Souvenir

von Votani
OneshotDrama / P16 Slash
Chuya Nakahara Dazai Osamu
19.08.2019
19.08.2019
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Dazai kennt jede noch so versteckte Bar in Yokohama, jegliches Ambiente, welches alkoholische Getränke verkauft und bis weit nach Mitternacht geöffnet ist. Irgendwann hat er jedoch aufgehört zu zählen, obwohl es ungefähr an die dreißig Lokale sein müssen. Die Auswahl ist so groß und trotzdem treibt es Chuuya ausgerechnet in die Kneipe der dreckigsten und heruntergekommensten Gegend.

Dazai stößt die Tür auf, die Einlass in das stickige Innere gibt. Der Geruch von süßlichen Räucherstäbchen vertreibt den Gestank der Mülltonnen, die draußen keine zwei Meter entfernt stehen und bis zum Rand gefüllt sind. Wenn man Chuuya zum ersten Mal begegnet, würde man denken, er sei sich für ein lumpiges Geschäft wie dieses zu schade, doch Dazai kennt ihn besser. Dazai kennt ihn besser als alle anderen.

Binnen weniger Sekunden entdeckt er Chuuyas rotbraunen Haarschopf am Tresen. Er sitzt gekrümmt auf dem Barhocker, so dass er fast mit dem Kopf auf der Theke liegt, die drei Gläser neben sich allesamt bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken, was Chuuyas fehlende Haltung erklärt. Scheinbar ist er zum richtigen Zeitpunkt eingetrudelt.

Er durchquert die Kneipe, die von Hängelampen erleuchtet wird, welche alles in ein warmes Licht tauchen, die Bar jedoch trotzdem nur halbdunkel erscheinen lassen. Gemälde von unbekannten Malern zieren die Wände, die Yokohamas Brücken und Flüsse in Grautöne wiedergeben, während abgetretene Teppiche seine Schritte verschlucken. In schattigen Ecken fallen Paare, die sich nicht länger als wenige Stunden kennen, übereinander her – und oh, da ist ein Gedanke, der spielerisch durch Dazais Kopf huscht. Was, wenn er der perfekten Frau für seinen doppelten Selbstmord ausgerechnet hier begegnet?

Seine Mundwinkel heben sich ein Stück, doch einen umherwanderten Blick später und er ist sich bewusst, dass dies nur Wunschdenken ist. Hier gibt es nichts für ihn zu finden. Hier gibt es nur Chuuya…

„....und seitdem geht alles den Bach runter“, lamentiert dieser im halbverständlichen Ton, als hat der Barkeeper auf der anderen Seite des Tresens Interesse an dem sinnlosen Geschwafel seiner Gäste. Er schrubbt mit neutralem Gesicht Biergläser, zieht jedoch von dannen, als er Dazai bemerkt, der hinter Chuuya zum Stehen kommt.

Kurz betrachtete er den albernen Hut, der schief auf Chuuyas Kopf sitzt, denn von der sonstigen Eleganz ist bei seinem ehemaligen Partner um diese Uhrzeit nichts mehr vorzufinden. Dazai schiebt sich auf den Barstuhl neben Chuuya, der wahrscheinlich sämtliche Leute, die zuvor dort Platz genommen hatten, mit seinen grässlichen Beschwerden und Ausdrücken verscheucht hat. Niemand hält es lange mit Chuuya aus, ohne irgendwann die Beine in die Hand zu nehmen. Dazai spricht aus Erfahrung.

„Seit wann geht alles den Bach runter?“, erkundigt sich Dazai aus reiner Neugierde. „Diese Schwarzmalerei sieht dir gar nicht ähnlich, Chuuya.“ Er erlaubt sich ein zuckersüßes Lächeln, welches eine Spur breiter wird, als Chuuya zusammenzuckt und beinahe vom Stuhl fällt. Nur mit Mühe und Not klammert er sich am Tresen fest und zieht sich wieder etwas höher, gestraffte Schultern vortäuschend.

„Du - schon wieder!“, zischt er und Dazai kann sehen, dass ihm noch mehr auf der Zunge liegt. Seine Augen werden klarer, was an dem Schock liegt, in seinem trunkenen Zustand erwischt worden zu sein. Schon wieder, versteht sich.

„Hätte ich gewusst, dass du dich hier wieder mal gehen lässt, hätte ich selbstredend eine andere Bar für meinen Drink gewählt“, erwidert Dazai als Erklärung, eine Lüge, die ihm problemlos über die Lippen kommt. Es ist ohnehin eher eine Halblüge, die aus gemischten Gefühlen entsteht, die sich um Chuuyas gesamte Existenz drehen wie ein Kreisel, der nie zum Stillstand kommt. Nicht, dass er auf seiner Suche nach der perfekten Frau für den gemeinsamen Selbstmord sehr viele Gedanken an den anderen Mann verschwendet.

Chuuya schnauft verächtlich. „Seit wann gehst du abends aus, um dir einen Drink zu besorgen, du bandagierter Spinner? Oder treibt dich die Agency zum Trinken? Kein Wunder. Das war eh nur eine Frage der Zeit.“ Das Lallen in seiner Stimme weicht nicht und seine Pupillen haben Schwierigkeiten sich auf Dazai zu fokussieren. Ein schiefes Grinsen zeichnet sich dennoch auf Chuuyas Gesicht ab, als er dem Barkeeper mit einem unfreundlichen „Hey“ und einer Handgeste zu verstehen gibt, dass er ihnen zwei Gläser von seiner vorigen Bestellung bringen soll.

Dazai zieht ein leeres Glas heran und schnuppert daran. Die Überreste riechen nach einem süßlichen Rotwein, kein Wunder, denn für einen Weinliebhaber wie Chuuya muss es schließlich das Beste sein, was dieser Laden zu bieten hat. „Ich könnte dich dasselbe fragen. Andererseits weiß ich ja, dass du grundsätzlich dazu neigst, Alkoholiker zu werden. In dieser Hinsicht bist du mir um einiges voraus.“

Nun stößt Chuuya ein raues Lachen aus, welches in dem leisen Ambiente, in dem irgendwo in der Ecke Jazz spielt, Blicke auf sich zieht. Doch andere Leute sind Chuuya egal, denn niemand legt sich mit der Port Mafia an und er macht kein Geheimnis daraus, dass er zu den Executive-Mitgliedern gehört und es im eigenen Interesse liegt, ihm guten Kundenservice zu bieten. „Weißt du, Dazai, eines Tages werde ich dich töten. Wart’s nur ab. Irgendwann, wenn du es am wenigsten erwartest.“

Der Barkeeper bringt ihnen ihre Gläser und kassiert schweigend das Geld ab, welches Chuuya aus der Tasche seines teuren Mantels zieht. Dieser hängt unordentlich über der Lehne seines Stuhls, was Dazai bestätigt, dass Chuuya einen schlechten Tag gehabt hat. Andererseits wäre Dazai nicht hier, wenn ihm nicht zu Ohren gekommen wäre, dass ein Lagerhaus der Port Mafia letzte Nacht in die Luft geflogen ist und sämtliche Agenten im Inneren eliminiert hat. Ansonsten würde Chuuya nicht halb auf dem Tresen liegen und seine Wut über diesen hinterhältigen Angriff in Wein ertrinken.

Dazai nimmt einen Schluck aus seinem Glas und die beerige Flüssigkeit explodiert samtig weich in seinem Mund, einen säuerlichen Geschmack hinterlassend. „Manchmal kann ich es immer noch nicht fassen, wie wenig Alkohol du eigentlich verträgst, du Möchtegern-Weinexperte.“

„Wie war das, Bastard?“ Chuuya schenkt ihm einen zornigen Blick und die Hand, die nicht das Weinglas hält, zuckt zu dem Griff des Messers hinunter, welches er stets bei sich trägt. Doch er zieht es nicht hervor, denn selbst das höchste Mitglied der Port Mafia kann nicht mitten in einer Kneipe jemanden erstechen.

„Wenn du so weitermachst, schläfst du noch mit dem Gesicht auf dem Tresen ein und sabberst vor dir hin“, kommentiert Dazai unbeeindruckt, während er seinen Wein trinkt. „Vor dieser Schande wird dich auch nicht dein ach-so-toller Hut bewahren können, fürchte ich.“

Chuuya ertränkt den Fluch, der ihm auf den Lippen liegt, in seinem Glas, das er in einen langen Zug austrinkt. Das verzogene Gesicht, das schwitzig und errötet ist, verrät, dass es ihm schmerzt, seinen Wein nicht genießen zu können, aber er eine Menge tun würde, um weniger Zeit in Dazais Gesellschaft zu verbringen. Chuuyas Prinzipien sind verdreht und amüsant, aber nicht mehr überraschend.

Klirrend landet das Glas auf dem Tresen, bevor Chuuya sich im rasanten Tempo erhebt, um… zu wanken, sich an Dazais Schulter abzustützen und sich stöhnend an die Stirn zu fassen. „Ich hasse dich“, brummt er im heiseren Ton, dem es an Energie fehlt.

Dazai lächelt in sein Glas hinein. „Das beruht auf Gegenseitigkeit, das kannst du mir glauben.“ Er schüttelt Chuuyas Hand nicht ab und dieser nimmt sie nicht weg, als er darauf wartet, dass sich die Welt zu drehen aufhört.

Erst als er die Balance wieder einigermaßen halten kann, zieht Chuuya schnaufend seinen Mantel vom Stuhl, um ihn sich über die Schulter zu werfen. Ohne einen Abschiedsgruß dreht er sich um und wackelt auf unsicheren Beinen davon, die Schritte nicht weniger energisch als üblich, um den Schein zu wahren. Fast so, als erwartet er nicht, als möchte er nicht, dass Dazai ihm aus der Kneipe folgt, obwohl sie beide wissen, was als nächstes geschehen wird.

Dazai leert sein Glas, nickt dem Barkeeper freundlich zu und spaziert zum Ausgang des Lokals. Die Nachtluft in der schmalen Gasse ist nicht frisch und die Laterne spendet nur spärliches Licht, so dass es eine Herausforderung ist, nicht im Dunkeln über den herumliegenden Müll zu stolpern. Oder über Chuuya.

Dieser lehnt neben der Tür an der Mauer, schiebt sich jedoch in Dazais Weg, als dieser nach draußen tritt und die Tür hinter ihm zufällt. Sie versteckt Chuuya vor unerwünschten Blicken, als er Dazai am Kragen seines Hemds packt und unwirsch zu sich hinunter zieht.

Dazai hat früh gelernt sich zu verbiegen und sich seinem ehemaligen Partner anzupassen, denn aus irgendeinem Grund endet es immer wieder mit Chuuyas Lippen, die sich ungeduldig und wütend auf seine pressen, mit Chuuyas behandschuhten Fingern, die sich ohne Rücksicht in seine Kleidung vergraben, an seinen Bandagen zerren und über seinen Rücken kratzen, wenn er den braunhaarigen Mann auf die Tatami-Matte drückt und Flecke auf der hellen Haut, in seinem Nacken und auf seinem Schlüsselbein hinterlässt. Sie erinnern als einziges an die Nacht, wenn der Morgen anbricht und Chuuya allein und mit Kopfschmerzen in seinem Bett erwacht. Dazai hinterlässt Souvenirs, während Chuuya das Souvenir ist, das er nie haben wollte und nie vollkommen los wird.
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