf Grissoms am Tag zuvor.

“Hallo zusammen, was habt ihr beiden denn da zu Flüstern? Ihr lästert doch nicht etwa über mich?”

Justus und Warrick wandten sich um und blickten in Nicks verschmitzt lächelndes Gesicht.

“Hey Mann, wir würden doch nie über dich lästern!” Warrick hob abwehrend die Hände.

Nick Stokes rollte die Augen und stemmte die Hände in die Seiten. Auch er war dunkelhaarig, groß und kräftig. Er schüttelte den Kopf, dann versuchte er, nach den Zetteln zu greifen, die Warrick hinter seinem Rücken versteckte. “Sind das die neuen Fälle, die gerade reingekommen sind?”, fragte er und Justus lächelte.

Die beiden verhielten sich manchmal wie Peter und Bob zu ihren besten Zeiten, dachte er ein wenig wehmütig. Er hatte die beiden schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, seit sie alle ihr Studium abgeschlossen und L.A. hinter sich gelassen hatten.

Warrick grinste und drückte Nick einen der Zettel in die Hand. Nick warf nur einen Blick darauf, dann seufzte er. “Vermisste ältere Person”, murmelte er und fuhr sich mit der Hand durchs kurze, schwarze Haar. “Wenn das schon wieder so ein Fall ist, bei dem sich der Opa im Einkaufszentrum verlaufen hat, dann”, begann er.

“Dann wirst du das nur herausfinden, wenn du dich mit Brass in Verbindung setzt”, gab Warrick zurück. Nick sah ihn verwundert an. “Was haben denn das Morddezernat und Brass damit zu tun? Wurde eine Leiche gefunden?”

“Mr. Decker Senior ist verschwunden”, erklärte Warrick, “von einer Leiche steht da nichts. Aber ich schätze, dass irgendwer vom Departement des Sheriffs Brass informiert hat. Brass möchte, dass wir das wie einen Mordfall behandeln und bei den Angehörigen Spuren suchen. Mr. Decker wohnte bei seinem Sohn und seiner Familie. Die Adresse steht auf dem Zettel.”

Nick seufzte, warf einen weiteren Blick auf den Zettel, faltete ihn zusammen und schob ihn dann in die Hosentasche. “Na gut”, nickte er schließlich. “Ich mach mich auf den Weg.” Er schüttelte den Kopf. “Ausgerechnet jetzt ist Sara nicht da.”

Warrick lachte. “Denkst du, wenn Sara da wäre, hätte ich ihr den Fall gegeben?”

“Nein”, gab Nick zu.  

“Na siehst du”, meinte Warrick mit einem überlegenen Lächeln.

“Aber wo ist Catherine?”, wollte Nick wissen.

“Ja, wo ist sie?”, fiel Justus ein.

“Elternabend in Lindseys Schule”, sagte Warrick knapp. “Hat sie doch schon letzte Woche angekündigt. Da musste sie hin.”

Warrick sah sie kopfschüttelnd an und Justus und Nick warfen sich vielsagende Blicke zu.

“Was ist mit mir?”, wollte Justus wissen.

Warrick lächelte ihn an. “Du kommst mit mir. Wir treffen uns am Ortsrand mit der Polizei. Es wurden zwei Teenager verhaftet, die einen Wagen gestohlen haben.”

Justus zog eine Braue nach oben. “Weil ein Wagen gestohlen wurde, rücken wir aus?”

“Weil auf der Rückbank Spuren von Blut gefunden wurden”, erklärte Warrick. “Und bislang ist unklar, von wem es stammt.”

*


Einen Tag zuvor, am frühen Abend

Er war gerade auf dem Weg vom Labor zum Getränkeautomaten, als sein Mobiltelefon klingelte. Verwundert blickte Justus auf das Display. Grissom? Grissom war doch in Calgary, dachte er. Wieso rief er ihn nun an?

“Jonas”, meldete er sich und versuchte, nicht zu aufgeregt zu klingen. “Was gibt’s denn, Grissom?”

Grissom lachte. “Hallo Justus, hast du am Freitagabend schon etwas vor?”

Justus zögerte. “Äh, wieso?”

Nun schien Grissom zu zögern. “Ich habe mich gefragt, ob du zum Abendessen vorbeikommen möchtest?”

Abendessen, fragte sich Justus, war das möglicherweise ein Code für etwas Anderes?

“Falls du schon etwas vorhast”, sagte Grissom schnell, während Justus noch überlegte.

“Nein”, gab Justus zurück und spürte, wie das Telefon in seiner Hand immer wärmer wurde. Er wechselte es in die andere Hand und wischte die feuchte Handfläche an seiner Jeans ab. “Ich, äh, vielen Dank für die Einladung, ich komme gerne.”

“Prima.” Grissom klang zufrieden. “Sind ein paar interessante Fälle reingekommen?”

Justus grinste. “Ist die Tagung so öde, dass du unter einem Vorwand, mich zum Abendessen einladen zu wollen, hier anrufen musst?”

Grissom räusperte sich. “Nein”, sagte er und lachte dann leise. “Nein.”

Es entstand eine Pause, in der keiner etwas sagte. Justus hörte durch das Telefon im Hintergrund leises Gemurmel und er brauchte einige Momente, bis er begriff, dass Grissom eine Konferenzpause genutzt hatte, um ihn anzurufen.

“Ist die Konferenz interessant?”, wollte Justus schließlich wissen.

“Das erzähle ich dir, wenn ich zurück bin.”

“Ist das ein Versprechen oder eine Drohung?”, fragte Justus und hätte sich daraufhin am liebsten auf die Zunge gebissen.

Grissom lachte. “Darüber werde ich auf dem Rückflug nachdenken.”

Sie hatten noch ein, zwei Minuten über Belanglosigkeiten wie das Wetter gesprochen, dann hatten sie das Telefonat beendet. Grissom war zu seiner Konferenz zurückgekehrt und Justus war, in Gedanken versunken und ohne sich, wie beabsichtigt, beim Getränkeautomaten eine Erfrischung zu holen, an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt.


***


Lächelnd musterte Warrick mit einem kurzen Seitenblick das Profil des Mannes neben ihm, der gedankenverloren an seiner Unterlippe zupfte, dann lenkte er seinen Blick wieder auf die Straße.

Er fragte sich, was in dem Umschlag war, den Justus auf Grissoms Schreibtisch gelegt hatte, bevor sie sich auf den Weg machten. Justus hatte ausweichend reagiert, als er danach fragte und weil er den Eindruck hatte, dass er auch auf weitere Nachfragen keine Antwort erhalten würde, hatte er es sein lassen.

Aber natürlich beschäftigte es ihn und ihm fiel wieder ein, was Catherine erst vor einigen Tagen zu Grissom gesagt hatte, als sie alle zusammen zum Frühstücken gegangen waren. Nick, Sara und Justus waren ein wenig später zu ihnen gestoßen. Catherine hatte etwas wohl mehr im Scherz gesagt. Er konnte sich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern, denn er hatte nur mit halbem Ohr hingehört und dem Ganzen keine Bedeutung zugemessen. Was genau hatte sie nochmal gesagt? Dass Justus an seinen Lippen hinge oder etwas in der Art. Ob sie damit mehr unterstellt hatte? Grissom hatte sich jedenfalls nichts anmerken lassen, nur müde gelächelt und den Kopf geschüttelt.

Und selbst wenn etwas daran sein sollte, sagte sich Warrick, dann war das nicht seine Angelegenheit, sondern die von Grissom und Justus. Es stand ihm nicht zu, das zu kommentieren. Schon gar nicht, nach allem, was Grissom ihm schon hatte durchgehen lassen.

“Kannst du mir mehr über den Fall sagen?”, unterbrach Justus plötzlich Warricks Gedanken.

“Bitte?”

“Ob du mir mehr über den Fall sagen kannst?”, wiederholte Justus und grinste ihn an, als Warrick zu ihm hinüber sah.

“Hm”, machte Warrick. “Eigentlich weiß ich auch nicht viel mehr. Anscheinend ist einem Streifenwagen in einem der Vororte ein entgegenkommender SUV aufgefallen, der Schlangenlinien fuhr. Die Cops haben den Wagen angehalten und zwei angetrunkene Teenager vorgefunden. Als sie in den Wagen leuchteten, haben sie außerdem einen verdächtigen Fleck auf der Rückbank gefunden.”

“Blut”, sagte Justus.

“Genau”, nickte Warrick. “Die Teenager haben bei ihrem Verhör angegeben, dass sie nichts damit zu tun haben. Also hat der Sheriff darum gebeten, dass jemand vom Labor die Flecken untersucht.”

“Wenn die Teenager betrunken waren, kann es dann nicht sein, dass das Blut von einem von ihnen stammt?”, fragte Justus.

“Hm”, Warrick nickte. “Daran habe ich auch schon gedacht. Wenn sie eine Scheibe eingeschlagen haben, um den Wagen aufzubrechen, wäre das durchaus möglich.”

“Hat der Sheriff gesagt, ob einer der beiden Verletzungen hat?”

Warrick schüttelte den Kopf. “Nein”, sagte er. “Aber jetzt nehmen wir uns erst mal den Wagen vor, dann sehen wir weiter.” Ohne die Hand vom Steuer zu nehmen, deutete er mit dem Zeigefinger nach vorn.
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