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Folie à Deux

GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
Edith Cushing Lady Lucille Sharpe Sir Thomas Sharpe
21.08.2019
06.09.2019
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3.058
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21.08.2019 532
 
Thomas konnte die Bilder, die er gesehen hatte, einfach nicht mehr vergessen.
Bilder von jungen Frauen, die ans Bett gefesselt waren, von jungen Frauen, die kahlgeschoren worden waren um Elektroschocks zu bekommen, junge Frauen, die mit eiskaltem Wasser übergossen wurden.
Das war die Realität in Nervenheilanstalten.
Und alles zum Wohle des Patienten.
Wenn Thomas nur daran dachte, dass Lucille - seine mutige, starke Lucille - das alles ertragen musste, war es zuviel für ihn.
Also würde er sie daraus holen, auch wenn es ihn alles kosten würde, was er besaß.
Das war er Lucille einfach schuldig für alles, was sie für ihn getan hatte, als sie Kinder waren...
Nein, Lucille verdiente es besser, als hinter dicken Türen weggsperrt und mishandelt zu werden - wenn auch in einer anderen Form, als damals, zu Hause, in Allerdale Hall, dieses Mal fand alles zum Wohle der Patientin und im Namen der Wissenshaft statt, und nicht durch selbstsüchtige, unglücklickliche und hasserfüllte Eltern.
Aber daran wollte Thomas nun nicht mehr denken; er hatte überlebt und Lucille hatte überlebt und er würe sie nach Hause holen, sich um sie kümmern, so wie sie sich immer um ihn gekümmert hatte, als sie Kinder waren.
Seine Schwester, seine Seelenverwandte, sein Ein und Alles.
Er war nur wegen ihr hergereist, hatte per Schiff den Kanal überquert und dann per Zug den Kontinent um endlich zu ihr zu gelangen, nachdem sie für sechs Jahre getrennt gewesen waren.
Er würde Lucille aus der Nervenheilanstalt heraus holen, koste es, was es wolle!
Oh, wie wütend war er gewesen, als ihm der Erbschaftsverwalter mitgeteilt hatte, dass seine geliebte Schwester nicht ein 'Konservatorium für höhere Töchter' in der Schweiz besuchte, sondern in der Irrenanstalt war.
Tante Florence hatte ihm noch am selben Tag versichert, dass es Lucille dort gut gehen würde, dass die Nervenheilanstalt auf dem Kontinent nicht so war, wie die in England, über die er gelesen hatte, doch Tante Florence hatte ihn schon vorher belogen, warum sollte sie es jetzt nicht auch, nur um seine Gefühle zu schonen?
Nein, er musste Lucille nach Hause holen!
Er brauchte sie, so wie Luft zum Atmen... Denn ohne sie, würde er nicht mehr atmen, wäre längst unter den Händen des grausamen Vaters oder der sadistischen Mutter zerbrochen, erstickt, tot...
Lucille hatte alles stillschweigend etragen, jedes Vergehen an ihrer Unschuld, jede Gewalteinwirkung gegen ihren Körper. Für ihn.
Denn sie liebte ihn, genau wie er sie.
Er würde Lucille nicht im Stich lassen, nicht jetzt, da er der Lord von Allerdale Hall war. Und Lucille würde seine Lady sein, nie würde es eine andere geben, sein Herz gehörte nur ihr.
Und dann, endlich, nach einem nimmer enden wollenden Gespräch mit dem Chefartzt, ließ man ihn zu ihr: Sie saß in einem weißen Nachthemd und dunkelgrauem Morgenmantel,barfuß, im Wintergarten der Einrichtung. Das lange, schwarzbraune Haar war zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr über die linke Schulter fiel.
"Lucille!", flüsterte er heiser.
Sie war nicht mehr das Mädchen von damals, genauso wenig, wie er der Junge von damals war, sondern nun eine junge Frau und er ein junger Mann, doch als sie ihm ihren Blick zuwandte, erkannte er sie sofort wieder.
Er würde alles wieder gut machen.
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