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Das Leben des Albus Dumbledore

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald
21.08.2019
20.04.2020
15
55.764
21
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
14.01.2020 4.619
 
Hallo zusammen, ein großes Sorry für die lange Pause. Danke für die vielen Rückmeldungen, ich werde sie nach und nach beantworten, wenn ich dazu komme :)

In diesem Kapitel unternehmen wir den zweiten Ausflug in die Vergangenheit.

Danke an Lilo für die schnelle Beta!

~~~

Albus fühlte sich wie in einem schrecklichen Albtraum gefangen. Er stand am Bett seiner kleinen Schwester, Tränen in den Augen und Fassungslosigkeit im Herzen, sein Bruder Aberforth neben ihm. Der kleine Junge zitterte am ganzen Leib und dicke Tränen kullerten über seine Wangen.

„Wird sie jemals wieder gesund?“, fragte er mit brüchiger Stimme und hob den tränennassen Blick. Auf der anderen Seite des Bettes saß ihre Mutter Kendra, ebenfalls mit verweinten Augen und hielt Arianas kleine Hand. „Ganz bestimmt“, flüsterte sie. „Eure Schwester ist viel stärker, als sie aussieht.“

Albus ließ den Blick über den kleinen, verletzten Körper gleiten und hoffte inständig, seine Mutter hatte Recht. Der bloße Anblick seiner Schwester riss ihm das Herz aus der Brust.

Ariana lag auf dem Rücken, die schmalen  Arme seitlich am Körper liegend. Ihre Augen waren geschlossen, sie war schon seit fast zwei Stunden ohne Bewusstsein. Auf ihrer Stirn klaffte eine hässliche Platzwunde, ihr linkes Auge war zugeschwollen und ihre Lippen aufgeplatzt. Sie war übersäht mit Schrammen, blutenden Striemen und blauen Flecken. An ihrer Hand waren zwei Finger gebrochen und die Haut ihrer Beine war voller Brandblasen. Ihr Sommerkleid hing ihr in schmutzigen, verkohlten Fetzen vom Leib. Sie hatten versucht sie anzuzünden. Sie umzubringen!  Hexen müssen verbrannt werden, hat einer von ihnen gesagt. Albus war zutiefst schockiert von der Brutalität, die man seiner unschuldigen, kleinen Schwester angetan hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben war ihm auf fast unerträgliche Art und Weise bewusst gemacht worden, wie grausam Menschen sein konnten.

Kendra hatte Ariana bereits mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen, verarztet und es sah so aus, als würde sie zumindest keine allzu schweren körperlichen Schäden davontragen. Aber Albus wollte sich nicht überlegen, wie es ihr nun seelisch gehen mochte. Womöglich würde sie sich nie wieder trauen in den Garten zu gehen, um zu spielen. Womöglich würde sie sich künftig einigeln, ihre fröhliche Art und den neugierigen Glanz in ihren Augen für immer verlieren. Albus fühlte sich bei diesem Gedanken elend, wie noch nie in seinem Leben.

Am Fußende des Bettes stand Percival und der Anblick seines Vaters machte Albus fast genauso viel Angst, wie der seiner Schwester. Er war der einzige im Raum der nicht weinte. Das Gesicht des stattlichen Mannes war hochrot und Zornesfalten überzogen seine Züge, wie knittriges Pergament. In seinen Augen glänzten eine Wut und ein Hass, wie Albus sie bei seinem Vater noch nie gesehen hatte.

„Am liebsten würde ich sie umbringen, die Bastarde“ zischte er beim Anblick seiner schwer verletzten Tochter und umklammerte das hölzerne Gestell des Bettendes so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Aberforth rutschte beim Anblick seines Vaters eine Winzigkeit näher an seinen großen Bruder heran.

„Percival!“, herrschte Kendra ihren Ehemann an. „Sag so etwas nicht, schon gar nicht vor den Kindern! Das macht Ariana auch nicht wieder gesund!“

Percival mahlte zornglühend mit den Zähnen, seine Augen glänzten und eine Ader pulsierte an seiner Schläfe. „Soll ich es ihnen durchgehen lassen, dass sie meine Tochter fast umgebracht haben, weil sie Angst vor ihr hatten?“, fuhr er fort, die Stimme zitternd vor Wut.

„Warum genau haben sie denn Angst vor ihr gehabt, was hat sie denn gemacht?“, fragte Aberforth kleinlaut.

„Sie hat gezaubert“, zischte Percival. „Du weißt ja Ariana zaubert viel, aber eben noch nicht kontrolliert und gesteuert. Sie versuchte wohl eine gepflückte Blume fliegen zu lassen und hat es für einen kurzen Moment sogar geschafft. Die drei verdammten Muggeljungen haben es gesehen und Angst vor ihr bekommen. Sie sind in den Garten gestürmt, und als sie Ariana zwingen wollten, das gerade Getane noch einmal zu wiederholen, konnte sie es nicht mehr. Wie denn auch? Sie hat es nie gelernt!“

Albus rutschte das Herz in den Magen, ihm war auf einen Schlag speiübel. Er wich dem Blick seiner Eltern aus und richtete ihn auf das zerschundene Gesicht seiner Schwester. Das schlechte Gewissen erstickte ihn beinahe, als er seinen Vater weitersprechen hörte:

„Die Bastarde sind wütend geworden und haben sie so zugerichtet. Wer weiß, was noch passiert wäre, wäre ich nicht gekommen und hätte sie verscheucht.“

Nun glänzten auch in Percivals Augen Tränen. Aber es waren keine Tränen der Trauer. Es waren Tränen der Wut, der Verzweiflung. Die zerstörerische Aura des Hasses, die von ihm ausging war beinahe körperlich zu spüren. Albus ballte seine Hände zu Fäusten, damit sie nicht mehr so zitterten. Sein Vater machte ihm gerade schreckliche Angst.

In diesem Moment hörte er plötzlich ein leises Wimmern am Kopfende des Bettes und alle wandten alarmiert die Köpfe. Ariana hatte die Augen geöffnet. Zumindest das eine, das sie noch öffnen konnte.

„Ari!“, stieß Kendra hervor, rutsche näher ans Kopfende des Bettes heran und legte ihrer Tochter die Hand auf die Stirn.

„Mama“, flüsterte Ariana, ihr Auge war schreckweit aufgerissen und schwamm in Tränen. Sie begann zu zittern wie Espenlaub. „Sind sie weg?“, flüsterte sie weinend und ihr kleiner Körper bebte besorgniserregend. Kendra nickte, setzte sich aufs Bett und zog das verletzte Mädchen vorsichtig in ihre Arme. „Ja, mein Schatz, sie sind weg, sie werden dir nichts mehr tun. Das verspreche ich dir.“

„Sie… sie haben mir so wehgetan, sie…“ Ariana presste sich an die Brust ihrer Mutter und begann hemmungslos zu weinen. Albus stand versteinert am Bett und merkte nun selbst, wie Tränen seine Wangen herabrannen.

Aberforth löste sich von seinem großen Bruder und krabbelte nun selbst auf das Bett hinauf, kroch zu seiner weinenden Schwester herüber und schloss sie von hinten in seine Arme. Das zarte, blonde Mädchen ging in der doppelten Umarmung beinahe unter, doch sie schien sich im schützenden Kokon ihrer Familie tatsächlich ein wenig zu beruhigen. Auch Percival trat um das Bett herum und legte seiner Frau, die die weinende Ariana in ihren Armen hielt, die Hände auf die Schultern. Eine einzelne Träne rann über seine Wange und versickerte in seinem blonden Bart.

Albus stand noch immer wie versteinert am Bettrand, kam sich fehlplatziert und schrecklich schuldig vor. Hätte er sich nicht immer so standhaft geweigert, Ariana zu trainieren, dann wäre das alles womöglich nie passiert. Erstens hätte sie dann nicht alleine im Vorgarten üben müssen und zweitens wäre sie dann vielleicht in der Lage gewesen, sich zu verteidigen, als diese drei idiotischen Muggel es gewagt hatten, sie anzugreifen. Albus biss sich auf die Lippen, so tief, dass es schmerzte, als er sich selbst die Schuld an Arianas Zustand gab und sich plötzlich fühlte, als würden seine Beine ihn nicht länger tragen können. Tränen ließen seinen Blick völlig verschwimmen, als er mit schmerzender Brust das Menschenknäul auf dem Bett betrachtete und sich fragte, ob er das Leid, das über seine Familie gekommen war, hätte verhindern können, wenn er sich mehr um seine kleine Schwester gekümmert hätte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl, etwas ganz schrecklich falsch gemacht zu haben.

***

Inzwischen lag der verheerende Angriff auf Ariana fast eine Woche zurück und ihre körperlichen Verletzungen waren, dank der aufopfernden Versorgung durch Kendra, beinahe vollständig abgeheilt. Doch die seelischen Spuren, die sie zurückbehalten hatte, waren gravierender, als jeder von ihnen erwartet hätte. Albus hatte die wohl schlimmste Woche seines Lebens hinter sich. Ariana weinte beinahe den ganzen Tag und schlief fast überhaupt nicht mehr. Und immer dann, wenn sie es doch geschafft hatte, die Augen zu schließen, wachte sie spätestens eine Stunde später schreiend und schweißgebadet wieder auf, schlug um sich und bettelte einen unsichtbaren Peiniger verzweifelt um Gnade an. Kendra und Percival hatten die ganze Zeit abwechselnd Wache an ihrem Bett gehalten und Albus war sich sicher, seine Eltern noch nie so am Boden erlebt zu haben, wie in den letzten Tagen. Percival ging tagsüber völlig übernächtigt in die Arbeit, kam spät nachmittags noch erschöpfter und meist mit unbeschreiblich schlechter Laune nach Hause, nur um den Rest des Abends am Bett seiner Tochter zu sitzen. Kendra verbrachte unter Tags fast jede Sekunde ihrer Zeit in dem Gästezimmer, in dem sie das verletzte Mädchen nach der Attacke untergebracht hatten und versuchte sie mit allen Mitteln von dem erlebten Horror abzulenken. Sie las ihr Geschichten aus Märchenbüchern vor, flocht ihr schöne Zöpfe in die Haare und schaffte es dann und wann sogar, sie ein wenig im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Zumindest solange, bis sie den nächsten Weinkrampf bekam.

Auch Aberforth verbrachte sehr viel Zeit bei seiner kleinen Schwester, spielte Koboldstein mit ihr, fütterte sie mit Süßigkeiten oder hielt sie einfach ganz fest im Arm. Nur Albus hatte es bisher nicht gewagt, Ariana alleine unter die Augen zu treten, weil er sich immer noch schuldig an ihrem Zustand fühlte. Auch wenn das, objektiv betrachtet, natürlich sehr weit hergeholt war.

Doch nun, da die Katastrophe eine ganze Woche in der Vergangenheit lag, hatte er den Entschluss gefasst, endlich alles nachzuholen, was er seiner Schwester zuvor verwehrt hatte. Niemand sollte sie jemals wieder derart verletzen können! Er würde aus ihr die begabteste junge Hexe von ganz England machen und dann würde kein Muggel dieser Welt sie jemals wieder anfassen!

Kendra stand momentan in der Küche, um ihren Kindern etwas zu Essen zuzubereiten und wo sich Aberforth gerade herumtrieb, stand in den Sternen. Albus war es egal. Ariana war gerade tatsächlich alleine, was selten genug vorkam und das war seine Chance. Die Tür zum Gästezimmer stand sperrangelweit offen, damit Ariana nur laut nach ihrer Mutter rufen musste, sollte irgendetwas nicht stimmen. Merkwürdig nervös betrat Albus den kleinen Raum, einen seiner bunten Bauklötze in der schweißnassen Hand. Ariana saß auf ihrem Bett und hatte ein Bilderbuch in der Hand.

Als ihr Bruder den Raum betrat hob sie den Blick und ihre Augen wurden groß vor Überraschung. „Albus?“, fragte sie. „Du kommst zu mir?“

Albus schluckte an einem dicken Kloß in seiner Kehle vorbei. „Natürlich komme ich zu dir, du bist doch meine Schwester.“

„Aber du warst nie ein netter Bruder zu mir“, antwortete sie trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust. „Aberforth kümmert sich viel mehr um mich.“

Albus fühlte sich, als hätte sie ihn geschlagen. Dass sie ihm gerade jetzt vorhielt, dass er sich noch nie sonderlich viel um sie gekümmert hatte, machte sein schrecklich schlechtes Gewissen nur noch schlimmer. Sie war doch seine kleine Schwester, er liebte sie doch!

„Ich weiß, Ariana. Es tut mir leid… ich werde alles wieder gutmachen, das verspreche ich dir.“

Arianas Augen blitzten herausfordernd, als prüfe sie, ob sie ihm glauben sollte. Dann aber rutschte sie auf ihrem Bett ein Stück zur Seite und klopfte neben sich auf die Matratze. „Dann komm zu mir, großer Bruder“, sagte sie einladend. Albus lächelte dankbar und folgte der Aufforderung bereitwillig. Er krabbelte auf Arianas Bett und setzte sich im Schneidersitz neben sie.

„Schau mal, was ich dabeihabe“, sagte er lächelnd und hielt ihr den Bauklotz unter die Nase. „Ich glaube du bist jetzt alt genug zum Zaubern! Ich zeige dir heute, wie man Sachen fliegen lassen kann!“, verkündete er mit stolzgeschwellter Brust. Er war sich sicher, Ariana würde jetzt anfangen zu jubeln und ihm begeistert um den Hals fallen, dafür dass er ihr endlich, endlich ihren größten Wunsch erfüllte. Doch leider täuschte er sich gewaltig. Ein Ausdruck allumfassender, vernichtender Panik trat plötzlich in ihre blauen Augen.

„Nein, nein, nicht zaubern, ich will nicht zaubern!“, stieß sie hervor und schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre Zöpfe hart gegen ihre Wangen schlugen. Entgeistert sah Albus sie an. „Wieso willst du nicht zaubern?“, fragte er völlig vor den Kopf gestoßen.

„Ich darf nicht! Wenn ich zaubere, kommen sie wieder und dieses Mal bringen Sie mich um, ich weiß es! Ich darf nicht mehr zaubern! Ich will nicht mehr zaubern! Nie nie mehr!“

Innerhalb von Sekunden weinte Ariana wie ein Wasserfall und Albus saß völlig entgeistert neben ihr und hatte keine Ahnung, was er nun sagen sollte. Das konnte Ariana doch unmöglich ernst meinen? Monatelang hatte sie ihn beinahe täglich mit ihrem Betteln terrorisiert, und nun wollte sie plötzlich nicht mehr? Nein, das konnte nicht sein! Sie stand einfach noch unter Schock, was völlig verständlich war. Doch Albus würde ihr zeigen, dass sie jetzt doch keine Angst mehr zu haben brauchte. Sobald er sie an ihre Magie herangeführt hatte, würde sie jedem Muggel mit stolz erhobenem Haupt entgegentreten und sich von niemandem mehr anrühren lassen!

„Hab doch keine Angst, Ariana“, sagte Albus aufbauend und lächelte sie an. „Natürlich willst du zaubern, du wirst die beste junge Hexe im ganzen Dorf werden! Es ist gar nicht schwer, ich zeige dir, wie es geht.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Albus ihr den hölzernen Bauklotz in die Hand und wartete darauf, dass sie den Blick hob. Doch als sie das tat, erschrak er über den Ausdruck in ihren Augen. Albus hatte noch nie einen derart panischen, verstörten Blick gesehen und ehe er reagieren konnte, hob Ariana den Arm und warf den gelben Holzklotz quer durch das ganze Zimmer, bis er scheppernd gegen die Wand schlug und zu Boden fiel. Dann brüllte sie ihrem Bruder an, so laut, dass sich ihre Stimme überschlug: „LASS MICH IN RUHE, ALBUS! ICH WILL NICHT ZAUBERN!!“

Der Junge war für einen Moment viel zu erschrocken, um zu reagieren. Hinter ihm erklang die entfernte Stimme seiner Mutter aus der Küche die panisch rief: „Ari, was ist los?“

Das Mädchen antwortete nicht mehr, ebensowenig wie ihr Bruder. Albus starrte seine Schwester an und das Entsetzen lähmte ihm Sinne und Muskeln, als er sah, wie irgendetwas mit ihr geschah. Arianas Haut veränderte sich, als hätte sich ein feiner, flimmernder Nebel um ihren Körper gelegt. Sie weinte apathisch, krallte ihre Hände so fest in ihre Haare, dass sie sich ganze Büschel aus der Kopfhaut riss und bebte am ganzen Körper. Das Blau ihrer weit aufgerissenen Augen wurde weiß. Und Albus gefror das Blut in den Adern.

„Ariana?“, fragte er panisch, doch in diesem Moment brach die Dunkelheit aus ihr heraus. Eine tiefschwarze, flimmernde Masse, schoss durch die Oberfläche ihrer Haut, verschlang ihren ganzen Körper und innerhalb eines einzigen Wimpernschlags war Ariana verschwunden. Eine riesenhafte, pechschwarze Wolke, die aussah wie komprimierte, lebendige Asche hatte ihren Platz eingenommen, schlug um sich und blähte sich auf, bis sie fast den gesamten Raum zwischen Bett und Decke einnahm.

Albus reagierte instinktiv, warf sich herum, stürzte dabei rücklings vom Bett und kroch panisch über den Boden, bis er mit dem Rücken an die Zimmerwand stieß. Mit blankem Entsetzen starrte er das pechschwarze Etwas an, das vor wenigen Augenblicken noch seine Schwester gewesen war. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie etwas derart Entsetzliches gesehen. Das Ding flackerte, pulsierte und zuckte, ehe es plötzlich wie eine Kanonenkugel in die Decke krachte und zentimetertief in den Beton eintauchte. Splitter schossen wie Kugeln durch das ganze Zimmer und Staub regnete auf den Boden herab. Albus saß völlig versteinert an die Wand gepresst und war starr vor Entsetzen und Panik.

„Ariana!“ In diesem Moment stürzte Kendra in das Gästezimmer hinein und blieb mit maßlos entsetztem Gesichtsausdruck im Türrahmen stehen, während sie die randalierende schwarze Wolke betrachtete, die gerade von der Decke zurück auf den Boden schoss und dabei das Bett derart zerfetzte, dass Federn und Holzsplitter durch den ganzen Raum flogen.

„Albus, was hast du getan??“, schrie sie ihn mit überschlagender Stimme an und stürzte in den Raum hinein, auf das Ding zu, das kurz zuvor noch Ariana gewesen war.

„Ich habe gar nichts getan!“, schrie Albus zurück, während seine Tränen ihn fast erstickten. Was passierte hier gerade? Was zur Hölle war mit Ariana passiert?

Kendra blieb fassungslos vor dem zerschmetterten Bett und der zuckenden schwarzen Masse, die über die Laken waberte, stehen. Sie zog ihren Zauberstab, auch wenn Albus ihr an den Augen ansah, dass sie ihn niemals benutzen würde, solange sie nicht wusste, was dann mit ihrer Tochter geschehen würde. Die schwarze Wolke züngelte träge über der zerfetzten Matratze und schien für einen kurzen Augenblick tatsächlich ruhig zu sein. „Ari?“, fragte Kendra mit bebender Stimme und trat einen weiteren Schritt auf sie zu. Albus erhob sich bebend auf seine Füße und überlegte, ob er es seiner Mutter gleichtun sollte.

Doch in dem Moment kehrte Leben in das schwarze Ding zurück. Mit einem merkwürdig kreischenden Geräusch, das grauenvoll an Albus‘ Trommelfell riss, schoss es direkt auf Kendra zu. Die warf sich überhastet auf den Boden und die dunkle Masse verfehlte sie nur um Haaresbreite. Stattdessen bohrte sie ein weiteres, kratertiefes Loch in die Decke und ließ Betonsplitter auf den Boden herabregnen. Albus wollte panisch nach seiner Mutter schreien, doch seine Stimme versagte ihm den Dienst. Kendra rappelte sich auf die Hände und hob alarmiert den Kopf nach oben, wo die dunkle Masse sich über der Decke ausbreitete, wie schwerkraftresistentes Wasser.

„Albus, raus hier!“, schrie seine Mutter ihm zu, doch der Junge war wie versteinert. Er konnte jetzt nicht gehen, er konnte Kendra jetzt unmöglich alleine lassen! Mit rasendem Puls und weichen Knien schüttelte er den Kopf, den Blick auf die schwarze Substanz über ihnen gerichtet. „Raus hier!“, schrie seine Mutter ihm dieses Mal bedeutend lauter entgegen. „SOFORT!“

„Was ist hier los?“, erschallte plötzlich eine laute männliche Stimme aus dem Flur und im nächsten Moment stürzte eine weitere Person in das Zimmer hinein. Es war Percival. Er musste gerade erst von der Arbeit nach Hause gekommen sein und den Tumult im Gästezimmer mitbekommen haben. Wie angewurzelt blieb er im Türrahmen stehen, entsetzt starrte er auf das Geschehen vor seinen Augen. Ariana hatte sich inzwischen wie ein schwarzer Teppich über die gesamte Decke gebreitet und zuckte dort vor sich hin, wie ein verendendes Tier. „Bei Merlins Bart“, hörte Albus seinen Vater flüstern.

Erst jetzt bemerkte Albus, dass Aberforth Percival gefolgt war. Er hielt seine heißgeliebte Kuschelziege im Arm und blickte entsetzt auf Arianas zerstörtes Bett und sofort danach auf die schwarze Masse, die über ihnen an der Decke entlangwaberte.

Albus hatte keine Ahnung, ob Aberforth verstand, was hier geschehen war und dass die dunkle Wolke über seinem Kopf eigentlich seine Schwester war. Doch er erkannte sehr wohl, dass irgendetwas Schreckliches mit dem Mädchen geschehen sein musste.

„ARIANA!“, brüllte er und stürzte an seinem Vater vorbei in den Raum hinein. Percival handelte geistesgegenwärtig, packte seinen Sohn am Kragen und riss ihn grob zurück. Aberforth wehrte sich mit Leibeskräften, doch gegen seinen Vater kam er nicht an.

„Percival, schaff die Jungs hier raus!“, schrie Kendra ihrem Mann entgegen und er reagierte sofort. Er schlang Aberforth den Arm um die Brust und hob ihn hoch, während er mit der freien Hand den noch immer völlig versteinerten Albus am Arm packte und die beiden Jungen grob aus dem Zimmer warf, bevor er ihnen krachend die Tür vor der Nase zuschlug.

„Ariana!“, brüllte Aberforth erneut, ließ sein Kuscheltier fallen und sprang zurück auf die Füße. Mit all der Wucht seines geringen Körpergewichts warf er sich gegen die geschlossene Tür und trommelte mit den Fäusten so fest dagegen, dass die Haut an seinen Fingerknöcheln aufplatzte. „Lasst mich rein, lasst mich zu ihr!“, schrie er, während Sturzbäche von Tränen über sein Gesicht liefen und auf den Boden vor der verschlossenen Tür tropften.

Albus sah ihn an, während er selbst noch immer völlig verstört auf dem Boden saß, zitterte wie Espenlaub und versuchte zu erfassen, was hier gerade geschehen war. Was war bloß mit Ariana passiert? In was hatte sie sich verwandelt, woher kam diese zerstörerische Dunkelheit? War es seine Schuld? Hatte er schon wieder etwas derart falsch gemacht? Aber warum denn? Er hatte seiner Schwester doch nur ihren größten Wunsch erfüllen und ihr Zaubern beibringen wollen…

***

Die Zeit, bis Ariana wieder in ihre menschliche Gestalt zurückgekehrt war, kam Albus vor wie eine halbe Ewigkeit. Ein endloser Albtraum, ohne Aussicht auf ein gnädiges Erwachen. Er saß in seinem Zimmer, Aberforth noch immer weinend neben ihm und Albus hatte ihm den Arm um die zitternden Schultern gelegt. Kendra war nach wie vor in Arianas Zimmer, doch Percival war vor einer knappen halben Stunde herausgekommen. Er hatte seinen Söhnen kurz angebunden erzählt, dass es Ariana wieder gut ginge und Kendra noch ein wenig bei ihr bleiben würde, ihnen jeden Zutritt zum Gästezimmer jedoch strikt verboten. Auf Albus‘ Frage, was denn mit Ariana passiert war, hatte Percival nicht geantwortet, sondern seine Söhne rabiat in ihr gemeinsames Kinderzimmer zurückgescheucht, wo sie seither völlig verstört auf dem Boden saßen und darauf warteten, dass ihnen irgendjemand irgendetwas erklärte. Was nicht passierte. Percival hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und Albus vermutete, dass er gerade seine kleine Büchersammlung nach einer Erklärung für Arianas Zustand durchforste. Ob er etwas herausfinden würde?

„Was ist nur mit ihr passiert?“, flüsterte Aberforth zum etwa hundertsten Mal gegen die Schulter seines Bruders, die inzwischen völlig durchweicht von seinen Tränen war. Albus schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, Ab, ich weiß es nicht…“

„Du weißt sonst doch auch alles“, gab Aberforth schroff zurück, doch seine Wut klang nicht im

Geringsten überzeugend. Es waren einfach nur Angst und Verzweiflung, die aus seiner Stimme sprachen. Albus legte das Kinn auf Aberforths Kopf ab und kämpfte fest dagegen an, selbst wieder in Tränen auszubrechen. Er musste seinem kleinen Bruder jetzt eine Stütze sein.

Als sie plötzlich hörten, wie die Tür zum Gästezimmer, in dem Ariana untergebracht war, sich öffnete, waren die beiden Jungen innerhalb von Sekundenbruchteilen auf den Füßen und stürmten in den Flur.

Kendra schloss gerade behutsam Arianas Tür, aus der Percival seine Söhne zuvor herausgeschmissen hatte. Ihre Augen waren rot unterlaufen und ihre Haut fleckig. „Mum“, rief Aberforth, während er auf seine Mutter zustürzte. „Was ist mit ihr, was ist mit Ariana?“, Doch Kendra schüttelte den Kopf und machte mit den Händen eine beschwichtigende Geste. „Bitte sei leise, Aberforth, sie schläft gerade, weckt sie bloß nicht auf! Ich werde gleich wieder zu ihr gehen, aber ich muss erst kurz mit eurem Vater sprechen.“

„Wir kommen mit!“, stellte Albus sofort klar und Aberforth pflichtete ihm eifrig nickend bei. Doch Kendra schüttelte mit strengem Blick den Kopf. „Kommt nicht infrage. Ihr geht ins Zimmer zurück, bis wir euch holen! Ich muss erst einmal mit eurem Vater alleine sprechen.“

Sanft aber bestimmt schob sie ihre Söhne aus dem Weg und war im nächsten Moment in Percivals Arbeitszimmer verschwunden. Albus und Aberforth sahen sich an und beide hatten in diesem Moment denselben Gedanken. Sie flitzten zur Tür, rangelten stumm um das Schlüsselloch, bis der kleinere und schwächere Aberforth grummelnd nachgab und sich zum Türschlitz auf den Boden legte, während Albus versuchte, durch das Schlüsselloch hindurch seine Eltern zu erkennen.

„Wie geht es ihr?“, fragte Percival, als Kendra eingetreten war und die Tür hinter sich verriegelt hatte.

„Sie ist wieder ruhig, sie schläft. Ich kann sie nicht lange alleine lassen, aber bitte Percival, bitte sag mir, was los ist mir ihr. Du weißt es, ich sehe es dir doch an.“ Kendras Stimme war so brüchig, dass sie kaum mehr sprechen konnte. Es dauerte einen Moment, bis ihr Mann ihr antwortete. Der blanke Hass, gepaart mit einer unbeschreiblichen Wut, sprach aus seinen Worten. „Sie hat einen Obscurus entwickelt“, antwortete er und schaffte es kaum, seine Stimme ruhig zu halten. Schweigen legte sich über das Geschehen. Albus und Aberforth sahen sich fragend an. Was in Merlins Namen war ein Obscurus?

„Das ist nicht möglich, Percival“, sagte Kendra schließlich und klang als würden ihr gleich die Stimmbänder versagen. „Es gibt keine Obscuriale mehr. Seit Jahrhunderten nicht mehr.“

Percival lachte leise, und der Laut klang so bitter, dass es Albus kalt den Rücken hinablief. „Es gab mehr von ihnen, als uns die Muggel bis aufs Blut gejagt und getötet haben. Aber nenne mir einen Grund warum es heute keine mehr geben sollte, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind? Unsere Tochter ist fast zu Tode gequält worden. Glaubst du etwa das reicht nicht, um einen Obscurus zu entwickeln.“

„Aber…“, begann Kendra verzweifelt zu stammeln. „Dieses schwarze Ding, das…“

„Das war Ariana selbst. Das war ihre Magie. Oder vielmehr das, was davon noch übrig ist.“

„Aber… wie kann das sein, sie kann doch noch gar nicht richtig zaubern.“

„Das hat mit Zaubern nichts mehr zu tun“, zischte Percival und nun klang auch er den Tränen nahe. „Sie wird nie wieder zaubern können. Durch diese Attacke hat sich die Magie in ihr unwiederbringlich verändert. Der Obscurus ist jetzt ihre Magie.“

Albus spürte sein Herz schmerzhaft gegen seine Kehle springen. Was war das, dieser Obscurus? Es war unmöglich, dass Ariana nicht mehr zaubern konnte!

„Percival…“, flüsterte Kendra auf der anderen Seite der Tür. „Was bedeutet das alles? Bitte sag mir, was mit unserer Tochter los ist.“

„Ariana hat ihre Magie unterdrückt, nachdem diese verfluchten Muggel sie deswegen fast umgebracht haben! Doch ihre Kräfte waren gerade erst dabei sich zu entwickeln und wachsende Magie lässt sich nicht unterdrücken. Wenn ein Kind es trotzdem versucht, verändert sie sich und wird zu diesem schwarzen Ding, das wir gesehen haben.“

„Aber… was können wir tun? Sollen wir sie zu einem Heiler bringen, sollen wir...“

„Nein!“, fuhr Personal ihr augenblicklich ins Wort. „Niemand, hast du verstanden, niemand darf jemals von ihrem Zustand erfahren! Sie würden sie uns wegnehmen und ihr Leben lang ins Sankt Mango sperren, denn der Obscurus in ihr stellt eine massive Gefahr für das Geheimhaltungsabkommen dar!“

„Aber…“ Kendra weinte inzwischen so heftig, dass sie kaum mehr sprechen konnte. „Wir müssen doch irgendetwas tun können, damit sie wieder gesund wird?“

„Sie wird nicht mehr gesund, Kendra! Verstehst du das nicht. Ein Obscurus ist eine Entwicklung, die mit nichts auf der Welt wieder rückgängig zu machen ist. Diese Muggel haben unser Mädchen zerstört! Sie wird den Obscurus nie wieder loswerden! Alles was wir jetzt noch tun können, ist ihr die Zeit, die sie noch hat, einigermaßen schön zu machen.“

Albus fühlte sich, als würden seine Beine ihn nicht mehr tragen können. Das war zu viel. Seine Hände zitterten, sein Herzschlag erstickte ihn fast und ihm war so übel, dass er sich am liebsten übergeben hätte. Das konnte nicht stimmen, das konnte einfach wahr sein! Sein Vater musste sich täuschen! Ariana würde wieder gesund werden, zaubern können und… Nein, es durfte einfach nicht wahr sein, seine Schwester hatte keinen… Obscurus… Das war einfach nicht möglich!

Die Gedanken in seinem Kopf überschlugen sich und versuchten ihm einzureden, dass alles, was er soeben gehört hatte, nicht stimmte, nicht stimmen konnte! Tränen rannen an seinen Wangen herab und als er hinabblickte, sah er Aberforth, der auf die Hände gestützt auf dem Boden lag und am ganzen Körper bebte, während er immerfort den Kopf schüttelte.

Albus ahnte, was sein Bruder vorhatte, noch bevor er sich in Bewegung setzte. Als Aberforth im nächsten Moment auf die Füße sprang und nach der Türklinke greifen wollte, packte Albus ihn von oben und hielt ihn fest. „Nicht, Ab“, bat er mit erstickter Stimme.

Aberforth wehrte sich heftig in Albus‘ Arm. „Lass mich!“, zeterte er und Albus presste ihm die Hand gegen den Mund. „Sei still, sonst hören sie uns noch!“, flüsterte er bebend. „Was willst du denn tun, was willst du ändern, wenn du jetzt da reinplatzt?“

Auf der anderen Seite der Tür brach Kendra gerade in haltloses Schluchzen aus und es klang, als würde sie seinem Vater verzweifelt in den Arm fallen. Aberforth, der sich gerade noch mit Händen und Füßen gegen seinen Bruder gewehrt hatte, schien mit einem Mal alle Kraft verlassen zu haben. Er erschlaffte in Albus‘ Umklammerung und begann ebenfalls haltlos zu weinen, während er sich so fest an den Armen seines großen Bruders festklammerte, dass es wehtat. Albus presste Aberforth, der inzwischen von Weinkrämpfen geschüttelt wurde, an sich und versuchte, ihm den Halt zu vermitteln, den er momentan selbst nicht hatte. Er zitterte am ganzen Körper, als er versuchte, zu verarbeiten, was er gerade erfahren hatte. Innerhalb einer einzigen Woche hatte sich ihr ganzes heiles Familienleben völlig verändert. Wie sollte es nun weitergehen?
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