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Kleines Küken

von Ilea
GeschichteAllgemein / P12
21.08.2019
03.11.2020
11
21.292
5
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13 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.09.2019 1.679
 
✩   K L E I N E S   K Ü K E N  ✩


✺ ✩ ⋆ ✩ ✺


4. Kapitel
Z E I T   Z E R F L I E S S T


Luan stand auf der Oberbaumbrücke in Friedrichshain-Kreuzberg. Er war nach vorne gelehnt, sodass er die kreischenden Touristen auf dem Ausflugsdampfer unter ihm auf der Spree sehen konnte. Sie hatten alle verzerrten Gesichter und eilten in das Innere des Schiffes, während er den Regen gar nicht richtig wahrnahm. Seine Sinne waren wie benebelt und die eilenden Menschen um ihn sah er nicht mehr. Sie kreischten wenigstens nicht, die meisten kehrten von der Arbeit zurück und eilten mit eingefallenen Gesichtern an ihm vorbei. Niemand betrachtete ihn und er betrachtete niemanden aus die fetten Regentropfen, die in das Wasser der Spree fielen.
Er war müde und teilnahmslos. Sein Gesichtsfeld war verzerrt, die Hände hatte er zu Fäusten geballt und er wusste immer noch nicht, wie er damit umgehen sollte. Er hatte sich frei genommen. Die Überstunden abbauen, er hätte sich auf seine Arbeit eh nicht konzentrieren können. Das erste, was er getan hatte, war es das Bild von Line mit nach Hause zu nehmen. Er hatte es in die Box geworfen, die er nach den fünf Jahren, in denen er in der Altbauwohnung in Kreuzberg lebte, noch nie aussortiert hatte und wohl auch nicht machen würde. Es waren verpasste Erinnerungsstücke, die dort lagen und warteten.

Vielleicht warteten sie wie er auf besseres Wetter, auf weniger verhangenen Himmel und Tage, die aus seinem Alltag herausstachen. Er sah die Realität verzerrt vor sich und er dachte an die Tage zurück, an denen er voller Hektik zum Supermarkt eilte, nur weil er wieder einmal kein Frühstück im Haus hatte. Er hatte sogar darauf geachtet, dass es Soja-Milch gab. Pauline hatte immer gelacht und ihn damit erpresst, Schokolade zu kaufen, sonst würde sie Frieda sagen, dass er sie fast jeden Morgen, wenn sie bei ihm war, alleine ließ.
Das Kind war nur nicht mehr sein Kind.
Es war ihm fremd.
Und Frieda war nicht mehr Frieda.
Luan glaube nicht, dass sie es wusste. Nein, das konnte er sich nicht vorstellen, denn sie mochte verschlossen sein und rücksichtsvoll auf seine Gefühle, aber nie würde Frieda ihre Tochter anlügen können. Vielleicht wusste sie es nicht, aber Luan hatte immer gedacht, Mütter hätten noch einen weiteren Sinn. Einen Sinn für Ehrlichkeit und Lügen, einen für ihre eigenen Kinder und ihr Umfeld. Er fischte nach seinem Handy, ihm war es egal, dass alles auf ihn herunter prasselte. Er brauchte eh ein neues Handy. Vielleicht würde er sich auch gleich eine neue Nummer holen und einen Anwalt dazu.
„Hier ist die Mailbox von Frieda, hinterlasst doch eine Nachricht“, ertönte die Stimme seiner Ex-Freundin. Luan legte auf und stopfte das Handy wieder weg.
Der Regen war weiter gezogen.


✺ ✩ ⋆ ✩ ✺


Sie konnte wieder nicht schlafen. Dabei hatte sie Glück, denn sie hatte ein eigenes Hotelzimmer mit Pauline bekommen. Die anderen hatten sich auf zwei Betten gemütlich gemacht, was Frieda mit ihrer eigenen Tochter hatte.
Pauline schlief, atmete ruhig. Ab und an murmelte sie etwas im Schlag, doch Frieda beruhigten ihre genuschelten Worte und lenkten von dem Ausblick ab, den sie von dem Fenster hatte, welches das kleine Hotelzimmer zu bieten hatte. Es musste drei Uhr morgens sein, aber sie hatte wieder kein Auge zugetan. Sie wusste nicht einmal, warum sie nicht schlief. Sie wusste nur, dass alles so unheimlich schwer war und doch wusste sie, dass sie das alles schon einmal geschafft hatte.
,Erwachsensein kann nervig sein‘, dachte Frieda in Gedanken versunken und sah dabei das Treiben der Straßen vor sich an. Bunte Lichter, einige Autos und irgendwo in der Ferne heulte eine Sirene. Sie fühlte sich hellwach, wie in ihrem eigenen, persönlichen Alptraum.
,Du solltest dich entspannen. Es geht dir so gut wie schon lange nicht mehr‘, ermahnte sie sich innerlich. Es half nur nicht.

Sie winkelte die Beine an und nahm einen Schluck Wasser, das sie an ihre Füße gestellt hatte. Die Kälte tat ihr kurz gut, dann kehrte das Pochen in ihrem Kopf zurück. Seufzend streckte sie sich, verzog das Gesicht, dann pustete sie eine Strähne aus ihrem Gesicht und sah kurz zu Pauline.
„Pasiii“, murmelte das kleine Mädchen und drehte ihren Kopf hektisch herum. Das Küken hielt sie fest umklammert, doch sie schlief felsenfest weiter. Frieda hoffte, Pauline hatte ihren schlechten Schlaf nicht auch bekommen und würde noch jahrelang wie auf einer Feder schweben. Sie hatte all das nicht verdient, aber Pauline war es, die sie daran erinnerte, dass sie das alles schon einmal geschafft hatte. Sie war schon einmal alleine gewesen mit all ihren Sorgen, der Last, die auf ihr lag. Sie hatte ihr Studium abgebrochen, war Hals über Kopf weggezogen von ihrer Mutter, die ihr klar gemacht hatte, dass es nicht funktionieren würde. Pauline war eines der besten Dinge, die Frieda passiert waren, aber ihr eigenes Leben war in den Hintergrund gerückt. Sie wollte nicht, dass Pauline damit belastet wurde, denn das kleine Mädchen sollte nicht noch mehr tragen.

Frieda wurde von dem Licht ihres Handys aus den Gedanken gerissen. Es lag neben ihr und als sie den Namen des Anrufers sah wurde ihr speiübel. Doch sie wusste, dass es kein Entkommen gab. Noch war sie in sicherer Entfernung von Luan, es war nur ihr Handy und er würde sie immer weiter anrufen.
Sie lief mit dem Handy auf den Balkon und nahm den Anruf zitternd an.
„Hallo?“, fragte Luan und er wirkte ein wenig abwesend.
„Ja“, antwortete Frieda leise.
„Warum bist du noch wach?“
Frieda biss sich auf die Lippen, dann zog sie die Balkontür hinter sich zu. Für ihren langen Pullover und ihre nackten Beine und Füße war die kalte Nacht nicht sehr ideal. Sie gab auf die Frage keine Antwort und Luan seufzte irgendwann und sie hörte das Bett knarren. Sie hasste das Bett von Luan, bei jeder kleinsten Bewegung knarrte es. Sie wusste es, schließlich war es einmal ihr Bett gewesen. Es war ihr so vertraut, dass sie es sogar durch das Handy hören konnte, obwohl Luan Meilenweit entfernt darin lag und sich räkelte. Und wahrscheinlich einer seiner Freundinnen oder „Flammen“ noch mit dazu.

„Ich habe ein Ergebnis“, antwortete Luan. „Und ich glaube, du kannst es dir denken, oder?“
Frieda biss sich die Lippe blutig und schluchzte, weil ihr Kopf schmerzte und die Tränen in ihre Augen traten. Sie unterband den nächsten Schluchzer und wischte das Blut von ihren Lippen, während ihr ganzer Körper zitterte. Sie musste sich abstützten. Erinnerungen streiften ihre Gedanken. Natürlich hatte Luan nicht vor ihr verbergen können, dass er Pauline irgendwann hinterfragt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war alles verloren gewesen und Frieda war in ihrer Sturheit über Fakten gestolpert, die sie nie hatte wissen wollen. Luan hatte hinter ihrem Rücken nach fünf Jahren einen Vaterschaftstest gemacht. Weil seine Mutter und allgemein der ganze Rest seiner Familie ihn dazu gedrängt hatten. Sie alle hassten Frieda, sie war ihnen zu hektisch und war Luan wenig in seiner Arbeit gewachsen. Es hatte sie wohl gestört, dass sie ihr Studium abgebrochen hatte und Luan in diesem Sinne, wie es seine Mutter formuliert hatte: „auf den Tasche lag.“
„Frieda?“, fragte Luan erneut. „Weißt du was das bedeutet?“
„Du kannst mich auf Unterhalt verklagen“, murmelte Frieda matt und fasste sich wieder. Darüber konnte sie genauso trocken reden, wie sie sich fühlte. „Auf keine Ahnung was noch.“
„Ja“, antwortete Luan. „Ich weiß nicht, ob ich das will, aber ich weiß auch nicht was ich dazu sagen soll, dass Pauline nicht meine Tochter ist.“

„Ich hasse Lügen.“
Luan bewegte sich wieder, dann hörte Frieda ihn gähnen. „Ich weiß das, Frieda. Das ist nicht sehr leichtfertig zu akzeptieren, aber du musst mich verstehen – du hast nicht nur dich belogen, du hast Line und mich belogen. Deine Familie und meine Familie noch obendrauf. Ein Jahr lang habe ich darüber nachgedacht, den Forderungen meiner Familie nachzugehen. Dabei will ich dir nichts Böses, dass weißt du.“
Frieda nickte und sackte innerlich zusammen. Sie dachte an das letzte Zusammentreffen mit Luan und ein Schauer jagte über ihren Rücken. Zwei Jahre hatten sie zusammen gelebt, dann war er immer unterwegs gewesen und irgendwann war alles zerbrochen. Da war keine Liebe, nur Pflicht. Luan hatte immer Unterhalt gezahlt, er hatte sich immer um Pauline gesorgt und das zwischen Frieda und ihm war zu kompliziert, um einfach die Verbindung abzubrechen. Wenn Frieda daran dachte, was an diesem einen Abend geschehen war. Sie schmeckte den Wein und das Bier in ihrem Hals und die Tränen auf ihrer heißen Haut.

„Ich kann jetzt nicht reden“, brachte sie hervor, dann legte sie auf. Mit einer Hand griff sie nach dem Stoff ihres Pullovers, die andere klammerte das Handy fest.
Dieser eine Abend und ihr Leben, das sie gerade in den Griff bekommen hatte, begannen wieder ins Wanken zu geraten.
Es war eine Nacht gewesen. Voll mit den Dingen, die Frieda sonst nie so leichtfertig tat. Sie hatten beide geheult, waren mit dem Leben fertig gewesen und Trost in Alkohol gesucht. Oh, so sehr verfluchte Frieda sich dafür, dass sie ausgerechnet bei Luan zusammengebrochen war. Er war ihr ein guter Freund, aber mit ihm zu schlafen war das Letzte gewesen, dass Frieda wie ein Sähnehäubchen auf ihre Beziehung legen wollte.
Ihr Hals tat weh und sie sah in die Ferne.
Es schien alles zum Greifen nahe und doch so fern, sie wusste nicht so sie anfangen sollte und wo es enden sollte.
Frieda weinte.
Dann schloss sie die Augen und dachte daran, dass sie irgendwo am Ende stand. Ganz alleine. Mit Pauline und einem kleinen Küken in ihrem Bauch.




** ANMERKUNG ** Leider ist das Kapitel nicht sehr gut gelungen, aber es war wirklich unheimlich schwer zu schreiben. Ich hoffe, dass sich mit diesem Kapitel auch ein wenig der Titel von dieser Fanfiktion klärt, denn Line ist nun nicht das einzige kleine Küken.  Und falls es noch niemand mitbekommen hat: Frieda ist mein Lieblings-Huhn. Ich liebe ihren Charakter und stecke viel Liebe in ihre Geschichte, aber eben auch ein hartes Schicksal!
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