Das Leben des Albus Dumbledore

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
Albus Dumbledore Gellert Grindelwald
21.08.2019
14.01.2020
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Ein ganz herzliches Hallo an alle, die sich hierher verirrt haben :)

Und an alle die mich bereits kennen ein dickes Entschuldigung dafür, dass ich so lange Zeit von der Bildfläche verschwunden war. Leider hat mich mein eigenes Leben vor knapp zwei Jahren derart fies auf die Schnauze fallen lassen, dass ich Zweifel daran hatte, jemals wieder Zeit und Lust zum Schreiben zu finden. Aber ich möchte die Geschichte, in der bereits viel Zeit und Herzblut stecken nicht einfach sterben lassen, zumal ich in letzter Zeit öfter gefragt wurde, ob es denn noch weitergeht. Es freut mich sehr, dass noch immer solches Interesse an der Geschichte besteht :) Also werde ich nun doch langsam anfangen, sie zu veröffentlichen. Wie es aussieht wird sie ziemlich lang werden.

Ein paar Worte vorweg:

Für alle Neulinge, ich habe zur Zeit als Fantastische Tierwesen 1 rauskam bereits eine Geschichte über Dumbledores Jugendliebe zu Grindelwald geschrieben (Link wäre hier: https://www.fanfiktion.de/s/582af569000659b637441418/1/Das-Leben-des-Albus-Dumbledore-Das-Groessere-Wohl ) Diese Geschichte hier war als Fortsetzung gedacht, da ich den ersten Teil gerade jedoch stark überarbeite und ihn in Form von Rückblicken erweitert und teilweise auch abgeändert (!) wieder in diese Geschichte einbauen werde, muss der erste Teil NICHT gelesen werden (an alle die es noch nicht getan haben: Lasst es einfach :D). Vorerst werde ich die alte Geschichte in Ruhe lassen, sobald ich besagte Rückblenden erreiche, werde ich mir entweder versuchen von den Admins die Erlaubnis zur „Neuauflage“ einzuholen, oder ich werde die alte Story löschen (nur mal so als Warnung). Wie ich es genau mache, weiß ich noch nicht.

Ein GANZ WICHTIGER Punkt zu dieser Geschichte: Ich habe sie erdacht und große Teile davon bereits geschrieben BEVOR Grindelwalds Verbrechen in die Kinos kam!!!! Ich habe sie NICHT mehr abgeändert und an den neuen Film angepasst. Sie setzt relativ zeitnah nach dem ersten Teil der Filmreihe an und erzählt einfach meine Version der Story, die sich mit der „realen“ natürlich nur unzureichend deckt. Wenn es sich gut hat machen lassen, habe ich einige Aspekte aus dem neuen Film noch in meine Geschichte eingefügt, aber im großen und ganzen bin ich meiner vor langer Zeit schon erdachten Version treu geblieben und habe nichts Relevantes an ihr verändert. Genauso verhält es sich mit meiner rein optischen Vorstellung von den Hauptfiguren, die schon seit Jahren  in meinem Kopf ist und die ich nicht an die Filme, sondern an die Buchverlage angepasst habe (Grindelwald hat laut Drehbuch von PT1 übrigens blaue Augen!). Also bitte nicht wundern wenn die Personenbeschreibungen sich nicht mit den Filmen decken. Selbstverständlich steht Jedem frei sich die zwei vorzustellen wie er mag ;)

Es existiert bereits ein recht großer Teil der Geschichte, jedoch will ich alles noch einmal gründlich überarbeiten und mir fehlt noch der ganze Mittelteil, demnach kann ich leider keine regelmäßigen Updates garantieren. Ich werde trotzdem versuchen mich zu beeilen, vor allem wenn ich das Gefühl habe, dass Interesse dran besteht :)

Ach ja, ich habe leider immer noch keinen Betaleser (*winkt mal unauffällig mit dem Zaunpfahl*)

Für etwaige Fehler entschuldige ich mich demnach schon einmal im Voraus.

Und jetzt viel Freude beim Lesen :)

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30. Dezember 1926

Die niedrigen Absätze seiner Schnallenstiefel waren seltsam laut auf dem blitzsauberen Marmorboden. Jeder Schritt dröhnte in seinen Ohren, als bestünden seine Füße aus Beton, während sie ihn widerwillig vorwärts trugen. Er bemühte sich, mit seinem Begleiter Schritt zu halten, was ihm normalerweise ein leichtes war. Nicht so heute. Denn hier und jetzt führte ihn jeder Schritt näher an den Teil seines Lebens heran, den er schon vor Jahrzehnten so unbedingt hatte begraben wollen.

Albus Dumbledore sah sich um, und nahm seine Umgebung doch kaum wahr. Eigentlich ein bedauernswerter Umstand, denn die Eingangshalle des magischen Kongresses von Amerika, kurz MACUSA, war durchaus beeindruckend. Direkt hinter dem Haupteingang führte eine  Treppe über den gut zwanzig Meter breiten, quadratischen Abgrund, der endlos in den Boden zu reichen schien, eingerahmt von zahlreichen Kellerstockwerken.

Die von schmiedeeisernen, vergoldeten Geländern eingefasste Treppe führte hinauf in eine riesige Halle, in deren Mitte ein säulengestützter Bogen aus Marmor thronte. Unter dessen Dach befand sich ein bronzenes Denkmal, das jeden Passanten an die grausamen Hexenmorde von Salem und an die Zerbrechlichkeit der magischen Gesellschaft erinnern sollte.

Während Albus mit seinem Begleiter den Abgrund überquerte, strahlte ihm aus allen Richtungen das Licht entgegen, das durch unzählige Fenster die Halle flutete. Auf mittlerer Höhe der Treppe waren die Stufen von einer gut drei Meter langen Plattform unterbrochen, auf der das Symbol des Kongresses abgebildet war. Eine kreisrunde, goldene Scheibe, mit der stilisierten Silhouette eines Phönixes und den Sternen der Vereinigten Staaten. Darüber hing etwas, das auf den ersten Blick aussah, wie eine gigantische Uhr, doch es war nicht die Zeit, die das beeindruckende Konstrukt anzeigte. Sondern den Grad der Zaubereienthüllung an die Welt der Muggel. Momentan stand der Zeiger auf grün. Nur wenige Wochen zuvor war das noch ganz anders gewesen.

Die Halle war voller Menschen, die geschäftig auf und ab liefen, zahlreiche Fahrstühle schossen zu allen Seiten in die Höhe und darüber öffnete sich die Illusion des offenen Himmels. Freiheit und Grenzenlosigkeit. Eine Täuschung für sie alle.

„Guten Tag, Gentlemen.“ Am Ende der Treppe stand ein schlaksiger, etwas klein geratener Mann etwa Anfang dreißig, mit Seitenscheitel und einem schiefen, leicht unsicheren Lächeln im Gesicht. Sein faltenfreier, maßgeschneiderter Anzug saß perfekt. Die zwei Männer traten ihm gegenüber und er steckte dem rechten von ihnen die Hand entgegen.

„Herr Minister? Mein Name ist Mr. Abernathy und ich heiße sie im Namen von Präsidentin Picquery willkommen.“ Albus merkte deutlich, wie unwohl ihr einsames Empfangskomitee sich fühlte und ihn beschlich der Verdacht, dass man absichtlich jemanden von niedrigem Rang abkommandiert hatte, ihnen entgegenzutreten. Denn er wusste genau, wie wenig willkommen sie waren. Erschwerend kam hinzu, dass sie auch noch heillos zu spät waren, ihr Schiff war mit fast fünf Stunden Verspätung in den Hafen eingelaufen. Die Verhandlung hatte bereits vor zehn Minuten begonnen.

Der Mann neben Albus, ein mittelgroßer Waliser mit Glatze, Bart und perfekt sitzendem, smaragdgrünen Winterumhang trat vor und gab dem schlaksigen Mann die Hand.

„Guten Tag, Mr. Abernathy, vielen Dank für den freundlichen Empfang. Ich muss Sie leider enttäuschen, ich bin lediglich Mr. Leonard Spencer-Moon, der erste Untersekretär des amtierenden britischen Zaubereiministers. Minister Fawly lässt sich entschuldigen, er hat die Zeit für die Reise leider nicht einräumen können.“

„Oh, verstehe“, antwortete Abernathy und Albus merkte, dass die Worte ihn verblüfften. Scheinbar konnte er sich nicht vorstellen, dass für einen europäischen Zaubereiminister irgendetwas von größerer Bedeutung sein konnte, wie der Sachverhalt, der sie heute hergeführt hatte. Albus konnte ihn durchaus nachvollziehen. Auch für ihn war es wenig verständlich, wie ein Minister der Magie so sorglos mit einem derart hochbrisanten Thema umgehen konnte. Und zeitgleich erkannte er den Hauch unterdrückter Erleichterung, der über Abernathys Züge huschte und wusste genau, was der Amerikaner in dieser Sekunde dachte. Immerhin ein europäischer Minister weniger…

Abernathy wandte nun Albus den Blick zu und musterte seine hochgewachsene Gestalt mit fragendem Blick. „Und Sie sind?“, fragte er und streckte ihm ebenfalls die Hand entgegen.

„Albus Dumbledore, britischer Abgesandter der internationalen Vereinigung der Zauberer. Freut mich sehr.“ Er ergriff die dargebotene Hand. Abernathys Händedruck war schwach und unangenehm feucht. Albus spürte seine krampfhaft überspielte Nervosität regelrecht in den Fingerspitzen kribbeln und unterdrückte ein mitleidiges Stirnrunzeln.

„Nun denn, meine Herren, wenn sie mir nun folgen würden. Sie sind reichlich spät dran, wenn ich das so sagen darf.“

Abernathy wandte sich um und ging schnurstracks Richtung Aufzug, die zwei Abgesandten des britischen Zaubereiministeriums dicht auf den Fersen. Sie marschierten zwischen Empfangsschaltern, zauberstabputzenden Hauselfen und einem Zeitungsverkäufer hindurch und Albus merkte, wie sich der ein oder andere Kopf nach ihm umwandte. Er war auffallend groß, trug einen dunkelblauen Samtumhang mit goldenen Stickereien am Saum und seine kastanienbraunen Haare fielen ihm offen und ellbogenlang über den Rücken. In dem ganzen grau in grau um ihn herum war er so auffällig wie ein bunter Papagei. Doch er war an die Blicke gewöhnt. Unter seiner schrillen Fassade versteckte er bereits seit Jahren erfolgreich die Dunkelheit, die schon vor so langer Zeit zu einem Teil von ihm geworden war.  

Sein Gesicht mochte eine gleichgültige, emotionslose Maske sein, doch in seiner Brust befand sich ein Knoten, der ihm die Luft abschnürte. Niemals hätte er gedacht, dass ihn die Vergangenheit eines Tages noch einmal derart einholen würde. Er hatte sich im Nachhinein überlegt, ob er nun völlig dem Wahnsinn anheimgefallen war, als er sich vor ein paar Tagen freiwillig dazu bereiterklärt hatte, als Mitglied der internationalen Vereinigung nach Amerika zu reisen, um sich der massiven Unstimmigkeiten, die seit Wochen das Verhältnis zwischen dem amerikanischen und den europäischen Ministerien schwer belasteten, anzunehmen. Sein Ziel, die Streitereien, die die sowieso sehr angespannte Lage in der magischen Gemeinschaft noch zusätzlich verschärften, aus der Welt zu schaffen, war insgeheim jedoch keineswegs der Hauptgrund, warum er die Reise angetreten hatte. Seine Beweggründe waren um ein vielfaches persönlicher und er spürte bereits jetzt den feinen Schmerz dieser alten Verletzung, die so tief in seine Seele schnitt, dass sie nie ganz verheilt war. Ihm standen schwierige Stunden bevor, das stand außer Frage. Doch andererseits wusste er, dass er es sich wohl niemals verziehen hätte, wenn er nicht hergekommen wäre, um es zumindest zu versuchen.

Sie betraten schweigend den Aufzug, dessen metallene Gittertüren sich scheppernd schlossen. Ein Kobold mit mürrischem Gesicht und Hut wählte das richtige Stockwerk aus und das Gefährt setzte sich ruckelnd in Bewegung. Immerhin wurde man hier nicht so sehr durchgeschüttelt, wie in den Aufzügen des britischen Ministeriums. Albus war froh, sich nirgendwo festhalten zu müssen. Er hielt den Blick betont gleichgültig auf die Halle hinter den metallenen Aufzuggittern gerichtet und betrachtete interessiert einen beweglichen, goldenen Metallphönix, der an einer Säule befestigt war und auf den Trubel zu seinen Füßen herabblickte. Dann tauchte der Aufzug in den Boden ein.

Sein Begleiter Leonard, ein Mann der im britischen Ministerium innerhalb relativ kurzer Zeit einen beeindruckenden Senkrechtstart vom Kaffeejungen zum stellvertretenden Zaubereiminister hingelegt hatte, nutzte die Zeit, um Abernathy ein wenig über die aktuelle Lage auszuquetschen.

„Erzählen Sie uns doch noch einmal genau, was nun eigentlich geschehen ist?“

Dem sah man deutlich an, wie wenig Lust er auf Konversation mit den beiden Briten hatte. „Sir, ich war nicht dabei, fragen Sie diesbezüglich lieber die Auroren“, wich er aus, doch Leonard ließ nicht locker.  

„Ist es denn wirklich wahr, dass er es geschafft hat sich ins MACUSA einzuschleichen und monatelang niemand Verdacht geschöpft hat? Nicht einmal die Präsidentin?“

Abernathy wirkte unangenehm berührt durch die Frage, als wüsste er nicht, was er auf die unterschwellige Kritik am Kongress antworten sollte, ohne sich bei seiner Chefin in die Nesseln zu setzen.

„Ja, das ist wahr…“, räumte er schließlich zögerlich ein. „Wir stecken noch mitten in den Ermittlungen. Alles was wir wissen ist, dass er die Identität von Mr. Graves, dem Leiter der Sicherheitsabteilung, angenommen, und sich in seiner Gestalt in den MACUSA eingeschlichen hat.“

„Was ist mit dem echten Mr. Graves geschehen?“

„Das wissen wir noch nicht. Die Präsidentin geht jedoch nicht davon aus, dass er noch lebt.“

Leonard nickte mit verkniffenen Lippen. „Das bezweifle ich ehrlich gesagt auch. Ich glaube nicht, dass ein Mann wie Grindelwald seine Gegner leben lässt, wenn er sie besiegt hat. Wir können von Glück reden, dass er endlich dingfest gemacht wurde, er hat bereits viel zu viel Chaos über unsere Welt gebracht. Das Geheimnis unserer Existenz hat selten derart kurz vor der Enthüllung gestanden. Und das ist es ja schließlich genau das, was er will.“

Abernathy wippte auf seinen Füßen unmerklich auf und ab. Er wirkte noch immer nervös und versuchte diese Regung unter einem Mantel schlecht aufgesetzter Selbstgefälligkeit zu begraben. Doch da war noch etwas anderes, wohlweislich versteckt und doch für Albus, der die meisten Menschen las wie offene Bücher, nicht zu verbergen. Er musterte den schmächtigen Amerikaner mit wachsendem Misstrauen. Es begann also auch hier schon, die Saat ging langsam auf. Und das war wohl das, was ihn am meisten besorgte.

„Der Kongress hat die Situation wieder im Griff“, wich Abernathy nach einem Moment des Schweigens aus, als hoffe er, Leonard würde endlich den Mund halten. Doch den Gefallen tat der Brite ihm nicht. Und da sein unfreiwilliger Gesprächspartner so gar nicht gewillt war, ihm großzügig Auskunft zu erteilen, schien er große Freude daran zu haben, ihm ausgesprochen penetrant jedes Wort aus der Nase zu ziehen. Albus beobachtete die Szene und schwankte zwischen Belustigung, Mitleid und Misstrauen. Er wusste warum Abernathy so ungern mit ihnen sprach, spürte seine Abneigung regelrecht in der Luft flimmern, ein Mantel aus Feindseligkeit, der ihnen entgegenschlug. Sie und alle anderen Europäer, die heute den Kongress betreten hatten, waren für ihn nicht mehr und nicht weniger als Feinde. Aber auf wessen Seite stand dieser Mann eigentlich?

„Also sind die Gerüchte, über die Auflösung dieser Katastrophe wirklich wahr?“, bohrte Leonard ungerührt weiter. „War der Ursprung von all dem tatsächlich ein… Obscurus?“

Abernathy sah aus, als wünsche er Leonard die Griselkrätze an den Hals, weil er einfach nicht locker ließ, während Albus versuchte den Schatten des Schmerzes, den das Wort in seinem Herz aufflammen ließ, nicht an die Oberfläche treten zu lassen.

„Ja, es war ein Obscurus. Aber er ist tot, der Kongress hat ihn getötet“, erklärte Abernathy schlicht.  

„Wer war es.“

„Ein Junge, schätzungsweise achtzehn Jahre alt. Nicht der Rede wert.“

Achtzehn… Vier weitere Jahre… Albus schluckte an einem riesigen Knoten in seiner Kehle vorbei.

Der Aufzug kam ruckelnd zum Stehen, zwei heftig miteinander diskutierende Männer und eine ältere Hexe mit einem geschmacklosen, ausgestopften Geier auf ihrem Hut, drängten sich in das enge Abteil.

„Wir können von Glück reden, dass der Obscurus tot ist. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn Grindelwald ihn wahrhaftig in die Finger bekommen hätte“, überlegte Leonard laut, als der Aufzug wieder Fahrt aufnahm.

Albus senkte traurig den Blick. Die Welt hatte sich dahingehend nicht verändert. Einem Obscurial half man nicht, ein Obscurial vernichtete man. Die Menschen zerstören was sie nicht verstehen, das war bei den Zauberern nicht anders als bei den Muggeln. Letztendlich waren sie alle gleich…

Der Aufzug kam erneut zum Stehen. Die Frau mit dem Geierhut stieg ohne einen Blick zurück aus, während die beiden Zauberer, die mit ihr eingestiegen waren, sich weiter verbal die Schädel einschlugen und den drei Männern neben ihnen keinerlei Beachtung schenkten.

„Wo ist Grindelwald nun?“, fragte Leonard weiter und es schien, als sei er endlich an dem Punkt angekommen, den er hatte erreichen wollen.

„Er befindet sich in Isolationshaft im Keller, in der sichersten Zelle, die der Kongress zu bieten hat. Er wird Tag und Nacht bewacht und erwartet dort sein Urteil.“

„Ja, genau deshalb sind wir ja hier…“, schloss Leonard mit gewichtiger Miene. „Weil sich der amerikanische Kongress sich nun allein damit rühmt, Grindelwald gefangen zu haben und Europa dabei völlig außen vor lässt. Wo es doch ein gewisser Engländer namens Newt Scamander war, der ihm das Handwerk gelegt hat, während eine ganze Auroreneinheit des MACUSA chancenlos gegen ihn versagt hat. Zumindest erzählt man sich das.“

Abernathy erwiderte seinen bohrenden Blick standhaft und Albus sah den Schatten von Wut in seinen Zügen aufflammen.

„Der Engländer hat das Überraschungsmoment genutzt und ihn von hinten attackiert, während er mit dreißig Auroren gleichzeitig gekämpft hat, das…“

Dreißig?“, fiel Leonard ihm schockiert ins Wort. „Er hat dreißig Auroren gleichzeitig bekämpft.“

Abernathy nickte, ein hochnäsiger Ausdruck lag in seinen Zügen. „Wenn er nicht hinterrücks attackiert worden wäre, hätte er zweifellos die ganze Einheit dem Erdboden gleichgemacht. Ich habe mit einem der Auroren gesprochen, es war… verstörend, was er mir erzählt hat.“

Albus konnte es nicht verhindern, ein ganz feines Lächeln schummelte sich für den Bruchteil einer Sekunde auf seine Lippen. Er war teilweise belustigt, teilweise befremdet, dass Abernathy es offenbar tunlichst vermied, den Mann, von dem er sprach, beim Namen zu nennen. Er bewunderte ihn, mehr noch, er war total fasziniert von ihm und es gelang ihm nur schlecht, das zu verbergen. Vor allem vor Albus. Ob er die Präsidentin warnen sollte, dass ihr Gefangener inzwischen schon damit begann das Gedankengut in ihrem eigenen Kongress zu infiltrieren?

Ganz im Gegensatz zu Albus schien Leonard die ambivalente Haltung seines Gegenübers jedoch nicht zu bemerken. Er schien viel zu sehr damit beschäftigt, sich über das soeben Gesagte Sorgen zu machen.

„Er gilt nicht umsonst als der gefährlichste dunkle Magier aller Zeiten“, überlegte er mit dunkler, schwerer Stimme. Albus sah, wie nervös war, eine tiefe Falte hatte sich in die Haut zwischen seine buschigen Augenbrauen gegraben. Ihm schien nicht einmal der Gedanke zu behagen, mit diesem Mann in ein und demselben Gebäude zu sein, ob er nun in Ketten lag, oder nicht.

Albus selbst war weder überrascht, noch sonderlich beunruhigt über die unangefochtene Stärke und die Überzeugungskraft des Zauberers, von dem sie hier sprachen. Er hätte von ihm nie etwas anderes erwartet. Tief atmete er ein, um das dumpfe, unangenehme Pochen unter seinen Rippen leichter werden zu lassen. Der Schmerz in ihm war alt und er hatte gelernt, mit ihm zu leben.

Der Aufzug ruckelte, blieb erneut stehen und dieses Mal bedeutete Abernathy ihnen auszusteigen.

„Wie wird es nun weitergehen?“, fragte Leonard nach einem Moment des Schweigens, während sie in einen langgezogenen, warm erleuchteten Flur, der mit schwarzen Bodenfließen ausgekleidet war, hinaustraten.

„Die Präsidentin wird auf der Hinrichtung beharren“, erklärte Abernathy und klang als würde er sich um Gleichgültigkeit in der Stimme bemühen. „Sie möchte, dass er stirbt, noch bevor das neue Jahr anbricht.“

Albus biss bei diesen Worten die Zähne zusammen und spürte Angst in sich aufsteigen. Unbeschreibliche Angst davor, zu scheitern. Mit einem knappen Meter Abstand ging er hinter den beiden anderen Männern her, damit niemand die kurze Regung von Schwäche in seinem Gesicht sehen konnte.

„Vorausgesetzt wir kommen heute zu einer Übereinkunft“, gab Leonard zu bedenken. „Sie wissen, dass die Minister auf Konfrontationskurs bleiben werden, solange sie ihren Willen nicht bekommen?“

„Es tut mir Leid, Sie desillusionieren zu müssen. Aber Präsidentin Picquery ist wenig kompromissbereit und ich muss Ihnen leider sagen, dass Sie hier Ihre Zeit vergeuden. Sie wird nicht mit sich reden lassen.“

Leonard seufzte. „Wissen Sie, guter Mann, ich bin Brite. Ich habe von alldem bisher nur aus der Zeitung erfahren. Prinzipiell ist mir der Ausgang dieser Verhandlung ziemlich egal, alles was ich möchte ist, dass die Sache sobald wie möglich ein Ende findet, egal auf welche Weise. Und wenn jeder hier so denken würde und man sich nicht derart die Köpfe darüber einschlagen würde, auf wessen Konto diese Festnahme geht, dann hätte sich diese nervenaufreibende Zusammenkunft und diese völlig unnötigen Streitereien von Anfang an erübrigt.“

Abernathy sah ihn verblüfft an, als hätte er nie und nimmer mit einer derartigen Aussage aus dem Mund eines Europäers gerechnet. Leonard hatte ihn aufs Glatteis geführt, provoziert und aus der Reserve gelockt, um ihm die Sinnlosigkeit dieser ganzen Zusammenkunft vor Augen zu führen. Auch wenn es vielleicht nicht unbedingt freundlich war, seinen Missmut über diese unnötigen Streitereien an einem Mann auszulassen, der keinerlei Schuld an der Situation trug, Albus sah anerkennend den knallharten Politiker, der unter Leonards freundlicher Fassade lauerte und in genau solchen Situationen zum Vorschein kam.

Der bleiche Abernathy überspielte seine neu aufgeflammte Unsicherheit, indem er sich räusperte und die Schultern straffte, als sie am Ende des Flurs vor einer riesigen, grauschwarzen Doppelflügeltür stehen blieben. „Nun denn, Gentlemen, dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei den Verhandlungen und einen angenehmen Aufenthalt in New York“, verabschiedete er sich mit einer angedeuteten Verbeugung. „Sie dürfen eintreten.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und marschierte mit stolzgeschwellter Brust den Gang zurück, froh die beiden Europäer endlich hinter sich lassen zu können. Albus blickte ihm für einen Moment nach. Vermutlich wäre es besser diesen Mann im Auge zu behalten. Doch mit dem Gedanken kam ihm seine eigene Motivation für diese ganze Reise wieder in den Sinn und lies ihn erkennen, dass er der Letzte war, der sich irgendeine Form von Urteil oder gar Misstrauen erlauben dürfte. Er war derjenige hier, der das mit Abstand dunkelste Geheimnis mit sich herum trug…

„Nervös, Albus?“, fragte Leonard leise, als sie noch einen Moment lang vor der Tür des Verhandlungssaals stehen blieben.

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Albus ungerührt und überspielte dabei gekonnt das unangenehme Flattern seiner Nerven.

„Nun, es ist das erste Mal, dass Sie die Internationale Vereinigung vertreten und es geht bei dieser Verhandlung auch nicht gerade um den Austragungsort der nächsten Quidditch-Weltmeisterschaft, sondern um etwas wirklich Wichtiges.“

Albus lächelte matt. „Dessen bin ich mir absolut bewusst, Leonard. Ich bin nicht hergekommen in der Annahme, dass es einfach werden würde.“

Der andere Mann zuckte die Schultern und schenkte Albus ein aufbauendes Lächeln. „Irgendein Kompromiss wird schon zustande kommen. Hier geht es um den gefährlichsten Schwarzmagier der letzten Jahrhunderte. Wenn die Ministerien in einer derart wichtigen Sache nicht zusammenhalten, wann denn dann?“

Albus rang sich ein gequältes Lächeln ab. „Auf in den Kampf, Leonard “, antwortete er und öffnete mit klopfendem Herzen die Tür, hinter der sich alles entscheiden würde. Und er ahnte, was ihm bevorstand, sollte er scheitern.
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