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Das Leben des Albus Dumbledore

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald
21.08.2019
20.04.2020
15
55.764
21
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20.04.2020 4.194
 
So, dann krieche ich mal ganz verschämt aus meiner dunklen Ecke und entschuldige mich tausendfach dafür, dass es so ewig nicht weiterging. Ich kämpfe momentan mit einer echt fiesen Schreibblockade, gerade in Bezug auf diese Story. Kann demnach auch nicht versprechen wie regelmäßig es in nächster Zeit weitergehen wird, aber ich will versuchen, dass es ein wenig schneller geht. Sorry dafür…

Dank für die Beta wie immer an meine liebe Lilo :)

*~*~*

Zu behaupten, Albus sei schon wieder auf der Höhe seiner Kräfte, wäre eine glatte Lüge gewesen. Er trug seinen verletzten Arm erst seit dem heutigen Morgen nicht mehr in einer Schlinge und seine angeknacksten Rippen machten sich bei unbedachten Bewegungen nach wie vor schmerzhaft bemerkbar. Jedes Schlagloch, das die Kutsche überrollte, fuhr ihm wie ein Pfeil in die Seiten. Andererseits konnte er sich nach einen Kampf gegen Gellert Grindelwald und den Elderstab über seine Verfassung nicht beklagen, im Gegenteil. Er konnte dankbar sein, dass er noch lebte.

Er fragte sich, wo Gellert nun wohl war, und was er tat. Ob das Obscurial noch bei ihm war und ob er es tatsächlich trainierte, eine lebende, magische Waffe heranzog. Albus wurde schlecht vom bloßen Gedanken daran. Er wusste, zu was Gellert mit einer derartig zerstörerischen Macht an seiner Seite zu tun im Stande wäre und dass er eigentlich dringend handeln musste, wenn er die Welt noch vor ihm retten wollte. Und gleichzeitig war er insgeheim noch immer froh, dass Gellert dem Todesbecken im MACUSA entkommen war. Seine Angst um die Welt und seine unbelehrbaren Gefühle für diesen Mann kämpften momentan verbittert um die Vorherrschaft in seinen Gedanken.

Albus‘ Finger schoben sich wie von selbst in seinen Mantel und zogen ein weiteres Mal das heraus, was Gellert ihm im MACUSA zugesteckt hatte. Es mochte auf den ersten Blick klein und unbedeutend wirken, doch allein die dunkle, magische Präsenz, die der Gegenstand ausstrahlte, jagte ihm Schauer über den Rücken. Er erinnerte sich noch so deutlich daran, wie sie ihn damals gemeinsam erschaffen hatten, als könne er den Schmerz auf seiner Handfläche noch immer spüren. Einst gab es zwei davon, doch seines hatte Albus schon vor Jahrzehnten irreparabel zerstört.

In seinen Fingern lag eine metallene Kette mit dem Symbol, das einst Albus‘ ganzes Leben bestimmt hatte. Ein Dreieck, mit einem senkrechten Strich in seiner Mitte und einem Kreis in seinem Inneren. Bei diesem Schmuckstück jedoch war der Kreis durch eine kleine, tiefschwarze Glaskugel ersetzt. Eine Kugel, die in ihrem Innern etwas verborgen hielt.

Albus sah im schwarzen Glas sein Spiegelbild, wie es nachdenklich seinen Blick erwiderte. Gellerts Worte hallten in seinem Geist wieder, wie ein Echo, verführerisch und bedrohlich zugleich. Wenn die Zeit reif ist, dann wirst du zu mir finden.

Diese unscheinbare Kette hier war seine Brücke zu ihm, der Pfad den Gellert ihm eröffnet hatte. Er musste ihn nur noch beschreiten.

Und doch hatte vom ersten Augenblick an den Entschluss gefasst, selbiges niemals zu tun. Noch einmal würde er den Verlockungen, denen dieser tiefschwarze Magier ihn aussetzte, nicht nachgeben. Der Preis den er beim letzten Mal für seine Schwäche hatte zahlen müssen, war zu hoch gewesen. Albus seufzte und schloss mit schmerzender Brust die Finger um das Metall in seiner Hand. Er hatte bereits mit dem Gedanken gespielt, die Kette zu vernichten, wie bereits ihr Gegenstück, damals vor fast dreißig Jahren, als er sich den Rückweg an Gellerts Seite mutwillig selbst verbaut hatte. Doch bisher hatte er es einfach nicht über sich bringen können. Nach Jahrzehnten des Schweigens und der Distanz war da plötzlich wieder ein Weg zurück in die Nacht, aus der er sich mit so viel Mühe und Leid herausgekämpft hatte. Und er sehnte sich nach dieser Dunkelheit, viel mehr noch, als er sich selbst gegenüber eingestehen wollte. Gellerts Wirkung auf ihn war ungebrochen, trotz allem was geschehen war und die magische Kette stellte eine viel größere Verlockung für ihn dar, als er je gedacht hätte. Auch wenn er tief in seinem Herzen wusste, dass ihn seine Angst vor der Wahrheit, die er nach wie vor nicht erfahren wollte, wohl sowieso davon abhalten würde, das Schmuckstück jemals zu nutzen.

Mit klopfendem Herzen schob Albus es zurück in seine Manteltasche und straffte sich, während die Kutsche holpernd über ein weiteres Schlagloch fuhr und dabei einen stechenden Schmerz durch seine lädierten Rippen schickte. Er würde Gellerts Kette bei sich behalten und dafür sorgen, dass niemand je erfuhr, worum es sich dabei handelte. Und wenn es nur ein Andenken an ihre kurze, gemeinsame Zeit war…

Albus schüttelte unwirsch den Kopf. Er war beinahe wütend auf sich selbst, als er seinen eigenen Gedanken zuhörte. Wie konnte er sich nur so schlecht im Griff haben, wie konnte er nur nach allem was damals passiert war, schon wieder zulassen, dass dieser Mann zum einzigen Inhalt seiner Gedanken wurde? Doch eigentlich kannte er die Antwort auf diese Frage ganz genau und sie machte die Wut, die er über sich selbst empfand, nicht unbedingt besser. Ein Teil von ihm - und es fiel ihm noch schwer abzuschätzen, wie mächtig dieser Teil war - wollte genau das, was Gellert ihm im MACUSA angeboten hatte: Zurückkehren zu dem einzigen Menschen, den er je geliebt hatte, völlig ungeachtet aller Konsequenzen. Dieser Teil seiner Selbst wäre ohne zu Zögern bereit, seine Seele der Dunkelheit zu verkaufen, um auf ewig an der Seite dieses Mannes sein zu dürfen. Er durfte unter keinen Umständen zulassen, dass er zu viel Macht über ihn bekam. Gellert war schon einmal zu seiner persönlichen Nemesis geworden. Auf seiner Seele klafften Wunden, die niemals ganz verheilen würden und die Schuld, die er vor so vielen Jahren auf sich geladen hatte, würde ihn bis zu seinem letzten Atemzug nicht mehr ruhen lassen. Er war damals so jung, so unerfahren gewesen und er hatte keine Chance gehabt, gegen den manipulativen Charme dieses faszinierenden jungen Mannes, der innerhalb eines einzigen Augenblicks sein ganzes Leben verändert hatte. Er und alle, die ihm wichtig gewesen waren, hatten unendlich bitter dafür bezahlen müssen. Unter keinen Umständen durfte er etwas Derartiges noch einmal zulassen!

Die Kutsche kam im Innenhof von Schloss Hogwarts zum Stehen und der Thestral, der sie gezogen hatte, schnaubte hörbar in die diesige Abendluft hinein. Albus griff nach den zwei Koffern, die er bei sich trug, öffnete die Tür des überdachten Gefährts und trat hinaus auf den Vorplatz des Schlosses, das sich vor seinen Augen majestätisch in den grauen, wolkenverhangenen Himmel erhob. Regen fiel in schweren Tropfen auf ihn herab und durchnässte seine Haare und Kleidung ab dem Moment, in dem er aus der Kutsche stieg. Und doch schienen plötzlich alle Sorgen und alle Schmerzen, die auf dem gesamten Weg hierher noch in seiner Brust gewühlt hatten, von seiner Seele gewaschen zu werden. Lächelnd ließ er den Blick über die hohen Mauern des Schlosses gleiten und spürte eine Wärme in seiner Brust, als hätte jemand in seinem Herzen ein Feuer entzündet. Er war nur wenige Tage fort gewesen und dennoch fühlte er sich, als hätte er Hogwarts ewig den Rücken gekehrt. Nun war er endlich wieder zuhause und mit einem Mal schien die Last auf seinen Schultern um ein Vielfaches leichter zu werden.

Kalte Seeluft wehte ihm entgegen, verfing sich in seinem Wollumhang und zerrte an seinen nassen Haaren, während er dem Thestral, der ihn hergebracht hatte, dankbar den Hals tätschelte und sich schließlich dem riesigen Tor des Schlosses zuwandte. Der Geruch von Wasser und regenfeuchten Wäldern drang in seine Nase. Blanke, unberührte Natur. Sie erschien ihm nach der stickigen Luft von New York wie eine Offenbarung für die Sinne. Als könne seine Seele nun endlich wieder atmen.

Doch als er mit schnellen Schritten auf den Haupteingang zulief, spürte er deutlich, dass auch hier nicht mehr alles so war, wie früher. Die zahlreichen neuen Schutzzauber tangierten ihn zwar nicht, doch er fühlte ihre starke Präsenz sehr deutlich an seiner Haut zupfen. Die Welt war in Aufruhr und auch innerhalb der Mauern von Hogwarts machte sich das bemerkbar. Die Schule hatte die Sicherheitsmaßnahmen massiv nach oben geschraubt, um der wachsenden Gefahr, der die Zaubererschaft sich ausgesetzt sah, nicht länger untätig zu begegnen. Der Schulleiter Armando Dippet hatte schon im November ein Notfalltreffen mit besorgten Eltern anberaumt, mehrere Schüler waren sogar aus der Schule genommen worden, aus Angst es sei dort zu unsicher für sie. Die Furcht vor Gellert war selbst hier, im Norden Schottlands gewaltig, obwohl der berüchtigte Schwarzmagier bisher noch keinen Fuß auf britischen Boden gesetzt hatte.

Albus öffnete zügig das magisch versiegelte Tor und betrat das riesige Bauwerk, dankbar, aus dem Regen herauszukommen. Er strich sich mit den Fingern durch die Haare und trocknete sie innerhalb weniger Augenblicke, ehe er den Blick hob. Die Eingangshalle war verlassen, die Tür hatte sich nach seinem Eintreten wieder selbst verriegelt und es war geradezu gespenstisch still um ihn herum. Die Stimmung, die seit geraumer Zeit in der Luft lag, war merkwürdig beklommen, als würden sich die Mauern des Schlosses selbst auf einen Krieg vorberieten. Zweifellos hatten sich die Ereignisse in New York auch hier wie ein Lauffeuer verbreitet und die angespannte bis offen verängstigte Grundstimmung keineswegs verbessert.

Albus stellte sein Gepäck an der Wand neben dem großen Tor ab – die Hauselfen würden es in sein Büro bringen – und machte sich dann schnellen Schrittes auf zur großen Halle, wo gerade das Abendessen stattfinden musste.

Er war etwas spät dran und er ahnte, wie sehnsüchtig seine Schüler und Kollegen ihn erwarteten, deshalb zog er es vor, sie nicht länger auf die Folter zu spannen. Gedankenverloren durchquerte er die leeren Korridore, begegnete außer dem Hausgeist von Hufflepuff  und einer Handvoll Ratten, die sich um ein Stück Käse zankten, niemandem.

„Albus!“

Eine überglückliche Stimme ertönte plötzlich hinter seinem Rücken und der

Angesprochene wandte sich überrascht um.

Ein Mann, den die Natur in Sache Größe schwer vernachlässigt hatte, mangelnde Körperhöhe jedoch großzügig in Breite  ausgeglichen hatte, kam etwas schwerfällig auf ihn zugestürmt. Auf seinem runden Gesicht lag ein freudenstrahlendes Lächeln und seine stachelbeerfarbenen Augen leuchteten unter seinem flachsblonden Haar hervor.

Ein breites Lächeln legte sich auf Albus’ Lippen. „Horace!“

Schwer atmend kam der dicke Mann mit seinem karierten Jacket und seinem buschigen Schnauzer neben seinem Kollegen zum Stehen. „Bei Merlins Bart, Albus, ich bin ja so froh, dich zu sehen! Ich hatte schon das Schlimmste befürchtet! Was, in Cornelius Agrippas Namen, hat dich denn dazu getrieben, dich mit Gellert Grindelwald höchstpersönlich anzulegen? Ich hatte im Kopf schon eine Grabrede verfasst, als ich davon hörte!“

Albus könnte sich ein gerührtes Grinsen nicht verkneifen. Vor seinem geistigen Auge entstand ein recht amüsantes Bild von Horace, der aus Angst um ihn regelrecht im Kreis sprang, wie ein Gummiball. Die beiden verband schon seit Jahren eine sehr enge kollegiale Freundschaft, auch wenn sie in vielerlei Hinsicht so unterschiedlich waren, wie zwei Menschen nur sein konnten. Schon rein optisch gaben sie nebeneinander einen ulkigen Anblick ab. Albus war groß und dünn wie ein Stecken, mit langen rotbraunen Haaren und einem gepflegten, sehr kurzgehaltenen Bart. Horace war ein Zwerg,  der beinahe so breit wie lang war, mit kurzem Blondhaar und einem riesigen Schnauzer. Zudem war Albus Lehrer für Verwandlungen und Leiter des Hauses Gryffindor, während Horace Zaubertränke unterrichtete und Hauslehrer von Slytherin war. Die beiden hatten sich noch nie für die offene Rivalität ihrer Häuser interessiert und waren bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen bestens miteinander ausgekommen. Horace war nur unwesentlich jünger als sein Kollege und hatte auch nicht allzu spät nach ihm seine Laufbahn als Lehrer angetreten. Sie hatten schon einiges miteinander erlebt, Kollegen kommen und gehen sehen, zahlreiche Schüler vom sprechenden Hut bis zur Übergabe der Abschlusszeugnisse begleitet und miteinander besorgt den Aufstieg des wohl dunkelsten Magiers aller Zeiten beobachtet.

„Keine Sorge, Horace, es geht mir gut. Den Umständen entsprechend zumindest“, antwortete Albus und gab dem Mann der ihm nicht einmal bis zum Kinn reichte einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, während sie sich nebeneinander auf den Weg zur Großen Halle machten.

„Ein Glück Albus, dein Mut hätte dir wahrlich teuer zu stehen kommen können! Wie ich hörte, hast du da drüben ganz Amerika den Atem verschlagen, im Tagespropheten steht ein riesiger Bericht. Angeblich hättest du Grindelwald beinahe im Alleingang besiegt?!“

Ehrfurcht und Anerkennung lagen in Horace‘ Stimme, als er neben Albus in einen langgezogenen Gang einbog. Der lächelte betont gleichgültig und schob das unangenehme Ziehen in seiner Brust zur Seite. Eigentlich wollte er von der ganzen Sache in New York nichts mehr hören…

„Sagen wir einfach, ich habe ihn bei seiner Flucht ein wenig behindert.“

Horace schnaubte. „Du bist zu bescheiden, Albus! Ich wusste schon immer, dass du ein großer Zauberer bist, aber dass du Grindelwald fast alleine eingefangen hättest...“ Er pfiff anerkennend durch seine Zähne. „Das ist bewundernswert, Albus, wahrhaftig bewundernswert!“

Albus zog es vor, darauf nicht zu antworten, „Warum bist du eigentlich noch nicht beim Essen, Horace?“, fragte er also, um das unangenehme Thema mehr oder weniger geschickt zu unterbrechen. „Sonst bist du doch tendenziell sehr früh in der großen Halle.“

Horace seufzte. „Eigentlich war heute ein Abendessen des Slug-Clubs anberaumt. Doch als nach einer halben Stunde Wartezeit noch immer nicht einmal die Hälfte der Gäste da war, habe ich das Treffen abgesagt. Der Termin war ungünstig gewählt, muss ich zugeben. Die Schüler sind alle viel zu abgelenkt von deiner Heimkehr, Albus.“

„Tatsächlich?“, fragte der belustigt, obwohl ihm gerade absolut nicht nach derart viel Aufmerksamkeit zumute war. Horace jedoch nickte eifrig und grinste durch seinen breiten Schnurrbart.

„Albus, du hast eine direkte Konfrontation mit Grindelwald annähernd unbeschadet überlebt, die Schüler feiern dich als Held.“

Na das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er war himmelweit davon entfernt, ein Held zu sein und irgendwie missfiel ihm der Gedanke, dass seine Schützlinge eine viel bessere Meinung von ihm hatten, als er verdiente. Horace jedoch ging mit stolzgeschwellter Brust neben ihm her, als wäre er selbst derjenige gewesen, der Gellert die Stirn geboten hatte. Der Zaubertranklehrer mit dem Hang zu den schönen, gemütlichen Dingen des Lebens, hatte sich schon immer gerne mit Leuten von Rang und Namen umgeben, um sich selbst ein wenig in deren Licht zu sonnen. Seine Jagd nach vielversprechenden Schülern für seinen selbstgegründeten Slug-Club war unter den anderen Lehrern schon legendär.

Als sich vor Ihnen das riesige Doppelflügeltor der großen Halle erhob, blieb Albus einen kurzen Moment stehen, unsicher, ob er sie wirklich betreten wollte. Mit einem ungeduldigen „Komm schon, Albus!“, öffnete Horace das Tor und schob seinen Kollegen hindurch, in die von tausenden schwebenden Kerzen erleuchtete Halle hinein. Über ihren Köpfen öffnete sich die Illusion des offenen Himmels, der sich dunkel und wolkenverhangen über die verzauberte Decke spannte.

Als Albus neben Horace die Schwelle der großen Halle überschritt, schienen sämtliche Gespräche der Schüler, die momentan an den vier reich gedeckten Tischen saßen, schlagartig zu verstummen. Alle Köpfe wandten sich nach dem heimgekehrten Verwandlungslehrer um, die zahlreichen Blicke voller Verblüffen und Bewunderung trafen Albus direkt ins Herz und ein winziges Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Vor dem langgezogenen Lehrertisch am Ende der Halle stand der Schulleiter Armando Dippet an seinem Rednerpult, wohl gerade im Begriff, das Wort an seine Schülerschaft zu richten. Doch auch er blieb stumm, als er die beiden Lehrer über die Türschwelle treten sah. Freude und Erleichterung traten auf sein mageres, faltenzerfurchtes Gesicht. Der Schulleiter war gebrechlich und mit seinen knapp dreihundert Jahren uralt, selbst für einen Zauberer. Den Schulleiterposten bekleidete er erst seit etwas mehr als zwölf Monaten, als er in die Fußstapfen seines verstorbenen Vorgängers Phineas Nigellus Black getreten war. Ein Jahr, das aufgrund der massiv verschärften Sicherheitslage vor allem von Stress, Sorgen und verängstigten Eltern geprägt gewesen war.

„Albus!“, rief er mit seiner kratzigen Stimme quer durch die Halle und breitete wohlwollend die Arme aus. „Ich bin ja so froh, dich zu sehen!“

Drei Plätze rechts vom leeren Schulleiterthron erhob sich eine hübsche Frau mit schwarzen Locken und einem dunkelgrünen Umhang. Mit strahlenden Augen begann sie zu klatschen. Der Rest des Lehrertisches war innerhalb von Sekunden auf den Beinen und stieg in den Beifall ein, zusammen mit dem Schulleiter, der hinter seinem Pult hervortrat und auf Albus zuschritt. Und dann erhoben sich plötzlich auch die Schüler von ihren Plätzen, krabbelten teilweise sogar auf die Bänke und jubelten ihrem zurückgekehrten Lehrer zu. Mit einem Mal war die große Halle mit ihrer wolkenverhangenen Decke erfüllt von dem wohl rührendsten Empfang, der einem Lehrer jemals zuteil geworden war. Verwundert und zutiefst berührt beobachtete Albus, was seine Rückkehr für eine erschlagende Resonanz auslöste.

Eine unbeschreibliche Wärme, gepaart mit dem leisen Ziepen eines schlechten Gewissens, breitete sich in seiner Brust aus. Diese Schüler waren alle irgendwie seine Kinder und in diesem Moment würde ihm klar, wie dankbar sie waren, dass er noch lebte und wie sehr sie sich auf seinen Schutz verließen.

„Dein Ruf eilt dir voraus, mein Freund“, flüsterte Horace grinsend, während sie nebeneinander zwischen dem applaudierenden Hufflepuff und Ravenclaw Tischen zu den Lehrern durchmarschierten. „Du musst unbedingt den Zeitungsbericht über deinen spektakulären Kampf gegen Grindelwald lesen.“

Albus rang sich ein gequältes Lächeln ab. Was würden seine Schüler, seine Kollegen und sein Freund Horace wohl von ihm denken, wenn sie wüssten, was in New York wirklich geschehen war?

Die Lehrer hatten sich von ihren Plätzen erhoben, waren um den langgezogenen Tisch herum getreten und kamen hinter dem Schulleiter auf ihn zu. Armando Dippet klopfte ihm anerkennend auf die Schulter, während sein faltiges Gesicht den jungen Lehrer bis über beide Ohren anstrahlte. „Albus, beim Barte des großen Merlin, ich bin ja so froh, dass du wohlauf bist“, sagte er erleichtert, während die anderen Lehrer zwischen den Tischen eine Traube um ihn bildeten, zusammen mit einer Unmenge an Schülern, die von ihren Plätzen gesprungen waren, um ihn zu begrüßen. Gideon, der Arithmantik unterrichtete, klopfte Albus von hinten anerkennend auf die Schulter und Galatea, die kleine, runde Professorin, die bereits zu seiner eigenen Schulzeit Verteidigung gegen die dunklen Künste gelehrt hatte, begann so hektisch auf ihn einzureden, dass er nur jedes zweite Wort überhaupt verstand. Und dann schob sich Olivia, die dunkelhaarige Hexe, die ihm als erstes Beifall gezollt hatte, zwischen ihren Kollegen hindurch und warf sich Albus derart stürmisch um den Hals, dass er beinahe hintenüber fiel. Etwas überrumpelt erwiderte er ihre Umarmung, schob die Hexe dann aber mit sanfter Gewalt von sich. Was bitte sollten denn die Schüler denken?

Sie schien es ihm die leicht abweisende Reaktion jedenfalls nicht übel zu nehmen. Ihre großen, dunklen Augen strahlten ihn an und ein sanfter Rotton lag auf ihrem herzförmigen Gesicht. Unter den Lehrerinnen war sie die mit Abstand hübscheste. Sie war in etwa zehn Jahre jünger als Albus und seit letztem Sommer dafür verantwortlich, den Erstklässlern das Besenfliegen beizubringen und die schulinternen Quidditchspiele zu organisieren. Sie hatte von Anfang an ein Auge auf ihn geworfen, das wusste er ganz genau, doch glücklicherweise hatte sie die Grenzen des kollegialen Miteinanders bisher nie überschritten. Der euphorische Ausdruck in ihren Augen machte Albus gerade jedoch ein wenig Angst.

„Sie sind ein Held, Albus!“, sprudelte es wasserfallartig aus ihr hervor. „Ihnen gebührt ein Orden für ihren Mut!“

„In der Tat“, bestätigte Gideon hinter ihm. „Endlich jemand, der sich diesem Wahnsinnigen in den Weg stellt!“

„Wie sind Sie nur lebend aus der Falle dieses Obscurus herausgekommen?“, fragte eine Stimme in seinem Rücken, die er nicht sofort einer der zahlreichen Personen um ihn herum zuordnen konnte und von irgendwo dazwischen schallten ihm die piepsigen Worte einer jungen Schülerin entgegen und fragten fast schon euphorisch: „Haben Sie Grindelwald verletzt? Wird er uns in Zukunft in Ruhe lassen?“

Albus war plötzlich gefangen in einem Kokon aus Fragen und Glückwünschen, die von allen Seiten auf ihn niederhagelten und tatsächlich wuchs ihm die Situation gerade etwas über die Ohren. Er wollte den überschlagenden Ruhm, der ihm in diesem Moment zuteilwurde gar nicht, denn er hatte ihn nicht verdient. Keiner dieser Menschen wusste, was auf der Treppe des MACUSA wirklich passiert war, geschweige denn, was Albus in seiner Manteltasche mit sich herumtrug.

„In Ordnung, in Ordnung“, rief er also lautstark in die Menge hinein, wandte sich der applaudierenden Schülerschaft zu und hob beschwichtigend die Hände. Seine Schützlinge verstummten fast augenblicklich und seine Kollegen ließen ein Stück von ihm ab, gaben ihm endlich wieder Raum zum Luft holen. Mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen erhob Albus die Stimme: „Ich danke euch allen für diesen herzlichen Empfang, das hat mich wirklich sehr tief berührt. Aber bitte feiert mich nicht als Helden, das wird der Lage, in der wir uns befinden nicht gerecht. Letztendlich habe ich die Flucht Grindelwalds nicht verhindern können. Unsere Welt ist der Gefahr, die von ihm ausgeht, leider weiterhin ausgesetzt und wir müssen mehr denn je zusammenstehen.“ Er verstummte für einen Moment und ließ den Blick über die Gesichter seiner Schüler schweifen. Und merkte schnell, dass er niemals zulassen würde, dass ihnen etwas zustieß.

Mit weicherer Stimme sprach er weiter und war in diesem Moment selbst absolut überzeugt von seinen Worten: „Wir leben alle in großer Sorge und sie ist zweifellos nicht unberechtigt. Uns stehen unruhige Zeiten bevor, soviel steht fest. Wisset jedoch, dass Hogwarts seit jeher einer der sichersten Orte unserer Welt war, von der Zeit der Gründung bis zum heutigen Tage. Wir werden mit allen Mitteln darum kämpfen, dass diese Schule so sicher bleibt, wie sie es immer war. Die Dunklen Künste haben es noch nie geschafft, die Mauern dieses Schlosses zu überwinden! Und selbst wenn Grindelwald die ganze Welt unter seine Kontrolle bringt, Hogwarts wird er nicht bekommen!“

Wo eben noch gespannte Stille gewesen war, brach im nächsten Moment wieder tosender Beifall aus.

Gideon legte seinem Kollegen den Arm und die Schultern, grinste ihn an und deutete Richtung Lehrertisch. Albus nickte zustimmend. Horace ging direkt neben ihnen, als sie im Pulk zurück Richtung Hallenende gingen und Albus war heilfroh, endlich aus dem Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwinden zu können.

Als er sich an seinem Platz rechterhand des Schulleiters und linkerhand von Horace niedergelassen hatte, verstummten endlich auch die letzten Beifallsbekundungen der Schüler.

Armando war erneut hinter sein Pult getreten und begann nun endlich mit der Rede, die er schon hatte halten wollen, bevor Albus die Halle betreten hatte. Er sprach von den erneut stark verschärften Sicherheitsregeln, die augenblicklich in Kraft treten würden und an die sich jeder Schüler ohne Ausnahme zu halten hatte.

Albus lauschte mit halbem Ohr und fragte sich mehrfach, ob Armando inzwischen davon ausging, dass Gellert ab morgen das Lager vor Hogwarts‘ Schlosstor aufschlagen würde. Schüler durften nur noch paarweise oder in kleinen Gruppen durch die Gänge marschieren, die Passwörter für die Gemeinschaftsräume müssten künftig einmal die Woche geändert werden und jeder, der eine noch so kleine, verdächtige Beobachtung machte, müsse diese künftig sofort einem Lehrer melden. Zudem galt für die Erst- und Zweitklässler ab sofort das strikte Verbot, die Schulländereien ohne Begleitung eines Lehrers zu betreten, als befürchte Armando, Gellert könnte auf die Idee kommen, Zauberlehrlinge zu kidnappen. Die Stimmung der Schüler war dementsprechend gedämpft, als der Schulleiter seinen Vortrag beendet hatte.

Albus senkte den Blick und ließ ihn über die Speisen, die vor seiner Nase auf dem Lehrertisch standen, gleiten, ohne sie wirklich zu sehen. Sein Körper signalisierte ihm Hunger, doch irgendwie fiel ihm der Gedanke, jetzt etwas zu essen, schwer. Erst als Horace neben ihm begann, seinen Teller mit Roastbeef und Kartoffeln zu beladen, tat Albus es ihm schließlich gleich. Er hatte sowieso viel zu wenig gegessen in den letzten Tagen und sollte besser zusehen, dass er nicht völlig vom Fleisch fiel. Vielleicht fand er irgendwo in seinem Büro noch ein paar Zitronenbrausebonbons…

„Übrigens, Albus“, flüsterte Horace plötzlich geheimnisvoll und lehnte sich zu ihm herüber. Er nickte mit dem Kopf verhalten auf die Tischseite linkerhand des Schulleiters, wo Olivia saß und sich gerade mit Hepzibah, der Lehrerin für Kräuterkunde, unterhielt, nicht ohne immer wieder verstohlene Blicke in seine Richtung zu werfen.

„Ich glaube Olivia hat ein Auge auf dich geworfen“, flüsterte Horace grinsend. „Sie hat die ganze Zeit bin nix anderem gesprochen, als von dir, das war teilweise richtig lästig. Ich glaube, nach der Sache mit Grindelwald liegt sie dir zu Füßen.“

Albus sah Horace mit großen Augen an. „Tatsächlich?“, fragte er und versuchte dabei nicht ganz so entsetzt zu klingen, wie er sich fühlte.

Sein Kollege nickte grinsend. „Ich würde dir raten zuzuschlagen, ehe sie es sich anders überlegt“, wisperte er mit verschwörerischer Stimme. „Die halbe Lehrerschaft ist hinter ihr her.“

„Du auch?“, fragte Albus eher mechanisch, als hoffe er, Olivia an einen seiner Kollegen verscherbeln zu können. Horace schüttelte sofort den Kopf. „Oh nein, Albus, keine Sorge. Ich habe andere Dinge im Kopf als Frauen.“ Er griff demonstrativ nach seinem metgefüllten Krug und trank einen kräftigen Schluck des honiggelben Gebräus, als gäbe es nichts sonst auf der Welt, das ihn so zufrieden machen konnte, wie Wein und Essen. Und Zaubertränke natürlich. Albus sah seinen Kollegen an und war sich nicht ganz sicher, ob er ihm das glauben sollte, doch eigentlich war es ihm auch egal. Er wagte einen weiteren Blick auf die andere Seite des Tisches und natürlich erwischte er die junge Hexe erneut dabei, wie sie durch ihre schwarze Mähne hindurch betont unauffällig zu ihm herüberschielte.

Er stöhnte innerlich und spürte auf einmal den dringenden Wunsch, sofort in seinem Büro zu verschwinden, um diesen Blicken zu entgehen. Das hatte ihn in der momentanen Situation gerade noch gefehlt... Die Aufmerksamkeit einer Frau, deren Zuneigung er wohl niemals erwidern würde.
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