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Macht hoch die Tür, die Tor macht weit

von Akasha12
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Freundschaft / P16 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
18.08.2019
12.04.2022
25
61.982
19
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Dieses Kapitel
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20.12.2019 2.121
 
Ein Fingerschnippen des Dämons verbannte die Küchenarbeit in die Vergangenheit, den Tisch und die Stühle aus dem Zimmer und Terathel fand sich verblüfft auf einem der Ohrensessel wieder. Ein Glas Wein in der Hand. Crowley trank bereits. Genau konnte Crowley nicht erklären, warum er das getan hatte. Da musste wohl seine dämonische Ader mit ihm durchgegangen sein und er wollte den Noch-Engel-aber-beinahe-Menschen mit einem der weltlichen Genüsse bekannt machen.
„Jetzt trink schon.“
„Das ist eine unreine Substanz. Sie verändert.“
Alleine diese Aussage ließ Crowley wissen, dass es eine beschissene Idee gewesen war. Doch genoss er es auch, den leichten Widerstand zu brechen.
„Ist halb so wild. Gewöhn dich besser jetzt schon an Veränderungen. Wenn du ein Mensch bist, passieren sie andauernd. Dir wird dein restliches Leben wie ein Wimpernschlag erscheinen und schon ... na ja, ein paar Jahre wirst du noch haben. Aber die solltest du auskosten. Besser heute damit anfangen als morgen.“
Das Zögern spiegelte sich noch auf Terathels Gesicht, als er kurz an dem Wein roch. Die Hand mitsamt Glas sank wieder nach unten. Crowley legte die Stirn in Falten. Er war wohl etwas aus der Übung gekommen, obwohl es ihm immer so leicht gefallen war, alles und jeden zu irgendwas zu verführen.
„Manchmal höre ich nachts betrunkene Menschen, die draußen herumlaufen. So möchte ich nicht sein“, meinte Terathel entschieden.


Energischer als gut für ihn war, ließ sich Crowley gegen die Rückenlehne fallen und er überkreuzte seine Beine. Er schluckte gerade noch so einen Fluch herunter, als die vielen Blessuren Einwand gegen diese ruckartige Bewegung und vor allem gegen die feste Lehne im Rücken erhoben. Wieder überspielte er die Schmerzen. Stattdessen trommelte er mit den Fingern auf der Armlehne, um Terathel seine Ungeduld zu zeigen.
„So wirst du nicht. Es ist nur Wein.“
„Aber ...“
„Der Punkt ist ... Es gibt viel zu viele Seelen, die ich schon nach Unten gebracht habe, bei denen ich nicht wirklich das Gefühl hatte, dass die Hölle für sie einen großen Unterschied macht. Sieh zu, dass es bei dir nicht so wird.“


Terathel stellte das Glas auf den tiefen Tisch vor sich ab und rutschte auf dem Sessel umher. Ein Zeichen, dass er Crowley nicht im Mindesten verstand. Der Dämon seufzte, trank einen weiteren Schluck.
„Also, ich bin ein Schlangendämon, schmecke oder wittere praktisch, wie leicht es fallen würde, einen Menschen für die Hölle zu gewinnen. Manche sind richtig fad. Weißt du, wie ich mein?“, der Wein in seinem Glas schwappte munter vor sich hin, da Crowley mit seiner Hand umherwedelte.
Terathel nickte zögernd. Er verstand es noch immer nicht, aber Crowley ignorierte das.
„Ja, genau. Eigentlich ist es viel komplexer, aber ich kann das so nicht erklären. Näher komme ich da heute wohl nicht hin, was ich zu umschreiben versuche. Auf jeden Fall solltest du lockerer werden. Also weg damit.“
Crowley wies mit seinem Glas auf das von Terathel. Dem Engel war nicht entgangen, dass Crowley schon das zweite geleert hatte.
„Aber sieh doch nur, wie du jetzt schon anders geworden bist. Auf einmal kannst du normal mit mir reden. Wenn auch wirr.“
Immer diese Bedenken, dachte Crowley. In Ruhe schenkte er sich nach.
„Du willst mir sicher auch nichts Böses? Immerhin bist du ein Dämon.“
Und schon war Crowley bei der letzten Hürde angekommen. Umso eleganter er die nahm, umso schneller würde Terathel einwilligen.
„Quatsch! Wenn ich dir Böses wollen würde, hätte ich dir irgendwas Billiges gegeben. Man, die Kopfschmerzen ...“


Jetzt kam es ganz auf die Reaktion Terathels an. Crowleys Ego hatte in letzter Zeit oft zurückstecken müssen, ein kleiner Erfolg bei einem ehemaligen Vertreter des Himmels würde es wieder aufbauen. Der Dämon widerstand dem Drang, sich neugierig nach vorne zu beugen. Nach außen hin völlig ruhig, sah er Terathel an und wippte mit dem Bein, welches er nun über die Armlehne gelegt hatte.
Terathel schien ihn mit seinem stechenden Blick durchbohren zu wollen. Crowley schwieg beharrlich, denn aus Erfahrung wusste er, dass man das leicht herausfordernde Starren als letztes Aufbäumen betrachten konnte, ehe das Opfer einknickte. So war er fast schon ein wenig enttäuscht, wie leicht doch auch diese kleine Manipulation ausfiel, als Terathel langsam das Glas Wein nahm und daran nippte. Trotzdem gönnte Crowley sich zu diesem Sieg einen weiteren Schluck.


Der Wein mundete Terathel offenbar, denn es blieb nicht bei einem Glas. Von Minute zu Minute wurde er lockerer und redseliger. Gerade schmunzelte Crowley über eine Anekdote, die einen gewissen Herrn Gabriel beinhaltete.
„Er issst ein zzziemlicher Idiot, wenn du mich fragssst. Ich komm nicht dahinter, warum ssso einer eine leitende Posssition einnehmen darf.“
Der Klang seiner Stimme änderte sich leicht und Crowley wusste, dass es sich in Terathels Ohren sehr infernalisch anhörte. Tatsächlich versteinerte sich Terathels Miene und er blickte misstrauisch zu Crowley. Irgendetwas ließ ihn dann entscheiden, dass er nichts zu fürchten hatte und er zuckte mit den Schultern.
„Du hast mich nie gefragt, wofür ich gefallen bin.“
Crowley griff gerade nach seinem Glas, er stockte einen Moment, ehe er sich wieder in seinen Sessel zurücklehnte.
„Sssollte mich das interessssssieren?“


Ehrlich gesagt hatte er nicht so große Lust darauf, ein tief greifendes Gespräch mit Terathel zu führen. Doch auch wenn sich einige Dämonen untereinander anfeindeten, eine Verbindung hatten sie alle - sie waren Gefallene. Und Terathel gehörte jetzt auf die eine oder andere Weise dazu. Crowley seufzte. Es gab so viele verschiedene Möglichkeiten mit dem eigenen Fall umzugehen. Mache Dämonen hatten sich in den Wahnsinn geflüchtet. Definitiv Hasturs Methode. Manche gaben ihr früheres Ich auf und wurden zu den wahren Monstern, zu denen Crowley nie dazu gehören wollte. Sie kehrten sich in das komplette Gegenteil von dem, was sie einst gewesen waren. Darum, auch wenn es paradox klingen mochte, waren die Engel, die früher am meisten Güte, Liebe und Gerechtigkeitssinn in sich geborgen hatten, die schlimmsten Dämonen. Luzifer selbst war ein Paradebeispiel dafür. Auch Crowley hatte seinen Weg gefunden, um mit dem umzugehen, was ihm eben passiert war. Es kam dennoch nicht selten vor, dass er daran zweifelte, ob sein Weg auch ans Ziel führen würde oder ob er nur ein nie enden wollender Irrgarten war, der ihm Ablenkung verschaffte. Vielleicht gab es auch gar kein Ziel. Ihm war noch nie ein Dämon begegnet, der wahrhaftig Frieden mit seinem Fall geschlossen hatte. Wie dem auch sei, er hatte sich vorgenommen, Terathel etwas besser zu behandeln - um Erziraphaels Willen.


Terathel holte Luft. Deutlich sah Crowley ihm an, wie er nicht recht wusste, ob er weiter über dieses Thema sprechen sollte.
„Nein, natürlich nicht. Nur, es tut so weh. Und egal, wie sehr Erziraphael mir zuhört und Zuspruch liefert, er kann es nicht wirklich begreifen. Du hingegen ...“
Hier brach er ab, um die Reaktion des Dämons abzuwarten. Crowley schwieg jedoch. Es war eine unausgesprochene Frage von Terathel und Crowley hatte noch nicht genug getrunken, um jetzt dazu was zu sagen. Außerdem, auch wenn er den angetrunkenen Terathel ein wenig mehr leiden konnte, würde er niemals auch nur annähernd mit ihm über sein Innenleben sprechen.
„Wird es besser? Lässt es irgendwann nach?“, wollte Terathel wissen und er klang flehend dabei, als wünschte er sich nichts als eine Bestätigung dafür.
„Dasss hängt von ssso viele Faktoren ab. Ob du nachvollzzziehen kannssst, warum du gefallen bissst. Wie du alsss Engel warssst. Ich verwette meinen Bentley darauf, dassssss Gabriel viel weniger Probleme mit ssseiner neuen Identität hätte, wenn er fiele. Einfach, weil er ein Missstkerl issst und einer der ssschlechtesssten Engel, die ich kennenlernen durfte. Und hör auf, unsss zzzu vergleichen. Ich bin wirklich in der Hölle gelandet, du machssst ein komisssches Zzzwissschending. Esss gibt keine richtige Antwort auf deine Frage.“
Terathel starrte zu Boden und nickte langsam. Dann sah er auf, seine grünen Augen eindringlich auf Crowley gerichtet.
„Wieso musstest du fallen?“


In einer genervten Geste stieß Crowley geräuschvoll Luft aus. Leuten zu erklären versuchen, dass er nicht gefallen, sondern geschlendert war, erwies sich meist als ziemlich unnötig. Für sie blieb es dasselbe. Er ließ den Kopf ein wenig in den Nacken fallen und überlegte.
„Hummeln“, sagte er schließlich beiläufig.
„Hummeln?“, fragte Terathel verstört nach.
Crowley nickte.
„Hummeln.“
„Wieso?“
„Gott war ssso ssstolz auf Ihre Bienen, diessse nützzzlichen Biessster. Warte.“
Fest umgriffen Crowleys Hände die Armlehnen und er sah konzentriert auf die Weinflasche, die sich wie von Geisterhand wieder befüllte. Angeekelt streckte der Dämon die Zunge heraus und er schüttelte sich.
„Das war zu der Zeit, als wir noch ein wenig mitgestalten durften. Du weißt schon, die Sterne, Landschaften, Geschöpfe und so weiter. Die Engel, mit denen ich rumgehangen hatte, machten sich einen Spaß daraus, Gottes Schöpfungen zu kopieren und nur ein wenig abzuändern.“
„Du hast zu den ersten gefallenen Engel gehört? Zu Luzifers Anhängern?“, fragte Terathel nach und Mitleid schwang in seiner Stimme mit.
Crowley nickte, ganz in alte Erinnerungen versunken. Dann riss er sich in die Gegenwart zurück, trank von dem Wein und fuhr fort.
„Würde mich nicht als einen Anhänger bezeichnen, aber ja. Luzifer, charismatischer Kerl, aber immer schon ein Rebell.“
„Alle, die zu seiner Gruppe gehört hatten, waren Rebellen!“, ereiferte Terathel sich.
Ein belustigtes Schnauben kam von Crowley.


„Ich sage auch nicht, dass ich keiner war. Aber ich war es nicht auf die ganz böse Art. Luzifer war übrigens einer der besten Engel, die ich kannte. Er hatte nur ausgesprochen, was viele von uns gedacht hatten. Egal, andere Geschichte. Jedenfalls machten wir uns einen Spaß. Gott schuf die Schlangen, einer von uns die Blindschleiche. Gott schuf das Pferd und ... ich weiß gar nicht mehr, wie er hieß ... eben einer von unserer Bagage, - als Dämon vergisst du die Engelsnamen der anderen Gefallenen irgendwann - machte das Zebra. Das könnte ich jetzt so fortführen.“
Ein wenig begangen Terathels Augen zu leuchten. Eines musste man ihm lassen, er war ein begeisterter Zuhörer.
„Hast du die Blindschleiche gemacht? Und wurdest du deshalb ein Schlangendämon?“
„Ich verrate dir doch nicht alles, aber nein, das war ich nicht. Gott war immer so stolz auf Ihre Schöpfung und als Sie mir erklärte, wofür diese Bienen alles gut sein sollten und als ich diese kleinen Dinger betrachtete, da überkam mich irgendwie ein Anfall von Ehrfurcht. So oder ähnlich. Den hatte ich damals öfter. Aber wenn alles nur irgendwie ehrfurchtgebietend und Sinn ergebend wäre, wäre die Welt doch auch langweilig, oder? Menschen, die für Unsinn sorgten, gab es zu dem Zeitpunkt ja noch nicht. Frag nicht wieso, aber ich fand die Vorstellung von einer flauschigen, dickeren Ausgabe der Bienen witzig. Da betrachtete ich zufrieden mein Werk, die Hummel, die nicht fliegen konnte und sich schwerfällig auf ihren Beinen abrackerte. Hat Ihr nicht gefallen. War nicht Ihr Humor. Gott schenkte der Hummel die Gabe, ebenfalls zu fliegen, auch wenn ich sie so gemacht hatte, dass sie das nicht tun können sollten. Und Sie war zornig auf mich, da ich etwas erschaffen hatte, was nicht in das sogenannte Gewebe der Natur gepasst hatte ...“
Wieder wurde Crowley von Terathel unterbrochen.
„Aber warum wurde Sie erst bei den Hummeln so sauer? Warum nicht schon bei dem Zebra?“
„Was weiß ich. Zebras fügten sich in das Ganze ein, die Hummeln, wie ich sie gemacht hatte, nicht. Da Sie sich eingemischt hatte, können die Dinger jetzt fliegen, damit sie demselben Zweck, wie die Biene erfüllen. Verstehst du?“


Jedes Mal, wenn er diese Geschichte erzählte, musste Crowley sich sehr anstrengen ein ernstes Gesicht zu wahren. Es blieb ganz seinen Zuhörern überlassen, wie viel Glauben sie ihm schenken wollten. Aber Terathel war immerhin noch ein wenig ein Engel. Glauben sollte ihm doch im Blut liegen.
„Du kannst mir nicht sagen, dass du deswegen gefallen bist!“
„Huh? Glaub mir, Gott war zu der Zeit tobsüchtig, das weißt du doch. Ich mein, warum macht man sich auch den Stress und erschafft so was“, hier machte Crowley eine raumgreifende Bewegung mit seinem Arm, welcher die ganze Welt einbeziehen sollte, „in sieben Tagen? Sieben! Ok, lassen wir den letzten, wo Sie ruhen wollte. Kein Wunder war Sie so geladen. Und warum sollte ich lügen?“
„Weil du ein Dämon bist?!“
„Du hast gefragt, ich hab dir geantwortet! Lass die Ehrlichkeit hier aus dem Spiel.“
Nicht ganz überzeugt, schenkte Terathel sich Wein nach, während Crowley nach einer neuen Flasche auf die Suche ging. Er erinnerte sich noch gut an Erziraphaels Reaktion, als er ihm diese Geschichte erzählt hatte.


Erziraphael hatte ihn so viele Male nach seinem Sturz gefragt, irgendwann hatte Crowley das Bedürfnis, ihm etwas zu liefern. Bis heute verstand Crowley die Reaktion seines Freundes nicht. Zuerst einmal hatte er nicht glauben wollen, dass Gott ihn für diese Sache hinabgestoßen hatte. Dann schien er fasziniert davon zu sein, dass Crowley die perfekte Form der Biene genommen hatte, um sie pummelig zu gestalten. Doch auch das hatte er schnell hingenommen und dann hatte er etwas getan, mit dem Crowley nicht gerechnet hatte, etwas, mit dem er auch nicht fertig geworden war.
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