Lebender Albtraum

von Mujika
GeschichteRomanze, Horror / P18
Jungkook OC (Own Character)
20.08.2019
20.01.2020
21
44891
5
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
Faye wachte ein paar Stunden später wieder auf. Richtig geschlafen hatte sie ohnehin nicht, dass sie sich nicht einmal ausgeruht fühlte. Einen Moment blieb sie noch liegen und lauschte. Die Stille, die sie einhüllte, war ein gutes Zeichen. Jungkook schlief also noch und sie konnte ihren Plan ausführen. Um sicherzugehen, öffnete Faye trotzdem zuerst ihre Augen und wartete. Es bestand die Chance, dass Jungkook gleich aufwachte und sie an ihrem Vorhaben hindern wollte.
Da sich Jungkook weiterhin nicht regte, schwang Faye ihre Beine über die Bettkante und zog ihre Schuhe an. Jeder Schritt, der sie zum Zimmer hinaus führte, kam ihr unheilvoll laut vor. Das Holz unter ihr schien geräuschvoller zu knarzen, als es sonst tat. Schon auf dem Flur erkannte Faye, dass sie so nicht weit kommen würde. Irgendjemand würde dadurch wach werden und es würde bereits reichen, wenn dieser Jemand die Katze wäre. Lynn war bisher ein sehr stilles, liebes Tier gewesen, doch musste sie noch eine andere Seite haben. Nicht umsonst hätten die Monster Angst vor ihr.
„Dann eben Barfuß“, murrte Faye innerlich und ging in die Hocke, um ihre Schnürsenkel wieder zu öffnen. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen heraus und hielt diese in der Hand. Sie würde diese nicht einfach zurücklassen, um sich draußen die Füße blutig zu laufen.

Zu ihrem Glück schaffte Faye es, das Haus still und leise zu verlassen. Nicht einmal Lynn hatte sie aufgeweckt, sodass sie nun ihre Schuhe wieder anziehen und sich auf den Weg machen konnte. Faye ging ein paar Schritte, erkannte dann aber, wie dumm es von ihr war, schon in dieser Nacht zu verschwinden. Jetzt hatte sie zwar noch den Mut dazu und ihr schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen, doch wusste sie nicht, wo sich das Herz überhaupt befand. Wenigstens ein paar Minuten Zeit hätte sie sich noch nehmen sollen, um sich mit einer Waffe auszurüsten. Jetzt wäre sie wieder den Monstern ausgeliefert.
„Wenn ich es jetzt nicht mache, werde ich es wahrscheinlich nie machen“, fürchtete Faye, und blickte noch einmal über ihre Schulter zurück. Sie hatte Angst davor, dass Jungkook sie doch zurückhalten würde. In dem Fall müsste sich jemand Anderes opfern und das konnte sie immer noch nicht verantworten. Nein, sie musste jetzt gehen, auch wenn der Weg sie verletzen oder gar umbringen könnte.
„Mein Körper wird sich schon noch an den Weg erinnern“, redete Faye sich selber gut zu, während sie sich immer weiter von dem Haus entfernte, „Also, wenn ich ein magisches Herz mit göttlicher Energie wäre, wo würde ich mich verstecken?“


Komm zu mir…
Faye merkte, dass ihr die Augen fast zufielen. Ihre Sicht verschwamm und ihre Umgebung nahm ein hässlich monotones Grau an. Müdigkeit überkam sie aber nicht. Stattdessen gingen ihre Beine immer weiter, doch wusste Faye nicht mehr, wo sie nun war. Gerade so konnte sie noch die verwaschenen Konturen der Häuser erkennen, doch sahen alle gleich aus. Nicht einmal ihr Verfall stach heraus.
Komm zu mir…
Faye hörte die verschiedenen Laute der Monster. Sie knurrten und fauchten. Einige der Harpyien schienen direkt über ihren Kopf hinwegzufliegen, doch geschah nichts anderes. Sie waren zwar in ihrer unmittelbaren Nähe, griffen aber nicht an. Es war fast so, als hätten sie Angst davor, Faye zu berühren. In all der grauen Farbe, die Faye nur noch sehen konnte, schienen diese Monster ohnehin kleine, etwas farbigere Flecke zu sein.
Komm zu mir…
Die Stimme, die sie rief, kam Faye bekannt vor. Sie gehörte definitiv nicht zu Ann und auch sonst zu niemanden, mit dem sie in letzter Zeit Kontakt hatte. Es gab nur eine Option: Das Wesen, welches ihr das Leben wieder geschenkt hatte.

Fayes Sicht wurde etwas klarer, als sie das Gebäude betrat, zu welchem ihre Beine sie brachten. Der Raum war unscheinbar, doch stach eine kleine Säule hervor, die auf einer Art Podest stand. Langsam ging Faye auf diese zu und behielt die Spinnenmonster im Auge, welche in den dunklen Ecken saßen. Diese hatte sie überhaupt nicht vermisst. Anders als damals in der Küche schienen sie nun nicht aggressiv eingestellt zu sein. Selbst wenn, Faye hätte nicht einmal eine Bratpfanne, um sich zu verteidigen.
Auf dem Podest lag der Gegenstand, den sie gesucht hatte. In der Steinplatte war eine blaue Kugel eingelassen. Eine Kante der Platte musste wohl einst zerbrochen und dann mit Magie wieder geflickt worden sein. Der Riss war noch immer zu erkennen. Hierbei musste es sich um das Herz von Lidow handeln und das Licht, welches das Gestein umgab, musste wohl diese göttliche Energie sein. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.
„Gefunden“, seufzte Faye und atmete erleichtert durch. Das hatte unerwartet gut geklappt. Aber was sollte sie jetzt machen? Sie kannte keine magischen Worte, mit denen sie das Herz reparieren könnte. Es war ihr ein Rätsel, wie sie mit der einstigen Göttin in Kontakt treten sollte.
„Hallo?“, sagte sie deswegen zaghaft, „Wenn mich irgendjemand hören kann… Ich bin gekommen, um Lidow zu retten. Es wäre sehr schön, wenn jemand mit mir reden könnte.“
Faye spürte, wie sich etwas Kaltes um ihr Hals legte. Einen Moment kam es ihr so vor, als würden Hände ihr die Luft abschnüren. Gleichzeitig breitete sich ein warmes Gefühl in ihrer Brust aus, wie man es sonst nur bei purer Glückseligkeit fühlte. Faye schloss ihre Augen und gab sich schließlich so der Schwärze hin.


Die Dunkelheit wich schneller, als Faye angenommen hatte. Stattdessen stand sie auf einer Wiese, die zu alle Seiten endlos erschienen. Nur die Gänseblümchen vor ihr zeigten ihr einen Weg. Als Faye an sich herabsah, erkannte sie, dass sich auch ihre Kleidung verändert hatte. Die alltägliche, aber nützliche, Sachen wichen einem strahlenden weißen Kleid. Sie fühlte sich federleicht und sämtliche Sorgen waren aus ihrem Kopf verschwunden.
Da Faye keine andere Wahl hatte, folgte sie den Blumen. Diesen Weg konnte sie jedoch schneller hinter sich lassen, als sie zuerst angenommen hatte. Da sie nun leicht wie eine Feder war, kam sie umso schneller voran. Genau genommen ging Faye nicht einmal. Sie schwebte eher.
„Endlich bist du zu mir gekommen.“ Obwohl die Frau, die diese Worte gesagt hatte, nur ein kleiner Fleck in der Ferne war, konnte Faye sie klar und deutlich verstehen.
„Ja, ich bin hier“, antwortete Faye wohl wissend, dass auch sie gehört werden konnte. Es dauerte keine Ewigkeit, bis sie vor der Frau stand; vielleicht nur zwei Minuten.

„Wer bist du?“, fragte Faye und sah die Frau an, die so milde lächelte, dass Faye selbst lächeln musste.
„Ja, wer bin ich… Das ist eine längere Geschichte. Möchtest du sie hören?“ Natürlich bejahte Faye die Frage. Nicht umsonst hatte sie zuerst nachgefragt.
„Einst erschuf ich Lidow und seitdem gab es viele Geschichten über mich. Mein Volk liebte mich und ich liebte sie. Es war perfekt, traumhaft schön. Sie wollten mein Lächeln sehen und feierten dafür viele Feste zu meiner Ehre.“ Die Frau brach ab. Ihr bleiches Gesicht schien noch etwas blasser zu werden und sie strich sich durch ihre schwarzen Locken. Tränen blitzen in ihren Augen auf.
„Aber so blieb es nicht“, stellte Faye leise fest, „Nie bleiben Geschichten bei ihrem schönen Ende.“
„Das ist wahr“, bestätigte die Frau, bevor sie mit ihrer Geschichte fortfuhr, „Eine Krankheit brach aus und keiner meiner Ärzte konnte eine Medizin dafür finden. Erst als die ersten Menschen verstarben, wandten sie sich an mich. Sie baten mich, sie von der Krankheit zu erlösen. Schließlich sei ich doch ihre Göttin und es müsste ein leichtes Spiel für mich sein. Mir waren jedoch die Hände gebunden.“ Wieder brach sie kurz ab, um sich zu sammeln. Obwohl diese Geschehnisse schon hunderte von Jahren in der Vergangenheit lagen, nahm sie diese noch immer mit.
„Eine Gottheit kann keine Wünsche erfüllen, ohne etwas Gleichwertiges im Gegenzug zu erhalten. Manche Götter verlangen deswegen regelmäßig Opfergaben, um diese als Vorauszahlung anzusehen. Es ist einfach: Gibt es gute Ernten, so wird ein Teil geopfert. Gibt es Missernten, so können die Götter die vorherigen Opfer als Bezahlung ansehen und können für eine bessere Ernte sorgen. Allerdings hatte ich nie gedacht, dass in meiner gesegneten Welt so etwas schlimmes mal passieren könnte. Aus diesem Grund nahm ich nie Opfergaben entgegen. Wir lebten doch so dicht zusammen. Wie hätte da nur etwas passieren können?“

„Und dann brach die Krankheit aus und die Menschen hatten keine Bezahlung“, riet Faye ins Blaue hinein. Ihr kam es richtig vor, diese Vermutung anzustellen, denn die einstige Göttin von Lidow sprach nicht weiter. Im Gegenzug nickte sie nur und nahm sich noch einen Moment.
„Die Einwohner von Lidow… Sie waren alle reich im Herzen, aber arm im Besitz. Nichts was sie hatten, hätte auch nur den Wert eines Lebens aufwiegen können“, setzte sie leise fort, „Ich hätte nichts für sie tun können, dennoch tat ich es. Ich nahm die Krankheit von ihnen und erhielt dafür meine Strafe. Wir Götter können eigentlich nicht krank werden, aber ich wurde es. Lange dauerte es nicht, bis mein Volk dies mitbekam und sie um mich sorgten.
Sie probierten jede Art von Medizin, doch wollte nichts meinen Zustand bessern. Ich rief die Person zu mir, die mir schon damals nahe stand. Ich übertrug ihm einen Teil meiner Kräfte und bat ihn, an meiner Stelle auf das Volk aufzupassen. Danach erschuf ich das Herz, wodurch Lidow vor jedes Chaos geschützt sein sollte. Ich selbst benutzte den letzten Rest meiner Kräfte, um wieder in die Welt der Träume und der Götter zu verschwinden.“
„Dann müsstest du doch auch in der Lage sein, das Herz wieder zu reparieren“, sagte Faye und spürte, wie Hoffnung in ihr aufkeimte, „Es wurde vor vielen Jahren beschädigt und seitdem ist Lidow kein Ort des Glücks und der Freude mehr. Lidow ist komplett verfallen und unterliegt den Schatten.“
„Ich wünschte, ich könnte es“, bedauerte die Göttin und zerstörte so jeden Hoffnungsschimmer, „Schon vor vielen, vielen Jahren verlor ich die Bindung zu Lidow. Es reicht nicht aus, Erschafferin einer Welt zu sein. Nein, es ist eine Bindung, die gehegt und gepflegt werden muss. Lidow ist dadurch zu einem gottlosen Ort geworden, der nur mit dem letzten Rest meiner Energie noch geschützt wurde. Wenn es so weitergeht, verliert sich diese Welt komplett in Dunkelheit.“


„Was soll nun mit Lidow passieren? Wie kann das Herz wieder repariert werden?“, fragte Faye nach und wurde mit jeder Frage verzweifelter, „Warum kannst du nicht wieder zur Göttin von Lidow werden? Dann würde doch alles gut werden. Die Welt wäre dann nicht mehr in Gefahr.“
„Nein, ich bin damals zu einer Göttin des Lebens geworden und kann diesen Posten nicht mehr ablegen. Nun entscheide ich, ob ein Leben beendet werden sollte oder nicht. In deinem Fall konnte ich dich zurückschicken, weil deine Erinnerungen einen hohen Wert hatten“, erklärte die Göttin sich weiter, „Jemand anderes muss an meine Stelle als Lidows Herrscherin treten.“
„Wenn ich es mache, dann könnte ich doch ein neues Herz erschaffen und mich danach wieder zu einem Menschen machen“, versuchte Faye, ein Schlupfloch aus dieser Situation zu finden, „Mit einer starken, göttlichen Macht müsste das doch möglich sein.“
„Es wäre schön, wenn es so einfach wäre.“ Wieder umspielte ein trauriges Lächeln die Lippen der Göttin. „Aber so leicht ist es nicht. Wenn du dein menschliches Leben hinter dir lässt, dann gibt es keinen Weg zurück. Natürlich könntest du ein neues Herz erschaffen und dich dann von Lidow zurückziehen, aber du wirst nie wieder als Mensch auf der Erde wandeln können. Im besten Fall kannst du eine Stelle als Schutzengel annehmen.“

„Ich könnte doch etwas eintauschen“, klammerte sich Faye an den letzten Strohhalm, der ihr noch einfiel, um ihre Menschlichkeit zu behalten, „Ich… Ich könnte doch meine Gefühle für Jungkook hergeben. Wäre das keine Option?“ Faye merkte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete und ihr gleichzeitig etwas die Luft abschnürte. Lieber wäre sie nur mit Jungkook befreundet, als ihn komplett zu verlieren.
„Welche Gefühle?“, hinterfragte die Göttin dies, „Meinst du die, die in deinen vergangen Leben entstanden sind? Ja, damals mögen sie stark gewesen sein, doch jetzt erinnerst du dich nur an sie. Du fühlst dich mit Jungkook verbunden, weil du dich an das erinnerst, was du einst gefühlt hast. Da ist aber keine echte Liebe in deinem Herz.“
„N-natürlich ist da welche“, widersprach Faye, wusste jedoch nicht, was sie noch erwidern sollte. Dieser Vorwurf brachte sie komplett aus der Spur, sodass alle weitere Worte nur gestottert und zusammenhangslos waren. Die einstige Göttin Lidows erwiderte noch immer nichts. Ihr Lächeln war weiterhin sanft und milde, doch fühlte sich Faye dieses Mal nicht ein Stückchen besser.
„Gut, dann nehme mir eben mein menschliches Leben. Mach mich zur nächsten Göttin von Lidow. So sind alle Anderen wenigstens von diesem Albtraum erlöst und können ein normales Leben führen.“ Faye würde leiden, während ihre Freunde glücklich wären. Es war das größere Wohl.
Review schreiben