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Kleines Küken

von Ilea
GeschichteAllgemein / P12
21.08.2019
16.01.2021
15
31.164
6
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Dieses Kapitel
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21.08.2019 1.489
 
✩   K L E I N E S   K Ü K E N  ✩

✺ ✩ ⋆ ✩ ✺

Vorwort

Ich habe meine Hühnerfedern all die Jahre nicht abgelegt. Deswegen hier meine kleine Fanfiktion zu der Bande, die mich durch meine Kindheit begleitet hat. Nicht alles wird eins zu eins Canon sein, aber ich bemühe mich, die Charaktere gut darzustellen.

Es wird so eine zehn-Jahre-später-Geschichte mit den Problemen, die das Erwachsensein mit sich bringt. Ich habe mich lange gefragt, wie es den Hühnern und Pygmäen ergeht, wenn sie alle wieder aufeinandertreffen, obwohl sie in verschiedene Richtungen gegangen sind – deswegen hier meine Version der Geschichte.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Update 16.01.2021: Ich versuche jeden Samstag und Dienstag ein neues Kapitel hochzuladen.


✺ ✩ ⋆ ✩ ✺


(0.) Prolog
S O   E I N   G E F Ü H L


Es war so ein Gefühl.
Ein schreckliches Gefühl von Leere, zu wissen, dass alles, woran sie so hart gearbeitet hatte, zerbrach. Die Rolle als Mutter hatte Frieda immer ein Stück überfordert, doch sie gab es ungerne zu. Eine Mutter zu sein, war schwer.
Eine junge Mutter zu sein, noch schwerer. Vor allem genau dann, wenn der Vater weit weg von den erträumten Familienperspektiven schwebte, als Frieda sich erhofft hatte. Sie hatte auf ihn damals gebaut, aber das Fundament ihrer Familie war zerbröckelt und fing an, zu zerfallen. Sie wollte auf diese Weise nicht schwach sein, aber ihr Leben erstreckte sich vor ihr wie eine Wüste und in ihr war dieses schreckliche Gefühl von Leere.
Schlaftrunken öffnete sie die Augen. Ihr Kopf war gegen die kalte Fensterscheibe gepresst während die ersten Sonnenstrahlen Berlin in ein wundersames Licht tauchten und vergessen ließen, wie grau und dreckig die Stadt in ihrer Hochzeit im Sommer war. Die Straßen in den Plattenbauten von Hellersdorf, dort wo Frieda sich hatte eine Wohnung leisten können, wirkten so, wie Frieda sich fühlte – einsam.
Erst als kleine Hände nach ihren Armen griffen und die Kaffeetasse vor ihr auf dem Tisch gefährlich vibrierte, wurde sie wach. Panisch griff sie danach, ehe ein Kichern an ihrem rechten Ohr sie endgültig aus den Gedanken riss.
„Mama“, rief ihre Tochter. „Machst du Bibi Blocksberg an?“
Frieda lächelte, auch wenn sie lieber stöhnen würde. Die Ausdauer ihrer Tochter brachte sie ans Ende ihrer Kräfte, aber auch wenn sie die Lieder der Schulserie von Bibi Blocksberg hasste, gegen die großen Augen ihrer Tochter war sie am Ende machtlos.
„Okay“, sagte Frieda und griff nach ihrem Handy. Sie suchte die Playlist und legte es auf den Küchentisch. Das kleine Mädchen kicherte, dann begann sie zu tanzen.
„Ich freue mich schon auf die Schule“, erklärte sie. Frieda sah ihrer Tochter zu, dann leuchtete das Display ihres Handys auf und sie griff danach. Es war eine Nachricht von Trude, vorsichtig las sie den Text einmal und dann noch einmal.
Am Ende musste sie lächeln und ihr Herz schlug vor Freude schneller.
„Wir besuchen Tante Trude“,  erklärte sie ihrer Tochter. „Freust du dich, kleines Küken?“
Das kleine Mädchen strahlte noch mehr.

Es war so ein Gefühl.
Ein erschreckendes Gefühl, verglichen mit Nervenflattern und Schmetterlingen im Bauch, die Wilma von innen zerfraßen. Sie wippte neben der Bühne auf und ab, so nervös war sie selten. Das Make-Up verklebte auf ihrer Stirn. Ein Blick in den Spiegel und Wilma lächelte. Sie steckte in einem Kostüm, von dem sie nicht gedacht hätte, dass so ihr erster großer Auftritt vor fünfhundert Menschen aussehen würde. Auch, wenn es nur eine Kinderproduktion war, in dem Wilma eine Katze spielte, es war der erste große Schritt zum festen Ensemble des Theaters.
„Begeistere die Kleinen, dann wirst du die großen auch begeistern“, hatte der Intendant zu ihr gesagt, der mit seiner Familie selbst im Publikum saß.
Wilma atmete tief durch, ging sämtliche Übungen durch, die sie im Schauspielkurs gelernt hatte. Sie dachte nicht daran, dass ihre Mutter nicht gekommen war, dachte dafür an Sprotte, die mit ihrer jüngeren Schwester im Publikum war und daran, wie hart sie an sich selbst gearbeitet hatte.
„Wilma?“, fragte der Schauspieler im Hundekostüm. Er sah nicht besser aus als sie selbst, aber beide konnten lachen, weil sie die jüngsten Schauspieler waren. Wilma klappte ihr Handy auf, in der letzten Hoffnung, doch noch etwas von ihren Eltern zu hören.
Dafür kam eine Nachricht von Trude, die sie nur kurz überflog, aber dann musste sie augenblicklich lächeln und schaute hoch.
„Ich bin bereit.“

Es war so ein Gefühl.
Ein altbekanntes Gefühl, als Sprotte Gretas Beine stillhalten musste, weil ihre kleine Schwester nicht stillsitzen konnte und dem Jungen vor ihr die Zunge herausstreckte. Hätte Sprotte mit zehn Jahren nicht genau das gleich getan, wenn Fred vor ihr gesessen hätte?
„Greta“, zischte sie und sah ihre Schwester böse an. Sie war kein Kind, mit dem man ins Theater gehen sollte, aber alles an ihrer Schwester erinnerte Sprotte ein wenig an sich selbst und ihre Freundinnen. Die sprunghaften Locken in ihren Haaren, die freche Art. Irgendwie musste Sprotte doch schmunzeln, sie liebte Greta, aber sie war auch die nervigste kleine Schwester, die sie sich vorstellen konnte.
Die beiden Schwestern blickten auf, der Vorhang fiel und die Vorstellung begann. Eine Kinderproduktion des Hauses, irgendetwas über einen Bauernhof. Sprotte verfolgte die Zeilen der Schauspieler nur halb, sie hatte ein Auge auf Greta und den Jungen vor ihr, der zum Glück vertieft in das Theaterspiel war.
Als ein Hund über die Bühne tanzte, machte ihr Handy plötzlich einen piependen Laut. Gesichter von genervten Eltern drehten sich zu Sprotte, die schnell in ihrer Tasche danach suchte. In dem Versuch, Greta zu erziehen, hatte sie vergessen es auszumachen.
„Charlotteeeee“, ahmte Greta sie nach und grinste.
Erst wollte Sprotte das Handy weglegen, aber dann sah sie, dass Trude ihnen allen geschrieben hatte. Mit einem Lächeln hob sie den Kopf und sah Wilma auf die Bühne kommen, die genauso strahlte wie sie.

Es war so ein Gefühl.
Ein gutes Gefühl, voller Euphorie, als Melanie von zwei jungen Kundinnen angesprochen wurde, die auf der Suche nach einer Alternative gegen ihre unreine Haut waren. Die beiden kicherten unentwegt, aber in keinem ihrer Einkaufkörbe war das, was sie wirklich brauchten.
„Kommt mit“, sagte die angehende Filialleiterin einer kleinen Drogerie im Stadtkern von Erfurt. Es war ihr Traum, ein Konzept für ihren Laden ganz nach ihren Wünschen zu gestalten und langsam füllten sich die Regale mit Produkten, fair und günstig für junge und ältere Menschen. Jeder neue Kunde war nach der Eröffnung ein Segen, den Melanie empfing.
„Was denkt ihr, ist euer Hauttyp?“, fragte Melanie die Mädchen. Die beiden schauten sich an, dann zuckten sie mit den Schultern.
„Keine Ahnung“, sagte die eine. „Aber ich habe in einer Woche eine Verabredung mit Tom und mein Gesicht sieht schrecklich aus.
Melanie sah das junge Mädchen an, dann griff sie nach einer Reinigungslotion aus Aloe Vera und eine Maske aus Aktivkohle. „Nun, ein Junge interessiert deine Haut sowie so nicht, aber diese Lotion kann ich empfehlen, weil du empfindliche Haut zu haben scheinst. Und wenn es nicht hilft, kannst du diesem Tom ja versuchen die Maske schmackhaft zu machen, dann weißt du, das er der richtige ist.“
Das Mädchen wurde rot, lachte dann aber. „Danke.“
„Ich hole euch schnell noch etwas“, sagte Melanie, verschwand im Lager, auf dem Weg zum kleinen Büro fischte sie ihr Handy aus dem Kittel. Sie erlaubte sich einen kleinen darauf und lächelte, eine Nachricht von Trude war angekommen. Ihr Herz klopfte wild.


Es war so ein Gefühl.
Ein Kribbeln auf der ganzen Haut, während Trude den Ring an ihrem Finger betrachtete und sich vor den Spiegel stellte. Sie stach sich mit den Fingern in den Bauch, formte eine Frisur und versuchte sich vorzustellen, wie sie als Braut aussehen würde. Ihre Gramm zu viel waren ihr mittlerweile egal.
Trude war der wohl glücklichste Mensch auf Erden. Oder zumindest das glücklichste Wilde Huhn ihrer Zeit – Steve und sie würden heiraten. Ihr Kindheitstraum war in Erfüllung gegangen.
Sie lächelte sich selbst an, sah im Spiegel die starke Frau, die sie geworden war. Sie alle waren Erwachsengeworden und es war lange her, dass sie alle beisammen in der Heimat gewesen waren.
Sie schnappte sich ihr Handy, dass lauter Töne von sich gab. Die persönlichen Einladungen waren bereits verschickt, aber sie hatte jedes Huhn persönlich noch einmal eine Nachricht schreiben wollen, damit jeder kam. Sie klammerte sich an das Handy, sah die Nachrichten ihrer Freundinnen und fast wären es Tränen in ihren Augen gewesen, wenn da nicht die Umzugshelfer wären, die Kartons aus der Wohnung schleppten und mit der überglücklichen Trude nur wenig anfangen konnte.
Steve steckte seinen Kopf in das Zimmer und hob beide Daumen. „Sie kommen alle. Fred, Willi und Torte auch.“
Trude fiel ihm um den Hals, er roch unheimlich gut. „Das ist schön.“
„Wie sieht es mit den Hühnern aus?“, fragte Steve.
„Alle. Sie kommen alle – Sprotte, Melli, Wilma, Frieda und das keines Küken - Pauline.“




überarbeitet am 16. Januar 2021
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