Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit

von Akasha12
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
18.08.2019
12.04.2022
25
61.982
19
Alle Kapitel
17 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.09.2019 2.228
 
London zu Fuß war ätzend. Vor allem mit einem Engel, der durch die Geräusche der Stadt beinahe irre wurde. Erziraphael und Crowley hatten ihre liebe Not, Terathel sicher durch die Straßen zu bugsieren.

Doch jetzt saßen sie zu dritt im Buchladen. Erziraphael hatte Terathel einen Tee gemacht, um ihn ein wenig zu beruhigen. Crowley lümmelte auf dem Sessel herum und brannte darauf, endlich ein paar Informationen zu erhalten. Als er jedoch versuchte etwas aus Terathel herauszubekommen, hatte Erziraphael ihn zurückgehalten. Der Gefallene stand unter Schock und er sollte seine Zeit bekommen, um sich zu erholen.

Crowley war noch immer misstrauisch. Erst das vermehrte Aufkommen der Dämonen und jetzt das. Im Nachhinein grollte er über seine Leichtsinnigkeit im Club. Er hatte zu viel seiner gut lokalisierbaren kleinen Wunder eingesetzt und irgendwer schien Interesse an seinem Tun zu haben. Anders konnte er sich die Dämonen nicht erklären.

Jetzt musterte er Terathel kritisch. Der hatte glänzende, schwarze Haare, bis zu den Schultern. Offensichtlich gehörte er zur alten Schule. Sein Körperbau entsprach in etwa dem eines griechischen Gottes. Am auffälligsten waren aber seine stechend hellgrünen Augen, die eben dankbar zu Erziraphael blickten. Crowley wollte diese Augen am liebsten herausreißen, so sehr ging ihm der Kerl jetzt schon auf die Nerven. Es konnte kein Zufall sein, dass er ausgerechnet auf seinem Wagen landen musste. Da steckte mehr dahinter. Und selbst wenn der Kerl unschuldig sein sollte, alleine die Tatsache, dass sein Auto in der Hölle gelandet war, gab Crowley genug Grund ihn zu hassen.

„Ich habe manchmal beobachtet, was so auf der Erde passiert. Aber nie hatte ich gedacht, wie schrecklich laut sie ist“, nuschelte Terathel über seine Tasse hinweg.
Er hatte von Erziraphael ein großes T-Shirt und eine Jogginghose bekommen. Zumindest bei der Hose war sich Crowley sicher, dass sie hergewundert worden war. Jogginghosen waren nicht Erziraphaels Style.

Das teilweise verbrannte, einstmals weiße Gewand des Engels hatte ausgedient. Trotzdem krallten sich Terathels Finger in den verstaubten Stoff, als würde er, wenn er nur fest genug daran glaubte damit wieder in den Himmel kommen.
„Ja, ja. Die Welt ist schrecklich laut. Äh, was genau ist mit dir passiert?“, hakte Crowley taktlos nach.
„Er ist ein Dämon. Darf ich mit ihm überhaupt reden, Erziraphael?“, fragte Terathel unsicher nach.
Erziraphael lächelte nervös. „Natürlich darfst du. Crowley ist ... er ist ein guter Bekannter von mir.“
Der Dämon verzog das Gesicht. Bekannter klang in seinen Ohren wie eine Beleidigung. Er wurde wütender.
„Ich kann dich auch dazu zwingen mir zu antworten. Du bist kürzlich gefallen, ich weiß, wie schwach du bist. In deinem Zustand schnippe ich einmal mit dem Finger und du bist entkörpert. Aber viel wichtiger, du bekommst sicher keinen neuen Ersatz mehr von Oben!“

Crowley war sich nicht ganz so sicher, ob Terathel wirklich gefallen war. Gab es einen Semi-Fall? Immerhin war er nur auf der Erde gelandet und nicht im Fegefeuer. Die Schmerzen hatten sich damit auch in Grenzen gehalten, waren praktisch gar kein Vergleich zu einem echten Fall.

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Terathel aufstand und die Flügel spreizte.
„Ich bin nicht so wehrlos, wie du denkst, gottlose Kreatur!“
„Gottlos? Wo ist denn Gott? Bei dir? Ich seh sie gar nicht.“
Auch Crowley war aufgesprungen und er und Terathel standen sich provozierend nahe gegenüber. Sofort eilte Erziraphael herbei, stellte sich beschwichtigend zu ihnen. Jedem der beiden legte er eine Hand auf die Brust, schob sie sachte auseinander.
„Aufhören! Das ist unbesonnen und führt zu nichts.“
Für einen Moment funkelten sich die beiden noch an, dann sahen sie simultan weg. Der Dämon konnte es aber nicht lassen und schnippte mit den Fingern gegen Terathels Schulter. Ein winziger Höllenfeuerfunke glühte dabei kurz auf und Terathel zuckte verängstigt zusammen. Crowley lachte und ließ sich wieder in den Sessel fallen.

Resigniert hatte Erziraphael zugesehen. Es war keine gute Idee, die beiden zusammenzulassen. Doch konnte er Crowley jetzt schlecht nach Hause schicken, war doch er derjenige gewesen, der um seine Hilfe gebeten hatte. Außerdem gab ihm die Anwesenheit des Dämons Halt. Noch nie hatte Erziraphael so nah mitbekommen, wie einer der seinen gefallen war. Nun gut, vielleicht doch das ein oder andere Mal, aber da kannte er den Grund des Falls und es war ihm gerechtfertigt erschienen. Terathel war jedoch zumindest früher so ein gewissenhafter und hilfsbereiter Engel gewesen. Nein, Erziraphael konnte sich nicht vorstellen, dass er diese Strafe verdient hatte. Ein Frösteln lief durch seinen Körper, es wühlte ihn auf, ließ ihn zweifeln und machte ihm furchtbare Angst.

„Im Himmel ist es schlimm geworden. Gabriel dreht komplett durch. Wegen jedem noch so kleinen Vergehen wird man bestraft und mit Verbannungen ist er äußerst schnell bei der Hand“, flüsterte Terathel mit starrem Blick.
Erziraphael umfasste seine Hände und führte ihn zum Sofa. Der andere Engel setzte sich langsam.
„Gabriel dreht nicht durch. Er ist einfach grundlos ein Dreckskerl“, kommentierte Crowley schnippisch.
Verwarnend sah Erziraphael ihn an, dann fragte er vorsichtig: „Wie lange geht das schon so?“
„Seit dem Tag, an dem du hättest verbrennen sollen. Du kannst dir kein Bild davon machen, wie viele von uns in diesen wenigen Jahren schon fallen mussten. Der Himmel mutiert zu einer Geisterstadt, Erziraphael!“

Wieder lachte Crowley.
„Geisterstadt! Weißt du ... Schließlich ...“
Ein einziger Blick von Erziraphael ließ Crowley Zunge gefrieren und er schwieg.
„Hör nicht auf ihn, ignorier ihn am besten. Er hat seinen Wagen verloren, das macht ihn zynisch. Du musst ihm das verzeihen“, sagte Erziraphael, der sich neben Terathel setzte.
Der andere Engel nickte zögernd und fuhr mit seiner Erzählung fort.
„Ich habe so viele schreien gehört, so viele fallen gesehen. Wir verlieren alles, wenn wir fallen. Ich spüre keine Verbindung mehr nach Oben. Ist das normal?“

Erziraphael musste die Augen schließen und einmal verkrampft schlucken. Er besaß so viel Empathie, dass er meinte, ebenfalls dabei gewesen zu sein. Es musste furchtbar sein. Aber er war kein Gefallener und konnte diese Frage nicht beantworten. Mit bittenden Blick sah er zu Crowley.
„Was? Ist es mir gestattet wieder zu sprechen? Halleluja! Ja, das ist normal. Dennoch denke ich, dass du nicht richtig gefallen bist. Der letzte Schritt fehlt noch. Deine Flügel sind noch weiß und du ... äh ... gebt mir einen Moment.“
Er schnippte mit den Fingern und neben ihm auf dem Tisch stand eine Flasche Whiskey. Er bemühte sich nicht einmal um ein Glas, sondern setzte die Flasche direkt an. Erziraphael bedachte die besonderen Umstände (also hauptsächlich das traurige Ableben des Bentley) und verkniff sich eine spitze Bemerkung. Armer Crowley.

„Keine Ahnung, ob du ein Engel oder sonst was bist. Jedenfalls ist mein Auto mehr Dämon, als du. Das liegt nämlich irgendwo in der Hölle. Verdammt. War so ein gutes Auto ... Du aber ... du ... du bist ein Präferenzfall, soweit ich weiß.“
Besorgt sah Terathel von dem Dämonen zu Erziraphael.
„Du meinst sicher einen Präzedenzfall, nicht wahr?“, fragte der bei Crowley nach.
„Ist doch egal. Er hat einen Fall hinter sich, welchen spielt doch wirklich keine Rolle, Engel.“
Beim letzten Wort blickte Terathel erwartungsvoll auf. Er wusste nicht, dass der Dämon so Erziraphael nannte.
Zögernd fügte Crowley hinzu: „Engel, ich denke, du bist zumindest jetzt noch ein Engel, wollte ich sssagen.“

Bei dem Zischlaut straffte Terathel wieder seine Flügel, aber Erziraphael hielt ihn zurück. Es passte ihm nicht, dass Crowley so zu sprechen begann. Das barg einfach zu viel Konfliktpotenzial. Doch glücklicherweise stand Crowley jetzt auf. Kaum merkbar schwankte er.
„Tja ... ich geh mal. Ich bin müde und brauch Ssschlaf. Du weißßßt ja, wie du mich erreichen kannssst, Eng- ...“
„Kannst du mir noch deine Adresse geben? Nur für den Notfall“, unterbrach Erziraphael ihn schnell.
Mit einem Fingerschnippen tauchte ein kleiner Zettel in seiner Hand auf. Dankend sah Erziraphael zu Crowley.
„Kann ich dein Telefon benutzzzen?“
„Klar.“
Crowley verschwand durch das Kommunikationsgerät, direkt auf dem Weg zu seiner Wohnung.  




Erziraphael seufzte und kümmerte sich sogleich wieder um Terathel.
„Gibt es irgendwas, was ich für dich tun kann? Brauchst du etwas?“
Sein Blick wurde von etwas auf dem Boden angezogen. Ein halbes Dutzend weißer Federn lag auf dem Teppich.
„Oh nein“, hauchte Erziraphael und griff nach einer davon.
Das Gesicht des anderen Engels wurde aschgrau.
„Was hat das zu bedeuten?“, presste er angestrengt hervor.
„Ich weiß es nicht.“

Terathel begann zu weinen und Erziraphael strich ihm tröstend über den Rücken. Dabei sah er, wie immer mal wieder eine einzelne Feder zu Boden glitt. Er hatte wirklich keine Ahnung, was das war. Aber gesund war es sicher nicht.
„Du solltest dich ausruhen. Nur ... eine Sache interessiert mich noch. Was hast du getan, damit du fallen musstest?“, Erziraphaels Stimme zitterte ängstlich vor schlimmer Erwartung und war nur ein heißeres Flüstern.
Das Schluchzen wurde lauter und der Rücken unter seiner Hand bebte herzzerreißend.
„Wir haben gesungen und in einem Moment ... in einem Moment mussten wir mit ansehen, wie Gabriel Serael in das Höllenfeuer schickte. Gott weiß, was der Arme angestellt hatte. Er war einer meiner Vertrautesten. Ich ... ich werde den Anblick nie vergessen und dann ... dann konnte ich nicht mehr singen. Meine Singstimme verschwand von jetzt auf gleich. Gabriel meinte, dass er mich so nicht mehr brauchen könnte und er hat ... hat mich fallen lassen.“

Ein ganz scheußliches Gefühl stieg in Erziraphael auf. Doch wie konnte es sein, dass Gott das alles zuließ? Wie konnte sie? Ihm war klar, dass auch Terathel keine Antwort darauf wusste. Unaussprechlich ... Erziraphaels Hand strich noch immer über den Rücken des anderen, aber seine eigene Furcht hatte ihn fest im Griff und er wusste nicht, was er für den Engel neben sich tun konnte.
„Am besten du legst dich eine Weile hin. Wenn du irgendetwas brauchst, ruf mich.“
Er reichte Terathel eine Decke. Im selben Moment wurde Erziraphael bewusst, dass Terathel keine Ahnung hatte, was man mit einer Decke machte und noch viel weniger wusste er, warum er sich hinlegen sollte. Engel wurden schließlich nicht müde.
Als sich Terathel dann auf dem Sofa ausstreckte und die Augen schloss, wurde es Erziraphael noch mulmiger zumute. Nein, Engel brauchten keinen Schlaf, aber Terathel anscheinend schon. Da war etwas ganz und gar nicht in Ordnung.




Ganze vier Tage war Terathel nun schon auf der Erde. Seine ängstlichen und verstörten Verhaltensmuster hatte er etwas abgelegt. Er litt zwar noch unter dem Fall, aber von Zeit zu Zeit war er fröhlich und las in einigen von Erziraphaels Büchern. Nur der Zustand seiner Flügel war ... besorgniserregend. Sie verdiente die Bezeichnung Flügel gar nicht mehr.




Am zweiten Tag war der Engel aus dem kleinen Zimmer getreten, welches ihm Erziraphael zur Verfügung gestellt hatte. Mit einem lauten Schrei war er die Treppe zu Erziraphael heruntergerannt. Was Erziraphael dann zu sehen bekam, verschlug ihm die Sprache, was nebenbei bemerkt sehr selten vorkam.

Sofort hatte er Crowley angerufen, um zu erfahren, ob das normal sei. Der Dämon war kurz vorbeigekommen, hatte die Flügel angestarrt und war in schallendes Gelächter ausgebrochen. Kurz darauf war er wieder gegangen. Seitdem hatte Terathel einen neuen Spitznamen. Der Name war gemein und typisch für einen trauernden Crowley. Doch Erziraphael konnte nicht einmal etwas erzürnt darüber sein. Nicht, nachdem er gesehen hatte, wie schlecht Crowley aussah. Erziraphael ging davon aus, dass ihm sein Bentley schmerzlich fehlte und er hatte sich vorgenommen, sich auch noch um den Dämonen zu kümmern. Folglich blieb der Buchladen die nächsten Tage geschlossen.




Soeben hatte Erziraphael Terathel mit einem Tee versorgt und nun rief er bei Crowley an. Während es klingelte, suchte er in seiner Jackentasche nach dem Zettel mit der Adresse. Crowleys Adresse war lange Zeit ein Mysterium für ihn geblieben und jetzt faltete er das Papier beinahe ehrfürchtig auf. Ein hastig gezeichnetes Grinsegesicht mit herausgestreckter Zunge lächelte ihm entgegen. Zahlen oder Buchstaben suchte man vergeblich auf dem Zettel. Genervt knüllte Erziraphael das Kunstwerk zusammen und warf es in den Papiereimer.

„Huh?“, meldete sich Crowley.
Er klang verschlafen.
„Ich wollte nur fragen, wie es dir geht und ob du wissen willst, wie es Terathel und mir geht?“
Ja, Erziraphael ließ einen unterschwellig vorwurfsvollen Tonfall in seiner Frage mitschwingen.
„Wie geht es dir?“, kam es mechanisch, leicht knurrend zurück.
Nach Terathels Befinden erkundigte sich Crowley absichtlich nicht.
„Ganz gut“, meinte Erziraphael.
„Was für eine Lüge.“
„Ich spiel mit dem Gedanken, mich Oben umzusehen. Es ist einfach nicht zu glauben, was Terathel erzählt hat.“

Sekundenlang schwieg Crowley, dann sprach er mit einer seltenen Eindringlichkeit in der Stimme.
„Pass auf, Engel. Du wirst da nicht hingehen, hörst du? Wenn es auch nur ansatzweise stimmt, was Chicken Wings erzählt hat, dann bist du da nicht sicher.“
Chicken Wings. Da war wieder dieser böse Spitzname, den Crowley Terathel gab, als er dessen nackte Flügel gesehen hatte. Erziraphael verpasste das immer einen kleinen Stich im Herzen. Vor allem, weil sich der andere Engel so sehr schämte, dass er die Flügel seitdem nie wieder sichtbar gemacht hatte.
„Aber irgendwas müssen wir unternehmen!“
„Ach wirklich? Warum? Und was bitteschön?“
Erziraphael biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.
„Ich lass mir was einfallen und du könntest ja auch mal darüber nachdenken. Einverstanden?“
Die Mundwinkel des Engels erhoben sich ein wenig, als er ein ungläubiges Zischen aus dem Hörer wahrnahm. Ungläubig, weil selbst der netteste Dämon sich nicht erklären konnte, wie ein Engel ihn so leicht für seine Zwecke einspannen konnte.
„Ich geb mein Bes... ich streng mich an.“
„Mehr wollte ich gar nicht. Ach, und Crowley? Ich habe eben den Zettel mit deiner Adresse wieder gefunden. Ich finde das noch raus, glaub mir.“
In Crowley Ohren klang das wie eine Drohung und er legte auf. Erziraphael grinste leicht schadenfroh.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast