Briefe einer skurrilen Außenseiterin

KurzgeschichteAllgemein / P12
18.08.2019
09.11.2019
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Samstag, 9. November 2019

Nach all den Jahren ist meine seelische Kraft richtig erschöpft. Alles, was mir lieb und teuer war, interessiert mich nicht mehr. Das gilt vor allem für Mozart und die 1980er-Jahre. Diese Kraftlosigkeit ist das Ergebnis eines schleichenden Verfalls. Die Vorgesetzten meines Chefs sagten immer wieder zu mir: „Denken Sie bloß nicht an die Vergangenheit!“, sobald ich von den 1980er-Jahren sprach.
Mein eigener Chef meinte immer wieder: „Mozart war der größte Fachidiot aller Zeiten!“ Eigentlich bin ich seit Juli 2019 in einer Abwärtsspirale unterwegs, aber im November sind die Auswirkungen meiner psychischen Schwäche besonders heftig.
Die Menschen wissen einfach nicht, was  Autismus ist. Meine Gedanken und Gefühle sind wie gelähmt, seit ich meine Persönlichkeit nicht mehr zeigen kann oder darf. Ich habe sogar Angst, dass ich irgendwann wirklich gelähmt sein werde, wenn sich die Situation nicht bessert. Dann wird mein Körper starr sein, obwohl es keine organischen Ursachen dafür gibt.
Ich schlafe über 12 Stunden, weil ich schon kurz vor 18 Uhr ins Bett gehe. Irgendwann werden es wohl 24 Stunden Schlaf am Stück sein. Selbst die Krisen von 2006 und 2013 waren nicht so extrem, das muss ich sagen.
Immer, wenn ich seit letzter Zeit an  Mozart und die 1980er-Jahre denke, dann wütet die Schere in meinem Kopf. Sie zensiert all die fröhlichen Gedanken, die ich haben möchte und wandelt diese in Gewissensbisse um.
Ihr merkt schon, dass mein Arbeitsleben mich zu einer verbitterten Person gemacht hat. Schließlich bin ich nur noch am Grübeln. Mein Herz pocht lustlos und das ist kein gutes Zeichen. Ich könnte mich den ganzen Tag übergeben, weil ich merke, dass die Ignoranten gewonnen haben.

Serenity Wing
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