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Briefe einer skurrilen Außenseiterin

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
18.08.2019
06.08.2021
223
64.817
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17.09.2020 808
 
Mittwoch, 16. September 2020

Meine lieben Zukunftsvorstellungen,

das Jahr 2020 war bisher turbulenter als die vergangenen Zeiten zusammen. Das haben wir dem Coronavirus zu verdanken. Noch haben wir über drei Monate, ehe der Auftakt der 2020er-Jahre vorbei ist. Am heutigen Abend denke ich mir, wie es wäre, wenn ich die Flatter machen würde. Ich weiß, das hört sich zumindest im umgangssprachlichen Sinne heftig an. Doch ihr macht mir Angst, sodass ich mir wünsche, die Erde zu verlassen. Schließlich merke ich, wie Volksverblödung wuchert und die Menschen somit ignoranter werden.
Ich musste dies kurz vor der Coronakrise deutlich zu spüren bekommen. Damals meinte die Labertasche unter meinen ehemaligen Kollegen zu mir: „Du bist eine Furie, die weggesperrt gehört!“ Dabei fühlten sich die anderen Kollegen von damals und die inkompetenten Vorgesetzten bestätigt. Ich habe den Verdacht, dass mein Autismus mit Psychopathie, Egoismus und Narzissmus verwechselt wird. Darum haben in meinem Leben mich nur sehr wenige Menschen vollständig verstanden.
Mir wäre es recht, wenn ich zum Mond fliegen würde und ewig dort bleiben dürfte. Auf der Erde herrscht Umweltverschmutzung und auch die Gesellschaft macht diesen Stern zu einem sehr unangenehmen Ort. Manchmal stelle ich mir vor, dass alle guten Geister auf dem Mond die Situation auf der Erde beobachten und sich denken: „Schlimmer kann es gar nicht mehr werden! Aber die Menschen überraschen uns mit ihrer Blödheit schon längst nicht mehr.“
Was ich mir für den Rest meines Lebens wünsche: Menschen, die mich so nehmen wie sie sind. Bisher sind außerhalb meiner Familie nur eine Handvoll solcher Leute begegnet. Zwei der gnädigsten Personen waren die Psychologe aus meiner Kindheit und der direkte Vorgänger meines ehemaligen, sarkastischen Chefs. Beide Männer hatten jede Menge gemeinsam: Verständnis für meine skurrilen Gedanken, Humor jenseits von Trash und Zynismus und das Sternzeichen Schütze.
Ehrlich gesagt vermisse ich die zwei gnädigsten Leute, die außerhalb meiner Familie in wohlwollender Erinnerung geblieben sind. Bisher habe ich in der Gegenwart keine Leute getroffen, die den oben genannten Personen das Wasser reichen können. Darum bin ich mehr als traurig, weil ich nicht weiß, wie es mit euch weitergehen soll.
Vor ein paar Tagen habe ich Bilder mit dystopischem Inhalt gezeichnet und kurze Kommentare dazu verfasst. Jetzt mögen böse Zungen behaupten, dass ich eine Psychose hätte, weil ich über das Ende der Welt nachdenke. Aber dies wundert mich nicht, da ich solche dummen Sprüche schon oft hören musste.
Meiner Meinung nach sind die Menschen inzwischen so sehr verdummt, dass sie in einer dekadenten Seifenblase leben. Diese Seifenblase will einfach nicht platzen. Im Gegenteil: Die Dekadenz wird immer größer. Mit meiner Therapeutin, die ich im März dieses Jahres verschreckt habe, musste ich Anfang 2019 sogar einen Vertrag unterschreiben, der besagte: „Nicht an dystopische Visionen und Wolfgang Amadeus Mozart denken!“ Da ich dieses Versprechen unterschreiben musste, merkte ich, dass mir innerlich Stabilität fehlte.
So kam es, dass ich ab Juli 2019 richtig aggressiv wurde und meinen zynischen Chef angriff. Ich wusste einfach nicht mehr weiter. Schließlich verstand seit 2010 außerhalb meiner Familie niemand meinen Autismus. Am Montag, den 27. Januar 2020 musste ich gegen den Willen meiner Eltern ein Heim für schwerst psychisch kranke Menschen besichtigen. Ja, die Leute von meiner ehemaligen Arbeitsstelle wollten mich in ein Heim abschieben - und das über meinen Kopf und der Logik meiner Eltern hinweg.
Doch zum Glück durchschauten meine Eltern diese fiese Taktik meiner damaligen Vorgesetzten. Mein Vater sagte zu mir im Flüsterton: „Ich finde, dieses Heim für schwerst psychisch kranke Menschen sollte als Hospiz für Menschen mit seelischen Störungen betitelt werden! Letztendlich wirken die Heimbewohner so, als würden sie sich innerlich die Kugel geben wollen.“
Der traurige Höhepunkt des Jahresanfangs kam genau einen Tag später: Am Dienstag, den 28. Januar riefen die Chefs der Werkstatt für behinderte Menschen die Polizei, obwohl ich mich nur mit einer Kollegin gestritten hatte. Nein, es kam nicht zu tätlichen Angriffen oder Beleidigungen. Doch trotzdem kamen die Wachtmeister und brachten mich nach Hause. Der Leiter des Polizeieinsatzes meinte zu mir: „Wenn wir noch einmal wegen Ihnen ausrücken müssen, dann kommen Sie sofort in die geschlossene Psychiatrie!“
Seitdem habe ich heftigste Angst vor Polizisten und traue mich nicht, meine Gefühle zu zeigen. Deshalb hat sich so ein Automatismus in mir ausgebildet, der besagt, dass ich mich wie ein Roboter benehmen soll. In der heutigen Gesellschaft gilt jeder, der sich begründete Sorgen macht oder Gefühle zeigt, als größter Versager. Gelegentlich habe ich das Gefühl, dass in nicht allzu ferner Zeit Roboter die Menschen aus Fleisch und Blut versklaven werden. Oder die Menschen verwandeln sich in Roboter, weil sie mit Emotionen nicht mehr die gesellschaftlichen Anforderungen bewältigen können.
Mir ist zwar bewusst, dass ich Therapie brauche, aber die Psychologen mögen mich nicht. Das musste ich - wie erwähnt - schon im März feststellen. Aufgrund dieser traurigen Wahrheit habe ich kein Vertrauen mehr in Therapeuten.
Kurz gesagt: Je eher ich die Flatter machen kann, desto besser.
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