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Kleines Küken

von Ilea
GeschichteAllgemein / P12
21.08.2019
03.11.2020
11
21.292
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Dieses Kapitel
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07.08.2020 2.297
 
✩   K L E I N E S   K Ü K E N  ✩


✺ ✩ ⋆ ✩ ✺


7. Kapitel
R I S S



Frieda starrte vom Tor aus auf die ausgiebige Laune von Trude, die mit Steve durch die hohen Grasbüschel tanzte, lachte, während sich ihr Kreis drehte und Torte, der nur wenige Zentimeter größer geworden war, versuchte das alte Radio in einen weniger rauschenden Ton zu fassen. Die junge Frau hatte den Bus genommen, strich über den Rost, der sich auf der Klinke gebildet hatte und fragte sich, was sie scheute, einfach wieder ein Stück in ihre Kindheit zu treten. Es war nicht so, als wäre es lange her gewesen, dass sie den Wohnwagen aufgesucht hatte. Sie war öfter bei Sprotte zu Besuch gewesen oder hatte eine Menge Bilder erhalten, es war eher der malerische Himmel, der über den kleinen Grundstück ragte, die Sonne, die sich vom Tag verabschiedete und das Gefühl, als hätte sie das Bild schon so oft gesehen, denn am Wohnwagen gelehnt stand Willi. Nicht viel anders, als vor vier Jahren, es war als hätte Frieda ihn am Wohnwagen stehen lassen und wäre nach vier Jahren wieder zurückgekehrt, nur dieses Mal mit einer noch komplizierteren Lebenslage.
Bremsen quietschten, Frieda sah sich um und eine gerötete Sprotte sah ihr entgegen.
„Es wird nie einfacher“, sagte Sprotte, dabei kannte sie weder Friedas Gedankengänge noch die Erinnerungen, die in ihr schwelgten. „Man lernt damit zu leben.“
Frieda sah zu den ehemaligen Pygmäen, zu Torte, den sie fast schon vermisst hatte und zu Fred, der kürzere Haare und weniger zerknitterte Kleidung trug als sie ihn in Erinnerung hatte.
„Ich habe nicht einmal gedacht, dass wir hier wirklich alle noch einmal stehen werden“, murmelte Frieda und damit hatte sie sogar Recht, denn daran hatte sie nicht wirklich geglaubt. Zwischen Fred und Sprotte war nie das geklärt worden was allen eigentlich klar war – ein Verstoß gegen das, was die beiden einmal verbunden hatte und so sehr es sich Frieda gewünscht hätte, so etwas hatte ihre beste Freundin nicht verdient. Dann war Melanie weggebrochen, irgendein Typ. Frieda hatte seinen Namen vergessen, aber er hatte ziemlich blaue Augen gehabt.

Irgendwann hatten sie alle ihren eigenen Weg gehabt, abseits von Bandenschwüren und der Tatsache, sich mit den falschen Leuten zu umgeben. Es hatte noch eine letzte Feier auf dem Baumhaus gegeben, Frieda erinnerte sich daran kaum noch, nur das Sabrina da gewesen war und irgendeine von ihren Freundinnen, die sich etwas zu nah an Willi geschmiegt hatte. An dem Abend waren sie und Willi offiziell zusammengekommen, daran erinnerte sie sich noch. Wenn sie wollte, dann hätte sie das Datum noch aufzählen können, wie es sich anfühlte wirklich eifersüchtig zu sein, wie es war Sprotte am nächsten Tag mitzuteilen dass das erste Mal nichts Besonderes war sondern, so wie sie Wochen danach erfuhr und erlebte, nur der Auftakt zum intensiven Fühlen von Intimität war. So hatte es Frieda erlebt, Sprotte hatte es anders erlebt, denn sie schaute Frieda etwas sprachlos an.
„Wie geht es Rico?“, fragte Frieda und drückte die Klinke herunter. Sie wollte sich in dem Detail von Sprottes Flamme verlieren, wusste aber das es nichts Beständiges gewesen war oder sein wollte, genauso wie zwischen ihr und Luan einst.
„Hoffentlich gut im Bett meiner Arbeitskollegin“, antwortete Sprotte und verdrehte die Augen. „Lass uns nicht über Beziehungen reden. Trude meinte, es gibt Bier. Lass uns wie früher irgendwo im Feld sitzen und darüber nachdenken, ob Pauline einmal eine neue Bande gründen sollte.“
Frieda musste lachen, über Sprottes trockene Art, nicht darüber das Rico ein Arschloch war. Er hatte schon danach gerochen, nach dem gleichen After Shave wie Luan. Ihr war davon fast übel geworden, also drehten sich die Mädchen um, legten ihre erwachsenen Sorgen vor dem Grundstück ab, dann bewegten sie sich auf die ehemaligen Freunde zu. Steve, Trude, Melanie und Torte empfingen sie lachend, Willi und Fred schauten die beiden nur von der Seite an, lächelten aber und prosteten ihnen mit ihren Flaschen zu, eine liebevolle Geste, ehe Frieda auf den Boden schaute und froh war, als sie hinter dem Wohnwagen verschwunden waren.

Frieda setzte sich neben das Gehege der Hühner, die Sprotte kurz streichelte, ehe sie sich zu ihr auf einen niedrige Kiste setzte, einen Schluck nahm, während sie gedankenverloren nach einem Gesprächsfaden suchte. Torte kreischte und Trude lachte, Frieda zuckte dabei zusammen und schüttelte sich kurz.
„Wie geht es Greta?“, fragte sie schließlich.
„Ziemlich gut“, sagte Sprotte auf Nachfragen ihrer kleinen Schwester, die ihr manchmal wie aus dem Gesicht geschnitten wirkte, fand jedenfalls Frieda. „Sie hat endlich keine Angst mehr vor den Hühnern und hat endlich eine Freundin in ihrem Alter gefunden. Sie heißt Emma – etwas zimperlich, aber das wird schon noch. Mom ist froh das sie sich nicht mehr zuhause verkriecht, aber ob sie sich mit Emmas Mutter anfreundet ist ziemlich unwahrscheinlich.“
Frieda lächelte milde, dachte kurz an das kleine Mädchen mit dem frechen Grinsen, das doch erheblich schüchtern geworden war. Sie stellte die Flasche neben Sprotte, die ihren ein wenig geleert hatte.
„Ich darf nicht“, sagte Frieda und obwohl sie es nicht leugnen konnte, bildeten sich die Tränen in ihren Augen, dass sie Sprottes Blick auswich und in den Himmel schaute.
„Was?“
Frieda sah ihre Freundin wieder an. „Pauline wird große Schwester.“
Sie brauchte Sprotte nichts vormachen, die wortlos einen weiteren Schluck aus ihrer Bierflasche nahm, den Rest wegkippte und Frieda dann ihre leere Flasche übergab.
„Wir werden darüber morgen sprechen“, befahl sie, denn im nächsten Moment tauchte Wilma auf und winkte die beiden von ihrem Versteck aus weg. Sprotte kippte den Inhalt ihrer Flasche ebenfalls weg, dann tauchten sie zusammen wieder dort auf, wo leise ein Lied von Sarah Connor lief, wo Trude in Steves Armen lag, Melanie die Kamera gezückt hatte und Torte gebannt zu Frieda sah, die jedoch nur Augen für Trude hatte. Die hübsche Trude, deren Glück man schmecken konnte, sobald man ihr Strahlen sah.
„Wir wollten es noch einmal richtig machen“, sagte Trude und sah ihre Freudinnen an, die sich nebeneinander stellten, während Willi, Fred und Torte am Wohnwagen lehnten.

Steve nickte, dann griff er nach Trudes Hand, lächelte und sah in die Runde. „In einer Woche wird Trude meine Frau sein. Ihr ward dabei, als wir zusammen gekommen sind, wir alle waren dabei als Hühner und Pygmäen eben zu Hühnern und Pygmäen wurden. Wir können es kaum erwarten, diesen wunderbaren Moment mit euch zu teilen.“
„Wir freuen uns für euch“, sagte Wilma als einzige, auch wenn sie ebenfalls etwas abwesend wirkte.
„Es gibt noch so viel zu klären, aber für heute Abend sollten wir die Nacht genießen. Uns feiern und die Liebe, denn Trude, du bist meine Familie und meine große Liebe, meine beste Freundin und mein Schatz“, sagte Steve, er war rot geworden, strich über den Verlobungsring, ein Ring mit einem kleinen Saphir, und seufzte dann. Er küsste Trude, dann aber wandte er sich an die Hühner.
„Frieda? Meine kleine Großnichte hat die Windpocken bekommen und fällt als Blumenmädchen aus. Line will doch bestimmt ein paar Blumen werfen, oder? Das bekommt sie hin, oder?“, fragte Trude an Steves Stelle.
An dieser Stelle strich Friedas Blick sanft den von Willi. Als sie Sprotte das letzte Mal gesehen hatte waren sie in der Bar gewesen, in der er gearbeitet hatte, die Nächte konnte man seinen Augenringen deutlich ansehen, aber sein Gesicht und Blick war noch immer so wundervoll unergründlich wie beim letzten Mal. Er erwiderte Friedas Blick neutral, mühte sich ein freundliches Nicken ab, doch da war noch mehr. Eine große Kaugummiblase, die drohte zwischen den beiden zu platzen.
Es tut mir leid, wollte Frieda sagen, aber ihr Blick blieb eher ein wenig traurig, etwas abweisend, mit dem Geschmack von Wut auf den Lippen, während sie darauf herumkaute und wieder dem Paar entgegen blickte. „Line schafft das bestimmt, sie wird sich freuen.“
„Ich will auch ein Baby“, murmelte Trude und sah Steve an, der etwas rot wurde. Ehe Torte die Musik wieder aufdrehte und laut prostete, so, als würde er wie auf der Klassenfahrt sich wieder zulaufen lassen. Sie waren aber keine Kinder mehr, niemand musste auf den anderen aufpassen.

„Ich muss mich leider bald abmelden, ich muss meiner Mutter helfen“, sagte Willi schließlich. Frieda schluckte, fast hätte sie seine Stimme vergessen.
„Geht es ihr gut?“, fragte Sprotte an Friedas Stelle. „Also ihr und … und deinem Vater.“
Willi reagierte nicht und Frieda wandte den Blick jedoch nicht ab, sondern sah noch einmal zu Willi, der schien, als würde er etwas zu Fred sagen wollen, dann aber Frieda anstarrte.
„Es tut mir leid“, sagte Frieda so leise, dass niemand außer ihrem wild pochenden Herzen und den Grillen es hören konnte. Sie senkte den Kopf, schüttelte ihn und griff nach ihrer Flasche, sah Trude und Wilma an, die versuchten etwas in den Sternen zu sehen, während Steve irgendetwas zu Willi sagte. Er als Fred sprach, hörte sie wieder etwas: „Ich hoffe, ihr klärt das.“
Frieda seufzte, dann erst drehte sie um, winkte kurz ihren Freundinnen zu und deutete auf ihr Handy, so als hätte sie jemand angerufen, aber eigentlich wollte sie nur weg. Nicht zu ihnen, sondern weg. Nicht einmal zu Sprotte wollte sie, bei der der Alkohol zu wirken schien.
„Morgen ist Kleidanprobe“, rief Trude ihr nach, aber Frieda hörte sie schon gar nicht mehr, stattdessen klingelte ihr Handy wirklich, es war eine alte Freundin aus Berlin, eine mit der Luan sie betrogen hatte. Sie war so wütend und verloren, die Emotionen und die Hormone überschlugen sie, sie bemerkte kaum wie Willi und Fred ihr halb folgten, denn auch sie wollten los.
Sie tippte auf den Bildschirm, dann fauchte sie in das Telefon: „Lass Luan wissen das ich keinen Bock habe mich auf deine Intelligenz herunter zu fahren, dass ich durchaus ein eigenes Leben habe du nicht von ihm abhängig bin.“
Dann sah sie zurück und sah den Wohnwagen an, so wie damals, als sie einfach verschwunden war. Erinnerungen schwappten hoch und sie schluckte.

* vier Jahre zuvor *

Eigentlich waren sie doch beide erwachsen geworden, gewesen und schienen es immer noch vollkommen zu erwarten, dass sie Kinder bleiben würden in ihrer eigenen kleinen Welt. Deswegen trafen sie sich immer noch am Wohnwagen, so wie sie es immer taten, obwohl Willi schon längst eine eigene Wohnung hatte. Er teilte sie sich mit Fred und einem weiteren Jungen, aber Frieda wollte sie nicht stören und bei ihr zuhause ging es drauf und drunter seid sie erfahren musste, dass sie erneut große Schwester geworden war.
Willi saß neben ihr, ein Bein über ihre Beine gelegt, den Arm in ihren Haaren vergraben, während er ihr von dem ersten Tag in der Ausbildung erzählte. Er wollte Erzieher werden, mit Jugendlichen arbeiten. Für den Sozialpädagogen hatte es nicht gereicht, aber Frieda fand, dass es für Willi vollkommen reichte.
„Anna ist ein ziemlicher Wildfang“, erzählte er von einem jungen Mädchen, das ihn am ersten Tag im Jugendclub in den Arm gebissen hatte. „Aber ich glaube, es ist, weil sie zuhause keinen hat, der ihr zuhört. Nur ein neues Baby und sie wird eher mit teuren Sachen abgetan.“
„So eine Mutter will ich niemals sein“, sagte Frieda und zog Willi ein Stück zu sich, so nahe, dass sein warmer Atem über ihren Hals streifte und seine Augen ganz ihr galten, so, wie es Frieda am liebsten hatte. Sie biss sich auf die Lippen, als seine auf ihre trafen entspannte sie sich jedoch und genoss den sanften Druck, verhakte ihre Hand in Willis Nacken und stöhnte fast auf, als seine Hände ihre Hüfte packten und auf seinen Schoß zogen, sodass kaum Platz zwischen ihnen war.

Frieda löste sich wieder von ihm, auch wenn ihre Lippen noch immer prickelten und Willi sie fast schon verwirrt anschaute. Frieda schluckte schwer, bei seinem Anblick war es schwer, beständig zu bleiben, aber sie konnte nicht anders. Sie hatte gehofft, es würde anders sein. Sie hatte gehofft, es würde einfach alles einfacher werden.
„Willi?“, fragte sie heiser.
„Was ist los?“, fragte er sofort und schien besorgt.
„Ich werde nach Berlin ziehen“, sagte sie. Der Satz flutschte über ihre Lippen, verließ ihren schweren Kopf und machte ihn noch schwerer, weil Willi sie etwas von sich weg schob.
„Du gehst?“, fragte er.
„Ich gehe jemanden nach“, sagte Frieda. In ihrem Kopf war das Gespräch so schwer gewesen. Sie schluckte, dann bildeten sich Tränen in ihren Augen, weil nichts in Ordnung war. Sie hatte mächtige Unordnung angestellt.
„Wem? Frieda, wem? Deinem Bruder?“
„Luan“, sagte Frieda. „Ich habe mit ihm geschlafen und jetzt … jetzt …. “
Eigentlich hatte Frieda erwartet, Willi würde aufstehen und sich von ihr losreißen, aber er war vereist, stand still und starrte Frieda an, als würde sie in eine wohlige Seifenblasenatmosphäre einen kalten Winter schmeißen und in dem Moment war Frieda klar wie eiskalt sie war – sie brach ihm gerade das Herz. Es war nicht so einfach wie in ihrem Kopf gewesen, nicht so, dass man einfach weitermachen konnte, nicht so wie ihr Vater der sich einfach jemand neuen gesucht hatte.
Willi und Frieda verband eine andere Stärke, eine Beziehung, als sprang sie auf, griff nach ihrer Tasche und sah Willi an, kaute auf ihrer Lippe und schüttelte sich, weil ihre Stimme so heiser war.
„Ich bin schwanger“, sagte sie, dann hastete sie aus dem Wohnwagen, ließ den Jungen ganz alleine zurück und rannte über die Straßen zurück nach Hause, dort, wo sie das erste Mal Begriff was sie wirklich angestellt hatte.
Man ging nicht einfach fremd, man entschied sich dafür, auch wenn ihre Entscheidung beeinflusst gewesen war. Sie hatte ihm das Herz gebrochen …


** Ja. Ich lebe und die Fanfiktion auch - nur ist es wirklich sehr lange her, dass ich diese Fanfiktion geupdatet habe. Deswegen kann es ein wenig als Zwischenkapitel angesehen werde, was ich hier fabriziert habe, aber ich hoffe jemand liest es trotzdem und ich schaffe es, ein wenig mehr zu updaten !
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