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Kleines Küken

von Ilea
GeschichteAllgemein / P12
21.08.2019
03.11.2020
11
21.292
5
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13 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.08.2019 1.610
 
✩   K L E I N E S   K Ü K E N  ✩


✺ ✩ ⋆ ✩ ✺


3. Kapitel
D A S   W I L D E – H Ü H N E R – G E F Ü H L


Sprotte stand am Bahnhof von Leipzig in der Buchhandlung und vertrieb sich ihre Zeit in der Kinderbuchabteilung. Sie wollte für Greta etwas suchen, die kleine Nervensäge hatte nächsten Monat Geburtstag und Sprotte war der Meinung, sie würde dringend mehr Lesestoff brauchen. Alles, was Greta tat, war vor dem Fernseher hängen und daran denken, wann ihre nächste Lieblingssendung kam. Nur leider gefielen ihr keiner der aktuellen Kinderbücher. Vielleicht „Der kleine Drache Kokosnuss“, aber mehr sprach sie nicht wirklich an. Sie hätte ihre Mutter oder ihren Vater fragen können, aber sie wollte auch einmal selbst entscheiden. Als Berufsschülerin war ihr Gehalt minimal, aber Greta konnte sie ruhig eine kleine Freude machen.
„Kann ich ihnen helfen?“, fragte eine freundliche Mitarbeiterin, doch Sprotte schüttelte nur den Kopf und sah verlegen weg. Sie ging über in die Erwachsenenabteilung, doch auf einen Roman mit Herzschmerzen oder eine verworrene Familiengeschichte hatte sie wenig Lust. Stumm fuhr sie mit den Fingerspitzen über die Buchrücken und suchte nach etwas, dass ihr vielleicht selbst etwas die nächste Woche erleichtern konnte. Sie war nur für diese eine Nacht in Leipzig, wenn alle ankamen ging es zurück zu ihrer Mutter.

„Ich dachte immer, Englisch ist nicht dein Ding“, riss sie eine Stimme aus der Fassung und sie drehte sich um. Wilma und Melli standen vor ihr. Wilma mit einem Skript in der Hand aus dem keine Post-Its hervorschauten und Melli mit einem großen Koffer. Beide strahlten sie an und für den nächsten Moment der Überraschung lagen sich alle ehemaligen Hühner in den Armen. Sprotte lachte und Melli schob sie schnell wieder von sich, denn mit ihren Augen hatte sie etwas gesehen. Sie schob sich erneut in die Kinderbuchabteilung und hielt ein Buch in der Hand. Darauf zu sehen war ein Huhn und darüber stand in großen Lettern „Gertrudes Abenteuer“. Sie lachte und dann erst registrierte Sprotte, welcher Name als Autorin dort stand. Es war Friedas Name und sie schnappte es ihrer Freundin weg. Melli warf die blonden Haare in den Nacken. Natürlich hatten sie gewusst, dass Frieda Kinderbücher geschrieben hatte, die nicht nur ihr zugutekamen, sondern auch ihrer Tochter und der Schulbildung von Kindern in Indien, besonders Mädchen. Aber nie hatte Sprotte sich wirklich für die Worte interessiert, doch auf dem Buchdeckel war tatsächlich ein Huhn abgebildet.

„Das ist perfekt für Greta“, entschied Sprotte und lachte. Melli nickte und griff nach einer weiteren Ausgabe, nur um den Klappentext zu lesen. Wilma gesellte sich zu ihnen und stopfte das Manuskript in ihre Tasche. Sie war mit Sprotte gekommen und hatte Melli abgeholt, während Sprotte nach einem passenden Geschenk für Greta hatte suchen wollen.
„Ein Huhn in der Großstadt“, las Melli laut vor und lachte. „Auf so etwas kann nur Frieda kommen. Und ein echtes wildes Huhn. Schaut, Gertrude hat sogar ein paar Freunde. Eines davon heißt Karotte und ist eine rote Katze.“
Sprotte wurde rot, denn die Mitarbeiterin schaute in ihre Richtung. Aber sie konnte schlecht wissen, dass die Katze wahrscheinlich eine Anspielung auf Sprotte war. Schnell lief Sprotte zur Kasse und bezahlte das Buch und steckte es in ihren Rucksack. Wilma schob die lachende Melli aus dem Buchladen und Sprotte grinste. Wann war das letzte Mal, dass sie so gut miteinander klar gekommen waren? Sie genoss es, diese Unbeschwertheit und die Sicherheit, dass ihre Freundinnen hinten ihnen standen.

Die Hühner hatte eine Menge auseinander getrieben, Sprotte war die einzige, die in ihrer Heimat geblieben war und dort eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau begonnen hatte. Frieda war nach der Reaktion ihrer Mutter auf ihre Schwangerschaft und der erdrückende Lage zu ihrem damaligen Freund Luan gezogen. Sprotte konnte sich nicht gut daran erinnern, Frieda hatte damals übel spontan und hektisch reagiert. Zu schnell war sie weg und die wenigen Treffen, die sie verbunden hatte, waren nicht gefüllt mit Informationen über Friedas Leben gewesen. Aber das war ihre beste Freundin nun einmal. Frieda hatte ihr nach der Klassenfahrt geholfen, über Fred hinweg zu kommen und sie war als einzige mit bei der Hochzeit ihrer Eltern gewesen. Sie hatte ohne mit der Wimper zu zucken geholfen, als Sprotte das erste Mal eine ganze Woche alleine mit Greta gewesen war. Ihre Tochter hatte Sprotte nur ein paar Mal gesehen, sie war oft bei ihrem Vater gewesen. Aber so war Frieda nun einmal – alles ging vor ihr eigenes Leben, dass sie oft hinter sich her schob. Umso mehr freute sich Sprotte, dass sie Pauline endlich richtig kennenlernen konnte und noch dazu all ihre Freundinnen in die Arme schließen konnte. Es gab keinen schöneren Gedanken.

„Wo ist denn Trude? Wollte sie uns nicht abholen? Und wollte Frieda nicht auch kommen?“, fragte Melli und sah sich hektisch um. Nirgendwo konnten sie wirklich einen Hinweis erkennen, wo die anderen Hühner waren.
„Wir sind mindestens eine Stunde zu spät“, erklärte Wilma und sah sich ebenfalls um, nur viel gesitteter. „Ich denke, es kommt zu einigen Verspätungen.“
Melli hatte jedoch schon ihr Handy gezückt und Sprotte hatte gerade einmal Zeit zu sehen, wessen Nummer Melli wählte, da rief Melli voller Hektik auch schon lautstark in ihr Handy. Sprotte betrachtete sie und fühlte sich ein wenig in die alten, guten Zeiten zurückgeworfen. Sie wollte jeden Moment richtig genießen können und zu sehen, wie wenig sich ihre Freudinnen noch verändert hatten, machte sie irgendwie glücklich. Sie trug ihre Haare ein wenig kürzer und meistens zu einem Zopf hochgesteckt oder gerne einmal zu zwei Zöpfen. Außerdem hatte sie sich an weiten Hosen vergriffen, die sie nur noch trug. Wilma hingegen blieb schlich, ihre Haare hatten ein paar Wellen und Melli sah aus, als würde sie direkt aus einem Viertel mitten in Berlin kommen. Frieda hatte einmal gemeint, Melli hätte den Hippen-Großstadt-Stil. Doch es passte zu ihr und schien sie ein wenig zu erfüllen. Ja, Melli wirkte glücklich und von Wilma, die von einer Filmproduktion aus Rostock gekommen war, wusste Sprotte dass sie sich endlich an das Schauspielersein gewöhnte.

Wilma war die einzige die noch in ihrer Nähe wohnte. Sie hatte eine ganz kleine Wohnung am Rand eines Dorfes, sie war einfach zu oft unterwegs und mehr von zuhause weg als eigentlich zuhause.
„Wir sind am Bahnhof“, rief Melli.
Jemand antwortete, doch Sprotte konnte die Stimme nicht verstehen und sie wechselte mit Wilma nur einen augenzuckenden Blick.
„Keine Ahnung. Ich habe Hunger, Trude. Ich könnte wirklich ein ganzes Buffet verdrücken. Nein … nein, ich habe heute noch nichts gegessen. Dann lass es uns ändern“, sprach Melli in ihr Handy und wechselte das Ohr.
Nach einer Weile betrachtete Sprotte die Reisenden und Eilenden um sie herum, blies sich eine Strähne aus dem Gesicht und wartete, dass etwas neues passierte.
„Ja, hole Frieda ab und dann treffen wir uns da“, sagte Melli und sie lachte, warf ihre Haare in den Nacken und zwinkerte Sprotte und Wilma zu. Dan legte sie auf und Strahlte noch immer weiter.
„Lasst uns losziehen, wilde Hühner“, rief sie voller Euphorie und Sprotte fragte sich, woher sie diese ganze Energie nahm. Nach einer langen Reise fühlte sie sich ein wenig ausgelaugt.


✺ ✩ ⋆ ✩ ✺


Da waren sie.
Alle fünf. Zusammen. Wie früher.
Die wilden Hühner.
Melli entdeckte Trude als Erstes, dann entdeckte Sprotte Frieda und schließlich auch Pauline, die mit großen Augen zuschaute, als die fünf Freundinnen sich voller Vorfreude und Euphorie in die Arme fielen. Sie stand daneben und wusste nichts recht damit anzufangen, als Sprotte Frieda zerquetschte, Wilma anfing ein wenig entspannter zu sein und Trude anfing zu quietschen. Sie hatten sich vor einer Pizzeria getroffen und die Koffer hatte Trude in ihre Wohnung bringen lassen. Sprotte hatte nicht richtig aufgepasst und plötzlich waren sie weg gewesen.
„Ich bin so froh, dass ihr alle hier seid“, sagte Trude und atmete tief ein und aus.
„Wir verpassen nicht den schönsten Tag deines Lebens“, sagte Melli und ließ ihre Freundin wieder los.
„Außerdem haben wir es uns verdient noch einmal Kind sein zu dürfen“, sagte Sprotte und nickte den vieren zu.
„Ich freue mich so“, sagte Trude und schaute in die Runde. „Darum lade ich euch auf eine Pizza ein.“
„Mich auch?“, meldete sich Pauline und sah zu Trude hinauf, die lachend den Kopf des kleinen Mädchens strich.
„Dich auch, kleines Küken.“

Pauline quietschte wie Trude vor wenigen Sekunden. Mit pochenden Herzen folgte Sprotte ihren Freundinnen in die volle Pizzeria. Zum Glück hatte Trude einen Platz reserviert, sonst hätten sie wahrscheinlich keinen mehr abbekommen. Sprotte setzte sich neben Frieda und betrachtete ihre Freundin. Sie war ein wenig dünner geworden und die Augenringe erkannte sie sofort, doch sie wollte niemanden den Tag vermiesen. Nur wirkte sie ein wenig angespannt und nicht mal Pauline schaffte es die Sorgenfalte aus Friedas Gesicht zu zaubern. Dafür zauberte Pauline ein Lächeln in das von den anderen, als sie anfing von den Abenteuern zu erzählen, die sie genauso wie ihre Mutter erleben wollte
„Ich will das Baumhaus sehen“, erklärte das Mädchen mit einem ernsten Gesichtsausdruck. „Und die Hühner. Und dann einen Hahn und Küken. Außerdem will ich auch ein Pferd sehen, aber Mama meinte, es gibt hier keine Pferde.“
„Gibt es auch nicht, Schatz“, sagte Frieda.
Die Hühner sahen sich alle verschwörerisch an.
„Was gibt es dann?“, fragte Pauline empört.
„Hühner“, riefen die ehemaligen Hühner zusammen.
„Ich weiß“, sagte Pauline und zuckte mit den Schultern.
Und dann konnten es alle spüren, als die Pizza kam und sie in wilde Gespräche, Kreischen und Lachen verfielen. Das vermisste Wilde-Hühner-Gefühl. Dass sie alle zusammengehörten und nichts auf der Welt sie zerbrechen konnte.
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