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Die Tochter des Brauers IV - Siege und Niederlagen

von custor13
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Gen
18.08.2019
11.12.2021
30
121.733
27
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18.08.2019 4.799
 
Siege und Niederlagen

Nach ihrer Aussprache hatten sich die beiden Männer erstaunlich gut verstanden. Niemals hätte Hardrich das für möglich gehalten.
Von Trebur hatte seinen Vater tatsächlich recht gut gekannt und so erfuhr der Ritter einiges über seine Eltern, dass er bislang nicht wusste. Gotthilfs Worte hatten in Hardrichs Vorstellung ein zum Teil ganz anderes Bild seines Vaters entstehen lassen, als es zum Beispiel die Erzählungen Werner von Harrchows getan hatten, der Otto von Aven untertan und ihm sehr ergeben gewesen war.
Besonders eine Sache gab es, die den jungen Markgrafen schon lange bewegte.
„War mein Vater eigentlich… auch... nun, ja... leicht reizbar?“, hatte Hardrich gefragt, während sie eines Abends vor Gotthilfs Zelt zusammensaßen.
Unter ihnen breitete sich in der Dämmerung ein stilles Tal mit einem See aus, Grillen zirpten und im Hintergrund war das entfernte Lachen und Rufen ihrer Leute zu hören.
„So jähzornig, wie Ihr es seid, meint Ihr?“, fragte Gotthilf zurück und grinste breit.
Hardrich fühlte sich ein wenig ertappt und trank verlegen einen Schluck Wein. Doch dann nickte er.
„Ihr wisst es wirklich nicht?“, wunderte sich von Trebur ungläubig.
Der Markgraf runzelte leicht verärgert die Stirn und schüttelte den Kopf. Fast bereute er, gefragt zu haben, obwohl er sich diese Frage wieder und wieder stellte und darauf brannte, endlich eine Antwort zu erhalten.
„Aufbrausend war er schon. Ja. Allerdings war nicht eine solche Unversöhnlichkeit und Wut in ihm, wie ich sie in Euch gesehen habe. Otto war in einem Moment zornig und im nächsten war es auch schon wieder vorüber. Ich weiß noch… Da war ein Bankett und ein Knappe füllte seinen Kelch. Otto wandte sich unvermittelt um und der Junge bemerkte es zu spät... Jedenfalls ergoss sich die halbe Kanne Rotwein vor allen Leuten über seine Beinkleider und den Tisch.“
„Ich hätte ihn umgebracht...“, stöhnte Hardrich.
„Euer Vater war auch wütend. Er ohrfeigte den Burschen und brüllte ihn an. Dem Gastgeber war der Vorfall noch weitaus unangenehmer und er ordnete eine recht drakonische Strafe für den Übeltäter an. Fünf Stockhiebe und eine Nacht am Pranger, wenn ich mich recht entsinne. Da war Ottos Zorn aber bereits verraucht und die Sache aus der Welt. „Schade, um den guten Tropfen!“ rief er noch und alles lachte. Er hatte sich gut im Griff, Euer Vater. Besser als so manch anderer.“
„Besser als ich in jedem Fall“, murmelte Hardrich niedergeschlagen und ließ den Blick grübelnd über das friedvolle Tal schweifen.
Nicht ohne Wohlwollen betrachtete Gotthilf den jungen Mann.  
Dessen dunkle Augen lagen tief unter dichten, schwarzen, in der Mitte fast zusammengewachsenen Brauen, die zu den Seiten leicht anstiegen. Sie verliehen seiner Miene eine stete Strenge. Selbst bei bester Laune. Er war braungebrannt wie sie inzwischen alle und hatte in den Wochen, die sie jetzt unterwegs waren, Haar und Bart nur eher nachlässig zurecht gestutzt. Eine breite Nase, die aussah, als wäre sie mehr als einmal gebrochen und notdürftig gerichtet, milderte den Eindruck von Härte nicht gerade ab. Genau wie die auffällige, weißliche Narbe, die hell durch die schwarzen Barthaare an seinem kantigen Unterkiefer schimmerte und die ihm vom Kampf mit dem Bären geblieben war. Das einzig Weiche an ihm, waren seine vollen Lippen, die allerdings im Moment vom Bart fast ganz verdeckt waren.
An den Anblick der schwarzen Kappe, die von Aven ständig trug und die ihm wie eine zweite Haut eng am Kopfe anlag, hatte sich von Trebur inzwischen gewöhnt. Natürlich fragte auch er sich, was es damit auf sich hatte, doch er war klug genug, zu wissen, dass er den Ritter nicht direkt darauf ansprechen durfte. Zumindest noch nicht. Vielleicht würde die gemeinsame Zeit, die sie noch vor sich hatten, eine Gelegenheit mit sich bringen, mehr darüber zu erfahren.
Von Trebur musste an Gunda denken, die jüngste und ihm liebste seiner drei Töchter. Im Gegensatz zu ihren Schwestern, hätte sie den Mann ausgesprochen attraktiv gefunden. Da war er sich sicher. Gunda hatte Männer von ausgeprägt männlichem Aussehen immer anziehend gefunden.
Und ausgerechnet sie hatte er mit diesem Alfons verheiratet, diesem schmächtigen Muttersöhnchen, das auch noch sechs Jahre jünger war als sie. Ihre Enttäuschung angesichts des wehleidigen Jüngelchen schmerzte ihn noch immer, wenn er daran dachte.
Doch sie hatte sich gefügt, war inzwischen selber Mutter und führte Haus und Anwesen mit Umsicht und fester Hand. Und inzwischen war es Alfons, der sich stets fügte.
Aber dieser Mann hier, war aus anderem Holz geschnitzt. Jeder Vater wäre stolz, ihn zum Sohn zu haben, dachte er ein wenig wehmütig. Er trank einen Schluck Wein und seufzte.
Dann sagte er:
„Eure Mutter allerdings… Die konnte richtig wütend werden.“
„Was?“, entfuhr es Hardrich erstaunt.
„Eure Mutter war eine äußerst großgewachsene Frau. Wahrscheinlich habt Ihr Eure Statur dieser Seite Eurer Familie zu verdanken. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Euer Vater überhaupt größer war als sie. Wenn ja, höchstens eine Hand breit. Er sagte einmal, dass das Gesinde sich regelrecht vor ihr fürchte. Eine Woche nach der Hochzeit war sie so wütend auf eine der Zofen, die nicht schnell genug gehorchte, dass sie sie schlug. So heftig, dass dieser hinterher zwei Zähne fehlten.“
Hardrich starrte ihn an und ein ungläubiges Lächeln huschte kurz über seine Züge.
„Ist das wahr?“, fragte er.
„Glaubt Ihr, ich würde Euch anlügen?“, lachte von Trebur mit gespieltem Vorwurf in der Stimme, „Fragt nur immer die Alten unter Euren Dienstboten!“
Hardrich hatte niemals derart Persönliches mit dem Gesinde besprochen und glaubte auch nicht, dass ihm jemand auf solch eine Frage eine ehrliche Antwort geben würde, wenn es nichts Schmeichelhaftes war, das sie über seine Mutter zu sagen hätten. Gerade deshalb war er so erpicht darauf, zu erfahren, was Gotthilf ihm sagen konnte. Hier bekam er die Gelegenheit etwas über seine Eltern zu erfahren und zwar von jemandem, der sie persönlich gekannt hatte und der ihnen und ihm selber gleichgestellt war. Das war so wunderbar, dass er jedes Mal an Gotthilfs Lippen hing, wenn dieser begann, in seiner weitschweifigen Art zu erzählen. Er konnte einfach nicht anders.

Die drei Heeresteile erreichten den ausgemachten Treffpunkt Anfang März. Kuno und Carolus, die kurz vor ihnen angekommen waren, staunten nicht schlecht, als sie Hardrichs Ankunft beobachteten und den Heerführer und den Herrn der Ostmark gut gelaunt nebeneinander herreiten sahen. Allgemein war befürchtet worden, dass nur einer der beiden Konstantinopel lebend erreichen würde. Tatsächlich hatte es Wetten darauf gegeben.
Gemeinsam zog man anschließend weiter in Richtung der byzantinischen Hauptstadt.

Konstantinopel. Die größte Stadt der bekannten Welt.
Eine halbe Million Menschen lebte hier. Zehnmal soviel wie Paris, Sevilla oder Rom.
Unglaubliche Befestigungsanlagen umgaben die Metropole. Mächtige Mauern, über zehn Klafter hoch und fast drei Klafter dick und länger, als alles, was Hardrich bis dahin an Wehrmauern gesehen hatte. Die Wunder im Innern übertrafen all dies sogar noch. Kolossale Statuen früherer legendärer Herrscher, gewaltige Aquädukte und Triumphbögen, eine schier unendliche Zahl glanzvoller Kirchen, allen voran die atemberaubende  Krönungskirche Hagia Sophia, die eindrucksvollste und prächtigste Kirche der gesamten Christenheit.
Gotthilf hatte ihm ja bereits unterwegs davon erzählt, doch da Hardrich sich im Grunde nichts aus Architektur machte, hatte er nur mit halbem Ohr zugehört. Und wahrscheinlich hätte auch keine noch so genaue Schilderung ihn wahrhaft darauf vorbereiten können, was er dann mit eigenen Augen sah.
Eine enorme Kuppel überspannte den mehr als hundert Fuß breiten Raum über ihnen. Die Ausmaße dieses freitragenden, gemauerten Gewölbes waren ein Ding der puren Unmöglichkeit. Und doch sah er es vor sich. Ein Stein gewordenes Wunder. Die außergewöhnliche Handwerkskunst und die überreiche Ausstattung waren imposanter, als alles, was Hardrich sich auch nur im Entferntesten hatte vorstellen können.
Darüber hinaus barg das Heiligtum Reliquien von unschätzbarem Wert: Die Gebeine fast aller Apostel, die Dornenkrone Christi, sowie den Schädel Johannes des Täufers. (Wobei es allerdings hieß, dass es in der Stadt noch mindestens einen weiteren davon gab.)
Zu alledem wurzelte dieses Reich im antiken Griechenland und in sagenhaften Rom, dem bisher beständigsten aller Reiche. Der Kaiser konnte die Linie seiner Vorväter zurückverfolgen bis Augustus und Konstantin den Großen.
Für Hardrich war all dies der Inbegriff von herrschaftlicher Macht und purer, ja fast mystischer Majestät.
Als er also in seinen allerbesten Sachen hinter Gotthilf von Trebur die langen Gänge des Palastes entlang schritt, der Audienz beim Kaiser entgegen, war er nicht nur beeindruckt. Er war geradezu von Ehrfurcht ergriffen.

Das änderte sich allerdings, nachdem man sie gut sechs Stunden in einem der zahlreichen Vorzimmer warten ließ.

Von Trebur und er waren mit zwei weiteren hochrangigen Herzögen, einem Schreiber und einem nervösen, sehr jungen, blonden Adligen, den der Markgraf nicht kannte, gekommen. Sowie mit zwei Trägern, die die kostbaren Gastgeschenke trugen.

Ihre kleine Abordnung saß und stand herum und harrte darauf, endlich vorgelassen zu werden. Von Aven war nahe daran, vor mühsam unterdrückter Empörung zu bersten und von Trebur, der selber eher besorgt als aufgebracht war, hatte Mühe, ihn davon abzuhalten, einem der blasierten Würdenträger, die geschäftig hin und her eilten, seinen Stuhl über den Schädel zu schlagen und wütend hinauszustürmen.
„Beim Kreuze Christi, beruhigt Euch!“, raunte er ihm zu, „Und wenn wir zwei Tage hier warten müssen! Ohne Manuels Hilfe und einen Überblick über die derzeitige Lage sind wir völlig ohne Orientierung! Wenn ich nur wüsste, was los ist, verdammt! Irgendwas muss den Kaiser gegen uns aufgebracht haben.“

Hardrich war nicht ganz wohl dabei gewesen, als Gotthilf ihm mitteilte, er wolle ihn beim Besuch des Kaiserpaares an seiner Seite haben. Das Parkett der hohen Diplomatie war nicht seine Sache und das wusste Gotthilf eigentlich auch. Soweit kannten sie sich inzwischen. Aber es war eine hohe Ehre, die er nicht ausschlagen konnte und gleichzeitig ein deutliches Zeichen an alle ihre Mitstreiter.
Dies Treffen war von enormer Wichtigkeit und dass der Markgraf dabei sein sollte, zeigte dem ganzen Heer, dass es fürderhin eine Doppelspitze sein würde, die die Geschicke des Kreuzzuges lenkte.
Also nahm er sich zusammen und ertrug die demütigende Wartezeit und seine wachsende Anspannung so gut er es vermochte.

Vor fünfzig Jahren, als der erste Kreuzzug den Bosporus erreichte, war es der Großvater des jetzigen Kaisers, Alexios I., gewesen, der die damaligen Heerführer mit großem Pomp empfing.
Ihm kam das Heer der Kreuzfahrer gerade recht. Ohne einen einzigen seiner eigenen Soldaten zu gefährden, würden nicht nur die ständig einfallenden Seldschuken zurückgedrängt werden. Auch die islamischen Mächte in Aleppo, Damaskus und Kairo würden gut zu tun haben, sich gegen die abendländischen Horden zu wehren. All das würde seine eigene Herrschaft stärken und sichern.
Deshalb hatte man die westlichen Ritter, die Lateiner, wie man sie nannte, seinerzeit großzügig unterstützt. Mit Führern, Proviant und wichtigen Informationen. Und trotz vieler verlorener Einzelschlachten, Krankheit und Hunger und tausendfachem Sterben, war der Kreuzzug letztendlich ein grandioser Erfolg gewesen. Es hatten sich in der Folge vier von Lateinern geführte Staaten in der Levante gebildet. Die Grafschaften Edessa und Tripolis, das Fürstentum Antiochia und das Königreich Jerusalem.
Diese hatten in den letzten Jahren aber immer wieder blutige Kämpfe um ihr Überleben führen müssen und so hatte der Papst schließlich erneut zum heiligen Krieg aufgerufen.
Der derzeitige Kaiser Manuel I. allerdings fühlte sich äußerst unwohl bei dem Gedanken, dass sich das riesige Heer seiner Hauptstadt näherte. Eine solch gewaltige Streitmacht konnte letztendlich auch ihm gefährlich werden.
Dazu war ihm zu Ohren gekommen, dass es trotz der Absprachen im Vorfeld zu Übergriffen und Plünderungen in den Dörfern und Städten entlang des Weges gekommen war. Sogar zu einigen Scharmützeln mit den Truppen, die er ausgeschickt hatte, um die Lateiner im Augen zu behalten.
Der Kaiser schäumte vor Wut. Zwar durfte er es auf keinen Fall zu offenen Feindseligkeiten mit den bis an die Zähne bewaffneten Kreuzfahrern kommen lassen, aber – bei Gott – er würde zusehen, dass er sie schleunigst wieder los wurde, dachte er grimmig.

Er ließ sie zunächst einen halben Tag lang warten, bis sie schließlich am späten Nachmittag in den Thronsaal gerufen wurden.
Von Trebur ließ sich den Ärger darüber wohlweislich nicht anmerken und er warf Hardrich einen kurzen warnenden Blick zu. Mit versteinerter Miene trat dieser nben den beiden anderen Herzögen und knapp hinter dem Heerführer vor das Kaiserpaar hin. Sie verbeugten sich tief.
Kaiser Manuel war ein schlanker, mittelgroßer Mann von achtundzwanzig Jahren mit schmalem Gesicht und langer, dünner Nase. Er trug eine haubenförmige, goldene Krone mit einem großen Rubin über der Stirn und einem Kreuz auf dem Scheitelpunkt.
Er und seine junge Gemahlin, Kaiserin Irene, waren, wie nicht anders zu erwarten, in Gewänder von geradezu verschwenderischer Pracht gekleidet und obwohl sich Hardrich eigentlich nicht wirklich etwas aus derlei Äußerlichkeiten machte, kam er sich in ihrer Gegenwart beinahe armselig vor.
Während Irene ihnen freundlich und mit offenem Blick entgegen sah, war Manuels Miene finster und herablassend und er würdigte die kostbaren Bücher und juwelenbesetzten Kreuze, die man als Geschenk offerierte, mit kaum einem Blick.
Gotthilf ließ sich jedoch auch davon nicht beirren und begann mit höflicher Konversation auf Latein.
Hardrich vermochte dem Gespräch zu folgen, hoffte allerdings, dass er selber darum herumkommen würde, etwas beizusteuern, denn derart gewandt war er weder im Lateinischen noch in seiner Muttersprache. Die Gegenwart dieses mächtigen fremden Herrschers, den er nicht wirklich einschätzen konnte, behagte ihm ganz und gar nicht und er spürte den wachsenden Druck unter dem von Trebur stand.
Während Gotthilf nach Kräften versuchte, die Vorwürfe des Monarchen zu entkräften und das zähe Gespräch am Laufen zu halten, betrachtete Hardrich unauffällig die Kaiserin.
Sie besaß ein hübsches, herzförmiges Gesicht, von schimmernden Tüchern umrahmt, die ihr Haar ganz verbargen. Doch ihre sehr hellen Augenbrauen ließen vermuten, dass es blond war, dachte er bei sich. Ihre Gestalt war schmal, der Blick offen und sie musterte die Männer vor sich ihrerseits. Er wusste, dass sie eine Landsmännin von ihnen war. Sie war als Bertha von Sulzbach in der Pfalz geboren und hatte nach ihrer Heirat hierher den Name Irene angenommen.
Plötzlich bemerkte er, dass sie ihm geradewegs in die Augen sah, neugierig, fast ein wenig kokett. Hardrich erstarrte. Doch genau in dem Moment sprach Gotthilf die hohe Dame direkt an und diese wandte sich dem Herzog zu.
„Kaiserliche Majestät, vor unserem Abmarsch aus Regensburg hatte ich Gelegenheit, Eurer Familie auf Burg Sulzbach einen Besuch abzustatten“, sagte er liebenswürdig.
Die Kaiserin merkte auf, ihre Augen begannen zu leuchten und ein glückliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Eure Eltern nahmen sich freundlicherweise die Zeit mich zu empfangen und Eure Mutter bat mich, Euch ihre allerherzlichsten Grüße und besten Wünsche auszurichten. Zudem gab sie mir ein Schreiben an Euch mit und bat mich, es Euch zu überbringen, was ich natürlich gerne versprach“, fuhr er fort und winkte einem der Schreiber, der hinter Hardrich stand.
Der Mann beeilte sich, mit fahrigen Fingern eine edle Ledermappe zu öffnen und zog das Schriftstück hervor. Er wollte es Herzog von Trebur überreichen, doch der wies auf den Markgrafen.
„Herr von Aven, seid so freundlich und übergebt es der Kaiserin“, bat Gotthilf ihn förmlich und wandte sich selber in Richtung Tür, „Ich habe da noch eine andere Überraschung, die ich Eurer Majestät aus Sulzbach mitgebracht habe.“
Der Schreiber drückte also Hardrich das versiegelte Pergamentbündel in die Hand, offensichtlich erleichtert, seinen Auftrag damit erfüllt zu haben. Der Ritter nahm es entgegen, spürte, wie ihm Hitze den Nacken empor kroch und wandte sich dann dem Kaiserpaar zu.
Sie hatten am Eingang des Palastes alle ihre Waffen abgeben müssen, trotzdem traten zwei Leibwächter mit gezücktem Schwert vor, als Hardrich auch nur einen Schritt in Richtung der Kaiserin machte. Er runzelte die Stirn, blieb aber stehen und fragte sich, was er tun sollte. Er konnte der Kaiserin den Packen schlecht zuwerfen. Doch im nächsten Moment schon eilte ein Bediensteter herbei und hielt dem Ritter geziert eine flache goldene Schale entgegen. Der Ritter legte das Schriftstück hinein und verbeugte sich eckig.
„Was für ein Affentanz..“, dachte er bei sich.
„Ich danke“, sagte die Kaiserin da auf Deutsch zu ihm und als er aufsah, lächelte sie ihn an.
Noch einmal neigte Hardrich steif das Haupt und trat zurück an seinen Platz. Während er noch überlegte, ob eine Antwort von ihm erwartet wurde, war von Trebur zurück und brachte den blonden Junker mit, der bis eben im Vorzimmer gewartet hatte.
Der Markgraf beobachtete erstaunt, wie Irene die Augen aufriss und einen Aufschrei unterdrückte. Dann lachte sie und wandte sich an ihren Mann. Sie flüsterte ihm einige Worte zu und auf ihrem vor Freude strahlenden Gesicht lag ein bittender Ausdruck.
Kaiser Manuel sah seine Frau mit einem milden Lächeln an, seufzte, hob dann ergeben die Hände und nickte schließlich.
Irene sprang auf und zog den jungen Mann, der mit gesenktem Kopf vor dem Kaiser am Boden gekniet hatte, auf die Füße.
„Berengar! Wie schön! Oh, wie ich mich freue!“, rief sie und die beiden umarmten sich.
„Bessi! Ich hatte so gehofft, Dich sehen zu können, Schwesterchen! Und wie gut Du ausschaust!“, antwortete der junge Mann herzlich und küsste sie auf die Stirn.
„Und Du bist genauso groß wie Vater! Komm, erzähl! Oh, erzähl mir von allen!“, hörten sie Irene sagen und beide gingen Arm in Arm zu einer Polsterbank am Fenster, wo sie weiter leise miteinander sprachen und lachten.
Der Kaiser blickte mit nachsichtigem Wohlwollen auf das Geschwisterpaar und warf dann von Trebur einen kalten, nachdenklichen Blick zu. Ganz so, als sähe er sich nun zu etwas gedrängt, dass er eigentlich nicht hatte tun wollen.

Zwei Stunden später kehrten von Trebur und von Aven in einer Taverne am Hafen ein. Es war inzwischen dunkel. Der Heerführer fiel auf einen Hocker herab, ließ den Kopf an die Wand hinter sich sinken und schloss die Augen. Er war erschöpft. Der Wirt verstand ein wenig Latein und der Markgraf bestellte Bier und etwas zu essen und als der dickliche Mann Krug und Becher auf den Tisch gestellt hatte, schenkte Hardrich ihnen ein.
Schweigend leerten beide diesen ersten Becher in einem Zug und der Ritter schenkte sogleich nach. Das Bier war ganz leicht süßlich, klar und von mittlerer Stärke. Gertraud hätte es gemocht, ging ihm kurz durch den Kopf.
„Ach, verdammt!“, entfuhr es Gotthilf ärgerlich.
„Ihr habt Eure Sache gut gemacht“, versuchte Hardrich ihn etwas unbeholfen aufzumuntern.
Gotthilf lächelte matt und erwiderte niedergeschlagen:
„Wir haben nicht einmal ein Drittel der Unterstützung bekommen, auf die wir gehofft hatten. Geradezu lächerlich wenig Proviant und ansonsten hauptsächlich gute Wünsche und Gebete!“
„Wenn ich das hätte aushandeln müssen, hätten wir rein gar nichts bekommen“, brummte der Ritter und fügte hinzu, „Das mit dem Jungen war gut.“
„Bei Gott! Das war auch mein allerletzter Trumpf. Ich weiß, dass Manuel seine Gemahlin sehr wertschätzt. Sie hat ihm bereits zwei Kinder geboren und erfüllt ihre Aufgaben hier zu seiner vollsten Zufriedenheit. Tatsächlich hat sie sich, wie ich hörte, mit ihrer liebenswürdigen, sittsamen Art die Hochachtung des Volkes erworben. Sie ist überaus beliebt bei den Byzantinern. Und das obwohl sie keine Einheimische ist. Ich dachte mir, wenn es uns gelingt, ihr eine Freude zu bereiten, wird ihr Gatte sich unseren Wünschen nicht vollkommen verschließen können.“
„Was ihm nicht besonders geschmeckt hat, wie mir schien“, sagte Hardrich.
Gotthilf schmunzelte verschmitzt.
Der Wirt brachte einige handgroße Fladenbrote, ein Kännchen gutes Öl, gebratenen Fisch, weißen Käse, Salz und Oliven.
Die Männer hatten seit der Frühe nichts gegessen. Ausgehungert wie sie nun waren, machten sie sich zunächst über die Mahlzeit her. Dann ließen sie noch mehr Bier kommen.
„Und hübsch anzusehen ist sie auch noch“, nahm Gotthilf das Gespräch wieder auf.
Er gähnte und wirkte inzwischen etwas entspannter.
„Aber es war eine arrangierte Ehe oder?“, fragte Hardrich.
„Natürlich! Auf dieser Ebene läuft das nicht wie in der Ostmark“, erwiderte Gotthilf grinsend.
Der Ritter zog kurz die Brauen zusammen und brummte entrüstet:
„Ich habe das sehr wohl arrangiert.“
Von Trebur lachte.
Er nahm noch einen Schluck Bier und fuhr fort:
„Das Ganze wurde schon von Manuels Vater angebahnt. Die gute Bertha konnte sich jahrelang auf diese Rolle vorbereiten. Was sie offensichtlich klugerweise auch getan hat. Sie sprach bereits fließend griechisch, als sie hier eintraf und trägt jetzt den Namen Irene nach Manuels verstorbener Mutter. Sie führt auch deren Armenpflege fort. Eine fähige, junge Frau. Und ihr Bruder ist vom gleichen Schlage.“
Die Anspannung des Tages fiel jetzt langsam von ihnen ab und sie machten sich müde auf den Weg zurück zu ihrer Unterkunft, einem geräumigen Wohnhaus in der Nähe der Konstantinssäule, das man für die Heeresführung angemietet hatte. Die Straßen waren breit und gepflastert und die meisten verfügten über Abwasserrinnen. Trotz der vielen Wagen und Passanten, die auch noch zu solch später Stunde unterwegs waren, verlief der Verkehr ruhig und geordnet. Laternen erhellten die Wege. Zudem war alles unglaublich sauber und es beschämte Hardrich, wenn er an das Geschrei und den Dreck auf den Straßen zuhause dachte.
Später lag er im ersten Stock des Gebäudes auf einem einfachen Strohlager. Das ganze Geschoss war ein einziger weiter, luftiger Raum und um ihn herum schliefen noch andere Grafen und Herzöge. Nur von Trebur hatte eine eigene Kammer für sich.
Von dort wo er lag, konnte der Ritter aus dem offenen Fenster sehen. Der Polarstern stand am Himmel, allerdings viel näher am Horizont als in der Ostmark. Soweit fort waren sie von zuhause, dass sogar die bekannten Gestirne einen anderen Weg nahmen.
Er lauschte auf die Geräusche der Schlafenden und seine Gedanken wanderten zu der jungen Frau, Bertha von Sulzbach, die Kaiserin von Byzanz. Sie hatte ihre Heimat und ihre Familie zurückgelassen und war in dies ferne Land gekommen, um einen völlig Fremden zu ehelichen. Hardrich wusste natürlich nicht, ob auch sie vielleicht anfangs vor Kummer vergangen war, aber sie hatte ihr Schicksal angenommen, sich ihren Platz erkämpft und war zu hohen Ehren gekommen. Das beeindruckte ihn. Sie war eine starke Frau und ihr Lächeln war echt und herzlich gewesen. Und wie sie ihn angesehen hatte...
Er seufzte, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blickte erneut zu den Sternen empor.
„Ach, Frau...“, brummte er leise und dachte an Gertraud.
Vielleicht stand auch sie gerade am Fenster und sah zu den gleichen Sterne auf? Aber die Nächte in der Mark waren im März noch kalt und die Fenster würden dick verhängt sein, überlegte er. Außerdem war es tief in der Nacht. Sicher schlief sie. Doch er spann den Faden weiter. Weinten kleine Kinder nicht ständig? Vielleicht hatte ihr Sohn geweint und sie geweckt. Und sie war aufgestanden, um ihn zu trösten. Er war sich ziemlich sicher, dass Gertraud keine Amme in Diensten hatte, sondern dass sie Conrad selber stillte und versorgte. Und vielleicht hatte sie kurz das Fenster geöffnet, um zu sehen, wie spät es war und ob der Morgen schon graute. Vielleicht. Möglich war es.
Vor seinem geistigen Auge konnte er sie sehen. Wie sie das Kind aus der Wiege hob, es herzte und küsste und im Zimmer umher ging. Wie sie es behutsam zurück legte, zudeckte und selber wieder zu Bett ging, müde, gähnend und mit zerzaustem Haar. Er lächelte im Dunkeln.
Nur das Kind vermochte er sich rein gar nicht vorzustellen. Wie sah ein drei oder vier Wochen alter Säugling denn gewöhnlich aus? Sahen Kinder in dem Alter irgendwem ähnlich? Hatten sie schon Haare? Konnte man überhaupt erkennen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, wenn man es nicht gerade nackt vor sich sah? Er wusste es schlicht nicht.
Er beschloss im Stillen, morgen in der Stadt auf Mütter mit Säuglingen zu achten. Ganz unauffällig natürlich. Hatte nicht sogar die Frau, die hier im Hause putzte und bediente, ein Kleinkind im Tuch bei sich getragen? Über diesen Gedanken schlief er schließlich ein.

Als er erwachte, schmerzte sein Kopf. Kuno kam und fragte, ob er mit ihm und den anderen frühstücken wolle, aber der Ritter winkte ab. Er blieb den ganzen Vormittag auf seinem Lager, bis die Schmerzen etwas nachließen und er die Treppe hinunter wanken konnte.
Im Haus war es jetzt still. Alle waren ausgegangen, um sich nach den Wochen im Sattel in der Stadt umzusehen, Einkäufe zu tätigen oder sich zu vergnügen. Etwas unentschlossen lauschte der Ritter in die Stille hinein. Jemand fegte.
Er ging dem Geräusch nach und fand die Frau im Hof bei der Arbeit. Auf dem Rücken trug sie tatsächlich das Kind in einem Tragetuch. Sie hatte ihr schwarzes, glattes Haar nur nachlässig verhüllt und er sah an ihren nackten Füßen und kräftigen Armen, dass ihre Haut von einem dunklen Oliv war.
Wahrscheinlich war sie eine Sklavin und musste zusehen, wie sie trotz des Kindes ihre Arbeit verrichtete, dachte er. Eine freie Ehefrau mit Mann, Familie, Eltern und Geschwistern, hätte wohl nicht ihr Kind mit sich herumgetragen, während sie für fremde Herren schuftete.
Hardrich setzte sich leise auf eine Bank im Schatten und beobachtete sie. Die Frau fegte den Hof mit einem Reisigbündel und summte dabei leise vor sich hin. Die friedvolle Ruhe tat seinem Kopf gut.
Plötzlich hörte er das Kind. Es begann zu quengeln. Zunächst versuchte die Frau, es mit ihrem Singsang zu beruhigen, doch das Greinen wurde immer fordernder. Da sie wohl annahm, alleine zu sein, setzte sie sich schließlich auf eine Türschwelle im Halbschatten eines Granatapfelbaumes und holte das Kind hervor. Hardrich sah einen Schopf schwarzen Haares auf dem kleinen Kopf. Die Frau selber hatte ein Gesicht, das ihn an eine Spitzmaus erinnerte. Sie sprach leise gurrend auf den Säugling ein und legte ihn an ihre Brust. Augenblicklich kehrte Stille ein.
Hardrich reckte den Kopf, um besser sehen zu können und überlegte gerade, ob er aufstehen und näher heran treten konnte, ohne dass sie ihn bemerkte, als eine sonore Stimme ihn und die Frau aufschreckte.
„Guten Morgen!“
Hardrich zuckte zusammen und fuhr herum. Von Trebur stand in Unterwäsche in der Tür und kratzte sich am Kinn. Offensichtlich hatte auch er nach dem anstrengendem Tag gestern gründlich ausgeschlafen.
Erstaunt erkannte er Ärger in der Miene des Markgrafen, als dieser aufsah. Dann blickte der Ritter sich nach der Frau um, die hastig aufgesprungen war und sich bemühte, das erschrockene Kind zu besänftigen. Jetzt weinte es richtig. Laut und empört darüber, so plötzlich und unsanft von seiner Milchquelle getrennt worden zu sein.
Von Trebur schaute verdutzt von der Frau zu Hardrich und wieder zurück und nahm im ersten Moment an, er habe den Ritter gestört, als dieser just im Begriff war, die Frau für ein eindeutig körperliches Verlangen zu sich zu befehlen.
Das wunderte ihn. Die Frau hatte nun wirklich nichts Verführerisches an sich und von Aven war, soweit er mitbekommen hatte, nicht jemand, der seinen Trieben allzu freien Lauf ließ. Er selber, Gotthilf, hatte sich hin und wieder das Vergnügen gegönnt, wenn es sich ergab und ihm das Angebot gefiel. Schließlich war es nur natürlich, dass ein Mann nach all den Wochen ohne Frau Bedürfnisse hatte. Auch ein ehrbarer Mann. Dafür hatte er vollstes Verständnis. Es war ganz sicher nicht an ihm, irgendwen dafür zu verurteilen. Im Gegenteil.
„Lasst Euch nicht aufhalten! Nehmt sie ruhig mit hoch. Sie gehört zum Haus. Wir haben für alles bezahlt“, beeilte er sich also zu versichern.
Hardrich ächzte und wand sich vor Scham und Verärgerung.
Hochrot im Gesicht stieß er hervor:
„Herrgott! Nein! Das ist es nicht!“
Gotthilf sah Hardrichs gequälten Blick zu dem Kind huschen und glaubte, zu verstehen.
Er gebot der Frau in holprigem Griechisch, näher zu kommen. Sie gehorchte, allerdings zögerlich. Misstrauen stand jetzt deutlich in ihren Augen und der Ritter sah, dass sie älter war, als er nach ihrer zierlichen Gestalt und ihren geschmeidigen Bewegungen her, angenommen hatte. Noch immer trug sie das weinende Kind auf dem Arm und bemühte sich vergeblich, es zu beruhigen.
Gotthilf befahl ihr, das Kind weiter zu stillen, damit endlich Ruhe einkehrte und wies auf eine Treppenstufe am Rande des Innenhofes. Ganz in ihrer Nähe. Argwöhnisch setzte die Frau sich, tat aber widerspruchslos wie geheißen. Als Sklavin stellte sie keine Anweisungen in Frage. Auch wenn sie derart befremdlich waren.
Das Weinen erstarb und von Aven atmete erleichtert auf. Nur noch das leise Schmatzen des Kindes war zu hören.
„Eure Dame sollte wann niederkommen?“, fragte von Trebur wie beiläufig.
„Ende Februar“, knurrte Hardrich knapp und blickte finster drein.
Es war ihm unsagbar peinlich, sich durch das Interesse an dem Balg zum Narren gemacht zu haben, doch Gotthilf nickte nur bedächtig.
Er unterhielt sich noch ein wenig mit der Frau und sagte schließlich leise:
„Ein Junge. Zwei Monate alt. Nasir heißt er.“
Sie schwiegen einen Moment und Hardrich betrachtete das winzige Händchen, das auf der Mutterbrust lag, die großen, halb geschlossenen Augen, das leicht verschwitzte, seidenfeine Haar und das zufriedene Gesichtchen. So in etwa würde Conrad also aussehen?
Das Kind hatte sich satt getrunken und die Mutter beeilte sich, ihre Brust wieder zu verhüllen. Merkwürdige Männer waren diese Lateiner, befand sie. Der Große war ihr zudem zutiefst unheimlich. Und was glotzten sie Nasir so an? Hatten sie noch nie ein Stillkind gesehen? Doch sie verzog äußerlich keine Miene und nahm ihren Sohn hoch, damit er aufstoßen konnte.
Schließlich erhob sie sich und sah den Herzog fragend an, unsicher, ob sie nun endlich gehen durfte. Gotthilf entließ sie mit einem Wink und sie kehrte an ihre Arbeit zurück, ausgesprochen froh, von den Fremden fort zu kommen.
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