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Das Leben des Albus Dumbledore

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald
21.08.2019
20.04.2020
15
55.764
21
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10.09.2019 1.421
 
Die Nacht lag dunkel über den Dächern von New York. Kalte Dezemberluft wehte Albus seine langen Haare aus der Stirn, als er am geöffneten Fenster stand und den Blick über die Dächer der Metropole gleiten ließ. In vielen der hohen Gebäude waren vereinzelte Fenster noch erleuchtet, auf dem Boden eilten Menschen geschäftig über die Straße, Automobile warfen das warme Licht ihrer Scheinwerfer über das feucht schimmernde Kopfsteinpflaster. Das hier war die Stadt, die niemals schlief und sie wurde ihrem Namen gerecht. In der Ferne erklangen die sanften Gitarrenklänge eines verirrten Straßenmusikanten und ein verliebtes Pärchen schlenderte Arm in Arm auf der gegenüberliegenden Seite des Bürgersteigs entlang. Dafür, dass es bereits fast elf Uhr abends war, herrschte auf den Straßen noch reger Betrieb.

Albus atmete tief ein. Die Luft roch nach Schnee und die Kälte kribbelte in seinen Nasenflügeln. Er beobachtete die vereinzelten Schneeflocken, die momentan spärlich vom Himmel fielen und auf dem Boden sofort zu kaltem Wasser zerliefen. Er hätte sich einreden können, dass die lebendige, aufgeweckte Aura dieser Stadt schuld daran war, dass er nicht zur Ruhe kam, aber er wusste, dass er sich etwas vormachte.

Drei Häuserblöcke entfernt konnte er das hohe, weiße Woolworth Gebäude erkennen, wie es sich gegen den leicht bewölkten Nachthimmel abhob und seinen pechschwarzen Schatten über die Stadt warf. Das höchste Gebäude der Welt, das unwissend von all den Muggeln auch das Tor zum MACUSA war, einzig und allein durch eine ganz bestimmte, gut bewachte Tür betretbar.

Irgendwo hinter diesen Mauern war er. Und wartete auf den Tod. Albus biss sich auf die Lippe und kämpfte gegen den Schmerz, der in ihm aufstieg und uralte Wunden wieder aufreißen ließ. Er hatte diese Reise an Leonards Seite angetreten und sich gegen die Präsidentin persönlich gestellt, in der vagen Hoffnung, das Unvermeidbare doch noch verhindern zu können. Nicht, dass er sich wirklich große Chancen auf Erfolg ausgerechnet hatte, aber er hätte es sich nie verziehen, wenn er es nicht wenigstens versucht hätte. Er war gescheitert. Und hatte sich damit in eine für ihn fast unerträgliche Situation gebracht. Wie sollte er stillschweigend und gehorsam dabei zusehen, wie sie den einzigen Menschen töteten, den er je geliebt hatte?

Albus krallte seine Hände ineinander bis die Gelenke seiner Fingerknochen knackten. Beim bloßen Gedanken an den morgigen Tag fühlte er sich, als würde ihm jemand ein Messer in die Brust stoßen. In ihm wühlte der Wunsch, etwas zu unternehmen, irgendetwas. Aber was sollte er tun? Die einzige Möglichkeit, die ihm überhaupt in den Sinn kam, war, ins MACUSA einbrechen, irgendwie einen Hochsicherheitsgefangenen zu befreien und dann mit ihm zu fliehen. Und sich dabei selbst zu brandmarken, als Verbrecher, für immer und ewig auf der Flucht. Und das, obwohl er die Gräueltaten dieses Mannes ebenso verachtete, wie alle, die ihn heute zum Tode verurteilt hatten. Das konnte nicht die Lösung sein. Auch wenn er sich gerade erschreckend ernsthafte Gedanken über diese Idee machte.

Und das machte ihn wütend, wütend auf sich selbst. Darüber, dass er es all die Jahre über nicht geschafft hatte, endlich loszulassen. Er hatte geglaubt, dass die Zeit irgendwann diese kratertiefe Wunde in seiner Seele heilen würde, aber diese Hoffnung war vergebens gewesen. Es hatte sich nichts geändert, achtundzwanzig Jahre lang. Dieser Mann war vom ersten Augenblick an sein Untergang gewesen.

Und gerade an diesem Abend, in dem Wissen dass morgen alles ein Ende finden und ein Teil seiner Vergangenheit für immer vom Antlitz dieser Welt verschwinden würde, merkte er, wie präsent die Vergangenheit auch nach so langer Zeit noch war. Was damals geschehen war hatte ihn nie losgelassen, er hatte es nie überwinden können. Und unter die Angst vor dem kommenden Tag und dem Schmerz, der ihm fast den Atem nahm, mischte sich eine leise Stimme, die ihm etwas zuflüsterte, das er eigentlich nicht hören wollte: Wenn er die Wahrheit jemals wissen wollte… dann musste er sich beeilen. Der einzige Mensch, der sie ihm vielleicht geben konnte, würde morgen um diese Zeit bereits nicht mehr leben.

Er hatte noch genau diese eine Nacht, um endlich zu erfahren, was damals wirklich passiert war. Wenn er nun nicht handelte, dann würde dieses Geheimnis zusammen mit dem Einzigen, der es womöglich kannte, im Grab verschwinden. Für immer. Und vielleicht wäre es besser so. Auch nach all den Jahren der Unsicherheit fühlte Albus sich, als könnte die Antwort auf diese eine Frage ihn töten. Andererseits tötete ihn die Unsicherheit auch. In kleinen, kaum wahrnehmbaren Dosen vergiftete sie ihn, breitete sich langsam, aber unaufhaltsam in seiner Seele aus, wie auslaufende, schwarze Tinte. Jeden Tag ein klein wenig mehr, ein Tod auf Raten…

Albus zog die kalte Dezemberluft in seine Lungen, wie er es immer tat, wenn er versuchte sich selbst zu beruhigen. Aus dem unsicheren Jungen von damals war im Laufe der Jahre ein einflussreicher und respekteinflößender Mann geworden, aber sobald ihn irgendetwas auch nur einen Schritt weit in die Vergangenheit zurückkehren ließ, war er plötzlich wieder achtzehn Jahre alt und gebrochen von den Grausamkeiten des Schicksals, das ihm alles entrissen hatte, was ihm je wichtig gewesen war. Damals, als er sein Lächeln eingebüßt, seine große Liebe verloren und seine Familie zu Grabe getragen hatte.

Seine Sicht war ein wenig verschwommen, als er abermals den Blick hob und ihn zu dem riesenhaften Koloss aus weißem Stein hinübergleiten ließ. Das Gebäude des MACUSA bohrte sich vor seinen Augen in den Himmel, wie ein Mahnmal. Dunkel und bedrohlich. Der Wind selbst schien ihm zuzuflüstern, zu handeln, weil er es sonst auf ewig bereuen würde. Denn dann wäre jede Hoffnung auf Freiheit für immer verloren. Wenn er sich nun seiner Vergangenheit stellte, dann bestand die Möglichkeit, dass der Ballast, der ihn seit Jahrzehnten in den Boden drückte, ein klein wenig leichter wurde. Nur so viel, dass er nicht mehr das Gefühl hatte, tagtäglich ein wenig mehr darunter zusammenzubrechen.

Er griff wie von selbst nach der fein geschmiedeten Goldkette, die er um seinen Hals trug und zog vorsichtig das daran hängende Medaillon unter seiner Kleidung hervor. Seine Finger schlossen sich um hautwarmes Metall, ein ovaler Anhänger schmiegte sich in seine geschlossene Hand. Er trug dieses Medaillon schon seit Jahren, stets verdeckt von Kleidung, sodass es niemand sehen und unerwünschte Fragen stellen konnte. Keiner wusste davon. Nicht einmal sein Bruder.

Er atmete tief ein, als er die Hand öffnete und das kunstvoll verzierte Stück Metall mit tränenfeuchten Augen ansah. Es war in etwa so groß wie ein Hühnerei und oval, silberne Rosen rankten sich um ein stilisiertes Herz. Mit zitternden Fingern griff er an der Seite des Schmuckstücks nach dem Verschluss und ließ ihn mit einem leisen Klicken aufspringen, um den wahren Schatz darin freizulegen.

Auf einer sepiafarbenen, ovalen Fotografie lächelte ihm ein junges Mädchen entgegen. Ihre blonden Haare waren zu Zöpfen geflochten und in ihren Augen lag ein steter Hauch von Unsicherheit und Scheu. Eine geradezu verzaubernde Unschuld ging von ihr aus. Auf diesem Bild war Sie immer jung, immer lächelnd. Und noch immer am Leben. Albus schluckte und biss auf seine Lippen. Es tat noch immer höllisch weh, allein dieses Foto seiner kleinen Schwester anzuschauen. Was würde er darum geben, sie noch ein einziges Mal in den Arm nehmen und trösten zu dürfen. Ihr solange Kakao einzuflößen und ihr liebevoll zuzuflüstern, bis Sie ruhig genug war, um schlafen zu können. Ihr sagen zu können, dass alles in Ordnung war, die Lüge, die er in seinem Leben wohl am häufigsten ausgesprochen hatte. Er wollte ihr so gerne einfach nur zeigen, dass er für Sie da war und dass er sie liebte. Etwas, das er versäumt hatte, als er noch die Gelegenheit dazu gehabt hatte.

Er war ein schrecklicher Bruder gewesen, das wusste er. Und zwar nicht erst als junger Erwachsener, sondern schon viel früher, als er selbst noch ein Kind gewesen war, hatte er das Privileg, Geschwister zu haben, nie zu schätzen gewusst. Er hatte den Wert einer Familie erst in dem Moment erkannt, als er sie verloren hatte. Heute verachtete er sich für seine damalige Blindheit, seine Selbstsüchtigkeit und seine Ignoranz gegenüber den Menschen, die alles für ihn hätten sein sollen. Er war nicht stolz auf den Albus von früher und doch war dieser Junge ein unauslöschlicher Teil von ihm und er wusste, dass er sich früher oder später mit ihm auseinandersetzen musste, wenn er die Schatten seiner Vergangenheit jemals hinter sich lassen wollte.

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Heute war es nur sehr kurz, dafür hoffe ich dass das nächste Kapitel schneller kommt :)

Da werden wir dann zum ersten Mal einen Rückblick ansehen und einen Ausflug in Albus‘ Kindheit machen ;)

Wie immer danke an Lilo für die Beta :)
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