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Das Leben des Albus Dumbledore

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald
21.08.2019
20.04.2020
15
55.764
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22.09.2019 4.456
 
Als Albus vor dem Haupteingang des MACUSA stand, sah ihn niemand mehr. Er hatte einen starken Desillusionierungszauber auf sich gelegt, der ihn für seine Umwelt völlig unsichtbar machte. Sicherlich nicht die perfekte Lösung, aber einen besserer Plan war ihm auf die Schnelle nicht eingefallen. Schließlich hatte er gegenüber dem Nachtportier keine sinnvolle Erklärung, was er um kurz vor Mitternacht im MACUSA zu suchen hatte. Allein bis er eine Möglichkeit fand durch die gut bewachte Tür hineinzuschlüpfen, verging eine halbe Ewigkeit. Zeit in der er mehrfach überlegte, sein ganzes Vorhaben wieder über den Haufen zu werfen und einfach in die Gaststätte zurückzukehren. Doch irgendwann entschloss er sich zu tricksen und die Wächter mit einem kurzen, gut platzierten Verwirrungszauber lange genug von ihrer Arbeit abzulenken, um unbemerkt durch die Tür schlüpfen zu können.

Im nächsten Moment stand er völlig alleine in der dunklen Eingangshalle des MACUSA und sah sich um. Das Mondlicht erhellte den kathedralenartigen Bau, die Aufzüge standen still und links und rechts neben der Brücke, die in die Haupthalle führte, tat sich der pechschwarze Abgrund der unzähligen Kellergeschosse auf. Ein merkwürdiges Gefühl der Beklommenheit ergriff Besitz von ihm. Was tat er hier und warum tat er sich das gerade eigentlich an? Wollte er es wirklich wissen, wollte er wirklich die Wahrheit über die Vergangenheit erfahren? Und – eine Frage, die ihn in diesem Moment fast erschlug – wollte er ihn tatsächlich wiedersehen? Nach all den Jahren des Schmerzes, nach all den Narben, die dieser Mann ihm unauslöschlich in die Seele gebrannt hatte? Der zerbrochene Teil in ihm hatte Angst davor, was geschehen würde, wenn er ihn wiedersah. Diesen dunklen, verführerischen Dämon, der ihn zu Fall gebracht hatte, damals, vor langer, langer Zeit…

Er ging weiter durch die verlassene Eingangshalle.  Seine Schritte waren leise und schienen doch auf dem Marmorboden zu dröhnen, so allumfassend und bedrohlich wirkte die Stille um ihn herum. Er entschied sich, die Treppen zu nehmen, um mit einem Aufzug, der vermeintlich leer durch das Gebäude fuhr, keine Aufmerksamkeit zu erregen und stieg langsam Stufe um Stufe hinab in die Kellerräume. Mit einem Mal fühlte er sich wieder, als trüge er Bleibeton an den Füßen. Als würde sein Körper selbst sich wehren und ihn zum Umkehren bewegen wollen. Ein Knoten hing in seiner Kehle und machte jeden Atemzug zur fast unüberwindbaren Gewaltanstrengung.

Irgendwann hatte er den Zellentrakt im tiefsten Kellergeschoss erreicht. Er wusste selbst nicht, wie er es bis hierher geschafft hatte. Vor ihm erstreckte sich ein dunkler, trostloser Gang endlos in die Länge. Zu beiden Seiten flankierten Gitterstäbe seinen Weg und grenzten die einzelnen Zellen voneinander ab. Karge, dunkle Räume. Sie waren alle leer. Albus‘ einziger Begleiter war die Stille, als er langsam und halb blind durch die drückende Finsternis ging. Er verließ sich hierbei mehr auf sein Gefühl, als auf seine Augen, denn er wusste, sein Instinkt würde ihn von selbst ans Ziel führen.

Er fühlte sich, als könne er die Präsenz dieses Mannes bereits auf die Distanz spüren, diese geheimnisvolle, mächtige Aura, die ihn schon in Jugendjahren in einen Mantel aus Dunkelheit gehüllt hatte. Es hatte Momente gegeben, in denen Albus sein Seele verkauft hätte, um ihn noch einmal zu sehen. Nur zu sehen. Das hätte ihm gereicht. Er hatte nie das Bedürfnis verspürt, noch einmal mit ihm zu sprechen, denn er wusste, wie gefährlich seine Worte sein konnten. Für ihn wohl noch mehr, als für jeden anderen.

Aber der Wunsch, noch einmal in die Augen zu sehen, in die er sich damals so verliebt hatte, war immer da gewesen. Und ganz tief in seinem Inneren war ihm bewusst, dass er, wäre damals diese Katastrophe nicht passiert, womöglich noch immer an seiner Seite stünde. Trotz allem, was er in der Zwischenzeit getan hatte, trotz all dem Leid, das er über die Welt gebracht hatte. Seit er aus Albus‘ Leben gegangen war, fühlte der sich, als hätte man ihm einen Teil seiner Selbst entrissen, als wäre er unvollständig. Ein Spiegel ohne Bild, ein Licht ohne Schatten, ein Anfang ohne Ende.

Einsam schritt er den Zellentrakt entlang, horchte, suchte und flehte doch im selben Moment, nicht zu finden, wonach er Ausschau hielt. Er hielt den Zauberstab in seiner Hand so fest umklammert, dass es beinahe schmerzte. Irgendwann wurde es heller um ihn herum und in der Ferne vernahm er plötzlich leise Stimmen.

Albus spitzte die Ohren und verlangsamte seine Schritte, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erregen. Er hob unwillkürlich seinen Zauberstab. Der Gang vor ihm wurde breiter, Säulen aus dunklem Stein stützten die niedrige Decke. Er kam sich merkwürdig vor, wie ein unartiges Kind, das etwas schrecklich Verbotenes tat und tunlichst vermeiden wollte, dabei erwischt zu werden.

Als er weiterging wurde das Licht heller und die Stimmen lauter. Und dann sah er die eine Zelle, die sich völlig von allen anderen abhob. Nur ihre vordere Front war vergittert, die übrigen Wände bestanden aus massivem Stein, der nur schwer erahnen ließ, wie groß der Raum dahinter war. Über die Gitterstäbe spannte sich eine flimmernde, goldene Membran, die zwar Durchsicht erlaubte, aber vermutlich jeden Versuch, die Zelle unbefugt zu öffnen zu einer äußerst schmerzhaften Erfahrung mit potenziell tödlichem Ausgang machen würde.

Ein Auror stand vor der Gitterfront, groß, hager, mit Hakennase und Zylinder auf den schwarzen Haaren. Sein Gesicht war wutverzerrt und seine Augen glitzerten, als er mit wutschäumender Stimme in die Zelle hineinredete. Albus kam etwas näher und versuchte, seine Worte aufzuschnappen.

„… getötet hast. Ich bedauere so sehr, dass ich morgen nicht dabei sein darf, wenn sie dich umbringen.“

Aus dem Innern der Zelle erklang eine Antwort, zu leise jedoch, um für Albus verständlich zu sein. Er kam noch ein paar Schritte näher und legte unwillkürlich die Hände an eine der schmucklosen Säulen, hinter der er trotz seiner Unsichtbarkeit in Deckung ging. Was immer der Gefangene gesagt hatte, es schien seinen Bewacher nur noch mehr zu verärgern. Der Auror trat extrem nah an das Gitter heran, der Blick mit dem er in die Dunkelheit der Zelle hineinblickte war voller Wut und bodenloser Abscheu.

„Wie kannst du es wagen, du verfluchter… Komm gefälligst her, wenn ich mit dir spreche!“

In der Zelle bewegte sich etwas und plötzlich trat tatsächlich jemand von der Innenseite aus an die magisch geschützten Gitter heran. Albus spürte, wie sein Herz für einen Moment aussetzte und ihm danach so gegen den Brustkorb sprang, dass er nach Luft schnappte. Seine Knie wurden so weich, dass er kaum mehr stehen konnte, als totgeglaubte Gefühle ihn überrannten, wie eine Herde Zentauren. Er hatte selbstverständlich erwartet, dass es heftig werden würde, ihn wiederzusehen. Aber dass es ihn so erschlug, dass er für einen Moment beinahe in die Knie ging, damit hatte er nicht gerechnet.

Gellert Grindelwald trat an die Tür seines Verlieses heran und erwiderte den Blick des Aurors mit Spott und Kälte in den Augen. Er hatte sich verändert in den vergangenen achtundzwanzig Jahren, aber Albus erkannte ihn trotzdem auf den ersten Blick wieder. Unter allen Menschen dieser Welt würde er ihn erkennen, egal wie viel Zeit seit ihrer letzten Begegnung vergangen war.

Seine blonden Haare waren kürzer und wirkten ein paar Nuancen heller als früher. Sein Gesicht war noch eine Spur schmaler geworden, seine Wangenknochen und die Linie seines Kinns zeichneten sich noch deutlicher ab als früher. Das altbekannte Blitzen lag in seinen eisig blauen Augen und das für ihn so typische herausfordernde Lächeln tanzte auf seinen Lippen. Er wirkte etwas größer, als Albus ihn in Erinnerung hatte, mit breiteren Schultern und der Statur eines Kämpfers. Aus dem Jungen von damals war ein Mann geworden. Und dieser Mann war noch immer so schön, dass es Albus für einen Moment den Atem verschlug. Ihn wiederzusehen fühlte sich an, als würde sich eine Hand aus Metall um sein Herz schließen.

Die Stimme, die ihm noch so vertraut war, begann dunkel und lauernd zu sprechen: „Auch du, Zaubererbruder, wirst eines Tages die Wahrheit suchen gehen. Und allein bei mir wirst du sie finden können.“

„Wage es mich noch einmal Bruder zu nennen. Mein wahrer Bruder war Auror und er ist tot! Deinetwegen!“

Der Gefangene seufzte, milde, beinahe bedauernd. „Jeder Tropfen an vergossenem, magischem Blut ist eine Schande. Er hat mir keine Wahl gelassen, ich hatte ihn gewarnt.“

„Du heuchlerischer Mistkerl“, zischte der Auror, sein ganzer Körper zitterte vor Wut. „Du hast ihn kaltblütig umgebracht!“

„Ich habe mich, und die Menschen die bei mir nach Wahrheit und Freiheit suchen, verteidigt. Nicht mehr und nicht weniger.“

„Spar dir diese widerliche Scheinheiligkeit. Ich kenne dich, ich weiß, was für ein Mensch du bist. Ein hinterhältiger Blender, der viel zu viele bereits getäuscht hat. Aber soll ich dir etwas sagen, ab morgen wird niemand mehr bei dir nach irgendetwas suchen! Morgen wirst du sterben, und ich werde bei der Präsidentin den Vorschlag unterbreiten, diesen Tag zum nationalen Feiertag zu erklären.“

Gellert lachte, auf diese dunkle, abgrundtief bösartige Art und Weise, die Albus bereits kannte und die ihm noch immer Schauer über den Rücken jagte. „Ich hatte euch bereits gewarnt, ihr könnt mich nicht bezwingen. Jedem, der sich mir in den Weg stellt, wird seine Arroganz früher oder später den Hals brechen. Ihr würdet es euch selbst deutlich leichter machen, wenn ihr mich einfach gehen lasst. Diese Welt sehnt sich nach Veränderung und ich bin der Schlüssel dazu. Ich bin die Zukunft.“

„Du bist die Zukunft von gar nichts, Grindelwald. Du bist einfach nur wahnsinnig!“

Gellert zog skeptisch die Augenbrauen nach oben und lehnte sich gegen die magisch glühenden Gitterstäbe, die ihn scheinbar nicht verletzten, solange er nicht versuchte, sie zu überwinden. Die Aussicht, morgen zu sterben schien ihn nicht im Geringsten zu ängstigen. Im Gegenteil. Er strahlte eine dunkle, fast unheimliche Gelassenheit aus.

„Du tust mir Leid, Zaubererbruder. Du bist gefangen in deinem eigenen Kopf, wie wir Zauberer schon so lange im Untergrund gefangen sind. Was denkst du? Dass Rache an mir der Rückweg zu deinem vermeintlich verlorenen Seelenheil ist? Dein Bruder hat sich mir in den Weg gestellt und das war sein Fehler. Er ist tot, nichts auf dieser Welt kann ihn zurückholen. Und ich will dir raten, mach nicht denselben Fehler, den er gemacht hat.“

Der Auror wurde feuerrot im Gesicht, eine Zornader pulsierte an seiner Schläfe, als er plötzlich mit einem Ruck seinen Zauberstab hervorriss und auf Gellerts Gesicht richtete. Albus erschrak und war für einen Moment versucht, den Mann mit einem Schockzauber außer Gefecht zu setzen, entschied sich im nächsten Moment aber dafür, erst einmal abzuwarten. Gellert provozierte seine Wache mit Absicht, als hätte er etwas vor. Mit einer eigentümlichen Neugierde beschloss Albus, die Szenerie erst einmal zu beobachten und nur im Notfall einzuschreiten. Nervös hörte er das Blut in seinen Ohren rauschen.

„Du elender Verräter“, zischte der Auror zwischen zusammengebissenen Zähnen, doch Gellert musterte den Zauberstab bestenfalls belustigt und lachte leise. „Die Präsidentin zieht dir die Haut ab, wenn du ihrer gut inszenierten Hinrichtung zuvorkommst. Ich würde mir an deiner Stelle gut überlegen, was ich tue.“

Der Auror brodelte vor Wut und Albus spürte, wie kurz der Mann davor stand, etwas verdammt Dummes zu tun. „Halt endlich den Mund, Grindelwald. Noch ein falsches Wort und ich schwöre, ich werde…“

„Weg von ihm!“

Albus bekam einen halben Herzinfarkt vor Schreck, als plötzlich eine laute, herrische Stimme in seinem Rücken erklang. Er war so gebannt von der Szene vor seinen Augen gewesen, dass er überhaupt nicht bemerkt hatte, dass jemand näher gekommen war. Irgendwie ließen ihn seine sonst so scharfen Sinne gerade jämmerlich im Stich.

Gellerts Wächter riss ertappt den Zauberstab zurück und schnellte herum. Ein zweiter Auror rauschte nur knapp an Albus vorbei, trat an die Zelle heran und schob den Ersten grob zur Seite.

„Geh. Ich übernehme die Wache, bevor du dich von ihm noch mehr provozieren lässt! Merkst du nicht, dass du gerade genau das machst, was er will? Er will deinen Zauberstab und du bist auch noch dumm genug, dich derart provozieren zu lassen, um ihn ihm entgegenzustrecken!“

Der Auror stieß wutschäumend die Hand des Neuankömmlings weg, seine Augen glänzten vor Hass und Schmerz.

„Mein Bruder starb bei einem Anschlag in Deutschland!“, zischte er mit erstickter Stimme. „Ich will Rache!“

Albus trat vorsichtig näher an die beiden heran. Sein Bann wirkte  gut, niemand schien auch nur den leisesten Verdacht zu schöpfen, dass sich ein Unsichtbarer in ihren Reihen befand.

„Geh!“, herrschte der neu eingetroffene Auror sein Gegenüber an. „Das hier ist nicht deine Sache! Wenn er entkommt, weil du dich von ihm provozieren lässt, sind wir geliefert!“

„Aber…“

„GEH!“

Wutschäumend schnellte der Mann herum, steckte seinen Zauberstab unwirsch zurück in seinen Mantel und stürzte kopfüber in den dunklen Zellengang hinein, unterwegs laut und wüst fluchend. Albus sah Tränen der Wut in seinen Augen glitzern.

Gellert stand lässig an das Gitter seiner Zelle gelehnt und beobachtete die ganze Szenerie mit ausgesprochenem Amüsement im Gesicht. Doch als Albus noch einen Schritt näher kam, um ihn besser sehen zu können, huschte plötzlich ein Schatten über seine Züge und er richtete den Blick auf den scheinbar leeren, dunklen Flur jenseits seiner Zelle. Richtete die eisblauen Augen direkt auf den unsichtbaren Mann in ihrer Mitte.

Der stutzte ungläubig, spürte sein Herz erschrocken gegen seine Rippen springen, lächelte im nächsten Moment jedoch und schalt sich selbst einen naiven Narren. Er hätte es wissen müssen, von Anfang an. Jeden Menschen in diesem Raum konnte er täuschen, jeden außer ihn. Dieser Mann war zu mächtig, um sich mit einem Illusionszauber in die Irre führen zu lassen.

Doch als die neue Wache sich der vergitterten Gefängniszelle zuwandte und Gellert mit dunklen Augen aufspießte, wandte der Gefangene seine Aufmerksamkeit wieder dem Mann zu, den er sehen konnte. Der Auror wirkte deutlich gefasster, als sein Vorgänger, aber auch ihm sah man die Abneigung gegenüber Gellert deutlich an. Albus beschlich sofort der Verdacht, dass dieser Mann einen höheren Posten in der Sicherheitsabteilung bekleiden musste. Mit verkniffenen Gesichtszügen zog er nun ebenfalls seinen Zauberstab und richtete ihn auf die Zelle, jedoch ohne Gellert damit nahe zu kommen. Albus wurde zunehmend nervös, doch der Gefangene musterte die magische Waffe lediglich mit einem kurzen Hochziehen der Augenbrauen und schien nach wie vor keineswegs verängstigt oder eingeschüchtert zu sein.  

„Ich warne Sie, Grindelwald, benehmen Sie sich!“, zischte er Auror mit kalter, drohender Stimme.

„Sonst?“, fragte Gellert forschend und drängte sich noch ein wenig enger an das Gitter heran, als wolle er sein Gegenüber regelrecht dazu auffordern, ihn anzugreifen. In seinem Blick lag ein Schalk und eine Kampfeslust, die er sich in seiner Position eigentlich gar nicht leisten konnte.

Der Auror funkelte ihn prüfend an. „Sie sind für einen Gefangenen deutlich zu aufmüpfig, Grindelwald. Wie vielen Wachen haben sie bereits versucht den Kopf zu verdrehen? Die Präsidentin hat mich aufgefordert, sollten Sie es nochmal versuchen, dafür zu sorgen, dass sie künftig gar nicht mehr sprechen.“

„Ist das so?“, fragte Gellert prüfend.

„Eine Zunge ist schnell entfernt, Grindelwald.“

Der Blick in Gellerts Augen wurde bohrend. „Es ist mutig von euch, mich als grausam zu bezeichnen, in Anbetracht dessen, was ich in den paar Wochen der Gefangenschaft bereits über mich ergehen lassen musste. Ich hätte nicht gedacht, den Cruciatus Fluch einmal durch die Hand eines Aurors zu erfahren. Und nun droht ihr mir damit, mir die Zunge rauszuschneiden, damit ich euch nicht mehr die Freiheit predigen kann, vor der ihr euch mit so viel Mühe verschließen wollt?“

„Sie haben uns keine andere Wahl gelassen, als den Fluch zu nutzen. Nie hatten wir einen derart unkooperativen Gefangenen, wenn es darum ging, Informationen zu erhalten. Zum Beispiel, was mit meinem Boss, Mr. Graves geschehen ist. Er war ein guter Mann, ich habe stets zu ihm aufgesehen und Sie haben nicht das Recht dazu, uns die Information vorzuenthalten, was Sie mit ihm getan haben.“

„Wenn ich Ihnen etwas nicht sagen möchte, dann werde ich es Ihnen auch nicht sagen. Egal zu welchen Mitteln Sie auch greifen mögen.“

Der Auror mahlte mit den Zähnen. „Ja, das ist mir nicht entgangen. Ich muss sagen, ein klein wenig bewundere ich Sie dafür, dass Sie selbst diesem Fluch trotzen konnten. Aber das lag sicher auch daran, dass uns die Präsidentin viel zu früh wieder die Erlaubnis dazu entzogen hat. Denn ich bin überzeugt, dass auch ihr Widerstand irgendwann brechen wird, wenn man nur hartnäckig genug ist.“ Der Auror lächelte mit einem sadistischen Funkeln in den Augen und hob den Zauberstab unmerklich ein Stück höher.

„Offiziell habe ich keine Erlaubnis dazu, aber der Cruciatus-Fluch hinterlässt keine körperlichen Spuren. Ich würde wirklich gerne wissen, was Sie mit dem Mann getan haben, dessen Posten ich nun eingenommen habe. Wenn Sie es darauf anlegen, kann ich die nächsten Stunden für Sie extrem schmerzhaft werden lassen. Und keiner wird davon erfahren.“

In dem Moment, in dem der Auror den Zauberstab angriffsbereit auf Gellerts Gesicht richtete, wurde es Albus zu viel. Er handelte, ohne lange darüber nachzudenken, denn niemand würde es wagen, Gellert zu foltern, schon gar nicht vor seinen Augen! Ehe der Gefangene auf die Drohung reagieren konnte, hob Albus seinen Zauberstab und schoss dem völlig unvorbereiteten Auror einen Schockzauber in den Rücken. Der Fluch riss ihn von den Füßen und ließ ihn zwei Meter weit über den Boden schlittern, bis er bewusstlos auf dem dunklen Stein liegen bleib. Dann war alles still. Für einen Moment stand Albus einfach nur da und betrachtete mit verkniffenen Zügen den Mann, der nun ohnmächtig auf dem kalten Boden lag, weil er ihn hinterrücks angegriffen hatte. Er sollte erschrocken über sich selbst sein, doch das war er nicht. Wenn Gellert in einer Sache wohl Recht behalten hatte, dann darin, dass auch in Albus ein nicht zu verachtender Hauch von Dunkelheit lauerte, ein Sprung im Spiegelglas des perfekten Menschen, den er seiner Umwelt gerne präsentierte.

Der Gefangene stand noch immer an das Gitter seiner Zelle gelehnt und selbst ihn schien Albus mit dieser Attacke überrascht zu haben. Doch der Moment währte nur kurz, dann hob er prüfend den Blick und ließ ihn durch die scheinbar menschenleere Halle vor seinen Augen gleiten. Eine senkrechte Denkfalte hatte sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet.

Albus kämpfte gegen den intensiven Wunsch an, sich einfach umzuwenden und zu verschwinden. Nun wusste Gellert mit absoluter Sicherheit, dass jemand hier war, der ihm gerade seinen Wachmann vom Hals geschafft und ihn vor der Folter bewahrt hatte. Der Zeitpunkt war da, sich ihm zu offenbaren und nach fast dreißig Jahren der Trennung wieder mit ihm zu sprechen. Albus trat wie von selbst einen Schritt auf die Gefängniszelle zu. Das gebrochene Herz in seiner Brust schien einen weiteren, schmerzhaften Riss zu bekommen, als er nach so langer Zeit wieder direkt in diese eiskalten Augen sah. Die Augen an die er einst sein Herz, seine Seele und sein Leben verloren hatte. Und in diesem Moment merkte er, dass er nichts davon je zurückbekommen hatte.

Gellert trat ihm instinktiv genau gegenüber, so nah, dass seine Nasenspitze beinahe die magische Barriere vor seinem Verlies berührte. Ein feines Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln. Er schwieg, so wie Albus. Wartete darauf, dass sein unsichtbarer Rächer sich ihm offenbarte. Doch Albus presste die Lippen zusammen. Er müsste nur den Mund öffnen und die bleierne Stille zwischen Ihnen endlich aufbrechen, doch als er es versuchte, kam kein Ton aus seiner zugeschnürten Kehle. Sein Herz verbrannte in einer Mischung aus Schmerz, Angst und Liebe. Diese lodernde, zerstörerische Liebe. Es hatte sich nichts geändert, all die Jahre lang…

„Willst du dich mir nicht zeigen?“, brach Gellert nach einer gefühlten Unendlichkeit das Schweigen.

Doch Albus blieb weiterhin still. Auch machte er keinerlei Anstalten, seinen Unsichtbarkeitszauber aufzuheben. Die Worte, die er nicht wagte auszusprechen, hingen in seiner Kehle und fanden einfach nicht den Weg nach draußen. Er war wie versteinert, als hätte ihn jemand mit einem Körperklammerfluch belegt. Der Moment zerrann wie Sand zwischen seinen Fingern und er schaffte es einfach nicht, sich Gellert zu zeigen und nach der Wahrheit zu fragen, für die er den ganzen Weg hierher auf sich genommen hatte. Irgendetwas in seinem Inneren brach in dem Moment, in dem er sich eingestand, dass er umsonst gekommen war. Er konnte Gellert nicht fragen, er brachte es einfach nicht über sich. Seine Angst war zu groß.

Ruckartig wandte er sich um, Schmerz und Selbstverachtung glühten in seiner Brust wie Feuer. Warum nur hatte der Sprechende Hut ihn nach Gryffindor, in das Haus der Mutigen gesteckt? Gerade im Moment kam er sich vor, wie der größte Feigling dieser ganzen, verdammten Welt. Was hatte er geglaubt? Dass er es wirklich über sich bringen würde, Gellert nach der Antwort zu fragen, vor der er sich so fürchtete, dass er schon seit Jahren nur noch ein Schatten seiner selbst war. Was also hatte ihm diese Begegnung nun gebracht? Außer das Gefühl, im nächsten Moment an den eigenen Emotionen zu ersticken? Er kämpfte gegen die Tränen, wollte einfach nur fort von hier, fort von Gellert und all den Erinnerungen, die er in ihm weckte. Erinnerungen an die schönste und gleichsam schlimmste Zeit seines ganzen Lebens. Er hätte niemals herkommen sollen.

Er war bereits zwei Schritte Richtung Treppen gegangen, als ihm plötzlich noch ein Gedanke durch den Kopf schoss. Er hielt inne, als seine Beine sich auf einmal weigerten, ihn gehen zu lassen. Zögerlich wandte er den Blick zurück zur Gitterfront der Zelle, wo Gellert noch immer an den Stäben stand und mit zunehmend verwirrtem Gesicht versuchte, das Verhalten seines unsichtbaren Besuchers zu durchschauen.

Albus schluckte an einem erstickenden Kloß in seiner Kehle vorbei. Das hier war vermutlich der letzte Moment, den sie miteinander teilen würden, ehe der MACUSA Gellert aus dem Leben riss. So selbstüberzeugt der Gefangene auch sein mochte, Albus wusste, dass selbst er, geschwächt und unbewaffnet, wie er war, wohl kaum eine Chance hatte, der Todesstrafe des Kongresses zu entkommen. Sein Blick glitt unwillkürlich zur Tür, die Gellerts Verließ verschloss und ihn in seiner Todeszelle festhielt. Mit einem Mal wurde das Bedürfnis, alle Vernunft fahren zu lassen, und ihn freizulassen, beinahe übermächtig.

Nein! Das durfte er nicht, daran durfte er noch nicht einmal denken! Er biss die Zähne so fest zusammen, dass seine Kiefer schmerzten.

Wie bitte sollte er es verantworten, einen derart gefährlichen Mann mutwillig wieder auf freien Fuß zu setzen, nur weil er noch immer Gefühle für ihn hatte, die er nicht haben sollte?

Gellert hatte völliges Chaos über ihr friedliches magisches Europa gebracht, zahlreiche Anschläge auf Ministerien verübt, einen Krieg mit den Muggeln provoziert und eine Unmenge an unschuldigen Leben auf dem Gewissen. Albus durfte ihn nicht befreien, denn im Grunde seines Herzens wusste er, dass Leonard und alle anderen, gegen die er sich im Pentagrammsaal aufgelehnt hatte, Recht hatten. Für die magische Welt war es am besten, wenn Grindelwald starb. Wie also kam Albus überhaupt dazu daran zu denken, ihn aus der Todeszelle zu holen? Hatte er denn nicht schon genug Schaden angerichtet, genug Schuld auf sich geladen, genug Leben zerstört? Er verfluchte die Präsidentin, die Welt, das Schicksal und sein eigenes Herz, aber er wusste, er hatte letztendlich keine Wahl, hatte sie nie gehabt. Er musste Gellert sterben lassen.

Dennoch wandte er sich mit einer eigentümlichen Entschlossenheit noch einmal um und trat mit zitternden Knien ein letztes Mal an die vergitterte Zelle heran. Es gab eine Sache, die er noch tun musste, weil der Moment hier wohl seine endgültig letzte Chance dafür sein würde. Egal was in der Vergangenheit passiert war, dieser Mann war einmal der einzige Inhalt seines Lebens gewesen, hatte Albus innerhalb von zwei kurzen Monaten den Himmel und die Hölle zugleich gezeigt. Albus hätte alles für ihn getan, er wäre ihm ohne zu zögern in den Krieg, in den Tod und darüber hinaus gefolgt. Er hatte ihn so geliebt, dass er fast daran zerbrochen war und ein Teil von ihm liebte ihn noch immer. Niemand auf dieser Welt konnte ihm verbieten hier und jetzt das nachzuholen, was er vor so vielen Jahren nicht mehr hatte tun können. Abschied zu nehmen.

Seine Kehle war so eng, dass er kaum noch atmen konnte. Er trat direkt an die Zelle heran und sah der größten und einzigen Liebe seines Lebens in das misstrauisch verzogene Gesicht. Langsam streckte er die zitternde Hand aus und berührte damit die flimmernde Barriere vor Gellerts Gitterstäben. Seine Finger durchbrachen die magische Membran, als bestünde sie aus Wasser, und passierten sie völlig unversehrt. Der Schutzzauber wirkte nur in eine Richtung.

Er würde sich nicht durch Worte verabschieden, denn der andere Mann kannte seine Stimme und Albus wollte nicht erkannt werden. Sein Abschied sollte nichts weiter sein, als eine schlichte, hauchzarte Berührung, eine letzte Erinnerung für die Ewigkeit.

Innerhalb eines einzigen Wimpernschlags, der sich bis in die Unendlichkeit auszudehnen schien, legte Albus seine Hand auf die von Gellert, die auf einer der Querverstrebungen der Gitterstäbe lag. Als der Gefangene die unerwartete Berührung spürte, zuckte er für einen Moment zusammen, zog sich aber nicht zurück. Stattdessen richtete er den Blick hinab auf Albus‘ unsichtbare Finger, die gerade hauchzart die Seinen berührten. Das war der Moment, in dem Albus die Erkenntnis auf sein Gesicht treten sah. Verblüfft hob der Gefangene den Blick und sah seinem unsichtbaren Gegenüber direkt ins Gesicht.

„Albus…?“

Seine Stimme war ein Flüstern, kaum wahrnehmbar und sachte wie der Wind in den Baumkronen. Sie zeigte Albus, dass es zwecklos war. Gellert erkannte ihn durch die bloße Berührung ihrer Haut. Nichts auf dieser Welt konnte ihn vor diesem Mann verbergen, was immer sie verband, es war auch nach all den Jahren noch da. Das Herz in seiner Brust brach auseinander und seine Seele schrie, zerrissen zwischen Liebe, Schmerz und Vernunft. Doch er selbst schwieg noch immer. Er würde Gellert die erwünschte Bestätigung nicht geben.

Die Sekunden gefroren zu Ewigkeiten, als sie sich stumm gegenüberstanden, verbunden durch eine kaum wahrnehmbare Berührung ihrer Hände. Doch als Gellert seine Handfläche nach oben kehren und Albus‘ Finger mit den Seinen verschränken wollte, löste der die zarte Berührung. Er zog sich mit blutendem Herzen hinter die magische Barriere zurück, dorthin wo Gellert ihm nicht folgen konnte. Ein Hauch von Schmerz und Kränkung zuckte über dessen Gesicht, als er den Blick hob. Er sagte nichts mehr. Er hatte akzeptiert, dass Albus nicht mit ihm sprechen würde, dass er alles, was seit Jahren unausgesprochen zwischen ihnen schwebte, in diese kurze Berührung ihrer Hände gelegt hatte.

Albus trat mit glänzenden Augen zurück. Es tut mir Leid, wisperte er in Gedanken und wandte sich zum Gehen.

Mit einem kurzen Wisch seines Zauberstabs belegte er den bewusstlosen Auror mit einem Vergessenszauber und einer guten Portion Verwirrung, um ihn nach dem baldigen Erwachen glauben zu lassen, er sei im Dienst eingeschlafen. Einzig und allein der Gefangene würde wissen, dass ein Unsichtbarer hier gewesen war und Abschied genommen hatte, von einem Menschen, der ihm einmal die Welt bedeutet hatte. Albus wandte sich nicht mehr um, als er mit zitternden Knien in der Dunkelheit des Kellergewölbes verschwand und Gellert seinem Schicksal überließ. Ihn und die Wahrheit, die er womöglich bei sich trug. Die Würfel waren gefallen. Er hatte sich für die Unwissenheit entschieden.
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