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Das Leben des Albus Dumbledore

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald
21.08.2019
20.04.2020
15
55.764
21
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31 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
14.09.2019 4.332
 
Hallo ihr Lieben :)

anbei das nächste Kapitel und der erste Rückblick in Albus‘ Vergangenheit. Kapitel die in der Vergangenheit spielen werde ich im Titel mit Sternchen einrahmen und den Text kursiv schreiben, damit hier keine Unklarheiten entstehen :)

Danke an Lilo für die Beta!

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August 1891

Mould-on-the-Wold



Der Bauklotz hing in der Luft, als würde er von unsichtbaren Fäden gehalten. Die gelbe Farbe auf der viereckigen Holzfläche schimmerte im warmen Sonnenlicht, das durch das große Fenster ins Kinderzimmer hineinfiel. Inmitten eines Sammelsuriums aus Bauklötzen, Spielzeugzauberstäben und Kissen saß ein zehnjähriger Junge, der die Hände Richtung Decke gekehrt hatte und den Bauklotz ein paar Zentimeter darüber in der Luft schweben ließ. Er musste sich höllisch konzentrieren und dennoch platzte er beinahe vor Stolz darüber, dass es ihm inzwischen tatsächlich gelang, kleine Gegenstände für mehr als zwei Sekunden in der Luft zu halten. Seine hellblauen Augen funkelten vor Triumphgefühl und ein breites Grinsen lag auf seinem schmalen Gesicht. Ihm gegenüber saß sein kleiner Bruder, die kastanienbraunen Haare zerzaust, die blauen Augen weit geöffnet, teils aus Bewunderung, teils aus Neid.

„Wie machst du das, Albus?“, fragte er mit grummelnder Stimme und musterte den schwebenden Bauklotz missbilligend. Sein Name war Aberforth und er war von klein auf daran gewöhnt gewesen, im Schatten seines überdurchschnittlich begabten, großen Bruders aufzuwachsen. Während Albus in kleinsten Kindesalter schon allerhand ungewöhnlicher Dinge hatte geschehen lassen, war Aberforths bisher größte übernatürliche Errungenschaft, einmal in einem Wutanfall eine Milchkanne zerplatzen zu lassen. Seine magischen Fähigkeiten hielten sich in noch sehr überschaubaren Grenzen.



Was Albus auf leicht selbstsüchtige Weise recht war. Er war das älteste von drei Kindern und das war kein leichtes Los. Wenn irgendetwas zwischen den Geschwistern schieflief oder er und Aberforth sich mal wieder stritten, dass die Fetzen flogen, war grundsätzlich er der Schuldige. Denn er war ja der Älteste der aufgekratzten Rasselbande und hatte gefälligst vernünftig zu sein. Seine, für ein Kind seines Alters, geradezu überragende Magie war inzwischen fast das einzige, was ihm noch ein wenig Aufmerksamkeit seitens seiner Eltern entgegenbrachte. Denn er war im Gegensatz zu seinem aufbrausenden Bruder und seiner leicht hyperaktiven kleinen Schwester so still und unauffällig, dass man ihn im permanenten Tohuwabohu leicht übersah. Meist saß er auf seinem Bett, oder im Garten auf seinem Baumhaus und war in ein dickes, kompliziertes Buch vertieft, das er in seinem Alter weder interessant finden, noch verstehen sollte. Seine Eltern hatten sich inzwischen daran gewöhnt, dass er sich lieber mit fortschrittlicher Magie beschäftigte, anstatt mit seinen Geschwistern über Wiesen zu toben und verstecken zu spielen. Albus war ein Einzelgänger, wie er im Buche stand. Was nicht daran lag, dass er anderen Kindern gegenüber prinzipiell abgeneigt war. Er litt sehr unter seiner geistigen Einsamkeit, war ein Sonderling in einer Welt, in der er sich weder heimisch, noch verstanden fühlte, nicht einmal im Kreise seiner Familie. Und sein einfältiger Bruder war das beste Beispiel dafür.



Schnaubend erhob Aberforth sich. „Ich geh zu Ariana, die spielt wenigstens mit mir, im Gegensatz zu dir“, schmollte er und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. Albus hörte ihn nicht einmal, er war viel zu beschäftigt damit, den ins Trudeln geratenen Klotz wieder in seine Ausgangslage zu befördern. Es gelang ihm nicht. Mit einem Poltern schlug er auf dem Parkettboden zwischen seinen bunten Artgenossen auf.



„Verdammt!“ Wütend ließ Albus die Hände in seinen Schoß fallen und funkelte seinen Bruder an. „Du hast mich abgelenkt!“



Ehe Aberforth polternd zurückschimpfen konnte, tauchte plötzlich ein zartes, blondes Mädchen im Türrahmen hinter ihm auf und musterte die beiden Jungen mit offener Neugierde in den riesengroßen, blauen Augen. „Hat Albus wieder was fliegen lassen?“, fragte sie Aberforth und ein Leuchten trat in ihren Blick. Ohne eine Antwort abzuwarten, schob sie sich an ihrem Bruder vorbei und rannte zwischen Bauklötzen und diversem anderen Holzspielzeug auf den am Boden sitzenden Albus zu. „Bringst du mir heute endlich bei, wie das geht?“, fragte sie aufgeregt und ihre Augen strahlten begeistert auf ihren ältesten Bruder hinab.

Genervt hievte Albus sich auf die Beine. Inzwischen belagerte Ariana ihn fast täglich und bettelte ihn an, ihr ein paar seiner Zauberkunststücke beizubringen, ungeachtet der Tatsache, dass sie erst sechs Jahre alt und noch viel zu jung zum Zaubern war. Aber Ariana war, ähnlich wie Albus, für ihr zartes Alter bereits unheimlich begabt, wirkte mehr Magie als Aberforth und machte Anstalten, womöglich bald in die Fußstapfen ihres großen Bruders zu treten. Doch ihre Magie war noch ungerichtet und kaum kontrollierbar. Sie konnte ihre Kräfte noch nicht willentlich wirken und hoffte, dass ihr großer Bruder ihr dabei unter die Arme greifen würde. Doch Albus hatte darauf herzlich wenig Lust. Auch wenn er sich bei diesem Gedanken merkwürdig albern fühlte, es gefiel ihm nicht, dass Arianas Fähigkeiten drohten, den Seinen ebenbürtig zu werden. Es kam ihm vor, als würde sie in seinen Bereich eindringen und ihm das, was ihn von seinen Geschwistern abhob und ihn zu etwas Besonderem machte, auch noch wegnehmen.



„Nein, Ariana, ich habe keine Zeit“, antwortete er schroff, griff nach dem dicken Buch über Grundlagen der Zaubersprüche, das neben ihm am Boden lag und hob es hoch. Gekränkt sah seine kleine Schwester ihn an, Tränen traten in ihre Augen.

„Natürlich hast du Zeit, du willst nur einfach nicht!“, schimpfte sie und blitzte ihren großen Bruder zornig an. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, schob Albus sich an ihr vorbei in den Flur hinaus.



„Du bist total doof, Albus!“, hörte er Ariana in seinen Rücken zetern, doch er drehte sich nicht mehr nach ihr um. Er hatte jetzt schlichtweg keine Lust, sich mit seinen Geschwistern zu befassen, weder mit Aberforth, noch mit Ariana. Stattdessen wollte er lieber ein wenig lesen und ein paar neue Zaubersprüche lernen, auch wenn er bisher noch nicht einmal einen Zauberstab besaß, um sie zu wirken. Schon jetzt zählte er die Tage, bis er endlich nach Hogwarts, die weltweit berühmte britische Schule für Magie gehen, und dort zaubern lernen durfte.

Mit seinem Buch bewaffnet schlenderte Albus Richtung Wohnzimmer, wo seine Mutter ihm entgegenkam. Kendra Dumbledore war eine hübsche Frau, mit rabenschwarzen, langen Haaren, die sie an ihrem Hinterkopf hochgesteckt hatte, und warmen, braungrünen Augen. Die Farbe ihrer Haut war von einer schönen, natürlichen Bräune, die auf ihre indianischen Wurzeln hindeutete. Sie trug ein fliederfarbenes Kleid, das ihre schlanke Figur betonte und zahlreiche Armreifen klimperten an ihrem Handgelenk.



„Albus, Schatz, hast du deinen Bruder gesehen?“, fragte sie liebevoll, als sie ihren ältesten Sohn erblickte. Der Junge nickte stumm Richtung Kinderzimmer, wo er seine zwei jüngeren Geschwister gerade zurückgelassen hatte.

„Du solltest mehr Zeit mit deinem Bruder und deiner Schwester verbringen, Albus“, wies Kendra ihn tadelnd zurecht, als er sich mit seinem Buch an die Brust gepresst, an ihr vorbei schob. „Magst du mitkommen? Ich muss mit Aberforth in die Stadt zum Einkaufen. Er hat gestern schon wieder eine Hose zerrissen und wenn ich sie jetzt nochmal mit Magie flicke, fällt sie ihm nächstes Mal vermutlich völlig auseinander. Wir könnten bei der Gelegenheit auch gleich nach etwas Brauchbarem für dich suchen, damit du mal wieder ein wenig rauskommst.“



Doch Albus schüttelte stumm den Kopf. Gerade im Moment verspürte er das geradezu überwältigende Bedürfnis, einfach alleine zu sein. Kendra seufzte leise, als ihr Sohn sich abwandte und mit seinem Buch zur Terassentür ging, sie aufschob und im Garten dahinter verschwand. Sie sagte nichts mehr. Sie war es gewohnt.



Kurz darauf saß Albus auf dem baumhausähnlichen Bretterverschlag, den sein Vater ihm vor zwei Jahren in den großen Apfelbaum des Gartens eingebaut hatte, und war voll und ganz in das aufgeschlagene Zauberbuch, das vor ihm auf den Holzbrettern lag, vertieft. Es war eigentlich nicht einmal ein Baumhaus, sondern vielmehr ein in die Äste eingebautes Plateau, das bequem durch eine Strickleiter erreichbar war. Das warme Licht der Sonne fiel durch die vereinzelten Lücken des Blätterkleids und malte flimmernde Lichtspiele über die Holzplatten und den Jungen, der darauf saß. Die Luft roch nach Sommer und Albus liebte diesen Geruch. Ein leichter Wind pfiff durch die Blätter, verfing sich in seinen langen, braunen Haaren und schien sanft die Haut seines Gesichts zu streicheln. Es gab keinen Ort auf dieser Welt, wo er sich so wohl fühlte, wie hier oben in seinem Lieblingsbaum, mit einem Buch in der Hand und dem Geruch der Natur in der Nase. Hier oben konnte er die Welt und alles, was ihn daran störte, vergessen.



Ein raschelndes Geräusch am Fuße seines Apfelbaums riss ihn plötzlich aus seinen Gedanken. Fast befürchtete er, Aberforth oder Ariana missachteten seine Anweisung, ihn in Frieden zu lassen, erneut und machte sich schon für eine ausladende Schimpftirade bereit, als an der Kante des hölzernen Bodens plötzlich das milde Gesicht seines Vaters auftauchte. „Hallo Sohnemann!“, begrüßte er ihn und lächelte.



„Dad!“, freute Albus sich, und klappte sein Buch zu, während sein Vater zu ihm hinaufkletterte und dabei aufpassen musste, dass er sich bei seiner Größe nicht den Kopf an den Ästen über ihnen stieß. Im Schneidersitz ließ er sich gegenüber seinem ältesten Sohn nieder und schenkte ihm ein liebevolles Lächeln. Alle Kinder der Familie kamen viel mehr nach ihrem Vater, als nach ihrer Mutter. Percival Dumbledore war hochgewachsen und schlank, hatte lange, blonde Haare und einen gepflegten, sehr kurz gehaltenen Vollbart. Seine strahlenden, hellblauen Augen, hatte er an alle drei seiner Sprösslinge weitergegeben. Er war gutaussehend, respekteinflößend und bekleidete im Ministerium für Zauberei einen relativ hohen Posten in der Abteilung für internationale magische Zusammenarbeit. Albus verspürte seit jeher den großen Wunsch, eines Tages so zu sein, wie er.



„Wo wärst du nur den ganzen Tag, wenn ich dir dieses Plätzchen in den Bäumen nicht gebaut hätte?“, fragte Percival liebevoll und wuschelte Albus durch die Haare.

„Hat Mum dich geschickt?“, fragte der und musterte seinen Vater prüfend, doch der schüttelte den Kopf. „Deine Mum ist vor ein paar Minuten mit deinem zeternden Bruder zum Einkaufen gegangen und Ariana spielt vorne im Garten. Ich werde gleich mal nach ihr sehen. Aber vorher wollte ich mich noch ein wenig mit dir unterhalten, Albus, von Mann zu Mann.“



Der Junge hob alarmiert den Kopf. Hatte er etwas ausgefressen? Doch der Blick seines Vaters war weder tadelnd noch vorwurfsvoll, als er seinem Sohn in die Augen sah. Stattdessen glänzte eine unterschwellige, väterliche Besorgnis in seinem Blick.



„Geht es dir gut, mein Junge? Du scheinst mir von Tag zu Tag verschlossener und in dich gekehrter zu werden. Das macht deiner Mutter und mir langsam Sorgen.“



Albus seufzte. War ja klar gewesen, dass es wieder darauf hinauslaufen würde. Er hatte dieselbe Diskussion schon gefühlte hundert Mal mit seiner Mutter geführt. Doch Percival ließ sich von Albus’ ablehnender Reaktion nicht abschrecken und sprach ungerührt weiter. „Du triffst dich nicht mit Gleichaltrigen zum Spielen und deine Geschwister meidest du auch. Wann immer ich dich sehe, sitzt du mit einem deiner Bücher hier oben und bist so unsichtbar wie ein Demiguise.“ Als Albus zu einer aufbrausenden Antwort ansetzte, hob sein Vater beschwichtigend die Hand und gebot ihm zu schweigen. Die wütenden Worte blieben Albus im Hals stecken.



„Ich sage das nicht, weil ich dich ändern will, Albus, du musst ganz allein selbst wissen, was gut für dich ist. Ich würde nur einfach gerne wissen, ob es dir gut geht. Ob du glücklich bist, oder ob dir etwas fehlt. Neben deinen Geschwistern bist du häufig völlig unsichtbar und forderst unsere Aufmerksamkeit viel weniger, als zum Beispiel dein Bruder. Aber das muss nicht zwangsläufig heißen, dass es dir auch gut geht. Deshalb frage ich dich jetzt ganz direkt und würde mich freuen, wenn du ehrlich zu mir bist: Geht es dir gut, mein Sohn?“



Albus starrte ihn an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Vater auf einmal ein derart direktes Gespräch mit ihm suchen würde und ihn dabei nicht nur tadelte, sondern wirklich nach seinem Befinden fragte. Er wusste erst gar nicht, was er antworten sollte. Wie sollte er in Worte kleiden, wie er sich fühlte, wo er sich doch selbst kaum verstand? Dann ließ er den Blick sinken und begann zögerlich zu sprechen.



„Ich weiß nicht, ich…“ Er zögerte, suchte die richtigen Worte. „Ich fühle mich allein. Ich habe oft im Gefühl, dass mich niemand auf der Welt versteht.“ Er dachte an die gleichaltrigen Zaubererkinder aus der Nachbarschaft, die sich nicht im Geringsten für Ihre erwachende Magie interessierten, sondern ihre Zeit lieber damit verbrachten, sich gegenseitig sinnfreie Streiche zu spielen, oder sich irgendwelche Geschichten aus Märchenbüchern vorlesen zu lassen. Jeder Versuch der gegenseitigen Kontaktaufnahme zwischen ihnen und Albus hatte stets in beidseitiger Ernüchterung geendet. Zum Schluss hatten die anderen Albus immer für einen eigentümlichen Langweiler gehalten und Albus die anderen schlichtweg für doof. Was, wie er inzwischen wusste, nicht zwangsläufig stimmte. Er dachte nur einfach so ganz anders, als jedes andere Kind im Dorf und das war kein leichtes Los. Tommy Sheer, der drei Straßen weiter lebte und der Sohn eines Aurors und einer Gemüsehändlerin war, hatte ihn vor ein paar Wochen sogar als „abnormal“ beschimpft, obwohl Albus nicht einmal wusste, was er getan hatte, um diese Bezeichnung zu verdienen. Doch der Vorwurf, hatte ihn in stillen Augenblicken viel mehr beschäftigt, als er sich eingestehen wollte. Und erst recht dazu geführt, dass er sich zuhause verkroch und die Gesellschaft anderer mied.



„Dad?“, fragte er geradeaus und sah seinem Vater in die Augen. „Bin ich wirklich so anders? Bin ich wirklich… abnormal?“

Percival zog die Augenbrauen zusammen. „Wer hat das gesagt?“, fragte er forschend und Albus zuckte etwas hilflos die Schultern. „Das scheinen sie alle über mich zu denken. Ich weiß noch nicht einmal wirklich warum, ich…“ Er brach ab. Sein Vater rutschte näher und legte seinem ältesten Sohn die großen Hände auf die Schultern. „Du bist, wie du nun einmal bist, Albus. Und glaub mir, egal was die anderen über dich sagen, du bist genau richtig.“ Albus sah seinen Vater verblüfft an, doch in seiner Brust breitete sich eine sachte, glückliche Wärme aus. Percival lächelte. „Du bist mein Sohn und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht stolz auf dich bin, auch wenn ich es dir vielleicht nicht sooft zeige, wie ich gerne würde. Das tut mir Leid. Meine Arbeit und deine jüngeren Geschwister verschlingen leider sehr viel von meiner Zeit. Aber bitte lasse dir von den Anderen nicht einreden, dass du langweilig, oder komisch, oder gar abnormal bist. Du bist außergewöhnlich. Eine Eigenschaft, die gerade unter Kindern leider nur sehr wenig gewürdigt wird.“



„Was meinst du mit außergewöhnlich?“, fragte Albus, in der Hoffnung ein wenig Zuspruch zu bekommen.

Sein Vater wandte für einen Moment den Blick ab und ließ ihn gedankenverloren über die sonnengeküsste Landschaft jenseits ihres Gartens streifen. Vögel zogen ihre Kreise über üppigen Getreidefeldern und in der Ferne schimmerte ein kleiner Fluss im Licht der Nachmittagssonne.



Dann begann er zu erzählen: „Weißt du, Albus, niemand kann sagen, ob es stimmt, aber innerhalb unserer Familie halten sich die Gerüchte hartnäckig, dass wir in fast direkter Linie von Merlin, dem größten Zauberer aller Zeiten, abstammen.“

Albus sah seinen Vater mit großen Augen an. „Von Merlin? Das hast du mir nie erzählt!“ Percival zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt, es ist ein hartnäckiges Gerücht, dessen Wahrheitsgehalt sich schon lange nicht mehr nachprüfen lässt. Und letztendlich ist es auch egal, denn was sagt schon die Erblinie aus? Darauf möchte ich gar nicht hinaus. Ich will dich lieber fragen, was du über Merlin weißt?“



Albus sah ihn verblüfft an und verstand gar nicht, warum sein Vater dem Gerücht nicht nachging. Wenn das wirklich wahr war, dann…



„Albus!“, wies Percival ihn zurecht, als er seinem Sohn die abschweifenden Gedanken wohl an der Nasenspitze ansah. „Beantworte bitte meine Frage.“



Grummelnd verdrängte Albus die Gedanken an seinen möglichen Stammbaum und begann stattdessen, seinem Kopf nach Informationen über den größten Zauberer der Geschichte zu durchforsten.



„Er war in Slytherin“, nannte er die erste Information, die ihm in den Sinn kam. Sein Vater nickte zufrieden. „Weiter?“



Albus legte die Stirn in Falten und überlegte. „Er hat am Hof von König Arthus gedient.“ Sein Vater nickte erneut und lächelte angetan.



„Er…“, fuhr Albus zögerlich fort und überlegte. „Hat den Orden der Merlin gegründet und sich für Muggel eingesetzt.“ Percival nickte ein weiteres Mal, schien aber noch immer nicht da angekommen zu sein, wo er hin wollte. Albus überlegte weiter und langsam gingen ihm die Ideen aus.



„Er wird der Prinz der Magier genannt!“, fiel ihm plötzlich noch ein und am Gesicht seines Vaters sah er, dass Percival offenbar genau dahin wollte. „Sehr gut, Junge“, lobte er ihn grinsend. „Und jetzt denke an den Mann, den man heute noch Prinz der Magier nennt und überlege dir, wie er wohl war, als er noch ein Kind in deinem Alter war? Womit meinst du, hat er seine Zeit verbracht? Wie die anderen Kinder, beim Spielen und Toben? Oder wie du, mit einem Buch, das ihn bereits unterrichtet hat, bevor er überhaupt zur Schule ging?“



Albus sah seinen Vater mit großen Augen an, dann breitete sich plötzlich ein breites Lächeln  auf seinem Gesicht aus.



„Du meinst, Merlin war wie ich?“



„Oh, ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass Merlin war, wie du. Meinst du ihn haben seine Altersgenossen als normal bezeichnet, als er so alt war, wie du es jetzt bist? Und was meinst du, wie sie später über ihn dachten, als er zum berühmtesten Zauberer aller Zeiten wurde. Denkst du, sie haben dann noch über ihn gelacht? Meinst du, sie haben die Fähigkeiten, die mit seiner etwas eigentümlichen Art einhergingen, irgendwann, als er dem Land an der Seite des Königs den Frieden gebracht und die schwarze Hexe Morgana besiegt hat, nicht zu schätzen gewusst?“



Sein Vater drückte Albus die Hände aufbauend in die Schultern und lächelte ihn tröstlich an. „Lass dir von niemandem auf dieser Welt sagen, dass du nicht richtig bist, so wie du bist. Jeder Mensch ist individuell und jeder hat seine ganz eigenen, besonderen Fähigkeiten und das ist gut so. Du jedoch hast das Glück, dass du mit sehr vielen besonderen Fähigkeiten gesegnet wurdest, als du zur Welt kamst. Das ist kein Fluch, sondern ein Geschenk. Irgendwann wirst du lernen, es zu schätzen.“



Percival lächelte, rutschte noch etwas näher an seinen Sohn heran und legte ihm den Arm um die Schultern, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. „Ich bin mir sicher, dass du einmal zu einem großen, bedeutsamen Mann heranwachsen wirst, Albus. Vielleicht wird aus dir ein Zauberer werden, an den sich die Zaubererschaft noch in Jahrhunderten erinnern wird. Ich weiß, wir schenken dir oft zu wenig Aufmerksamkeit, aber wir lieben dich über alles und ich bin mir sicher, dass du deine Mutter und mich eines Tages sehr stolz machen wirst.“



Er gab dem leicht überrumpelten Albus einen kratzigen Kuss auf die Stirn. Eine unbeschreibliche Wärme erfüllte sein Herz und vertrieb die dunklen Schatten aus seinen Gedanken. Dann schlang er glücklich die Arme um die Schultern seines Vaters und presste sich an seinen starken Körper. „Danke Dad“, flüsterte er in Percivals blonde Mähne hinein. „Ich hoffe, du hast Recht… Ich will einmal ein ganz großer Zauberer werden und die Welt zu einem besseren Ort machen. Denkst du wirklich, ich schaffe das?“



Percival lachte leise ins Ohr seines ältesten Sohnes. „Ich bin mir sicher, dass ein Junge wie du alles schaffen kann, wenn er es möchte. Eine Sache jedoch darfst du niemals vergessen, Albus.“ Percival legte die Hände an die Schultern seines Sohnes und schob ihn mit sanfter Gewalt zurück, um ihm ins Gesicht sehen zu können. „Dich selbst.“



Albus sah ihn mit großen, fragenden Augen an. „Mich selbst?“



„Ich weiß, du bist ein wenig jung für diesen Vortrag, aber ich will dir jetzt schon einmal die Augen öffnen und dich warnen, damit du meinen Rat schon früh beherzigen kannst. Du sagst du fühlst dich einsam. Mach bitte nicht denselben Fehler, den vor dir bereits viele große Magier gemacht haben. Lass nicht zu, dass diese Einsamkeit dein Leben bestimmt.“



„Aber was soll ich denn tun, wenn alle um mich herum so anders sind?“, fragte Albus mit einem Hauch von Trotz in der Stimme.



„Selbst du, mein außergewöhnlicher Sohn, bist nicht völlig alleine auf dieser Welt. Wenn du deinen Mitmenschen nicht von Vornherein die kalte Schulter zeigst, dann wirst du das irgendwann merken.“ Percival lächelte über den völlig verdutzten Blick seines Sohnes. „Du wirst bald nach Hogwarts gehen und dann viel mehr Kontakt zu anderen jungen Hexen und  Zauberern haben, als jetzt. Wenn du ihnen offen begegnest und dich nicht einigelst, wirst du früher oder später selbst erkennen, dass das Leben aus so viel mehr, als nur aus Zauberei besteht.“



„Wie meinst du das?“, fragte Albus mit erhitzten Wangen und riesengroßen blauen Augen. Sein Vater wuschelte ihm als Antwort liebevoll durch die Haare, doch Albus versuchte ihm auszuweichen. „Bitte, Dad!“, bat er und versuchte die Hand seines Vaters festzuhalten, was ihm nur dürftig gelang.



Percival räusperte sich. „Hör mir genau zu, mein Sohn, und behalte meine Worte im Hinterkopf: Wenn du in die Schule kommst, wirst du dort ebenfalls auf Menschen stoßen, die dich verändern wollen, aber lass dich auch dort keinesfalls von ihnen beeinflussen. Wenn die Flut kommt, schwimme dagegen an, denn es gibt auf dieser Welt nichts, das wichtiger ist, als sich selbst treu zu bleiben. Egal was andere denken und sagen. Aber bedenke, es gibt im ganzen Land keinen Ort, an dem so viele Jungmagier zusammenkommen wie in Hogwarts. Irgendwo unter ihnen, werden welche sein, die erkennen, was in dir steckt und deine Gesellschaft suchen werden. Mitschüler, die dich schätzen werden, genauso wie du bist. Und, auch wenn du mir das momentan vielleicht noch nicht glauben magst, ich bin mir sicher, irgendwann wirst auch du den einen Menschen finden, der dir gleicht und der dein Leben daraufhin grundlegend verändern wird.“



Albus sah hin skeptisch an. „Glaubst du wirklich, Dad?“



Percival lächelte. „Ich wünsche mir für dich, dass selbst du, der du bisher nur zwischen den Seiten deiner Bücher lebst, in der Schule nicht nur lernen wirst, wie du deine Magie perfektionieren kannst, sondern auch, was wahre Freundschaft ist. Und irgendwann, wenn du älter bist, vielleicht sogar, was Liebe ist.“



Albus klappte der Mund auf, dann schüttelte er heftig den Kopf. Nein! Nie im Leben konnte er sich vorstellen, sich jemals in irgendjemanden zu verlieben. Er wollte das gar nicht! Er wollte nicht, dass es für ihn jemals jemanden geben könnte, der ihm wichtiger sein würde, als sein Ehrgeiz.



„Ich werde mich nicht verlieben, Dad, ich will das gar nicht!“, antwortete er trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust. „Kein Mädchen könnte für mich jemals interessanter sein, als die Zauberei!“

Percival lächelte sanft und wuschelte seinem Sohn ein letztes Mal durch die Haare, ehe er sich erhob.



„Wer sagt denn, dass es unbedingt ein Mädchen sein muss?“, fragte er geheimnisvoll, zwinkerte auf Albus herab und wandte sich dann der Strickleiter zu. „Ich werde mal nach Ariana sehen“, sagte er, schwang sich die Leiter herab und ließ einen völlig verdutzten Albus auf seinem Baumhaus zurück. Fassungslos dachte er über die letzten Worte seines Vaters nach und versuchte zu erfassen, was er ihm hatte sagen wollen. Er wurde nicht schlau daraus.



„Dad!“, rief er und robbte gerade hastig an den Rand des hölzernen Plateaus heran, um seinen Vater aufzuhalten, als jenseits des Hauses, irgendwo Richtung Vorgarten plötzlich ein panischer Schrei zu vernehmen war. Albus und sein Vater, der gerade das untere Ende der Strickeiter erreicht hatte, wandten alarmiert die Köpfe. Ein weiterer Schrei drang an ihre Ohren, voller Panik, Schmerz und Todesangst. Albus gefror das Blut in den Adern, als er die Stimme erkannte.



„ARIANA!“, brüllte Percival am Fuße des Baumes und rannte los. Albus saß oben auf seinem Baum und starrte für einen Moment völlig versteinert seinem Vater nach. Irgendetwas war gerade geschehen, irgendetwas ganz Schreckliches, dessen war er sich plötzlich merkwürdig sicher, als er einen Augenblick später selbst von seinem Baum herabkletterte, um Percival nachzufolgen. Panik erfüllte ihn, als er durch den Garten rannte und seine Schwester ein weiteres Mal schreien hörte. Doch noch ahnte er nicht, dass dieser panische Schrei sein Leben und das seiner ganzen Familie für immer verändern sollte.

***

Zurück in der Gegenwart stand der fünfundvierzig Jahre alte Albus Dumbledore noch immer am Fenster seines einfachen Hotelzimmers und betrachtete das Foto seiner kleinen Schwester, die nie erwachsen geworden war. Die Erinnerung an sie und den Rest seiner zerstörten Familie tat noch immer höllisch weh. Er dachte nicht oft an seinen Vater, weil er ahnte, der Mann, zu dem er einst so aufgesehen hatte, ihn verachten würde, für das was damals geschehen war. Er war noch immer erschrocken darüber, wie gut sein Vater ihn bereits gekannt hatte, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Er hatte gewusst, wie sein Sohn fühlte, lange bevor er überhaupt vom Kind zum Mann geworden war. Und er hatte immer geglaubt, dass aus Albus einmal ein großer Mann werden würde, jemand auf den man stolz sein konnte. Doch inzwischen war Percival Dumbledore seit Jahrzehnten tot. Und Albus hatte schon in jungen Jahren unendliches Leid über die Familie gebracht, Leid das seine Eltern ihm vermutlich niemals verzeihen würden, hätten sie es noch miterlebt. Leid, das er sich selbst niemals verzeihen würde. Egal wie lange er sich der Vergangenheit verschloss, er konnte die durch seine Missachtung ebenso wenig ändern, wie wenn er sich ihr endlich, endlich stellte. Vielleicht war der Zeitpunkt dazu nun endlich gekommen…

Mit schmerzendem Herzen schloss Albus das Medaillon in seiner Hand und steckte es zurück unter sein Hemd. Schwer ruhte es auf seiner Brust, direkt auf seinem dumpf schlagenden Herzen.

Und in diesem Moment stand sein Entschluss fest. Er schloss mechanisch das Fenster, wandte sich um und verließ mit wehendem Umhang sein karges Hotelzimmer. Wie fremdgesteuert stürzte die Treppe herab, als befürchte er, es sich auf halbem Weg doch noch einmal anders zu überlegen. Sein Herz sprengte ihm fast den Brustkorb, aber sein Kopf war merkwürdig leer, seine Gedanken wie ausgelöscht. Eine Leere, die er sich selbst aufzwang. Denn er wusste, sobald er begann nachzudenken, würde er sofort wieder umdrehen und die Vergangenheit zusammen mit der größten und einzigen Liebe seines Lebens sterben lassen.

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Ob Albus es wirklich durchzieht? Und wie es ihm wohl geht, wenn er Grindelwald wiedersieht?
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