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Das Leben des Albus Dumbledore

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald
21.08.2019
20.04.2020
15
55.764
21
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31 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
27.08.2019 4.310
 
Vielen Dank für die viele Rückmeldung auf das erste Kapitel, hat mich wirklich sehr gefreut und motiviert total zum Weiterschreiben! Hoffe Kapitel 2 gefällt euch, es war definitiv eines der Schwierigeren ^.^



Ein großes Dankeschön an Lilo für die Beta :)





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„Ich sagte es schon einmal, und ich werde es auch wieder sagen: Nein!“

Die Frau auf dem Thron am Ende des Pentagrammsaals sah auf den ersten Blick weder außergewöhnlich gefährlich, noch sonderlich respekteinflößend aus. Aber sobald sie das Wort erhob, gehörte alle Aufmerksamkeit ringsum ihr und sie hatte eine Ausstrahlung, die die meisten politisch relevanten Männer neidisch machen musste. Seraphina Picquery, die Präsidentin der amerikanischen Zauberergemeinschaft, war etwa fünfunddreißig Jahre alt, und somit noch sehr jung für ihren hohen Posten, aber niemand würde es wagen, ihre Eignung dafür auch nur im Ansatz infrage zu stellen.

„Ich werde nicht das Risiko eingehen, dass er entwischt. Wir haben es hier nicht mit einem gewöhnlichen Verbrecher und auch nicht mit einem normalen Schwarzmagier zu tun. Das hier ist womöglich der gefährlichste Mann der letzten Jahrhunderte und nun, da er endlich gefangen ist, werde ich nicht das Risiko eingehen, dass er wieder auf freien Fuß kommt, nur weil Europa sich auf den Schlips getreten fühlt.“

Die fast schwarzen Augen der Präsidentin glitten hart und unnachgiebig über die gut fünfzig Vertreter verschiedener Länder von der anderen Seite des Großen Teichs. In dem hohen Saal mit dem Pentagramm auf dem Boden hatten sich Delegierte von halb Europa zusammengetan, um mit Amerika über die Auslieferung des gefährlichsten Schwarzmagiers seiner Zeit zu verhandeln. Allein die Länder Deutschland, Österreich und Polen hatten zusammen gut zehn Abgesandte und mehrere Auroren geschickt, aber auch die Schweiz und Frankreich waren stark vertreten. Das waren die Länder, die bisher am meisten gelitten hatten und nun den größten Anspruch auf die Bestrafung ihres Peinigers erhoben. Und es nicht auf sich sitzen lassen wollten, dass nun die Amerikaner ohne ihr Beisein über ihn richten würden.

Albus war zusammen mit Leonard der einzige Brite in der wütenden Delegation. Während Leonard etwas abseits im Pulk der Europäischen Minister stand, war Albus‘ Platz bei den Abgesandten der Internationalen Vereinigung, die auf den aufsteigenden Stufen, die den rechteckigen Saal umspannten, standen und damit die wütende Menge in der tiefliegenden Mitte flankierten. Neben Albus, als Abgesandter Großbritanniens, waren noch je ein Gesandter aus Norwegen, Russland, China und Südafrika anwesend. Schlichter, die aus Ländern kamen, die mit diesem Fall bisher wenig zu tun hatten und eine deutlich weniger emotional gefärbte Einstellung zu der Thematik besaßen. Ganz im Gegensatz zu dem Pulk in der Mitte des Saals, der schon seit gut zwanzig Minuten auf die völlig kompromisslose Präsidentin einredete. Albus kam sich vor, wie in einem Glaskasten, der über seinen Kopf gestülpt war und ihn seine Umgebung nur noch gefiltert und verzerrt wahrnehmen ließ. Er sollte gar nicht hier sein, schon gar nicht im Pulk der Unparteiischen.

Ein dünner Mann, mit kurzen grauen Haaren und Bart, trat vor und musterte Madam Picquery mit deutlichem Missfallen im Blick. Mit einem breiten schweizerischen Akzent begann er zu sprechen und man hörte, wie aufgewühlt er war. „Die Schweiz hat massiv unter seinen Machenschaften gelitten. Viele unserer höchsten Auroren fielen ihm zum Opfer, als ein Festnahmeversuch gescheitert ist. Er hat einen Anschlag auf unser Ministerium verübt, zahlreiche Mitarbeiter kamen dabei ums Leben. Von den Attacken auf Muggel, die er und seine Anhänger verübt haben, ganz zu schweigen. Wie viele Opfer hat ihr Land zu beklagen, Frau Präsidentin? Und nun sagen sie mir, was ihnen das Recht gibt, uns die Aushändigung dieses Schwerverbrechers zu verweigern.“

Madam Piquerys Blick blieb dunkel und eiskalt, als sie ihn missbilligend auf den Schweizer richtete.

„Das fragt mich genau der Mann, dem Gellert Grindelwald damals entwischt ist?“, antwortete sie kühl und ihr Blick wurde bohrend. „Sie waren schon immer gut darin anzuklagen, nicht wahr Mr. Eberstadt? Wollen Sie damit von Ihrem eigenen

Scheitern ablenken, weil es Ihnen nicht gelungen ist, ihn zu fangen und uns schon? Sie vergeuden hier Ihre Zeit und Ihren Atem. Sie alle! Ich werde Ihnen Grindelwald nicht aushändigen, egal wie sehr Sie versuchen, mich umzustimmen. Jede Deportation nach Europa birgt das Risiko der Flucht, egal von wie vielen Auroren er bewacht wird. Ich habe gesehen, wie er meine stärkste Einheit im Alleingang bekämpft und um ein Haar bis zum letzten Mann niedergestreckt hätte. Hier haben wir es mit einem Zauberer jenseits aller Vorstellungskraft zu tun, dieser Mann ist in keiner Hinsicht mit normalen Schwarzmagiern vergleichbar und gerade Sie sollten das wissen. Sagen Sie mir nun also, wie Sie jemanden wie ihn sicher nach Europa bringen wollen?“

Von der französischen Seite erklang ein Schnauben. „Er ist gefesselt und unbewaffnet. Zudem werden wir ihn keine Sekunde lang aus den Augen lassen. Auch Gellert Grindelwald wird unter diesen Umständen keine Flucht gelingen.“ Der Minister, der gesprochen hatte, war stolz aufgerichtet und wollte wohl vermitteln, dass man sich mit ihm und seiner stattlichen Einheit von fünf Auroren, die ihn flankierten, nicht anzulegen brauchte.

Die Präsidentin jedoch wirkte wenig beeindruckt. „Ich zweifle nicht an Ihren Fähigkeiten, Minister. Und dennoch, Ihre Bemühungen sind vergeblich. Dieser Mann muss schnellstmöglich beseitigt werden und das Urteil wird hier in unserem Todestrakt vollstreckt werden. Im Gegensatz zu Europa haben wir nämlich keine Scheu davor, die Menschen hinzurichten, die nichts anderes verdient haben.“

Albus spürte sein Herz gegen seine Kehle springen und biss die Zähne so fest aufeinander, dass es schmerzte.

Mr. Eberstadt musterte Picquery mit vernichtendem Blick. „Wir haben Wege unsere schlimmsten Verbrecher zu bestrafen, Frau Präsidentin. Und in diesem Fall denke ich, können wir die Todesstrafe guten Gewissens noch einmal anwenden. Sie ist noch nicht offiziell abgeschafft worden und schließlich befinden wir uns hier in einer, sagen wir, kriegsähnlichen Situation.“

Ein Raunen ging durch die Menge der Abgesandten. Ein untersetzter Mann mit Halbglatze erhob mit deutlich hörbarem, deutschen Akzent das Wort: „Wir hätten den Dementorenkuss. Warum nicht diese Bestrafung endlich einmal zum Einsatz bringen?“

„Diesbezüglich haben wir scharf abgegrenzte Regeln“, fiel ihm der belgische Minister ins Wort. „Der Dementorenkuss kommt nur bei aus Askaban entflohenen Schwerstverbrechern zum Einsatz.“

„Also nie“, antwortete der Deutsche zynisch und funkelte seinen belgischen Kollegen böse an.

„Und das ist auch gut so. Niemand, absolut niemand, nicht einmal ein Mann wie Grindelwald verdient diese Strafe.“

Man merkte an leisem Flüstern und verstohlenem Kopfnicken, dass die einen Delegierten dem Belgier stumm Recht gaben, während andere eher auf der Seite des Deutschen standen. Noch nicht einmal untereinander waren die Europäer sich einig. Albus senkte den Blick und spürte, wie sein Pulsschlag ihm nervös gegen die Kehle klopfte. Sein Vorhaben erschien ihm mit jeder verstreichenden Minute unmöglicher.

Der deutsche Minister schnaubte hörbar und murmelte dann etwas, das Albus mit seinem doch gar nicht so schlechten Verständnis der deutschen Sprache als Schimpftirade, über die Verweichlichung der Gesellschaft interpretierte.

„Sie brauchen nicht in meinem Ministerium über die Bestrafung von Verbrechern in Europa zu diskutieren.“, fiel die Präsidentin unwirsch in die Diskussion ein. „Das ist hier überhaupt nicht von Relevanz und je früher Sie akzeptieren, dass ich Grindelwald nicht herausrücken werde, desto schneller können wir dieses Theater hier beenden. Dieser Mann muss lieber heute als morgen unschädlich gemacht werden, für jeden, der bei klarem Verstand ist, sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Wir sind hier in Amerika und hier gelten unsere Gesetze. Wenn wir ihn hier zum Tode verurteilen, dann wird auch genau dieses Urteil genau hier vollstreckt werden. Und eigentlich kann niemand in diesem Saal ernsthaft etwas dagegen einzuwenden haben. Alles was sie daran stört, ist die Tatsache, dass die Amerikaner als die Richter Grindelwalds in die Geschichte eingehen werden, während Europa im Kampf gegen ihn sichtlich gescheitert ist.“

Natürlich hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen, aber die Resonanz war trotzdem, wie erwartet, empört. „Das ist Ihrer unwürdig“, polterte der polnische Minister, der Deutsche stieg sofort wutschäumend darauf ein: „Falls Sie es vergessen haben: Es war ein Europäer, der Grindelwald gefangen hat!“

Auch der Belgier war inzwischen hörbar wütend: „Wir haben viel mehr das Recht dazu, diesen Mann sterben zu sehen, als Sie es haben! Er hat unser Land über Jahre hinweg in völliges Chaos gestürzt! Geben Sie uns wenigstens den Triumph, seinen Untergang mitzuerleben!“

Albus schloss in dem neu aufgeflammten Tohuwabohu für einen Moment die Augen, sammelte seine Konzentration und mit ihr alle Stärke, die in ihm war. Da sich bisher noch niemand aus dem Pulk der Internationalen Vereinigung dazu berufen fühlte, in das Chaos einzugreifen, würde er das nun tun. Er fasste sich ein Herz und trat entschlossen vor. „So, jetzt beruhigen wir uns alle erst einmal wieder, das hier führt doch zu nichts!“, unterbrach er mit lauter Stimme die hitzige Diskussion und auf einen Schlag herrschte Stille im Saal. Teils aus Respekt vor seinem Posten, teils aus Verblüffung.

Denn normalerweise mischte sich die Vereinigung erst dann in derartige Streitereien ein, wenn sie völlig zu eskalieren drohten. Und wenn sie es tat, dann war es üblicherweise auch nicht das jüngste, neueste Mitglied, das vortrat, um den Ministerien auf die Finger zu klopfen. Doch Albus waren die ungeschriebenen Gesetze in diesem Moment völlig egal. Das hier war vermutlich seine einzige Chance, sich überhaupt ein wenig Gehör zu verschaffen.

„Dumbledore?!“, hörte er Erik Olsen, den norwegischen Vertreter, der neben ihm gestanden hatte, überrascht zischen, doch das hielt ihn nicht auf. Genauso wenig wie die verdutzten Blicke der anderen Delegierten, die ihn überrascht bis offen kritisch musterten, als er es wagte, die Ordnung aufzubrechen und sich mitten in den Raum, auf das in den Boden eingelassene Pentagramm zu stellen. Madame Picquery musterte ihn mit Verblüffung und Missbilligung im Blick.

„Guten Tag, Frau Präsidentin“, grüßte er sie mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen und ließ die Blicke in seinem Rücken getrost an sich abprallen. Er hatte schließlich bereits ausreichend Erfahrung damit, wichtigen Leuten gehörig auf die Zehen zu treten.

Madame Picquerys Augenbrauen zogen sich abschätzig zusammen.

„Und Sie sind, wenn ich fragen darf?“

„Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore. Transfigurationslehrer an der Hogwarts Schule und britisches Mitglied der Internationalen Vereinigung der Zauberer. Ich bekleide diesen Posten noch nicht sehr lange, es verwundert mich also nicht, dass Sie mich nicht kennen.“

Die Präsidentin musterte seine schlanke, hochgewachsene Gestalt mit zusammengezogenen Brauen und nickte dann langsam. „Soso, sie sind also Albus Dumbledore. Ich habe bereits von ihnen gehört.“ Ein Moment des Zögerns. „Ihr Name ist in Mr. Scamanders Akte erschienen.“ Albus nickte zufrieden. „Er war vor einigen Jahren mein Schüler.“ Die Präsidentin schwieg einen Wimpernschlag lang und Albus wusste ganz genau, was sie dachte und dass sie keineswegs erfreut darüber war, sich nun auch noch mit ihm herumschlagen zu müssen. Denn dass ihm schon seit Jahren ein gewisser Ruf vorauseilte, war ihm sehr wohl bewusst. Er galt als brillant, als unnachahmlich in seinen Fähigkeiten, aber gleichzeitig als unangenehm extravagant und mitunter ein wenig verrückt. Schon allein wegen seines indigoblauen Umhangs mit den goldenen Stickereien stach er aus der Masse heraus, wie eine auf der falschen Seite platzierte Schachfigur.

Madame Picquery ging jedenfalls sofort auf Konfrontationskurs. „Und Sie meinen also, die Tatsache, dass Mr. Scamander einst Ihren Unterricht besucht hat, räumt Ihnen das Recht ein, derart dreist in unsere Diskussion einzufallen?

„Nun, das vielleicht nicht, aber mein Posten in der Internationalen Vereinigung tut das sehr wohl“, antwortete er ungerührt und ignorierte, dass der Rest der Vereinigung wohl ähnlich pikiert über seinen Alleingang war, wie die Präsidentin und die Minister.

„Vor uns steht die gewichtige Aufgabe, den größten Schwarzmagier unserer Zeit einem Urteil zuzuführen und die Diskussion dreht sich seit einer guten halben Stunde sinnlos im Kreis“, sagte Albus anklagend und seine hellblauen Augen blitzten herausfordernd. „Diese Verhandlung könnte noch stundenlang so weitergeführt werden, ohne je auf einen gemeinsamen Konsens hinauszulaufen. Ich finde, das räumt der Vereinigung durchaus das Recht ein, die Diskussion wieder in erfolgversprechendere Bahnen zu lenken.“

Ehe er weitersprechen konnte, erhob plötzlich Erik, der Norweger, das Wort: „Da muss ich meinem jungen Kollegen Recht geben. Auch ich habe innerhalb der letzten Zeit keinerlei Fortschritte in diesem Konflikt beobachten können. Lassen Sie unseren Neuzugang also bitte sprechen.“  Albus schenkte Erik, der bereits seit vielen Jahren ein angesehenes, hochrangiges Mitglied der Zauberervereinigung war, ein dankbares Lächeln, dafür dass er ihn unterstützte und nicht sofort unwirsch zurückpfiff. Madame Picquery sah alles andere als glücklich aus, gab sich vorerst aber der Vereinigung, die weltweit mit strengem Auge über sämtliche magischen Ministerien wachte, geschlagen und richtete ihren Blick wieder auf Albus. „Nun denn, Professor, was haben Sie zu sagen?“

Albus war unheimlich dankbar um die Chance, doch noch vor der Präsidentin sprechen zu dürfen und kramte in seinem Kopf schleunigst nach den richtigen Worten. „Ich möchte Sie alle zur Besonnenheit aufrufen. Und dann gerne mit Ihnen nach einer Lösung suchen, die jeden in diesem Raum zufriedenstellen kann. Es kann nur im Interesse von uns allen sein, die Differenzen zwischen Europa und Amerika schnellstmöglich wieder beizulegen. Die Zeiten sind schwer genug, und gerade in Anbetracht dessen sollten wir zusehen, dass wir zusammenhalten“, sprach Albus bedächtig und seine blauen Augen erwiderten Picquerys Blick, ohne auch nur zu Blinzeln.

Das Raunen in der Menge hinter ihm war zu einem leisen Flüstern geworden. Albus hörte den deutschen Minister in seinem Rücken mit gedämpfter Stimme schimpfen und der Franzose sah aus, als hätte er große Lust, ihm seine Auroren auf den Hals zu hetzen, um ihn zur Not mit Gewalt wieder an seinen Platz zu befördern. Doch niemand wagte es, sich wahrhaftig gegen ihn aufzulehnen. Einerseits aus Respekt vor der Macht der Vereinigung, die in Extremsituationen sogar die Befugnis dazu hatte, Zaubereiminister ihres Amtes zu entheben. Andererseits vermutlich aus Neugierde, was Albus zu sagen hatte und wie weit er sich der Präsidentin gegenüber aufs Glatteis hinauswagen würde.

Madam Picquery maß ihn mit scharfem Blick. „Sie bezeichnen die Zeiten noch immer als schwer, Professor? Obwohl Grindelwald gefasst, der Obscurus vernichtet und die Zaubererschaft der Enthüllung entgangen ist? Könnten Sie mir das näher erläutern?“

Albus erwiderte ihren bohrenden Blick standhaft und ruhig. „Grindelwald mag unser größtes Problem gewesen sein, aber zweifellos nicht unser Einziges. Die Stimmung gegen uns ist im Sinkflug, Möchtegern-Schwarzmagier sprießen aus dem Boden wie die Pilze und auch innerhalb unserer Gesellschaft tun sich immer breitere Abgründe und Differenzen auf. Diese ganze Diskussion beweist doch ein weiteres Mal, wie tief diese Gräben in letzter Zeit geworden sind. Und wenn wir uns ansehen, in was für einer Geschwindigkeit Grindelwalds Anhängerschaft in den letzten Jahren gewachsen ist, sollten wir uns vielleicht auch an die eigene Nase fassen und überlegen, was wir falsch gemacht haben, um diese Menschen in seine Arme zu treiben. Auch wir Zauberer müssen gegebenenfalls in der Lage dazu sein, miteinander Kompromisse einzugehen und zusammenzuarbeiten, sonst tun wir irgendwann dasselbe wie die Muggel und bekriegen uns gegenseitig.“

„Sprechen Sie nicht von Dingen, die Sie nicht verstehen, Professor“, fiel ihm der französische Minister scharf ins Wort. „Sie sind Lehrer und haben demnach keine Ahnung davon, was es heißt, ein Land zu regieren und für das Wohl zahlloser magischer Bürger verantwortlich zu sein. Das bedeutet größte Verantwortung und ein Minister, der seinen Willen nicht durchsetzen kann, ist nicht stark genug für einen derartigen Posten!“

„Beruhigen Sie sich“, forderte Madam Picquery scharf und der Franzose verstummte, wenn auch mit zutiefst beleidigtem Blick. Die Präsidentin wandte sich erneut an den britischen Professor, obwohl auch ihr Blick sich sichtlich verdüstert hatte. „Fahren Sie fort.“

Albus holte tief Luft. „Ich hatte keineswegs vor, irgendjemanden anzugreifen oder zu kritisieren. Ich möchte lediglich allen Anwesenden hier die Ernsthaftigkeit der Lage vor Augen führen und an jedermanns gottgegebene Vernunft appellieren. Wenn wir zulassen, dass Männer wie Grindelwald uns selbst dann noch entzweien, wenn sie bereits hinter Gittern sitzen, sind wir geliefert. Wir dürfen uns nicht spalten lassen, sonst hat er genau das erreicht, was er immer wollte. Und ich kann jeden hier verstehen, der sich nicht damit abfinden möchte, keinerlei Einfluss auf sein Schicksal nehmen zu können. In diesem Saal befinden sich viele der höchsten Köpfe unserer Welt und dieser Mann hat zu viel Chaos in unser aller Leben gebracht, als dass sein Schicksal von einer einzigen Person entschieden werden sollte.“ Er maß Madam Picquery mit scharfem Blick, ehe er mit ruhiger Stimme fortfuhr: „Hier geht es nicht um Sieg oder Niederlage, oder um Anspruch, oder Anerkennung. Hier geht es um das tiefe menschliche Bedürfnis, Einfluss auf die Dinge zu nehmen, die uns schaden und verletzen. Wir sollten uns alle miteinander an einen Tisch setzen und besonnen über ein passendes Urteil für Grindelwald verhandeln, bis wir einen Konsens gefunden haben, mit dem jeder der Anwesenden leben kann. Anders werden wir diese Debatte zu keiner friedlichen Lösung führen und die Gräben, die uns trennen, werden noch weiter aufreißen.“

Madame Picquery zog kritisch die Augenbrauen zusammen – Albus war überrascht, dass sie überhaupt zu so viel Mimik fähig war – und musterte ihn mit eisigem Blick. „Das Urteil ist bereits gesprochen, Professor, noch nicht einmal Sie und die internationale Vereinigung werden daran noch etwas ändern können. Grindelwald wurde in meinem Land gefangen und unterliegt damit meiner Verantwortung.“

Albus spürte langsam, wie diese Frau es schaffte, seinen extrem strapazierfähigen Geduldsfaden gefährlich zu überspannen. „Mit Verlaub, Frau Präsidentin: Mir ist vollauf bewusst, dass die Gepflogenheiten in Amerika anders sein mögen, aber ich finde es trotzdem durchaus fragwürdig, ein derart gnadenloses und endgültiges Urteil wie den Tod zu verhängen, ohne dass vorher irgendeine Form von Prozess stattgefunden hat.“

Das fast verstummte Raunen in der Menge hinter ihm schwoll plötzlich wieder deutlich an. Albus sah im Augenwinkel, wie Erik die Arme vor der Brust verschränkt hatte und ihn mit verblüfftem Blick musterte.

„Meinen Sie das tatsächlich ernst?“, fragte Madame Picquery, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte und sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. Und als wüsste er nicht, was gut für ihn ist. Womit sie vermutlich Recht hatte.

„Sie machen mir Vorhaltungen, weil ich bei einem Verbrecher dieser Größenordnung die einzig richtige Form der Bestrafung anwende, ohne dass vorher noch Wochen oder gar Monate mit sinnfreien Prozessen ins Land ziehen?“

Ihre Stimme war kalt und schneidend wie Eiskristalle und zum ersten Mal vernahm Albus in seinem Rücken leise Zustimmung für die Worte der Präsidentin. Es würde tatsächlich noch schwieriger werden, als er anfangs befürchtet hatte.

Er versuchte, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, als er mit ruhiger Stimme fortfuhr: „Grindelwalds Taten waren grauenhaft, das steht außer Frage und er muss auf eine Art und Weise bestraft werden, die der Schwere seiner Vergehen angemessen ist. Dennoch bin ich der Meinung, dass jedem Menschen, auch einem Mann wie ihm, ein fairer Prozess zusteht. Und wir sollten uns dabei die passenden Schritte genau überlegen. Denn es gibt Menschen, für die der Verlust der Freiheit eine schlimmere Strafe ist, als der Tod.“

Für einen winzigen Augenblick blitzte in Albus‘ Geist eine Erinnerung auf, so lange her, als wäre sie aus einem anderen Leben und doch noch immer so präsent. Das Bild eines wunderschönen Jungen, inmitten eines kleinen Waldsees, mit nassen blonden Locken und glänzenden Wassertropfen in den Wimpern. Er hatte Richtung Sonne geblickt und seinem damals besten Freund und engsten Vertrauten seine größte Angst offenbart. Ich fürchte den Tod nicht, du weißt, das habe ich noch nie getan. Aber ich fürchte den Gedanken eingesperrt zu sein…



„Wollen Sie mir damit sagen, Sie wollen ihn am Leben lassen?“, riss die Präsidentin ihn unsanft in die Wirklichkeit zurück. „Gellert Grindelwald am Leben lassen?!“ Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Ein Raunen ging durch die Menge und Albus spürte viele ungläubige, bis offen verärgerte Blicke in seinem Rücken. Im Augenwinkel sah er Eriks völlig vor den Kopf gestoßenen Blick. Er spürte deutlich, wie sein Ansehen innerhalb der Vereinigung im freien Fall Richtung Boden rauschte. Albus versuchte gerade, den schwärzesten Magier aller Zeiten vor dem Tod zu bewahren und ihm war sehr wohl bewusst, was für einen Eindruck er damit bei der Vereinigung, der Präsidentin und den Ministern, erweckte. Er war froh, dass er Leonards Gesicht gerade nicht sehen konnte. Dennoch ließ er sich nicht beirren. Für diesen Moment hatte er die ganze Reise nach New York auf sich genommen und er würde sich nun nicht einfach geschlagen geben. Er war es gewohnt, gegen Windmühlen zu kämpfen und seit jeher unbeirrbar für all seine Überzeugungen eingestanden, egal wie hart die Kämpfe, die er dafür hatte austragen müssen, auch gewesen sein mochten.

Mit fester Stimme fuhr er fort: „Ich bin kein Freund der Todesstrafe und ich bin froh, dass sie in meinem Land kaum mehr angewendet wird. Denn in meinen Augen stellen wir uns damit mit den Verbrechern, über die wir richten, auf dieselbe Stufe. Ich glaube, dass in jedem Menschen, egal was er getan hat und egal, wie viel Schuld er auf sich geladen hat, ein Funken Gutes stecken kann. Wenn wir ihn töten, nehmen wir ihm damit die Chance weg, über seine Taten nachzudenken und sie irgendwann vielleicht zu bereuen. Wir schicken sozusagen eine beschädigte Seele in den Tod. Ich für meinen Teil finde das nicht richtig.“

Madame Picquery reckte überheblich das Kinn. „Gellert Grindelwalds Seele ist nicht mehr zu retten. Ihre Meinung ist zweifellos ehrbar, Professor, aber in diesem Fall ist jede Form von Gnade unangebracht und gefährlich. Der Mann von dem wir hier reden ist abgrundtief böse, und wenn in irgendjemandem kein Funken Gutes steckt, dann in ihm. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, zu was er fähig ist. Ein solcher Mann wird nicht bereuen und solange er am Leben ist, ist er eine Gefahr für uns alle. Aber wenn Sie so sehr auf ein gemeinsam gesprochenes Urteil pochen, dann fragen wir doch einfach die anderen in diesem Raum.“ Sie richtete den Blick auf die übrigen Delegierten.

„Vielleicht haben Sie Recht mit Ihrer Forderung, Einfluss auf Grindelwalds Schicksal nehmen zu wollen. Ich mache Ihnen ein ganz besonderes Angebot, etwas was ich unter normalen Umständen nicht tun würde. Ich lasse Sie über Professor Dumbledores Vorschlag abstimmen. Sollten Sie ihm zustimmen, werde ich eine Gerichtsverhandlung organisieren. Aber bedenken Sie, egal wie das Urteil ausfällt, eine Deportation nach Europa bleibt für mich nach wie vor ausgeschlossen. Sollten Sie sich mit mir zusammen jedoch für den sofortigen Tod Grindelwalds entscheiden, dann werde ich Ihnen gestatten, der Vollstreckung des Urteils beizuwohnen.“

Albus spürte, wie seine Eingeweide zu Eis gefroren, als in seinem Rücken erneut reges Geflüster anschwoll. Er merkte, dass die Präsidentin und der Rest der Delegation sich gerade stumm gegen ihn verschworen und sich plötzlich ausgesprochen einig waren.

„Wer von Ihnen Grindelwald sterben sehen möchte, der möge nun bitte die Hand heben.“

Albus presste die Lippen zusammen und wollte nicht wissen, was hinter seinem Rücken geschah, aber er sah es natürlich trotzdem. Zahlreiche Hände erhoben sich, manche sofort, andere etwas zögerlicher. Doch zum Schluss befand sich außer Albus kaum mehr jemand in dem hohen Pentagrammsaal, der seine Hand nicht erhoben hatte. Auf einmal waren die Minister, die sich davor noch regelrecht die Schädel eingeschlagen hatten, völlig der gleichen Meinung, verbündet gegen den einen Mann unter ihnen, der gewillt gewesen war, Gellert Grindelwald gegenüber Gnade walten zu lassen.

Die Präsidentin nickte zufrieden. „Nun denn, dann sei es so, da haben Sie ihr gemeinsam gesprochenes Urteil, Professor. Ich erwarte Sie alle morgen Abend um einundzwanzig Uhr dreißig im untersten Stockwerk dieses Gebäudes. Meine Auroren werden Sie zu unserem Vollstreckungsraum führen.“

Ihr Blick richtete sich ein weiteres Mal direkt auf Albus, der noch immer mitten auf dem Pentagramm stand und mit klopfendem Herzen erkannte, wie gnadenlos er soeben gescheitert war. „Das gilt selbstverständlich auch für Sie, Professor Dumbledore.“ Ihr dunkler Blick durchbohrte Albus’ blaue Augen und er wusste ganz genau, dass es sich hierbei um keine Einladung handelte. Sondern um einen unausgesprochenen Befehl. „Wenn Sie Ihren neuen Posten nicht gleich wieder verlieren möchten, würde ich Ihnen raten, in Zukunft mit mehr Bedacht an derart sensible Themen heranzugehen. Ihre Bemühungen könnten Ihnen falsch ausgelegt werden.“

Albus verzog keine Miene mehr, doch der letzte Blick, den die Präsidentin ihm zuwarf, war deutlich. Er sah durch ihre Augen und erkannte das Misstrauen darin. Sie hatte Verdacht geschöpft.

Madam Picquery wandte den Blick von ihm ab und richtete ihn mit gebieterischer Miene auf die übrigen Europäer im Saal. „Unsere Versammlung ist beendet. Wir sehen uns morgen.“

In einer fließenden Bewegung erhob sie sich von ihrem Thron und klatschte einmal gut hörbar in die Hände. Die Tür des Pentagramsaals öffnete sich und diverse Wachmänner des MACUSA kamen herein. Madam Picquery stieg erhobenen Hauptes die Treppenstufen vor ihrem Thron hinab und teilte den Pulk der Delegierten, wobei sie von dem Belgier und zwei weiteren Ministern noch einmal kurz aufgehalten wurde, um sich für den heftigen Streit zu entschuldigen und den gefundenen Kompromiss zu bedanken. Andere, wie zum Beispiel der deutsche Minister, schwiegen beharrlich und folgten der Präsidentin missgelaunt aus dem Saal. Doch fast jeder der Delegierten warf Albus im Vorbeigehen noch einen verstohlenen Blick zu, die meisten davon voller Unglauben, Abscheu und Misstrauen. Albus stand noch immer wie festgewurzelt an seinem Platz. In seiner Brust war plötzlich eine riesengroße, alles verschlingende Leere. Eine Hand packte ihn an der Schulter und riss ihn herum. „Albus, kommen Sie!“, zischte Leonard und zog den betäubten Mann mit sich. Er hakte sich in seinen Arm ein und bugsierte ihn grob aus dem hohen, lichtdurchfluteten Saal, fort von den bohrenden Blicken der Anderen.

Albus nahm seine Worte nur dumpf wahr, als er mit gedämpfter Stimme zu schimpfen begann: „Am besten, wir schaffen Sie sofort hier heraus, bevor sich die Präsidentin noch überlegt, Sie gleich einzubehalten. Es ist beeindruckend, wie ein einziger Mensch sich in so kurzer Zeit so viele Feinde machen kann! Können Sie mir mal erklären, warum Sie sich mit jedem Ministerium dieser Welt erst einmal pauschal überwerfen müssen?“

„Scheinbar vertrage ich mich nicht mit Politikern...“, antwortete Albus dumpf. Sein rasender Herzschlag pochte in seinen Ohren und seine Beine fühlten sich an, als weigerten sie sich, ihn jemals wieder selbstständig zu tragen. Er war nicht nur kläglich gescheitert, sondern würde nun bei der Hinrichtung auch noch beiwohnen müssen. Erst jetzt sickerte diese zerschmetternde Erkenntnis langsam in seinen Geist ein.

Er hatte es tatsächlich geschafft, alles noch schlimmer zu machen...
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