Die Eddy-Episoden

von Mortimer
GeschichteHumor, Romanze / P16
Newt Scamander OC (Own Character) Pickett Porpentina "Tina" Goldstein Theseus Scamander
20.08.2019
19.11.2019
18
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Die Eule




Es krachte.
Er zuckte zusammen. Das Foto von Leta segelte zwischen seinen Fingern hervor und blieb auf dem Tisch liegen. Theseus sah auf.

»Bei Merlins Bart …« Er sprang von seinem Stuhl auf und hastete zu dem Fenster. Ein Luftwirbel sauste an der Wand gegenüber seines Bürofensters hinauf und Theseus bemerkte die große Eule, die in dem zischenden Wind um die Gewalt über ihre Flügel kämpfte. Der Vogel krachte gegen die Hauswand, dann schnellte der Wind nach oben und das Tier sackte einige Meter ab.

Theseus entdeckte den Sprung in der Scheibe, als er das Fenster aufriss und er ignorierte das Klirren, das sein unüberlegtes Tun in dem Glas weckte. Er streckte den Arm aus. »Fin- Scheiße!«

Er hetzte zurück zum Schreibtisch und griff nach seinem Zauberstab. Er wirbelte auf dem Absatz herum und richtete den Zauberstab auf das Fenster. »Finite!«

Der Zauber traf den Vogel.

»Oh!«

Es krachte widerlich, als das Tier zum wiederholten Mal gegen die Backsteine knallte. Theseus sprang nach vorn. Die Luftverwirbelung kehrte zurück und erfasste den wild um sich schlagenden Vogel. Der Schrei der Eule verhallte unter der tobenden Luft.

Die Kraft des Windes riss den Brief vom Bein der Eule, das rote Band wirbelte in die Höhe. Der Brief geriet aus dem Sog und segelte, fernab der Kraft der Luft, sacht in die Gasse hinab. Theseus richtete den Zauberstab auf den kämpfenden Vogel. »Accio Eule!«

Der Zauber befreite den Vogel aus der todbringenden Umarmung des Windes. Mit der gefühlten Kraft einer Kanonenkugel schoss das Tier auf Theseus zu, der Auror riss den Arm in die Höhe, aber bevor er den Zauber unterbrechen konnte, knallte es.

Ein lähmender Schmerz durchzog seinen Körper von oben nach unten, als der massige Körper der Eule auf seinem Brustbein aufschlug.

Für eine Sekunde blieb ihm der Atem weg.

Sein Zauberstab entglitt seiner Hand.

Klappernd landete er auf dem Boden. Theseus packte nach dem Tier. Als er es zu fassen bekam, schrie die Eule unleidlich und er schnappte nach Luft. Mit wildem Flügelschlagen versuchte sie, sich aus seinem Griff zu befreien und Theseus kämpfte sich mit ihr in die Mitte seines Büros.

»Du verfluchter Vogel!«, fuhr er das Tier an.

Das Sausen des Windes vor dem Fenster erstarb. Theseus‘ Blick fiel auf den leeren Vogelkäfig in der Ecke seines Büros, den der Vorbesitzer hier gelassen hatte. Die Flügel schlugen auf seine Unterarme, die Eule gab nicht auf, als Theseus sie in den Käfig bugsierte und die Tür zuknallte.

Der Vogel schrie erneut. Seine Flügel schlugen wild gegen die Gitterstäbe, aber Theseus ignorierte das Tier und seine schlechte Laune über die unfreiwillige Gefangennahme.

Mit drei raschen Schritten eilte Theseus zum Fenster.

Es klickte leise hinter ihm.

Der Sprung, den die Eule im Glas hinterlassen hatte, war unübersehbar und seine schmerzende Brust ließ ihn erahnen, dass es um seine Rippen ebenfalls nicht zum Besten stand. Theseus warf einen Blick aus dem Fenster. Eine Straßenkehrmaschine klapperte durch die Gasse und nüchtern beobachtete Theseus, wie die magisch angetriebenen Bürsten den Brief erfassten und in das Innere der Kehrmaschine beförderten.

Theseus drehte sich um, sein Magen knurrte vernehmlich. »Nun, das war es wo-« Der Vogel saß auf dem Rahmen der Vogelkäfigtür. »Nein!«

Ohne Theseus‘ Befehl zu gehorchen, stieß er sich von dem Metall ab, der Käfig fiel beinahe von dem Sockel, und die Eule breitete ihre weiten Flügel aus.

»Du Mistvieh!« Theseus hetzte nach vorn. Die Eule flog in Richtung Schreibtisch und der Flugwind riss Theseus‘ Papiere in die Höhe.

Der Vogel erkannte die Sackgasse; in der nächsten Sekunde richteten sich die gelben Augen auf Theseus. Er sprang zur Seite, als die Eule auf ihn zuschoss. Hinter dem Tier flatterten die Papiere zu Boden. Der Wind, den ihre Schwingen hinterließen, strich ihm ins Gesicht und er schluckte schwer, als er den Vogelgeruch wahrnahm, den er so verabscheute.

Unbehelligt flog die Eule auf das Fenster zu und Theseus sah zu, wie sie in der Gasse nach oben schnellte. Blitzschnell sprang er nach vorn. Seine Finger umfassten den Rahmen des Fensters und er folgte ihr mit seinem Blick. Innerhalb weniger Flügelschläge verschwand sie aus seinem Blickfeld.

Die Sekunden verstrichen. Das Klappern der Kehrmaschine in der Gasse verstummte unter den Geräuschen, die von der Hauptstraße hinüber drangen.

Theseus seufzte, lehnte sich zurück und ignorierte den Schmerz in seiner Brust, als er sich vom Fenster abstieß und umwandte. Er bückte sich nach seinem Zauberstab und ein erneutes Stechen durchfuhr seinen Oberkörper.

»Sperbereule«, stöhnte er und fasste sich an die Brust.

Langsam ging er zurück zu seinem Schreibtisch.

Das Foto von Leta war in dem Chaos, das die Eule verursacht hatte, auf den Boden gesegelt.

Nachdenklich hob Theseus das Foto auf und betrachtete es. Mit dem Zeigefinger fuhr er über das leichte Lächeln auf Letas Lippen, während er sich an ihre gemeinsame Zeit erinnerte.

Leta war eine Schulfreundin seines jüngeren Bruders Newt gewesen. Lange Zeit hatte Theseus, genau wie seine Eltern gedacht, dass Newt seine Schüchternheit überwand und Leta seine offensichtlichen Gefühle gestand. Die Jahre verstrichen. Leta, von seiner Familie ins Herz geschlossen, wurde zu einer Hausfreundin und später zu Theseus‘ Freundin, als niemand mehr an Newt glaubte.

Vor zwei Jahren verlobten sie sich.
Theseus zog seinen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder, immer wieder fuhr er über die Wangen von Letas Abbild.

Im vergangenen Jahr war Leta im Kampf gegen Gellert Grindelwald gestorben.

Zwar hatte Newt sich nach Letas Tod dazu entschlossen, seine Fähigkeiten dem Zaubereiministerium zur Verfügung zu stellen, aber die Probleme ihrer brüderlichen Beziehung lasteten nach wie vor auf ihnen. Theseus bedauerte es sehr, zu gerne würde er es sehen, wenn Newt die Freundlichkeiten und Hilfe, die er ihm bot, einmal annahm, ohne gleich in seiner typischen Art zu blocken.
Dennoch war es ein Gewinn für Theseus, seinen Bruder endlich an seiner Seite zu wissen.

Theseus zog die Taschenuhr, die Leta ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, hervor und warf einen kurzen Blick darauf. Zum Mittagessen kam Newt jedoch entweder zu spät oder, wenn es sich wie so oft ergab, überhaupt nicht.

Theseus seufzte, griff nach seinem Sakko und schlüpfte hinein, ehe er nach seinem Zauberstab griff und ihn unter dem rauen Stoff vor allzu neugierigen Blicken verbarg. Als er bei der Tür stand, warf er einen letzten Blick in sein Büro. Die Unterlagen lagen verstreut auf dem Boden, aber das war etwas, worum er sich später kümmern würde.

Er sah zum Fenster.
Der Sprung zog sich groß und deutlich über das Glas. Den nächsten Regenschauer trotzte es vermutlich nicht, aber die Bekämpfung des leisen, aber vernehmlichen Magenknurrens war Theseus in diesem Moment wichtiger als ein gut gesetzter Reparaturzauber.


***

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