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Das Leben des Albus Dumbledore

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald
21.08.2019
20.04.2020
15
55.764
21
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03.10.2019 3.615
 
Tut mir Leid, dass es dieses Mal so lange gedauert hat.

Wie immer vielen Dank an meine liebe Lilo für die Beta :)

Viel Spaß beim Lesen!

****

Albus fühlte sich, als wäre er unterwegs zu seiner eigenen Hinrichtung. Nein. Gerade im Moment kam es ihm so vor, als wäre der eigene Tod deutlich leichter zu verkraften. Er konnte nicht mehr. Das alles hier überschritt eine Grenze, die keine Seele unbeschadet überstehen konnte.

Keine Sekunde hatte er in dieser Nacht Schlaf gefunden. Nachdem er wieder in seinem Zimmer angekommen war, hatte er sich mit dem Gesicht voraus aufs Bett geworfen und geweint, bis die Sonne aufgegangen war. Dementsprechend fühlte er sich an diesem Abend, als er völlig übermüdet und am Ende seiner Kräfte neben Leonard im Aufzug stand und abwärts Richtung Todeszellen, weit unter den Boden New Yorks fuhr. Sein Begleiter war gespannt, sichtlich neugierig und beinahe heiter. Albus hatte große Lust, ihm mit irgendeinem richtig fiesen Zauber diesen deutlich zu gut gelaunten Ausdruck aus dem Gesicht zu brennen. Doch noch nicht einmal dazu würde er sich aktuell in der Lage fühlen. Das Schlimmste daran war, dass er Leonard nicht einmal vorwerfen konnte, dass er froh darüber war, wenn die größte Bedrohung für ihre friedliche magische Welt bald vom Antlitz der Erde verschwinden würde.

Albus versuchte mühsam gegen den Druck in seiner Brust anzuatmen. Er durfte ihnen keine Schwäche zeigen. Er musste sich zusammenreißen und diese Sache irgendwie in Anstand und Würde hinter sich bringen. Doch insgeheim sah er am Horizont bereits die Katastrophe dämmern. Er hatte Angst, die Kontrolle zu verlieren und irgendetwas verdammt Dummes zu tun. Seine Hände waren schweißnass und sein Gesicht war so bleich, dass der Wirt des Gasthauses ihm bereits zum Frühstück einen Schädelspalter angeboten hatte. Albus hatte abgelehnt. Das Letzte, das er wollte, war Gellerts Hinrichtung auch noch betrunken mitzuerleben.

Als der Aufzug scheppernd zum Stehen kam und das metallene Gatter sich öffnete, fand Albus sich genau dort wieder, wo er mitten in der Nacht bereits gewesen war. In dem kalten, trostlosen Zellengang, der sich endlos in die Länge zu erstrecken schien. Zwei Auroren erwarteten sie bereits. Hochgewachsene Männer in schwarzer Kleidung, mit mürrischen Gesichtern und gezogenen Zauberstäben. Albus merkte, wie sie ihn argwöhnisch musterten. Scheinbar hatte sein Versuch, Gellert zu retten, sich inzwischen im gesamten MACUSA herumgesprochen, denn die Auroren beäugten ihn so kritisch, als würden sie ihn am liebsten vom Fleck weg in die nächste Zelle stecken. Da sie nichts dergleichen taten, vermutete Albus, dass sie den Befehl von ganz oben hatten, ihn an dem Prozedere teilnehmen zu lassen, und sei es nur, um ihm eins auszuwischen.

Ohne die kritischen bis offen feindseligen Blicke zu beachten, schritt er erhobenen Hauptes neben Leonard den dunklen Zellengang entlang. Unterwegs trafen sie den Minister von Belgien, der die Briten sofort in ein angeregtes Gespräch über den Wiederaufbau des malträtierten Europas, der nach Grindelwalds Hinrichtung endlich in Angriff genommen werden konnte, verstrickte. Albus beteiligte sich mit keinem Wort an der Unterhaltung, er war viel zu sehr damit beschäftigt, den Schein der Gefasstheit und Gleichgültigkeit zu wahren. Wenn er sich nicht zusammenriss, und die anderen Anwesenden merkten, dass ihn etwas mit dem Mann verband, den sie töten würden, unterschrieb er damit womöglich sein eigenes Todesurteil.  

Flankiert von den beiden Auroren schritten sie den dunklen Zellengang entlang, bogen zweimal um die Ecke, betraten einen weiteren Flur und standen schließlich vor einer unauffälligen Tür, gerade einmal groß genug, dass zwei Menschen nebeneinander hindurchgehen konnten. Blendendes Licht schlug ihnen aus dem Raum dahinter entgegen und Albus kniff unwillkürlich die Augen zusammen. Doch anstatt in die Helligkeit zu treten, wurden sie eine unscheinbare Stahltreppe, die an der schwarzen Wand entlanglief, hinaufgeführt. An deren Ende erwartete sie ein weiterer Auror. Er bewachte eine zweite Tür, aus der dasselbe grelle Licht in den dunklen Flur hinaus strahlte.

„Guten Abend, Gentlemen“, begrüßte er die beiden Abgesandten Großbritanniens und den Minister von Belgien. „Ich würde Sie bitten, mir Ihre Zauberstäbe auszuhändigen.“

Verblüfft starrte Albus ihn an. „Zauberstäbe aushändigen?“

Der Mann maß ihn mit abschätzigem Blick. „Ja“, antwortete er kühl. „Zuschauer bringen keine Zauberstäbe in diesen Raum hinein. Geltendes Gesetz und unumstößliche Regel.“ Sein Tonfall machte deutlich, dass jeder Widerspruch bestenfalls mit Rauswurf, schlimmstenfalls mit Verhaftung geahndet werden würde.

Leonard zuckte die Schultern. „Und wenn schon.“ Völlig ungerührt zog er seinen Zauberstab und übergab ihn dem Auror, der, wie Albus nun feststellte, schon ein ganzes Sammelsurium davon in einem Beutel an seinem Gürtel trug. Selbst der belgische Minister folgte der Aufforderung, ohne auch nur den leisesten Widerstand verlauten zu lassen. Albus fluchte im Stillen. Also hatte er wohl keine Wahl. Äußerlich beherrscht, aber innerlich extrem unwillig zog er seinen Zauberstab und übergab ihn dem Auror, ehe dieser die drei Männer eintreten ließ. Albus kam sich vor, als würde er durch eine Wand aus Licht treten, so hell war es plötzlich.

Sie befanden sich auf einer stählernen Empore aus Gitterrost, die etwa auf halber Höhe eines quadratischen, mit weißem Marmor verkleideten Raumes angebracht war. Er wirkte klinisch, kalt und unheimlich, trotz der massiven Helligkeit. An der hohen Decke befanden sich gusseiserne Balken, die das Fundament des Gebäudes darstellten und Albus wurde bewusst, dass es nicht möglich war, noch tiefer im wohl tiefsten Gebäude New Yorks zu sein. Es war kalt in diesem Raum, alles wirkte abstoßend, wie in einem hell erleuchteten Leichenhaus.

Diverse Abgesandte der anderen europäischen Länder hatten sich bereits eingefunden, lehnten sich an das stählerne Geländer am Rand der Empore, blickten hinab oder unterhielten sich in gedämpftem Tonfall miteinander. Die Stimmung war irgendwo zwischen nervös, gespannt und zufrieden, ein merkwürdiger Gemütszustand erfüllte den Raum. Albus kam die ganze Szenerie schrecklich makaber vor. Das hier war eine Hinrichtung, kein Zirkusauftritt. In seinen Augen hatten Zuschauer hier nichts verloren. Unwillkürlich fragte er sich, wie genau diese Hinrichtung eigentlich vonstattengehen würde. Eine Frage, über die sein Kopf sich bisher strikt geweigert hatte, nachzudenken. Langsam kam jedoch der Zeitpunkt, sich der Antwort zu stellen.

Leonard trat an das Geländer heran, grüßte die anderen Minister und wagte einen Blick hinab auf den Boden des Raumes. Albus tat es ihm zögerlich gleich, trat neben ihn an die Begrenzung der Empore und richtete den Blick auf die Ebene des Geschehens. Er spürte, wie sich ihm der Magen umdrehte.

Unter ihnen befand sich ein Becken, das fast die Hälfte des Bodens einnahm. Es war mit einer merkwürdigen, schimmernd schwarzen Flüssigkeit gefüllt. Die Oberfläche war fast unbewegt, spiegelte die hellen Wände und die stützenden Balken der Decke wieder. Über dem Becken schwebte ein metallener Stuhl mit Kopfstütze und Armlehnen. Albus verstand das Prinzip sofort. Niemand hier im MACUSA musste sich mit einem Mord die Hände schmutzig machen. Der Todgeweihte starb in dieser Flüssigkeit. Sie würde ihn entweder ertränken, vergiften oder zersetzen. Albus wurde übel.

Vier Männer und zwei Frauen in weißen Kitteln standen am Rand des Beckens und redeten leise miteinander. Sie wirkten angespannt und jeder von ihnen hielt einen Zauberstab in der Hand. Das musste das Exekutionskommando sein. Albus beobachtete sie mit flatternden Nerven. Sie waren die einzigen in diesem Raum, die noch Zauberstäbe trugen…

Leonard unterbrach seine Gedanken. „Wissen Sie, wie das hier ablaufen wird?“, fragte er und ließ den Blick durchaus interessiert über das Becken mit der schwarzen Flüssigkeit gleiten.

Albus schüttelte den Kopf. „Ich habe nie das Bedürfnis verspürt, mich tiefer mit den Vollstreckungsmethoden der amerikanischen Todesstrafe auseinanderzusetzen“, antwortete er kühl und hoffte, seine stumme Botschaft kam an. Tat sie nicht. Leonard räusperte sich vernehmlich und begann zu erzählen:

„Nun, ich habe es mir vorhin erklären lassen. Also, falls Sie befürchten sollten, dass das hier zu einem Blutbad wird, kann ich Sie beruhigen. Eigentlich ist es ein relativ gnädiger Tod.“ Albus verkniff sich jeden Kommentar dazu und Leonard fuhr, ungeachtet seiner Reaktionslosigkeit, fort:

„Dem Gefangenen werden vor der Hinrichtung Erinnerungen entzogen, gute, glückliche Erinnerungen. Sie werden in dieses Becken geworfen, in dem sie sichtbar werden, wie in einem Denkarium. Der Gefangene fällt in eine Art Trance, die das Becken ihm daraufhin aufzwingt und setzt sich sogar freiwillig auf den Stuhl, um den Erinnerungen näher zu kommen. Das Becken ist mit einem extrem starken Todestrank gefüllt. Sobald die Flüssigkeit etwas Lebendiges erreicht, zerfrisst sie es sofort und zieht es innerhalb von Sekundenbruchteilen in sich ein. Der Tod kommt rasend schnell, es tut nicht einmal weh. Es ist also alles in allem ein gnädiges Ende, auch wenn man die Todesstrafe an sich ablehnen mag.“

Falls Leonard vorgehabt hatte, ihn mit diesem Vortrag zu beruhigen, dann war der Schuss gewaltig nach hinten losgegangen. Wenn Albus einen Spiegel gehabt hätte, hätte er wohl gesehen, wie er mit jedem Wort ein wenig mehr erbleicht war. Wie konnte man es als gnädig bezeichnen, von den eigenen guten Erinnerungen in den Tod gerissen zu werden? Wie krank und morbide war die Welt, in der sie lebten? Und warum, warum unterstützte er das? Weshalb war er hier, bereit untätig dabei zuzusehen, wie sie ein Leben beendeten? War das hier besser als das, was Gellert getan hatte, unterschied er sich in irgendeiner Weise von den Leuten, die töteten im Namen des Gesetzes?



Albus krallte die Hände ineinander. Er konnte das nicht. Ihm wurde bewusst, dass er seinen Entschluss deutlich zu spät fasste, aber er würde das hier nicht zulassen. Egal was er bisher gesehen und überstanden hatte, das hier ging zu weit. Es überstieg seine Selbstbeherrschung und seine Bereitschaft, sich den Ministerien zu beugen, um ein Vielfaches. Sein Mut und seine Entschlossenheit - Eigenschaften die er in den letzten Stunden kläglich vermisst hatte - kehrten zurück und weckten den Kämpfer in ihm. Die Präsidentin würde noch bereuen, dass sie ihn dazu gezwungen hatte, heute hier zu sein.

Mit einem Mal wurden die Türen des Vollstreckungsraums krachend zugeschlagen. Albus fuhr zusammen, als hätte ihn jemand geschlagen. Madam Picquery gesellte sich zu ihnen und legte ihre beringten Hände an der Metallstange des Geländers ab. Sie trug ein nachtblaues Gewand und einen edlen, ähnlich dunklen Turban. In diesem trostlosen Licht verloren selbst die schimmernden Pailletten, die auf dem Seidenstoff befestigt waren, ihren Glanz. Sie grüßte ihre Gäste mit einem angedeuteten Kopfnicken und postierte sich an der Mitte der Balustrade. Links von ihr formierten sich die Abgesandten von Frankreich, Deutschland, Polen und Österreich, rechts von ihr die von der Schweiz, Belgien, Tschechien und Großbritannien. Albus stand ganz am Rand und spürte das starke Bedürfnis, in den Marmor der Wand hineinzukriechen. Seine Gedanken rasten, als er verzweifelt nach einem Weg suchte, das hier zu beenden. Er trug seinen Zauberstab nicht, das machte ihn handlungsunfähig. Panik kroch in seine Gedanken. Es war zu spät. Er hätte viel früher eingreifen müssen.

Als er nach unten blickte, sah er ihn, wie er grob in den Raum bugsiert wurde, obwohl er keinerlei Anstalten machte, sich zu wehren. Gellert Grindelwald war wie ein schwarzer Fleck inmitten der schneeweiß gekleideten Gestalten, die ihn richten sollten. Zwei davon hielten seine Arme, die mit Handschellen an seinen Rücken gefesselt waren, ein weiterer ging hinter ihm und bohrte ihm die Spitze seines Zauberstabs in den Nacken. Zwei Frauen, die eine klein und schwarz, die andere groß und blond, standen am Rand des Beckens und warteten auf ihn.

Albus sah nur Gellerts Hinterkopf, als er an den Rand der tödlichen Flüssigkeit herangeführt wurde. Eine geradezu gespenstische Stille hing in der Luft, es schien als hätten die Anwesenden sogar das Atmen vergessen. Albus hörte sein Herz in den Ohren pochen, wie eine Pauke.

Am Rande des Beckens blieb das Exekutionskommando stehen. Der Mann, der hinter Gellert stand, drückte ihm den Zauberstab in den Hals und forderte ihn mit einem gezischten Flüstern dazu auf, sich umzudrehen. Ohne jeden Widerstand gehorchte er und wandte dem Todesbecken den Rücken zu. Er hob den Kopf und seine eisblauen Augen blickten hinauf zu den Menschen, die hier waren, um ihn sterben zu sehen.

„Guten Abend, Frau Präsidentin“, richtete er das Wort an Madam Picquery, der Hohn in seiner Stimme war unüberhörbar. Die Angesprochene ließ mit keiner noch so kleinen Regung erahnen, was sie dachte, aber aus ihren Augen sprach der nackte Hass.

„Ich denke mit Höflichkeiten brauchen wir uns hier und jetzt nicht aufhalten, Mr. Grindelwald“, antwortete sie kühl und blickte mit überlegender Arroganz in den Augen auf den Todgeweihten hinab. Ein eiskaltes Lächeln lag auf Gellerts Gesicht und er machte nicht den Eindruck, als verspüre er auch nur einen Funken der Angst, die er haben sollte.

Albus hingegen fühlte sich, als würde ihm jemand mit einem Schwert von der Kehle bis zum Bauchnabel hinab die Brust spalten. Seine Knie waren inzwischen so weich, dass er zu Boden gegangen wäre, hätte er nicht das Geländer zum Festhalten gehabt. Sein Blick glitt hinüber zur Präsidentin, durchsuchte fahrig ihr Gewand. Trug sie ihren Zauberstab? Hatte er vielleicht eine Chance, ihn ihr abzunehmen?

„Sie wissen, warum Sie hier sind?“, fuhr Madam Picquery mit eiskalter Stimme fort.

„Ich gehe davon aus, dass Sie es mir gleich sagen werden“, antwortete Gellert völlig gleichgültig und grinste sie an.

Er hielt die Präsidentin mit Fleiß zum Narren und Albus spürte, wie sehr er sie damit verärgerte. Mit dieser gleichgültigen Reaktion brachte er sie mehr aus dem Konzept, als es mit einem Wutausbruch oder einem Fluchtversuch jemals möglich gewesen wäre. Und er wusste das genau.

Sie holte tief Luft und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass die Provokationen des Verurteilten nicht gänzlich an ihr abprallten. „Sie stehen hier vor zahlreichen Abgesandten Europas und der Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika. Wir haben uns trotz der großen Distanzen, die uns trennen, zusammengetan, um hier und heute über Sie zu richten. Sie haben in den letzten Jahren in unzähligen Fällen Hochverrat an der Zaubererschaft begangen und unsere friedliche Welt an den Rand eines Krieges gegen die Nichtmagier herangeführt. Auf der langen Anklageliste stehen zahlreiche Verbrechen gegen No-Majs und Magier, Angriffe auf verschiedene Einheiten in der magischen, wie in der nicht-magischen Welt, die gezielte Infiltration des MACUSA und zahlreiche Handlungen, die darauf abzielten, das Geheimhaltungsstatut zu brechen und unsere Gemeinde zu enthüllen. Haben Sie irgendetwas zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“

Gellert blickte ungerührt zu seiner Richterin hinauf, blinzelte nicht einmal. Das düstere Lächeln war noch immer nicht aus seinen Zügen gewichen, aber sein Blick war kalt wie Eis. „Es gibt Dinge, für die es sich lohnt zu kämpfen. Es gibt Opfer, die gebracht werden müssen, im Dienste einer höheren Sache. Ich bin das Ende einer Ära und der Beginn einer neuen. Ich habe es nicht nötig, mich gegenüber derart kleingeistigen Menschen wie Ihnen zu verteidigen.“ Hohn und Verachtung sprachen aus seiner Stimme, aber körperlich blieb er völlig ruhig.

Madam Picquery erdolchte ihn mit ihrem Blick.

„Mit Ihrer Meinung von einer höheren Sache, stehen Sie in diesem Raum ziemlich alleine da, Mr. Grindelwald. Sparen Sie sich weitere Worte. Die Anschuldigungen gegen Sie sind zu gravierend, um noch in irgendeiner Weise abgemildert werden zu können, darüber sind wir uns alle einig. Es gibt genau eine Strafe, die für die Schwere Ihrer Taten angemessen ist. Hiermit verurteilen wir Sie wegen des Hochverrats, des Mordes und der Aufwiegelung in zahlreichen Fällen einstimmig zum Tode.“

Stille erfüllte den kalten, hellen Raum. Die normale Reaktion auf dieses Urteil wäre wohl Angst, Wut, oder vielleicht auch Schicksalsergebenheit gewesen. Aber garantiert nicht dieses zutiefst bösartige, schiefe Grinsen, dass auf Gellerts Gesicht trat. Albus merkte, wie der wehrlose, gefesselte Gefangene es tatsächlich schaffte, allein mit seiner Mimik die bewaffnete Präsidentin von Amerika, inmitten ihres eigenen Kongresses, völlig zu verunsichern.

„Haben Sie noch ein paar letzte Worte?“, fragte Madam Picquery schließlich, versteckte ihre Unsicherheit geschickt hinter einer Maske aus Verachtung. Gellert zog fragend die Augenbrauen nach oben. „Sollte ich das?“

„Fangen sie an“, befahl die Präsidentin an die Exekutoren gewandt, wohl nicht mehr gewillt, sich mit Gellert auf irgendeine weitere Form von verbalem Schlagabtausch einzulassen. Der Blick des Verurteilten glitt verächtlich über die Zuschauer, Männer und Frauen, deren Länder er regelrecht tyrannisiert hatte. Albus hätte alles gegeben für einen Tarnumhang, oder irgendetwas anderes, das ihn einfach verschwinden ließ. Schon sein Zauberstab hätte ihm gereicht. Denn in diesem Moment traf ihn Gellerts Blick. Und für einen winzigen Augenblick wich der arrogante Ausdruck in seinem Gesicht etwas anderem. Verblüffung trat in seine Augen und der Schatten einer uralten Verletzung. Doch der Moment war so schnell wieder vorbei, wie er gekommen war. Gellerts Blick würde bohrend und dunkel wie die Nacht selbst.

Albus spürte, wie die Zeit einfror. Der Raum verschwamm, das Todesbecken verschwamm und sogar all die Menschen um sie herum verschwanden hinter einer Wand aus weißem Nebel. Im Gegensatz zur vergangenen Nacht konnte Gellert ihn jetzt sehen. Und er brauchte keine Worte, um mit seinem alten Freund zu sprechen. Er hatte nie welche gebraucht. Sie verstanden sich durch ihre Augen, die Spiegel ihrer Seelen, die so viel mehr zu sagen vermochten, als Worte jemals könnten.

Gellert sah hinauf in das Gesicht seines verlorenen Geliebten und in seinem Blick manifestierte sich eine einzige Frage, überschattet von Kälte und Bitterkeit: Warum?

Sie waren einst unzertrennlich gewesen. Sie hatten einander vertraut, einander geliebt, miteinander Grenzen überschritten, die kaum ein Magier vor ihnen je angetastet hatte. Und nun standen sie hier, an der Kante zum Abgrund, während der Schatten ihrer gemeinsamen Vergangenheit sterbend über ihnen schwebte. Ein Verurteilter und sein Henker. Warum hatte es soweit kommen müssen?

Die Realität holte Albus zurück, als ein Mann von der Statur eines Gorillas hinter den Gefangenen trat und grob seine Handfesseln löste, während die blonde Exekutorin ihm die Spitze ihres Zauberstabs an die Schläfe drückte. Ein bitteres Lächeln trat auf Gellerts Gesicht, als sie einen langen, silbrig glänzenden Energiefaden aus seinem Kopf zog. Materialisierte Erinnerungen. Sie holte aus und schleuderte die Silberschnur in das bedrohliche, schwarze Becken hinein. Die Oberfläche der Flüssigkeit kräuselte sich, filigrane Ranken schnappten gierig nach der flimmernden Erinnerung, hielten sie fest und entfalteten sie, um ihrem Opfer seinen letzten Weg leichter zu machen.

Albus spürte den Wunsch, den Blick abzuwenden. Was immer sich auf der Oberfläche des Beckens manifestierte, er wollte es nicht sehen. Er wollte nicht wissen, was Gellert getan hatte, in all den Jahren, in denen er so verzweifelt versucht hatte, ihn zu vergessen. Und noch viel weniger wollte er wissen, mit wem er diese Zeit verbracht hatte, wer nach ihm in Gellerts Leben getreten war. Er würde das nicht ertragen können.

Und noch im selben Moment fragte er sich, ob ein winziger Fetzen dieser Erinnerungen ihn beinhalten würde. Irgendeinen Moment den sie miteinander geteilt hatten, in den zwei Monaten, in denen Gellert seine Welt und der ganze Inhalt seines Lebens gewesen war. In dem Fall wäre es sowieso egal. Dann könnte er sich gleich mit Gewalt auf die Präsidentin stürzen und ihr den Zauberstab entreißen, den Sie zweifellos irgendwo bei sich trug. Es wäre chancenlos, er wusste das. Er wäre tot, bevor er irgendetwas würde ausrichten können. Aber vielleicht könnte er Gellert zur Flucht verhelfen, wenn er die Aufmerksamkeit in dem Raum für ein paar Augenblicke an sich reißen würde…

Sein Blick glitt zurück zu dem tödlichen Becken. Irgendetwas in ihm, vielleicht seine Angst, seine Schuldgefühle, oder womöglich auch eine groteske, masochistische Form von Neugierde, zwang ihn dazu, hinzusehen, als Gellerts Erinnerung sich auf der Oberfläche der Flüssigkeit ausbreitete, wie silbernes Blut auf schwarzem Wasser. Für einen Moment erfüllte sie das ganze Becken mit einem gedämpften, bläulichen Licht. Und im nächsten Moment war sie verschwunden. Das Todesbecken war schwarz und leer wie eh und je. Verblüfft starrten die Exekutoren auf die bewegungslose Oberfläche, ohne Bilder, ohne Stimmen und ohne den Bann, den das Becken dem Verurteilten üblicherweise auferlegte. Totenstille breitete sich im Raum aus, alle starrten verblüfft und verunsichert auf den Gefangenen und das gähnend leere, schwarze Wasser in seinem Rücken. Und dann zerschnitt Gellerts eiskaltes Lachen die bleischwere Stille des Raumes.

„Meinen Sie wirklich, ich würde Sie in meinen Kopf blicken lassen?“, fragte er höhnisch. Die Präsenz, die plötzlich von ihm ausging war so kalt und gefährlich, dass sie die Raumtemperatur um gefühlte zehn Grad nach unten rauschen ließ. Albus sah, wie Madam Picquery bleich wurde. Scheinbar hatte es vor Gellert Grindelwald noch nie jemand geschafft, dem Becken seine Erinnerungen vorzuenthalten und sich dessen Bann somit vollständig zu entziehen. Der gefährlichste Schwarzmagier seiner Zeit würde sich nicht ohne weiteres töten lassen und Albus wurde schlagartig bewusst, warum Gellert die ganze Zeit über so ruhig und beherrscht gewesen war. Er hatte einen Plan, hatte von Anfang an einen gehabt. Auf welche Weise auch immer, er würde entkommen und er würde es alleine schaffen. Er brauchte seine Hilfe nicht.

„Ich sagte Ihnen doch“, wisperte Gellert bedrohlich. „Sie können mich nicht aufhalten. Niemand kann das.“ Sein Blick blieb für einen winzigen Moment an Albus hängen und seine Augen sprachen ihre Botschaft deutlicher, als Worte es jemals gekonnt hätten. Auch du nicht.

Madam Picquery hielt sich nicht länger mit gründlich durchdachten Reden auf. Ihr Blick hetzte zu den Exekutoren, die noch immer wie vom Donner gerührt um ihren Gefangenen herumstanden und offenbar ratlos waren, was sie jetzt tun sollten. „Vergessen Sie das Becken, töten Sie ihn!“

Mehrere entsetzte Blicke trafen sie, als sie von ihren Untergebenen tatsächlich verlangte, einen unverzeihlichen Fluch zu benutzen. Nein! Das würde Albus nicht zulassen! Doch noch bevor er irgendetwas hätte tun können, ertönte unter ihm ein Schlag, der ihm fast das Trommelfell zerriss und eine Druckwelle erfasste seinen Körper. Gellert hatte mit einem einfachen Wisch seiner Hand einen Energiestoß verursacht, der die Exekutoren erfasst und fortgeschleudert hatte, als wäre er das Zentrum einer Explosion. Die Menschen flogen schreiend durch den Raum, krachten gegen die Marmorwände und sanken leblos daran herab. Einer von ihnen wurde direkt in die schimmernde, schwarze Flüssigkeit hineingestoßen und das Todesbecken verschlang ihn, noch bevor er überhaupt die Möglichkeit zum Schreien gehabt hätte. Plötzlich stand Gellert Grindelwald völlig alleine am Rande des schwarzen Wassers, das Gesicht verzogen zu einer Grimasse aus Häme, Genugtuung und Verachtung. Und dann ging alles unheimlich schnell.
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